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Vergiss mein nicht!

Inhaltsverzeichnis

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Epilog

Danksagung

1.

Pass auf«, rief eine laute Stimme von rechts. Ich konnte gerade noch rechtzeitig meinen Kopf heben, um den Football zu sehen, bevor er mir direkt zwischen die Augen knallte.

Ich hab nie wirklich kapiert, warum es Pass auf heißt. Runter oder Vorsicht oder Achtung, Wurfgeschoss oder sogar Augen zu wären als Warnung wesentlich sinnvoller. Ich liege auf dem Rücken, Buch fest an die Brust gepresst, und starre auf den lila-gold gestreiften Himmel – die Illusionisten wärmten sich wohl schon für das Spiel heute Abend auf. Als ob die über den Himmel geklatschten Farben der Schule uns motivieren würden, zum Ticketschalter zu rennen.

Bestandscheck. Der Football hatte mich auf Beton niedergestreckt, erfreulicherweise war also schon mal kein Schlamm im Spiel. Ich hatte bloß dreißig Sekunden verloren, höchstens, ich würde also immer noch pünktlich zur ersten Stunde kommen. Mir ging’s gut. Okay, das war doch schon mal ganz in Ordnung.

Ein bekanntes Gesicht mit blondem Wuschelhaar und einem breiten Grinsen tauchte über mir auf. »Tut mir leid. Ich hab doch ›Pass auf‹ gesagt.«

Von wegen leidtun, er grinste so, als ob er das Ganze eher lustig fände.

Und ich hab aufgepasst, wollte ich entgegnen, aber stattdessen ignorierte ich seine ausgestreckte Hand und rappelte mich vom Boden auf. »Ja, ich hab’s mitbekommen, Duke.« Ich klopfte meine Klamotten ab und ging weiter. Die Stelle, an der mich der Football getroffen hatte, pochte. Ich tastete sie ab. Bestimmt hatte ich schon eine grauenhafte rote Beule.

Vermutlich hätte ich heute Morgen doch mal ein paar Stunden ausloten sollen, dann hätte ich das hier vielleicht vermeiden können. Ich lotete eben nicht alle meine Alternativen aus – nur die besonders wichtigen. Ich hatte es so oder so schon mit genug Realitäten zu tun und manchmal wurde es schwierig, die Übersicht zu behalten, welche ich tatsächlich erlebt hatte und welche die Alternative gewesen wäre, die ich verworfen hatte.

Und trotzdem war ich heute Morgen, als ich mich aus dem Bett gequält und den Nebel durch das Fenster entdeckt hatte, schwer versucht gewesen nachzusehen, was passieren würde. Einmal, wenn ich zu Hause bleiben würde, und einmal, wenn ich zur Schule ginge. Meine Mom nahm mir die Entscheidung ab, als sie meine Zimmertür öffnete und sagte: »Addie, ich bringe dich heute Morgen. Ich möchte nicht, dass du im Nebel fährst.«

»Okay, danke.« Ich widersprach natürlich nicht. Meine Mutter konnte überzeugen. Das war ihre Gabe. In dieser Hinsicht war ich wirklich zu bemitleiden. Meine Eltern hatten die schlimmsten Gaben, die man als Teenager-Eltern nur haben konnte. Wer wollte schon eine Mom, die einen dazu bringen konnte, alles zu tun, was sie sich wünschte? Meine Mutter behauptete, dass sie ihr Talent nur einsetzte, wenn es wirklich drauf ankam, aber ich hatte da meine Zweifel.

Mein Vater war ein Lügendetektor in Menschengestalt – auch wenn meine Mom es überhaupt nicht mochte, wenn ich ihn so nannte; sie bevorzugte den Fachausdruck Erkenner. Er wusste sofort, wenn ich log. Er behauptete, er könne es mir sogar ansehen, wenn ich vorhatte zu lügen. Echt lästig.

Ich ließ mich auf meinen Platz fallen, gerade noch rechtzeitig vor dem zweiten Klingeln. Meine beste Freundin Laila hatte nicht so viel Glück. Wie immer kam sie gute fünf Minuten später durch die Tür. Ihr Lächeln hatte etwas Herausforderndes, ihr knallroter Lippenstift in dem blassen Gesicht betonte das noch. Wir waren ein ungleiches Paar – auf einer Skala, die das maß, was einen normalen Teenager ausmachte, war sie eine Zehn und ich eine Eins. Mit allem, was sie tat, fiel sie auf, sorgte dafür, dass sie beachtet wurde, ich dagegen wollte einfach nur mit dem Strom schwimmen.

»Laila, was muss ich tun, damit du pünktlich zum Unterricht kommst?«, fragte Mr Caston.

»Die Gebäude näher zusammenlegen?«

»Sehr lustig, Ms Stader. Heute noch eine Verwarnung. Morgen nachsitzen während der Mittagspause. Ein bisschen mehr Tempo, wenn ich bitten darf.«

Sie ließ sich auf den Platz neben mich fallen und verdrehte die Augen. Ich lächelte.

»Okay«, sagte Mr Caston. Die Lampen wurden gedimmt und unsere Pultmonitore leuchteten auf. Auf dem Bildschirm erschienen Aufgaben und ich schrieb sie sorgfältig in mein Heft ab.

»Ist das dein Ernst, Addie?«, fragte Laila und deutete mit ihrem Kopf auf mein Heft.

Ich schnaubte und schrieb weiter. Die Schulcomputer waren schon seit über zwanzig Jahren nicht mehr abgestürzt, aber sich auf das Schlimmste gefasst zu machen, schadete ja nicht.

»Heute ist die letzte Stunde im Partnerprojekt«, sagte Mr Caston. »Und nicht vergessen, bitte keine Talente einsetzen; benutzt einfach nur euer Hirn.«

»Wir benutzen immer unser Hirn«, sagte Bobby von ganz vorne.

»Den anderen Teil eures Gehirns. Nicht der, der eure Gabe beherbergt.«

Alle stöhnten auf. Aber wir waren alle mit der Regel vertraut: Fächer, die für das Überleben in der Außenwelt wichtig waren, mussten auf herkömmliche Weise erlernt werden.

»Bringt mich nicht dazu, die Talentblockade im Raum einzuschalten. Ich unterrichte hier schließlich keine Mittelstufe. Und Leute, schaltet eure Handys aus.«

Ein weiteres allgemeines Aufstöhnen.

Mit einem verschwörerischen Lächeln hielt mir Laila kurz ihr Handy hin. Ein Football mit einem Barcode füllte den Bildschirm aus. »Diesmal kommst du mit mir zum Spiel, ja?«

»Du hast dir eine Eintrittskarte gekauft? Die Aktion am Himmel hat bei dir gewirkt?«

»Was? Nein!«, sagte sie, als würde schon allein die Andeutung, sie ließe sich durch Manipulationstechniken beeinflussen, sie aufs Tiefste beleidigen.

»Ich wollte sowieso hin. Das hatte überhaupt nichts mit – Moment mal, was hast du denn mit deiner Stirn gemacht?«

Ich tastete wieder nach meiner Beule. »Dukes Football.«

»Du hast mit Duke gesprochen?«

»Nicht wirklich, aber sein Football und ich sind echt gute Freunde.«

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Bobby herankam. Er lehnte sich gegen mein Pult und in meinem Magen bildete sich ein Knoten. Ich versuchte, ihn zu ignorieren.

»Was willst du?«, fragte Laila. Egal, wie oft ich schon probiert hatte, sie vom Gegenteil zu überzeugen, hielt sie sich immer noch für meinen Bodyguard.

»Ich will mit Addie reden.«

Ich beugte mich nach unten, wühlte in meinem Rucksack und hoffte, dass er den Hinweis kapieren würde. Tat er aber nicht. Ich zog einen gelben Textmarker heraus und legte ihn auf mein Pult. Bobby blieb stehen. Irgendwann blickte ich mit einem Seufzer auf. »Bobby, bitte, lass mich einfach in Ruhe.«

»Ich dachte bloß, dass du jetzt, nachdem der Ball vorbei ist, mir mal erklärst, warum du in der Sekunde, in der ich dich gefragt habe, von freundschaftlich auf eiskalt umgeschaltet hast.«

»Nein.«

»Genau! Also verschwinde«, fügte Laila hinzu.

Er ging, drehte sich dabei aber noch einmal um. Sein Blick war ganz eindeutig: Er dachte nicht daran aufzugeben. Ich hoffte, dass mein Blick genauso klare Worte sprach: Du musst aber. Und auch so etwas wie Ich kann dich nicht leiden, aber solange wenigstens eine der beiden Botschaften rüberkam, war ich ja schon zufrieden.

»Addie, du kannst nicht jemanden bestrafen, nur weil du ihn ausgelotet hast. Er hat doch keine Ahnung, was er falsch gemacht hat.«

»Ist ja nicht meine Schuld, dass er seine Zunge in meinen Rachen geschoben hätte und seine Hände unter mein Kleid, wenn ich mit ihm zum Ball gegangen wäre«, flüsterte ich.

»Ich weiß und ich bin total froh, dass du nicht mit ihm hingegangen bist. Aber eigentlich hat er es ja nicht getan.«

»Aber er hätte.« Ich schubste den Textmarker an. Er rollte über die Glasoberfläche meiner beleuchteten Tastatur und bewegte sich langsam auf die Kante meines Pults zu, bevor er wieder zurückrollte. »So ist er nun mal und jedes Mal, wenn ich ihn sehe, habe ich die Alternative vor Augen.«

»Möchtest du, dass ich sie lösche?«

»Habe ich dich je zuvor gebeten, etwas zu löschen?« Immer wenn sie mir vorschlug, eine Erinnerung zu löschen, stellte ich ihr diese Frage.

Und immer gab sie mir dieselbe Antwort: »Falls du’s getan hättest, würde ich es dir nicht sagen.«

Ich schnitt ihr eine Grimasse. »Du bist ein Miststück.«

Sie fing an, sich ihre Nägel mit einem schwarzen Edding anzumalen. »Und, soll ich?«

»Nein. Nachher vergesse ich noch, wozu er fähig ist, und lasse mich von seinem treuen Hundeblick dazu bringen, mit ihm auszugehen.«

Ich schüttelte mich. Wie war ich je auf den Gedanken gekommen, seine fettigen braunen Haare und löchrigen Jeans wären ein Hinweis darauf, dass er von der Welt missverstanden wurde? Aber ohne die Erinnerungen – da war ich mir wiederum sicher – könnte ich mir vielleicht einbilden, sein gruseliges Aussehen würde sich mit einem guten Shampoo wegwaschen lassen.

»Das stimmt.«

»Hey, kannst du mich heute nach Hause fahren?«, fragte ich, erpicht darauf, das Bobby-Thema abzuhaken.

»Klar, ist dein Auto heute Morgen nicht angesprungen?«

Ich scrollte über die Diagramme auf meinem Monitor, bis ich unsere aktuelle Aufgabe gefunden hatte. »Nein, der Nebel.«

»Ach, war ja klar.« Sie brauchte keine näheren Erklärungen. Meine Mom und ihre Überängstlichkeit hatten schon ganz andere Pläne durchkreuzt.

Laila drehte sich wieder zu ihrem Monitor um, weil Mr Caston begann, durch die Reihen zu schlendern. Auf ihrem Bildschirm war das Innenleben eines Frosches zu sehen. »Wo liegen nun die Nieren?«, fragte sie.

Ich zeigte ihr die Stelle, und als die Wärme meines Fingers mit der Bildschirmoberfläche in Berührung kam, wurde das bohnenförmige Organ dunkel. Mr Caston kam an unseren Pulten vorbei.

»Also, zurück zu Duke«, flüsterte Laila, als er außer Hörweite war. »In allen Einzelheiten.«

»Da gibt’s nichts zu erzählen. Sein Football hat mich plattgemacht. Er hat sich entschuldigt.«

»Und was hast du gesagt?«

Ich dachte nach. »Ich hab gesagt: Ja, ich hab’s mitbekommen, Duke.«

In ihrem Gesichtsausdruck spiegelte sich totales Entsetzen und ich wand mich unter dem Blick.

»Addison Marie Coleman. Da hattest du die einmalige Gelegenheit, mit Duke Rivers zu flirten, und du lässt ihn laufen? So viele Jahre sind wir beste Freundinnen und du hast immer noch nichts gelernt. Das war deine Chance. Du hättest so tun können, als hätte er dich verletzt, und ihn bitten sollen, dich ins Zimmer der Schulkrankenschwester zu bringen.«

»Aber er hat mich verletzt! Und noch mehr habe ich mich über ihn aufgeregt. Er hat es zugelassen, dass sein Football mich trifft.«

»Woher weißt du, dass er es mit Absicht getan hat?«

»Hallo? Weil er ein Telekinet ist. Er hätte ihn locker an mir vorbeischießen können.«

»Komm schon, Addie. Er kann seine Gabe doch nicht ständig benutzen. Sei ein bisschen nachsichtig mit ihm.«

»Er hat es zugelassen«, wiederholte ich langsam.

»Okay, okay, vielleicht ist er ja nicht der rücksichtsvollste Mensch der Welt, aber er ist Duke! Er hat das nicht nötig.«

Ich stöhnte auf. »Laila, gleich gibt’s Verletzte. Es sind doch Mädchen wie du, die Typen wie Duke so was durchgehen lassen.«

Sie lachte. »Erstens. Zu den Verletzten: Das möchte ich gern sehen, wie du das anstellst, Miss Haut-und-Knochen. Und zweitens, wenn ich mit Duke zusammen wäre, würde ich ihm in null Komma nichts zeigen, wo’s langgeht.« Sie lehnte sich zurück und seufzte verträumt, als schwebte ihr ein Bild von Duke mit ihr zusammen vor. »Hexy.«

»Was?«

»Eine Kombination aus heiß und sexy. Im Lexikon wäre der Begriff als Substantiv aufgeführt und bräuchte nicht mal eine Definition, bloß ein Foto von Duke Rivers.«

»Ach bitte. Es gibt jede Menge echte Begriffe im Lexikon, wo Dukes Foto abgebildet ist ... angeberisch, egoistisch, arrogant. Und außerdem«, lächelte ich, »wäre hexy ein Adjektiv.«

»Mädels«, sagte Mr Caston. »Ich glaube nicht, dass bei euch da in der Ecke sehr viel gelernt wird.«

Laila zeigte auf den Monitor. »Wir haben die Nieren gefunden, Mr Caston.«

Als ich nach Hause kam, waren meine Eltern im Wohnzimmer. Sie saßen auf getrennten Sofas, hatten ihre Hände im Schoß gefaltet, die Mienen düster. Meine Wangen fühlten sich plötzlich ganz taub an, als alles Blut aus ihnen wich.

Unser Haus war das, was Laila immer als gemütlich-altmodisch beschrieb – dick gepolsterte Möbel, die nicht zusammenpassten, Plüschteppich, honigfarbene Wände. Die Art von Haus, in dem man sich einigeln und wohlfühlen konnte. Im Moment war allerdings das Gegenteil der Fall und ich spürte, wie sich meine Schultern anspannten.

»Ist mit Oma alles in Ordnung?«, fragte ich. Es war der einzige Grund, der mir einfiel, warum beide mitten am Tag zu Hause waren und so trübsinnig aussahen.

Das Lächeln, das auf dem Gesicht meiner Mutter erschien, wirkte kühl und ich war augenblicklich auf der Hut. »Ja, Liebes, Oma geht’s gut. Allen geht’s gut. Räum doch deinen Rucksack eben weg und setz dich dann zu uns. Wir müssen reden.«

Ich ging in mein Zimmer und fragte mich, was passieren würde, wenn ich mich hier verbarrikadierte. Mein Blick streifte ernsthaft das hohe Bücherregal neben der Tür. Wenn ich nie mehr aus meinem Zimmer käme, würde ich auch nie erfahren, was sie mir sagen wollten – und was der Grund für ihre besorgte Miene war. Ich lief ein paar Minuten lang auf und ab und ließ mir die verschiedenen Möglichkeiten durch den Kopf gehen, verwarf den Gedanken, Alternativen auszuloten, und ging dann doch wieder nach unten. Meine Mom zeigte auf den Soffel (so genannt, weil er kleiner als ein Sofa war, aber größer als ein Sessel). Ich setzte mich an die Wand zwischen die beiden Sofas und schob meine Hände unter die Schenkel, damit ich nicht auf meinen Nägeln herumkauen konnte.

»Sagt mir mal jemand, was hier los ist?« Ich sah meinen Dad an. Hoffentlich würde er mir antworten. Egal, um welche Nachrichten es sich handelte, mein Dad konnte sie wesentlich sanfter vermitteln. Er akzeptierte, dass es so etwas wie Gefühle gab. Im Gegensatz zu meiner Mom, die anscheinend der Überzeugung war, Menschen wären nichts anderes als eines ihrer Programme: leicht neu zu konfigurieren, wenn sie sich nicht so verhielten wie gewünscht.

Erst wurde ich nicht schlau aus Dads Gesichtsausdruck, aber dann wurden seine Züge weich und mitleidig. Kein gutes Zeichen.

Aber meine Mutter war diejenige, die sprach. »Addie, nachdem wir jetzt viele Jahre lang versucht haben, uns irgendwie zusammenzuraufen, haben dein Vater und ich beschlossen, getrennte Wege zu gehen.«

Ich hatte das Gefühl, als knallten mir Hunderte von Footbällen an die Stirn. Meine Beule pochte und meine Hand wanderte automatisch wieder an die Stelle. Ich versuchte zu begreifen, was meine Mutter eben gesagt hatte, aber das Einzige, was es bedeuten konnte, ergab keinen Sinn. Meine Eltern verstanden sich ganz gut. Warum würde einer von ihnen gehen wollen? »Du meinst doch nicht, dass ihr euch scheiden lassen wollt?«

»Doch, Süße.« Anscheinend hatte ihre direkte Herangehensweise nicht die gewünschte Reaktion hervorgerufen. Also schaltete sie jetzt auf ihre Schau-doch-wie-mitfühlendich-sein-kann-Stimme um. »Es hat nichts mit dir zu tun. Wir haben Probleme, die wir einfach nicht in den Griff kriegen. Das hier war das Letzte, was wir wollten – die Familie auseinanderreißen. Aber egal, was wir versucht haben, es hat nicht funktioniert.«

Sie senkte ihren Kopf und kniff die Augen zu. Versuchte sie etwa, ein trauriges Gesicht zu machen? Es sah gekünstelt aus. »Wir hatten gedacht, dass du es vielleicht hättest kommen sehen. Hast du in letzter Zeit keine Alternativen ausgelotet?« Sie legte bei diesen Worten ihre Hand auf meinen Arm, ich sah sie, aber im Bruchteil einer Sekunde war sie bereits weitergewandert, um ein Staubkörnchen von der Sofalehne zu entfernen, bevor sie sich wieder zu ihrer anderen Hand in ihrem Schoß gesellte.

Ich brauchte eine Weile, bis mir klar wurde, dass sie mir eine Frage gestellt hatte.

»Nein, habe ich nicht.« Ich hatte das letzte Mal in der vorletzten Woche meine Alternativen ausgelotet und das hatte sich nur auf die Zeit bis zum Homecoming-Ball bezogen, der Freitag stattgefunden hatte. Hätte ich bloß ein paar Tage weiter nach vorne geschaut, hätte ich das hier vorausgesehen.

»Ich kapier’s nicht. Warum wollt ihr euch scheiden lassen?« Das Wort hinterließ einen schlechten Geschmack im Mund.

»Weil wir wie Fremde sind, die im selben Haus leben. Wir sind uns so gleichgültig geworden, dass wir nicht einmal mehr streiten.«

Ich wartete darauf, dass mein Dad das Wort ergreifen würde, um das Gegenteil zu behaupten, aber er nickte zustimmend. »Tut mir leid, Baby. Es stimmt.«

»Aber ihr beide seid mir nicht gleichgültig. Das könnt ihr nicht machen.«

»Unsere Entscheidung steht bereits fest«, sagte meine Mom. »Du bist die Einzige, die noch eine Entscheidung treffen muss.«

»Ich entscheide mich dafür, dass ihr zusammenbleibt.«

Meine Mom besaß die Frechheit zu lachen. Okay, es war nicht unbedingt ein Lachen, eher ein Zucken um die Mundwinkel, aber trotzdem. »Darüber hast du nicht zu entscheiden, Addie. Deine Entscheidung ist: Bei wem möchtest du leben?«

2.

Ich war absolut sprachlos, überzeugt davon, dass die Alarmanlage unseres Hauses das Sicherheitssystem aktiviert hatte, als ich nach Hause kam. Das hier waren die Hologramm-Versionen meiner Eltern: darauf programmiert, Einbrecher zu täuschen. Denn das, was sie sagten, ergab überhaupt keinen Sinn.

Aber meine Eltern waren keine Hologramme. Sie saßen direkt vor mir und warteten auf meine Reaktion. Wenn man bedenkt, dass sich gefühlte fünf Minuten lang keiner von uns bewegt hatte, überraschte es mich, dass wir noch nicht im Dunkeln saßen. Ich hatte keine Ahnung, was meine Eltern von mir wollten, ich jedenfalls wartete darauf, dass sich die Welt wieder um die eigene Achse drehte und mein Leben in Ordnung kam. Ich war nun mal Überraschungen nicht gewohnt und ich beschloss, dass ich nichts von ihnen hielt.

Meine Mom brach das Schweigen: »Ich weiß, dass das eine schwierige Entscheidung ist, Addie. Und wir verlassen uns darauf, dass du deine Gabe nutzt, um herauszufinden, welche Zukunft für dich die günstigere erscheint. Du brauchst uns nicht jetzt zu antworten.«

»Kann ich nicht bei euch beiden bleiben? Was ist mit einem Kompromiss, zur Hälfte beim einen und zur Hälfte beim anderen?«

»Das wäre eine Option, aber dein Vater hat beschlossen, den Sektor zu verlassen. Er wird in die normale Welt ziehen.«

Bis jetzt hatte ich nur einen Knoten im Magen gehabt, nun sank er mir fast bis zu den Füßen. »Du ziehst weg, Dad?« Nicht viele Menschen verließen den Sektor. Niemand, den ich persönlich kannte. Diese Nachricht schockierte mich fast genauso wie die Scheidung selbst.

Meine Mom fuhr fort: »Ich glaube nicht, dass es gut für deine Entwicklung wäre, wenn du mit zu ihm ...«

»Marissa, du hast versprochen, dass du nicht versuchen würdest, sie zu beeinflussen, weder in die eine noch in die andere Richtung.«

»Tut mir leid. Das stimmt. Addie, die Entscheidung liegt ganz bei dir. Bleibst du hier, bist du unter deinesgleichen, verlässt du den Sektor, dann lebst du in einer Welt, in der die Menschen um dich herum nur zehn Prozent ihres Hirns benutzen.«

»Marissa.«

»Tut mir leid«, sagte sie wieder. Diesmal lachten sie beide. Na toll, wenigstens sie fanden das Ganze komisch, mal abgesehen von der Tatsache, dass mein Leben vorbei war. Ich stand abrupt auf und die beiden hörten auf zu lachen. Mein Dad, sofort wieder zerknirscht, setzte wieder seinen mitleidigen Gesichtsausdruck von vorhin auf. Ich konnte ihm ansehen, dass er kurz davor war, sich zu entschuldigen, aber ich wollte das nicht hören.

Wortlos lief ich an ihnen vorbei direkt in mein Zimmer, hämmerte gegen die Konsole und sorgte dafür, dass die Tür hinter mir zuglitt. Laute aggressive Musik ertönte, der Computer hatte offensichtlich meine Laune aus meinem Handflächen-Scan abgelesen.

»Ausmachen«, sagte ich und es wurde still. Ich ging um das Bücherregal herum, stemmte mich dagegen, suchte mit den Füßen Halt und schob. Als es sich nicht bewegte, ließ ich mich auf den Boden sinken und legte meinen Kopf auf die Knie.

Auf gar keinen Fall konnte ich diese Entscheidung treffen. Es wäre besser gewesen, wenn sie mich einfach vor vollendete Tatsachen gestellt hätten, mir keine Wahl gelassen hätten. Klar, darüber hätte ich mich genauso beschwert, aber wenigstens wäre ich dann nicht dazu gezwungen, mich zwischen meinen Eltern zu entscheiden.

Ich kroch zu meinem Rucksack, angelte mein Handy aus der Vordertasche und rief Laila an.

»Hey«, sagte sie. »Ich bin fast zu Hause. Hast du was im Auto vergessen?«

»Hab ich?«

»Keine Ahnung. Ich dachte bloß, dass du deswegen anrufst.«

»Ach so. Nein, hab ich nicht.« Ich hatte meinen Kopf auf meinem Rucksack sinken lassen und rührte mich nicht, obwohl die Stifte und mein sonstiges Zeug darin sich in mein Gesicht drückten. Der Schmerz lenkte mich fürs Erste von unangenehmeren Dingen ab. Ich schloss die Augen und lauschte dem leisen Rauschen in der Leitung.

»Was ist dann los?«

»Meine Eltern lassen sich scheiden.« Zum ersten Mal, seit sie mir es mitgeteilt hatten, brannten meine Augen und mein Hals schnürte sich zu.

»Oh nein! Das tut mir ja so leid. Ich komme sofort, okay?«

Ich konnte nicht antworten. Ich nickte nur.

Zehn Minuten später klopfte es an meinem Fenster. Normalerweise kam Laila nur mitten in der Nacht auf diesem Weg in mein Zimmer. Jetzt hätte sie auch die Tür nehmen können, aber ich war froh, dass sie das Fenster gewählt hatte. Ich fühlte mich von meinen Eltern betrogen. Sie hatten es nicht verdient zu wissen, wie sehr ich meine beste Freundin brauchte.

Ich ließ das elektrische Fenster und Fliegengitter hochfahren. Laila kletterte wie ein Profi über den widerspenstigen Busch im Blumenbeet und in mein Zimmer hinein. Sie nahm mich sofort in die Arme. »Es tut mir so leid«, sagte sie wieder. »So ein Mist.«

»Mein Dad geht.« An ihrer Schulter klang meine Stimme erstickt. »Ich muss es mir aussuchen, ob ich mitkommen will.«

»Was?« Sie schob mich in Armeslänge von sich weg. »Er verlässt den Sektor? Wieso? Wird er für die Sicherheit arbeiten?«

»Ich ...« Ich war zu erschüttert gewesen, um ihn zu fragen, was er in der Außenwelt tun würde. Die meisten Leute verließen den Sektor nur, um seine Existenz geheim zu halten – sie spürten draußen Lecks auf, registrierten Schäden, löschten Erinnerungen. Einige verließen den Sektor allerdings, weil ihnen eine höhere Position angeboten wurde; sie arbeiteten als Informanten und hielten uns über die Welt außerhalb der Mauern auf dem Laufenden. Nur ganz wenige gingen, weil sie sich in die Welt der Normalen eingliedern – im Grunde genommen verschwinden wollten. Ich hatte keine Ahnung, zu welcher Kategorie mein Vater gehörte.

»Ich weiß es nicht.«

»Aber du könntest mit ihm gehen?«

Ich nickte.

»Nein. Das kannst du nicht machen! Du kannst nicht einfach gehen. Du wirst es da draußen hassen. Wann hast du dich überhaupt das letzte Mal mit Normalen befassen müssen?«, fragte sie und stemmte ihre Hand in die Hüfte; mit der anderen fuhr sie sich über die Stirn.

»Ich kann mich nicht wirklich erinnern. Jahre.«

Ich konnte mich ganz genau daran erinnern. Ich war acht gewesen. Wir hatten tonnenweise Formulare ausfüllen und eine Menge Eide ablegen müssen. Alles nur für einen Wochenendausflug nach Disneyland. Es war voll gewesen. Alles hatte so normal gewirkt. Sämtliche Karussells und Achterbahnen waren total veraltet und das Feuerwerk war ein Witz im Vergleich zu den Lichtfestivals der Illusionisten gewesen. Meine Eltern hatten sich die ganze Zeit gestritten.

»Das ist so was von unfair.« Sie lotste mich zum Bett. Wir setzten uns mit dem Rücken ans Kopfende. Laila streifte ihre Schuhe ab und drehte sich zu mir. »Du bleibst also, oder? Sonst müsstest du die Schule verlassen und alle deine Freunde ... und mich.«

Ich hatte noch gar nicht angefangen, mir über die Einzelheiten Gedanken zu machen, die die eine oder andere Wahl nach sich ziehen würde, aber sie hatte recht.

»Lotest du die Alternativen aus?«

»Ich muss mir eine Liste machen. Was spricht dafür, was dagegen.« Ich sprang vom Bett, holte ein Heft und einen Stift aus meinem Schreibtisch, schlug eine leere Seite auf und zog von oben nach unten eine Linie durch die Mitte. Dann setzte ich mich auf die Bettkante, den Stift in der Hand. Das Schweigen zog sich in die Länge, als ich auf die Seite starrte und versuchte, einem Weggang aus dem Sektor irgendetwas Positives abzugewinnen.

Beim Schreiben des ersten Wortes verkrampften sich meine Schultern, weil ich genau wusste, dass dem nichts mehr hinzuzufügen war. Dad. So gesehen schien die Wahl einfach zu sein: Entweder einen Menschen verlieren oder alle und alles. Aber allein der Gedanke, meinen Dad zu verlieren, machte mich so traurig, dass ich Bauchschmerzen bekam. Er war mein Fels. Der ruhende Pol in meinem Leben. Ich knabberte an meinem Daumennagel. Es war ja nicht so, dass ich meinen Dad nie wiedersehen würde. Natürlich würde er zu Besuch kommen und ich könnte ihn in der Norm-Stadt besuchen, in die er ziehen würde.

Immer wieder zog ich jeden einzelnen Buchstaben nach, bis das Wort Dad pechschwarz und fett auf der Seite stand. Als ich dem D gerade noch einen weiteren Strich verpassen wollte, griff Laila nach meiner Hand. »Addie, du musst die Alternativen ausloten. Das wird dir helfen.«

Sie nahm mir das Heft weg und legte es neben uns aufs Bett. »Wie lange?«

Bobby und seine Einladung zum Ball war die längste Sache gewesen, die ich ausgelotet hatte. Er hatte mich eine Woche vor dem Ball gefragt, und weil ich mich dafür entschieden hatte, die Erinnerungen nicht zu löschen, musste ich mit einer ganzen Woche meines Lebens leben, um sie dann gleich noch einmal wieder zu erleben. Wenn ich vorher Alternativen ausgelotet hatte, hatte es sich immer nur um ein paar Tage, manchmal bloß ein paar Stunden gehandelt.

Ich zuckte mit den Schultern. »Einen Monat vielleicht. Sechs Wochen?«

»Wie lange dauert das?«

»Fünf Minuten. Keine Ahnung.« Wenn ich mich auf die Kräfte konzentrierte, verlief der Übergang fast nahtlos. Wie ein Bach, der in einen Fluss übergeht, tauchten ganz unmittelbar »Erinnerungen« an beide Alternativen auf, die sich mir boten. Wenn es vorbei war, hatte ich das Gefühl, als hätte ich beide erlebt. Deswegen setzte ich meine Gabe auch eher selten ein. Das Ganze fühlte sich so real an, dass es schwer für mich war, das »Was wäre gewesen?« vom »Was wäre, wenn?« zu unterscheiden.

»Glaubst du, dass sechs Wochen reichen?« Die Ankündigung meiner Eltern ließ mich alles infrage stellen. Normalerweise wusste ich genau, was die Zukunft bringen würde und was nötig war, um mein Ziel zu erreichen. Nicht weil ich jede Alternative auslotete – das tat ich nicht –, sondern weil ich gerne plante. Pläne waren etwas Großartiges. Aber jetzt wusste ich einfach nicht weiter. Ich war verwirrt und frustriert. Ich rieb mir die Augen.

»Das sollte mehr als genug sein.«

Mit einem tiefen Seufzer zog ich meine Schultern hoch und ließ sie wieder sinken.

Laila, wie immer schnell entschlossen, sagte: »Und, worauf wartest du?«

»Du meinst, ich soll es jetzt machen?«

»Ich glaube, es würde dir danach besser gehen.«

Ich schnappte mir ein Kissen, zog es an die Brust und legte mich hin. Quer über der Zimmerdecke stand das Aristophanes-Zitat, das ich gemalt hatte: »Worte prickeln das Denken und entzücken den Geist.« Aus irgendeinem Grund stach es zwischen all den anderen Zitaten dort oben heraus. »Ich weiß nicht. Sechs Wochen sind ein langer Zeitraum. Ich fände es schrecklich, wenn so viele detailgetreue Erinnerungen da oben herumschwirren würden.«

»Wieso? Diese Woche bis zum Ehemaligenball war doch ziemlich abgefahren. Ich fand’s toll zu wissen, dass der Absatz meines roten Schuhs am Mittwoch nach der dritten Stunde abbrechen würde und dass wir am Freitag einen unangekündigten Test schreiben würden.«

»Stets zu deinen Diensten. Warum lote ich für dich nicht jede Alternative von jetzt bis zum Tod aus?«

»Ja, ganz im Ernst, warum eigentlich nicht?« Sie gab mir einen Klaps aufs Bein. »Wartest du auf mein Angebot oder machst du dich bloß lächerlich? Du weißt, dass ich die Alternative, für die du dich nicht entscheidest, löschen kann, du brauchst also nicht so zu tun. Manchmal frage ich mich, ob du mich bloß wegen meiner bewundernswerten Gabe als beste Freundin ausgesucht hast.«

»Ach. Dein Talent hat sich sowieso erst in der siebten Klasse gezeigt.« Ich schwieg kurz und drehte dann meinen Kopf. »Moment mal. Willst du damit etwa sagen, dass ich dein Talent zu oft ausnutze?«

»Sag ich nicht«, trällerte sie. »Und es stimmt. Du hast mich nicht wegen meines Talents ausgesucht. Du hast mich genommen, weil ich Timothy geschubst hab, als er dein virtuelles Haustier gestohlen hat.«

Ich lächelte und holte tief Luft. Ich verdrängte die Entscheidung. Ich war mir immer noch nicht sicher, ob ich es wirklich wissen wollte. Ob ich wirklich so weit war, erfahren zu wollen, wie mein neues Leben aussehen würde. Meine Eltern hatten zugegeben, dass der einzige Grund, warum sie die Entscheidung mir überlassen hatten, meine Gabe war. Warum sollte ich also nicht auf Nummer sicher gehen, welche Entscheidung sich als die bessere herausstellen würde?

»Bist du bereit?«, fragte Laila.

Ich nickte. Ich musste es wissen.

»Also, was soll ich machen? Einfach nur hier sitzen? Brauchst du irgendetwas?«

Ich lachte. »Nein, nicht nötig. Es könnte eine Weile dauern. Bist du dir sicher, dass du warten willst?«

»Bitte, das wäre ja genauso, als würdest du jemanden fragen, ob er das Zimmer verlassen möchte, während Picasso ein Meisterwerk malt.«

»Du vergleichst mich mit Picasso?«

»Du weißt, was ich meine. Jetzt fang an.«

Ich kuschelte mich tiefer ins Kissen und versuchte mich zu entspannen. Gar nicht so einfach, wenn einem klar ist, dass man gleich mit Erinnerungen von einem Leben überflutet wird, das man noch nicht gelebt hat. Genau genommen von zwei Leben, die man noch nicht gelebt hat. Laila würde es nur wie fünf Minuten vorkommen, für mich würde es sich aber wie ein Monat anfühlen. Ich konzentrierte mich auf das Kraftfeld um mich herum und alles verschwamm.

3.

Sollte Kindern geschiedener Eltern nicht jeder Wunsch erfüllt werden, von wegen extremer Schuldgefühle auf beiden Seiten?«, frage ich beim Frühstück, eine Woche nachdem mein Dad ausgezogen ist. Das Haus fühlt sich anders an ohne ihn ... leer.

»Du bekommst kein neues Auto«, sagt meine Mutter von ihrem Platz am Küchentisch hinter ihrem Laptop. Ein Bleistift hält ihre blonden Locken in einem Knoten im Nacken zusammen und sie greift danach, um sich kurz etwas auf ihren Block zu notieren. Ihre Haare fallen ihr über die Schulter und erinnern mich daran, wie sehr sie meinen gleichen. Als ich gerade denke, dass sie mal wieder vergessen hat, dass wir uns unterhalten – was ihr oft passiert –, fügt sie hinzu: »Dein Auto fährt doch noch sehr gut.«

»Ich frage ja nicht, ob ich ein neues Auto haben kann. Bloß ein anderes. Meins fährt fast gar nicht mehr. Hast du dir mal die neusten Geräusche angehört? Klingt irgendwie nach einem Tock-tock-tock.«

»Sprich mit deinem Vater darüber.«

Ich nehme einen Löffel von meinen Kleieflocken mit Milch und beobachte, wie sie langsam wieder von meinem Löffel gleiten. »Wie schön. Wenigstens überspringen wir nicht den Probleme-werden-an-den-anderen-Elternteil-weitergegeben-Teil der Scheidung. Ich wusste doch, dass du mir nicht allen Spaß vorenthalten würdest.«

Mir ist klar, dass ich mich benehme wie ein verzogenes Kleinkind, aber ich kann nicht anders. Alle negativen Gedanken oder Widerstände gegen meine Mutter haben sich in meiner Brust gestaut wie eine fiese Bronchitis.

Zum ersten Mal seit Beginn unserer Unterhaltung sieht sie mich an. »Addie, jetzt mach mal einen Punkt. Ich meinte doch bloß, dass dein Vater mit seltsamen Autogeräuschen mehr anfangen kann als ich.«

Ich stehe auf, stelle meine Schüssel in die Spüle und schnappe mir meinen Rucksack. »Tja, ich würde Dad ja fragen, aber ich glaube nicht, dass mein Auto die fünf Stunden Fahrt bis zu seinem Haus schafft.«

»Wir werden das schon gemeinsam durchstehen«, ruft sie, als ich gehe.

»Und eines Tages wirst du begreifen, warum ich es getan habe«, beende ich ihren Satz für sie, während die Tür hinter mir zufällt. Ich hab keine Ahnung, wie oft sie diesen Spruch während der letzten Woche wiederholt hat. Wahrscheinlich hat sie gehofft, dass der »eine Tag« bei jedem Mal etwas näher rücken würde. Das Gegenteil ist der Fall.

Sobald ich in meinem Auto sitze, hole ich mein Handy aus der Tasche und wähle.

»Coleman«, meldet sich mein Dad.

Allein seine Stimme bringt mich zum Lächeln. »Haben die da draußen im Normland denn keine Anrufererkennung?«

»Doch, natürlich haben sie die.«

»Wie kommt es, dass du dich dann mit Nachnamen meldest, obwohl du weißt, dass ich es bin?«

»Gewohnheit. Wie geht’s?«

»Ganz gut. Mein Auto benimmt sich seltsam. Willst du mal hören?« Ich halte das Handy aus dem Fenster und drücke meinen Daumen auf das Starterfeld. Der Sitz und die Spiegel stellen sich automatisch auf mich ein und das Radio fängt an, meine vorprogrammierte Playlist zu spielen, die ich per Sprachsteuerung ausschalte. Aber der Motor springt stotternd an und kommt halbherzig auf Touren.

»Hörst du?«

»Ja, das klingt nicht gut. Ist es vollständig aufgeladen?«

»Ja.« Ich klopfe gegen das Armaturenbrett. Der grüne Balken, der normalerweise den Ladestand angibt, ist schon vor langer Zeit schwarz geworden. »Es hat die ganze Nacht geladen.«

»Hmm. Ich werde mal mit deiner Mutter darüber sprechen, okay?«

»Okay.«

Im Hintergrund höre ich eine halblaute tiefe Stimme und mein Dad sagt: »Danke, und hey, immer cool bleiben.«

»Hast du im Ernst gerade zu jemandem gesagt, dass er cool bleiben soll?«

»Warum auch nicht? Hier ist es heiß.«

Ich lache. »Wer war das?«

»Der Postbote. Hab gerade ein Päckchen bekommen. Aber egal, wir finden für dein Auto schon eine Lösung. Okay?«

»Ja. Ich sollte mal lieber los zur Schule. Bis spä... ich meine ...«

Ich kann den Satz nicht aussprechen. Bis in einem Monat zu sagen, das klingt falsch.

»Addie«, sagt mein Dad mit seiner weichen Stimme. »Es wird nicht lange dauern. Bevor du bis drei zählen kannst, sehen wir uns wieder.«

Ich murmle nur etwas und lege auf.

Auf dem Parkplatz der Lincoln High werfe ich einen Blick auf die Uhr auf meinem Armaturenbrett. Das Gespräch mit meinem Dad hat mich ein paar Minuten aus dem Zeitplan geworfen. Genau in dem Moment, als ich die Autotür öffne,knallt ein Football gegen meine Windschutzscheibe. »Willst du mich verdammt noch mal verarschen?«, fauche ich.

»Entschuldige«, sagt Duke und rennt los, um sich seinen Ball zu schnappen, der abgeprallt und eineinhalb Meter weiter geflogen ist.

»Gehst du irgendwo auch ohne das Ding hin?«

»Wenn ich keinen Football dabeihabe, könnte es sein, dass man mich nicht erkennt.«

Na klar! Ich schaue zu ihm hoch. Seine perfekten blonden Wuschelhaare und sein umwerfendes Lächeln strahlen mir entgegen. Hexy. War das nicht Lailas Wort gewesen? Passend, aber das werde ich ihr niemals sagen, sonst stirbt sie nachher noch an Selbstüberschätzung. Ich schnappe mir meinen Rucksack vom Boden der Beifahrerseite und steige aus. »Und das wäre ja eine Tragödie.«

Er lacht. »Ich hab bloß trainiert. Ziemlich großes Spiel, das da ansteht.«

»Tja, vielleicht solltest du lieber auf dem Platz trainieren, weit weg von allen Leuten. Deine Treffsicherheit lässt nämlich ein bisschen zu wünschen übrig.« Ich schultere meinen Rucksack und gehe.

»Ich treffe nie daneben, Addie«, ruft er mir hinterher.

Was sollte das nun wieder bedeuten? Dass er beim letzten Mal probiert hat, mir den Schädel zu zertrümmern? Und eben, hatte er es da auf meine Windschutzscheibe abgesehen? Was hatte ich ihm eigentlich getan?

Auf dem halben Weg zum Klassenzimmer holt Laila mich völlig außer Atem ein. Fragend ziehe ich eine Augenbraue hoch und fasse es nicht, dass sie gerannt ist, um pünktlich zu kommen.

Sie liefert mir eine Erklärung: »Heute kann ich mir Nachsitzen während der Mittagspause nicht leisten.«

»Niemand mehr da zum Flirten?«

»Stimmt sogar. Gregory hatte gestern seinen letzten Tag.« Ich verdrehe die Augen. »Wie nett, eine Person zur besten Freundin zu haben, die je nach Jungslage entscheidet, ob sie pfichtbewusst sein will oder unzuverlässig.«

»Großartig, dass du die Meine-Eltern-haben-sich-geradescheiden-lassen-und-deswegen-darf-ich-biestig-sein-wieich-will-und-alle-müssen-Verständnis-haben-Einstellung so gut unter Kontrolle hast.«

Ich lächle. »Tut mir leid, dass ich so biestig bin.«

»Ja, mir auch. Könntest du daran noch arbeiten? Das ruiniert mein soziales Leben.« Sie hakt sich bei mir ein und legt ihren Kopf auf meine Schulter. »Es tut mir leid, dass dein Leben so beschissen ist.«

»So beschissen ist es gar nicht. Ich war nur all die Jahre verwöhnt.«

»Ich weiß, deine Eltern haben dir einen miesen Dienst erwiesen, indem sie dir so eine tolle Kindheit ermöglicht haben.«

»Entschuldige.« Ich sage das, weil mir bewusst wird, wie egoistisch ich mich benehme. Lailas Elternhaus ist die Hölle und sie beschwert sich nie. Keiner wusste davon, dass ihr Vater wegen Drogenproblemen seinen Job verloren hat. Das gesamte Haushaltsgeld geht für seine Sucht drauf, während ihre Mutter die ganze Zeit schuftet, damit sie über die Runden kommen.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, sagt Laila: »Fang bloß nicht an mich zu bemitleiden. Du weißt, wie sehr ich das hasse.« Sie drückt meinen Arm und richtet sich dann auf. »Willst du am Freitag mit zu dieser Party? Ich verspreche auch, dir nicht von der Seite zu weichen.«

Mein Gehirn versucht schnell eine Ausrede auszuspucken, irgendeine Ausrede, aber ich weiß bereits, dass mein Freitagabend ganz und gar nicht verplant ist und dass ich eine furchtbar schlechte Lügnerin bin. »Na klar. Klingt nach Spaß.«

»Du bist die Königin des Sarkasmus, Süße, aber ich hol dich um neun ab, damit du mich nicht sitzen lässt.«

Ich öffne die Tür zur Morgenmeditation. »Was würde ich ohne dich bloß tun?«

»Wahrscheinlich dich verkriechen und vor lauter Langweile sterben.« Sie denkt kurz nach. »Nein, doch nicht, höchstwahrscheinlich hast du deinen Tod bereits in deinem Organizer eingetragen, in sechzig Jahren irgendwo zwischen Hausarbeit und Yoga.«

»In sechzig Jahren will ich lieber keine Hausarbeit mehr haben.« Ich steige in meine Kabine. Der kleine Flachbildschirm an der Wand leuchtet bei meinem Eintritt auf und die Abkürzung ATF – Amt für Talentförderung – erscheint in fett gedruckten Buchstaben. Genug eigentlich, um mir das Lächeln aus dem Gesicht zu wischen, wenn da nicht noch die Sprecherin gewesen wäre, die als Nächstes erscheint.

Meine Mutter.

Sie entwickelt Programme für das ATF. Es kommt selten vor, dass sie morgens auf dem Bildschirm auftaucht. Es ist offensichtlich eine Aufzeichnung ihres lächelnden Gesichts, die abgespielt wird, und ich erfahre, dass sie ein neues Gedankenmodell einführen, das genau auf unsere jeweilige Talentoption abgestimmt ist. Sie macht nicht wirklich mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft, aber ich kann sie in ihrer Stimme hören. Erwachsene legen oft Wert auf den Zusatz »Option«, wenn es um unsere Talente geht, so lange, bis wir unseren Abschluss gemacht und die Tests als offizielle Bewährungsprobe absolviert haben. Als wollten sie uns daran erinnern, dass wir noch nicht qualifiziert genug sind und sie immer noch brauchen, um unser volles Potential zu erreichen.

»Lehnt euch also zurück, entspannt euch und erweitert euren Verstand«, sagt das Gesicht meiner Mom.

Töne erklingen, während Bilder in rascher Abfolge über den Bildschirm flimmern. Ich lehne mich zurück. Entspannung kommt überhaupt nicht infrage.

4.

Ich liege auf dem Sofa in unserem neuen Haus und starre auf den Deckenventilator, der sich langsam im Kreis dreht. Das ist sicher der ineffizienteste Weg, einen Raum zu kühlen. Ich sehne mich nach der Gegenstromklimaanlage in unserem Haus im Sektor. Mein Dad ist mit mir in ein möbliertes Mietshaus gezogen, in Dallas, Texas. Vom Zustand und Stil der Ausstattung her muss es vor vierzig Jahren eingerichtet worden sein. Abgesehen von den Uralt-Möbeln ist das Haus kahl – seine Wände sind weiß und leer.

Auf dem Boden um mich herum habe ich die Pflichtlektüre ausgebreitet, die ich beim Verlassen des Sektors ausgehändigt bekommen habe. Wenn man bedenkt, dass ich den halben Tag im Turm verbracht habe, bevor wir losgefahren sind – ich musste an einem vorgeschriebenen Norm-Training-Kurs teilnehmen, wurde über meine neue Vorgeschichte unterrichtet und erhielt Norm-Papiere wie Führerschein und Geburtsurkunde –, hatte ich nicht geglaubt, dass es noch irgendetwas geben würde, das in meinen Kopf passen könnte. Ich hatte mich geirrt. Zum Abschluss gaben sie mir noch Lesematerial mit – ein extra dickes Paket, das meine Norm-Geschichtskenntnisse auffrischen sollte.

Ich war nicht untätig geblieben, um diesem Roman von einer Hausaufgabe aus dem Weg zu gehen, verfasst von jemandem, der nicht ansatzweise vorhatte, das Ganze auch nur im Geringsten unterhaltsam zu gestalten. Ich hatte ausgepackt und mein Zimmer eingerichtet – bis hin zu den Klamotten, die ich nach Farben einsortiert hatte. Sogar die unausgepackten Kartons hatte ich durchforstet, auf der Suche nach meinem Bücherkarton, den ich ganz deutlich mit schwarzem Edding beschriftet hatte, um genau diese Situation zu vermeiden. Keine Ahnung, wo sich der Karton jetzt befindet. Wahrscheinlich irgendwo in der Garage unter den Hunderten von Kartons begraben, auf denen stehen sollte: »Dads Müll«.

Ich schnappe mir einen Teilabschnitt aus dem Paket Erster Weltkrieg und fange an zu lesen. Die Normalen glauben, dass Erzherzog Franz Ferdinand kein Paranormaler war. Sie machen eine politische Intrige für seine Ermordung verantwortlich und nicht die Tatsache, dass die Leute fürchteten, er könne sie mit seinem Verstand kontrollieren. Ich sage das ein paar Mal vor mich hin: »Der Erste Weltkrieg ist nicht wegen eines Paranormalen ausgebrochen.« Ich blättere noch ein bisschen durch die Kriegsgeschichte der Normalen, dann lege ich den Packen zur Seite, greife nach dem Abschnitt über die Raumfahrt und rufe mir ein paar seltsame Vorstellungen ins Gedächtnis, die sie hier über die Mondlandung haben.

»Langweilig«, stöhne ich. Meine Hand fängt an zu schwitzen, weil ich mein Handy damit fest umklammert halte. Ich weiß, dass Laila frühestens in einer Stunde anrufen kann, sie ist noch in der Schule, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie schwänzt. Wir haben seit gestern nicht mehr gesprochen.

Es klingelt an der Tür und ich falle praktisch über mein Lernmaterial, so eilig habe ich es aufzumachen. Die Sonne sticht in meinen Augen und ein stickiger, heißer Luftschwall schlägt mir ins Gesicht, als ich die Tür öffne.

Es ist der Postbote und er hält mir ein Klemmbrett entgegen. »Können Sie mir die Empfangsbestätigung für ein Päckchen unterschreiben?«

Ich stecke mein Handy in die Hosentasche und greife nach dem Klemmbrett. »Klar.« Ich kritzle meinen Namen in das Feld, auf das er deutet. Er reicht mir einen großen, wattierten Umschlag und macht sich wieder auf den Weg.

»Wie läuft’s denn so?«, platze ich heraus. »Alles cool?«

Er bleibt stehen. »Es ist Oktober. Jetzt fängt es an, bei uns kühl zu werden.« Er zwinkert mir zu.

»Im Ernst?«

»Du wirst dich dran gewöhnen. Willkommen in Dallas«, sagt er und geht.

»Danke.« Das Handy in meiner Hosentasche vibriert. »Hallo?«

»Vermisst du mich schon?«, fragt Laila.

Ich schließe die Tür. »Sagen wir einfach nur, dass ich so ausgehungert nach Kontakt bin, dass ich eben mit dem Postboten Small-Talk betrieben habe.«

»War er denn süß?«

»Wahrscheinlich war er fünfzig.«

»Igitt.«

Ich werfe einen Blick auf den wattierten Umschlag in meiner Hand. Er ist an meinen Dad adressiert und ohne Absender. Ich gehe in die Küche und fahre ungeduldig mit meinen Händen durch die Luft, als die Lichter nicht sofort angehen. Ich brauche einen Moment, bis mir klar wird, dass sie nicht von alleine aufleuchten. Ich werfe den Umschlag auf die Küchentheke und laufe wieder zurück, ohne nach dem Lichtschalter zu suchen. »Ich will nicht rummeckern, aber solltest du nicht im Unterricht sitzen?«

»Ja, wahrscheinlich schon, aber ich unterhalte mich lieber mit dir. Ist nur Gedankenübertragung. Das hab ich voll im Griff.«

»Hast du?«

»Du nicht?«

»Bloß auf kurze Entfernungen.«

Laila sagt: »Hm.« Und dann: »Weißt du, wer noch Schwierigkeiten bei der Gedankenübertragung hat?«

»Wer?«

»Bobby.«

Ich verziehe meinen Mund. »Das liegt daran, dass er es nicht gewohnt ist, das Bewusstsein von anderen zu manipulieren. Er kann bloß Masse. Durch Wände gehen, Flüssigkeiten fest werden lassen, Objekte in die Länge ziehen. Ich werde es nie laut zugeben, aber er ist richtig gut. Wahrscheinlich der Beste in seinem Alter, den ich kenne.«

»Genau das meint auch der Lehrer. Wenn deine Gabe nicht so oder so damit zu tun hat, den Verstand anderer zu beeinflussen, ist Gedankenübertragung fast unmöglich.«

»Meine Mom hat mir das gesagt. Sie ist Expertin auf dem Gebiet. Wahrscheinlich, weil sie die Königin der Manipulation ist.«

Laila lacht. »Stimmt. Na gut, wie sind denn die Normalen? Ist es schwer, sich mit ihnen zu unterhalten?«

»Nicht wirklich, aber ich habe auch noch nicht mit vielen gesprochen, bloß mit einigen auf dem Weg hierher und eben mit dem Postboten.«

Ich habe den Verdacht, dass mein Dad versucht, mich langsam in die Welt der Normalen einzuführen, denn auf dem Weg hierher hatten wir fast keine Pause gemacht.

»Das bringt mich auf eine Idee. Vielleicht sollte ich in diesem Schuljahr bei ein paar Auswärtsspielen mit dem Football-Team mitfahren. Wenn du da durch musst, mit den Normalen zu reden, kann ich dein Leid wenigstens ein bisschen teilen.«

Ich lache. »Du klingst ja kein bisschen voreingenommen.«

»Und bist du das etwa nicht?«

»Bin ich nicht.«

»Nein, du denkst bloß, dass du was Besseres bist als sie.«

»Nicht besser, bloß anders, weil ich zu mehr fähig bin.«

Sie lacht, als hätte sie das letzte Wort behalten.

Ich lasse mich mit dem Rücken aufs Sofa fallen und lege meine Beine über die Lehne. Es ist noch warm von vorhin, und als mir einfällt, wie viele andere Leute wahrscheinlich schon auf diesem Sofa gesessen haben, ekelt es mich. Ich setze mich auf. »Es sind nicht so sehr die Leute, die anders sind. Es ist dieser Ort. Ich könnte schwören, dass es hier heißer und heller ist. Glaubst du, dass ich von der Sonne einen Gehirnschaden bekommen kann?«

Sie lacht.

»Ich meine das ernst. Warum würden sie sonst die Sonnenstrahlung im Sektor filtern?«

»Ich bin mir sicher, dass sie das optimale Licht für die Entwicklung des Gehirns gefunden haben. Genau wie alles andere, dass hier verändert wurde, um das Potenzial unserer Hirne voll auszuschöpfen.«

»Das meine ich ja!«

»Noch ein Grund, warum du sofort nach Hause kommen solltest. Du wirst so oder so irgendwann zurückkommen, da habe ich keine Zweifel. Du würdest doch nicht riskieren, dass deine Kinder ohne entwickeltes Denkvermögen zur Welt kommen.«

Ich seufze.

»Oh, und da wir gerade bei dem perfekten Genmaterial zum Heiraten sind, rate mal, wer heute nach dir gefragt hat!«

»Keine Ahnung.«

»Duke Rivers.«

»Äh ... warum denn?«

»Weiß ich nicht. Ich dachte, das könntest du mir sagen.«

Die Tür, die von der Garage in die Küche führt, öffnet sich und man hört das Klirren von Schlüsseln, die auf der Küchentheke landen. »Hey, ich ruf dich später an, mein Dad ist gerade nach Hause gekommen.«

»Okay, Tschüss.«

Duke Rivers hatte nach mir gefragt? Seltsam.

»Hi, Dad!« Ich sammele mein verstreutes Arbeitsmaterial ein und stehe auf. »Du bist früh dran.«

»Wenn man bedenkt, dass ich heute überhaupt nicht hätte hingehen sollen, bin ich ausgesprochen spät dran.« Er nimmt sich den wattierten Umschlag von der Küchentheke und wirft einen Blick auf beide Seiten.

Ich lege meine Heilmittel für Schlaflosigkeit auf den Tisch. »Oh, das kam für dich vor einer Weile.«

Er zieht seine Augenbrauen zusammen.

»Was ist es denn?«, frage ich.

»Bloß ein Vorgang, bei dem ich das Para-Kriminalamt berate.«

»Ich dachte, du arbeitest nicht mehr für sie. Wir wollten doch dieses Normal-Ding in aller Konsequenz ausprobieren.«

Wir werden wie der Rest der Welt leben, Addie, hatte er gesagt. Das wird uns guttun. Jetzt klingen die Worte billig, aber vor Kurzem noch hatten sie mir das Gefühl gegeben, als würden wir in eine Schlacht ziehen oder so.

»Na ja, ich habe ihnen bei meiner Kündigung versprochen, dass ich ein paar kleinere Aufgaben übernehmen würde, wenn sie mich brauchen.«

Ich greife mir einen Apfel aus einer Schüssel auf der Küchentheke. »Du bist noch nicht mal eine Woche weg und schon wenden sie sich an dich? Die müssen ziemlich aufgeschmissen sein – ohne ihren besten Lügendetektor.«

Er verdreht die Augen.

Ich beiße in den Apfel. »’tschuldigung, ich meine Erkenner. Obwohl ich wette, dass das Kriminalamt hier froh ist, dich zu haben. Wo arbeitest du noch einmal?« Ich versuche mich an die Abkürzung zu erinnern. »EBI ... SBI ...«

»FBI. Federal Bureau of Investigation.«

»Richtig. FBI. Vermutlich sollte ich mir das merken. Na, zeigst du’s all den Verbrechern? Keine Lügen mehr in Dallas!«

»Sehr lustig. Meine Tochter, die Komikerin. Ganz abgesehen davon, dass sie überraschend gut mit vollem Mund sprechen kann.«

»Es ist eine Gabe.«

Er gibt mir einen Klaps mit dem Umschlag auf den Kopf und öffnet ihn dann. Zuerst zieht er eine Art Ausweis heraus.

»Was ist denn das?«

Er dreht ihn mir zu. »Ich hab meinen Sektor-ID im Büro vergessen.«

Das holografische Logo springt mir ins Gesicht. Der Ausweis sieht genauso aus wie meiner, nur dass seiner ihn als Erkenner ausweist, meiner mich für minderjährig erklärt. Oh, und natürlich sind unsere Fotos unterschiedlich. Ich mustere seins genauer. Würde mein Dad sein Haar nicht so streng scheiteln, könnte er sogar richtig cool rüberkommen. Mit seinem vollen schwarzen Haar und seinem kräftigen Kinn sieht er gar nicht schlecht aus. »Dad!

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