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Vergiss nicht zu leben

1. KAPITEL

„Lassen Sie die Hosen runter, Sergeant.“

Ray Darling blickte über die Schulter und grinste. „Wow, Sie sind aber stürmisch heute, Schwester Pritchard.“

Die Krankenschwester versuchte ernst zu bleiben, doch um ihre Mundwinkel zuckte es verräterisch. Leider konnte er diesen Triumph nicht auskosten, denn sie kam mit einer großen Spritze auf ihn zu.

Also holte er tief Luft und gehorchte. Schlimm genug, dass er eine vorsorgliche Impfung brauchte, weil bei einem Mitglied des Kantinenpersonals Hepatitis B diagnostiziert worden war. Aber dass ausgerechnet „Eistörtchen Pritchard“ ihm die Spritze verpasste, machte es doppelt schlimm.

Die Schwester mit dem viel sagenden Spitznamen war die attraktivste Frau im Militärkrankenhaus von Hurlburt Field, der Air-Force-Basis bei Fort Walton im Nordwesten Floridas. Sie hatte eine fantastische Figur, schulterlange blonde Haare, blaue Augen und ein hübsches Gesicht. Und dummerweise kein Interesse an Männern. Bisher hatte sie noch jeden eiskalt abblitzen lassen. Abschrecken ließ sich davon aber kaum jemand. Ihre legendären Abfuhren an alle, die auch nur das geringste Interesse an ihr zeigten, heizten eher die Fantasie und den Ehrgeiz der Männer auf der Basis an.

Auch Ray fand sie attraktiv, aber da schon erfahrenere Männer sich einen Korb geholt hatten, versuchte er gar nicht erst, bei ihr zu landen. Sicher, sollte es ihm gelingen, könnte er sich etwas darauf einbilden – schließlich waren selbst die schneidigen Kampfjet-Piloten, die sich für unwiderstehlich hielten, beim Eistörtchen der Reihe nach gescheitert.

Hm, einen Versuch war es vielleicht wirklich mal wert.

Nur nicht gerade heute.

Nach zehn Jahren bei der Air Force war er ein erfahrener Sergeant – aber im Umgang mit Frauen fühlte er sich wie ein Teenager. In diesem Fall nützte es ihm wenig, dass er eine Art Wunderkind gewesen war, das mit dreizehn die Highschool abschloss und mit vierzehn aufs College ging. Alle Mädchen in seinen Kursen waren viel älter gewesen als er und wollten von ihm nichts wissen. Schließlich gab er die Sache einfach auf.

Mit achtzehn hatte er sich dann seinen ehrgeizigen Eltern widersetzt und war zur Air Force gegangen statt auf die Uni. Hier musste er erst mal lernen, sich wie ein normaler Mann seines Alters zu verhalten. Und er versuchte, nicht als „Wunderkind“ aufzufallen, indem er zum Beispiel seinen ungewöhnlich großen Wortschatz dem allgemeinen Niveau in der Army anpasste. Dazu kam die umfassende Ausbildung mit vielen Spezialkenntnissen, und mit all dem war er so beschäftigt gewesen, dass er für Frauen gar keine Zeit hatte.

Jetzt, mit achtundzwanzig, wünschte er sich allerdings schon manchmal mehr Übung in diesem Bereich. Leider gab es dafür keine Lehrbücher – oder zumindest keine brauchbaren. Immerhin, die zweideutige Bemerkung, die er in irgendeinem alten Film aufgeschnappt hatte, hatte dem Eistörtchen fast ein Lächeln entlockt.

„Zum Abschuss freigegeben“, ergab Ray sich in sein Schicksal, verzog das Gesicht, als er den kühlen Alkohol auf der Haut spürte, und wappnete sich gegen den Einstich. Er war ein gestandener Einsatzkoordinator. Ein ganzer Kerl. Er würde sich von so einer kleinen Nadel nicht in die Knie zwingen lassen.

Leider kam es schlimmer als erwartet. Ray unterdrückte ein Stöhnen, als das Serum sich verteilte. Verdammt. Wie konnte eine kleine Spritze so wehtun? Vielleicht machte es dem Eistörtchen ja Spaß, starke Männer leiden zu sehen.

„Fertig, Sergeant Darling. Sie können sich wieder anziehen“, sagte Schwester Pritchard endlich. Wie immer war ihr Tonfall geschäftsmäßig. „Das Sitzen wird eine Weile wehtun, aber Sie werden es überleben. Das war’s.“

Ray rechnete fast damit, dass sie ihm einen Klaps auf den nackten Po gab, was natürlich nur seiner Fantasie entsprang. Nein, das war bestimmt nicht der richtige Moment für einen Annäherungsversuch. Hastig zog er die Hosen hoch.

Außerdem hatte er gar keine Zeit, mit der Schwester zu flirten. Sein Colonel wollte ihn sprechen, und die Aufforderung hatte dringend geklungen.

Eins zu null für das Eistörtchen, dachte Ray amüsiert. Beim Gehen bemühte er sich, möglichst normal aufzutreten und trotzdem seinen malträtierten Muskel zu schonen.

„Ist das nicht ein süßer Typ?“, schwärmte Nancy Oakley, die Rezeptionistin, als Patsy Pritchard aus dem Behandlungszimmer kam, um den nächsten Patienten hereinzurufen. Nancy strich sich über den Bauch, der sich im achten Monat ihrer Schwangerschaft deutlich rundete. „Wenn ich nicht schon vergeben wäre, würde ich ihm glatt schöne Augen machen.“

„Na, da hat dein Andy ja Glück, dass du so standhaft bist“, erwiderte Patsy lächelnd. Doch Nancy hatte schon recht: Sergeant Darling machte seinem romantischen Namen alle Ehre. „Aber du kennst ja meine eiserne Regel, nie mit Männern auszugehen, die ich bei der Arbeit kennengelernt habe. Also müssen wir wohl beide auf ihn verzichten“, fügte sie augenzwinkernd hinzu.

Leider eigentlich, doch das verkniff sie sich. Der große und dunkelhaarige Sergeant sah wirklich umwerfend aus, obwohl er eine Brille – dazu noch ein wenig kleidsames Gestell – trug. Von den anderen wurde die Brille scherzhaft mit „Liebestöter“ betitelt, aber Patsy fand nicht, dass sie Ray Darling unattraktiv machte – eher im Gegenteil.

„Wenn er nur mal diese Brille abnehmen würde“, seufzte Nancy, als sie Patsy die nächste Patientenakte überreichte.

Patsy lachte. „Daran hab ich auch gerade gedacht. Irgendwie steht sie ihm aber. Er wirkt damit intelligent und freundlich – nicht so draufgängerisch wie die anderen gut aussehenden Männer hier. Er ist wohl auch nicht so ein Macho wie die restlichen Jungs von seinem Sondereinsatzkommando. Jedenfalls benimmt er sich immer höflich.“

„Ja, ich mag seine schüchterne Art auch“, stimmte Nancy zu. „Und sein markantes Kinn verdeckt die Brille ja nicht.“

„Nein“, seufzte Patsy, wobei sie allerdings weniger an Sergeant Darlings Kinn als an seine breiten Schultern, seine durchtrainierte Bauchpartie und sein straffes Hinterteil dachte, das sie gerade aus der Nähe hatte bewundern dürfen.

Womöglich hatte Sergeant Darling ja beschlossen, seine Zurückhaltung abzulegen, immerhin war das heute fast ein Flirtversuch gewesen. Der Gedanke gefiel ihr – auch wenn es nichts an den Tatsachen änderte.

Nachdem sie jahrelang so viele Männer auf der Basis hatte abblitzen lassen, würde sich ein eher schüchterner Kandidat wie Sergeant Darling bestimmt nicht an sie herantrauen. Mittlerweile wagten nur noch die selbstherrlichen Blender einen Versuch. Schade, manchmal wünschte Patsy sich, die anderen würden sich nicht so schnell abschrecken lassen.

Seufzend blätterte sie die Patientenakte durch. Heute war anscheinend wieder einer dieser Tage … und das alles nur wegen einer harmlosen Bemerkung von Sergeant Darling.

Ray klopfte an die offene Bürotür seines Vorgesetzten Colonel John Harbeson. „Sie wollten mich sprechen, Sir?“

Harbeson winkte ihn herein. „Nein, Radar, eigentlich wollte meine Frau Sie sprechen“, erklärte er resolut.

Ray verzog das Gesicht, als er seinen Spitznamen hörte, aber seinen befehlshabenden Offizier konnte er schlecht korrigieren. Außerdem war „Radar“ immer noch besser als „Darling“, wie er als Neuling bei der Truppe oft genannt worden war. Nicht zum ersten Mal hatte er da seinen Nachnamen verflucht, der geradezu zu Frotzeleien aufforderte.

Erst jetzt bemerkte er die Frau des Colonels, die auf der Couch hinter der Tür saß. „Tut mir leid, Ma’am“, sagte er, „ich habe Sie nicht gleich gesehen. Was kann ich für Sie tun?“

Die Frage war keine bloße Floskel. Er konnte sich absolut nicht vorstellen, warum die Frau des Colonels ihn sprechen wollte.

„Bitte nennen Sie mich Marianne“, erwiderte sie und klopfte einladend auf den Platz neben sich. „Schließlich ist John Ihr Boss, nicht ich.“

„Ja, Ma… ich meine, Mrs. H… ich meine, Marianne.“ Liebe Güte, immerhin war Mrs. Harbeson fast so alt wie seine Mutter. „Und ich würde gern stehen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Das Eistörtchen hatte schon recht gehabt – im Moment war ihm absolut nicht nach Sitzen zumute.

„Wie Sie wollen“, meinte Mrs. Harbeson. „Sie fragen sich sicher, weshalb ich Sie kommen ließ.“

„Ja, Ma’am.“

Mrs. Harbeson hob eine Augenbraue, korrigierte ihn aber nicht. „Ich möchte Sie um einen Gefallen bitten.“

„Was kann ich für Sie tun, Ma’am?“

Resigniert hob sie die Hände. „Ich gebe auf.“

„Ma’am?“

„Nennen Sie mich, wie Sie wollen, Radar. Nur nicht gerade ‚Sir‘, wenn’s geht.“

„Nein, Ma’am.“ Ray hoffte, Mrs. Harbeson würde endlich zum Punkt kommen.

„Mein Frauenverband plant eine Junggesellenauktion, um Geld für einen guten Zweck zu sammeln. Ich hoffe, Sie stellen sich zur Verfügung.“

„Wie bitte?“ Ray schluckte.

Hatte er richtig gehört? Sie wollte ernsthaft, dass er bei einer solchen Aktion mitmischte? Ein guter Witz. Hey, das war doch was für die Charmeure und Draufgänger mit Charisma. Er gehörte zu den Stillen, Zurückhaltenden, war fast schon ein Außenseiter. Er konnte höchstens einen Computer programmieren, aber das war wohl keine Eigenschaft, für die ihn eine Frau ersteigern würde.

„Sie haben mich schon richtig verstanden“, bemerkte Mrs. Harbeson streng. „Ich möchte Sie mit an Bord haben. Sie sind doch noch Junggeselle, oder? Ich hätte doch gewiss erfahren, wenn sich daran seit der letzten Weihnachtsfeier etwas geändert hätte. Haben Sie etwa eine Freundin?“

„Nein, Ma’am“, antwortete Ray, noch immer geschockt. „Aber sind Sie sicher, dass Sie wirklich mich wollen?“

Es musste daran liegen, dass so viele seiner Kameraden mittlerweile geheiratet hatten. Wahrscheinlich bekam Mrs. Harbeson einfach nicht genug Junggesellen zusammen und musste jetzt nehmen, wen sie kriegen konnte. Sonst hätte sie bestimmt nicht ihn gefragt.

Auf einmal brach ihm der Schweiß aus. Und zwar deshalb, weil er tatsächlich versucht war, zuzusagen. Diese Impfung musste sich irgendwie auf seinen Verstand ausgewirkt haben.

„Ja, Radar“, bekräftigte Mrs. Harbeson. „Ich bin sicher, dass Sie der perfekte Mann dafür sind.“

Immerhin war sie die Frau seines Colonels, da konnte er schlecht ablehnen. Vielleicht lernte er bei der Gelegenheit ja sogar eine interessante Frau kennen?

Haha.

„Also gut, Ma’am. Ich stehe Ihnen zur Verfügung.“ Ray wandte sich an den Colonel, der bis jetzt kein einziges Wort gesagt hatte. „Kann ich sonst noch etwas tun, Sir?“

Der Colonel grinste. „Nein, das war alles, Ray. Marianne wird Sie später mit den Details vertraut machen.“

Ray nickte knapp und ging zur Tür.

„Ach, und schicken Sie mir Sergeant Murphy her“, rief der Colonel ihm nach.

„Ja, Sir.“ Erleichtert machte sich Ray auf die Suche nach seinem Freund Danny Murphy, der ihm offenbar als Junggeselle Gesellschaft leisten sollte.

„Es ist mir egal, ob du zwei Karten hast, Tante Myrtle, ich will dieses sexistische Schauspiel nicht sehen“, empörte sich Patsy. Ihre Tante war bereits in voller Montur für die jährliche Wohltätigkeitsgala des örtlichen Frauenvereins, die mit einer Junggesellenauktion ihren krönenden Abschluss finden sollte.

Natürlich wusste Patsy genau, was Tante Myrtle im Schilde führte, und würde sie nicht noch darin unterstützen. „Wenn ich ein Date will, dann mache ich das auf meine Art und nicht, indem ich mir einen Mann kaufe“, erklärte sie verächtlich.

„Aber du bist seit Jahren Single“, widersprach ihre Tante. „Eine attraktive junge Frau wie du sollte nicht mit ihren Katzen allein zu Hause sitzen. Du musst doch ausgehen und Spaß haben, unter Leute kommen.“

Nicht schon wieder die alte Leier, dachte Patsy verstimmt. Warum wollte Tante Myrtle bloß nicht verstehen, dass sie mit ihrem Leben vollauf zufrieden war? „Ich bin doch kein Einsiedler“, widersprach sie. „Ich sehe jeden Tag eine Menge Leute.“ Als ihre Tante zu einem Protest ansetzte, fuhr sie fort: „Und mir ist schon klar, dass du mit ‚Leuten‘ Männer meinst. Ich arbeite immerhin bei der Air Force. Wenn ich wollte, würde ich da schon einen Kandidaten finden, der mit mir ausgeht.“

Aber sie wollte nun mal nicht. Schließlich hatte sie einen wunderbaren Mann gehabt. Eine ganze Familie sogar. Und das ließ sich nicht einfach so ersetzen. Sie hatte ihren Mann Ace hingebungsvoll geliebt und war fast gestorben, als sie ihn verlor. Noch immer war sie nicht darüber hinweg.

„Außerdem bist du diejenige, die hier Katzen hat. Ich habe einen Hund“, setzte sie hinzu.

Myrtle rückte vor dem Spiegel ihr knallrotes Hütchen mit der Straußenfeder zurecht und steckte es mit einer Hutnadel auf ihrem grau melierten, voluminös toupierten Haar fest. Sie strich die Rüschen ihrer lilafarbenen Seidenbluse glatt, kniff sich in die Wangen und presste die Lippen aufeinander, um ihren roten Lippenstift zu verteilen.

„Fertig“, sagte sie und stand auf. „Bist du sicher, dass du nicht mit willst?“

„Absolut. Du kannst die zweite Karte gern jemand anderem schenken.“

„Verdammt, in dieser Verkleidung komme ich mir wie ein Affe vor“, fluchte Ray, als er und Danny hinter der Bühne ihre Ausgehuniformen zurechtzupften. Wenigstens mussten sie nicht wie die anderen Junggesellen im Smoking auf die Bühne – lieber Affe als Pinguin, sagte sich Ray.

Anders als sein Freund Danny fühlte er sich völlig fehl am Platz. Aber Danny war eben ein Frauenheld – das war der Unterschied zwischen ihnen beiden.

Nervös versuchte Ray, seinen Hemdkragen zu lockern. Seine Fliege war zwar nur zum Aufstecken, aber er hatte trotzdem das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

„Hören Sie auf, herumzuzappeln“, tadelte ihn Mrs. Harbeson, die plötzlich vor ihm stand. „Sie sehen sehr gut aus, Radar. Schön, dass Sie Ihre Sonntagsbrille aufhaben.“

„Die andere trage ich nur im Dienst“, erwiderte er.

„Na, ein Glück“, bemerkte Mrs. Harbeson süffisant. „Und jetzt entspannen Sie sich. Ich denke, Sie werden ein hübsches Sümmchen für den guten Zweck einbringen.“

„Ich tue mein Bestes, Mrs. H.“ Auf diese Anrede hatten sie sich schließlich geeinigt.

Mrs. Harbeson nickte zufrieden und wandte sich dann an Danny. „Vielleicht können Sie Radar dazu bringen, etwas lockerer zu werden?“

Danny grinste. „Ich versuch’s, Marianne. Aber natürlich werde ich das meiste Geld einbringen. Schließlich kann sich der irische Don Juan nicht von einem Ray Darling übertrumpfen lassen.“

„Wir werden sehen“, erwiderte Mrs. Harbeson schmunzelnd und verschwand so schnell, wie sie gekommen war.

„Was meinst du, Radar? Glaubst du, die Damen handeln dich höher als mich?“

„Keine Ahnung. Willst du wetten?“, ging Ray auf Dannys Stichelei ein, obwohl er genau wusste, dass er gegen den attraktiven Frauenhelden keine Chance hatte.

„Na klar. Der Verlierer gibt einen Kasten Bier aus.“

„Einverstanden. Aber der Gewinner bestimmt die Marke, und du weißt, dass ich lieber Importbier trinke.“

„Okay. Wenn du gewinnst, esse ich mein Adressbuch mit den ganzen süßen Telefonnummern darin.“

Ray grinste. Eine verlockende Aussicht, aber äußerst unwahrscheinlich. Er konnte es kaum abwarten, diese alberne Sache endlich hinter sich zu bringen.

Jemand kam und führte sie zu ihren Plätzen an der Seite der Bühne, und eine Moderatorin auf dem Podium rief das erste Opfer auf. Ray war froh, dass er noch eine Weile zusehen konnte, wie die anderen Männer sich verhielten. Wie man unter feindlichem Beschuss eine Kommunikationslinie aufbaute, das wusste er genau, aber hier kam er sich völlig verloren vor.

Die Sache zog sich ziemlich hin. Danny ging für 450 Dollar weg, eine der höheren Summen. Ray erwartete nicht wirklich, ihn zu übertreffen. So langsam wurde seine innere Anspannung unerträglich. Die riefen ihn doch tatsächlich als Letzten auf!

„Und nun, wie immer, das Beste zum Schluss“, kündigte ihn die Moderatorin an. „Applaus für Sergeant Ray Darling!“

Ray wusste nicht, was schlimmer war: an diesem Affentheater überhaupt teilzunehmen oder danach mit einer wildfremden Frau auszugehen. Denn eine Frau, die sich einen Abend mit einem Junggesellen kaufen musste, war höchstwahrscheinlich auch nicht gerade sein Typ …

Patsy Pritchard klingelte ungeduldig bei ihrer Tante an der Haustür. Wieder mal typisch Tante Myrtle, sie an einem Samstagabend herzuzitieren, wenn sie eigentlich etwas anderes vorhatte.

Mit was für einer verrückten Idee würde sie wohl diesmal konfrontiert werden? Patsy klingelte noch einmal Sturm und hämmerte anschließend laut an die Tür. Wurde Tante Myrtle langsam schwerhörig? Reg dich nicht auf, sie ist immerhin deine einzige Verwandte, sagte sie sich. Ohne sie wärst du ganz allein auf der Welt.

„Tut mir leid, Liebes“, rief Myrtle atemlos, als sie endlich öffnete. Sie trug wieder eine dieser albernen Rüschenblusen, die aussahen wie aus dem vorletzten Jahrhundert, und hatte sich ausgehfein zurechtgemacht.

„Du hast nicht gesagt, dass wir irgendwohin wollen“, meinte Patsy vorwurfsvoll. Sie trug bequeme Kakihosen und einen leichten hellblauen Pullover mit passender Strickjacke – genau das richtige Outfit für einen gemütlichen Filmabend zu Hause, mehr aber auch nicht. „Hätte ich mich umziehen sollen?“

„Du siehst wunderbar aus, Liebes.“ Myrtle griff nach ihrer großen Häkelhandtasche. „Ja, wir gehen aus, und zwar zum Abendessen ins Blue Heron.“

„Da brauchen wir ja schon fast eine Stunde für die Fahrt“, meinte Patsy unlustig. Sie hatte endlich eine Sonderedition von alten Ed-Wood-Filmen ergattert, hinter denen sie schon lange her war, und hatte sich die ganze Woche auf ihren privaten Kinoabend gefreut.

„Na und?“ Myrtle schlug energisch die Haustür hinter sich zu. „Die alten Filme laufen dir nicht weg.“

Konnte ihre Tante etwa Gedanken lesen?

„Wer redet denn von Filmen? Warum gehen wir nicht einfach irgendwo in der Stadt essen?“

„Weil wir im Blue Heron mit einem netten jungen Mann verabredet sind. Du sitzt jedes Wochenende zu Hause und schaust dir alte Filme an. Wie willst du da einen Mann kennenlernen?“

„Will ich ja gar nicht. Deshalb gehe ich nicht aus.“ Patsy blieb vor Myrtles altem rosafarbenen Cadillac stehen. Sie hatte überhaupt keine Lust auf eine von ihrer Tante eingefädelte Verabredung. Myrtles Männergeschmack war schrecklich. Selbst wenn sie wirklich Lust auf ein Date hätte, dann ganz bestimmt nicht mit einem der Typen, die Tante Myrtle immer anschleppte.

„Aber du musst mitkommen, Liebes. Ich habe tausend Dollar für ihn gezahlt.“

„Du hast was?“ Erschrocken schlug Patsy sich die flache Hand auf den Mund, als sie merkte, wie schrill ihre Stimme klang. Leiser fuhr sie fort: „Das kann nicht dein Ernst sein! Du hast doch wohl keinen Begleitservice bestellt!“

Kopfschüttelnd stieg Myrtle in den Wagen. „Also wirklich, Patricia, du liest wohl die falschen Bücher. Oder kommt so was in den alten Filmen vor, die du dir immer anschaust?“ Sie holte kurz Luft, redete aber bereits weiter, ohne Patsy zu Wort kommen zu lassen. „Ich habe einen Junggesellen bei der Auktion ersteigert. Hättest du mich begleitet, hättest du dir selbst einen aussuchen können – auf meine Kosten. Aber so musste ich das eben machen.“ Sie öffnete die Beifahrertür.

Patsy lehnte seufzend die Stirn an das kühle Wagendach. Eintausend Dollar! Zwar konnte sich Tante Myrtle eine solche Ausgabe sicher locker leisten … aber trotzdem war es eine Menge Geld. Sie selbst hätte diese Summe ganz bestimmt nicht für einen Abend mit einem Junggesellen ausgegeben.

Immerhin kam Tante Myrtle mit, also war es nicht gerade ein Blind Date. Hoffentlich war der Typ wenigstens nicht so ein Schreckgespenst wie der Buchhalter mit den ungepflegten Zähnen und dem strähnigen Haar, den Myrtle das letzte Mal angeschleppt hatte.

„Du hast gewonnen“, gab Patsy resigniert nach. „Es wäre ja schade um das viele Geld. Aber ich mache nur unter Protest mit, damit du’s weißt!“ Und Spaß werde ich schon gar nicht haben, schwor sie sich im Stillen.

„Natürlich, Liebes“, erwiderte Myrtle geduldig lächelnd und ließ den Motor an. „Vielleicht solltest du dann endlich einsteigen?“

Patsy gehorchte, obwohl sie genau wusste, dass sie es bereuen würde.

Ray fragte sich, warum Miss Carter ein derart abgelegenes Restaurant gewählt hatte. Was stimmte nicht mit der geheimnisvollen Nichte, dass die Tante tausend Dollar für einen Junggesellen zahlte und das Date im Niemandsland stattfinden ließ? Miss Carter hatte einen ziemlich schrulligen Eindruck gemacht. Was, wenn das in der Familie lag?

Er atmete tief durch und versuchte die Sache positiv zu sehen. Immerhin konnte er jetzt mal den Umgang mit Frauen üben, ohne sich gleich die Chancen bei einer zu verderben, an der er wirklich interessiert war. Wie zum Beispiel Schwester Pritchard. Aber die war wohl sowieso eine Nummer zu groß für ihn.

Leise lachend schüttelte er den Kopf über seine verrückte Idee.

Nachdem die Straße kilometerweit durch ödes Buschland geführt hatte, hinter dem hin und wieder der Golf von Mexiko aufblitzte, entdeckte Ray endlich wieder Anzeichen von Zivilisation – ein paar Mehrfamilienhäuser und Läden auf der einen Straßenseite und eine Reihe von Strandvillen, Motels und Restaurants auf der anderen. Schließlich kam das Blue Heron in Sicht, und Ray bog auf den Parkplatz ein.

Nach einem kurzen prüfenden Blick in den Rückspiegel stieg er aus und atmete tief durch. „Auf in den Kampf“, murmelte er und betrat das Restaurant.

Die Bedienung führte ihn zum Tisch von Miss Carter, die ihm freudig zuwinkte. Er winkte zurück, leicht geistesabwesend allerdings, denn er war mehr an ihrer Begleitung interessiert – der geheimnisvollen Nichte.

Sie saß mit dem Rücken zu ihm, doch auf den ersten Blick wirkte sie gar nicht so übel. Ihr langes blondes Haar fiel ihr in leichten Wellen auf die Schultern, und sie trug etwas Hellblaues. An einer Seite hatte sie das Haar mit einer Spange hochgesteckt, aber mehr konnte er nicht erkennen.

Unvermittelt jedoch drehte sich die Frau um. Wie angewurzelt blieb Ray stehen.

Das musste ein Traum sein. Wie konnten zwei Frauen einander so ähneln? Oder war die blonde Schönheit vor ihm am Ende wirklich Schwester Pritchard?

Patsy verschluckte sich beinahe an dem Wein, von dem sie gerade einen Schluck genommen hatte. Das durfte ja wohl nicht wahr sein. Sie kannte den Mann, der auf ihren Tisch zukam – oder doch nicht? Statt Uniform trug er graue Hosen, einen weißen Rollkragenpulli und eine dunkelblaue Windjacke – und statt des Liebestöters auf der Nase eine schicke Designerbrille. Zweifel ausgeschlossen – vor ihr stand tatsächlich Sergeant Darling. Patsy hatte plötzlich das beklemmende Gefühl, dass im Raum die Luft knapp wurde.

Sergeant Darling wirkte zum Glück mindestens ebenso überrascht wie sie.

Wortlos starrten sie einander an, bis Ray schwer schluckte. Fasziniert beobachtete Patsy, wie sein Adamsapfel auf und ab hüpfte.

„Ich fühle mich völlig überrumpelt“, bemerkte er schließlich halblaut.

Er sprach nicht direkt mit Patsy, aber leise genug, dass Tante Myrtle die Bemerkung wahrscheinlich nicht mitbekommen hatte.

„Guten Abend, Miss Carter“, fügte er etwas lauter hinzu und begrüßte Patsy mit einem Kopfnicken. Sie zwang ein freundliches Lächeln auf ihre Lippen.

„Guten Abend, Raymond“, erwiderte Myrtle hoheitsvoll. „Sie sind tatsächlich pünktlich. Das schätze ich bei Männern.“

Sie streckte ihm ihre teuer beringte Hand hin. Ray war sich nicht sicher, ob er diese küssen oder schütteln sollte, entschied sich dann für Letzteres.

„Ja, Ma’am“, antwortete er, schlüpfte aus der Jacke und hängte sie über den freien Stuhl. „Ich gebe mir Mühe. Die Air Force legt ebenfalls großen Wert auf Pünktlichkeit.“

„Patricia, darf ich dir meinen Gast vorstellen“,

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