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Verlangen, das für immer brennt

1. KAPITEL

Es war ein heißer, sonniger Morgen, doch Hattie Parker war viel zu verzweifelt, um das zu bemerken.

„Ich muss bitte mit Mr Cavallo sprechen“, sagte sie und fügte dann der Genauigkeit halber hinzu: „Mr Luc Cavallo. Es ist dringend.“

Die etwa dreißigjährige Assistentin, die einen eisblauen Hosenanzug trug, warf ihr aus nicht minder eiskalten Augen einen skeptischen Blick zu. „Haben Sie einen Termin?“

Hattie biss die Zähne zusammen. Vor der jungen Frau lag ein geöffneter Terminkalender aus feinstem Leder. Die Assistentin wusste mit Sicherheit genau, dass sie es mit einer unerwünschten Besucherin zu tun hatte, die es einzuschüchtern galt.

Besänftigend schaukelte Hattie das Baby auf ihrer Hüfte hin und her und zwang sich zu einem Lächeln. „Sagen Sie ihm bitte, dass Hattie Parker ihn sprechen will. Ich habe zwar keinen Termin, aber Luc wird mich trotzdem empfangen wollen. Wenn Sie ihm also bitte ausrichten würden, dass ich hier bin?“ Was genau genommen von hinten bis vorne gelogen war. Sie hatte keine Ahnung, ob Luc sie sehen wollte oder nicht. Zwar hatte es Zeiten gegeben, in denen er der reinste Traumprinz gewesen war und ihr jeden Wunsch von den Lippen abgelesen hatte. Doch diese Zeiten waren vorbei.

Mittlerweile war es gut möglich, dass er ihr einfach die Tür vor der Nase zuknallen würde. Trotzdem hoffte Hattie, dass er sich wenigstens so weit an ihre guten Zeiten erinnern konnte, um ihr für einen kurzen Moment zuzuhören. Damals waren sie nicht gerade im Guten auseinander gegangen, aber Luc war ihre einzige Hoffnung. Und Hattie hatte wirklich alle anderen möglichen Lösungen für ihre Probleme in Betracht gezogen – die legalen wie die illegalen. Ihr blieb nur diese einzige Möglichkeit. Sie würde sich also nicht kampflos geschlagen geben, wenn Lucs Sekretärin sich weigerte, sie zu ihm vorzulassen.

Der Gesichtsausdruck der Frau blieb unverändert abweisend. Von ihrem akkuraten aschblonden Nackenknoten über die vollkommene Nase bis hin zum Make-up und den sorgfältig manikürten Fingernägeln war sie die Perfektion in Person. Voller Verachtung musterte sie Hatties zerzaustes blondes Haar, den kakifarbenen No-Name-Rock und die rosafarbene Baumwollbluse. Auch ohne die Sabberflecken auf der Schulter hätte Hattie in diesem Outfit wohl kaum mit Stilbewusstsein punkten können. Aber es war einfach unmöglich, wie aus dem Ei gepellt auszusehen, wenn man rund um die Uhr ein Kleinkind mit sich herumtrug.

Hatties Beine fühlten sich an wie Pudding. Der stoisch wirkende Sicherheitsmann in der Lobby hatte darauf bestanden, dass sie den Kinderwagen unten abstellte. Mit ihren sieben Monaten wog Deedee schon eine ganze Menge, und Hattie war besorgt und zutiefst erschöpft. Um genau zu sein, war sie am Ende ihrer Kräfte. Die letzten sechs Wochen waren die Hölle auf Erden gewesen.

Sie holte tief Luft und fuhr fort: „Entweder Sie lassen mich zu Mr Cavallo durch, oder ich lege den größten Wutanfall aufs Parkett, den Atlanta seit Scarlett O’Hara gesehen hat.“ Am Ende ihrer Drohung zitterten ihre Lippen zwar ein bisschen, aber sie hoffte, trotzdem Eindruck hinterlassen zu haben. Die arrogante Hexe blinzelte irritiert. Zwar nur ein einziges Mal, aber das reichte, um Hattie zu verraten, dass sich das Machtgefüge soeben zu ihren Gunsten verschoben hatte. Die Assistentin stand mit einem resignierten Seufzen auf. „Warten Sie hier.“ Dann verschwand sie in den endlosen Tiefen eines Flurs.

Hattie vergrub ihre Nase in Deedees süß duftenden goldenen Haaren. „Keine Angst, mein Schatz. Ich lasse nicht zu, dass jemand dich mir wegnimmt.“ Deedee lächelte und gab damit den Blick auf ihre beiden neuen unteren Schneidezähne frei – im Augenblick die einzigen, die sie hatte. Seit einigen Wochen brabbelte sie immer wieder einzelne, unzusammenhängende Silben, und Hattie liebte ihren kleinen Spatz von Tag zu Tag mehr.

Die Wartezeit kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Doch als Lucs Assistentin endlich zurückkehrte, waren laut Wanduhr nicht einmal fünf Minuten verstrichen. „Mr Cavallo wird Sie jetzt empfangen“, verkündete sie missmutig. „Aber er ist ein viel beschäftigter Mann, und er muss sich heute Vormittag noch einer Vielzahl von wichtigen Verpflichtungen widmen.“

Während Hattie der jungen Frau den Flur entlang folgte, konnte sie nur mit Mühe den kindischen Impuls unterdrücken, ihrem schmalen Rücken die Zunge herauszustrecken. Ein dicker dunkelroter Teppich verschluckte die Geräusche ihrer Schritte. Vor der zweiten Tür hielt die Assistentin inne. „Sie dürfen eintreten.“ Sie würgte die Worte förmlich hervor, so schwer fiel es ihr, sie über die Lippen zu bringen.

Hattie holte tief Luft, um ihren Ärger abzubauen. Dann gab sie Deedee einen Kuss auf die Wange. „Showtime, mein Schatz.“ Deutlich forscher, als sie sich eigentlich fühlte, klopfte sie an die Tür und betrat den Raum, ohne eine Antwort abzuwarten.

Luc leitete ein millionenschweres Unternehmen. Mit Krisensituationen umzugehen, gehörte für ihn zum Tagesgeschäft. Und seine schnelle Reaktionsfähigkeit war durch den permanenten Kriegszustand in der Großwirtschaft nur noch geschärft worden.

Demzufolge war es nicht leicht, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Aber als Hattie Parker in seinem Büro erschien, schlug ihm das Herz bis zum Hals, seine Muskeln verkrampften sich, und für einen kurzen Moment verschlug es ihm tatsächlich den Atem.

Seit mehr als einem Jahrzehnt hatte er sie nicht mehr gesehen. Und sie war noch immer genauso schön wie mit zwanzig. Zart gebräunte Porzellanhaut, dunkelbraune Augen, in denen kleine Bernsteinsprenkel blitzten. Endlos lange Beine und seidiges blondes Haar. Es war allerdings viel kürzer als damals. Heute reichte es ihr nicht einmal mehr bis zu den Schultern.

Luc achtete darauf, dass sie nicht um seinen breiten Mahagonisekretär herumkam. Er brauchte diese Distanz, diesen Schutzwall.

Im ersten Moment war sein Schock über das plötzliche Auftauchen der Frau, die er einst geliebt hatte, so groß, dass er das Kind überhaupt nicht bemerkte. Doch dann traf ihn die Eifersucht mit einem Schlag – härter und tiefer, als er nach all den Jahren für möglich gehalten hätte. Verdammt! Hattie hatte ein Kind. Und das bedeutete, dass es auch einen Mann in ihrem Leben gab.

Er konnte kaum glauben, wie sehr ihre Anwesenheit ihn aus dem Konzept brachte. Er hatte doch schon vor vielen Jahren mit ihr abgeschlossen. Aber warum hatte er dann das Gefühl, dass der Sauerstoff im Raum knapp wurde? Und warum raste sein Puls wie verrückt?

Er blieb stehen und schob die Hände in die Hosentaschen. „Hallo, Hattie“, sagte er betont gelassen.

„Hallo, Luc“, erwiderte sie sichtlich nervös.

Er wies auf den Stuhl, der ihm am nächsten war, und bedeutete ihr, sich zu setzen. Einen kurzen Moment lang konnte er einen Blick auf ihre Oberschenkel erhaschen, weil ihr Rock hoch rutschte. Das Baby klammerte sich an ihr fest, und Hattie rutschte auf dem Stuhl herum, bis sie den Rock wieder zurechtgezupft hatte.

Er musterte ihr Gesicht und wartete bewusst ab, bis das Schweigen unangenehm wurde. Hattie Parker war von einer natürlichen Schönheit, die nicht betont werden musste, um bezaubernd zu wirken. Selbst in der eher schlichten Kleidung, die sie trug, hätte in einem Raum voller attraktiver Frauen jeder Mann nur Augen für sie gehabt.

Es hatte mal eine Zeit gegeben, in der Hattie ihm alles bedeutet hatte.

Und es ärgerte ihn, dass die Erinnerungen immer noch schmerzten. „Was machst du hier, Hattie? Es ist Ewigkeiten her, dass wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben. Du wirst mich ja wohl kaum davon überzeugen wollen, dass das Baby von mir ist.“

Angesichts seines Hohns wurde sie bleich. Luc bekam zwar sofort ein schlechtes Gewissen, aber er musste nun mal alle Waffen nutzen, die ihm zur Verfügung standen. Der Luc von heute war nicht verletzlich und würde es auch nie wieder werden.

Sie räusperte sich. „Ich brauche Hilfe.“

Erstaunt hob er eine Braue. „Und dann kommst du ausgerechnet zu mir? Dabei müsste ich doch der Letzte auf deiner Liste sein.“

„Um ehrlich zu sein, warst du das auch. Aber meine Lage ist ernst, Luc. Ich stecke in großen Schwierigkeiten.“

Er verlagerte sein Gewicht. „Wie heißt sie denn?“

Sein Gedankensprung irritierte Hattie sichtlich. Es dauerte einen Augenblick, bis sie antwortete. „Das hier ist Deedee.“

Luc musterte das Baby. Er konnte keine großen Ähnlichkeiten mit Hattie erkennen. Wahrscheinlich kam es eher nach dem Vater. Er beugte sich vor und drückte auf die Gegensprechanlage. „Marilyn, würden Sie bitte für einen Augenblick hereinkommen?“

Als Luc seine nächste Bitte aussprach, hätte er nicht sagen können, welche der beiden Frauen entsetzter wirkte. Denn nachdem Marylin sein Büro betreten hatte, wies er auf das Baby und sagte: „Würden Sie sich bitte für ein paar Minuten um die Kleine kümmern? Ihr Name ist Deedee. Ms Parker und ich haben einige ernste Angelegenheiten zu besprechen, und ich habe nicht viel Zeit.“

Es war offensichtlich, dass Hattie protestieren wollte, aber dann setzte sie das Baby doch widerwillig auf Marilyns Arm. „Hier ist das Fläschchen. Sie wird langsam hungrig. Und das Tuch hier brauchen Sie auch, für das Bäuerchen. Schließlich werden Sie ja keine Flecken auf Ihrem schönen Hosenanzug wollen.“

Luc war sich sicher, dass seine Assistentin mit dem Kind zurechtkommen würde. Marilyn mochte zwar kalt wie ein Fisch sein, aber sie war gleichzeitig auch der Inbegriff der Effizienz.

Nachdem die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, ließ sich Luc in seinen ledernen Schreibtischsessel sinken. Es war eine Sonderanfertigung, perfekt auf die Maße seines langen, sehnigen Körpers abgestimmt. Dann lehnte er sich zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und hob sie nachdenklich ans Kinn. „Also, raus mit der Sprache, Hattie. Was kann so schrecklich sein, dass du ausgerechnet mich um Hilfe bitten musst? Wenn ich mich recht entsinne, hast schließlich du mich sitzen lassen, nicht umgekehrt.“

Sie errötete und rang die Hände. „Müssen wir wirklich darüber sprechen? All das ist so lange her.“

Achselzuckend erwiderte er: „Na gut, dann konzentrieren wir uns eben auf die Gegenwart. Warum bist du hier?“

Als sie begann, nervös an ihrer Unterlippe herumzuknabbern, wich Luc ihrem Blick aus. Warum in Gottes Namen konnte er sich immer noch so lebendig daran erinnern, wie es war, diese fein geschwungenen Lippen zu küssen? Seine Hände in ihren seidigen Locken zu vergraben? Jeden Zentimeter ihrer weichen warmen Haut zu berühren? Er schluckte schwer.

Unsicher suchte Hattie seinen Blick. „Erinnerst du dich noch an meine ältere Schwester Angela?“

Er runzelte die Stirn. „Vage. Ihr zwei habt euch nicht sonderlich gut verstanden, oder?“

„Unser Verhältnis ist enger geworden, nachdem unsere Eltern gestorben sind.“

„Oh, davon wusste ich nichts, Hattie. Mein Beileid.“

Für einen kurzen Moment traten ihr Tränen in die Augen, aber sie kämpfte erfolgreich dagegen an. „Danke. Mein Stiefvater ist einige Jahre nach meinem Uniabschluss gestorben. Lungenkrebs. Er hat zwei Schachteln Zigaretten am Tag geraucht, das hat sich irgendwann gerächt.“

„Und deine Mutter?“

„Ohne Dad ist sie nicht gut zurechtgekommen. Er hat sich ja bis zu seinem Tod um alles gekümmert, und als er dann fort war, war sie einfach völlig überfordert. Am Ende hatte sie einen Nervenzusammenbruch und musste eingewiesen werden. Leider ist sie bis zu ihrem Tod nicht wieder entlassen worden. Angela und ich haben das Haus verkauft und auch sonst alles, was Mom und Dad besessen haben. Aber es hat hinten und vorne nicht gereicht. Ich habe mich praktisch ruiniert, um die Kosten für ihre Versorgung zusammenzubekommen.“

„Und Angela hat dir nicht geholfen?“

„Sie war der Meinung, dass wir den Staat für unsere Mutter Sorge tragen lassen sollten … vor allem, nachdem Mom irgendwann vollständig in ihrer eigenen Welt gelebt und uns nicht mal mehr erkannt hat.“

„Es gibt eine Menge Leute, die deiner Schwester zustimmen würden.“

„Aber ich nicht. Ich kann doch meine eigene Mutter nicht im Stich lassen.“

„Und wann hast du sie verloren?“

„Letzten Winter.“

Er warf einen Blick auf ihre linke Hand, aber er konnte keinen Ring entdecken. Was für eine Rolle spielte ihr Ehemann bei alldem? War Deedees Vater so ein Mistkerl, dass er Hattie verlassen hatte, um sie nicht mehr unterstützen zu müssen? Und was war mit dem Baby?

Plötzlich war die Situation sonnenklar: Hattie wollte sich Geld leihen. Sie war stolz und unabhängig, und wenn sie ihren Stolz mit Füßen trat, indem sie hierher gekommen war, musste sie tief in der Klemme stecken.

Er stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch und beugte sich vor. Niemand, der ihre gemeinsame Vorgeschichte kannte, hätte ihm einen Vorwurf daraus gemacht, wenn er sie hochkant aus seinem Büro geworfen hätte. Aber obwohl er bittere Erinnerungen an Hattie hatte, brachte er es nicht über sich, grundlos grausam zu sein. Besonders nicht, wenn ein Kind im Spiel war. Und auch wenn es albern war: Der Gedanke, dass Hattie in seiner Schuld stehen und dass es doch so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit geben würde, gefiel ihm irgendwie. „Du hast schwere Zeiten hinter dir“, sagte er ruhig. „Ich leihe dir gerne so viel Geld, wie du brauchst. Zinsfrei und ohne dass du mir eine Erklärung schuldest. Um der alten Zeiten willen.“

Ein ungläubiger Ausdruck erschien auf Hatties Zügen. „Wie bitte?“

„Deswegen bist du doch gekommen, oder? Um dir Geld zu leihen. Kein Problem, wirklich! Wofür habe ich denn all das Geld auf meinem Konto, wenn nicht, um einer alten Freundin aus der Klemme zu helfen?“

Nun stand ihr das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Nein, nein, nein“, haspelte sie und sprang auf. „Ich will kein Geld von dir, Luc. Darum geht es gar nicht.“

Er war ebenfalls aufgestanden, umrundete seinen Schreibtisch und blieb schließlich vor Hattie stehen – so nahe, dass er ihr Parfüm riechen konnte. Sie trug noch immer denselben Duft wie damals. Die Erinnerung schmerzte. Luc hob die Hände und legte sie sanft auf Hatties Schultern, die ein wenig zitterten.

Nur wenige Zentimeter trennten sie voneinander. „Dann sag mir, worum es geht, Hattie. Was willst du von mir?“

Sie reckte trotzig das Kinn. Hattie war groß für eine Frau, und so konnte er ihr direkt in die braunen Augen sehen. Ihr Atem ging nun stoßweise, und Luc konnte das schnelle Pochen ihrer Halsschlagader sehen.

Vorsichtig drückte er ihre Schultern. „Na, komm schon, spuck es aus. Was ist los?“

Sie leckte sich mit der Zunge über die Lippen. Gott, Luc kam es so vor, als wäre es erst Tage her, dass er Hattie zuletzt gesehen hatte. Plötzlich überfluteten ihn die Erinnerungen, gute wie schlechte.

Er war nicht weniger überrascht als Hattie, als er ihr unvermittelt einen zarten Kuss auf die Wange gab. Jetzt war er ihr so nahe, dass er das Kirscharoma ihres Lipgloss’ riechen konnte. „Hattie?“

Bei seinem Kuss hatte sie die Augen geschlossen, doch jetzt hob sie die Lider und suchte seinen Blick. Sie wirkte erstaunt, gleichzeitig aber auch verärgert und … ja, resigniert.

Nach langem Schweigen rümpfte sie die Nase und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich möchte dich bitten, mich zu heiraten.“

Hastig nahm Luc seine Hände von ihren Schultern. Sein Gesichtsausdruck wirkte weiterhin gefasst. Nur in seinem Blick war ein kurzer Anflug von Überraschung zu beobachten, doch auch dieser verschwand so schnell wieder, wie er gekommen war. Die meisten Männer hätte Hatties Bitte wohl völlig aus der Fassung gebracht.

Aber Luc Cavallo war nun einmal nicht wie die anderen.

Seine von einem teuren Anzug verhüllten Schultermuskeln spannten sich an. Der weiche, fein gewebte Wollstoff stammte garantiert aus der Eigenproduktion. Durch das Textilimperium, das von Lucs Großvater in Italien gegründet worden war und seinen Hauptsitz heute in Atlanta hatte, waren die Cavallo-Brüder reich geworden.

Luc verzog die Lippen zu einem fast schon verächtlichen Lächeln. „Soll das ein Witz sein? Ist hier irgendwo eine versteckte Kamera?“

Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Sich ihrer Vergangenheit zu stellen, fiel ihr schwerer, als sie angenommen hatte. Sie fühlte sich ausgeliefert und verletzlich. „Nein, kein Witz. Es ist mein blutiger Ernst. Ich muss dich heiraten, um Deedee in Sicherheit zu bringen.“

Luc sah sie erstaunt an. In seiner Stimme schwang Sorge mit. „Große Güte, Hattie! Was ist denn los? Bedroht euch der Vater? Hat er euch etwa schon etwas angetan? Los, erzähl schon!“

Seine heftige Reaktion ließ sie schaudern. Hätte sie wirklich einen gewalttätigen Mann gehabt, wären seine Tage zweifellos gezählt gewesen. Hattie beeilte sich, ihre Situation zu erklären. „Es ist kompliziert“, murmelte sie etwas hilflos. „Aber nein, es ist nicht so, wie du denkst.“

Er strich sich durch sein dunkles glänzendes Haar. Im selben Augenblick piepste die Erinnerungsfunktion seines Blackberrys, und Luc warf dem Gerät einen gehetzten Blick zu. „Ich habe leider gleich einen wichtigen Termin“, erklärte er. „Offensichtlich lässt sich dieses Thema nicht in fünfzehn Minuten klären. Kannst du für heute Abend einen Babysitter organisieren?“

„Ungern. Deedee hat in der letzten Zeit eine ganze Menge mitgemacht. Im Moment klebt sie förmlich an mir, und ich will sie so wenigen Veränderungen wie möglich aussetzen.“ Und abgesehen davon, wollte sie auf keinen Fall mit Luc Cavallo allein sein. Die wenigen Minuten, die ihre Begegnung bislang gedauert hatte, hatten die unangenehme Wahrheit ans Licht gebracht. In irgendeinem entlegenen Winkel ihres Herzens versteckte sich noch immer die Hattie, die völlig verrückt nach diesem Mann gewesen war. Und sie lauerte nur darauf, eine Chance zu bekommen und heilloses Chaos in Hatties Gefühlswelt anzurichten.

Luc rückte seine Krawatte zurecht und trat wieder hinter seinen Schreibtisch. „Dann lasse ich dir einen Wagen schicken.“ Als sie schon den Mund geöffnet hatte, um zu protestieren, fügte er hinzu: „Mit Kindersitz. Wir werden bei mir zu Hause essen und reden. Und die Haushälterin kann auf das Kind aufpassen.“

So klar und einfach seine Worte auch gewesen waren: Hattie bekam plötzlich kaum mehr Luft. War all das ihr Ernst? Hatte sie wirklich vor, Luc von einer Ehe zu überzeugen? Was für eine Schnapsidee! Dieser Mann hatte überhaupt keinen Grund, ihr auch nur zuzuhören. Außer vielleicht Neugier. Aber warum hatte er sie dann nicht umgehend vor die Tür gesetzt?

Und warum in Gottes Namen übte dieser Mann, der ihr einst das Blaue vom Himmel versprochen hatte, noch immer magische Anziehungskraft auf sie aus?

2. KAPITEL

Was zog man denn nur an, wenn man jemandem einen vollkommen unromantischen Heiratsantrag machen wollte? Während Deedee ihr Mittagsschläfchen machte, wühlte Hattie sich durch den winzigen Kleiderschrank in ihrer ebenso winzigen Wohnung, obwohl sie ganz genau wusste, dass sie hier kein Kleid finden würde, mit dem sie Luc Cavallo beeindrucken konnte. Das einzige ansatzweise angemessene Kleidungsstück in ihrem Besitz war ein schwarzes Etuikleid aus glänzendem Baumwollstoff, das sie auf den Beerdigungen ihrer Eltern getragen hatte. Vielleicht konnte sie das Teil ja mit ein paar Accessoires aufmotzen.

Aus der Schmuckschatulle, die sie schon seit ihrer Kindheit besaß, kramte sie den einzigen Gegenstand hervor, bei dem es sich nicht um billigen Modeschmuck handelte. Die zarte Platinkette glänzte noch immer so strahlend wie an dem Tag, an dem Luc sie ihr geschenkt hatte. Hattie legte sie sich um und schob den von kleinen Diamanten umrahmten Perlenanhänger zurecht.

Obwohl es viele Tage gegeben hatte, an denen sie nicht mehr wusste, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollte, hatte sie es niemals übers Herz gebracht, die Kette zu verkaufen. Sie war die einzige Erinnerung an ihre Vergangenheit mit Luc, daran, was hätte sein können. Sie strich über die Perle und ließ ihre Gedanken schweifen.

Sie hatten die Nachmittagskurse an der Emory geschwänzt und waren mit einer Decke und einem Picknickkorb in den Piedmont Park geschlendert. Sie war damals Stipendiatin, seine Familie hatte die gesamte Fakultät für bildende Künste finanziert.

Und wie sie da so in der warmen Frühlingssonne lagen und sich lebendig und frei und ein bisschen verwegen fühlten, beugte sich Luc über sie und gab ihr einen von diesen zarten Küssen, von denen sie nicht genug bekommen konnte. Er lächelte, und seine Augen leuchteten vor Glück. „Ich habe ein Geschenk für dich. Weil heute so ein besonderer Tag ist.“

„Ein besonderer Tag?“

Er strich ihr über die Wange. „Vor sechs Monaten haben wir uns kennen gelernt. Du hast diesen Minikürbis auf dem Markt gekauft. Ich habe dir angeboten, ein Gesicht hineinzuschnitzen. Du hast gelacht – und da wusste ich es.“

„Was denn?“

„Dass du die Richtige bist.“

Ihr Lächeln verblasste. „Collegejungs sollten die Kerben in ihren Bettpfosten zählen und keinen romantischen Nonsens verbreiten.“

Plötzlich wirkte Luc nicht mehr ganz so gut gelaunt. „Du vergisst, dass ich italienische Vorfahren habe. Die Romantik liegt uns im Blut.“ Als er mit den Schultern zuckte, bereute sie es, den Augenblick verdorben zu haben. Gott, was wünschte sie sich, dass er es ernst meinte! Aber ihre Mutter hatte ihr eingetrichtert, dass alle Männer nur das Eine wollten. Und Hattie hatte ihr bedenkenlos geglaubt.

Ihre Beziehung zu Luc Cavallo war das Beste, was ihr jemals passiert war. Er war ihr erster Freund, und sie liebte ihn so sehr, dass es fast schon wehtat. Aber trotzdem hatte sie niemals aufgehört, sich zu schützen. Sie musste ihren Abschluss machen, ihren Notendurchschnitt halten. Und sich auf einen Mann zu verlassen, bedeutete letzten Endes nur Kummer.

Luc zog eine kleine, türkisfarbene Schachtel aus seiner Hosentasche und reichte sie Hattie wortlos.

Wenn ihr eine höfliche Ausrede eingefallen wäre, hätte sie sie wohl ungeöffnet zurückgegeben. Aber er sah sie so gespannt an, dass sie ihre Zweifel abschüttelte und den Deckel abnahm. In der Lederschachtel lag eine teure Halskette von erlesenem Geschmack.

Natürlich kannte Hattie Tiffany’s. Im Herbst war sie sogar in der Filiale an der Philips Plaza gewesen, mit einer Freundin, die ein Hochzeitsgeschenk suchte. Hattie hatte sich fehl am Platz gefühlt. Hier gab es nichts, was sie sich auch nur ansatzweise hätte leisten können.

Und jetzt das.

Luc ignorierte ihr Schweigen und nahm die Kette aus der Schachtel, um sie ihr um den Hals zu legen. Hattie trug ein rosafarbenes Top, und die Perle rutschte in ihr zurückhaltend hochgeschlossenes Dekolleté. Luc gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Sie steht dir.“

Nein, da irrte er sich. Und zwar gewaltig. Sie war nicht die Frau, für die er sie hielt. Eines Tages würde Luc seinen Platz in der Oberschicht einnehmen. Und Hattie, ob nun mit oder ohne Halskette, würde dann nicht anderes übrig bleiben, als ihm Lebewohl zu sagen und das Beste zu wünschen. Denn sie war nicht die „Richtige“ für ihn. Und würde es auch niemals sein.

Draußen auf der Straße knallte ein Autoauspuff.

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