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Verheißung in blauen Augen

1. KAPITEL

„Doch, auf dich hört er bestimmt!“, bettelte Killian. „Du musst ihn unbedingt überreden, Campbells Trauzeuge zu sein.“

Janet Grant Abbott saß gegenüber von ihrem Bruder Killian am Frühstückstisch auf der Veranda der Familienvilla. Eine warme Augustbrise wehte und zupfte an der Tischdecke. Ihre beiden anderen Brüder Sawyer und Campbell leisteten ihnen Gesellschaft, während bis auf Janet alle weiblichen Mitglieder der Familie noch schliefen. Bis in die frühen Morgenstunden hatten die Abbotts gefeiert, dass sie Janet endlich wiedergefunden hatten: Ganze fünfundzwanzig Jahre lang war sie verschollen gewesen. Jetzt wollten sie so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen.

Als ältester Sohn leitete Killian Abbott das Familienunternehmen Abbott Mills. Der Großkonzern vereinte mehrere Firmen unter einem Dach, die sich von der Herstellung bis zum Verkauf um Mode kümmerten.

Verwirrt sah Janet nun von einem Bruder zum anderen. „Wieso muss Brian eigentlich erst dazu überredet werden, den Trauzeugen für China und dich zu spielen? Schließlich ist er doch unser Bruder, oder? Gewissermaßen jedenfalls.“

„Kommt drauf an, wie man’s sieht“, sagte Campbell. „Streng genommen ist er der Halbbruder von den beiden hier.“ Er deutete auf Killian und Sawyer. „Mit dir und mir ist er nicht blutsverwandt.“

Es war deutlich zu sehen, dass die Abbott-Geschwister unterschiedliche Eltern hatten: Killian und Sawyer waren blond und blauäugig wie ihre Mutter Susannah. Campbell und Janet dagegen hatten das dunkle Haar und die braunen Augen ihrer französischen Mutter Chloe geerbt. Charakterlich gab es wiederum stärkere Ähnlichkeiten – zum Beispiel waren alle vier unheimlich dickköpfig.

„Ja, gut, das stimmt“, räumte Janet ein. „Aber ich dachte, unsere Familie sieht das nicht so eng. Und Bruder hin oder her: Ihr seid alle gut mit ihm befreundet, oder? Da ist es doch …“

„Ist es eben nicht“, unterbrach Campbell sie. Der jüngste Abbott-Sohn verwaltete das Familienanwesen und kümmerte sich um die vielen, zum Teil sehr alten Apfelbäume. Er konnte ziemlich jähzornig sein, andererseits aber auch sehr charmant. „Ich habe ihn nämlich schon gefragt, und da kam er mit irgendwelchen Ausreden. Er meinte, dass er im Moment in seinem Laden so viel zu tun hätte. Ich glaube aber nicht, dass das der wahre Grund ist.“

Sawyer schob seinen leeren Teller zur Seite. „Wir wollten ihm so oft klarmachen, dass er für uns voll zur Familie gehört … Vielleicht will er sich nicht aufdrängen.“ Sawyer leitete die Wohltätigkeitsstiftung Abbott Mills Foundation, die zum Familienunternehmen gehörte. Außerdem mochte er die Gefahr und jede Art von Herausforderung. Früher hatte er regelmäßig mit Stunt-Auftritten Geld für die Stiftung gesammelt. Mit seinen fünfunddreißig Jahren war er vier Jahre älter als sein Halbbruder Campbell und zwei Jahre jünger als Killian.

Janet hatte ihre Brüder praktisch erst vor fünf Wochen kennengelernt und liebte sie bereits heiß und innig. Selbst ihnen zuliebe wollte sie Brian Girard jedoch um nichts bitten müssen. Sie fand ihn zwar faszinierend und attraktiv. Allerdings schien er sich nicht sonderlich für sie zu interessieren. Wenn sie ihn jetzt zu etwas überreden wollte, würde das sicher nur peinlich werden.

Bisher waren sie sich ein paarmal bei Familienfeiern über den Weg gelaufen, und dabei war sie immer höflich zu ihm gewesen. Dagegen hatte er ihr gegenüber von Anfang an eine gewisse Gereiztheit an den Tag gelegt.

„Mom könnte mal mit ihm reden“, schlug sie deshalb vor und blickte in die Runde. „Sie versteht sich bestens mit Brian.“

„Stimmt, aber aus unseren Meinungsverschiedenheiten hält sie sich grundsätzlich raus“, erwiderte Killian lächelnd. „Außerdem ist er nicht ihr leiblicher Sohn – sonst könnte sie ihn zumindest ein wenig unter Druck setzen. Also sind wir auf deine Überredungskünste angewiesen, Janby.“

Janby. Klar, dass er sie so nannte. Den Namen hatten sich die Abbotts kurzerhand ausgedacht, als niemand mehr wusste, wie man sie eigentlich anreden sollte: Ihre Adoptiveltern hatten sie Janet getauft, ihre leiblichen Eltern Abby. Gleich nach ihrer Ankunft auf dem Familienanwesen Shepherd’s Knoll vor fünf Wochen hatte sie sich einer DNA-Analyse unterzogen. Der Test hatte es zweifelsfrei ergeben: Sie war tatsächlich Abigail Abbott, die als vierzehn Monate altes Baby aus ihrem Kinderzimmer gekidnappt worden war. Der Name „Janby“ löste das Problem auf elegante Weise, und Janet gefiel er.

„Brian unterhält sich immer gern mit dir“, bemerkte Sawyer.

„Eben nicht“, gab sie zurück. „Auf euch wirkt das vielleicht so, weil ihr uns dabei nur seht und nicht hört. Normalerweise streiten wir uns über irgendetwas, oder er nörgelt an mir herum. Jedenfalls mag er mich nicht.“

Genau das war der springende Punkt: Sie mochte Brian sehr und hatte sich von Anfang an zu ihm hingezogen gefühlt. Seit sie ihn bei ihrer ersten Entdeckungstour auf dem Anwesen fast mit der Vespa überfahren hatte …

Zuerst hatte sie vermutet, dass er sich ihr gegenüber deswegen so feindselig verhielt und er sich bald beruhigen würde. Aber inzwischen waren sie sich oft bei irgendwelchen Anlässen über den Weg gelaufen, und jedes Mal schien sie ihm völlig egal zu sein. Er beachtete sie nur, wenn er ihr ordentlich Kontra geben konnte.

„So ein Quatsch!“, widersprach Campbell. „Alle mögen dich.“

„Jetzt komm schon“, drängelte Killian weiter. „Cordie und ich geben für Sawyer und Sophie die Trauzeugen. Es wäre so perfekt, wenn Brian und du dasselbe für Campbell und China tun könntet. Dann wäre die ganze Familie beteiligt. Mom fände das bestimmt auch toll.“

Janet wusste, dass es hoffnungslos war, weiter mit ihren Brüdern zu diskutieren. Killian, Sawyer und Campbell waren einfach klasse: Sie hatten dafür gesorgt, dass sie sich auf Shepherd’s Knoll sofort wie zu Hause gefühlt hatte. In aller Seelenruhe und mit der Selbstverständlichkeit vermögender Leute hatten sie ihr erklärt, dass Killian bereits mehrere Bankkonten für sie eröffnet hatte. Bei dem Gesamtwert hatte es ihr die Sprache verschlagen. Bisher hatte sie ein bescheidenes Leben in Kalifornien geführt – und jetzt war sie auf einmal reich. Außerdem liebte sie ihre neue, alte Familie von ganzem Herzen. Nicht etwa wegen des Geldes, sondern weil die Abbotts so waren, wie sie eben waren: offen, warmherzig und aufrichtig. Da konnte sie ihren Brüdern natürlich keine Bitte abschlagen.

„Also gut“, willigte sie schließlich ein. „Ich werd’s zumindest versuchen.“

In der riesigen Garage des Anwesens schwang sie sich auf die Vespa. Dann düste sie los – erst den kleinen Weg hinunter und anschließend die Straße am Obstgarten entlang. Sie ließ das gelb und weiß gestrichene viktorianische Märchenschloss hinter sich. Die warme Spätsommerluft duftete nach den süßen Äpfeln im Garten und dem salzigen Atlantik, der Long Island umgab.

Janet bog in die Straße ein, die durch ein Wäldchen zu Brians Laden und dem dazugehörigen Bootsverleih führte. Es war kurz vor neun, also hatte er geöffnet. Wie sollte sie ihn nur davon überzeugen, den Part des Trauzeugen zu übernehmen? Sollte sie ihren Charme spielen lassen? Lieber nicht, dachte sie. Damit habe ich bei ihm bisher noch nie Erfolg gehabt.

Hinter den Bäumen war Brians kleiner Gemischtwarenladen bereits zu erkennen. Der Anblick gefiel ihr: im Vordergrund das altmodische Geschäft und dahinter der Steg, an dem Brians Mietboote im Wasser schaukelten.

Allerdings war sie nicht hier, um die ländliche Idylle zu genießen. Sie hatte einen Auftrag zu erfüllen – wenn auch einen aussichtslosen. Und da war schon ihr Gegenspieler: Lässig schritt Brian über den Bootssteg, sein blondes Haar leuchtete in der Sonne.

Von Weitem strahlte seine Haltung eine gewisse Überheblichkeit aus, die Janet ärgerte und sie gleichzeitig faszinierte. Sie wurde einfach nicht schlau aus dem Mann.

Jedenfalls kam sie bei ihm weder mit Charme noch mit Feingefühl weiter. Es half also nur eins: ein entschiedenes Auftreten!

Brian saß auf der obersten Stufe der Veranda vor seinem Laden, trank Kaffee und blätterte dabei in der Tageszeitung. Gleich auf der Titelseite war ein langer Artikel über Janets Rückkehr nach Losthampton abgedruckt.

„Verschollene Abbott-Erbin wieder aufgetaucht“, stand unter dem Bild. Der Fotograf hatte es wahrscheinlich vor zwei Tagen aufgenommen, als Janet und China aus Los Angeles zurückgekehrt waren. Die beiden Adoptivschwestern hatten dort ihre Wohnungen aufgelöst, um ganz nach Losthampton zu ziehen.

Im Hintergrund war ein Flugzeug zu sehen – das Foto von Janet war also offenbar am Flughafen entstanden. Das kurze Haar war lässig frisiert, die Augen hatte sie gegen die blendende Sonne zusammengekniffen. Janets Gesicht nahm fast das gesamte Foto ein, während China nur in der hinteren Ecke des Bildes zu sehen war.

Auf den ersten Blick wirkte Janet wie eine ganz normale junge Frau an einem ganz normalen sonnigen Tag. Erst auf den zweiten Blick war zu erkennen, dass sie ein besonderer Mensch war: Ihre aufrechte Haltung, der wache Ausdruck in ihren Augen und der entschlossene Zug um ihren Mund machten das deutlich.

Der Artikel behandelte ausführlich die Geschichte ihrer Entführung vor fünfundzwanzig Jahren – so weit die Einzelheiten bekannt waren. Nach einem Abschnitt über die erfolgreiche Unternehmerfamilie Abbott und die Errungenschaften ihrer Brüder ging es um Janets Karriere als erfolgreiche Börsenmaklerin. „Ich konnte mir nie erklären, woher meine Leidenschaft für Wirtschaftsthemen und den Aktienmarkt kam“, wurde Janet zitiert. Ihre Adoptiveltern hätten sich nie dafür interessiert und außerdem kein Geld gehabt, das sie hätten anlegen können. Aber dann hatte Janet herausgefunden, dass sie zur Abbott-Familie gehörte …

Fasziniert las Brian weiter. Anscheinend hatte Janet sich vor drei Jahren mit einem zweitklassigen Rockstar verlobt. Einen Monat vor der geplanten Hochzeit war die Verlobung allerdings geplatzt.

Als Nächstes wurde über ihre Adoptivschwester China berichtet, die vor Janet nach Losthampton gekommen war. China hatte sich selbst für die vermisste Abigail gehalten, doch eine DNA-Analyse hatte diese Annahme widerlegt. Danach war Janet angereist.

Gar nicht schlecht recherchiert und geschrieben, dachte Brian. Gerade in dem Moment entdeckte er im folgenden Absatz seinen eigenen Namen: „Auch Brian Girard wurde von den Abbotts in die Familie aufgenommen: Er ist der uneheliche Sohn von Nathan Abbotts erster Frau Susannah und Corbin Girard, dem Nachbarn und langjährigen Rivalen der Abbotts.“ Dass Brians Vater kürzlich Shepherd’s Knoll in Brand gesetzt und Brians Laden verwüstet hatte, wurde nicht verschwiegen. Außerdem stand da noch, dass Corbin Girard seinen Sohn enterbt hatte, weil Brian „zum Feind“ übergelaufen war: Brian hatte die Abbotts vor einem Geschäft bewahrt, das Corbin hinterlistig eingefädelt hatte, um seine Konkurrenten zu ruinieren.

Woher weiß der Reporter das?, fragte Brian sich im Stillen. Das konnte ihm nur jemand aus der Familie erzählt haben!

Er warf die Zeitung auf die Veranda und ging mit dem Kaffeebecher zum Steg. Dort lagen die vierundzwanzig Boote vertäut, die er in den letzten Wochen mühsam repariert hatte. Sein Vater hatte wirklich alles daran gesetzt, um sein neues Leben zu zerstören. Dennoch hatte Brian nicht aufgegeben.

Auch sein verwüstetes Lädchen hatte er in kürzester Zeit wieder auf Vordermann gebracht. Er hatte die Regale aufgefüllt und sogar ein paar weitere Spezialitäten in sein Angebot aufgenommen. Neben Gourmetprodukten bot er anspruchsvolle Souvenirs an: Auf hochwertige T-Shirts und Kappen hatte er sein Logo drucken lassen – ein Ruderboot mit einer Einkaufstüte.

Das alles hatte er getan, um seinem Vater – und vor allen Dingen sich selbst – zu beweisen, dass er eine Kämpfernatur war. Gegen die Wahrheit konnte er allerdings nicht ankämpfen. Und die bestand nun einmal darin, dass seine Mutter ihren Mann und ihre beiden ersten Söhne einfach so im Stich gelassen hatte. Sein Vater hatte Brian vom ersten Moment an abgelehnt, denn er hatte nur Geld und Erfolg im Sinn. Und wehe dem, der ihm Konkurrenz machte: Dann zeigte Corbin Girard keine Skrupel und kämpfte mit allen Mitteln.

In den Augen der Öffentlichkeit war Brian untrennbar mit diesen beiden Menschen verbunden, die nun einmal seine Eltern waren. Dagegen konnte er nicht das Geringste ausrichten. Und die Abbotts würden sich die ganzen Geschichten ebenso immer wieder anhören müssen, wenn er weiterhin so engen Kontakt zu ihnen hielt.

Aber jetzt hatte er keine Zeit, weiter darüber nachzudenken. Seine Kaffeepause war nämlich vorbei, und bald würden die Langschläfer seinen Laden stürmen. Zuerst musste er jedoch schnell das kleine Kanu festbinden, dessen Knoten sich gelöst hatte. Als er sich bückte, bemerkte er aus dem linken Augenwinkel eine Bewegung.

Er fuhr herum. Neben ihm stand Janet. Das weiße Hemd hatte sie in Höhe der Taille verknotet, dazu trug sie weiße Shorts. Deutlich nahm er ihren blumigen Duft wahr, der trotz der Seewasser- und Dieselgerüche seinen Weg zu ihm fand. Er ließ seinen Blick über ihre sonnengebräunten, wohlgeformten Beine gleiten. Schließlich zwang er sich dazu, sich auf den Knoten in der Bootsleine zu konzentrieren.

„Guten Morgen“, begrüßte Brian sie knapp.

„Hi“, erwiderte sie forsch. „Darf ich kurz mit dir sprechen?“

Er prüfte noch einmal die Leine, bevor er aufstand und Janet anschaute. Sie wirkte verwirrt – und außerdem ein bisschen ärgerlich. Seltsam.

„Ja, darfst du.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen seiner kakifarbenen Shorts. „Worum geht’s denn?“

Eine Weile musterte Janet ihn. Es schien ihr fast ein bisschen schwerzufallen, mit der Sprache herauszurücken. Nervös strich sie über ihr Hemd, sodass es ein Stück nach oben rutschte und noch mehr nackte Haut zum Vorschein kam. Wenn sie so weitermachte, würde er ihren Worten sicher nicht so leicht folgen können …

„Es geht um die Hochzeit meiner Schwester“, platzte sie schließlich heraus.

Oje, dachte Brian. Dann hat Campbell sie also geschickt. Oder China. Er sah Janet wieder in die Augen. „Aha“, meinte er. „Vermutlich sollst du mich dazu überreden, den Trauzeugen zu geben“, überlegte er laut und ging in Richtung Laden.

Sie folgte ihm. „Stimmt. Und natürlich gehen deine Entscheidungen mich eigentlich nichts an. Campbell und China wären allerdings schrecklich enttäuscht, und das kann ich nicht mit ansehen.“

„Campbell hat doch so viele Freunde.“

„Er will aber dich als Trauzeugen.“

Brian hätte alles für Campbell getan – doch das hier konnte sehr gut nach hinten losgehen. „Hast du heute Morgen schon die Zeitung gelesen?“, erkundigte er sich. Rasch packte er Janet am Arm, damit sie nicht über den Eimer mit Angelködern stolperte, den er auf dem Steg vergessen hatte.

„Hoppla, danke. Nein, die Zeitung hab ich mir noch nicht angeguckt. Wieso? Steht was Besonderes drin?“ Sanft befreite sie den Arm aus seinem Griff. „Wahrscheinlich finden mich die Leser nicht halb so interessant wie diese übereifrigen Reporter, die mich auf Schritt und Tritt verfolgen.“

„Doch, die Leute hier interessieren sich sogar sehr für dich. Viele erinnern sich noch an deine Entführung und haben damals mit den Abbotts gelitten. Deine Familie ist nämlich bei allen sehr beliebt. Tja, jetzt bist du auf einmal wieder da – und obendrein ist aus dir eine wunderschöne, intelligente Frau geworden.“

„Aha“, gab Janet zurück und lehnte sich gegen den Verandapfosten direkt vor dem Eingang zum Laden. „Mir ist klar, dass ich mich glücklich schätzen kann, zu so einer Familie zu gehören. Aber das macht mich noch lange nicht interessant. Und ich kann es nicht ausstehen, ständig verfolgt zu werden. Diese Reporter sind wie die Schmeißfliegen. Oh, entschuldige, ich bin vom Thema abgekommen. Du wolltest gerade etwas zu dem Artikel von heute Morgen sagen, nicht?“

„Ja.“ Brian lehnte sich gegen den gegenüberliegenden Pfosten. „Darin stand etwas von deiner geplatzten Verlobung, und im letzten Absatz kam ich vor. Diese Zeitungsfritzen können es ja nie bei einer guten Nachricht belassen. Dauernd suchen sie in der Vergangenheit nach irgendwelchen düsteren Geschichten.“

„So ist das wohl.“ Sie zuckte mit den Schultern. Offenbar verstand sie nicht, worauf er hinauswollte.

„Die Abbott-Doppelhochzeit mit Sawyer und Sophie und Campbell und China kommt bestimmt wieder auf die Titelseite“, fuhr Brian fort. „So ein wunderschöner Anlass: Zwei gut aussehende Männer heiraten zwei strahlend schöne Frauen … Eine der Trauzeuginnen ist die seit fünfundzwanzig Jahren verschollene Schwester der Bräutigame … Ihre Mutter ist überglücklich …“

Nach einer kurzen Pause fügte Brian hinzu: „Tja, und wenn ich Campbells Trauzeuge bin, taucht mein Name garantiert am Ende des Artikels auf. Dann wird wieder erklärt, dass dieser Brian Girard der uneheliche Sohn von Susannah Abbott ist. Dass die erste Mrs. Abbott damals mit dem Chauffeur durchgebrannt ist, nachdem Nathan Abbotts Erzrivale sie geschwäng…“

„Ja, ja, ich weiß“, unterbrach Janet ihn.

„Gut, also verstehst du bestimmt, warum ich den Abbotts das nicht antun will.“

„Nein, tut mir leid. Weil ich nämlich glaube, dass diese Geschichte so oder so in den Artikel findet – ob du nun an der Hochzeit teilnimmst oder nicht. Außerdem fänden es alle viel schlimmer, wenn du nicht bei der Hochzeit wärst, als nachher irgendeinen blöden Hetzartikel zu lesen.“

„Du hast gut reden“, entgegnete Brian. „Es ist ja nicht deine Hochzeit.“

Entnervt schaute sie ihn an. „Nein, aber es ist die Hochzeit meiner Adoptivschwester, und die ist mir genauso wichtig wie meine eigene. Meintest du nicht eben, dieser Reporter hätte etwas über meine geplatzte Verlobung geschrieben? Und, schmeiße ich deswegen die Flinte ins Korn?“

„Hey, langsam, langsam“, empörte er sich. „Ich schmeiße hier gar nichts ins Korn. Ich lehne nur deshalb ab, weil ich die Abbotts schützen will.“

„Schön. Trotzdem wollen die Abbotts dich dabeihaben“, beharrte sie und drehte sich zu ihrer Vespa um, die neben dem Parkverbotsschild beim Steg stand. „Und mir ist es wichtig, dass es ihnen gut geht“, rief sie ihm zu. „Meine Familie hat in den letzten Jahren genug gelitten. Dich haben sie auch sehr herzlich bei sich aufgenommen, deswegen bist du ihnen diesen Gefallen schuldig. Also erzähle ich ihnen einfach, dass du es dir anders überlegt hast und natürlich gern Campbells Trauzeuge wirst.“ Mit entschlossenen Schritten ging sie zu ihrem Motorroller.

Brian rannte hinterher und stellte sich ihr in den Weg. „Miss Grant Abbott“, sagte er, „Sie sind es vielleicht aus Los Angeles gewohnt, andere Menschen herumzukommandieren. Bei mir funktioniert das allerdings nicht.“

„Meine einzige Schwester heiratet“, erwiderte sie und wich zurück. „Das lasse ich mir von dir nicht … Hilfe!“

Der Rest ihres Satzes ging im Salzwasser der Bucht unter, als Janet rückwärts über den Steg kippte.

2. KAPITEL

Mit einem lauten Schrei versank Janet im kalten Meer. Verdammt, ich und meine große Klappe!, dachte sie. Wenn sie die gehalten hätte, wäre es ihr jetzt erspart geblieben, knapp einen halben Liter Wasser zu schlucken.

Kaum hatte sie den ersten Schock überwunden, arbeitete sie sich nach oben. Sie stieß sich den Kopf an einem Bootsrumpf und tastete sich daran entlang, bis sie die Sonne durch die Wasseroberfläche schimmern sah. Dann verschwand jedoch der helle Fleck wieder – das Nachbarboot schloss die Lücke. Janet kam es vor, als würden ihre Lungen gleich platzen.

Bloß nicht in Panik geraten, redete sie sich im Stillen Mut zu und hangelte sich nach hinten zum Heck … Allerdings glitt das Boot in dieselbe Richtung, solange die Leine nachgab. Allmählich wurde Janet doch panisch. War etwa alles umsonst gewesen? Die Suche nach ihren Eltern, die Rückkehr nach Losthampton? Bestand ihr Schicksal darin, nach der ganzen Aufregung unter Brians Booten zu ertrinken?

In diesem Moment packte sie etwas hinten am Hemd und zog sie nach oben. Sie schnappte nach Luft, hustete und spuckte Wasser.

Jemand strich ihr die Haare aus der Stirn. „Janet? Alles in Ordnung?“

Brians Stimme.

Janet wollte die Augen öffnen, musste aber immer wieder husten.

Schließlich brachte er sie in Rückenlage und schwamm mit ihr los. Dann stoppte er, nahm ihre Hand und legte sie auf etwas Festes. Mit den Beinen hielt er sie umklammert, damit sie nicht erneut untertauchte.

„Wir sind schon an der Leiter“, erklärte er ihr und platzierte ihre andere Hand neben der ersten. „Zwei Sprossen noch, und du bist auf dem Steg. Komm, das schaffst du!“

Janet fiel es schwer, die Befehle aus dem Gehirn an ihre Muskeln weiterzuleiten. In dem Moment schob er seine Hand unter ihren Po und drückte sie hoch. Mit einem Fuß ertastete sie eine Leitersprosse, Janet stemmte sich dagegen und hievte sich auf den Steg. Auf allen vieren hockte sie da und kämpfte um jeden Atemzug.

Brian schwang sich ebenfalls hoch, kniete sich neben sie und sah ihr ins Gesicht. „Janet?“

„Ja.“ Die ganze Sache war ihr schrecklich peinlich, aber seltsamerweise war sie plötzlich gar nicht mehr wütend auf ihn. So eine kalte Dusche wirkte offenbar Wunder. „Ja, ich heiße immer noch so. Dachtest du etwa, ich hätte unter Wasser meinen Namen verloren und wäre nur deswegen nicht aufgetaucht, weil ich so lange danach gesucht habe?“

Er lachte. „Deinen Humor hast du jedenfalls nicht verloren.“ Ohne große Mühe hob er sie hoch und nahm sie auf den Arm. „Hinten im Laden gibt es eine Dusche.“

Sie schlang die Arme um seinen Nacken, während er sie die Stufen zum Eingang hochtrug. „Ich kam nicht zwischen den Booten hindurch“, seufzte sie. „Kaum hatte ich eine Lücke entdeckt, war sie auch schon wieder weg.“

„Ich fürchte, das war meine Schuld“, erwiderte er und lief in den hinteren Teil des Ladens. „Ich habe die Boote vom Steg aus zur Seite geschoben, um nach dir zu suchen.“

„Wie nett.“

„Tja, ich bin eben der Sohn von Susannah Abbott und Corbin Girard, was erwartest …“

Rasch legte sie eine Hand auf seinen Mund. „Wenn du noch einmal damit anfängst, beiß ich dir ins Ohr“, drohte sie. In ihrer Lage kam sie sogar ganz leicht dran.

Vor einer halb geöffneten Tür blieben sie stehen. In dem kleinen Zimmer dahinter befanden sich eine Duschkabine und ein Medizinschrank, aber Janet beachtete diese Dinge kaum. Stattdessen sah sie wie verzaubert in Brians tiefgründige blaue Augen. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Normalerweise schüchterte er sie mit seinem festen, direkten Blick ein. Doch heute war alles anders, heute fühlte sie sich irgendwie so … komisch …

„Du beißt mir ins Ohr? Und das soll mich ernsthaft davon abhalten, weiterzureden?“ Er lächelte schief.

Huch, was war das denn? War sie ihm gar nicht so gleichgültig, wie sie gemeint hatte?

Bevor sie darüber nachdenken konnte, setzte er sie ab und sagte: „Handtücher sind da drüben im Regal, Seife und Shampoo findest du in der Dusche.“

„Und meine nassen Sachen? Hast du einen Wäschetrockner?“

„Das nicht. Dafür kann ich dir ein T-Shirt und passende Shorts mit meinem Geschäftslogo geben. Pink, grün oder gelb?“

„Gelb.“

Aufmerksam betrachtete er sie. „Und welche Größe? S oder M?“

Sein Blick machte sie ganz nervös.

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