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Verheiratet mit einem Millionär

1. KAPITEL

Elizabeth Wellington saß auf der Kante ihres französischen Betts und schnippte eine Zehn-Dollar-Goldmünze hoch in die Luft.

„Kopf“, flüsterte sie in der Stille ihres Schlafzimmers, während sie die Flugbahn der Münze verfolgte. „Kopf, und ich tu’s!“

Bei Zahl würde sie bis zur nächsten Woche warten. Bis zum richtigen Zeitpunkt. Bis zu ihrem Eisprung. Denn dann standen ihre Chancen besonders gut, schwanger zu werden.

„Nun komm schon: Kopf“, murmelte sie. Sie dachte an ihren Mann und stellte ihn sich bildlich vor. Reed saß ein paar Zimmer weiter in seinem Büro. Vermutlich las er gerade seine E-Mails oder war in eine Finanzanalyse vertieft. Unglaublich fit und sexy sah er aus, sogar wenn er völlig in die Arbeit vertieft war.

Die Münze fiel auf die Bettkante, prallte ab und landete auf dem flauschigen Teppich.

„Oh nein!“ Elizabeth sprang auf und ging um das Bett herum. Wo war die Münze? Nirgends auf dem burgunderroten Muster des Teppichs schimmerte blankes Metall. Nach einer Minute, in der Elizabeth vergeblich gesucht hatte, streifte sie die Schuhe ab, zog sich den Rock hoch und kniete sich auf den Boden. Auf beide Hände gestützt blickte sie unter das Bett. Was war es denn nun: Kopf oder Zahl? Und wo zum Teufel war die Sammlermünze im Wert von 25.000 Dollar überhaupt abgeblieben?

„Elizabeth?“, hörte sie Reed plötzlich rufen.

Schuldbewusst sprang sie auf und strich sich den Rock glatt. „Ja, Schatz, was ist?“ Verflixt, die Sammlerschatulle aus Rosenholz stand noch offen auf dem Schminktischchen. Hastig eilte Elizabeth hinüber und schloss den Deckel des Kästchens.

Als er die Schlafzimmertür öffnete, nahm Elizabeth eine betont lässige Haltung ein.

„Hast du mein Handy gesehen?“, fragte Reed.

„Ähm, nein.“ Sie trat ein paar Schritte zurück. Da ist sie! Die Münze lehnte fast aufrecht am Nachtschränkchen und schien Elizabeth im Schein der Tiffanyleuchte schelmisch zuzuzwinkern.

Reed sah sich kurz im Zimmer um. „Ich könnte schwören, dass ich es in die Tasche gesteckt habe.“

„Hast du es angeklingelt?“, fragte sie und bewegte sich möglichst unauffällig in Richtung Münze, um sich so davor zu stellen, dass Reed nichts merkte. Elizabeth wollte auf keinen Fall in die Verlegenheit kommen, ihm erklären zu müssen, wie und warum die Münze auf dem Boden gelandet war.

„Kannst du die Nummer mal wählen?“, fragte Reed.

„Klar.“ Sie nahm das Handy von ihrem Nachtschränkchen. Dabei achtete sie sorgfältig darauf, die Münze nicht zu berühren. Schließlich wusste Elizabeth immer noch nicht, was oben war: Kopf oder Zahl.

Irgendwo in ihrem Apartment begann es zu klingeln.

„Aha, danke“, sagte Reed und wandte sich zur Tür. Wenige Sekunden später rief er aus dem Wohnzimmer: „Ich hab es!“

Elizabeth atmete erleichtert auf. Vorsichtig zog sie den Fuß zurück und betrachtete die Münze. Sie lehnte beinahe senkrecht am Fuß des Nachtschränkchens. Um genauer sehen zu können, ob und wenn ja zu welcher Seite sie gekippt war, drehte Elizabeth das Licht voll auf und beugte sich hinunter. Hätte das Nachtschränkchen nicht im Weg gestanden und wäre die Münze ungehindert weitergerollt, dann wäre welche Seite oben gelandet? Ja! Kopf.

Sie hob die Münze auf. Die Entscheidung war gefallen. Sie würde den Rat ihrer besten Freundin annehmen und auf den ihres Gynäkologen pfeifen. Natürlich war das oberflächlich betrachtet alles andere als vernünftig. Aber Hanna hatte einfach mehr Ahnung vom wahren Leben als Dr. Wendell.

Natürlich wusste der gute Doktor bestens über ihren Gesundheitszustand, ihren Hormonspiegel und ihren Monatszyklus Bescheid. Allerdings hatte er keinen blassen Schimmer von ihrer Ehe. Er wusste nicht, wie sehr Elizabeth schon seit dem ersten Hochzeitstag darum kämpfte, die Offenheit und Nähe wiederzufinden, die zu Anfang zwischen ihr und Reed geherrscht hatten.

Seit fünf Jahren war sie mit Reed Wellington III. verheiratet. In dieser Zeit hatte Elizabeth vieles gelernt: An erster Stelle stand die Firma, an zweiter die New Yorker Geschäftswelt, an dritter die weit verzweigte Familie der Wellingtons. Ihre Ehe kam irgendwo dahinter – unter „ferner liefen“.

Sie wusste einfach, dass ein Baby das ändern würde. Seit Jahren wünschten sie sich nichts sehnlicher als Nachwuchs. Mit einem eigenen Kind hätten sie endlich ein gemeinsames Interesse, das ihnen gleich wichtig war. Ein gemeinsames Anliegen. Ein Gesprächsthema. Ein Baby würde sie einander näherbringen. Und Reed dazu zwingen, mehr Zeit mit ihr zu verbringen. Das hatte Elizabeth jedenfalls lange gehofft. In letzter Zeit glaubte sie immer weniger daran, dass darin tatsächlich die Antwort auf all ihre Probleme lag.

Eher im Gegenteil. Ein Baby brauchte Wärme und Liebe. Kinder mussten Nähe, starke Gefühle und echte Zuneigung erfahren. Je weiter sie und Reed sich aber auseinanderlebten, desto mehr musste Elizabeth sich eines eingestehen: Selbst wenn ihr gemeinsamer Traum in Erfüllung ging, würde das nichts wirklich in Ordnung bringen.

Seufzend legte sie die Münze zurück in die Rosenholzschatulle, schloss den Deckel und strich mit den Fingerspitzen über die feinen Schnitzereien. Sowohl die Goldmünze als auch die Schatulle waren ein Geschenk von Reed, mit dem er sie beim ersten gemeinsamen Weihnachtsfest überrascht hatte. Und seither schenkte er ihr jedes Jahr neue Sammlermünzen.

Und während der Wert ihrer Sammlung stieg, wurde ihre Beziehung immer problematischer. Irgendwie bescheuert, dachte Elizabeth. Eine einzige Münze hatte in dem Kästchen gelegen, als sie und Reed noch miteinander geflirtet, Geheimnisse geteilt, gemeinsam Fehler gemacht und miteinander gelacht hatten. Damals waren sie meist irgendwann im Bett gelandet, auf der Couch oder auf dem Teppich, wenn sich gerade nichts Bequemeres anbot.

Sie erinnerte sich noch lebhaft an ihr erstes Mal mit Reed. Es war auf der gepolsterten Bank eines Aussichtsturms auf dem riesigen Anwesen seiner Familie in Connecticut geschehen. Sterne hatten am klaren Nachthimmel gefunkelt, und sie waren ganz allein gewesen.

Reeds Küsse waren immer leidenschaftlicher geworden, während er den tiefen Rückenausschnitt ihres Cocktailkleides erforscht hatte. Ihre Haut prickelte unter seinen Berührungen, ihre Brustspitzen wurden hart, und glutvolle Schauer rieselten durch ihren Körper. Die Zeit des Wartens war vorbei. Das wussten sie beide, und er zog sie auf die Bank hinab. Nach endlos lang scheinenden Minuten, vielleicht auch Stunden, in denen er sie küsste und streichelte, zog er ihr den Slip endlich aus. Und dann hatten sie sich wie im Fieber geliebt.

Zwei Wochen später hatte er ihr einen Heiratsantrag gemacht, den sie angenommen hatte – überzeugt, dass ihr Glück ewig währen würde. Ihre Freunde und Verwandten in New Hampshire warnten Elizabeth damals. Es sei ganz und gar keine gute Idee, einen Milliardär aus altem Geldadel zu heiraten. Er gehöre schließlich einer ganz anderen Gesellschaftsschicht an. Sie wiesen auch darauf hin, dass sie und Reed vielleicht völlig unterschiedliche Vorstellungen von einer guten Ehe hätten. Aber Elizabeth war absolut sicher gewesen: Ihre tiefe Liebe würde alle Hindernisse überwinden.

Heute, fünf Jahre später, hatte sie sehr viel von dieser Sicherheit verloren. Elizabeth stand vor den Glastüren, die sich auf den Balkon ihres luxuriös eingerichteten Schlafzimmers öffneten, und blickte nachdenklich hinaus. Es war ein milder Oktoberabend. Tief unter ihrem Apartment im zwölften Stock von Park Avenue 721 rauschte unablässig der Verkehr. Bis zum Horizont schienen sich die Lichter der Stadt zu erstrecken. Seufzend zog Elizabeth die schweren Vorhänge zu.

Natürlich war ihr klar, wie weise Hannas Ratschlag war. Dennoch hatte sie die endgültige Entscheidung lieber dem Schicksal überlassen und eine Münze geworfen. Kopf war das Ergebnis. Die Entscheidung war gefallen. Sie kämpfte um ihre Ehe. Ab sofort mit anderen Mitteln als bisher.

Sie ging hinüber zu ihrer Wäschekommode aus Kirschholz. Der Zinngriff der obersten Schublade fühlte sich kühl an. Nachdem Elizabeth die Schublade geöffnet hatte, befühlte sie die sorgfältig gestapelten Nachtkleider und Negligés.

Es lag ganz unten.

Ihr Magen verkrampfte sich fast, als sie das rote Seidennegligé berührte, das sie in der Hochzeitsnacht getragen hatte. Ja, das war genau das Richtige für heute Abend.

Sie zog sich den Rock aus, ließ Kostümjacke, Bluse und Unterwäsche achtlos auf einen Stuhl fallen. Plötzlich hatte sie es eilig, zu Reed zu kommen, sehr eilig sogar. Hastig schlüpfte Elizabeth in das Negligé – und fühlte sich zum ersten Mal seit Monaten schön und unwiderstehlich.

Sie bürstete sich das kastanienbraune Haar und schüttelte es auf. Ihre Wimpern waren von Natur aus sehr lang, deshalb tuschte sie sie nicht. Ihre grünen Augen kamen darunter herrlich zur Geltung. Sorgsam schminkte sie sich die Lippen und strich sich ein wenig Rouge auf die Wangen. Dann trat sie vor den Spiegel, um sich kritisch zu betrachten: nackte Füße, leuchtend rot lackierte Fußnägel, rote Seide, die nur knapp die Hüfte bedeckte und einen verführerischen breiten Spitzensaum hatte, ein tiefer spitzenverzierter Ausschnitt, der ihre Brüste mehr betonte als bedeckte. Voll und ganz verführerisch.

Noch ein bisschen Parfum, einen Spaghettiträger über die Schulter rutschen lassen – perfekt! Elizabeth richtete sich zu voller Größe auf und legte eine Hand auf ihren flachen Bauch. Der dreikarätige Diamant an ihrem Ringfinger schien ihr im Spiegel aufmunternd zuzuzwinkern.

Reed ist mein Mann, ich habe das Recht, ihn zu verführen. Außerdem: Hanna wird stolz auf mich sein!

Sie rannte förmlich aus dem Schlafzimmer, schaltete das Licht aus, und eilte durch die Eingangshalle.

„Reed?“, rief sie vorfreudig, als sie die Tür seines Arbeitszimmers erreichte, sie aufschob, sich gegen den Rahmen lehnte und in verführerischer Pose präsentierte.

Zwei Männer blickten von dem Brief auf, den sie gerade lasen, und schauten sie an.

Beim Anblick seiner überaus sexy gekleideten Frau blieb Reed der Mund offen stehen. Das Wort, das ihn eben noch beschäftigt hatte – Insidergeschäfte –, war vergessen. Der Brief der Börsenaufsichtsbehörde glitt ihm aus der Hand und landete auf der Schreibtischplatte. Neben ihm saß Collin Killian, stellvertretender Geschäftsführer, und atmete hörbar ein.

Collin brauchte volle drei Sekunden, um sich von dem Schock zu erholen und den Blick abzuwenden. Reed war klar, dass er ihm daraus keinen Vorwurf machen konnte. Elizabeth brauchte sogar fünf Sekunden, um zu begreifen. Dann stieß sie einen leisen Schreckensschrei aus, drehte sich um und flüchtete in die Eingangshalle.

„Ähm …“, begann Collin und warf einen vorsichtigen Blick über die Schulter.

Reed fluchte. Noch im Aufstehen hörte er die Schlafzimmertür ins Schloss krachen.

Collin griff nach seiner Aktentasche. „Bis später dann.“

„Nichts da“, widersprach Reed und wandte sich zur Tür. „Warte hier. Ich bin gleich wieder da.“

„Aber …“

„Kein aber. Ich habe gerade erfahren, dass die Börsenaufsicht gegen mich ermittelt. Wir müssen reden.“

„Aber deine Frau …“

„Ich rede mit ihr, du wartest hier.“ Was hatte Elizabeth sich nur dabei gedacht? Er eilte in die Eingangshalle.

Collin rief ihm nach: „Ich glaube nicht, dass sie mit dir reden wollte.“

Reed verzichtete, darauf zu antworten.

Elizabeth hatte keinen Grund, etwas anderes zu wollen, als mit ihm zu reden. Er führte zwar nicht Buch über ihre Basaltemperaturkurve, aber er war sich sicher, dass der Eisprung erst in Tagen fällig war. Natürlich hätte er genauso gern wie sie mal wieder spontan mit ihr geschlafen, allerdings wollte er auch endlich Vater werden. Und er wusste verdammt genau, dass sie unbedingt Mutter werden wollte. Liebe nach Plan erwies sich zwar als extrem frustrierend, aber letztlich würde es sich lohnen. Und Reed war bereit, dieses Opfer für das ersehnte Baby zu bringen.

Er legte die Hand auf die Türklinke, sammelte sich kurz und wappnete sich gegen den Anblick, der ihn erwartete. Seine Frau war unglaublich attraktiv. Sehr sexy, atemberaubend sinnlich, überwältigend schön. Trotzdem musste er stark bleiben – für sie beide. Er drückte die Klinke nieder und öffnete vorsichtig die Tür. „Elizabeth?“

„Geh weg!“ Ihre Stimme klang gedämpft.

Sie hatte sich einen Morgenmantel aus Samt übergeworfen und sich regelrecht darin verkrochen. Im Gegenlicht aus dem angrenzenden Zimmer sah Reed kaum mehr als ihre Silhouette. Er schloss die Tür und trat näher. „Was ist los?“, fragte er leise.

Sie schüttelte den Kopf. „Nichts.“

Am liebsten hätte er sie fest in die Arme genommen, vielleicht sogar seine Hände unter den Samtstoff geschoben und sie an sich gedrückt. Es war ungeheuer verlockend, ihr den Morgenmantel abzustreifen, das Negligé darunter zu enthüllen und ihren Körper zu bewundern. Collin würde schon merken, dass es besser war zu gehen.

Doch statt seinem Impuls nachzugeben, fragte Reed: „Ist es so weit?“ Er wusste nur zu gut, dass es noch nicht zum Eisprung gekommen sein konnte, hoffte es aber dennoch.

Wieder schüttelte sie den Kopf.

Er machte noch einen Schritt auf Elizabeth zu. „Warum tust du das dann?“

„Ich dachte …“ Sie befeuchtete sich die Lippen. „Ich wollte …“ Als sie den Kopf hob, schaute sie ihn aus ihren unergründlichen grünen Augen an. „Ich wusste nicht, dass Collin bei dir ist.“

Reed zwinkerte ihr amüsiert zu. „Er glaubt bestimmt, du hättest das extra für ihn inszeniert.“

Elizabeth schüttelte sich leicht. „Was denkt er jetzt nur über mich!“

„Im Moment hält er mich für den glücklichsten Mann der Welt, würde ich sagen.“

Sie musterte ihn prüfend. „Aber das stimmt nicht.“

„Heute Abend nicht, nein.“ Sie wandte den Blick ab. „Elizabeth?“

Zögernd sah sie ihn wieder an. „Ich dachte, wir könnten vielleicht …“

Reed glaubte sicher zu wissen, worauf sie hinauswollte. Es war verlockend, sogar sehr. In diesem Augenblick wünschte er sich tatsächlich nichts sehnlicher, als sich mit ihr in das große französische Bett zurückzuziehen, sich ihrer Leidenschaft hinzugeben und einfach so zu tun, als hätten sie keinerlei Sorgen. Reed würde die Ermittlungen der Börsenaufsicht gegen ihn für kurze Zeit vergessen. Aber er war nicht bereit, ihren gemeinsamen Kinderwunsch zu sabotieren. Wenn sie jetzt miteinander schliefen, wurde Elizabeth auch diesen Monat nicht schwanger, sie würde deswegen weinen, und ihre Tränen zu sehen würde ihm das Herz brechen.

„Kannst du es noch bis nächste Woche aushalten?“, bat er.

Schmerz und Enttäuschung spiegelten sich in ihren Augen.

Sie öffnete schon den Mund, überlegte es sich dann aber anders, presste die Lippen aufeinander und schloss ein paar Sekunden die Augen. Als sie sie wieder öffnete, wirkte ihre Miene entspannt, und Elizabeth schien sich gefangen zu haben. „Liegt etwas Besonderes an? Warum ist Collin hier?“

„Nein, nichts Besonderes“, erwiderte Reed beruhigend.

Nichts Besonderes – nur diese blödsinnigen Ermittlungen gegen ihn. Collin würde ihnen schnellstmöglich ein Ende bereiten. Schließlich hatte Reed keine Insidergeschäfte getätigt. Er war auch in keinerlei illegale oder unethische Geschäftspraktiken verwickelt. Trotzdem drängten sich ihm immer wieder die schlimmstmöglichen Konsequenzen der Ermittlungen auf. Wirtschaftskriminalität wurde zurzeit besonders hart geahndet, und er konnte sich gut vorstellen, dass schon vorsorglich Anklage erhoben wurde.

Genau deshalb mussten sie die Angelegenheit aus der Welt schaffen, und zwar schnell. Das Problem musste gelöst werden, bevor die Presse oder sonst irgendwer Wind davon bekam. Einschließlich Elizabeth. Ganz besonders sie sollte nichts erfahren. Denn laut ihrem Spezialisten war Unfruchtbarkeit häufig auf Stress zurückzuführen. Und die Angst davor, kein Kind bekommen zu können, setzte Elizabeth schon genug zu. Dazu kam die Feier ihres fünften Hochzeitstages. Das Letzte, was seine Frau jetzt gebrauchen konnte, waren Sorgen wegen eines möglichen Gerichtsverfahrens.

„Ich muss eine Weile mit Collin unten in seinem Apartment arbeiten.“

„Eine Weile?“ Ihre Stimme klang tonlos. Offenbar glaubte Elizabeth ihm nicht.

„Es geht um eine Routine-Angelegenheit“, sagte er und schwor sich im Stillen, die Besprechung schnellstens hinter sich zu bringen.

Sie nickte. „Verstehe.“

„Während ich unten bin, könntest du dich doch um das Festmenü für unseren Hochzeitstag kümmern.“ Dreihundert Gäste waren eingeladen, Elizabeth hatte bestimmt noch eine

Menge Details zu klären.

„Ja, klar doch“, erwiderte sie lustlos. „Ich werde die Dessertkarte ausgiebig studieren.“

Der sarkastische Tonfall war untypisch für Elizabeth. Reed wusste, dass er sie fragen sollte, was los war, aber er wagte es nicht. Er hatte Angst, dass er versucht wäre, sie zu umarmen, zu küssen und alle guten Vorsätze über Bord zu werfen.

„In einer Stunde bin ich zurück“, stieß er heiser hervor und küsste sie flüchtig auf die Stirn.

Mit der Hand streifte er ihr Haar – und prompt stieg heftiges Verlangen in ihm auf. Elizabeth umfasste sein Handgelenk kurz, aber lange genug, um seinen Entschluss zu gehen erneut ins Wanken zu bringen. Trotzdem musste es sein. Er hatte sich geschworen, alles in seiner Macht Stehende zu tun, damit sie schwanger wurde. Und er war fest entschlossen, diesen Schwur nicht zu brechen.

Ohne sie noch einmal anzuschauen, drehte er sich zur Tür um und ging zurück in sein Büro, wo Collin zutiefst verunsichert auf ihn wartete. „Also los“, forderte Reed ihn auf, schlüpfte in sein Jackett und wandte sich zum Gehen.

Collin stellte keine Fragen. Diskretion und Zurückhaltung waren sein Markenzeichen, und das schätzte Reed an ihm ganz besonders.

„Ich habe den Brief von der Börsenaufsicht“, sagte Collin, als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel und sie sich auf den Weg zu Gage Lattimers Penthouse machten. Gegen Collins Freund Gage wurde ebenfalls ermittelt.

„Auch den Umschlag?“, fragte Reed. Er wollte nicht, dass Elizabeth zufällig etwas in die Hände fiel, das im Zusammenhang mit den Ermittlungen stand.

„Alles“, antwortete Collin und blieb vor der breiten Eichentür stehen. „Ich habe sogar deinen Webbrowser geschlossen.“

„Danke.“ Er nickte und klopfte an die Tür.

Sie warteten schweigend. Von drinnen ertönte ein lautes Klirren, dann wurde die Tür geöffnet. Vor ihnen stand allerdings nicht Gage, sondern eine attraktive Brünette, die sie wachsam, ja beinahe schuldbewusst aus grünen Augen musterte.

„Ist Gage zu sprechen?“, fragte Reed. Hoffentlich stören wir nicht! Immerhin, die Frau war vollständig bekleidet.

„Es tut mir sehr leid …“ Die Frau räusperte sich. „Mr. Lattimer ist zurzeit nicht da.“

War das ein britischer Akzent?

„Und Sie sind?“, fragte Collin.

„Jane Elliot, Mr. Lattimers neue Haushälterin.“

Reed warf einen Blick über ihre Schulter. Haushälterin? Sonderlich aufgeräumt sah das Penthouse nicht aus …

Sie zog die Tür hinter sich heran und versperrte ihm damit die Sicht. „Was soll ich ihm sagen, wer nach ihm gefragt hat?“

„Reed Wellington.“

Collin reichte der Frau seine Visitenkarte. „Würden Sie ihm bitte ausrichten, er möge mich schnellstmöglich anrufen?“

„Natürlich.“ Sie nickte ihnen zu, schlüpfte zurück in die Wohnung und schloss die Tür.

„Hoffentlich bezahlt er ihr nicht allzu viel“, meinte Reed nachdenklich, während sie zum Fahrstuhl gingen.

„Ich würde ihr so ziemlich jede Summe zahlen, die sie verlangt“, entgegnete Collin.

Reed musste unwillkürlich lächeln. Er drückte den Knopf für den Lift und kam wieder auf das akute Problem zu sprechen. „Also, was glaubst du, was da eigentlich im Gange ist und was dabei herauskommen kann?“

„Ich glaube, du hättest möglicherweise auf die Erpressung eingehen und zahlen sollen.“

„Zehn Millionen Dollar? Bist du verrückt geworden?“

„Es könnte da einen Zusammenhang geben – zwischen dem Erpressungsversuch und den Ermittlungen der Börsenaufsicht.“

„In dem Erpresserbrief stand: ‚Die Welt wird erfahren, mit welch schmutzigen Tricks die Wellingtons zu ihrem Reichtum kommen.‘ Von Ermittlungen der Börsenaufsicht war keine Rede.“ Reed wäre zwar sowieso nicht auf einen Erpressungsversuch eingegangen, aber vielleicht hätte er den Brief etwas ernster genommen, wenn die Drohung nicht so allgemein gehalten gewesen wäre.

„Insidergeschäfte sind schmutzige Tricks.“

„Aber der Vorwurf ist vollkommen lächerlich!“

Beim ersten Lesen hatte Reed den Erpresserbrief für einen schlechten Scherz gehalten. Es gab sicher genügend Verrückte, die auf solche Ideen kamen. Dann hatte er sich gefragt, ob vielleicht einer ihrer ausländischen Lieferanten unlautere Geschäftspraktiken anwandte. Reed hatte das überprüft – ohne Ergebnis. Nichts, aber auch gar nichts wies darauf, dass die Wellingtons ihr Vermögen mit irgendwelchen schmutzigen Tricks gemacht hätten. Der größte Teil des Reichtums der Familie stammte aus ihren Firmen. Reed handelte so gut wie gar nicht mit Aktien.

Und die wenigen Aktiengeschäfte, die er tätigte, dienten eher dem Zeitvertreib. Er wollte einfach wissen, ob er den richtigen Riecher für die Börse hatte. Betrügereien hätten ihm nur den Spaß verdorben, und die Gewinne brauchte er nicht. Warum also sollte er Insidergeschäfte tätigen? Die Geschichte war absurd.

„Irgendeinen Hinweis müssen sie haben“, sagte Collin, als der Fahrstuhl im zweiten Stock hielt und sie ausstiegen. „Die Börsenaufsicht ermittelt nicht ohne begründeten Verdacht.“

„Okay. Wen rufen wir an?“

Collin war nicht nur sein Vizepräsident, sondern auch ein verdammt guter Anwalt. Er schloss die Tür zu seinem Apartment auf. „Als Erstes die Börsenaufsicht.“

Reed warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Viertel nach neun, reichlich spät am Abend. „Kennst du jemanden, den wir jetzt noch stören können?“

„Ja.“ Collin warf seine Aktentasche auf den Tisch. Sein Apartment war etwas kleiner, hatte nur ein Schlafzimmer und gehörte der Firma Wellington International. „Ich kenne jemanden.“ Er schnappte sich sein schnurloses Telefon und fragte: „Schenkst du uns inzwischen einen Scotch ein?“

„Klar.“

Das Telefonat war kurz. Anschließend nahm Collin das Glas entgegen, das Reed ihm reichte, und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Die Ermittlungen beziehen sich auf irgendetwas im Zusammenhang mit Ellias Technologies. Näheres erfahren wir morgen früh. Wir bekommen eine vollständige Kopie der Akte.“

„Ellias Technologies? Das war ein Tipp von Gage. Er meinte, die Firma wäre groß im Kommen. Deshalb haben wir beide Aktien gekauft.“ Reed konnte sich allerdings nicht vorstellen, dass Gage Lattimer, sein Freund und Nachbar, Aktienempfehlungen aussprach, die auf Insiderinformationen basierten. Trotzdem überlegte er laut, ob etwas an dem Geschäft merkwürdig gelaufen war. „Der Börsenwert ist sagenhaft schnell gestiegen. Besonders, nachdem dieses Navigationssystem …“ Schlagartig ging ihm ein Licht auf.

„Was?“, fragte Collin.

„Kendrick!“

„Der Senator?“

Reed nickte. „Verdammt. Was wollen wir wetten, dass er in dem Ausschuss saß?“

Collin klang besorgt, als er nachfragte: „Du meinst doch hoffentlich nicht den Ausschuss, der die Beschaffungsempfehlung gegeben hat?“

„Doch, genau den.“ Reed nippte an seinem Scotch, während Collin leise fluchte.

Reed erging es durchaus ähnlich. Er hatte zwar nichts Verwerfliches getan, aber wenn Kendrick Mitglied des besagten Ausschusses gewesen war, dann sah es natürlich glasklar nach einem Insidergeschäft aus. Reed sprach seine Gedanken laut aus: „Ich kaufe Ellias-Aktien. Kendrick, von dem alle Welt weiß, dass er mein Unternehmen Envicore.com unterstützt, genehmigt einen lukrativen Vertrag mit Ellias. Die Ellias-Aktien schießen in die Höhe, und ich verdiene daran ein paar Hunderttausend Dollar. Und plötzlich steht die Börsenaufsicht vor der Tür.“

„Du hast eine Kleinigkeit vergessen“, warf Collin ein.

„Den Erpresser, ja.“ Wenn der Erpresser der Börsenaufsicht einen Tipp gegeben hatte, hatte Reed ihn nicht annähernd ernst genug genommen.

Das hieß, der Erpresser wusste offensichtlich, welche Aktien Reed hielt. Er wusste auch, dass Reed der Eigentümer von Envicore.com war. Und er wusste, dass Kendrick in dem Senatsausschuss saß, der die Beschaffungsempfehlung für die neuen Navigationssysteme gegeben hatte. Obendrein war es ihm gelungen, aus diesem Wissen die falschen Schlüsse zu ziehen. Mit anderen Worten: Der Erpresser war gefährlich.

Collin betrachtete das Bild an der gegenüberliegenden Wand, das eine sturmgepeitschte See abbildete. „Niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, kann auf die Idee kommen, du würdest für ein paar hunderttausend Dollar das Gesetz brechen.“

„Wenn es nur so wäre.

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