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Verlangen, das wie Feuer brennt

Catherine Mann

Verlangen, das wie Feuer brennt

PROLOG

New York City – vor vier Monaten

Lauren Presley fragte sich, wie ein Mann ihr einerseits so nahe sein und ihr andererseits meilenweit entfernt vorkommen konnte.

Aber kein Zweifel, der halb nackte Mann, mit dem sie eng umschlungen auf der Couch in ihrem Büro lag, war gedanklich und gefühlsmäßig längst ganz woanders. Da er ohnehin nur noch körperlich anwesend war, würde Lauren, sobald sie wieder ruhig zu atmen vermochte, kurzen Prozess machen und ihn hinauswerfen.

Sie trug noch ihre halterlosen Seidenstrümpfe und fühlte sich erhitzt von dem wilden leidenschaftlichen – und völlig überraschenden – Zusammensein mit ihm. Zum Glück war ihre Firma, ein aufstrebendes Grafik- und Designunternehmen, an diesem Tag geschlossen und daher keiner der Angestellten anwesend.

Mit einem Mal erschien Lauren alles ungewöhnlich und irgendwie zusammenhanglos. Sie fühlte sich an die surrealistischen Bilder Salvatore Dalis erinnert und konnte es Jason nicht verübeln, wenn er bereute, was sie getan hatten.

Auch sie selbst wunderte sich, dass es so weit gekommen war … Im Nu war ihr Slip auf dem Boden gelandet und das Kleid nach oben gerutscht!

Fast im selben Moment hatte sie begonnen, ihm den Gürtel und den Reißverschluss zu öffnen … Dabei arbeitete sie oft mit Jason Reagert zusammen – eine bewährte geschäftliche Partnerschaft, die sie mit ihrem unüberlegten Verhalten nun leichtfertig aufs Spiel gesetzt hatten.

Diesen schrecklichen Moment der Ernüchterung nach dem Sex musste sie schleunigst hinter sich bringen, bevor ihr Stolz darunter litt.

Als in der Stille des leeren Büros plötzlich ein leises Summen erklang, sagte Lauren: „In deiner Hose vibriert etwas.“

Fragend hob Jason eine Augenbraue. Sein kurz geschnittenes dunkles Haar war noch zerzaust von Laurens Leidenschaft. „Wie meinst du das?“

Sie berührte ihn an der Hüfte, wo in der Tasche sein Handy steckte. „Im Ernst. Dein Blackberry läutet.“

„Herrje!“ Als er sich eilig aus der Umarmung löste, strich kühle Luft über Laurens nackte Haut. Jason setzte sich, und ein leises Kratzen auf dem Holzfußboden verriet, dass er mit den Füßen in die exklusiven Designerschuhe geschlüpft war. Eilig schaltete er das Handy aus. „Schlechtes Timing!“

Auch Lauren setzte sich auf. Während sie sich bemühte, ihr schwarzes Seidenkleid in Ordnung zu bringen, vermied sie es sorgfältig, Jason anzusehen. Um ihren Slip würde sie sich später kümmern. Mit dem Fuß beförderte sie das winzige Teil aus schwarzem Satin unter das Sofa. „Dein Bettgeflüster lässt etwas zu wünschen übrig“, bemerkte sie.

„Sorry.“ In der nächtlichen Stille war deutlich zu hören, wie er den Reißverschluss seiner Hose schloss. „Das war die Weckfunktion.“

„Und woran soll sie dich erinnern?“, fragte Lauren, während sie die weiße Wand aus Ziegelsteinen betrachtete, die Staffelei in der Ecke, die beleuchteten Kunstwerke …

„An meinen Flug nach Kalifornien.“

Ach ja richtig. Er reiste ab.

Lauren stand auf und zog sich das Kleid glatt. Dabei sah sie sich nach ihren Lieblingspumps um, Manolos mit Leopardenmuster. Nie wieder würde sie sie tragen können, ohne daran zu denken, wie unüberlegt sie in dieser Nacht gehandelt hatte …

Jason und sie hatten über den letzten Einzelheiten eines Projekts gesessen, für das Lauren die Grafik ausgearbeitet hatte. Den Auftrag dafür hatte ihr die New Yorker Werbeagentur erteilt, bei der Jason – noch – beschäftigt war.

Seit ein paar Wochen wusste Lauren, dass er in Kalifornien eine vielversprechende Stelle antreten würde, die ihm bessere Karrierechancen bot. Als sie sich mit einer herzlichen Umarmung von ihm verabschiedet hatte, war sie selbst über die Maßen verwundert gewesen, wie nahe ihr sein bevorstehender Umzug ging.

Während sie sein schlankes und sympathisches Gesicht angesehen hatte, waren ihr Tränen in die Augen gestiegen. Im nächsten Moment hatten sie einander geküsst.

Wie intensiv dieser Kuss gewesen war und wie zärtlich Jason sie gestreichelt hatte. Lauren spürte, wie Schauer der Erregung sie erneut erfassten. Er hatte ihren Po umfasst und sie auf diese Weise an sich gedrückt.

Ohne es zu wollen, sehnte Lauren sich bereits wieder nach Jasons körperlicher Nähe. Am liebsten hätte sie nach seiner Krawatte gegriffen, an der sie vorhin vergeblich gezerrt hatte, und ihn zu sich gezogen.

Der Impuls wurde immer stärker und ließ sich kaum noch unterdrücken.

Schließlich gelang es ihr, nicht ständig auf seine markanten Wangenknochen und den sinnlichen Mund zu sehen. Sie konnte sich nicht im Mindesten erklären, woher ihre heftigen Gefühle kamen – und sie wusste nicht, wie sie dagegen angehen sollte, wenn Jason erst weg war.

Unter dem Schreibtisch fand sie die Schuhe mit Leopardenmuster. Erleichtert, dass sie auf diese Art mehr Abstand zwischen sich und Jason – und diese unseligen Couch – bringen konnte, kniete sie nieder und zog den ersten Schuh hervor.

Ärgerlicherweise befand sich der zweite außerhalb ihrer Reichweite.

„Lauren …“ Mit einem Blick auf seine Schuhe bemerkte sie, dass er seitlich hinter ihr stand, und ihr wurde bewusst, welch aufreizenden Anblick sie ihm vermutlich bot.

„Normalerweise ist es nicht meine Art …“

„Gib dir keine Mühe!“, unterbrach ihn Lauren und setzte sich auf die Fersen. Zu ihrem hellen Hauttyp mit den kastanienbraunen Haaren gehörte leider auch, dass sie schnell errötete. „Ist schon gut. Du brauchst nichts zu erklären.“

Genauso, fast unterwürfig, hatte sich ihre Mutter bei ehelichen Schwierigkeiten angehört.

„Ich rufe dich …“

„Nein!“ Brüsk erhob sich Lauren und ließ die Schuhe Schuhe sein. Unter ihren Füßen fühlte sich der Holzfußboden kühl an. „Versprich jetzt nichts, was du nicht halten wirst.“

Er nahm seine Anzugjacke von einem Stuhl aus Metall. „Dann ruf doch du mich an!“

„Wozu soll das gut sein?“ Zum ersten Mal musterte sie unverhohlen seine edlen Gesichtszüge. Und den kultivierten Ausdruck seines Gesichts, der erkennen ließ, dass er teure Privatschulen besucht hatte. Für die Spur von Härte war wohl das Jahr in der Navy verantwortlich.

Jason entstammte einer traditionsreichen wohlhabenden Familie und hatte darüber hinaus bereits jede Menge eigenes Geld verdient.

„Du ziehst nach Kalifornien, und ich bin hier in New York zu Hause“, fuhr Lauren fort. „Im Grunde verbindet uns nur eine Geschäftsbeziehung – abgesehen von der Tatsache, dass diese gerade zu einem unerwartet intensiven Austausch auf körperlicher Ebene geführt hat. Aber dadurch ändert sich nichts.“

Sie warf das lange Haar zurück und öffnete die Tür zu einem größeren Studio. Stühle waren auf Tische gestellt, ansonsten war es leer.

Jason lehnte sich an den Türstock und zog überrascht und leicht arrogant eine Augenbraue hoch. „Heißt das, du zeigst mir die kalte Schulter?“

Ganz offenbar passierte ihm so etwas nicht oft. Mochte sein, dass Lauren eben etwas schnell nachgegeben hatte – ab sofort würde sie andere Saiten aufziehen.

„Ich bin nur vernünftig, Jason.“ Sie sah ihn an, wie er groß und schlank vor ihr stand.

Später, wenn er erst weg war, würde sie es sich in ihrem behaglichen Zweizimmerapartment gemütlich machen. Es lag in dem eleganten Stadtviertel Upper East Side. Nein, noch besser wäre es, den ganzen Tag im Metropolitan Museum of Art zu verbringen, in dem Kunstwerke von der Steinzeit bis in die Moderne ausgestellt waren. Lauren würde in die Welt der einzelnen Bilder eintauchen. Kunst bedeutete ihr alles und war aus ihrem Leben nicht wegzudenken.

Die Eröffnung ihres eigenen Betriebes war möglich geworden, weil ihre Tante Eliza ihr überraschend Geld hinterlassen hatte. Für Lauren bedeutete die Firma die einmalige Chance, ihre Träume zu verwirklichen. Dazu gehörte auch, ihrer Mutter zu beweisen, dass sie mehr konnte, als auf eine gute Partie zu warten.

Lauren würde nicht zulassen, dass ein Mann ihre Pläne durchkreuzte.

Schließlich nickte Jason. „Also schön. Wenn du es so haben willst, von mir aus.“ Er strich ihr das Haar zurück und berührte dabei mit dem Daumen ihre Wange. „Dann mach’s gut, Lauren.“

Sie gab sich Mühe, ernst und unnachgiebig auszusehen – ein Gesichtsausdruck, wie sie ihn oft in den Werken niederländischer Meister wahrgenommen hatte.

Jason drehte sich um, warf das Jackett über die Schulter und ging. Tapfer widerstand Lauren dem Wunsch, ihm nachzurufen.

Die Nachricht, dass er New York verließ, hatte sie unerwartet stark mitgenommen. Aber kein Vergleich zu ihren Gefühlen, als sie ihm nachschaute, wie er ihre Firma verließ!

1. KAPITEL

San Francisco

Nicht an Lauren zu denken hatte sich als weitaus schwieriger erwiesen, als Jason angenommen hatte. Seit seiner Abreise aus New York hatte er immer wieder versucht, sie zu vergessen – und bis vor einer Minute gehofft, es eines Tages auch zu schaffen.

Fröhliches Klirren der Gläser, angeregte Unterhaltung, laute Musik der Achtzigerjahre. Allmählich kam Jason wieder mehr zum Bewusstsein, was um ihn herum in der exklusiven Trendbar vor sich ging. Er sah von seinem Blackberry auf zu der Frau, mit der er die letzte halbe Stunde geflirtet hatte, und senkte wieder den Blick.

Gedankenverloren betrachtete er das Bild, das er gerade empfangen hatte – und das Lauren Presley unübersehbar schwanger bei einer Silvesterparty zeigte!

Ihm fehlten selten die Worte, schließlich gehörte er zu den Besten der Werbebranche, aber hierzu fiel ihm nichts ein … Was vielleicht daran lag, dass er sofort wieder an die leidenschaftliche Begegnung in Laurens New Yorker Büro denken musste. War in dieser – übrigens unvergesslichen – Überraschungsnacht ein Baby entstanden?

Seitdem hatte er weder bei ihr noch sie bei ihm angerufen, und an eine Schwangerschaft hatte er nicht im Traum gedacht!

Er blinzelte und versuchte, sich auf das Geschehen in der Bar zu konzentrieren. Doch immer wieder starrte er geschockt das Foto an, das ihm einer seiner Freunde aus New York aufs Handy geschickt hatte.

Während Jason überlegte, wie er am besten Kontakt zu Lauren aufnehmen konnte, bemühte er sich, sich nichts anmerken zu lassen. Beim letzten Mal hatte sie es ziemlich eilig gehabt, ihn loszuwerden …

Als einer der lebhaft tanzenden Besucher gegen ihn stieß, verdeckte Jason das Blackberry sicherheitshalber mit der Hand.

Die Rosa Lounge in der Stockton Street war eine beliebte und eher kleine Bar im Achtzigerjahre-Retrostil, die durch die gedämpfte Beleuchtung sehr behaglich wirkte. Mit grünen Glastischen und schwarz lackierten Stühlen war sie stilvoll und teuer eingerichtet.

Zahlreiche Gäste drängten sich auf der Tanzfläche und um den weißen Marmortresen, der fast die gesamte Wandseite einnahm. Gegenüber befanden sich hohe weiße Tische. Für den Fußboden war edles dunkles Holz verwendet worden.

Da die Rosa Lounge nur einen Steinwurf von Maddox Communications entfernt lag, kamen die Angestellten oft hierher, wenn sie Grund zum Feiern hatten, etwa nach einem erfolgreichen Vertragsabschluss.

Jason umfasste das Blackberry fester. An diesem Abend waren alle ihm zu Ehren gekommen. Ausgerechnet jetzt musste er im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stehen!

„Hallo?“, fragte Celia Taylor und schnippte mit sorgfältig manikürten Fingern vor seinem Gesicht. Ihr Key Lime Martini, ein Longdrink, der gerade besonders angesagt war, schimmerte sanft gelbgrün in dem edlen Kristallglas. „Erde an Jason … Erde an Jason!“

Er zwang sich, seine Aufmerksamkeit auf Celia zu richten. Sie war wie er bei der Madd Comm, wie die Werbeagentur intern genannt wurde, beschäftigt. Zum Glück hatte er sein Bier der japanischen Marke Sapporo noch nicht angerührt, denn ein klarer Kopf erschien ihm im Augenblick wichtiger denn je. „Sorry“, sagte er. „Tut mir leid, dass ich mit den Gedanken woanders war.“ Obwohl er das Handy in die Tasche seines Jacketts von Armani verbannte, musste er immerzu daran denken. „Kann ich dir einen neuen Drink holen?“

Eigentlich hatte er sie um ein Date bitten wollen, aber das war gewesen, bevor ihn diese Aufnahme erreicht hatte. Ironie des Schicksals … und der modernen Technik.

„Nein, danke.“ Celia trommelte mit den Fingern gegen ihr Martiniglas. „Die E-Mail muss ja verdammt wichtig gewesen sein. Jetzt könnte ich ja sagen, dass es unhöflich von dir ist, mich einfach so links liegen zu lassen. Aber in Wahrheit bin ich vermutlich nur neidisch, dass mein Handy nicht klingelt.“

Celia strich sich ihr langes rotes Haar zurück und stützte die Hand in die Seite.

Rotes Haar.

Grüne Augen.

Wie Lauren … Plötzlich begriff Jason.

In der Überzeugung, über die Sache mit Lauren hinweg zu sein, hatte er sich zielsicher die einzige Rothaarige dieses Abends zum Plaudern ausgesucht! Allerdings war Laurens Haar dunkler, mehr kastanienfarben … und ihre Kurven etwas voller, was ihn damals vor Verlangen ganz verrückt gemacht hatte.

Entschlossen stellte er seine Flasche auf dem Tresen ab und sah Richtung Tür. Zögern brachte nichts. Er musste es wissen.

Celia war eine wirklich nette Kollegin, und er wollte nicht unhöflich sein. Am Arbeitsplatz blieb sie immer sachlich, um ernst genommen zu werden. Sie hatte wahrlich etwas Besseres verdient, als nur eine Art Ersatz zu spielen. „Entschuldige, ich muss mal einen Augenblick raus und einen wichtigen Anruf erledigen.“

Überrascht neigte Celia den Kopf zur Seite. Dann sagte sie: „Klar, kein Problem. Bis gleich.“

Mit einem angedeuteten Winken verabschiedete sie sich, wandte sich auf ihren hochhackigen Schuhen um und ging zu Gavin, einem Kollegen.

Während sich Jason einen Weg durch die Menge bahnte, hoffte er, dass seine Kollegen sein Verschwinden nicht bemerkten. Nach ein paar klärenden Telefonaten würde ihm vielleicht wohler sein.

Plötzlich spürte er einen kameradschaftlichen Schlag auf die Schulter. Jason drehte sich um und sah sich seinen Chefs, den Maddox-Brüdern, gegenüber: Brock und Flynn, den beiden Geschäftsführern.

Mit einer ausholenden Handbewegung winkte Flynn die umstehenden Mitarbeiter herbei und hob sein Glas. „Auf Jason Reagert“, rief er, „den Mann der Stunde! Herzlichen Glückwunsch, dass du den Vertrag mit Prentice an Land gezogen hast. Madd Comm ist stolz auf dich!“

„Auf unseren neuen und brillanten Mitarbeiter“, schloss sich der Finanzchef Asher Williams an.

„Auf den Erfolg von Jason“, ergänzte Gavin.

„Den nichts und niemand aufhalten kann“, fügte Brock hinzu. Auch seine Sekretärin hob anerkennend ihr Glas. Alle lachten Jason zu.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als das Lächeln zu erwidern.

Klar war er stolz, dass er den Vertrag mit Prentice, der größten Textilfirma des Landes, unter Dach und Fach gebracht hatte. Dabei war aber auch eine gehörige Portion Glück im Spiel gewesen. Prentice war als Kunde für Werbeagenturen beinahe ein so großer Fisch wie Procter & Gamble. Gerade, als Jason im Herbst nach Kalifornien gekommen war, hatte Walter Prentice seiner bisherigen Agentur die Aufträge entzogen – weil dieses Unternehmen seiner Meinung nach moralisch nicht einwandfrei war.

Der stockkonservative Prentice war bekannt dafür, dass er Partnerfirmen die Zusammenarbeit aufkündigte, nur weil zum Beispiel ein leitender Angestellter einen Nacktbadestrand besucht hatte oder Beziehungen zu zwei Frauen unterhielt.

Aus den Augenwinkeln sah Jason Celia an.

Mit Appetit dippte Brock ein Stück Quesadilla aus Mais in die Mangosauce. Sicher hatte er wie häufig der Arbeit wegen auf ein Mittagessen verzichtet. „Heute habe ich mit Prentice gesprochen. Er ist ja regelrecht begeistert von dir. War ein guter Schachzug, dass du ihm Geschichten aus deiner Militärzeit erzählt hast.“

Unruhig blickte Jason zur Tür. Als Schachzug würde er das nicht bezeichnen. Es war nur einfach eine Chance gewesen, Kontakt herzustellen, da Prentice’ Neffe in etwa zur selben Zeit Dienst getan hatte wie Jason. „Ich habe mich nur höflich mit ihm unterhalten.“

„Mann, du bist ein Held“, sagte Flynn begeistert und hob sein Glas. „Keine falsche Bescheidenheit. Es war einfach toll, wie du und deine Spezialeinheit diese Piraten hochgenommen …“

Nach seinem Collegeabschluss hatte Jason sechs Jahre in der Navy gedient, als Offizier in einer Tauchabteilung für besondere Aufgaben, und zwar dem Entschärfen von Minen. Natürlich hatte er einige Erfolge gegen Piraten erzielt und damit Leben gerettet, aber das traf auf viele seiner Kameraden ebenfalls zu. „Ich habe nur meine Pflicht getan, wie alle anderen auch.“

Inzwischen steckte Brock den Rest seiner Quesadilla in den Mund. „Du bist eindeutig auf Prentice’ Wellenlänge. Bleib sauber, und du wirst es mit seiner Hilfe weit bringen. Sein Werbeauftrag für eine neue Modelinie kommt uns wie gerufen. Du weißt ja, wie sehr uns Golden Gate Promotions im Nacken sitzt.“

Für Madd Comm war Golden Gate der Hauptkonkurrent – ebenfalls ein traditionsreiches Unternehmen, das bis zum heutigen Tage von seinem ursprünglichen Gründer, Athos Koteas, geleitet wurde. Ein ernst zu nehmender Gegner.

Für Jason bedeutete diese Chance in Kalifornien alles. Niemals würde er zulassen, dass sein Job bei Maddox durch irgendetwas in Gefahr geriet.

In seiner Jacke klingelte das Handy. Kamen noch mehr Bilder? Schickte ihm sein Freund vielleicht noch ein Bild mit Ton, damit es ja jeder mitbekam? Bei der Vorstellung bekam Jason Kopfschmerzen.

Sicherlich mochte er Kinder und wollte eines Tages selbst welche haben. Aber jetzt?

Flynn beugte sich zu ihm. „Im Ernst, für uns bist du eine echte Bereicherung, nachdem wir deinen Vorgänger, diesen Lahmarsch, entlassen haben.“

Brock grinste. „Sonnengebräunter Lahmarsch wäre besser, schließlich hatte er eine Schwäche fürs Nacktbaden.“

Verhaltenes Gelächter der Kollegen erklang. Mit leichtem Unbehagen lockerte Jason seinen Hemdkragen, während er daran dachte, dass Walter Prentice angeblich seine eigene Enkelin verstoßen hatte, nur weil sie sich geweigert hatte, den Vater ihres Kindes zu heiraten. Prentice war ein Mann, dem die Familie über alles ging.

Im Grunde fand Jason, dass im Beruf ausschließlich die Ergebnisse zählten. Dass er bei Maddox Communications als erfolgreicher Newcomer gefeiert wurde, hatte er seinem unermüdlichen Einsatz zu verdanken, harter Arbeit also.

Er war aus eigener Kraft so weit nach oben gelangt, ohne die Hilfe der alteingesessenen Firma seines Vaters, in der er gewissermaßen aufgewachsen war. Keinesfalls würde Jason zulassen, dass die kurze Unbedachtsamkeit vor vier Monaten alles infrage stellte, was er sich aufgebaut hatte. Er wollte den Erfolg genießen, den er sich verdient hatte.

Als Jugendlicher hatte er der Versuchung widerstanden, in das Werbeunternehmen seines Vaters einzutreten. Stattdessen hatte er ein Stipendium für das College erhalten und danach eine Offiziersausbildung absolviert.

Nach den sechs Jahren in der Navy hatte er auf eigene Faust sein Glück in der Werbebranche versucht. Als er den Job in New York angenommen hatte, war der Einfluss seines Dads für Jason noch immer zu spüren gewesen. Erst das Angebot von Madd Comm aus San Francisco hatte es Jason erlaubt, aus dem väterlichen Schatten herauszutreten, denn nun lag ein ganzer Staat zwischen ihnen.

Mit einem Mal wusste Jason, was er zu tun hatte. Gleich nach der Party würde er den Nachtflug nach New York nehmen. Schon am nächsten Morgen würde er bei Lauren Presley vor der Tür stehen und von Angesicht zu Angesicht mit ihr reden.

Und wenn das Baby tatsächlich von ihm war, musste sie eben ganz einfach nach Kalifornien ziehen. Wenn er sie überall als seine Verlobte vorstellte, wäre eventuellen Gerüchten von vorneherein die Grundlage entzogen.

Der Januarwind war so kalt, dass die meisten Leute nicht aus dem Haus gingen. Normalerweise hätte sich auch Lauren mit dicken Socken und Pullover in ihr Apartment zurückgezogen und sich der Pflege ihrer Zimmerpflanzen gewidmet.

Aber da sie fand, dass die Kälte gut gegen ihre Schwangerschaftsübelkeit half, beschloss sie, auf den gemeinschaftlichen Dachgarten zu gehen. Sie selbst hatte vor ein paar Jahren die Bepflanzung angeregt. An einem Tag wie diesem würde es sicher nicht schaden, nachzusehen, ob der Winterschutz der Gewächse noch in Ordnung war.

Auf den Knien zog sie die Folie fester um einen Pflanzkübel. Unter ihr kündigten Motorenlärm und Hupgeräusche an, dass New York allmählich erwachte. Während der Wintermonate musste Lauren beim Anblick der Stadt immer an den amerikanischen Maler Andrew Wyeth und seine Bilder in Schwarz, Weiß, Braun und Grau denken.

Durch ihre Jeans drang die Eiseskälte des Betonbodens, und vom East River wehte ein scharfer Wind. Lauren vergrub sich tiefer in ihren Wollmantel und bewegte die steifen Finger in den Gartenhandschuhen.

Dass ihr Magen verrückt spielte, lag nicht nur an dem Baby …

Vorhin hatte ihre Freundin Stephanie angerufen und ihr ziemlich aufgeregt gestanden, dass Jason von der Schwangerschaft wusste: Ihr Mann hatte ihm ein Foto aufs Handy geschickt, das in der Vorwoche bei einer Silvesterparty entstanden war.

Mit der Folge, dass Jason auf dem Weg hierher war.

Unter diesen Umständen war es kein Wunder, dass weder frische Luft noch Gartenarbeit gegen Laurens Übelkeit half.

Wie sollte es auch anders sein, da ihre Welt zu zerbrechen drohte? Bald würde Jason hier sein und ihr vorwerfen, dass sie ihm nichts von dem Baby erzählt hatte, das in fünf Monaten zur Welt kommen würde. Doch am schlimmsten war, dass ihre Firma, die ihr so viel bedeutete, vor einem schier unlösbaren Problem stand.

Müde ließ sie sich gegen die Einfassung des Springbrunnens sinken, in dem das verbliebene Wasser zu Eis gefroren war. Von der Mähne des steinernen Löwen hingen Eiszapfen herab.

Als es ihr eine Zeit lang zu schlecht gegangen war, um zur Arbeit zu gehen, hatte ihr Buchhalter Dave ihre Abwesenheit genutzt und eine halbe Million Dollar veruntreut.

Lauren hatte erst vor einer Woche davon erfahren: Da Dave „im Urlaub“ war, hatte sie vorübergehend ein Buchführungsbüro beauftragt, und dessen Mitarbeiterin war das Fehlen der Summe sofort aufgefallen.

Egal, in welches Südseeparadies er sich mit Laurens Vermögen zurückgezogen hatte – wiederkommen würde er sicher nicht. Auch Polizei und Behörden glaubten nicht, dass sie ihn oder das Geld jemals aufspüren würden.

Nachdenklich strich sie über die sanfte Wölbung ihres Bauches. In wenigen Monaten würde ein Kind auf sie angewiesen sein – und sie hatte es geschafft, ihr Leben gründlich durcheinanderzubringen.

Eine schöne Mutter bin ich, dachte sie selbstkritisch. Verstecke mich auf dem Dachgarten, anstatt meine Probleme zu lösen.

Die Tür zum Dach quietschte, und gleich darauf fiel ein Schatten in ...

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