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Verlagswirtschaft

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Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen · Bristol

vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich

[2][3]Wulf D. von Lucius

Verlagswirtschaft

Ökonomische, rechtliche und organisatorische Grundlagen

Unter Mitwirkung von Hans Huck und Matthias Ulmer

3., neubearbeitete und erweiterte Auflage

UVK Verlagsgesellschaft mbH · Konstanz und
UVK Lucius · München

[5]Vorwort zur 3. Auflage

Mit dieser neuen Auflage vollzieht die »Verlagswirtschaft« den Schritt vom Ein-Autoren-Buch zum Mehrautorenbuch. Mit dem Eintritt von Hans Huck und Matthias Ulmer, zwei in Theorie und Praxis bewährten Verlagsfachleuten, erfolgt zugleich die Beteiligung der jüngeren Generation, die dann in der vierten Auflage – sie möge notwendig werden! – die volle Verantwortung für dieses Lehrbuch übernehmen werden. Ich freue mich sehr, diese fachkundigen und auch in der akademischen Ausbildung engagierten Kollegen für mein Buch gewonnen zu haben.

Die neu hinzugekommenen Autoren Hans Huck und Matthias Ulmer haben das Kapitel Digitale Produkte vollständig neu konzipiert, es wird angesichts der rasanten Entwicklung in diesem Bereich wieder nur eine Momentaufnahme sein können, während der Stoff der anderen Kapitel einigermaßen wohlgereift ist und weiterhin die Praxis der Gutenberg-Welt beschreibt, in der fast alle Verlage auch heute noch mehr als 90% ihrer Umsätze und meist den ganzen Gewinn erzielen. Zugleich aber sind beide Bereiche, Print und Digital, sehr eng verwoben. Dennoch ist die Darstellung der digitalen Produkte, Märkte und Arbeitsweisen ganz im Kapitel 6 konzentriert, und es wird aus Gründen der Übersichtlichkeit auch darauf verzichtet, Querverweise zu setzen: die erforderliche Vielzahl wäre verwirrend. Vielen Lesern kann daher empfohlen werden, das Kapitel 6 besonders intensiv zu studieren, ganz unabhängig von den Bezügen in die anderen.

Alle Kapitel wurden sorgfältig aktualisiert und an vielen Stellen ergänzt. Dabei haben mich sachkundige Kollegen unterstützt und ebenso das Büro des Verlegerausschusses im Börsenverein. Ihnen allen sei dafür herzlich gedankt. So wird das Buch hoffentlich weiterhin Studierenden und Einsteigern in die Verlagspraxis nützlich sein.

Stuttgart, September 2013

Wulf D. v. Lucius

Aus dem Vorwort zur 1. Auflage[6]

Dieses Buch unternimmt es, eine betriebswirtschaftliche, also konzeptionelle Betrachtungsweise des Wirtschaftsunternehmens Verlag mit den Erfahrungen der Verlagspraxis zu verbinden, also Theorie in reduzierter Form auf die Fakten und Entscheidungsvariablen im Verlag anzuwenden, ohne dass ein Wust von Einzelinformationen und Details damit verbunden ist. Ziel ist es, Berufsanfängern – insbesondere solchen, die in Führungspositionen streben, wie z.B. Lektoratsvolontären – und Studierenden verschiedener Fachrichtungen wie Buchwissenschaft, Kommunikationswissenschaft u.a. einen Orientierungsrahmen für das Tätigkeitsfeld Verlag zu geben.

Was dieses Buch ausdrücklich nicht will: Rezepte und fertige Lösungen anbieten. Vielmehr sollen die Erörterungen konkreter Fragen der Praxis immer auf die Vielfalt möglicher Lösungen hinführen, also Problembewusstsein erzeugen und Entscheidungsalternativen bewusst machen. Die Leserinnen und Leser sollen ein Gefühl dafür bekommen, dass unternehmerische Entscheidungen und ebenso solche auf der operativen Ebene in den Abteilungen darin bestehen, aus der Vielfalt möglicher Lösungen die für dieses Unternehmen, diesen Zeitpunkt und dieses Problem bestgeeignete Variante herauszufinden und zugleich verstehen, dass diese »richtige« Lösung zu einem anderen Zeitpunkt die falsche (geworden) sein kann. Unternehmerisches Handeln, ob auf Führungsebene oder in den Abteilungen, steht unter dem Zeichen der Kontingenz – alles könnte auch anders sein oder anders gemacht werden. Notwendig ist also eine ständige Überprüfung der Fakten, d.h. der Voraussetzungen und Wahrscheinlichkeitsabwägungen, die den bislang getroffenen Entscheidungen zugrunde liegen; diese stehen von vornherein unter der Notwendigkeit späterer Revisionen. Ein Unternehmen zu betreiben erfordert diesen permanenten Prozess der schöpferischen Zerstörung.

Der Verfasser ist von seiner akademischen Ausbildung her Wirtschaftswissenschaftler und als wissenschaftlicher Verleger praktisch tätig. Diese Arbeitsrichtung wird sicher an manchen Stellen deutlich werden, obwohl immer versucht wird, ein möglichst breites Spektrum der unterschiedlichsten Verlagstypen im Blick zu haben. Dafür war die jahrzehntelange ehrenamtliche Tätigkeit in nationalen und internationalen Branchenverbänden sicher nützlich: Sie hat den Blick geweitet und in zahllosen Gesprächen und Gremien die Kenntnis der Branche insgesamt bereichert, ebenso die langjährige Tätigkeit als Lehrbeauftragter für das Fach Verlagswirtschaft an der Universität Hohenheim.

[7]An so mancher Stelle habe ich persönliche Urteile bewusst zugespitzt und auch Ironie nicht unterdrückt. Man missverstehe das nicht als überheblich derart, dass dies definitive Folgerungen seien, sondern vielmehr als – hoffentlich erfrischende – Einladung zu kritischem Widerspruch und eigenem Urteil der Leserinnen und Leser.

Des Weiteren wird oft der Darstellung eher einfacher Verfahrensweisen der Vorzug gegeben vor den ausgefeilteren Methoden, die vielleicht ›moderner‹ scheinen könnten. Das hat einen doppelten Grund: zum einen den didaktischen, dass nämlich einfache Modelle leichter den Zugang zur Kernproblematik verschaffen, und zum anderen, dass solche einfachen Verfahren in kleineren Unternehmen nach wie vor die geeignetsten und üblichen sind.

Eine Vorbemerkung liegt mir schließlich noch sehr am Herzen: Aufgrund der Thematik dieses Buches und der gewählten Darstellungsform dominiert im Nachfolgenden ganz das Ökonomische. So könnte der Eindruck entstehen, die Verlegerei oder zumindest das, was ich darunter verstehe, sei etwas zahlenhaft Trockenes, der Verlagsalltag primär von rationalem Abwägen bestimmt. Das ist gewiss nicht der Fall; es gibt wohl kaum einen Verleger, der nicht davon überzeugt ist, dass er einen der schönsten Berufe überhaupt ausübt, der eine so starke Entfaltung persönlichen Temperaments und individueller Vorlieben ermöglicht, wie kaum ein anderer. Im Verlag spielen Menschen und Ideen, intellektueller ja künstlerischer Gestaltungswille, metaökonomische Zielsetzungen und viel Risikofreude – die ja ein Korrelat der Freiheit ist – die entscheidende Rolle. Die Verlegerei ist etwas durchaus Personenbezogenes, Emotionales; daraus rührt die tiefe Befriedigung derer, die in diesem Beruf arbeiten.

Gerade weil dies so ist, ist die Verführbarkeit der Verlagsmenschen zum Unvernünftigen besonders groß; sie bedürfen also des Korrektivs durch das rationale, ökonomische Kalkül. Dieses ist nicht Leitstern der Verlagsarbeit, aber deren unverzichtbarer Begleiter. Zu unterscheiden ist also zwischen der Rangfolge und der Reihenfolge metaökonomischer und ökonomischer Zielsetzungen: Wie stark man auch die Ersteren im Rang nach vorn setzen mag – die Reihenfolge erfordert das Umgekehrte: Wenn die ökonomische Unternehmensführung scheitert, erübrigt sich das Nachdenken über alle anderen Ziele von selbst. Mit anderen Worten: Ohne ökonomischen Erfolg kann dauerhaft auch keiner auf geistigem Gebiet erreicht werden, also bei dem, was uns bewegt und motiviert. So also sollte diese nüchterne Fibel der Verlagsökonomik verstanden werden.

Gewidmet ist dieses Buch meiner Frau Akka, der klugen und tatkräftigen Gefährtin auch im Berufsleben.

Stuttgart, im Juli 2005

Wulf. D. v. Lucius

[8][9]Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1.Märkte und Rahmendaten

1.1»Books are different«

1.2Rechtliche Rahmenbedingungen

1.2.1Grundgesetz

1.2.2Kunstfreiheit

1.2.3Eigentumsgarantie nach Art. 14 GG – Schranken des Urheberrechts

1.2.4Strafgesetzbuch

1.2.5Wettbewerbsrecht

1.2.6Preisbindung

1.2.7Presserecht

1.2.8Brancheninterne Wettbewerbsregeln

1.3Statistische Daten des Buchmarkts

1.3.1Strukturzahlen des Verlagswesens

1.3.2Titelproduktion

1.3.3Vertriebswege/Konzentration im Handel

1.3.4Tendenzen im Freizeitverhalten

1.3.5Außenhandel/Lizenzen

1.4Markttendenzen

1.4.1Medienkonkurrenz

1.4.2Konzentrationsbewegungen

1.4.3Strukturelle Veränderungen

1.4.4Beschleunigung

1.4.5Internationalisierung

1.4.6Wachsende Bedeutung von Vertrieb und Marketing

1.4.7Digitalisierung

2.Planung, Organisation und Controlling

2.1Programm und Programmplanung

2.1.1Programmplanung

2.1.2Programmstruktur

2.1.3Projektentwicklung

2.1.4Ökonomische Planung

2.2Verlagstypen[10]

2.2.1Buch- und Zeitschriftenverlag

2.2.2Autorenverlage und Lektoratsverlage

2.2.3Themenverlage und Zielgruppenverlage

2.2.4Original- und Lizenzverlage

2.2.5Kommissionsverlag

2.3Organisation im Verlag

2.3.1Begriffe und Konzepte

2.3.2Aufbauorganisation

2.4Lektorat und Redaktion

2.5Outsourcing und Kooperationen

2.5.1Funktionsausgliederung/Outsourcing

2.5.2Kooperationen

2.6Finanzen, Rechnungslegung, Controlling

2.6.1Besonderheiten der Verlagsbilanz

2.6.2Kosten- und Ertragsplanung

2.6.3Plan-Ist-Vergleich und Vorjahresvergleich

2.6.4Kennziffern

2.6.5Controlling

3.Herstellung, Kosten und Kalkulation

3.1Technische Grundlagen

3.2Buchgestaltung und Buchtypen

3.3Ablauforganisation der Produkterstellung

3.3.1Texterfassung

3.3.2Organisatorische Konsequenzen in den Herstellungsabteilungen

3.3.3Bildverarbeitung

3.4Woraus ein Buchpreis besteht

3.5Honorare und Zuschüsse

3.5.1Absatzhonorar und Pauschalhonorar

3.5.2Entfall von Honorar, Zuschüsse

3.5.3Honoraranpassung[11]

3.5.4Pauschalhonorare

3.5.5Vorauszahlungen

3.6Kalkulation und Preisfindung

3.6.1Unsicherheit der Kalkulationsgrundlagen

3.6.2Kalkulationsschemata

3.6.3Zuordnung der Gemeinkosten

3.7Auflagenbemessung und Laufzeiten

3.7.1Fixkosten und variable Kosten

3.7.2Bemessung der Druckauflagen

3.7.3Digitaldruck und Printing on Demand

3.7.4Deckungsauflagenrechnung

3.7.5Deckungsbeitragsrechnung

3.7.6Planungsrechnung

4.Marketing, Werbung und Vertrieb

4.1Marketing als zentrale Aufgabe des Unternehmens

4.2Distributionspolitik

4.2.1Logistik

4.2.2Absatzkanäle

4.2.3Pull- und Push-Marketing

4.2.4Das Sortiment: Titelverfügbarkeit und Warenpräsenz

4.2.5Verlagsauslieferung

4.2.6Barsortiment

4.2.7Warenbezugswege

4.3Kontrahierungspolitik

4.3.1Preispolitik

4.3.2Konditionenpolitik

4.4Kommunikationspolitik

4.4.1Ziele der Werbung

4.4.2Der Werbeplan

4.4.3Zeitliche Planung der Werbung

4.4.4Das Werbebudget

4.4.5Werbemittel

4.4.6Rezensionen und Freistücke

4.4.7Informationsquellen für die Werbung

4.4.8Das Internet als Werbemedium und Vertriebskanal[12]

4.4.9Verlagsvertreter

4.4.10Key Account Management

4.4.11Messen und Ausstellungen

4.4.12Public Relations, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

4.5Vertriebliche Statistiken und Kennziffern

5.Zeitschriften

5.1Besonderheiten von Zeitschriften im Überblick

5.1.1Situation am Zeitschriftenmarkt

5.1.2Steuerungskompetenz des Verlags

5.1.3Optimierungsfähigkeit

5.1.4Finanzierung

5.1.5Erlösquelle Anzeigen

5.1.6Zeitschriftentypen

5.1.7Zusatzleistungen als weitere Erlösquellen

5.2Produkterstellung im Zeitschriftenverlag

5.2.1Redaktionen/Herausgeber

5.2.2Organisation der Arbeitsabläufe

5.3Das Anzeigengeschäft

5.3.1Grundlagen

5.3.2Mediadaten

5.3.3Auflagen und Auflagenkontrolle. Werbeträgeranalysen

5.3.4Anzeigenverkauf

5.4Zeitschriften vertrieb

5.4.1Absatzkanäle

5.4.2Abonnentenadressen

5.4.3Werbung

5.5Loseblattwerke

6.Digitale Produkte

6.1Besonderheiten Digitaler Produkte im Überblick

6.1.1Digitalisierung

6.1.2Informationsverhalten, Leseverhalten, Nutzerverhalten

6.1.3Gestaltung, Typografie, Inhalt[13]

6.1.4Medienneutralität

6.2Digitale Produktformen

6.2.1Einführung

6.2.2Produktformen

6.3Geschäftsmodelle und Pricing-Strategien

6.3.1Einführung

6.3.2Content-basierte Erlösmodelle und Preisgestaltung

6.3.3Digitale Produkte in der Bibliothek

6.4.Der Vertrieb der digitalen Produkte

6.4.1Einführung

6.4.2Der (Buch-)Käufer und die aktuelle Marktentwicklung

6.4.3Der Handel mit digitalen Produkten

6.4.4Marketing für digitale Produkte - eine Anmerkung

6.4.5Die Zukunft des Handels im digitalen Zeitalter

7.Rechtsschutz für geistiges Eigentum und Vertragspraxis

7.1Verhältnis Urheber/Verwerter

7.2Verlagsgesetz

7.3Vertragsnormen und Normverträge

7.4Werkvertrag/Bestellvertrag

7.5Wesentliche Regelungen in Verlagsverträgen

7.6Honorar und Nebenleistungen

7.7Persönlichkeitsrechte

7.7.1Urheberpersönlichkeitsrechte

7.7.2Persönlichkeitsrechte Dritter

7.8Lizenzverträge

7.9Einzelfragen[14]

7.9.1Bildrechte

7.9.2Zitatrecht

7.10Vertragsverletzungen, Nichterfüllung

7.11Wichtige Institutionen und Organisationen im Urheberrecht

7.11.1Internationaler Rechtsschutz für geistiges Eigentum

7.11.2Verwertungsgesellschaften

7.11.3Deutsche Nationalbibliothek / Pflichtstückablieferung

Nützliche Adressen

Weiterführende Literatur

Register

[15]Abkürzungsverzeichnis

ALPSP

Association of Learned and Professional Publishers

AMF

Arbeitskreis Mediainformation Fachzeitschriften

B2B

Business to Business

B2C

Business to Consumer

BAG

Buchhändler-Abrechnungs-Gesellschaft

BDZV

Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e.V

BLDSC

British Library Document Supply Centre

CI

Corporate Identity

CRM

Customer Relations Management

DB

Deckungsbeitrag

DOI

Digital Object Identifier

DRM

Digital Rights Management (Systeme)

DTP

Desktop Publishing

FEP

Federation of European Publishers

GfK

Gesellschaft für Konsumforschung

GK

Gemeinkosten

GuV

Gewinn- und Verlustrechnung

GWB

Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen

HGB

Handelsgesetzbuch

HK

Herstellkosten

IPR

Intellectual Property Rights

ISBN

International Standard Book Number

ISSN

International Standard Serial Number

IVU

Internationale Verleger Union
(= IPA International Publishers Association)

IVW

Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e.V.

LAE

Leseranalyse Entscheidungsträger

LAN

Local Area Network

LP

Ladenpreis

NA

Neuauflage

NE

Neuerscheinung

OA

Open Access

ONIX

Online Information Exchange (Format)

PMG

Presse Monitor Gesellschaft

[16]PoD

Printing/Publishing on Demand

RBÜ

Revidierte Berner Übereinkunft

RWS

Recht/Wirtschaft/Steuern

stm

scientific technical medical publishers

TRIPS

Agreement on Trade-related Aspects of International Property Rights

UrhG

Urheberrechtsgesetz

UWG

Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb

VDZ

Verband Deutscher Zeitschriftenverleger e.V.

VlB

Verzeichnis lieferbarer Bücher
(als Datenbank im Internet: www.buchhandel.de)

VS

Verband deutscher Schriftsteller in der IG-Medien/ver.di

WIPO

World Intellectual Property Organization

WTO

World Trade Organization

XML

Extensible Mark-up language

ZAW

Zentralausschuss der Werbewirtschaft

1. Märkte und Rahmendaten[17]

1.1»  Books are different«

»Bücher von heute
sind morgen Taten«

(Heinrich Mann)

»Books are different« war der Leitsatz eines englischen Gerichtsurteils und ist bei allen Büchermenschen mit Freude als von außen kommende Bestätigung ihres eigenen Selbstverständnisses begrüßt und angenommen worden; zumal, wie schon im Vorwort angesprochen, Verleger – und Buchhändler ebenso –, dazu neigen, ihr Geschäft und ihre Produkte als etwas ganz Besonderes anzusehen. Und das zu Recht, insoweit sie die in den Büchern und Zeitschriften transportierten Inhalte und deren kulturelle und gesamtgesellschaftliche Funktion im Blick haben. Das ist gut so; jeder Berufsstand soll eine eigene Ethik und ein damit verbundenes Verantwortungsgefühl für seine Produkte, seine Kunden, seine Lieferanten und seine Mitarbeiter entwickeln. Wenn eine »books are different«-Philosophie dazu führte, dass in allen diesen vier Bereichen im Verlagswesen besonders hohe Standards gelten, wäre das überaus erfreulich: Kein Unternehmen und schon gar kein Verlag sollte eine reine Gewinnerzeugungsmaschine sein.

So formuliert in diesem Sinn der Börsenverein des deutschen Buchhandels in einem Grundsatzpapier:

»Bücher bewegen Ideen. Sie sind notwendig für die Entwicklung unserer Gesellschaft und deren Ideale. Wir unterstützen diese Entwicklung, indem wir für die freie Verbreitung des geschriebenen Wortes und für den deutschen Buchmarkt eintreten. … Das Buch- und Verlagswesen sind unverzichtbare Elemente neuzeitlicher Kultur geworden, sie pflegen die authentische geistige Leistung des Urhebers und machen sie für jedermann zugänglich. Wesentliche Eigenschaften dieses Prozesses der Kulturbewahrung und -verbreitung genießen deshalb den Schutz nationalen und auch grenzüberschreitenden Rechts. Wenn es gesellschaftlicher Konsens ist, dass Kultur zum menschlichen Gelingen gehört und besonderer politischer Sorgfalt und Obhut bedarf, so ist es sinnvoll, auch im politischen Umgang mit dem Buch- und Verlagswesen diese Sorgfalt und Obhut walten zu lassen«.

[18]Ebenso fühlen sich der Berufsverband und alle verantwortungsbewussten Verleger ihrerseits zu einem aktiven Engagement für kulturelle Vielfalt und Meinungsfreiheit aufgerufen.

Um diese zu realisieren, hat der Börsenverein als weitere Hauptverantwortung formuliert »die Bewahrung unserer inhaltlichen, politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit«. Dieses Ziel führt direkt auf den Verlag als Wirtschaftsunternehmen hin: Der begrüßenswerte, ja notwendige Enthusiasmus für den Inhalt, das »Eigentliche« der Bücher, sollte nicht zu einem unternehmerischen blinden Fleck hinsichtlich ihres Warencharakters und der damit verbundenen kaufmännischen und finanziellen Erfordernisse führen. Das wäre dann nämlich keine besonders hochstehende Berufsauffassung, sondern schlicht mangelnde Professionalität. Autoren suchen Verleger primär nicht als Gesprächspartner über Inhalte oder intellektuelle Sparringpartner, sondern als Dienstleister auf den Gebieten, für die sie selbst nicht kompetent sind: Produktion, Finanzierung, Werbung, Vertrieb, Rechtewahrnehmung, Öffentlichkeitsarbeit. Ob einer ein guter Verleger ist, entscheidet sich nicht bei klugen Kamingesprächen mit dem Autor, sondern an seinem Können und seiner Effizienz auf den genannten Gebieten. Es ist daher kein Zufall, dass alle wirklich großen Verleger, ob Johann Friedrich Cotta, Ernst Rowohlt, Siegfried Unseld oder Heinz Friedrich, um nur einige zu nennen, kluge Kaufleute und oft geradezu begnadete Marketingmenschen gewesen sind und keine Besorgnis hatten, dadurch ihre intellektuellen Fähigkeiten und ihr kulturelles Engagement zu verdunkeln. Ganz im Gegenteil: Nur Verleger, die sich diesen nüchternen Aufgaben, die ja zugleich auch rechtliche Pflichten aus dem Verlagsvertrag sind, verantwortungsbewusst stellen, sind nützliche Partner für ihre Autoren – schwärmerischer Idealismus, der in ökonomischen Desastern endet, schadet auch den Autoren! Die Kulturwelt aber mag dieses Zurücktreten des Verlages in seinen eigentlichen Aufgabenbereich weniger. Dazu hat der Verleger Jürgen Horbach im Börsenblatt (22/05) gesagt:

»Verlage tun alles, was unliterarisch, aber zur Beförderung des Werkes eines Autors vernünftig ist. Je besser ein Verlag tut, was seine Aufgabe ist, nämlich Titel auszuwählen, Bücher herzustellen und dann nach seinen Möglichkeiten zu vermarkten, desto argwöhnischer wird er aber von Journalisten und manchmal auch von einem intellektuellen Publikum betrachtet. Literatur und Marketing sind vielen auch im einundzwanzigsten Jahrhundert unversöhnliche Gegensätze.«

Man sollte auch nicht verkennen, dass viele Bücher ja auch mehr einen Werkzeugcharakter haben und insofern nicht allzu überheblich von seinen Produkten [19]denken: Ist jedes Kochbuch eine größere Leistung als eine gutgemachte Pfanne oder eine gedruckte Programmanleitung höherwertig als das Programm selbst? Viele Verlagsprodukte sind nach ihrem intellektuellen Gehalt und ihrem Nutzwert für den Käufer eher anderen Waren gleich und mitnichten turmhoch darüber.

Nun könnte man in einer solch nüchternen Betrachtungsweise die Gefahr vermuten, dass damit die kulturpolitisch begründeten Privilegien, die Bücher und Zeitschriften genießen, insbesondere die Preisbindung, der Vorzugssteuersatz bei der Mehrwertsteuer und die Sondertarife der Post, in Frage gestellt werden könnten. Das ist m.E. nicht der Fall, weil ja sehr viele Bücher und Zeitschriften ganz unstreitig eine sehr wichtige Rolle für politische Meinungsbildung sowie im Kultur- und Bildungsbereich spielen. Da es bekanntlich nicht möglich ist, eine operationale Trennungslinie zwischen kulturell wertvollen, förderungswürdigen Literaturprodukten und »sonstigen« zu ziehen, muss es bei der Gesamtförderung bleiben. Es ist ja auch nicht so, dass der Gesetzgeber so blind wäre, nicht zu erkennen, wie viele armselige Produkte ohne höheren Anspruch bis hin zu purem Schrott in den Buchhandlungen liegen: Er hat sich aber aus gutem Grund entschlossen, das Förderungswürdige in den Vordergrund seiner Entscheidungen zu stellen. Man erinnert sich da an den schönen Satz Plinius d.J.: »Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht irgendeinen Nutzen brächte«. Man sollte im Bewusstsein dieser Klarsichtigkeit der Politik also die sog. »Privilegien« eher damit begründen, dass sie ohnehin nicht den Verlagen und dem Buchhandel, sondern den Käufern zugute kommen. Eine nüchterne Selbsteinschätzung verschafft uns viel eher Glaubwürdigkeit. Nicht durch hochfahrendes Gerede, sondern nur durch Substanz können wir die Öffentlichkeit überzeugen. Sorgen wir also dafür, dass das Substanzielle in unseren Programmen überwiegt und nicht Schnickschnack und Peinlichkeiten mit einem Zuckerguss von kulturellem Sendungsbewusstsein.

Viel eher ist es angemessen und wirkungsvoll, das Unternehmen zu einer anschaulichen Geschichte seiner Veröffentlichungen und Autoren gerinnen zu lassen und ihm so ein unverwechselbares Image zu geben. Dazu eignet sich keine Branche so gut wie die Verlage, soweit sie in Bescheidenheit akzeptieren, dass nicht eigentlich sie selbst, sondern ihre Autoren ihr Bild prägen. Die eigene Bedeutung entsteht vielleicht erst mit der ein oder auch zwei Autorengenerationen überdauernden Präsenz und Wirksamkeit eines Verlags.

Bertolt Brecht hat die viel beschworene Doppelnatur in der berühmt gewordenen Formel von »der geheiligten Ware Buch« auf den Punkt gebracht – wahrscheinlich konnte das ein Marxist eben viel besser als Kapitalisten, die[20] sich in Rechtfertigungszwang sehen und daher ein dekoratives Kulturmäntelchen umhängen. Die gelungene Balance – Inhalt und Ökonomie – macht das Besondere des Verlegerberufs aus. Gerade im Akzeptieren dieser Doppelnatur liegt daher die Voraussetzung für erfolgreiche Verlagsarbeit, und der Verleger kommt nicht darum herum, dass er in der Beziehung Autor/Markt der vermittelnde Kaufmann ist. Diesen kaufmännisch geschulten Blick, das dazugehörige Wissen muss nicht nur der Verleger selbst haben, sondern ebenso seine wichtigen Mitarbeiter in allen Bereichen, insbesondere auch im Lektorat: Ökonomie ist gewiss nicht alles, aber alles intellektuelle Bemühen, aller programmatische Ehrgeiz ist auf die Dauer nichts ohne Ökonomie. Nur indem deren Gesetze verinnerlicht und beachtet werden, kann der gesellschaftliche und kulturelle Auftrag wirksam verwirklicht werden.

Joseph Caspar Witsch, der ehemalige Verleger des Kiepenheuer & Witsch Verlags, hat vor vielen Jahren die immer wieder kritisch betrachtete Frage der Kommerzialisierung der Literatur, geprägt von persönlichen Erfahrungen aus Nazi- und DDR-Diktatur und der daraus resultierenden staatlichen Gängelung der Literatur, sehr plastisch und eindringlich formuliert und dabei das Element des freien Marktes als Voraussetzung einer freien Literatur sehr schön herausgearbeitet:

»Die Kommerzialisierung der Literatur ist die notwendige Bedingung ihrer Freiheit. Nur wenn Literatur frei gehandelt wird, so wie Kühlschränke, Autos, Pfeffer und Salz gehandelt werden, bleibt sie frei. In dem Augenblick, in dem sie aus einem Gegenstand des Geschäfts verwandelt wird in ein Objekt der Fürsorge des Staats, verliert sie ihre Unabhängigkeit und mit ihrer Unabhängigkeit Wahrheit und Schönheit. … Wenn jedoch der Staat, als ein Instrument totaler Macht, die Literatur in seine krallenbewehrte Hand nimmt, dann tritt nicht mehr das freie Wort, das große Bild, die große menschliche Affektion in der Literatur in Erscheinung, sondern der sozialistische oder nationalistische oder ein anderer, gleichwie benannter zweckgebundener dialektischer Realismus. Die Literatur und die ganze Welt der Bücher, alles Gedruckte hat dann nur noch einen einzigen Zweck: den großen Mäzenaten zu feiern und zu preisen, den Menschen aber zu drillen und ihm die Lüge als Wahrheit glaubhaft zu machen. In einer Gesellschaft, in der Literatur frei gehandelt werden kann, und in der sie frei von Zensur, Bevormundung und Anweisung ist, also frei ist von vorgegebenen Zwecken, wachsen unsere Bäume nicht in den Himmel. Die Kommerzialisierung der Literatur erlaubt Literatur nur in dem Maße, in dem eine freie und unabhängige, eine sachverständige und kenntnisreiche Kritik tätig und wirksam ist, ja geradezu gepflegt und gehegt wird.«

[21]Überzeugender kann man kaum die Bedeutung von Ökonomie und Marktverfassung für ein freiheitliches Publikationswesen und damit eine freiheitliche Gesellschaft darlegen: Nicht auf die Gesinnung des Einzelnen – egal ob Verleger oder Autor – kommt es an, sondern auf eine »Verfassung der Freiheit« (F. A. v. Hayek).

Ökonomisch orientiertes Handeln muss zudem nicht kaltherzige Gewinnmaximierung bedeuten – dazu sind die metaökonomischen Zielsetzungen der meisten Verleger viel zu stark. Zudem bedeutet kurzfristiges Maximieren ja auch bei weitem nicht ein langfristiges Optimum. Auf dieses viele Perioden übergreifende Optimum aber muss es jedem weitsichtigen Unternehmer ankommen – vielleicht haben deshalb nicht wenige inhabergeführte Unternehmen eine mehrere Generationen überdauernde Lebenskraft.

Um eine weitgehend unbeeinflusste, wettbewerbsorientierte Freiheit im Verlagswesen zu gewährleisten, hat der Gesetzgeber die Verlage u.a. mit dem Privileg der »Tendenzbetriebe« versehen, demgemäß die Mitbestimmung in solchen Betrieben stärkeren Beschränkungen unterworfen ist als sonst in der Wirtschaft: Alle Regelungen, die der Eigenart des Tendenzbetriebs entgegenstehen, sind nicht anwendbar.

Der möglichst freie Wettbewerb auf dem Markt der Ideen, d.h. einer vielfältigen, nicht zentral gesteuerten Kommunikation in der Gesellschaft, erfolgt auf verschiedenen Ebenen. Jede davon muss durch Gesetz und politisches Handeln dauerhaft gesichert werden. Nur so kann das komplexe System der Interaktion auf den verschiedenen Ebenen für Literatur, Politik, Wissenschaft und Unterricht wirksam werden.

Wettbewerb als komplexes System

 

Wettbewerb

der Individuen

 

 

 

der Ideen

 

 

 

der Unternehmen
der Medien

ökonomischer
Raum

 

 

der Nationen

 

 

 

der politischen Systeme

 

Die Interaktion der einzelnen Bereiche muss jeweils in sich und zwischen den verschiedenen Ebenen als freier Verkehr ohne Kontrahierungszwang einer Seite gedacht werden: Wenn die zwei mittleren, den ökonomischen Regeln unterworfenen Ebenen gut funktionieren, dann wird auch der Wettbewerb der Nationen und der politischen Systeme und andererseits der unter den freien [22]Individuen wirksam. Es sei am Rande angemerkt, dass diese Forderung nach einer Wettbewerbsorientierung im Kultur- und Bildungsbereich natürlich nicht bedeuten kann, dass der Staat sich ganz heraushalten und auf entsprechende Subventionen verzichten sollte: Aber auch diese müssen so verteilt werden, dass der Grundsatz eines prinzipiell staatsunabhängigen kulturellen Wettbewerbs erhalten bleibt, staatliche Unterstützung also nicht etwa »Wohlverhalten« belohnt. Wichtiger als alle Subventionen ist der einer freiheitlichen Gesellschaftsidee verpflichtete, stabile Rechtsrahmen.

Laien denken beim Stichwort Wettbewerb in der Regel nur an den der Unternehmen und ihrer Produkte um Käufer. Das ist aber nur ein Aspekt: Wettbewerb findet auch in anderen Bereichen statt, und der Erfolg eines Unternehmens (oder seine Niederlagen) auf diesen Gebieten sind nicht minder bedeutungsvoll für seinen Erfolg. Diesen Sachverhalt fasst nachstehende Abbildung zusammen – es sind also fünf Wettbewerbsbereiche, in denen ein Unternehmen oder auch eine ganze Branche sich erfolgreich positionieren müssen.

Abb. 1.1: Der Verlag im Einfluss verschiedener Marktkräfte (verändert nach Porter u. Nieschlag)

1.2 Rechtliche Rahmenbedingungen[23]

Alles wirtschaftliche Handeln bedarf einer Absicherung durch eine Rechtsordnung, die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Handeln planbar macht. Erst mit einer soliden Planungssicherheit hinsichtlich des Rechtsrahmens ist langfristig vorausschauendes Handeln und in die Zukunft gerichtetes Investieren möglich. Die Risiken der Produkte im Markt, das eigentliche unternehmerische Risiko, bleiben davon ganz unberührt. In diesem Wechselspiel von stabilem Rechtsrahmen, der ein wettbewerbsorientiertes unternehmerisches Handeln sichert, und der Ungewissheit der Ergebnisse der individuellen Entscheidungen kann man das Wesen der Marktwirtschaft sehen: der Staat soll den Rahmen garantieren, aber so wenig wie möglich direkt regulierend eingreifen. Dieser generelle Rechtsrahmen ist viel wichtiger als einzelne gesetzgeberische Regelungen wie MWSt.-Privileg, Preisbindung u.a., ohne dass damit die hohe Bedeutung der Letzteren in Frage gestellt werden soll.

Zunächst unterstehen Verlage den gesetzlichen Regelungen, die für alle Unternehmen gelten, also z.B. dem BGB, HGB, GmbH-Gesetz, den Steuergesetzen, dem Kartell- und Wettbewerbsrecht, dem Strafgesetzbuch u.s.w. Von allen generellen Regelungen soll und kann in diesem Abschnitt nicht gehandelt werden; vielmehr werden in keineswegs erschöpfender Auswahl einige Aspekte unserer Rechtsordnung kurz skizziert, die in besonderer Weise für Verlage bedeutungsvoll oder spezifisch für sie geschaffen sind.

1.2.1 Grundgesetz

Wie für alle Medienunternehmen und kulturell tätigen Institutionen hat das Grundgesetz auch für die Verlage eine unmittelbare, existenzielle Bedeutung, die weit über die für sonstige Wirtschaftszweige hinausgeht.

Dabei geht es insbesondere um nachfolgende Artikel:

Artikel 1
[Menschenwürde; Grundrechtsbindung der staatlichen Gewalt]

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

[24](3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Artikel 2
[Allgemeine Handlungsfreiheit; Freiheit der Person; Recht auf Leben]

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Artikel 3
[Gleichheit vor dem Gesetz; Gleichberechtigung von Männern und Frauen; Diskriminierungsverbote]

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

Artikel 4
[Glaubens-, Gewissens- und Bekenntnisfreiheit]

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

Artikel 5
[Meinungs-, Informations-, Pressefreiheit; Kunst und Wissenschaft]

(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

[25]Artikel 14
[Eigentum, Erbrecht und Enteignung]

(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.

(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.

Artikel 18
[Verwirkung von Grundrechten]

Wer die Freiheit der Meinungsäußerung, insbesondere die Pressefreiheit (Artikel 5 Abs. 1), die Lehrfreiheit (Artikel 5 Abs. 3), die Versammlungsfreiheit (Artikel 8), die Vereinigungsfreiheit (Artikel 9), das Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnis (Artikel 10), das Eigentum (Artikel 14) oder das Asylrecht (Artikel 16a) zum Kampfe gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung mißbraucht, verwirkt diese Grundrechte. Die Verwirkung und ihr Ausmaß werden durch das Bundesverfassungsgericht ausgesprochen.

Von diesen ausgewählten Artikeln des Grundgesetzes nehmen Artikel 5 und 18 direkt Bezug auf die Tätigkeit von Verlagen (von der Tagespresse bis zum wissenschaftlichen Spezialwerk und sogar digitalen Veröffentlichungsformen). Die Artikel 1 und 2 wirken sich in vielfältiger Weise auf die Rechtsprechung und ggf. Gesetzgebung im Zusammenhang mit Verlagsprodukten aus. Artikel 14 ist die Basis für die Entschädigungsansprüche der Inhaber von Urheberrechten, insoweit ihnen durch die sog. »Schranken des Urheberrechts« Teile ihrer Eigentumsrechte genommen werden (s. S. 26 ff.). Auch setzt Art. 14 strenge Anforderungen an solche enteignungsgleichen Schrankenregelungen und fordert »gerechte« Abwägung der Eigentümerinteressen gegenüber denen der Allgemeinheit (s. folg. Kap. 1.2.3). Schließlich setzt Artikel 18 klare Grenzen für die Meinungs- und Pressefreiheit.

[26]Zwischen den genannten Grundrechten bestehen z.T. erhebliche Konflikte: So kann etwa das Recht der Pressefreiheit (Art. 5/1) mit der Würde des Menschen (Art. 1/1) und der persönlichen Ehre (Art. 5/2) in Widerspruch geraten. Beispiele dafür werden in Kapitel 7 gebracht. Ebenso stehen dem Recht der freien Meinungsäußerung und der Pressefreiheit (Art. 5/1) Grenzen bereits in Art. 5/2 (Jugendschutz) entgegen. Viele weitere Einschränkungen folgen aus den in 1.2.4 genannten Bestimmungen des Strafgesetzbuches. Zahlreiche weitere Konflikte könnten aufgezeigt werden.

Autoren, Redakteure, Verlage stehen also ständig in der Gefahr, durch Überdehnung des Rechts auf freie Meinungsäußerung und Berichterstattung selbst Rechtsbrecher und damit strafbedroht und ggf. schadensersatzpflichtig zu werden. Zahllose Prozesse (Caroline-Urteil, Esra-Prozess) sind Beispiele dafür (s. a. Kap. 7).

1.2.2 Kunstfreiheit

Ein weiteres Problemfeld für Grundrechtsausübung ergibt sich aus der Kunstfreiheit (Art. 5/3); so hat fast ein Jahrhundert lang die »Verbreitung pornografischer Schriften« (§ 184 StGB) eine große Rolle bei Strafverfolgung von Büchern gespielt – immer galt es dabei den Kunstvorbehalt gegen die Strafvorschrift abzuwägen. Schon lange vor dem Grundgesetz hat aber die Kunst oftmals überraschende Siege errungen, so etwa im berühmten Berliner Reigen-Prozess (1922), bei dem ein Verbot des damals als anstößig geltenden Stückes von Arthur Schnitzler vom Gericht abgelehnt wurde – übrigens 18 Jahre nach dessen Buchveröffentlichung. Ähnlich war lange Jahre der »Ulysses« von James Joyce in den USA wegen Anstößigkeit verboten. Zahllose andere Bühnenstücke und Bücher mussten diesen Weg gehen – meist schon nach wenigen Jahren rückblickend unbegreiflich.

1.2.3 Eigentumsgarantie nach Art. 14 GG – Schranken des Urheberrechts

Das Urheberrecht wird in Kapitel 7 ausführlich dargestellt. Es ist für Autoren wie Verlage als Eigentumsrecht mit allen daraus ableitbaren Verfügungs- und Nutzungsrechten die wirtschaftliche Basis ihrer Existenz. Es soll hier daher auf einen besonderen Aspekt der Grundrechte eingegangen werden: Das Konzept der den Grundrechten innewohnenden (»immanenten«) Schranken aus dem Aspekt der Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums.

[27]Aus dem Gemeinwohlvorbehalt des Abs. 2 und dem Recht des Staates auf Enteignungshandlungen gemäß Abs. 3 ergeben sich für den Verlagsbereich schwer wiegende, branchenspezifische Konsequenzen: Mit dem Gemeinwohlvorbehalt hat der Gesetzgeber verschiedene, in letzter Zeit gravierend vermehrte Eingriffe begründet, nämlich durch die Schaffung von Schrankenregelungen (z.B. für Fotokopieren, Entleihen, Dokumentenversand, digitale Nutzung zu Unterrichtszwecken u.a.), durch die Verfügungs- und Verbotsrechte der Rechteinhaber insoweit beschränkt werden. Davon ist im Kapitel 7 (S. 344 ff.) näher die Rede. Sicher ist zuzugestehen, dass gerade die geistigen Schöpfungen im Prinzip »der Menschheit« gehören, ihr nützlich und unterhaltend sein sollen. Die entscheidende Bedeutung intellektueller Schöpfungen für die Gesellschaft führt unabweislich und richtigerweise zu hohen Anforderungen des Gemeinwesens an ihre Qualität und Verfügbarkeit.

Aber im Blick auf die wohl begründeten Ansprüche der Urheber auf angemessene Vergütung für alle Nutzungen ihrer geistigen Schöpfungen ist der immer größer werdende Umfang dieser Enteignungseingriffe, ihre immer stärkere negative Einwirkung auf die Primärverwertung höchst problematisch. Mittlerweile bedeuten die durchweg völlig unzureichenden Entschädigungen, etwa bei der Reprografiegebühr oder den ersten Vorschlägen für die Entgelte betreffend Nutzungen nach § 52a (s. S. 371) für Urheber und Verwerter eine Quasi-Enteignung in nicht mehr vertretbarem Maße. Für die Nutzungen aus dieser neuen Regel ist auch nach mehr als neun Jahren nicht ein Cent an die Rechteinhaber geflossen! Das Gleiche gilt für weitere Schrankenregelungen (§52b). Desweiteren ist die Reprographiegebühr – trotz gesetzlicher Verpflichtung zur Anpassung! – seit über 25 Jahren unverändert, also durch die Geldentwertung dramatisch ausgehöhlt. Der Staat tut sich deshalb besonders schwer, angemessene Entschädigungen festzusetzen, weil er als Unterhaltsträger der Bildungseinrichtungen auch der Hauptzahlungsverpflichtete ist: ein offenbar fatales Wechselspiel der Berufung auf den Gemeinwohlvorbehalt und der fiskalisch orientierten Knauserigkeit bei den nach Art. 14/3 GG und den darauf fußenden Regelungen des UrhG geschuldeten Entgelten. Zudem berühren die neueren Schrankenregelungen z.B. des § 52a/b mittlerweile zentrale Bereiche der Verwertung und beeinträchtigen die normale Rechteverwertung gravierend.

Leider übersieht der Gesetzgeber dabei sehr kurzsichtig den engen Zusammenhang zwischen Qualität der Inhalte und den aus ihrer Nutzung anfallenden Erträgen: Qualitätsinformation kann nicht umsonst erstellt und vermittelt werden. Die fortschreitende Austrocknung dieser Erträge durch unzureichend[28] dotierte gesetzliche Zwangslizenzen bedeutet eine Gefährdung des entscheidenden Produktionsfaktors Kreativität in modernen Wissensgesellschaften.

1.2.4 Strafgesetzbuch

Eine ganze Reihe von Bestimmungen des StGB bezieht sich explizit auf die Verlage. Sie werden nachstehend unkommentiert auszugsweise zitiert.

§ 74d. Einziehung von Schriften und Unbrauchbarmachung.

(1) Schriften (§ 11 Abs. 3), die einen solchen Inhalt haben, daß jede vorsätzliche Verbreitung in Kenntnis ihres Inhalts den Tatbestand eines Strafgesetzes verwirklichen würde, werden eingezogen, wenn mindestens ein Stück durch eine rechtswidrige Tat verbreitet oder zur Verbreitung bestimmt worden ist. Zugleich wird angeordnet, daß die zur Herstellung der Schriften gebrauchten oder bestimmten Vorrichtungen, wie Platten, Formen, Drucksätze, Druckstöcke, Negative oder Matrizen, unbrauchbar gemacht werden.

(2) Die Einziehung erstreckt sich nur auf die Stücke, die sich im Besitz der bei ihrer Verbreitung oder deren Vorbereitung mitwirkenden Personen befinden oder öffentlich ausgelegt oder beim Verbreiten durch Versenden noch nicht dem Empfänger ausgehändigt worden sind.

§ 90. Verunglimpfung des Bundespräsidenten.

(1) Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Bundespräsidenten verunglimpft, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

(2) In minder schweren Fällen kann das Gericht die Strafe nach seinem Ermessen mildern (§ 49 Abs. 2), wenn nicht die Voraussetzungen des § 188 erfüllt sind.

(3) Die Strafe ist Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren, wenn die Tat eine Verleumdung (§ 187) ist oder wenn der Täter sich durch die Tat absichtlich für Bestrebungen gegen den Bestand der Bundesrepublik Deutschland oder gegen Verfassungsgrundsätze einsetzt.

§ 90a. Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole

§ 90b. Verfassungsfeindliche Verunglimpfung von Verfassungsorganen

[29]§ 92b. Einziehung. Ist eine Straftat nach diesem Abschnitt begangen worden, so können

1. Gegenstände, die durch die Tat hervorgebracht oder zu ihrer Begehung oder Vorbereitung gebraucht worden oder bestimmt gewesen sind, und

2. Gegenstände, auf die sich eine Straftat nach den §§ 80a, 86, 86a, 90 bis 90b bezieht,

eingezogen werden.

§ 95. Offenbaren von Staatsgeheimnissen

§ 97. Preisgabe von Staatsgeheimnissen. (1) Wer ein Staatsgeheimnis, das von einer amtlichen Stelle oder auf deren Veranlassung geheimgehalten wird, an einen Unbefugten gelangen läßt oder öffentlich bekanntmacht und dadurch fahrlässig die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

§ 103. Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten

§ 109g. Sicherheitsgefährdendes Abbilden. (1) Wer von einem Wehrmittel, einer militärischen Einrichtung oder Anlage oder einem militärischen Vorgang eine Abbildung oder Beschreibung anfertigt oder eine solche Abbildung oder Beschreibung an einen anderen gelangen läßt und dadurch wissentlich die Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland oder die Schlagkraft der Truppe gefährdet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

§ 111. Öffentliche Aufforderung zu Straftaten. (1) Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) zu einer rechtswidrigen Tat auffordert, wird wie ein Anstifter (§ 26) bestraft.

(2) Bleibt die Aufforderung ohne Erfolg, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe. Die Strafe darf nicht schwerer sein als die, die für den Fall angedroht ist, daß die Aufforderung Erfolg hat (Absatz 1); § 49 Abs. 1 Nr. 2 ist anzuwenden.

§ 130. Volksverhetzung. (1) Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,

  1. zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder

  2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, daß er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,

wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

[30](2) Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer

1.

Schriften (§ 11 Abs. 3), die zum Haß gegen Teile der Bevölkerung oder gegen eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihr Volkstum bestimmte Gruppe aufstacheln, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordern oder die Menschenwürde anderer dadurch angreifen, daß Teile der Bevölkerung oder eine vorbezeichnete Gruppe beschimpft, böswillig verächtlich gemacht oder verleumdet werden,

a)

verbreitet,

b)

öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht,

c)

einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, überläßt oder zugänglich macht oder

d)

herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist, einzuführen oder auszuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Sinne der Buchstaben a bis c zu verwenden oder einem anderen eine solche Verwendung zu ermöglichen, oder

2.

eine Darbietung des in Nummer 1 bezeichneten Inhalts durch Rundfunk verbreitet.

(3) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlung der in § 220a Abs. 1 bezeichneten Art in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, öffentlich oder in einer Versammlung billigt, leugnet oder verharmlost.

§ 131. Gewaltdarstellung. (1) Wer Schriften (§ 11 Abs. 3), die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttätigkeiten gegen Menschen in einer Art schildern, die eine Verherrlichung oder Verharmlosung solcher Gewalttätigkeiten ausdrückt oder die das Grausame oder Unmenschliche des Vorgangs in einer die Menschenwürde verletzenden Weise darstellt,

1. verbreitet,

2. öffentlich ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht,

3. einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, überläßt oder zugänglich macht oder

4. herstellt, bezieht, liefert, vorrätig hält, anbietet, ankündigt, anpreist, einzuführen oder auszuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Sinne der Nummern 1 bis 3 zu verwenden oder einem anderen eine solche Verwendung zu ermöglichen,

wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer eine Darbietung des in Absatz 1 bezeichneten Inhalts durch Rundfunk verbreitet.

(3) Die Absätze 1 und 2 gelten nicht, wenn die Handlung der Berichterstattung über Vorgänge des Zeitgeschehens oder der Geschichte dient.

[31]§ 184. Verbreitung pornographischer Schriften. (1) Wer pornographische Schriften (§ 11 Abs. 3)

1. einer Person unter achtzehn Jahren anbietet, überläßt oder zugänglich macht,

2. an einem Ort, der Personen unter achtzehn Jahren zugänglich ist oder von ihnen eingesehen werden kann, ausstellt, anschlägt, vorführt oder sonst zugänglich macht,

3. im Einzelhandel außerhalb von Geschäftsräumen, in Kiosken oder anderen Verkaufsstellen, die der Kunde nicht zu betreten pflegt, im Versandhandel oder in gewerblichen Leihbüchereien oder Lesezirkeln einem anderen anbietet oder überläßt,

3a. im Wege gewerblicher Vermietung oder vergleichbarer gewerblicher Gewährung des Gebrauchs, ausgenommen in Ladengeschäften, die Personen unter achtzehn Jahren nicht zugänglich sind und von ihnen nicht eingesehen werden können, einem anderen anbietet oder überläßt,

4. im Wege des Versandhandels einzuführen unternimmt,

9. auszuführen unternimmt, um sie oder aus ihnen gewonnene Stücke im Ausland unter Verstoß gegen die dort geltenden Strafvorschriften zu verbreiten oder öffentlich zugänglich zu machen oder eine solche Verwendung zu ermöglichen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

(5) Wer es unternimmt, sich oder einem Dritten den Besitz von pornographischen Schriften (§ 11 Abs. 3) zu verschaffen, die den sexuellen Mißbrauch von Kindern zum Gegenstand haben, wird, wenn die Schriften ein tatsächliches oder wirklichkeitsnahes Geschehen wiedergeben, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Ebenso wird bestraft, wer die in Satz 1 bezeichneten Schriften besitzt.

Insbesondere die Bestimmungen der §§ 130, 131 und 184 haben hohe praktische Bedeutung für Verlage – vom literarischen Edelunternehmen bis hin zur yellow press. Das gilt auch für die §§ 185ff. (Beleidigung, Verleumdung, Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener u.a.), die erhebliche praktische Bedeutung für die Verlagsarbeit – nicht nur in der yellow press haben. Auch hier entsteht oft ein Konflikt zwischen Freiheit der Berichterstattung oder der Kunstfreiheit auf der einen und den Persönlichkeitsrechten Dritter auf der anderen Seite. Beispielhaft sind dafür als besonders wichtig für die Verlagsarbeit die nachfolgenden Bestimmungen, insbesondere auch die besonders vertrackten Bestimmungen der §§ 192/193.

[32]§ 185. Beleidigung

§ 186. Üble Nachrede

§ 187. Verleumdung

§ 188. Üble Nachrede und Verleumdung gegen Personen des politischen Lebens

§ 189. Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener

§ 192. Beleidigung trotz Wahrheitsbeweises. Der Beweis der Wahrheit der behaupteten oder verbreiteten Tatsache schließt die Bestrafung nach § 185 nicht aus, wenn das Vorhandensein einer Beleidigung aus der Form der Behauptung oder Verbreitung oder aus den Umständen, unter welchen sie geschah, hervorgeht.

§ 193. Wahrnehmung berechtigter Interessen. Tadelnde Urteile über wissenschaftliche, künstlerische oder gewerbliche Leistungen, desgleichen Äußerungen, welche zur Ausführung oder Verteidigung von Rechten oder zur Wahrnehmung berechtigter Interessen gemacht werden, sowie Vorhaltungen und Rügen der Vorgesetzten gegen ihre Untergebenen, dienstliche Anzeigen oder Urteile von seiten eines Beamten und ähnliche Fälle sind nur insofern strafbar, als das Vorhandensein einer Beleidigung aus der Form der Äußerung oder aus den Umständen, unter welchen sie geschah, hervorgeht.

Die Frage, was diese Vielzahl rechtlicher Bestimmungen in einer Darstellung der Verlagswirtschaft zu suchen hat, ist leicht beantwortet: abgesehen von den persönlichen Konsequenzen für Autoren, Redakteure, Verleger folgen auch für die Unternehmen selbst u. U. schwer wiegende wirtschaftliche Konsequenzen, die es vorausschauend zu vermeiden gilt. Auf bestimmte Aspekte diesbezüglich, insbesondere die Verletzung von Persönlichkeitsrechten wird in Kapitel 7 eingegangen.

Eine schlichte Berufung auf die Grundrechte nach Art. 5 GG reicht also nicht aus. Es bedarf der sorgsamen Abwägung der potenziell entgegenstehenden Rechte oder Strafbestimmungen. Dazu bedarf es häufig anwaltlichen Rats, der – vorweg eingeholt – viel Ärger und Kosten ersparen kann.

[33]1.2.5 Wettbewerbsrecht

Die Bestimmungen des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) und des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) haben gerade in einer so kleinteilig organisierten Branche wie dem Verlagswesen erhebliche Bedeutung. Die Fusionskontrolle ist einsichtigerweise für den politisch sensiblen Medienbereich besonders wichtig, um marktbeherrschende Positionen und damit Meinungsmonopole zu verhindern. Jede Firmenübernahme wird nach diesen Kriterien geprüft und dann entweder genehmigt oder untersagt.

Während in der sonstigen Wirtschaft ein Grenzwert von 500 Mio DM/250 Mio € gemeinsamer Umsatz als Kriterium gilt (neben 20% gemeinsamem Marktanteil) ist für diesen Wert im Pressebereich, der auch die Buchverlage umfasst, nach § 38/3 das Zwanzigfache der tatsächlichen Umsätze anzusetzen, d.h. die Schwelle liegt für Verlage bereits bei 12.5 Mio €. Angesichts der Kleinheit und Spezialisierung der meisten Verlage wird hier also bei schon viel geringeren Umsätzen eine marktbeherrschende Stellung auf dem relevanten (Teil)Markt vermutet. Seit Jahren wird um eine Heraufsetzung dieses Werts insbesondere seitens der Zeitungsverlage heftig gekämpft. Die geforderte Heraufsetzung der Umsatzgrenze auf 50 Mio € ist aber gerade wieder vom Bundestag verworfen worden. Grundsätzlich wird man die Ansetzung niedrigerer Umsatzschwellen, als sie etwa für Stahlproduzenten oder Lebensmittelketten gelten, durchaus billigen können, fragwürdig bleibt aber der extrem niedrige Ansatz für den Medienbereich. Unübersehbar ist, dass sich damit die Verkaufschancen für Verlage deutlich ungünstiger darstellen. Das hat schon bei manchem Verlagsverkauf gravierende Probleme bereitet.

Der erste Teil des GWB behandelt die Kartellvereinbarungen, die grundsätzlich verboten sind (§ 1). Wichtig sind für alle Branchen folgende Ausnahmen:

§ 2 Normen- und Typenkartelle, Konditionenkartelle. (1) Vereinbarungen und Beschlüsse, die lediglich die einheitliche Anwendung von Normen oder Typen zum Gegenstand haben, können vom Verbot des § 1 freigestellt werden.

(2) Vereinbarungen und Beschlüsse, die die einheitliche Anwendung allgemeiner Geschäfts-, Lieferungs- und Zahlungsbedingungen einschließlich der Skonti zum Gegenstand haben, können vom Verbot des § 1 freigestellt werden, soweit die Regelungen sich nicht auf Preise oder Preisbestandteile beziehen.

[34]§ 3 Spezialisierungskartelle. Vereinbarungen und Beschlüsse, die die Rationalisierung wirtschaftlicher Vorgänge durch Spezialisierung zum Gegenstand haben, können vom Verbot des § 1 freigestellt werden, wenn die Wettbewerbsbeschränkung nicht zur Entstehung oder Verstärkung einer marktbeherrschenden Stellung führt.

§ 4 Mittelstandskartelle. (1) Vereinbarungen und Beschlüsse, die die Rationalisierung wirtschaftlicher Vorgänge durch eine andere als die in § 3 bezeichnete Art der zwischenbetrieblichen Zusammenarbeit zum Gegenstand haben, können vom Verbot des § 1 freigestellt werden, wenn

  1. dadurch der Wettbewerb auf dem Markt nicht wesentlich beeinträchtigt wird und

  2. die Vereinbarung oder der Beschluß dazu dient, die Wettbewerbsfähigkeit kleiner oder mittlerer Unternehmen zu verbessern.

Diese Ausnahmen sind für das mittelstandsorientierte Verlagswesen wichtig, so konnten z. B. die Verhaltensgrundsätze im Buchhandel, die Wettbewerbsregeln und die Verkehrsordnung, die Regelungen für vereinfachte Remission u. a. auf dieser Basis genehmigt werden. Auch sieht die Novellierung zum Pressefusionsrecht erleichternde Regelungen – allerdings unter dem Vorbehalt einer Vorabgenehmigung durch das Kartellamt – vor bei Vertrieb, Druck und Anzeigen. Die Kooperationen dürfen aber nicht die Redaktionen einbeziehen (Gefahr einer »Fusion durch die Hintertür«). Ziel des GWB bleibt unverändert die Erhaltung der Vielfalt der Presse- und Verlagslandschaft.

1.2.6 Preisbindung

Von besonderer Bedeutung war die Ausnahme des § 15 GWB für die Preisbindung von Druckerzeugnissen, auf der basierend das privatrechtlich organisierte System der Preisbindungsreverse entwickelt wurde, durch das sich die Abnehmer (eventuell mehrstufig) gegenüber den Verlagen zur Einhaltung der von diesen festgesetzten Preise verpflichteten. Durchsetzungsinstrumente waren Liefersperren und Konventionalstrafen.

Dieses Reverssystem wurde aus europarechtlichen Gründen für den Buchbereich durch das Preisbindungsgesetz ersetzt (s. u.). Das Reverssystem ist jetzt nur noch für die Verlage erforderlich, die ihre Zeitschriftenpreise weiterhin binden möchten. Dazu bestimmt der neu gefasste § 15 GWB:

[35]§ 15 Preisbindung bei Zeitungen und Zeitschriften. (1) § 14 gilt nicht, soweit ein Unternehmen, das Zeitungen oder Zeitschriften herstellt, die Abnehmer dieser Erzeugnisse rechtlich oder wirtschaftlich bindet, bei der Weiterveräußerung bestimmte Preise zu vereinbaren oder ihren Abnehmern die gleiche Bindung bis zur Weiterveräußerung an den letzten Verbraucher aufzuerlegen. Zu Zeitungen und Zeitschriften zählen auch Produkte, die Zeitungen oder Zeitschriften reproduzieren oder substituieren und bei Würdigung der Gesamtumstände als überwiegend verlagstypisch anzusehen sind, sowie kombinierte Produkte, bei denen eine Zeitung oder Zeitschrift im Vordergrund steht.

(2) Vereinbarungen der in Absatz 1 bezeichneten Art sind, soweit sie Preise und Preisbestandteile betreffen, schriftlich abzufassen. Es genügt, wenn die Beteiligten Urkunden unterzeichnen, die auf eine Preisliste oder auf Preismitteilungen Bezug nehmen. § 126 Abs. 2 des Bürgerlichen Gesetzbuchs findet keine Anwendung.

(3) Das Bundeskartellamt kann von Amts wegen oder auf Antrag eines gebundenen Abnehmers die Preisbindung für unwirksam erklären und die Anwendung einer neuen, gleichartigen Preisbindung verbieten, wenn

  1. die Preisbindung mißbräuchlich gehandhabt wird oder

  2. die Preisbindung oder ihre Verbindung mit anderen Wettbewerbsbeschränkungen geeignet ist, die gebundenen Waren zu verteuern oder ein Sinken ihrer Preise zu verhindern oder ihre Erzeugung oder ihren Absatz zu beschränken.

Der jetzige § 15 GWB genehmigt auf privatrechtlicher Reversbasis nur noch die Preisbindung für Zeitschriften. Tatsächlich machen sehr viele Verlage davon keinen Gebrauch, d.h. viele Zeitschriften haben heute nur noch empfohlene Preise. Für Bücher gilt nun das Gesetz über die Preisbindung für Bücher (Buchpreisbindungsgesetz – BuchPrG vom 14.6.2002 in der veränderten Fassung vom 14. Juli 2006). Seitdem gibt es für Bücher – anders als weiterhin bei Zeitschriften – kein Wahlrecht des Verlags mehr, ob er seine Erzeugnisse der Preisbindung unterwerfen will oder nicht: Er muss es. Damit wurde das komplizierte und teure Revers- und Überwachungssystem, das die Verlage selbst finanzieren mussten, weitgehend obsolet. Es gilt derzeit als herrschende Meinung, dass die Preisbindung auch für digitale Versionen von Büchern oder e-only-Publikationen gilt. Wegen der Kürze, Klarheit und eindrücklichen Begründung in § 1 sei dieses Gesetz hier in den wesentlichen Paragrafen wiedergegeben:

[36]§ 1 Zweck des Gesetzes

Das Gesetz dient dem Schutz des Kulturgutes Buch. Die Festsetzung verbindlicher Preise beim Verkauf an Letztabnehmer sichert den Erhalt eines breiten Buchangebots. Das Gesetz gewährleistet zugleich, dass dieses Angebot für eine breite Öffentlichkeit zugänglich ist, indem es die Existenz einer großen Zahl von Verkaufsstellen fördert.

§ 2 Anwendungsbereich

(1) Bücher im Sinne dieses Gesetzes sind auch

  1. Musiknoten,

  2. kartographische Produkte,

  3. Produkte, die Bücher, Musiknoten oder kartographische Produkte reproduzieren oder substituieren und bei Würdigung der Gesamtumstände als überwiegend verlags- oder buchhandelstypisch anzusehen sind sowie

  4. kombinierte Objekte, bei denen eines der genannten Erzeugnisse die Hauptsache bildet.

(2) Fremdsprachige Bücher fallen nur dann unter dieses Gesetz, wenn sie überwiegend für den Absatz in Deutschland bestimmt sind.

(3) Letztabnehmer im Sinne dieses Gesetzes ist, wer Bücher zu anderen Zwecken als dem Weiterverkauf erwirbt.

§ 3 Preisbindung

Wer gewerbs- oder geschäftsmäßig Bücher an Letztabnehmer verkauft, muss den nach § 5 festgesetzten Preis einhalten. Dies gilt nicht für den Verkauf gebrauchter Bücher.

§ 4 Grenzüberschreitende Verkäufe

(1) Die Preisbindung gilt nicht für grenzüberschreitende Verkäufe innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraumes.

(2) Der nach § 5 festgesetzte Endpreis ist auf grenzüberschreitende Verkäufe von Büchern innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraumes anzuwenden, wenn sich aus objektiven Umständen ergibt, dass die betreffenden Bücher allein zum Zwecke ihrer Wiedereinfuhr ausgeführt worden sind, um dieses Gesetz zu umgehen.

[37]§ 5 Preisfestsetzung

(1) Wer Bücher verlegt oder importiert, ist verpflichtet, einen Preis einschließlich Umsatzsteuer (Endpreis) für die Ausgabe eines Buches für den Verkauf an Letztabnehmer festzusetzen und in geeigneter Weise zu veröffentlichen. Entsprechendes gilt für Änderungen des Endpreises.

(2) Wer Bücher importiert, darf zur Festsetzung des Endpreises den vom Verleger des Verlagsstaates für Deutschland empfohlenen Letztabnehmerpreis einschließlich der in Deutschland jeweils geltenden Mehrwertsteuer nicht unterschreiten. Hat der Verleger keinen Preis für Deutschland empfohlen, so darf der Importeur zur Festsetzung des Endpreises den für den Verlagsstaat festgesetzten oder empfohlenen Nettopreis des Verlegers für Endabnehmer zuzüglich der in Deutschland jeweils geltenden Mehrwertsteuer nicht unterschreiten.

(3) Wer als Importeur Bücher in einem Vertragsstaat des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum zu einem von den üblichen Einkaufspreisen im Einkaufsstaat abweichenden niedrigeren Einkaufspreis kauft, kann den gemäß Absatz 2 festzulegenden Endpreis in dem Verhältnis herabsetzen, wie es dem Verhältnis des erzielten Handelsvorteils zu den üblichen Einkaufspreisen im Einkaufsstaat entspricht; dabei gelten branchentypische Mengennachlässe und entsprechende Verkaufskonditionen als Bestandteile der üblichen Einkaufspreise.

(4) Verleger oder Importeure können folgende Endpreise festsetzen:

  1. Serienpreise,

  2. Mengenpreise,

  3. Subskriptionspreise,

  4. Sonderpreise für Institutionen, die bei der Herausgabe einzelner bestimmter Verlagswerke vertraglich in einer für das Zustandekommen des Werkes ausschlaggebenden Weise mitgewirkt haben,

  5. Sonderpreise für Abonnenten einer Zeitschrift beim Bezug eines Buches, das die Redaktion dieser Zeitschrift verfasst oder herausgegeben hat und

  6. Teilzahlungszuschläge.

(5) Die Festsetzung unterschiedlicher Endpreise für einen bestimmten Titel durch einen Verleger oder Importeur oder deren Lizenznehmer ist zulässig, wenn dies sachlich gerechtfertigt ist.

§ 6 Vertrieb (s. Kap. 4.3.2)

§ 7 Ausnahmen

(Abs. (1) bis (3) handeln von Ausnahmen für Nachlässe an Verlagsmitarbeiter, für Mängelexemplare, an wissenschaftliche Bibliotheken und im Schulbuchgeschäft)

[38](4) Der Letztverkäufer verletzt seine Pflicht nach § 3 nicht, wenn er anlässlich des Verkaufs eines Buches

  1. Waren von geringem Wert oder Waren, die im Hinblick auf den Wert des gekauften Buches wirtschaftlich nicht ins Gewicht fallen, abgibt,

  2. geringwertige Kosten der Letztabnehmer für den Besuch der Verkaufsstelle übernimmt,

  3. Versand- oder besondere Beschaffungskosten übernimmt oder

  4. andere handelsübliche Nebenleistungen erbringt.

§ 8 Dauer der Preisbindung

(1) Verleger und Importeure sind berechtigt, durch Veröffentlichung in geeigneter Weise die Preisbindung für Buchausgaben aufzuheben, deren erstes Erscheinen länger als achtzehn Monate zurück liegt.

(2) Bei Büchern, die in einem Abstand von weniger als 18 Monaten wiederkehrend erscheinen oder deren Inhalt mit dem Erreichen eines bestimmten Datums oder Ereignisses erheblich an Wert verliert, ist eine Beendigung der Preisbindung durch den Verleger oder Importeur ohne Beachtung der Frist gemäß Absatz 1 nach Ablauf eines angemessenen Zeitraums seit Erscheinen möglich.

(§ 9 Schadensersatz- und Unterlassungsansprüche

§ 10 Bucheinsicht)

Kommentierende Informationen bietet das vom Börsenverein herausgegebene »Glossar zur Buchpreisbindung« (Stand Okt. 2006). Erfreulich ist, dass die politische Erwünschtheit der Preisbindung im § 1 ausdrücklich begründet wird und darüber hinaus ihre Notwendigkeit auch außerhalb Deutschlands von nahezu allen europäischen Parlamenten sowie dem Straßburger Parlament mehrfach bestätigt worden ist. Dennoch gibt es immer wieder von streng liberalen Ordnungspolitikern (z.B. in der Brüsseler Wettbewerbskommission) oder auch Konsumentenverbänden Kritik an diesem Eingriff in die Wettbewerbsfreiheit. Zugleich gibt es die Tendenz einer aus der Branche kommenden Erosion durch immer mehr Sonderausgaben sowie das »Vorbild« einiger Länder, die bewusst die Preisbindung abgeschafft haben wie z.B. England und Schweden, wo allerdings die Durchschnittspreise für Bücher nach Aufhebung deutlich stiegen – nur ca. 100 umkämpfte Bestseller verzeichneten (z. T. drastische) Preissenkungen.

[39]1.2.7 Presserecht

Obwohl der Bund eine Rahmengesetzgebungskompetenz für die Regelung der allgemeinen Rechtsverhältnisse der Presse hat, hat er bis heute davon keinen Gebrauch gemacht. So wird dieses Rechtsgebiet durch die weitgehend übereinstimmenden Landespressegesetze geregelt, die z.T. anderweitig schon existierende Rechte, insbesondere das der Pressefreiheit bekräftigen. Allerdings gibt es bei einigen in der Praxis wichtigen Regelungen (dem Gegendarstellungsrecht, den Fristen und den einstweiligen Verfügungen) nennenswerte Unterschiede in den Landespressegesetzen, die je nach Sitz des Verlags sich unterschiedlich auswirken. Diese können hier nicht dargestellt werden. Vielmehr werden nachstehend einige zentrale Regelungen des Presserechts in Auflistung bzw. auszugsweise anhand des PresseG/BW (Baden-Württemberg) genannt. Diese Regelungen beziehen sich nicht nur auf die Presse i.e.S. als periodische Druckwerke, sondern auf alle Publikationen, also auch Bücher (s. § 7).

§ 1 Freiheit der Presse

(1)

Die Presse ist frei. Sie dient der freiheitlichen demokratischen Grundordnung.

(2)

Die Freiheit der Presse unterliegt nur den Beschränkungen, die durch das Grundgesetz unmittelbar und in seinem Rahmen durch dieses Gesetz zugelassen sind.

(3)

Sondermaßnahmen jeder Art, die die Pressefreiheit beeinträchtigen, sind verboten.

(4)

Berufsorganisationen der Presse mit Zwangsmitgliedschaft und eine mit hoheitlicher Gewalt ausgestattete Standesgerichtsbarkeit der Presse sind unzulässig.

(5)

Gesetzen, die für jedermann gelten, ist auch die Presse unterworfen.

§ 2 Zulassungsfreiheit

Die Pressetätigkeit einschließlich der Errichtung eines Verlagsunternehmens oder eines sonstigen Betriebes des Pressegewerbes darf von irgendeiner Zulassung nicht abhängig gemacht werden.

§ 3 Öffentliche Aufgabe der Presse

Die Presse erfüllt eine öffentliche Aufgabe, wenn sie in Angelegenheiten von öffentlichem Interesse Nachrichten beschafft und verbreitet, Stellung nimmt, Kritik übt oder auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirkt.

[40]§ 4 Informationsrecht der Presse

(1)

Die Behörden sind verpflichtet, den Vertretern der Presse die der Erfüllung ihrer öffentlichen Aufgabe dienenden Auskünfte zu erteilen.

(2)

Auskünfte können verweigert werden, soweit

 

1.

hierdurch die sachgemäße Durchführung eines schwebenden Verfahrens vereitelt, erschwert, verzögert oder gefährdet werden könnte oder

 

2.

Vorschriften über die Geheimhaltung entgegenstehen oder

 

3.

ein überwiegendes öffentliches oder schutzwürdiges privates Interesse verletzt würde oder

 

4.

ihr Umfang das zumutbare Maß überschreitet.

§ 7 Begriffsbestimmungen

(1)

Druckwerke im Sinne dieses Gesetzes sind alle mittels der Buchdruckerpresse oder eines sonstigen zur Massenherstellung geeigneten Vervielfältigungsverfahrens hergestellten und zur Verbreitung bestimmten Schriften, besprochenen Tonträgern, bildlichen Darstellungen mit und ohne Schrift, Bildträger und Musikalien mit Text oder Erläuterungen. *)

 

(4)

Periodische Druckwerke sind Zeitungen, Zeitschriften und andere in ständiger, wenn auch unregelmäßiger Folge und im Abstand von nicht mehr als sechs Monaten erscheinende Druckwerke.

§ 8 Impressum

(1)

Auf jedem im Geltungsbereich dieses Gesetzes erscheinenden Druckwerk müssen Name oder Firma und Anschrift des Druckers und des Verlegers, beim Selbstverlag des Verfassers oder des Herausgebers, genannt sein.

(2)

Auf den periodischen Druckwerken sind ferner Name und Anschrift des verantwortlichen Redakteurs anzugeben. Sind mehrere Redakteure verantwortlich, so muß das Impressum die in Satz 1 geforderten Angaben für jeden von ihnen enthalten. Hierbei ist kenntlich zu machen, für welchen Teil oder sachlichen Bereich des Druckwerks jeder einzelne verantwortlich ist. Für den Anzeigenteil ist ein Verantwortlicher zu benennen; für diesen gelten die Vorschriften über den verantwortlichen Redakteur entsprechend.

[41]§ 10 Kennzeichnung entgeltlicher Veröffentlichungen

Hat der Verleger eines periodischen Druckwerks oder der Verantwortliche (§ 8 Abs. 2 Satz 4) für eine Veröffentlichung ein Entgelt erhalten, gefordert oder sich versprechen lassen, so hat er diese Veröffentlichung, soweit sie nicht schon durch Anordnung und Gestaltung allgemein als Anzeige zu erkennen ist, deutlich mit dem Wort »Anzeige« zu bezeichnen.

§ 11 Gegendarstellungsanspruch

(1)

Der verantwortliche Redakteur und der Verleger eines periodischen Druckwerks sind verpflichtet, eine Gegendarstellung der Person oder Stelle zum Abdruck zu bringen, die durch eine in dem Druckwerk aufgestellte Tatsachenbehauptung betroffen ist. Die Verpflichtung erstreckt sich auf alle Nebenausgaben des Druckwerks, in denen die Tatsachenbehauptung erschienen ist.

(2)

Die Pflicht zum Abdruck einer Gegendarstellung besteht nicht, wenn die betroffene Person oder Stelle kein berechtigtes Interesse an der Veröffentlichung hat, wenn die Gegendarstellung ihrem Umfang nach nicht angemessen ist oder bei Anzeigen, die ausschließlich dem geschäftlichen Verkehr dienen. Überschreitet die Gegendarstellung nicht den Umfang des beanstandeten Textes, so gilt sie als angemessen. Die Gegendarstellung muß sich auf tatsächliche Angaben beschränken und darf keinen strafbaren Inhalt haben.

 

(3)

Die Gegendarstellung muß in der nach Empfang der Einsendung nächstfolgenden, für den Druck nicht abgeschlossenen Nummer in dem gleichen Teil des Druckwerks und mit gleicher Schrift wie der beanstandete Text ohne Einschaltungen und Weglassungen abgedruckt werden; sie darf nicht in der Form eines Leserbriefs erscheinen.

§ 13 Anordnung der Beschlagnahme

(1)

Die Beschlagnahme eines Druckwerks kann nur der Richter anordnen.

(2)

Die Beschlagnahme darf nur angeordnet werden, wenn

 

1.

dringende Gründe für die Annahme vorliegen, daß das Druckwerk eingezogen oder seine Einziehung vorbehalten (§ 74 b Abs. 2 StGB) wird und

 

2.

in den Fällen, in denen die Einziehung einen Antrag oder eine Ermächtigung voraussetzt, dringende Gründe für die Annahme vorliegen, daß der Antrag gestellt oder die Ermächtigung erteilt wird.

[42](3)

Die Beschlagnahme darf nicht angeordnet werden, wenn

 

1.

der mit ihr verfolgte und erreichbare Rechtsschutz offensichtlich geringer wiegt als ein durch die Beschlagnahme gefährdetes öffentliches Interesse an unverzögerter Unterrichtung durch das Druckwerk oder

 

2.

ohne weiteres feststeht, daß die nachteiligen Folgen der Beschlagnahme außer Verhältnis zu der Bedeutung der Sache stehen.

§ 14 Umfang der Beschlagnahme

(1)

Die Anordnung der Beschlagnahme erfaßt nur die Stücke eines Druckwerks, die sich im Besitz des Verfassers, Verlegers, Herausgebers, Redakteurs, Druckers, Händlers oder anderer bei der Herstellung, Veröffentlichung oder Verbreitung mitwirkenden Personen befinden, sowie die öffentlich ausgelegten oder öffentlich angebotenen oder sonst zur Verbreitung oder Vervielfältigung bestimmten Druckstücke; die Beschlagnahme kann in der Anordnung noch weiter beschränkt werden. Die Beschlagnahme kann auf Druckformen, Platten und Matrizen oder entsprechende, den gedanklichen Inhalt der Veröffentlichung tragende Vervielfältigungsmittel ausgedehnt werden.

 

§ 15 Verbreitungsverbot für beschlagnahmte Druckwerke

Während der Dauer einer Beschlagnahme ist die Verbreitung des von ihr betroffenen Druckwerks oder der Wiederabdruck des die Beschlagnahme veranlassenden Teiles dieses Druckwerks verboten.

§ 17 Entschädigung für fehlerhafte Beschlagnahme

(1)

War die Beschlagnahme unzulässig oder erweist sich ihre Anordnung als offensichtlich ungerechtfertigt, so ist dem durch die Beschlagnahme unmittelbar Betroffenen auf Antrag eine angemessene Entschädigung in Geld zu gewähren. Dies gilt auch, wenn die Beschlagnahmeanordnung fortbesteht, obwohl sie nach § 16 Abs. 1 aufzuheben war.

 

§ 20 Strafrechtliche Verantwortung

(1)

Die Verantwortlichkeit für Straftaten, die mittels eines Druckwerkes begangen werden, bestimmt sich nach den allgemeinen Strafgesetzen.

[43](2)

Ist mittels eines Druckwerkes eine rechtswidrige Tat begangen worden, die einen Straftatbestand verwirklicht, so wird, soweit er nicht wegen dieser Handlung schon nach Absatz 1 als Täter oder Teilnehmer strafbar ist, mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bis zu 360 vollen Tagessätzen bestraft

 

1.

bei periodischen Druckwerken der verantwortliche Redakteur, wenn er vorsätzlich oder fahrlässig seine Verpflichtung verletzt hat, Druckwerke von strafbarem Inhalt freizuhalten,

 

2.

bei sonstigen Druckwerken der Verleger, wenn er vorsätzlich oder fahrlässig seine Aufsichtspflicht verletzt hat und die rechtswidrige Tat hierauf beruht.

§ 23 Zeugnisverweigerungsrecht und Beschlagnahmeverbot

(1)

Redakteure, Journalisten, Verleger, Herausgeber, Drucker und andere, die bei der Herstellung oder Veröffentlichung eines periodischen Druckwerks berufsmäßig mitgewirkt haben, können über die Person des Verfassers, des Einsenders oder des Gewährsmanns einer Veröffentlichung dieses Druckwerks sowie über die ihnen anvertrauten, dieser Veröffentlichung zugrundeliegenden Tatsachen das Zeugnis verweigern.

(2)

Das Zeugnis darf nicht verweigert werden
1. bei einer Veröffentlichung strafbaren Inhalts

 

*) eigenartigerweise nennt das PresseG/BW bis heute keine digitalen Formen!

1.2.8 Brancheninterne Wettbewerbsregeln

In vielen Branchen gibt es das Bedürfnis, über die rechtlich zwingenden Regeln gemäß Gesetz oder Rechtsprechung hinaus Verhaltensgrundsätze für den ordnungsgemäßen und fairen Geschäftsverkehr festzulegen. Das Bedürfnis dafür ist in einem mehrstufigen Verband wie dem Börsenverein, der alle drei Stufen der Branche (Hersteller, Zwischenhandel, Einzelhandel) umfasst einsichtigerweise besonders stark. In vielen Jahrzehnten haben sich daraus drei Regelwerke entwickelt:

  • Verkehrsordnung für den Buchhandel

  • Wettbewerbsregeln des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

  • Verhaltensgrundsätze des Buchhandels (»Spartenpapier«).

Diese Regelungen sind immer wieder entsprechend den Entwicklungen der Branche ergänzt und revidiert worden.

[44]In aller Kürze nachstehend die entscheidenden Regelungsbereiche der drei Papiere nach gegenwärtigem Stand:

Die Verkehrsordnung gilt grundsätzlich subsidiär zu den Lieferbedingungen der Verlage, diese haben also im Zweifel den Vorrang. Am Beginn werden Funktionsbeschreibungen der drei Branchen und weiterer Begriffe gegeben (§1), in §2 wird die Bekanntmachungspflicht geregelt. Sehr bedeutsam sind die Bestimmungen über die Bezugsbedingungen (§3), insbesondere Rabattierung, Importpreise, Preisänderungen, Rückgabe (Remissionen) und Subskriptionspreise. §4 regelt nachträgliche Änderungen der Bezugsbedingungen durch die Verlage. In §5 wird im Einzelnen geregelt, wie Bestellungen zu behandeln sind (z.B. Lieferhindernisse, Fortsetzungen, Angaben auf den Rechnungen, Eigentumsvorbehalt u.a.). §6 behandelt detailliert das heikle Gebiet der Remissionen, §7 das Zeitschriftengeschäft, §8 die Fortsetzungswerke, §9 Neuerscheinungen und unverlangte Sendungen. Weitere Paragraphen behandeln die Sendungen (Packstücke), beschädigte und fehlerhafte Werke, Sendungen unter Vorbehalt, Parallelausgaben für Nebenmärkte, Versandwege, Versandkosten, Haftung für Sendungen, Abmahnungen und einstweilige Verfügungen, Beschlagnahmen und Rechnungsstellung.

Es sind also viele Sachverhalte geregelt, die im buchhändlerischen Alltag von erheblicher Bedeutung sind und oft Anlass zu Reibereien werden können. Da hilft die Verkehrsordnung sehr für klare Entscheidungen.

Die Wettbewerbsregeln betreffen nicht Einzelheiten im Geschäftsverkehr, die die Verkehrsordnung regelt, sondern Grundsatzfragen im Wettbewerb, weil ja auch Verlage (als Direktversender oder Inhaber von Buchhandlungen) mit dem Sortiment in Konkurrenz stehen. Ziff. I. behandelt Vertrieb von preisgebundenen Verlagserzeugnissen, Ziff. II. den Verkauf von Remissionsexemplaren). Sehr wichtig im Wettbewerb sind auch die (i.d.R. preisgünstigeren) Parallelausgaben (III.). Grundsätze werden auch für die Werbung, insbesondere bei reduzierten Preisen, aufgestellt (V.), als unlauter das Abwerben von Abonnenten festgestellt (VI.); ebenso als unlauter gelten Schaufenster- oder Regalmieten seitens des Buchhandels (VII.) sowie das »Anzapfen«, d.h. das Fordern von Geschenken anlässlich von Jubiläen, Umbauten etc. (VIII.).

Am grundsätzlichsten sind die Verhaltensgrundsätze des Buchhandels von 1985, das sog. Spartenpapier, in dem Grundsätze für ein förderliches Miteinander der Sparten i.S. einer Sicherung der Buchhandels- und Verlagsstruktur insgesamt formuliert wurden. Es versteht sich als »Orientierungshilfe für das Verhalten gegenüber den Partnern der jeweils anderen Sparten«. Dazu heißt es: »Alle Sparten des Buchhandels sollen ihre Tätigkeit so gestalten, dass Wettbewerb [45]möglich ist, erhalten und gefördert wird.« Diese doppelte Orientierung an kulturellen bzw. ökonomischen Aufgaben bedeutet einen stetigen inneren Konflikt. Die Einflussmöglichkeiten des dreistufigen Verbandes sind aus rechtlichen ebenso wie aus faktischen Gründen recht begrenzt. So sollen u. a. die Verlage in ihrer Konditionenpolitik die kleineren Buchhandlungen nicht unbillig benachteiligen, der Zwischenbuchhandel sich als »zweiseitiges Dienstleistungsunternehmen für Sortiment und Verlag« verstehen, das Sortiment schließlich im Interesse der Literaturvielfalt eine möglichst breite Lagerhaltung (auch für Erzeugnisse kleinerer Verlage) anstreben.

1.3 Statistische Daten des Buchmarkts

Der deutsche Buchmarkt (einschließlich der buchverlagsnahen Fachzeitschriften) ist ein gesamtwirtschaftlich gesehen kleiner Bereich. Der Gesamtumsatz von rd. 9,5 Mrd. € im Jahr 2012 ist ein Bruchteil dessen, was einer der großen Lebensmitteldiscounter umsetzt und deutlich weniger als der addierte Gewinn der deutschen Automobilindustrie. Hinzu kommt eine notorische Ertragsschwäche der meist relativ kleinen Verlagsunternehmen – Umsatzrenditen von mehr als 5% gelten schon als hoch befriedigend, was in den Augen internationaler Verlagskonzerne absolut inakzeptabel wäre.

Das Verlagswesen in Deutschland hat also ein insgesamt bescheidenes Volumen, ist trotz unverkennbarer Konzentrationstendenzen gekennzeichnet von Kleinteiligkeit (allein der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat ca. 1.800 Verlagsmitglieder, dazu kommen viele weitere nicht dem Verband angehörende) und chronischer Ertragsschwäche. Viele Verlage sind eher wie Handwerksbetriebe einzuschätzen mit 5 bis 50 Mitarbeitern und einer relativ schwach ausgeprägten inneren Gliederung.

1.3.1 Strukturzahlen des Verlagswesens

Da statistische Daten oft erst mit einiger Verzögerung zur Verfügung stehen, werden nachstehend neben aktuellen Zahlen auch einige Kennzahlen aus der Umsatzsteuerstatistik früherer Jahre gebracht, deren strukturelle Aussagen ungeachtet jährlicher Veränderungen aber durchaus valide sind.

Die Tabelle zeigt einen deutlichen Rückgang der Zahl der Unternehmen in allen Größen und zugleich einen weiteren Anstieg des Umsatzanteils der drei obersten Größenklassen um 10% auf nunmehr 85%. Umgekehrt sieht es von unten her aus: Selbst wenn man nur die drei Größenklassen oberhalb 100.000 € Jahresumsatz zusammenfasst, weil darunter liegende Verlage ja kaum »Vollerwerbsbetriebe«, sondern eher Liebhaberbeschäftigungen sein werden, erreichen 919 Verlage mit Umsätzen zwischen[46] 100.000 und 1 Mio € einen Umsatzanteil von 3,4%, während sie 41% der Verlagsunternehmen repräsentieren. Der hohen Zersplitterung der Verlage in kleine und kleinste Unternehmen steht also eine hohe Konzentration der Umsätze auf die mittleren und großen Verlage gegenüber – eine Entwicklung, die auch weiterhin voranschreitet: Dennoch finden stetig Neugründungen statt, die ökonomische Eintrittsschwelle zu einer Verlagsgründung ist eben recht niedrig, wenige Zehntausend Euro reichen zum Start.

Umsatzgrößenklasse in €

Zahl der Untern. 2005

Umsatz im Jahr 2005

Anteil in %

Zahl der Untern. 2011

Umsatz im Jahr 2011 in Ts. €

Anteil in %

17.500 – 50.000

578

18.534

0,2

528

16.916

0,2

50.000 – 100.000

424

30.255

0,3

378

27.498

0,3

100.000 – 250.000

580

94.347

0,9

459

73.282

0,8

250.000 – 500.000

363

131.723

1,2

259

90.983

1,0

500.000 – 1 Mio

264

189.077

1,8

201

141.937

1,6

1 Mio – 2 Mio

205

301.964

2,8

146

206.664

2,3

2 Mio – 5 Mio

185

577.846

5,4

119

366.286

4,1

5 Mio – 10 Mio

73

517.307

4,8

67

468.991

5,2

10 Mio – 25 Mio

76

1.156.430

10,8

47

757.672

8,5

25 Mio – 50 Mio

36

1.253.859

11,7

18

594.995

6,7

50 Mio und mehr

28

6.435.141

60,1

21

6.200.253

69,3

Insgesamt

2.812

10.706.482

100,0

2.243

8.945.475

100

Quelle: Umsatzsteuerstatistik 2005 – 2011 (Stat. Bundesamt)

Aufschlussreich für die Kleinteiligkeit der Buchbranche ist der Vergleich der Mitgliederzahlen der drei großen Verlegerverbände. Es haben:

Börsenverein des Deutschen Buchhandels ca.

1813 Verlagsmitglieder*

Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ)

209 Verlagsmitglieder

Bundesverband der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV)

keine Angabe (wohl unter 100)

*    Es sind also bei Weitem nicht alle von der Umsatzsteuerstatistik erfassten Verlage (siehe vorige Tabelle) auch Mitglieder des Börsenvereins.

Quelle: Buch und Buchhandel in Zahlen 2013

[47]Alle drei Verbände repräsentieren je ein Umsatzvolumen von gut 10-12 Mrd. €. Aus den jeweiligen Mitgliedszahlen folgt, dass der Durchschnittsumsatz der Mitgliedsfirmen dieser drei Verbände sehr unterschiedlich ist. Auch die Sachprobleme sind recht verschiedener Natur, so dass die drei Verbände ein relativ eigenständiges Leben führen. Zwischen dem Börsenverein und dem VDZ gibt es im Bereich Fachzeitschriften eine Kooperation »Deutsche Fachpresse«, da viele Zeitschriftenverlage nur im Börsenverein Mitglieder sind, die großen Fachzeitschriftenverlage aber teils nur im VDZ.

Die regionale Verteilung weist zwei absolut führende Verlagszentren auf, München und Berlin. In diesen beiden Städten erscheinen knapp 20% aller Titel, in den acht größten Verlagsstädten insgesamt 36%.

Die vier Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen vereinigen auf sich zwei Drittel der Buchverlage; nach Verlagsstädten ist im Jahr 2012 die Reihenfolge der führenden 8 Orte folgende:

Rang

Ort

Titelzahl (Erstaufl.)

Verlage*

1

Berlin

8.009

188

2

München

7.620

136

3

Stuttgart

3.426

88

4

Hamburg

4.177

87

5

Köln

2.746

65

6

Frankfurt a.M.

2.399

74

7

Wiesbaden

1.226

24

8

Münster, Westf.

1.042

24

* nur Verbandsmitglieder
Quelle: Buch und Buchhandel in Zahlen 2013

[48]1.3.2 Titelproduktion in Deutschland

Titelproduktion 1960-2011

Jahr

Neuerscheinungen*

1960

22.524

1970

47.096

1980

67.176

1990

61.015

2000

82.936

2005

89.869

2010

95.838

2011

96.273

2012

91.100

Quelle: Deutsche Nationalbibliographie; VLB 2012

*    Erstauflagen und Neuauflagen

Die Titel der PoD-Produktion sind auf Grund der Möglichkeit von print oder digitaler Ablieferung der Pflichtexemplare an die Deutsche Nationalbibliothek z. Z. nur in geringen Teilen erfasst.

Buch und Buchhandel in Zahlen 2012

Die Zahl der neu erscheinenden Titel betrug vor 50 Jahren weniger als ein Viertel der heutigen! Der langjährige Anstieg der Titelzahlen bedeutet angesichts seit Jahren stagnierender Gesamtumsätze im Buchhandel ein erhebliches wirtschaftliches Problem: sinkende Verkaufszahlen pro Titel bei unveränderten Durchschnittspreisen deuten auf eine Renditeverschlechterung hin.

Die Vielfalt der deutschen Verlagswelt hat eine kulturell höchst erwünschte Konsequenz, die aber ökonomisch sowohl für die Verlage wie auch den vertreibenden Buchhandel eine große Bürde bedeutet: Deutschland hat, gerechnet auf seine Einwohnerzahl, eine ganz außerordentlich hohe Zahl von Neuerscheinungen/Neuauflagen und liegt mit durchschnittlich rd. 90.000 p.a. relativ deutlich vor USA, Russland, Frankreich, China – übertroffen nur von Großbritannien.

Diese Titel teilen sich nach Wissensbereichen wie folgt auf:

[49]

Abb. 1.2: Titelproduktion (Erstauflagen) nach Sachgruppen 2012

Diese Aufgliederung nach den Gruppen der Deutschen Nationalbibliographie gibt die Anteile nach Titeln wieder. Die übliche Warengruppengliederung im Buchhandel, aus der sich Umsatzrelationen ableiten lassen (Abb. 1.3 auf der folgenden Seite), lässt sich damit nicht abgleichen, weil dort fachliche Zuordnung und Gruppierung nach Buchtyp (Taschenbuch, Fortsetzungen) vermischt sind. Insgesamt haben die Fach- und Wissenschaftsverlage einen erheblichen Anteil an den Erstauflagen. Ca. 40% aller Mitgliedsverlage des Börsenvereins sind ...

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