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Verführung unterm Silbermond

1. KAPITEL

Natasha brauchte ihn nicht zu sehen, um zu wissen, dass etwas nicht stimmte.

Sie hörte es an dem lauten Türschlagen und an den energischen Schritten. Auch das kurze untypische Zögern und der unterdrückte italienische Fluch verrieten Raffaele. Er hängte sein Jackett in der Halle an die Garderobe und ging zu seinem Arbeitszimmer. Dann wurde es still, und eine seltsam ungute Ahnung erfüllte sie.

Raffaele war in den Vereinigten Staaten gewesen, wo er mehrere Immobilien besaß. Normalerweise suchte er Natasha bei der Rückkehr seiner Reisen immer sofort auf, fragte sie, wie es ihr ging und was Sam machte. Und manchmal dachte er sogar daran, dem Jungen eine Kleinigkeit vom Flughafen mitzubringen. Einmal hatte Natasha gesehen, wie er einen edel verpackten Parfumflakon aus seinem Aktenkoffer nahm, und ihr Herz hatte erwartungsvoll zu klopfen begonnen.

Doch der Duft war kein Geschenk für sie gewesen. Das Parfum war wahrscheinlich für das langbeinige Modell, mit dem Raffaele zu jener Zeit ausging.

Aus dem Arbeitszimmer drang kein Laut, und Natasha setzte vorsorglich eine Kanne Kaffee auf. Stark und schwarz, so wie Raffaele es ihr beigebracht hatte, damals, als sie anfing, für ihn zu arbeiten. Es war seltsam, welche Erinnerungen einem im Kopf haften blieben, selbst wenn sie völlig bedeutungslos waren. Natasha spürte noch immer den prickelnden Schauer über ihren Rücken fließen, als Raffaele so nah hinter ihr gestanden hatte. Viel zu nah für ihren Seelenfrieden, doch in ihm hatte diese Nähe offenbar nichts ausgelöst. Er war damit beschäftigt gewesen, der unscheinbaren Frau zu erklären, wie er seinen Kaffee bevorzugte.

„In Italien sagt man, der Kaffee muss aussehen wie Tinte und schmecken wie das Paradies. Sehr stark und sehr dunkel – wie ein richtiger Mann eben. Capisci?“ Seine Stimme hatte samtig und stählern zugleich geklungen, und seine schwarzen Augen hatten gefunkelt, als amüsiere es ihn, dass er einer Frau zeigen musste, wie man Kaffee zubereitete.

Doch damals hatte man ihr nahezu alles beibringen müssen, was für jemanden wie Raffaele offensichtlich selbstverständlich war. Er war nur an das Beste gewöhnt, und ihr fehlte sogar das Geld für das Notwendige. Wenn sie jetzt an die Schwierigkeiten dachte, in denen sie damals gesteckt hatte, erschauerte sie. Nie wieder wollte sie so etwas durchmachen müssen – den Hunger, die Unsicherheit, die Angst. Doch dann war Raffaele gekommen und hatte sie gerettet.

War das der Grund, weshalb sie ihn derart uneingeschränkt bewunderte?

Natasha stellte den Kaffee zusammen mit einer Schale Mandelkeksen auf ein Tablett. Bevor sie es aufnahm, überprüfte sie ihr Gesicht noch einmal in dem Spiegel, der in der Küche hing.

Was sie sah, war akzeptabel. Das hellbraune Haar saß ordentlich, das Gesicht war ungeschminkt, und das schlichte Kleid zeigte keine Falten. Sie sah kompetent und unaufdringlich aus. Genau so, wie sie es bevorzugte.

Nach Sams Geburt hatte Natasha sich abgewöhnt, Make-up zu benutzen und sich für andere schön zu machen. Nach der herben Enttäuschung mit Sams Vater hatte sie das Interesse an Männern verloren, und zumal sie allein für ihren Lebensunterhalt kämpfen musste, hatte sie sowieso keine Zeit für eine Beziehung. Außerdem war es ihrer Erfahrung nach so viel einfacher. Unkomplizierter.

Eigentlich hatte alles seine Vorteile, es kam nur auf die eigene Einstellung an. Kein Schminken bedeutete mehr Zeit am Morgen, auch erforderte der schlichte Zopf keinen unnötigen Zeitaufwand. Sie bot genau das Bild, das sie von sich bieten wollte – ein respektables Mitglied von Raffaeles Personal.

„Natasha!“

Ungeduld schwang in seiner Stimme mit. Hastig nahm sie das Tablett und stieg damit die Treppe zu seinem Arbeitszimmer hinauf.

Im Türrahmen hielt sie jedoch inne, als sie seine Haltung sah. Ja, ihr Instinkt hatte sie nicht getäuscht. Irgendetwas stimmte nicht.

Raffaele de Feretti. Milliardär. Junggeselle. Chef. Und der Mann, den sie heimlich liebte, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte – trotz seiner Arroganz und dieser überheblichen Ausstrahlung, die er manchmal an den Tag legte, wenn er wieder einmal überhaupt nicht zuhörte, was man ihm sagte.

Er hatte sie nicht gehört, stand mit dem Rücken zu ihr am Fenster und sah hinaus auf den regennassen Park.

Heute lag der Park verlassen da, doch an schönen Tagen konnte man die Kindermädchen mit ihren jungen Schützlingen dort spielen sehen. Oder junge Mütter, die die Mittagspause zu einem Spaziergang mit ihren Kinderwagen nutzten, bevor sie wieder an die Arbeit zurückmussten. Viele Frauen in dieser großen Stadt arbeiteten lediglich, weil sie die Abwechslung brauchten oder sich ihre Unabhängigkeit erhalten wollten. Natasha hatte das nie nachvollziehen können. Ihrer Meinung nach musste es ein Segen sein, nicht arbeiten zu müssen. Aber sie hatte auch nie wirklich eine Wahl gehabt.

Früher, als Sam noch kleiner gewesen war, war Natasha oft in ihren Pausen mit ihm in den Park gegangen. Sie war froh, diese Möglichkeit zu haben, doch gleichzeitig hatte sie immer das Gefühl gehabt, nicht das Recht zu haben, sich hier aufzuhalten. Sam wusste natürlich nicht, in welch exklusiver Wohngegend er sich befand. Er war einfach nur froh, spielen zu dürfen. Und jedes Mal, wenn ihr Kleiner beim Spielen glücklich aufjauchzte, dankte Natasha dem Schicksal, dass es Raffaele de Feretti in ihr Leben geführt hatte.

„Raffaele?“, sagte sie jetzt leise.

Er rührte sich nicht. Nicht einmal, als sie das Tablett mit einem leisen Klirren auf seinem Schreibtisch abstellte. Seine große schlanke Gestalt blieb reglos und stumm wie eine Statue.

„Raffaele?“, sagte sie noch einmal etwas lauter.

Endlich drang ihre sanfte Stimme in Raffaeles Gedanken. Langsam drehte er sich um, nahm ihr vertrautes Gesicht und den fürsorglichen Ausdruck in ihren Augen wahr. Er seufzte. Natasha. Immer da, immer unaufdringlich und sanft. Wie die Luft zum Atmen.

Er runzelte die Stirn, und kam abrupt in die Realität zurück. „Was ist?“

„Ich habe dir Kaffee gebracht.“

Kaffee? Hatte er Kaffee bestellt? Wahrscheinlich nicht. Aber er konnte jetzt gut eine Tasse gebrauchen. Natürlich hatte Natasha das geahnt. Er nahm die Tasse, die sie ihm anbot, und setzte sich in den Ledersessel hinter seinem Schreibtisch. Gedankenverloren fuhr er sich mit der Hand über die dunklen Bartstoppeln. Wäre es ein geschäftliches Problem, das ihn beschäftigte, wäre es nicht weiter schlimm gewesen. Solche Dinge erledigte er normalerweise mit links. Aber hierbei ging es um etwas viel Größeres. Dies betraf einen Bereich, den er normalerweise immer sorgfältig mied – das Persönliche.

„Hat heute schon jemand angerufen?“, wollte er wissen.

„Nein, niemand.“

„Auch nicht die Presse?“, fragte er scharf.

„Nein.“

Die Boulevardpresse interessierte sich brennend für Raffaele, seit irgendein Filmsternchen es mit der Schlagzeile Fünfmal in einer Nacht! auf die Titelseite geschafft hatte. Dabei kannte Raffaele die Frau kaum. Im Moment kümmerten sich seine Anwälte um diese Angelegenheit.

Um die Spannung zu mildern, die im Raum hing, versuchte sie es mit einem Scherz. „Nun, zu sehen ist von der Presse niemand. Natürlich könnten immer ein oder zwei Reporter hinter irgendeinem Busch lauern. Das wäre ja nicht neu.“

Doch Raffaele lachte nicht. „Und du warst die ganze Zeit hier?“

Natasha nickte. „Nur nicht, als ich Sam zur Schule gebracht habe. Aber um halb zehn war ich wieder zurück.“ Mitleid macht sich in ihr breit, weil Raffaele so angespannt wirkte. Er sah sogar anders aus. Seine sonst so lebhaften Augen blickten trübe, und die feinen Linien in den Augenwinkeln schienen sich tiefer eingegraben zu haben, so als hätte er lange nicht mehr geschlafen. „Wieso? Erwartest du jemanden?“

Nein, erwarten würde er das nicht nennen. Das hieße ja, dass er jemanden eingeladen hätte. Raffaele schüttelte den Kopf.

Nur wenige Menschen hatten je eine Einladung von ihm erhalten. Es fiel ihm schwer, anderen zu vertrauen. Argwohn und Misstrauen waren gewachsen, weil er ständig von Leuten umgeben war, die etwas von ihm wollten – Sex, Geld oder Macht. Und er besaß von allem mehr als genug.

Das, was er Natasha entgegenbrachte, kam Vertrauen schon ziemlich nahe. Diese sanfte Engländerin wusste mehr über sein Leben als jeder andere. Im Moment galt ihm noch ihre uneingeschränkte Loyalität, da sie ihm eine Menge schuldete. Doch was, wenn Natasha ihr Wissen zu Geld machen wollen würde? Die Summe, die die Klatschpresse ihr für die Story zahlen würde, reichte aus, um eine lange Zeit sorgenfrei zu leben.

„Nein, Natasha, ich erwarte niemanden“, sagte er etwas weniger angespannt.

„Du bist früher aus Amerika zurück.“

„Ich war gar nicht in Amerika, sondern bin nach Italien geflogen.“

„Oh. Gab es einen bestimmten Grund?“ Sie wusste, dass sie eigentlich nicht so neugierig sein durfte, aber sie hatte ihn auch noch nie so unausgeglichen gesehen.

„Ist nicht wichtig“, erwiderte er abweisend.

„Aber irgendetwas stimmt doch nicht, Raffaele“, hakte sie noch einmal nach, obwohl sie schon viel zu weit gegangen war.

Für eine Sekunde verspürte er tatsächlich das unerklärliche Bedürfnis, sich ihr anzuvertrauen, doch dann verzog er hochmütig den Mund – eine Geste, die er Natasha gegenüber nur sehr selten zeigte. „Es steht dir nicht zu, mir eine solche Frage zu stellen“, erwiderte er kühl. „Das weißt du.“

Ja, das wusste sie, und fast immer nahm sie es widerspruchslos hin. So wie sie viele Dinge in seinem Leben kommentarlos akzeptierte. Die Frauen, zum Beispiel, die manchmal das Bett mit ihm teilten. Meist kamen sie morgens mit wirren Haaren und rosigen Wangen in die Küche und baten um Frühstück, lange, nachdem Raffaele in die Stadt gefahren war. Doch das war schon länger nicht mehr vorgekommen. War es das, was ihn aufrieb? Ging ihm dieses Mal etwa eine Frau unter die Haut? Hatte er sich ernsthaft verliebt? Dann könnte er es ihr auch jetzt sagen, weil sie sich dann gegen den Schmerz wappnen konnte. Gegen die immer präsente Angst, dass es dieses Mal vielleicht von Dauer sein könnte.

Doch es gab noch einen anderen Grund, der Raffaeles perfektes Leben aus dem Gleichgewicht gebracht haben konnte. Er hatte eine wunderschöne Halbschwester, die wesentlich jünger war als er. War er möglicherweise ihretwegen nach Italien geflogen?

Sie räusperte sich. „Ist mit Elisabetta alles in Ordnung?“

Raffaele hielt mitten in der Bewegung inne, die Kaffeetasse nah bei den Lippen. Ohne zu trinken setzte er die Tasse langsam ab. „Wieso fragst du ausgerechnet nach meiner Schwester?“, fragte er gefährlich leise.

Weil sie in deinem reibungslosen Leben der einzige Mensch zu sein scheint, der dir Sorgen bereitet, lag es ihr auf den Lippen. Aber das konnte sie ihm nicht sagen. Damit würde sie tatsächlich die Grenzen ihrer Zuständigkeiten übertreten. Also zuckte sie nur mit den Schultern. Doch sie erinnerte sich an den dringenden Anruf vor ein paar Wochen von Elisabettas Psychiater. Danach hatte Raffaele in seinem Arbeitszimmer gesessen, bis die Dunkelheit hereingebrochen war.

„Nur eine Vermutung“, sagte sie knapp.

„Spare dir deine Vermutungen!“, brauste er auf. „Für Vermutungen wirst du nicht bezahlt!“

Natasha starrte ihn mit großen Augen an. Seine harschen Worte hatten sie tief verletzt. „Nein, natürlich nicht. Ich hätte nichts sagen sollen. Entschuldige.“

Raffaele sah das leichte Beben ihrer Lippen, auch wenn sie es zu verbergen versuchte. Mit einem Seufzer lenkte er ein. „Ich bin derjenige, der sich entschuldigen muss, cara. Ich dürfte nicht in diesem Ton mit dir reden.“

Doch er hatte so mit ihr gesprochen. Und vielleicht würde er auch wieder in diesem Ton mit ihr sprechen. Konnte sie das ertragen? Natasha streckte den Rücken durch, als sie eine ungute Ahnung überkam.

Hieß es nicht, dass mit der vertrauten Gewohnheit auch die Nachlässigkeit kam? Meinte er deshalb, ihr gegenüber diesen Ton anschlagen zu können, und sie würde es sich stumm gefallen lassen? Sicher, manchmal nannte er sie cara, aber das war eher eine Floskel. Ganz sicher meinte er nicht „Liebling“ im romantischen Sinne.

Verschloss sie absichtlich die Augen vor der Tatsache, dass ihr Arbeitsverhältnis allmählich komplizierter wurde? Wollte sie warten, bis es so unerträglich war, dass ihr nichts anderes blieb, als zu gehen?

„Ich sollte besser mit meiner Arbeit weitermachen“, sagte Natasha steif. „Ich wollte noch einen Kuchen backen. Sam bringt einen Freund zum Tee mit nach Hause.“ Damit wandte sie sich zum Gehen, bevor Raffaele die stummen Tränen sehen konnte, die ihr plötzlich in den Augen brannten.

Raffaele sah ihren übertrieben geraden Rücken, und jäh wurde ihm klar, dass er sie verletzt hatte. Was immer auch passiert sein mochte, das hatte Natasha nicht verdient. Vielleicht sollte er tatsächlich mit einem anderen Menschen darüber reden als nur mit seinem Anwalt. Troy sah immer alles nur schwarz und weiß. Dafür wurde er schließlich bezahlt – um die praktischen Gegebenheiten auszuloten und nicht, um Gefühle zu interpretieren.

Doch selbst ein Mann, der sein Leben lang vor seinen Gefühlen davongelaufen war, hatte manchmal keine andere Wahl, als sich eben diesen Gefühlen zu stellen. So wie jetzt. Und Natasha war eine Frau. Wahrscheinlich kam sie besser mit Gefühlen zurecht als er. Könnte die Perspektive einer unbeteiligten weiblichen Person vielleicht nützlich sein? Was konnte es schon schaden, wenn er ihr die Situation schilderte?

Vielleicht stimmte es ja, was man sagte: Wenn man ein Problem laut ausspricht, wird es einfacher.

Raffaele war jetzt vierunddreißig und hatte in den letzten Jahren ein untrügliches Gespür dafür entwickelt, mit möglichst wenig Aufwand den größtmöglichen Erfolg zu erzielen. Sein internationaler Ruhm war der Beweis. Was er an seinem Erfolg jedoch am meisten genoss war die Macht, die dieser mit sich brachte. Aber in den letzten Wochen hatte Raffaele erfahren müssen, wie ihm die Kontrolle entglitt. Eine Erfahrung, die ihn zutiefst beunruhigte.

„Natasha?“

„Ja?“ Obwohl sie antwortete, drehte sie sich nicht um. Sie versuchte noch immer, die Tränen wegzublinzeln.

„Elisabetta ist in einer Klinik. Man hat sie unter Geheimhaltung nach England geflogen, und mir graust davor, dass die Presse es herausfindet.“

2. KAPITEL

Natasha verharrte regungslos, ihr eigener Schmerz war wie weggeblasen. „Was?“

„Meine Schwester ist mit einem akuten Nervenzusammenbruch in eine Privatklinik im Süden Englands eingewiesen worden“, sagte Raffaele so tonlos, als lese er von einem Krankenblatt ab. „Wir versuchen natürlich, es aus der Presse herauszuhalten.“

„Wir?“

„Ich. Troy. Die behandelnden Ärzte. Sie fürchten, dass sich ihr Zustand sonst verschlechtert. Wenn die Medien Wind von der Sache bekommen, werden sie Elisabetta bei ihrer Entlassung unnachgiebig verfolgen. Das wird sie erst recht belasten. Die Sicherheitsvorkehrungen in der Klinik sind zwar massiv, aber da lungern immer Reporter herum, auf der Suche nach einer neuen Story.“

„Oh Raffaele.“ Sorge lag in den sanften blauen Augen. „Die arme Elisabetta. Was ist denn passiert?“

Er wollte ihr sagen, dass sie ihn nicht so anschauen sollte, dass sie seinen Namen nicht so sanft aussprechen sollte. Weil das Dinge in ihm auslöste, die er im Moment nicht fühlen wollte. So wäre er im Moment liebend gern auf sie zugegangen, hätte sie in seine Arme gezogen und einfach nur gehalten, die Stirn an ihr makelloses Gesicht gelegt. Hastig schüttelte er den Gedanken ab.

Schließlich musste er wieder die Kontrolle übernehmen und nicht mit offenen Augen in die nächste Katastrophe laufen, indem er sich verletzlich und trostbedürftig vor seiner eigenen Haushälterin zeigte! „Wie du weißt, hat sie keine besonders liebevolle Erziehung genossen.“ Er schluckte den bitteren Geschmack in seinem Mund hinunter. „Sie wurde geboren, weil meine Mutter so unbedingt ihrem neuen Ehemann gefallen wollte, der gern ein gemeinsames Kind haben wollte. Deshalb setzte sie Himmel und Hölle in Bewegung, um noch einmal schwanger zu werden, obwohl sie schon über vierzig war.“ Raffaele war damals ein Teenager gewesen. Er erinnerte sich gut daran, wie er sich zur Seite gestoßen gefühlt hatte. Doch als das Baby schließlich da war, hatte sich sein Beschützerinstinkt für die kleine Schwester gerührt. Bald darauf hatte er jedoch mit seinem Studium begonnen.

„Elisabetta behauptet, sie seien enttäuscht gewesen, weil sie kein Junge war. Ihr Vater hatte sich einen Erben für die Firma gewünscht, und ein zartes, künstlerisch begabtes Mädchen war genau das, was er nicht brauchte.“ Er kniff die Augen zusammen und zuckte mit düsterer Miene die Schultern. „Vielleicht hat das die Unsicherheit in ihr gesät. Vielleicht wäre es aber auch so oder so dazu gekommen. Wer kann das wissen? Ich weiß nur, dass dieses Gefühl in ihr immer stärker geworden ist.“

„Aber … ist etwas passiert?“, fragte Natasha leise. „Hat es sich zugespitzt? Gab es einen Mann?“

„Du bist so einfühlsam, Natasha. Ja, es gab eine Beziehung.“ Sein Mund wurde hart. „Zu einem Mann, von dem Elisabetta glaubte, er würde sie lieben. Doch natürlich liebte er vor allem ihr Vermögen. Verfluchtes Geld!“, stieß er bitter aus.

Natasha zögerte. Sie wusste, dass es ihr nicht zustand, ihre Meinung zu äußern, doch nur wenige Menschen wagten es, Raffaele gegenüber ehrlich zu sein. Und ihr persönlich lag viel an der aufrichtigen Meinung anderer Menschen. „Das meinst du nicht wirklich ernst, oder? Ich meine, du genießt schließlich ebenfalls den Lebensstil, den dein Geld dir ermöglicht.“ Sie milderte die unangenehme Wahrheit mit einem Lächeln ab. „Deshalb kannst du nicht behaupten, der Reichtum allein sei die Wurzel allen Übels.“

Raffaele presste die Lippen zusammen. „Du wagst es, mich zu kritisieren?“

„Nein. Ich will dir nur helfen, die Dinge klarer zu sehen.“

„Sie hätte sich nicht mit einem solchen Wurm einlassen sollen!“, donnerte er.

„Sie ist eine junge Frau, Raffaele. Auch du beweist nicht immer …“

„Ich beweise nicht immer was?“, grollte er drohend.

„Das objektivste Urteilsvermögen bei der Wahl deiner Frauen“, ergänzte sie ruhig.

„Was?“

Sie begegnete der wütenden Ungläubigkeit in seinem brennenden Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Die Vorstellung, dass seine kleine Schwester wegen eines gedankenlosen Glücksritters litt, gab ihr die Kraft dazu. „Ich weise nur auf die letzte Dame hin, die du gerade verklagt hast.“

„Madonna mia!“, rief er aus. „Ich habe sie zweimal getroffen. Und es ist zu keinerlei Intimitäten gekommen! Bin ich etwa verantwortlich für eine verlogene Schauspielerin, die meinen Namen und mein Geld dazu benutzen will, um ihre Karriere anzukurbeln? Elisabetta ist meine Schwester! Das ist etwas ganz anderes!“

Natasha seufzte still. Für Männer wie Raffaele gab es nur zwei Typen von Frauen – die Heilige und die Hure. Natasha fragte sich, in welche Kategorie sie wohl seiner Ansicht nach fiel. Zwar war ihr Verhalten, seit sie für ihn arbeitete, über alle Zweifel erhaben, doch sie hatte ein uneheliches Kind.

„Warum erzählst du mir nicht, was passiert ist?“

Ihre Stimme klang so mitfühlend und so voller Wärme, doch er wehrte sich gegen den Trost, den sie spendete. „Da gibt es nichts zu erzählen.“ Er zuckte rastlos mit den Schultern. „Dieser Mistkerl hat sich so lange an ihrem Konto bedient, bis es ihr endlich auffiel. Und als nichts mehr zu holen war, hat er die Beine in die Hand genommen.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Vorher hat er sie natürlich noch davon überzeugt, dass sie nur ihn lieben kann. Sie schlief nicht mehr, sie aß nicht mehr. Ihre Haut wurde trocken wie Papier. Und ihre Arme …“ Mit Zeigefinger und Daumen zeigte er einen Kreis, und Schmerz huschte über sein Gesicht.

Nur gut, dass es lediglich Natasha war, die hier vor ihm stand. Niemand hatte Raffaele de Feretti jemals verletzlich oder niedergeschlagen gesehen. Aber Natasha konnte ihm nicht gefährlich werden.

Er sah wieder Elisabetta vor sich, mit den großen Augen und dem seidigen Haar, das ihr bis auf die Hüften fiel. Mit geballten Fäusten wünschte er sich, er könnte seine zarte Halbschwester vor allem Schmerz, den das Leben für sie bereithielt, bewahren. „Ich hätte sie beschützen müssen!“

Natasha wollte schon sagen, dass Frauen heutzutage nicht mehr auf einen Beschützer angewiesen waren, doch … stimmte das? Hatte Raffaele nicht genau das für sie getan? Ihr aus einer mehr als misslichen Lage geholfen und sie beschützt? Hatte sie denn vergessen, wie verzweifelt sie gewesen war, bevor er ihr die rettende Hand reichte?

Natasha hatte auf eine Anzeige in der Zeitung reagiert und eines Abends einfach an seiner Tür geklingelt. Zuvor war sie Stunden ziellos umhergewandert und hatte immer wieder gedacht, dass sie nicht länger in einem feuchten Haus leben und wie ein Sklave arbeiten konnte. Und Raffaele suchte eine Haushälterin. Er öffnete selbst, und da es regnete, stand sie bis auf die Haut durchnässt vor ihm.

„Ja?“, hatte Raffaele gefragt. „Sie wünschen?“

Natasha fiel weder der gereizte Ton noch der fassungslose Blick auf, als er ihre mitleiderregende Gestalt musterte. „Ich komme wegen des Jobs“, sagte sie.

„Sie sind zu spät.“

Die Enttäuschung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. „Sie meinen, die Stelle ist schon vergeben?“

Ungeduldig schüttelte er den Kopf. „Nein, ich meine, Sie sind zu spät. Ich führe heute keine Bewerbungsgespräche mehr. Melden Sie sich bei der Agentur, und ich werde versuchen, Sie morgen noch mit hineinzunehmen.“

Doch Natasha war am Ende ihrer Kräfte und hatte nichts mehr zu verlieren. In ihrer Verzweiflung entwickelte sie plötzlich eine Entschlossenheit, von der sie gar nicht wusste, dass sie sie besaß.

„Nein!“, stieß sie aus. Und als sie den ungläubigen Ausdruck in seinen Augen sah, fuhr sie hastig fort: „Wenn ich jetzt gehe, dann stellen Sie morgen vielleicht jemand anderen ein. Aber niemand wird den Job so gut erledigen wie ich. Das verspreche ich Ihnen, Mr. de Feretti.“

„Signor de Feretti“, korrigierte er abweisend, doch ihre Entschlossenheit und die nackte Angst, die er in ihren Augen sah, hatten sein Interesse geweckt.

Also zog er die Tür ein wenig weiter auf, sodass das Licht auf sie fiel. Der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, war, dass sie mit Sicherheit keine große Versuchung für ihn darstellen würde – was durchaus positiv sein konnte. Manche der anderen Bewerberinnen, vor allem die jüngeren, waren ausgesprochen sexy und hatten auch keinen Hehl daraus gemacht, was sie sich davon versprachen, für einen reichen, gut aussehenden Junggesellen zu arbeiten. Und den meisten älteren schien es bereits in den Fingern zu jucken, ihn zu bemuttern.

„Wieso denken Sie, dass ausgerechnet Sie den Job besser machen als alle anderen?“

Auf diese Frage gab es keine andere Antwort als die schlichte Wahrheit. „Weil niemand diesen Job so sehr braucht wie ich.“

Natürlich sah er, dass sie zitterte. Er hörte auch, dass sie vor Kälte mit den Zähnen klapperte. Und ihre Augen blickten wild und unruhig. Es war durchaus denkbar, dass er mit ihr jemanden in seine Dienste nahm, der nicht ganz zurechnungsfähig war. Aber manchmal verließ Raffaele sich eben auf seinen Instinkt, und jetzt war so ein Moment.

„Kommen Sie herein.“

„Nein! Warten Sie!“

Er runzelte perplex die Stirn. „Ich soll warten?“

„Bitte, geben Sie mir ein paar Minuten, ich bin sofort wieder zurück.“

Nach einem knappen Nicken schob er die Haustür wieder zu und ärgerte sich gleichzeitig. Dieses Mal konnte er sich noch nicht einmal damit entschuldigen, dass er auf ein hübsches Gesicht und einen verlockenden Körper hereingefallen war. Mit ihrem unschuldigen Gesicht war sie wahrscheinlich der Lockvogel irgendeiner Gang, und jetzt holte sie die anderen, um über ihn herzufallen und das Haus auszurauben.

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