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Vergessen werde ich dich nie

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1. KAPITEL

„Was für ein teuflisches Spiel haben Sie vor?“

Felicia hatte sich Penelas Sachen angezogen. Nur die weichen, grauen Schuhe waren ihr zu groß gewesen. Deswegen hatte sie sich aus dem Deckel des Schuhkartons Einlegesohlen geschnitten. Was konnte sie in diesem Augenblick schon zu ihrer Rechtfertigung vorbringen?

Penela war davongelaufen, und es schien nur einen Weg zu geben, Mykos vor allen Leuten in der Kirche, den Zeitungsreportern und Gratulanten, den Bekannten und den Feinden, die Männer mit Einfluss zwangsläufig haben, nicht der Lächerlichkeit preiszugeben: Sie, Felicia, hatte das weiße Spitzenkleid angezogen und den langen kostbaren Schleier so aufgesteckt, dass er ihr Gesicht verhüllte.

Unten in der Halle hatte Onkel Dominic die Braut erwartet. „Du siehst wunderbar aus“, hatte er gesagt. Am Hochzeitstag seiner Tochter war er zu nervös, um zu bemerken, dass er gar nicht seine Tochter, sondern seine Nichte küsste und sie an seinem Arm zu dem wartenden Hochzeitsauto führte.

Kein Mensch hatte während der Zeremonie Felicias Abwesenheit bemerkt. Man wusste ja, dass sie schüchtern war. Dabei hatte sie sich für ihre Cousine ausgegeben und war vor dem Altar der griechischen Kirche einem Mann angetraut worden, der ihre Existenz kaum bemerkt hatte … bis zu diesem bestürzenden Augenblick.

„Wie um alles in der Welt haben Sie das fertig gebracht?“, fragte Mykos und fasste wütend in ihr Haar. Er zog sie zu sich heran und musterte genau ihr Gesicht. „Es war dieser teuflische Schleier. Damit sahen Sie aus wie sie, wenn auch bleich und nervös an diesem wichtigsten aller Tage. Ein zusätzlicher Trick war Ihr Schwächeanfall in der Sakristei. Und dann zeigten Sie sich zu ergriffen, um an dem Empfang teilzunehmen. Sagen Sie“, dabei beugte sich Mykos noch näher zu ihr und seine Augen funkelten vor Zorn, „fühlen Sie sich allein mit mir auch noch so sicher – in unserem Flitterwochenhotel?“

Felicia spürte den Schmerz, als er an ihren Haaren zog. Aber am meisten litt sie unter der Schuld und einer ebenso schrecklichen Angst. Mykos Mavrakis war Grieche durch und durch, und dieser Umstand hatte die ganze Maskerade begünstigt.

Er war mit seinen beiden Brüdern und einigen Geschäftsfreunden in einem Extraauto zum Hotel gefahren worden, denn, ähnlich wie die Araber, lassen sich griechische Männer nicht mit Frauen in der Öffentlichkeit sehen. Frauen sind ihre privaten Angelegenheiten. Deshalb war die Braut von ihm getrennt gehalten worden bis zu dem Augenblick, als sie sich ganz allein gegenüberstanden – als Ehemann und Ehefrau.

Jeder einzelne Augenblick dieses Morgens war in Felicias Erinnerung so scharf eingeschliffen, wie die Facetten des Smaragdringes, den Penela auf dem Frisiertisch ihres Schlafzimmers zurückgelassen hatte. Er lag auf dem zusammengefalteten, eilig beschriebenen Zettel, den sie für Mykos hinterlassen hatte. Sie hatte ihn in Athen während einer ihrer vielen Gelegenheitsbeschäftigungen kennen gelernt, mit denen sie die Zeit bis zur Übernahme kleinerer Theaterrollen überbrückte. Reiseführerin für eine Busladung Feriengäste zu sein, sagte Penela zu, denn sie hatte ein sprühendes Temperament und fürchtete niemanden.

Genau diese Eigenschaften hatten diesen Mann angezogen, der jetzt mit Felicia in dem luxuriösen Wohnzimmer des Parkway Tower Hotels in London stand. Der Reiz muss sehr groß gewesen, denn es ist hinreichend bekannt, dass Griechen sehr traditionsbewusst sind und es daher vorziehen, einheimische Frauen zu heiraten. Penelas Anziehungskraft war jedoch offenbar so stark gewesen, dass es Mykos nach England zog, wo er Dominic Odell um die Hand seiner einzigen Tochter bat.

Aber es war Felicias Hand, die Mykos Mavrakis an diesem Morgen in der Kirche gehalten hatte, und es war ihr Finger, auf den der gravierte Ring aus feinstem Gold geschoben wurde. Das Sonnenlicht, das durch das hohe, spitze Fenster über den Altar fiel, hatte ihn glitzern lassen. Einen gleichen, aber größeren Ring steckte sie mit zitternden Fingern an seine rechte Hand. Fast hätte sie den Ring fallen lassen, denn sie war sich bewusst, dass sie den Zorn der Götter und des Griechen selbst auf sich ziehen würde, wenn sie die Rolle des Mädchens spielte, das er eigentlich haben wollte.

Felicia hatte einen Myrtenkranz getragen, und sie fragte sich, ob ihre Cousine wohl aus Furcht davongelaufen, oder ob es ein echtes Bedürfnis gewesen war, die Rolle als Ersatzschauspielerin in New York zu übernehmen.

Felicia wusste von der Affäre, die Penela mit dem Produzenten Drake Montressen gehabt hatte. Seit ihrer Schulzeit war sie von ihrer Cousine in alle Geheimnisse eingeweiht worden, und da sie keine eigene Familie hatte, war sie dankbar, dass Penela sie beinahe wie eine Schwester behandelte. Auch Dominic Odell, ein erfolgreicher Gebrauchsgrafiker, wäre über die Tatsache erschüttert gewesen, dass sein geliebtes Kind sich einem Mann wie Montressen hingegeben hatte. Dieser war wesentlich älter als Penela, ein starker Trinker und ein Frauenheld.

Felicia hatte versucht, ihre Missbilligung zu verbergen. Jedoch – wie konnte sie das flüchtige Verhältnis mit einem Mann verurteilen, wo sie etwas getan hatte, was einer Gotteslästerung gleichkam!? Von einem fremden Hochzeitsschleier verhüllt, hatte sie das Ritual einer griechischen Hochzeit über sich ergehen lassen. Drei Mal war sie mit dem Bräutigam zum Altar geschritten, durch die Bänder einer blumengeschmückten Krone mit ihm verbunden. Danach hatte sie am Hochzeitswein genippt und die silberbeschlagene Bibel mit der schönen, griechischen Schrift geküsst. Eine Zeremonie, die aus griechischer Sicht heilig war. Eine solche Verbindung konnte nur der Tod lösen.

Unter dem Schleier war ihr Gesicht so weiß wie die Blumen gewesen, die ihr Kleid schmückten: Schneeglöckchen, die als Symbol für Jungfräulichkeit an Körper, Geist und Seele galten.

Eine Ader trat an Mykos Schläfe hervor, als er auf Felicia herunterstarrte. Niemals in ihrem Leben hatte sie jemand so wütend gesehen. Er sah aus, als ob er seine Hände um ihren Hals legen wollte, um sie zu erwürgen, was sie ihm nicht hätte verübeln können. Fast hätte sie dies als eine Befreiung aus einer Situation empfunden, die mit jeder Sekunde unerträglicher wurde.

„Wie konnten Sie es wagen, sich für sie auszugeben und ihren Namen anzunehmen?“, fragte er.

„Das habe ich nicht getan“, stammelte Felicia, weil die Wörter kaum über ihre starren Lippen kommen wollten. „Ich – ich nannte meinen eigenen Namen.“

„Cousine Felicia!“ In Mykos Augen flackerte Zorn und Verachtung auf.

„Ich – ich schrieb ihn sogar in das Buch, und Sie hätten den Schwindel an Ort und Stelle aufdecken können.“

„Ihre Hand zitterte so sehr, dass Sie auch mit jedem anderen Namen hätten unterschreiben können, und es wäre nicht zu entziffern gewesen“, erwiderte Mykos. „Ich muss zugeben, ich wunderte mich darüber, dass Penela so nervös schien. Aber warum sollte ich bezweifeln, dass das Mädchen an meiner Seite meine richtige Braut war? Warum sollte ich einen Betrug vermuten?“

Felicia zuckte zusammen, als sich seine Finger schmerzhaft in ihre zarten Schultern eingruben. Er zerrte sie zum Fenster, wo das Sonnenlicht des späten Nachmittags sich ungehindert in das Zimmer ergoss.

„Jetzt sehe ich, dass Sie nicht einmal eine Kopie von ihr sind“, bemerkte Mykos schneidend. „Aber weiß der Teufel, die meisten Bräute sehen verändert aus. Selbst Verwandte und Freunde kennen sie mitunter nicht wieder. Das verschleierte Gesicht wirkt nicht vertraut, und der Mann hat das Gefühl, eine Wachsfigur zu heiraten. Wo sich sonst warme Hände berühren, vor dem Altar sind sie kalt und zittern. Wo die Stimme sonst verführerisch klingt, sie nimmt einen kühlen und abweisenden Ton an. Himmel und Hölle, wie kann ein Mann selbst vor dem Altar sicher sein, dass er dieselbe Frau heiratet, die er in der Nacht davor in seinen Armen hielt!“

Da schrie Felicia vor Schmerz auf, denn sein Griff war zur Folter geworden. Sie war noch niemals vorher allein mit diesem Mann gewesen. Bisher hatte sie ihn, den griechischen Verlobten ihrer Cousine, in überfüllten Räumen erlebt. Einen Mann mit Gardemaß, mit der Gestalt eines Säbeltänzers und den Augen eines Löwen.

„Wenn ich Sie verletze, dann haben Sie es so gewollt“, sagte Mykos mit einer Stimme, die so scharf wie ein Messer war.

„Eine Menge Schmerz wartet noch auf Sie, kleine Betrügerin.“ Es war ein Versprechen, keine Drohung. „Sie konnten wenig Freude erwartet haben, als Sie das weiße Kleid anzogen und Ihr Gesicht hinter diesem verfluchten Schleier versteckten! Sagen Sie mir, was haben Sie erwartet, als Sie sich für Penela ausgaben?“

Seine Augen suchten nach der Wahrheit, und Felicia musste sie im letzten Winkel ihres Herzens verbergen. Wenn er nur einen Schimmer von dieser unglaublichen Wahrheit erfahren würde, wäre sie bloßgestellt.

Sollte er doch das Naheliegende glauben – dass sie als armes Mädchen die Gelegenheit beim Schopf ergriffen hatte, reich zu werden. Dies würde er verstehen, aber niemals den wahren Grund, warum sie sich als Penela verkleidet hatte. An dem Abend nämlich, als sie ihm in der Diele des Hauses ihres Onkels Mykos Mavrakis angeblickt und weiche Knie bekommen hatte, war sie der Meinung gewesen, diese Empfindung wäre nichts als Angst. Aber sie hatte in dieser Nacht stundenlang wach gelegen und war von seinen Bildern heimgesucht worden.

Sie zog den Zettel aus Penelas Kostümtasche, den ihre Cousine hastig beschrieben hatte, bevor sie ihm davongelaufen war. Schweigend gab sie ihn Mykos. Den Inhalt kannte sie.

„Lieber Mykos!

In gewisser Weise bin ich immer noch verrückt nach dir, und ich weiß, dass wir zusammen aufregende Zeiten hätten verleben können. Aber ich möchte eine Schauspielerin werden, und du als Grieche hättest mir dies nicht erlaubt. Ich habe die Chance, als Ersatz für Gertrude Maine in New York in einem herrlichen, neuen Stück aufzutreten. Das kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.

Bitte versuche, mich zu verstehen, aus Liebe zu mir! Und bitte versuche auch, mir zu verzeihen. Felicia wird dir wahrscheinlich diesen Zettel geben. Ihrer Verschwiegenheit kannst du trauen und den anderen Leuten sagen, wir hätten Streit gehabt. Danke für die Erinnerungen.

Deine Drückebergerin, Penela.“

Felicia zuckte zusammen, als Mykos das Papier zerknüllte und in den Papierkorb neben dem Schreibtisch warf. Das war’s, schien diese Geste zu sagen. Ein vergebliches Werben, eine Liebe, die es nicht wert war, erwidert zu werden.

„So, Ihnen kann ich also vertrauen!“ Sein Blick blieb auf Felicia geheftet. Ein Mann, der zu befehlen gewohnt war, war von einem Mädchen sitzen gelassen und von einem anderen schamlos hereingelegt worden. Felicia wusste, dass er ihr nie verzeihen würde.

„Was – was wollen Sie jetzt tun?“ Sie musste ihn fragen, sie musste seine Absichten kennen lernen. In jeder Beziehung war er ein Fremder für sie, und sie konnte nicht sicher sein, dass er sie nicht vor die Tür setzen würde. Zwar war sie seine Frau, aber andererseits auch ein Eindringling.

„Was möchten Sie, das ich tue?“, fragte Mykos spöttisch. „Sie wissen besser als ich, warum Sie in der Aufmachung einer anderen Frau in die Kirche kamen und kühn dort weitermachten, wo sie aufgehört hatte. Die völlig mittellose, kleine Cousine, was? Merken Sie, dass Sie gänzlich meiner Gnade ausgeliefert sind?“

„Ich – ich glaube schon“, antwortete Felicia.

„Ich könnte sie aus dem Fenster werfen. Wer würde mir Vorwürfe machen? Wer würde sich daran stören?“

„Niemand“, gab sie zu. „Sie wären im Recht.“

„Ich freue mich, dass Sie das erkennen.“ Sein Blick glitt an ihr herunter. „Ich bin noch bestürzt darüber, dass ich glauben konnte, ich hätte Penela geheiratet. Sie sprüht vor Lebenslust, und Sie sind zurückhaltend. Ihr Haar ist gold- und nicht platinfarben, und Sie haben nicht den verführerischen Zug um den Mund. Wissen Sie, was ich über Sie denke?“

„Ich kann es vermuten“, antwortete Felicia ruhig. Noch nie hatte sie in einem Blick größere Verachtung entdecken können.

„Ich bezweifle, ob irgendein Mensch die Vorstellungskraft hat, wie tief der Abgrund ist, der sich auftut, wenn ich Sie anschaue. Es ist, als ob ich einen Diamant gekauft hätte und zu Hause feststellen würde, dass es ein Glassplitter ist. Ich fühle mich beraubt, und das ist ein Gefühl, das kein Grieche ertragen kann.“

„Ich – es tut mir leid“, brachte Felicia mühsam hervor. Ihre Kehle war trocken und ihr Kopf heiß und schmerzend. Was sie getan hatte, war wie ein Albtraum, aus dem sie erwachen wollte.

Verzweifelt schaute sie von ihm zur Tür. Ja, wenn sie in den Flur gelangen könnte, wäre sie vor der Vergeltung des Griechen sicher. Sie bewegte sich plötzlich auf die Tür zu, aber sie vergaß, dass die Schuhe, die sie trug, nicht ihre eigenen waren. Als sie nach dem Türgriff fasste, stolperte sie. Einer ihrer Schuhe flog ihr vom Fuß, und die Pappsohle landete auf dem Teppich. Hände griffen nach ihr, taten ihr weh, als sie sie hochhoben und zu dem breiten Sofa trugen. Dort ließ Mykos sie unsanft in die Kissen fallen.

Felicia war entsetzt. Sie starrte ihn an, ihre Augen waren voller Verzweiflung und Bitten. Aber keine Reaktion zeigte sich auf seinem mitleidlosen Gesicht. Er kam näher, und als sie vor ihm zusammenzuckte, riss er ihr den anderen Schuh vom rechten Fuß und schleuderte ihn durch das Zimmer.

„Der Schuh passt dem Aschenputtel nicht“, sagte er voller Hohn. „Und Sie sollten ein für alle Mal wissen, dass ich nicht der Märchenprinz bin, der Sie in seiner Höflichkeit und Güte ziehen lässt, weil Sie freundlicherweise geholfen haben, mein Gesicht zu wahren, wie Sie fraglos annehmen. Sie kleiner Dummkopf, glauben Sie, ich schere mich um die Meinung von Leuten, die Hochzeiten besuchen und ihre Kameras auf Männer richten, die Erfolg und Geld haben? Ich wollte Penela heiraten, weil sie mich reizte, verstehen Sie mich? Sie funkelte wie ein Edelstein, und jetzt habe ich Sie, und niemand von uns kann etwas daran ändern.“

„Doch, doch!“ Felicia wollte das Unrechte, das sie spontan getan hatte, wieder gutmachen. „Die Heirat kann für nichtig erklärt werden, und dann werden Sie frei sein!“

„Eine griechische Hochzeit?“, fragte Mykos höhnisch. „Glauben Sie wirklich, ich kam in Ihr Land, um Ihre Cousine mit dem Hintergedanken zu heiraten, sie davonzujagen, falls wir nicht zueinander passen sollten? Schauen Sie mich an! Ich bin kein Heiliger, aber ich halte an den Gesetzen meiner Kirche fest. Verstehen Sie, was das bedeutet?“

Felicia konnte jeden Schlag ihres Herzens hören, als ihr Blick auf dem sonnengebräunten, strengen Gesicht des Spartaners haftete. Jenes Mannes, den sie gewagt hatte zu lieben!

„Das bedeutet“, sagte Mykos mit Bedacht, „dass Sie und ich zusammengekettet sind, bis einer von uns stirbt. Im Augenblick könnte ich Sie einfacher loswerden, wenn ich Ihnen das Genick bräche.“

„Oh, nein!“, wehrte Felicia ab, und ihr Gesicht wurde so weiß wie die Wand.

„Dachten Sie, ich würde es tun?“, fragte er höhnisch lächelnd. „Beruhigen Sie sich, meine Liebe, Sie sind es nicht wert, dass man für Sie ins Gefängnis geht, am wenigsten in ein griechisches. Also, ob Sie es mögen oder nicht, ich habe eine Frau, und wir können gut die Flasche Sekt öffnen, die Zonar ins Hotel gebracht hat.“

Felicia beobachtete stumm, wie Mykos zur Bar ging und eine Flasche ergriff, die sein Bruder in einen Eiskübel gestellt hatte. Sie hatte am Fenster gestanden und den Brüdern den Rücken zugewandt, als sie mit Mykos gescherzt hatten. „Viel Glück!“ hatte der Jüngste, Zonar, ihr zugerufen. „Auf Wiedersehen, Schwester!“

Bis morgen, dann nämlich würden sie nach Griechenland zur Insel Petaloudes fliegen, die Mykos Mavrakis gehörte. Er besaß dort Marmorbrüche, Weingüter, Feigenplantagen, eine Olivenöl-, eine Fischkonservenfabrik, ein Transportunternehmen, einige Hotels, einen Nachtklub, drei Restaurants und einige großzügige Villen. Man sagte, er spekuliere mit allem und überall, er sei sowohl wohltätig als auch ein nüchterner Geschäftsmann.

Am Ende des Krieges gehörten er und seine kleinen Brüder zu den vielen Waisenkindern, die um ihre Existenz rangen. Sie hatten überlebt, weil Mykos hart, rücksichtslos und schlau war … Felicia hatte nicht gewagt, seine Brüder anzusehen. Sie machten allerhand Bemerkungen, als sie ihn mit ihr für die Hochzeitsnacht allein ließen.

Felicias Nerven bebten, als der Sektpfropfen aus der Flasche sprang und auf den Teppich neben die Couch fiel, wo sie zusammengekauert saß.

„Wollen Sie ihn aufheben und behalten – als Glücksbringer?“, fragte Mykos mit tiefer Stimme, die die schrecklich verletzende Verachtung für sie und für das enthielt, was sie getan hatte. Er würde niemals wirklich glauben, dass sie seinen Stolz wahren wollte … Er war zu selbstbezogen und zu sachlich, um jemals verstehen zu können, dass eine Frau sich um ihn sorgen könnte. In seinem bisherigen Leben hatte er sich genommen, was er wollte. Er hatte zugepackt, gerafft und um einen sicheren Platz in der Welt gekämpft. Alles was er für sie empfinden würde, war ein tiefer und bleibender Zorn darüber, dass ihm etwas, was er nicht wollte, aufgezwungen worden war.

Mykos näherte sich ihr mit zwei Sektgläsern in den Händen. Dabei kickte er den Pfropfen aus dem Weg, und er rollte unter die Couch. So ergeht es also dem Glück, dachte sie.

„Hier!“ Er hielt Felicia ein Glas entgegen, und sie fühlte einen dicken Kloß in der Kehle, als sie es annahm.

„Und auf was wollen wir trinken?“, fragte er. „Auf ein langes Leben und viel Freude an der liebenden Gegenwart des anderen?“

„Nein“, bat sie. „Ich fühle mich – wie ein Verbrecher.“

„Das sind Sie auch. Sie haben gestohlen, was für eine andere Frau bestimmt war.“

„Aber Penela hat Sie verlassen.“

„Ich wäre ihr gefolgt. Sie hatte erwartet, dass ich in einen Hubschrauber springe, um ihr nachzukommen und zu beweisen, dass mir die Ehe wichtiger ist, als in den Rängen eines Theaters zu sitzen.“ Er hob sein Glas und nahm einen tiefen Schluck. „Das Leben kann noch viel dramatischer sein als ein Schauspiel, aber ich gebe mir für eine Rolle, die mir aufgezwungen wurde, nicht viel Mühe. Ich kümmere mich nicht um die Hauptdarstellerin dieses Stückes!“

Das Sektglas zitterte in Felicias Hand.

„Nehmen Sie einen großen Schluck“, sagte er mit beißender Schärfe. „Trinken Sie sich Mut an! Sie werden ihn brauchen.“

Ihr Blick war wie hypnotisiert auf sein Gesicht gebannt.

„Cheers!“, höhnte er. „Sagen das nicht die Engländer, wenn sie jemandem zutrinken? Bei Gott, ich frage mich, wo hatten Sie die Nerven her, ein solches Spiel mit mir zu beginnen. Was wollten Sie? Sie haben kein Zuhause, ist das richtig?“

„Onkel Dominic lässt mich in seinem Haus wohnen“, antwortete Felicia heiser, aber ohne Selbstmitleid. Ein tiefgründiges, weibliches Gefühl hatte sie dazu getrieben, Penelas Platz einzunehmen und jetzt war sie Gefangene ihrer eigenen verrückten Idee.

„Die übliche arme Verwandte, was? Die hässliche, kleine Maus, von Neid auf ihre schöne Cousine geplagt. Die den Käse wegschnappte, als sich eine Gelegenheit bot.“ Er ging mit geschmeidigen Schritten zur Bar, nahm die Sektflasche in die Hand, füllte sein Glas auf und brachte sie zu Felicia. „Halten Sie Ihr Glas hin! Kommen Sie! Nur das Berauschende dieses Stoffes wird uns helfen, mit dieser verrückten Situation fertig zu werden. Für einen Griechen ist ein Verlöbnis bindend, mehr noch die Heirat.“ Als Mykos den Sekt in ihr Glas goss, verschüttete er etwas, und seine Lippen verzogen sich zu einem grausamen Lächeln. „Vergossener Sekt soll Glück bringen, aber in diesem Fall hat er Unglück gebracht. Trinken Sie! Sekt muss rasch getrunken werden.“

Felicia schauderte und gehorchte. Der Sekt stieg ihr in den Kopf, doch wusste sie, dass dies sie vor den verletzenden Bemerkungen schützen könnte. Eine hässliche, kleine Maus hatte er sie genannt, die den Käse weggeschnappt hatte, der für ihre Cousine bestimmt war.

Ein Zittern durchlief ihren Körper, als sie ihn auf dem Teppich hin- und herschreiten sah. Sie wusste, dass sein Stolz zutiefst verletzt war. Er besaß zu viel Selbstbeherrschung und Gelassenheit, um von dieser Situation erschüttert zu sein, aber Felicia fühlte den Zorn, der in ihm kochte. Sie verkroch sich vor seinem Blick.

„Nehmen Sie endlich diesen Hut ab“, sagte er barsch. „Sie wohnen nämlich hier, wissen Sie?“

Felicia stellte ihr Sektglas hin und nahm mit unsicheren Händen den kleinen, grauen Wildlederhut ab und legte ihn auf den Couchtisch. Sie schüttelte ihr Haar, das ihr feines Gesicht golden umrahmte. Er hatte sie hässlich genannt, um grausam zu sein. Aber als sie dort saß, das rötliche Sonnenlicht auf ihrer zarten Haut, bemerkte sie, dass er sie genauer anschaute.

„Sie sehen wie ein gequälter Engel aus“, meinte Mykos höhnisch.

„Und Sie wie ein Seeräuber.“ Trotz allem blieb sie nicht ohne einen Schuss Humor. „Kein Herz, also kein Vergeben.“

„Nein“, stimmte er zu und lehnte sich gegen die Bar. „Haben Sie erwartet, dass ich Ihnen verzeihe? Dann würde sich ihr Optimismus mit ihrem Opportunismus decken.“

„Ich bin in dieser Hinsicht sicherlich nicht optimistisch“, sagte sie. „Ich weiß sehr genau, dass Sie mich hassen müssen.“

„Oh ja, wir Griechen können intensiv hassen. Freuen Sie sich!“

„So – so wollen Sie also die Ehe bestehen lassen?“ Felicia presste ihre Hände in ihrem Schoß zusammen und musste dagegen ankämpfen, aufzuspringen und einen weiteren Versuch zu machen, die Tür zu erreichen.

„Ja, Sie werden meine Frau sein, und ich werde dafür sorgen, dass Sie jeden Augenblick den Betrug vor dem Altar bedauern. Griechische Ehegesetze sind nicht so lasch wie die englischen. Sie sollen täglich büßen, dass Sie Penelas Schleier getragen haben, um mich zu täuschen. Sie haben mit diesem Schleier Schindluder getrieben, indem Sie sich dahinter als Diebin, Lügnerin und Dirne verbargen!“

„Oh nein!“, stöhnte Felicia. „Das ist ungerecht!“

„Es ist das einzig Wahre an diesem Tag. Sie stahlen sich den Platz Ihrer Cousine an meiner Seite, Sie logen sich durch die Trauungszeremonie, und Sie werden die Unzucht vollenden, wenn Sie heute Nacht in meinen Armen liegen und sich mir hingeben.“

„Nein!“ Sie sprang auf. „Nichts wollte ich von all dem. Ich wollte nur, dass Ihr Stolz nicht verletzt wird!“

„Wirklich? Glauben Sie, dass ein Mann stolz sein kann, wenn er sich mit einer Frau verheiratet sieht, die er nie wollte?“

„Nein –“ Felicia wankte. „Sie – hätten hier stehen und auf Penela warten müssen. Es wäre erniedrigend für Sie gewesen.“

„Finden Sie es etwa weniger erniedrigend, wenn ich jetzt der Ehemann einer Frau bin, für die ich nichts empfinde – außer Verachtung? Gut, es ist passiert und kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Aber Sie tragen jetzt meinen Namen, und ich will nicht, dass dieser durch die Klatschspalten geht. Wir geben etwas auf die Ehre.“

„Nur nach außen hin?“, fragte Felicia. „Ich wollte niemals Ihren Stolz verletzen, glauben Sie mir. Ich wollte nur – oh, ich weiß, es war verrückt, das zu tun, aber …“

„Ich nehme an, Sie wussten genau, was Sie taten. Und zwar von dem Augenblick an, als Sie Penelas Notiz gelesen hatten. Sie wussten, ich habe Geld und ein Schloss auf einer Insel. Es ist doch beruhigender, ein ganzes Haus zu besitzen, als ein einziges Zimmer. Und für welch einen geringen Preis. Sie brauchen dem Griechen nur Ihren Körper hinzugeben.“

„Ich habe nie an solche Sachen gedacht“, protestierte Felicia. Dennoch errötete sie, als sie sich plötzlich an die Nacht erinnerte, in der sie wach lag und an ihn dachte, weil er so anders war als die Männer, die Penela umschwirrten wie die Motten das Licht. Konnte sie wirklich leugnen, dass sie darüber nachgedacht hatte, wie es wohl in seiner Nähe wäre?

„Nun, wenn Sie neugierig auf mich gewesen sind, verspreche ich, diese Neugier zu befriedigen.“

Mykos’ kräftige Hände machten eine ausdrucksvolle Bewegung, und sein Blick war stahlhart. „Sie könnten sich griechisches Brot und ein Dach über dem Kopf verdienen. Sie sind doch gesund, oder? Ihre Haut ist rein, und Ihre Zähne sind gut …“

„Ich bin, verdammt noch mal, kein Pferd!“, schleuderte Felicia ihm plötzlich entgegen, gereizt über die Art, wie er über sie redete. „Was ich tat, geschah in bester Absicht, und ich lasse mich von Ihnen nicht beschimpfen!“

„Sie werden genau das tun, was ich Ihnen sage.“ Während er sprach, ging er auf sie zu. Sie wich vor seiner drohenden Erscheinung zurück, und ihr wurde brennend bewusst, dass sie mit ihm in dieser Zimmerflucht allein war. Ohne Schuhe fühlte sie sich ganz hilflos. Schließlich stand sie mit dem Rücken an den langen Seidenvorhängen des Fensters, hinter dem es langsam dunkel wurde.

Sie stieß einen kurzen Schrei aus, als er nach ihr griff und heftig an sich zog.

„Sie entschlossen sich, mich zu heiraten. Damit lösten Sie sich von Ihrem Onkel und sind nun ganz mein Eigentum, mit dem ich machen kann, was mir gefüllt. Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?“

„Oh ja.“ Felicia konnte weder das Zittern in ihrer Stimme, noch das in ihren Beinen verhindern.

„Sie wollen also an den Gelübden festhalten, die ich verrückterweise getan habe?“

„Ich glaube, Sie gaben sie sehr überlegt ab, nachdem Sie Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen hatten. Was hatten Sie schon zu verlieren? Ein Hinterzimmer im Hause Ihrer Verwandten und einen Platz im Schatten Ihrer blendend aussehenden Cousine.“

„Glauben Sie, dass ich eifersüchtig auf Penela war?“, fragte Felicia entrüstet. „Das ist nicht wahr, und Sie haben kein Recht, das zu unterstellen.“

„Sie sind diejenige, die kein Recht hat“, entgegnete Mykos schroff. „Sie sind nicht mehr als eine Braut aus Sparta, die nur einem Zweck dient!“

Ihr Gesicht verlor jede Spur von Farbe. „Was meinen Sie damit?“

„Sind Sie nicht Frau genug, um zu wissen, was ich meine?“ Sein Griff wurde noch fester, und jeder Zoll ihres Körpers wurde ganz dicht an seinen gepresst.

„Sie haben jedes Recht, wütend zu sein, und Sie müssen mir glauben, dass mir alles aufrichtig leid tut.“ Felicia erkannte beschämt, dass er ihr angstvolles Zittern bemerkte.

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