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Verhängnisvolle Küsse

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Corretti-Clan

1. KAPITEL

Die Flasche war kalt … aber nicht so kalt wie der Eispanzer um ihr Herz.

Rosa hob den Champagner an die Lippen und trank noch einen Schluck, um den Schmerz zu betäuben. Verzweifelt wünschte sie sich, aufzuwachen und festzustellen, dass die letzten Tage nur ein böser Traum gewesen wären. Und sie noch die Person war, für die sie sich immer gehalten hatte.

Und dass der hochgewachsene Mann am anderen Ende der Bar sie nicht unablässig mit diesem durchdringenden Blick anstarren würde.

Die zuckenden Lichter und die laute Musik machten sie ganz schwindelig. Oder kam das vielleicht von dem Champagner, an dem sie sich festhielt, seit sie den Nachtklub betreten hatte? Sie war weder den trockenen Geschmack noch das Prickeln der Champagnerperlen gewöhnt und mochte es eigentlich auch nicht. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie mit den vollmundigen Rotweinen Siziliens aufgewachsen war. Allerdings hatte sie auch von ihnen – dank ihrer beiden überfürsorglichen Brüder – bisher höchstens mal ein halbes Glas probiert.

Wobei sie inzwischen nicht länger sicher sein konnte, ob Alessandro und Santo überhaupt ihre Brüder oder nur Halbbrüder waren …

Rosa schauderte und umschloss den Flaschenhals mit festem Griff. Es fiel ihr schwer, die unglaubliche Eröffnung zu realisieren. Nichts war mehr, wie es schien, und es würde auch nie wieder so sein wie früher. Es war eine brutale Wahrheit, die sie heute auf die denkbar übelste Weise erfahren hatte. Ihr bisheriges Leben war eine einzige große Lüge.

Und sie nichts weiter als ein …

Mademoiselle, sind Sie so weit?“

Rosa nickte, als der Nachtklubbesitzer mit dem Kinn auffordernd in Richtung der Bühne wies, auf der sich den ganzen Abend über sexy gekleidete Frauen an der Stange beim Pool-Dance präsentierten.

Die meisten von ihnen boten keinen sonderlich aufsehenerregenden Anblick, abgesehen davon, dass sie alle schlank, blond und körperlich unglaublich fit waren. Also ein Abziehbild des vorherrschenden Frauentyps an diesem Teil der französischen Riviera.

Rosa mit ihrem dunklen Haar, der olivfarbenen Haut und den fraulichen Kurven, die das neue, purpurrote Kleid förmlich zu sprengen drohten, wirkte zwischen ihnen wie ein Paradiesvogel. Unsicher setzte sie einen Fuß auf das erhöhte Podium. Ob sie in diesen mörderischen High Heels, die sie in Sizilien niemals getragen hätte, überhaupt würde tanzen können? Aber wen interessierte es hier schon, ob sie stolperte oder stürzte? Oder dass sie noch nie zuvor in ihrem Leben ein derart herausforderndes Outfit getragen hatte?

Sie jedenfalls nicht.

Heute würde sie die alte Rosa, die so großen Wert auf ihr Äußeres gelegt hatte und immer das Richtige tun wollte, einfach abschütteln. Und die neue Rosa mit dem dicken Fell, der niemand etwas anhaben konnte, willkommen heißen. Hier, an der mondänen Côte d’Azur würde sie ihren schützenden, grauen Kokon verlassen, sich in einen schillernden Schmetterling verwandeln und damit die Transformation komplett machen.

Nach einem weiteren Schluck Champagner stellte sie die Flasche zur Seite, stieg aufs Podium und begegnete dem Blick des Mannes am anderen Ende der Bar. Der Fremde mit dem nachtschwarzen Haar und der muskulösen Figur beobachtete sie immer noch, aufmerksam und leidlich amüsiert, wie es schien.

Hatte ihm denn niemand beigebracht, dass es unhöflich war, eine Frau so anzustarren? Und dabei auch noch die eigene Begleitung zu ignorieren, die nahezu an ihm klebte!

Die Musik setzte ein, als Rosa die Finger um die Pool-Stange schloss und begann, sich zu bewegen. Sie spürte das kalte Metall an ihren nackten Schenkeln, fühlte die entspannende Wirkung des Champagners und gab sich willig den hypnotischen Rhythmen hin.

Und plötzlich war es ganz leicht, sich im Fluss der Musik treiben zu lassen, zu vergessen, wer sie war und was ihr fast das Herz zerriss …

Ihre Bewegungen waren so unverkrampft und natürlich, als wäre sie dafür geboren worden, auf diese Weise zu tanzen. Für sie schien im Moment nichts anderes zu zählen, als ihren biegsamen Körper in einem wortlosen Dialog um die Stange zu winden. Rosa senkte die Lider, spreizte ihre Schenkel noch weiter und ließ den Kopf zurückfallen, sodass ihr langes mahagonifarbenes Haar den Boden berührte. Während sie lasziv die Hüften bewegte, spürte sie, wie ihr Blut immer schneller durch die Adern floss.

Ihr erotisches Spiel mit der Stange versetzte sie in eine Art Trance. Sie vergaß, wo sie war, und ignorierte die enthusiastischen und anzüglichen Kommentare um sich herum. Rosa war völlig in ihrer eigenen Welt gefangen. Sie spürte keine Hemmungen und keine Scham. Es war wie eine Katharsis.

Erst als die Musik endete und sie die Augen öffnete, sah sie die gaffenden Männer am Rand des Podiums stehen und erstarrte. Plötzlich fühlte sie sich wie ein exotisches Tier, das als Attraktion in einem Zirkus zur Schau gestellt wurde. Halb befürchtete sie sogar, die entsetzten und wütenden Gesichter ihrer Brüder zwischen den Zuschauern zu sehen.

Halbbrüder! korrigierte sie sich automatisch.

Rosa straffte die Schultern und fragte sich, wie sie vom Podium kam, ohne sich zwischen den Männern hindurchquetschen zu müssen. Viele von ihnen trugen das Hemd offen bis zur Taille, die sonnengebräunten Oberkörper glänzten vor Schweiß. Rosa spürte Übelkeit in sich aufsteigen und schauderte.

Was sie jetzt dringend brauchte, war mehr von dem kühlen Champagner, der allein den sengenden Schmerz in ihrem Innern betäuben konnte. Rosa ging in die Hocke, streckte die Hand nach der abgestellten Flasche aus und zuckte zusammen, als sie eine leichte Berührung an ihrem nackten Arm spürte. Sie schaute hoch … und begegnete dem schwärzesten Augenpaar, das sie je gesehen hatte.

Es war der Mann, der sie bereits den ganzen Abend über unablässig fixiert hatte, obwohl er in Begleitung einer attraktiven Frau war, die ihn sichtlich anhimmelte. Jetzt, da er so dicht vor ihr stand, verstand Rosa, warum sich die aufgedonnerte Blondine dermaßen ins Zeug legte. Groß und muskulös, mit dem arroganten Profil und scharfen Blick eines Adlers, stellte der Fremde jeden der Anwesenden in den Schatten.

Mit erhobenen Brauen, die sinnlich geschnittenen Lippen verächtlich geschürzt, musterte er seine gaffenden Geschlechtsgenossen. „Sieht aus, als benötigten Sie Hilfe …“, murmelte er mit einem exotischen Akzent, den sie nicht einordnen konnte.

Die alte Rosa wäre von einem Mann seines Schlags völlig überwältigt und eingeschüchtert gewesen, wenn ihre Familie ihn überhaupt so nah an sie herangelassen hätte. Momentan aber fühlte sie nur ein aufregendes Kribbeln, als wenn sie überraschend etwas gefunden hätte, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass sie sich danach sehnte.

„Und Sie sind derjenige, der diesen Job übernehmen will?“

„Der absolut perfekte Kandidat, Mademoiselle, glauben Sie mir.“

Rosa schürzte die vollen Lippen und schaute demonstrativ um sich. „Aber ich kann nirgendwo Ihr weißes Pferd entdecken.“

„Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich einen schwarzen Hengst reite, allerdings nicht in Frankreich. Außerdem mag er keine Nachtklubs …“ Seine dunklen Augen glitzerten, als er das sagte. „Im Gegensatz zu einer jungen Dame, der offenbar nicht bewusst ist, was für einen Aufruhr sie mit ihrer herausfordernden Tanzperformance verursacht hat.“

Rosas Lächeln gefror. Natürlich war ihr klar, dass der Fremde mit ihr flirtete, doch abgesehen von dem angenehmen Kribbeln in ihrem Magen fühlte sie sich ziemlich eingeschüchtert, weil eine Situation wie diese für sie absolutes Neuland bedeutete. Selbst während ihrer Studentenzeit in Palermo hatten sich Kommilitonen, für die sie sich interessiert hatte, hastig zurückgezogen, sobald sie erfuhren, wer sie war. Welcher Mann mit Verstand würde sich schon auf eine Frau aus dem ebenso mächtigen wie berühmt berüchtigten Corretti-Clan einlassen? Immer in der Gefahr, sich mit ihren Brüdern oder Cousins auseinandersetzen zu müssen.

Bisher hatte sie jedenfalls noch niemanden getroffen, der sich von der zweifelhaften Reputation ihrer Familie nicht eingeschüchtert fühlte. Und schon gar nicht wäre es ihr gestattet gewesen, mit einem Mann wie diesem auch nur ein Wort zu wechseln. Einem dunklen Adonis, der so heiß war, dass Rosa befürchtete, sich die Finger zu verbrennen, sollte sie die Hand ausstrecken, um ihn zu berühren.

Das Vernünftigste und Sicherste wäre in jedem Fall, sich einfach abzuwenden, in ihr Hotelzimmer zurückzukehren und den Champagnerrausch auszuschlafen. Morgen früh würde sie mit Kopfschmerzen erwachen, eine Tablette nehmen und überlegen, was sie mit dem Rest ihres Lebens anfangen sollte.

Doch irgendetwas in ihr sträubte sich dagegen. Ich will nicht immer nur brav und vernünftig sein! dachte sie trotzig und zauberte ein strahlendes Lächeln auf ihre Lippen. „Und was, wenn ich gar nicht gerettet werden will, sondern lieber tanzen möchte?“, fragte sie kokett und gönnte sich noch einen Schluck Champagner.

„Das lässt sich leicht arrangieren“, erwiderte er ruhig, nahm ihr die Flasche aus der Hand und reichte sie dem Nächstbesten, der sie wortlos entgegennahm. Dann führte er Rosa auf die Tanzfläche, zog sie in seine Arme, und wie auf Kommando erklang Musik.

Über Rosas Rücken lief ein heißer Schauer, die Nackenhärchen richteten sich auf und ein Gefühl von Gefahr ließ sie erbeben. Er war so groß, sein Körper so hart und muskulös. Nervös befeuchtete sie sich die Lippen mit der Zungenspitze. Welche Chance hätte eine Frau, sich gegen einen Mann wie ihn zu wehren?

Keine! Der Gedanke erregte sie eher, als dass er sie ängstigte. „Ich kenne nicht einmal Ihren Namen.“

„Den habe ich Ihnen bisher auch nicht gesagt.“

„Und … wollen Sie ihn mir nicht verraten?“

„Mal sehen. Vielleicht, wenn Sie ganz brav sind.“

Rosa spürte heiße Röte in ihre Wangen steigen. „Und wenn nicht?“

Er lachte leise. „Dann auf jeden Fall! Ich stehe nämlich auf böse Mädchen“, behauptete er und deutete eine knappe Verbeugung an. „Ich heiße Kulal.“

Sie versuchte es nachzuahmen, doch es hörte sich völlig anders an. „Ku-lal.“

Wieder dieses raue, tiefe Lachen. „Ich mag es, wie mein Name aus Ihren Lippen klingt. Es hört sich ungeheuer sexy an.“

„Pfui, schämen Sie sich!“, kicherte Rosa animiert.

Aus einem plötzlichen Impuls heraus zog Kulal sie fest an sich und spürte erregt, wie sie sich an seinen harten Leib schmiegte, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet. So wie er, seit er ihr zum ersten Mal in die Augen gesehen und sich von dem unschuldigen Blick angezogen gefühlt hatte, der so gar nicht zu ihrem aufreizenden Outfit passte. Der Druck ihrer weichen Brüste gegen seine harten Muskeln ließ ihn vor unterdrückter Lust aufstöhnen. Kulal brachte seine Lippen ganz dicht an Rosas Ohr. „Na, dann lass mal sehen, ob du auf dem Parkett ebenso heiß tanzen kannst wie an der Stange, Chérie …“

In Rosas Hinterkopf schrillte eine Alarmglocke. Hatten ihre Brüder sie nicht immer davor gewarnt, sich von Komplimenten einwickeln zu lassen? Und war sie nicht ausgerechnet bei ihnen immer wieder Zeugin der herzlosesten Verführungskünste geworden, mit denen Männer ihre Geschlechtsgenossinnen einwickelten? Männer wie Kulal wollten von Frauen wie ihr ohnehin nur das eine, und Rosa war nach sizilianischer Tradition dazu erzogen worden, ihre Ehre und Integrität um jeden Preis zu schützen.

Zumindest hatte sie es so gesehen, bis ihre heile, kleine Welt zerbrochen war und sich die Werte, an die sie so lange geglaubt hatte, als hohl und nichtig erwiesen.

Entschlossen schob sie alle Skrupel zur Seite und warf Kulal einen herausfordernd lasziven Blick zu, von dem sie bisher nicht einmal gewusst hatte, dass er zu ihrem Repertoire gehörte. „Bekomme ich einen Preis, wenn ich den Beweis antrete?“

„Wenn du mich überzeugen kannst, warum nicht?“, murmelte er rau und schloss seinen Arm noch fester um ihre Taille. „Aber ich warne dich, ich bin ein sehr kritischer Juror.“

Rosa lachte und störte sich kein bisschen an der vertraulichen Anrede. „Das Risiko gehe ich ein!“

„Gut, ich mag Frauen, die etwas riskieren …“ Damit presste er sie an sich und schwang sie so vehement im Kreis, dass ihre Füße kaum noch den Boden berührten. Mit ihm zu tanzen war anders als mit jedem anderen Mann. Er schien nur seine eigenen Regeln zu befolgen und führte sie entgegen dem flotten Rhythmus der Musik in einer Art langsamen Walzer über die Tanzfläche. Und sie ließ es geschehen.

Warum sollte sie auch nicht? Wenn es nach Rosa ging, konnte es die ganze Nacht so weitergehen.

„Gefällt es dir?“, raunte er und umfasste mit seinen heißen Händen besitzergreifend ihren runden Po.

Rosa wurde von einem ungestümen Freiheitsgefühl durchflutet und lauschte hingerissen in sich hinein. Anstatt empört zu reagieren und zurückzuzucken, schmiegte sie sich nur noch enger an ihren Tanzpartner. „Ja … es gefällt mir sogar unheimlich gut.“

„Wie ich erwartet hatte“, murmelte er zufrieden. „Mir nämlich auch.“ Kulal schloss die Augen, als er ihre Fingerspitzen auf seinem Nacken und ihr seidiges Haar an seiner Wange spürte. Sein Begehren wurde so heftig, dass er sich nur mit Mühe zurückhalten konnte, sie an noch weit intimeren Körperstellen zu berühren.

Doch obwohl Kulal als Prinz und charismatischer Charmeur selbst bei den schönsten Frauen der Welt nicht mit Ablehnung rechnen musste, war er sich seiner royalen Verpflichtungen genügend bewusst, um vorsätzlich einen Skandal zu provozieren.

Mit einer offenkundigen Exhibitionistin zu tanzen, war eine Sache, aber sie an einem öffentlichen Ort zu verführen, etwas ganz anderes. Obwohl sie durch die Tanzenden um sich herum weitgehend vor neugierigen Blicken abgeschottet waren und ihre Bewegungen im Schummerlicht verschwammen, hielt Kulal seine Libido eisern unter Kontrolle. Allein in seiner Fantasie umschloss er die festen Brustspitzen, die sich unter dem dünnen Satin ihres aufsehenerregenden scharlachroten Kleids abzeichneten, mit seinen hungrigen Lippen. Schob er eine Hand unter den Saum, der weit oberhalb dieser hübschen Knie endete, um ihren Slip zu befühlen.

Wenn sie überhaupt einen trug …

Kulal schluckte mühsam und fragte sich, ob sie etwas von dem wachsenden Ausmaß seiner Begierde mitbekommen hatte.

Sie war ihm in der Sekunde aufgefallen, als sie den Nachtklub betreten hatte. Was für ein Wunder! Das schimmernde rote Kleid hatte seiner Fantasie ja auch wenig Raum gelassen. Sie hatte einen Körper, der besonders hier, in Südfrankreich, zurzeit absolut nicht en vogue war. Weder hätte man ihr unterstellt, dass sie jeden Tag Stunden in einem Fitness-Center verbrachte, noch sich mit einer strapaziösen Diät kasteite. Stattdessen wirkte sie so sinnlich und saftig wie eine reife Maulbeere, kurz bevor sie vom Baum fiel.

Das wundervolle Haar fiel wie schimmernder Satin ihren Rücken herab bis zur Taille. Ihr Minikleid ließ die weißen Schenkel bei jedem Schritt eine Spur mehr sehen, und als sich ihre Blicke über den Raum hinweg trafen, weiteten sich ihre Augen, als wäre sie überrascht … irritiert. In diesem Moment hatte er es gespürt. Diese Frau wollte ihn, und er war bereit, zu nehmen, was sich ihm bot. Für derartige Schwingungen hatte er von jeher eine Antenne gehabt.

Dummerweise durfte er sich nicht allzu lange Zeit lassen, weil Vergnügungen dieser Art sehr bald der Vergangenheit angehören mussten. Schluss mit erotischen Intermezzi.

Beim Gedanken an die arrangierte Heirat, die seinem freien Playboyleben ein brutales Ende bereiten würde, wanderten Kulals Mundwinkel nach unten. Denn selbst wenn seine Braut eine sogenannte offene Ehe stillschweigend akzeptieren würde – zumindest offen von seiner Seite aus gesehen –, musste er seine Affären in Zukunft diskreter arrangieren. Auch wenn er aus einem Kulturkreis stammte, der von Ehefrauen gegenüber den Indiskretionen ihrer Gatten Blindheit erwartete.

An einem Hotspot der internationalen Partyszene in Begleitung einer auffälligen Schönheit einen angesagten Nachtklub zu verlassen, gehörte ab sofort der Vergangenheit an.

Kulal beugte sich vor und presste seine Lippen auf die zarte Ohrmuschel seiner Tanzpartnerin. „Wie heißt du überhaupt?“

„Rosa“, murmelte sie und verbiss sich im letzten Moment das Corretti, das ihr sonst automatisch über die Lippen kam. Ob Kulal diesen Namen überhaupt schon einmal gehört hatte? Lieber kein Risiko eingehen. Diese Nacht gehörte allein der rücksichtslosen, vergnügungssüchtigen Rosa, die keinen Gedanken ans Morgen verschwendete!

„Rosa …“, wiederholte Kulal genießerisch und strich bedächtig über ihr schimmerndes Haar, als streichele er die Flanke seines Lieblingshengsts. Was für ein passender Name für diese duftende, voll erblühte Schönheit. „Auch das gefällt mir. Bist du Italienerin?“

„Ja.“ Eingehüllt in seinen herben, maskulinen Duft fiel es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Und wen interessierte es schon, wenn sie es hier und jetzt mit der Wahrheit nicht so genau nahm? Natürlich war sie durch und durch Sizilianerin. Zu Hause würde man es missbilligen, dass sie sich als Italienerin ausgab. Aber so war es einfacher. Außerdem schuldete sie der Familie rein gar nichts mehr! „Ja, das bin ich.“

„Und tanzt du schon lange in Nachtklubs an der Stange, Rosa?“

Automatisch schüttelte sie den Kopf. „Nein, heute war mein erstes Mal.“

Kulal hob die dunklen Brauen. „Interessant. Wie kommt es, dass du …“

„Warum erzählst du mir nicht etwas über dich“, unterbrach Rosa, weil sie sich in die Enge getrieben fühlte.

An diesem Punkt entschied Kulal, dass eine Unterhaltung mehr als mühsam war, wenn man fast schreien musste, um sich verständlich zu machen. Außerdem würden sie über kurz oder lang doch noch einen Skandal provozieren, wenn Rosa sich weiterhin so hemmungslos an ihn schmiegte wie jetzt gerade. Also, warum ihre Konversation nicht auf privateres Terrain verlegen? Zum Beispiel in den Teil seiner Villa, der seinem Schlafzimmer am nächsten war? „Warum gehen wir nicht irgendwo hin, wo es ruhiger ist?“

Rosa klimperte mit den Augenlidern und wünschte, er hätte sie gewarnt, bevor er seinen festen Griff lockerte. Plötzlich fühlte sie sich wie ein Schiff in Seenot auf dem stürmischen Meer. „Und wohin zum Beispiel?“

Warum mussten Frauen das immer wieder tun? Diese alberne Demonstration angeblicher Unschuld, obwohl sie doch genau wussten, wie diese Nacht für sie beide enden würde. Und bei einer Frau wie Rosa, die er direkt von der Tabledance-Bühne entführt hatte, wirkte diese Farce noch abtörnender als sonst.

„Ich kenne da einen unglaublich romantischen Ort mit einer fantastischen Aussicht, an dem wir zusammen die Sterne beobachten können.“

Rosa lächelte verträumt. „Oh, ich liebe die Sterne.“

„Und ich erst …“, murmelte Kulal sarkastisch. „Also, warum verschwinden wir nicht von hier und suchen unser privates Stückchen vom Himmel?“

Bei ihm hört sich alles so wundervoll und poetisch an, dachte Rosa verschwommen und versuchte sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte. „Okay.“

Kulal lächelte dünn und bedauerte es fast, wie einfach er wieder einmal kampflos bekam, was er wollte. So war es immer gewesen, außer in einem Fall …

Was Kulal will, das bekommt er auch.

Sein Herz zog sich zusammen, als er an das einzige Mal dachte, dass diese Maxime, die für jeden in seiner Umgebung galt, nicht erfüllt wurde. Damals war er noch ein wildes, störrisches Kind und verwöhnter kleiner Wüstenprinz gewesen, und es war um den einzigen Menschen gegangen, der ihm jemals etwas bedeutet hatte. Doch da war es für ihn unmöglich gewesen zu kämpfen … und zu gewinnen.

Als er in Rosas offenes Gesicht schaute und ihrem vertrauensvollen Blick begegnete, spürte er so etwas wie Unbehagen. Er wollte sie heiß und sexy, wie sie sich auf der Bühne gegeben hatte. „Lass uns zu meinem Wagen gehen. Hast du eine Jacke oder Ähnliches?“

Rosa blinzelte. Habe ich? Sie schaute an ihrem scharlachroten Minikleid hinunter und wusste es nicht. Sie hatte ihr Outfit erst vor wenigen Stunden in einer sündhaft teuren Boutique in Antibes erstanden, zusammen mit den mörderischen High Heels und dem passenden Abendtäschchen, das an einer schweren goldenen Kette von ihrer Schulter baumelte. An andere Kleidungsstücke konnte sie sich nicht erinnern.

„Ich glaube nicht.“ Der Blick, den Kulal ihr zuwarf, wirkte ziemlich gereizt.

Nach einem weiteren genervten Blick in die Runde umfasste er ihren nackten Arm und dirigierte sie von der Tanzfläche in Richtung Ausgang. Inzwischen bedauerte er seinen spontanen Vorschlag und hätte Rosa am liebsten ihrem Schicksal überlassen. Sie mochte aussehen wie der wahrgewordene Männertraum, doch ihr unsicherer Gang legte nahe, dass sie vermutlich angeheiterter war, als Kulal bisher gedacht hatte.

Keine Frage, er mochte böse Mädchen, allerdings lieber nüchtern.

Eine Hand um ihre Taille gelegt, stützte er seine Begleiterin unauffällig beim Verlassen der Bar. Glücklicherweise hängen hier nirgendwo sensationslüsterne Paparazzi herum! dachte Kulal grimmig und half Rosa auf die Rückbank der wartenden Limousine. Mit einem zufriedenen Seufzer streckte sie die Beine von sich und schloss die Augen.

Zum ersten Mal in seinem Leben verzichtete Kulal darauf, die Gunst der Stunde zu nutzen, und zupfte den hochgerutschten Saum ihres Minis herunter, anstatt herauszufinden, ob Rosa tatsächlich einen Slip trug oder nicht. „Wie viel hast du eigentlich getrunken?“

Seine dunkle Stimme mit dem aufregenden Akzent zwang sie, die schweren Lider zu heben und seinen Blick zu suchen. Mein Retter! Er war nicht nur außerordentlich attraktiv, sondern dazu noch ein göttlicher Tänzer, in dessen Armen sie sich so leicht und beschwingt gefühlt hatte wie nie zuvor in ihrem Leben. Oder so wohl und sicher wie hier in seinem luxuriösen Wagen. Aber warum hielt er sie jetzt nicht in seinen starken Armen, damit sie alles andere vergaß? „Komm her und küss mich“, murmelte sie sehnsüchtig und rückte so dicht wie möglich an Kulal heran. „Bitte …“

Mit einem kurzen Blick in Richtung des Chauffeurs fing er ihre Arme ein, die sie um seinen Hals schlingen wollte, und schüttelte Rosa leicht.

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