Logo weiterlesen.de
Verführung über den Wolken

1. KAPITEL

Schon wieder.

Wütend stieß Lauren die Luft aus und drückte den Fahrstuhlknopf für das oberste Stockwerk. Immer wenn ihr Halbbruder nach ihr verlangte, war ihr, als würde sie zum Direktor ihrer Schule befohlen, weil sie irgendetwas ausgefressen hatte. Dabei hatte sie früher nie den Mut gehabt, unangenehm aufzufallen.

Trent wollte sie los sein, das hatte er bereits mehr als deutlich gemacht. Eigentlich schon, seit ihre gemeinsame Mutter ihn sechs Wochen zuvor dazu gezwungen hatte, sie, Lauren, als Pilotin für die Hightower Aviation Management Corporation einzustellen. Die Mutter hatte als Präsidentin des Vorstands und Hauptaktionärin darauf bestehen können.

Trent konnte sie nicht entlassen, aber er hatte sämtliche Mittel angewandt, um sie dazu zu bringen, von sich aus zu kündigen. Es machte ihm offenbar Freude, ihr die Aufgaben zu geben, die niemand sonst übernehmen wollte, die anstrengendsten Kunden, die Nachtflüge und die miesesten Flugplätze. Wahrscheinlich hatte er sich heute wieder etwas besonders Unangenehmes für sie ausgedacht. Aber er würde schon noch merken, dass ihr nichts zu schwierig war.

Der Fahrstuhl hielt im zweiten Stock, und zwei Frauen in maßgeschneiderten Kostümen stiegen zu. Ihre Dienstmarken wiesen sie als Angestellte der HAMC aus. Beide musterten Lauren abschätzig von oben bis unten, sodass sie beinahe wünschte, sie hätte ihre Pilotenuniform angezogen. Aber im Rock konnte sie schließlich nicht auf ihrer Harley fahren. Vielleicht hatte ihr Bruder diesen beiden Frauen sogar nahegelegt, Lauren das Berufsleben schwer zu machen, aber so schnell war sie nicht einzuschüchtern.

Noch nie war sie jemandem begegnet, der sie hasste. Und nun waren nicht nur die Angestellten ausgesprochen kühl zu ihr. Auch drei ihrer vier Halbgeschwister schienen sich zu wünschen, dass sie einfach verschwinden würde. Eigentlich konnte man ihnen das nicht einmal verübeln. Lauren war schließlich der lebende Beweis für die Untreue der Mutter. Jacqueline Hightower war es gelungen, dieses peinliche kleine Geheimnis namens Lauren fünfundzwanzig Jahre lang in einem anderen Teil der USA zu verstecken.

Der Fahrstuhl hielt im neunten Stock, die Tür glitt auf, und die beiden Frauen stolzierten hinaus. Als die Fahrstuhltüren sich wieder schlossen, hätte Lauren am liebsten den Knopf für das Erdgeschoss gedrückt. Vielleicht sollte sie zurück nach Florida gehen und ihre neue Familie vergessen. Aber leider waren die Hightowers die einzigen Verwandten, die sie noch hatte. Sie musste sich zusammenreißen, der Erinnerung an ihren verstorbenen Vater zuliebe. Er war Pilot bei Falcon Air gewesen, und sie wollte unbedingt herausfinden, was es mit seinem Tod auf sich hatte. Dahinter steckte ein Geheimnis, und das konnte nur ihre Mutter aufklären.

Hatte er sich umgebracht, oder war der Absturz ein Unfall gewesen? Ihre Mutter hatte als Letzte mit ihm gesprochen. Wenn er etwas so Entsetzliches vorgehabt hätte, dann hätte er Jacqui, wie er Jacqueline immer genannt hatte, doch irgendwelche Hinweise gegeben. Aber Jacqui schwieg.

Lauren wollte nicht glauben, dass ihr Vater sich das Leben genommen hatte, aber die Alternative sah noch schlimmer aus. Sie selbst hatte ihm bei der Entwicklung und dem Bau des kleinen Flugzeugs geholfen, mit dem er abgestürzt war. Wenn das Unglück passiert war, weil ein Teil der Ausrüstung versagt hatte, dann war sie mitschuldig an seinem Tod.

Kummer und Schuldgefühle machten ihr das Herz schwer. Dennoch hob sie den Kopf und straffte die Schultern. Die Fahrstuhltüren glitten auseinander, und Lauren trat auf die Vorstandsetage hinaus. Ein paar Mal atmete sie tief durch, um sich auf eine unerfreuliche Begegnung vorzubereiten.

Das tue ich nur für dich, Daddy.

Sie legte die Lederhandschuhe in den Motorradhelm. Die Absätze ihrer derben Stiefel versanken in dem weichen Teppich, auch das ein Zeichen, dass sie nicht mehr in Daytona war. Dieser luxuriöse Wolkenkratzer hatte absolut nichts mit dem zugigen Hangar und dem kalten Zementboden in Florida gemein, wo sie aufgewachsen war.

Während sie den Reißverschluss ihrer Jacke aufzog, ging sie mit einem strahlenden Lächeln auf die „Sphinx“ zu, wie sie die Chefsekretärin insgeheim nannte. Wenn sie es doch nur schaffen könnte, deren Gesichtsausdruck ein einziges Mal zu verändern! Aber auch diesmal hatte sie damit keinen Erfolg. Die Sphinx könnte sich ihren Lebensunterhalt glatt mit Poker verdienen.

„Hallo, Becky. Der Chef hat nach mir verlangt.“ Becky – was für ein warmer, freundlicher Name für eine so kalte Person.

Mit tadelnd hochgezogenen Brauen sah Becky auf ihre Uhr. „Ich werde ihm sagen, dass Sie endlich da sind.“

Lauren biss sich auf die Zunge. Trent sollte froh sein, dass sie überhaupt gekommen war. Aber sie bemühte sich, zuvorkommend zu sein.

Kurz warf sie einen Blick auf das luxuriöse Blumenarrangement auf dem Sideboard. Wahrscheinlich hatte das genauso viel gekostet wie der Sprit, den ein Jet benötigte, um eine Stunde zu fliegen. Was für eine Geldverschwendung.

„Sie können jetzt hineingehen.“

Wie formell hier alles ablief. Zu Hause bei Falcon Air hatte Lauren einfach kurz an die Bürotüren ihres Vaters und Onkel Lous geklopft, wenn sie die beiden sprechen wollte. Sie hatten schließlich keine Geheimnisse voreinander gehabt. Zumindest hatte Lauren das immer geglaubt.

„Danke.“ Sie schob die schwere Tür auf. Ihr Halbbruder saß hinter seinem riesigen Schreibtisch in einem schweren Ledersessel und sah ihr mit unbewegtem Gesicht entgegen.

„Du hast mich angerufen?“ Eine überflüssige Frage, denn ihr Handy hatte gerade in dem Moment geklingelt, als sie die kurvigen Straßen außerhalb von Knoxville entlanggerast war, um die Anspannung abzustreifen, die ihr dieses neue Leben auferlegte. Aber natürlich würde sie ihm nicht sagen, dass er ihr den Tag verdorben hatte.

Missbilligend musterte Trent ihre Motorradkleidung.

Plötzlich fühlte Lauren ein Prickeln im Nacken und wandte den Kopf. Ein schwarzhaariger Mann in den Dreißigern erhob sich aus dem Besuchersessel. Aufmerksam sah er sie mit seinen wachen dunklen Augen von oben bis unten an. Unter anderen Umständen hätte sie die Ausstrahlung von Macht und Charisma attraktiv gefunden, aber an diesem Tag war sie davon nicht zu beeindrucken.

Er war überdurchschnittlich groß, hatte breite Schultern und ein energisches Kinn. Sein schwarzer Anzug saß perfekt. Er war sicher ein Kunde und wahrscheinlich unausstehlich, so gut er auch aussah. Denn warum hätte Trent ihn ihr sonst zugeteilt?

Sie streckte die Hand aus. „Ich bin Lauren Lynch.“

„Gage Faulkner.“ Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest. Seinen warmen Händedruck spürte sie bis in die Fußspitzen. Kurz schloss sie die Augen und versuchte dann lächelnd ihm ihre Hand zu entziehen.

Gage Faulkner warf Trent einen fragenden Blick zu. „Ist sie nicht zu jung für eine Berufspilotin?“

„Ich würde dir nie jemanden zuteilen, der nicht qualifiziert ist.“ Trent lächelte zuvorkommend.

Warum sprach man über sie, als sei sie nicht im Raum?

Verärgert machte Lauren sich mit einer schnellen Armbewegung frei. „Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt und besitze seit meinem sechzehnten Lebensjahr einen Flugschein. Ich habe schon mehr als zehntausend Stunden Flugerfahrung.“

Kühl sah Faulkner sie an. In seiner braunen Iris funkelten goldene Pünktchen. Dann lächelte er kurz. Was für ein sinnlicher Mund. Wie geschaffen zum Küssen …

Er ist ein Kunde.

Das musste sie sich immer wieder vor Augen führen. Denn sie wusste genau, dass man entlassen wurde, wenn man etwasmit einemKundenanfing. WardasTrentsneuesterTrick? Hatte er ihr deshalb dieses Prachtexemplar von einem Mann zugeteilt?

Sie warf dem Bruder einen misstrauischen Blick zu. Glaubte er etwa, sie könne einem gut aussehenden Mann nicht widerstehen? Offenbar wusste er nicht, dass ihr die Männer seit der Pubertät nachliefen. Sie war zwar keine Bilderbuchschönheit, aber sie war attraktiv, das wusste sie. Bei Falcon Air arbeiteten weitaus mehr Männer als Frauen. Ihr Vater und Onkel Lou hatten sie zwar bewacht, aber sie waren auch nicht immer da gewesen. Mehr als einmal hatte sie sich verteidigen müssen.

Trent verzog den Mund zu einem Lächeln. „Gage, du musst Laurens Aufzug entschuldigen. So läuft man bei Hightower Aviation normalerweise nicht rum.“

Empört sah sie ihn an. „Heute ist mein freier Tag. Ich habe schließlich nicht zu Hause herumgesessen und auf deinen Anruf gewartet. Es schien dir eilig zu sein, und so bin ich hergekommen, wie ich war, statt nach Hause zu fahren und mich umzuziehen.“

Faulkner unterdrückte ein Lachen. Sie warf ihm einen warnenden Blick zu. Schnell strich er sich über das Kinn und verbarg den Mund hinter der Hand. Aber seine Augen funkelten amüsiert. Irgendwie machte das Lauren nur wütender. Ihre Probleme mit der Familie gingen ihn überhaupt nichts an.

„Setz dich, Lauren.“ Trents Befehlston war unerträglich. Wie gern wäre sie dabei, wenn ihm jemand mal ordentlich Kontra gab.

Lauren setzte sich in den zweiten Besuchersessel. Ein Hauch von Faulkners herbem Rasierwasser stieg ihr in die Nase. Sie wandte sich dem Bruder zu. „Was ist so wichtig, dass es nicht bis morgen warten kann?“

„Gage braucht einen Piloten.“

Okay, das war ihr Job bei HAMC. Warum fing ihr dann der Nacken so verräterisch zu kribbeln an – normalerweise eine Warnung, dass etwas Ungewöhnliches bevorstand?

„Mit was und wohin werde ich fliegen?“

Wahrscheinlich mit einem Albatross zu irgendeiner holperigen, schlammigen Landebahn oder mit einem ungeheizten Frachtflieger in die eiskalte Tundra. Das würde ihrem Bruder ähnlich sehen.

„Gage braucht verschiedene Flugzeugtypen, abhängig davon, wie weit er fliegt und wie groß das Team ist, das er mitnimmt. Die meiste Zeit wirst du wohl einen kleinen bis mittelgroßen Jet fliegen, aber manchmal auch einen Hubschrauber oder eine Cessna.“

Lauren sah Trent mit leuchtenden Augen an. Das klang ja zu gut, um wahr zu sein. Normalerweise waren die Piloten von HAMC auf einen Flugzeugtyp spezialisiert. Das empfand Lauren immer als besonders langweilig. Sie testete liebend gern die Möglichkeiten verschiedener Flugzeuge. Was war nur in ihren Bruder gefahren?

„Trent hat mir versichert, dass Sie mit allem, was ich brauche, umgehen können.“

Faulkners dunkle Stimme riss sie aus ihren Überlegungen. Er meinte doch wohl, was er an Flugzeugen brauchte, oder? Ihr Herz klopfte schneller.

„Ich habe Flugscheine für sämtliche zivile Luftfahrzeuge und es zu meinem Hobby gemacht, die verschiedensten Modelle zu beherrschen. Wo liegt das Problem?“

Irrte sie sich, oder hatte Faulkner eben leicht mit den breiten Schultern gezuckt? Und unterdrückte er nicht wieder ein Lächeln, als er nach kurzem Zögern sagte: „Wenn Sie für mich arbeiten, dann müssen Sie jederzeit einsatzbereit sein, schon ab morgen früh um fünf.“

Daran war nichts Ungewöhnliches. Irgendetwas stimmte hier nicht. „Und?“

„Du wirst nur für Gage arbeiten.“

Lauren sah Trent verblüfft an. „Ich habe keinen Bereitschaftsdienst mehr?“

„Nein, dies ist ein Spezialauftrag.“

So war das also. Er verlieh sie sozusagen an jemand anderen, ohne dass sie etwas dagegen unternehmen konnte. Da ein Protest im Beisein des Kunden ihr jedoch sofort eine Kündigung eingebracht hätte, schwieg sie. So einfach wollte sie es Trent nicht machen.

Auch bei ihrer Mutter konnte sie sich nicht beschweren. Die Beziehung war noch zu neu und zu wenig gefestigt. Sie konnte von der Mutter nicht erwarten, gegen den ältesten Sohn Partei für die jüngste Tochter zu ergreifen.

Fest sah Lauren dem Bruder in die Augen. „Das heißt, ich arbeite als Flugkapitän und nicht als erster Offizier?“

Bisher hatte sie nur als erster Offizier fliegen dürfen, obgleich die Flugkapitäne selbst häufig weniger qualifiziert waren als sie. Aber sie hatte sich vorgenommen, alles zu tun, um ihr Ziel zu erreichen, auch wenn es bedeutete, entgegen ihrem eigentlichen Gefühl lieb und nett zu ihrer Mutter zu sein.

Trent warf den Kugelschreiber auf die Schreibunterlage und lehnte sich zurück. „Ja. Außerdem können alle von Gage angeforderten Typen ohne Kopiloten geflogen werden. Du bist also allein verantwortlich.“

Das sollte ihr wohl die Tatsache versüßen, dass sie in Zukunft keine freie Stunde mehr hatte. „Aber keiner der anderen HAMC-Piloten hat jemals einen solchen Job gemacht.“

„Meine anderen Piloten haben nicht deine Erfahrung.“

Was ein Kompliment sein sollte, klang eher wie eine Beleidigung. Doch sie beherrschte sich. „Wie lange soll ich Mr. Faulkner zur Verfügung stehen?“

„So lange, wie Gage dich braucht. Becky hat deine Termine und weiß, welche Flugzeuge gebraucht werden.“ Trent stand auf und wies auf die Tür. Das war deutlich.

Lauren sprang auf. Sie war gespannt, welche Flugzeugtypen ausgewählt worden waren. Vielleicht dürfte sie endlich einmal einige der neuesten Maschinen fliegen, die HAMC im Sortiment hatte.

Faulkner erhob sich geschmeidig und richtete sich zu seiner ganzen Länge auf. Er überragte sie um etliches, als er ihr die Hand hinhielt. „Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit, Lauren.“

Zögernd legte Lauren die Hand in seine. Wieder stockte ihr der Atem vor Erregung, und auch in seinen Augen glaubte sie ein Funkeln zu sehen. Vielleicht fühlte er es auch. Egal, auf etwas anderes als eine Arbeitsbeziehung würde sie sich nicht einlassen.

„Ich werde mir Mühe geben, immer pünktlich zu sein und Ihnen die Flüge so angenehm wie möglich zu machen.“ Sie entzog ihm die Hand, drehte sich um und verließ den Raum. Trent folgte ihr ins Vorzimmer.

„Lauren, Gage ist ein guter Freund von mir“, sagte er leise und drohend. „Wenn du hier Mist baust, dann musst du dir einen neuen Job suchen.“

Aha, daher wehte der Wind. Der Freund sollte ihm helfen, sie endlich loszuwerden. Wenn das kein Zeichen brüderlicher Zuneigung war! Am liebsten hätte sie ihm deutlich gesagt, was sie von ihm hielt. Aber sie würde den Mund halten, bis sie ihr Ziel erreicht hatte. „Kein Problem, Brüderchen. Ich werde deinen Kumpel wie eine wertvolle Fracht behandeln.“

Bei dem Wort „Brüderchen“ biss Trent die Zähne zusammen. Lauren grinste innerlich. Diese Schlacht war noch lange nicht entschieden.

Engel oder Hexe?

Gage sah Lauren Lynch hinterher, als sie den Raum verließ. Die Frau war voller Gegensätze. Die großen grünblauen Augen, die makellose Haut, das sehr weibliche Lächeln und dann die schwarze Bikermontur, die allerdings ihre Kurven gut zur Geltung brachte.

Die erregende Wirkung ihrer Berührung hatte er nicht als angenehm empfunden. Selbst wenn sie nicht Trents Schwester wäre, sie war zu jung für ihn, und er hatte weder Zeit noch Lust, sein Leben zu komplizieren. Er war seinem Ziel, Faulkner Consulting zu einem Topunternehmen der Branche zu machen, sehr nahe.

„Hast du nicht etwas übereilt gehandelt?“, fragte Gage, sobald Trent die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte. „Du hast mich doch noch gar nicht ganz davon überzeugt, dass ich deine Firma in Anspruch nehmen sollte.“

„Das werde ich aber.“

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Er würde Trent sagen lassen, was er zu sagen hatte. Das war er ihm schuldig. „Lauren ist wohl nicht ganz einfach?“

„Das stimmt, aber sie ist schlau genug, nie zu weit zu gehen, um mir keinen Grund zu liefern, sie zu entlassen. Meine Mutter hat sie bereits um den Finger gewickelt.“

„Wirklich? Jacqueline ist doch nicht dumm. Schließlich hat sie Hightower Aviation vor dem Konkurs gerettet.“

Trent setzte sich hinter den Schreibtisch. „Dieses Mal hat sie sich einwickeln lassen.“

„Was habe ich damit zu tun? In deiner E-Mail stand, du bräuchtest meine Hilfe, aber das war auch alles.“

„Vor achtzehn Monaten ist Mom nach Florida geflogen. Kurz darauf hat sie damit angefangen, regelmäßig Summen zwischen zwanzig- und dreißigtausend Dollar vom Konto abzuheben, und ist alle zwei Monate nach Daytona geflogen.“

„Handelt es sich um Firmengelder?“ Veruntreuung wäre ein Problem.

„Nein, es ist Geld von ihrem persönlichen Konto. Aber ihr Finanzberater hat mich neulich mal angerufen. Ich hatte ihn gebeten, mir ungewöhnliche Transaktionen zu melden. Erinnerst du dich an die Eskapaden unserer Väter?“

Gage presste kurz die Lippen aufeinander. „Allerdings.“

Er war erst zehn gewesen, als sein Vater riesige Kredite aufs Geschäft und Hypotheken aufs Haus aufgenommen hatte, bis alles verloren war. Gage würde nie vergessen, dass die Familie daraufhin sechs Monate im Auto gewohnt hatte. Trent war der Einzige, der davon wusste.

„Warum sollte Jacqueline plötzlich so etwas machen?“

„Das versuche ich gerade herauszubekommen. Wenn Mutter nicht mehr richtig beurteilen kann, was sie tut, wenn sie senil wird, dann muss sie so bald wie möglich vom Vorstand ausgeschlossen werden, bevor sie Schlimmeres anrichtet.“

„Dafür brauchst du aber Beweise.“

Trent sah auf die Papiere, die vor ihm lagen. „Bevor Lauren nach Knoxville gekommen ist, hat Mom mehr und mehr von ihrem Konto abgehoben und ist immer häufiger nach Florida geflogen. Lauren stammt aus Daytona. Ich vermute, dass sie herausgefunden hat, dass ihre leibliche Mutter vermögend ist, und umgarnt sie jetzt, um von deren Reichtum zu profitieren.“

„Lauren sieht aber eigentlich gar nicht wie eine Betrügerin aus.“

„Wegen ihrer großen blauen Augen und ihres unschuldigen Gesichtsausdrucks? Wenn ich nicht gute Gründe hätte zu glauben, dass sie meine Mutter finanziell ausnimmt, dann hätte ich dich nicht gebeten herzukommen.“

Wie Gage war auch Trent nicht der Typ, der leichtfertig um Hilfe bat. Dass der Freund ihn gerufen hatte, bedeutete, dass

er ihn dringend brauchte. „Wenn deine Mutter deiner kleinen Schwester Geld gibt …“

„Halbschwester“, unterbrach ihn Trent. „Ich habe einen DNA-Test machen lassen.“

„Ist das legal, und weiß Lauren davon?“

„Ich glaube nicht, dass sie so genau Bescheid weiß, aber sie hat sich damit einverstanden erklärt, dass wir alles getestet haben, was wir wollten.“

„Und, war sie sauber?“

„Ja, leider. Keine Drogen, keine Schulden, keine Leichen im Keller – nichts.“

Trent schien dem Mädchen gegenüber zutiefst misstrauisch zu sein, was ihm eigentlich gar nicht ähnlich sah. Zwar hatte er wegen seines Reichtums viel mit Menschen zu tun, die es nur auf sein Geld abgesehen hatten. Aber er hatte ein feines Gespür dafür entwickelt, wem zu trauen war, und irrte sich selten. Also musste er gute Gründe für seinen Verdacht haben.

„Hast du mit deiner Mutter wegen des Geldes gesprochen?“

Trent nickte. „Sie war verschlossen wie eine Auster. Wenn sie nichts zu verbergen hat, warum kann sie dann nicht offen sein?“

„Und Lauren? Hast du sie gefragt, warum sie nach Knoxville gekommen ist?“

„Ja. Sie hat irgendeinen Blödsinn erzählt. Angeblich wollte ihr Vater, dass sie ihre Geschwister kennenlernt oder so. Sie behauptet, sie wisse nichts von irgendwelchem Geld.“

„Warum hat deine Mutter Lauren nicht schon früher Geld gegeben? Warum hat sie so lange gewartet?“

„Vielleicht wusste Mom nicht, wo Lauren war. Vielleicht aber hat sie ihr hin und wieder kleinere Summen geschickt, was dem Finanzberater nicht aufgefallen ist. Wir haben überhaupt nichts von Mutters kleinem Fehltritt gewusst, bis Lauren vor der Tür stand, mit ihrem Pilotenschein gewedelt und erwartet hat, dass wir ihr einen Job geben.“

„Genügt sie denn euren Anforderungen?“

Trent runzelte die Stirn. „Mehr als das. Aber, Gage, sie ist viel zu jung, als dass sie schon eine solche Flugerfahrung haben könnte, wie sie behauptet. Ich habe ihr nur nie nachweisen können, dass sie schwindelt. Ich habe ihre Zeugnisse doppelt und dreifach geprüft, habe Lauren in jeder Beziehung getestet, um einen Grund zu finden, sie abzulehnen. Sogar in einen Flugsimulator habe ich sie gesteckt, bevor sie in einem echten Cockpit sitzen durfte. Aber sie hat jeden Test bestanden und lässt sich einfach nicht loswerden.“

Dafür musste man sie bewundern. „Vielleicht hat sie einfach ein besonderes Talent zum Fliegen?“

„Niemand kann in dem Alter so gut sein.“

„Du warst es.“

Trent versteifte sich, und Gage hätte seine Worte am liebsten zurückgenommen. Trent war sozusagen im Cockpit groß geworden. Er hatte Pilot bei der Air Force werden wollen. Aber sein Vater hatte HAMC wegen seiner Spielsucht beinahe zugrunde gerichtet. Also hatte Trent nach dem College auf eine militärische Karriere verzichten, HAMC wieder aus dem Sumpf ziehen und als Spitzenmanager bleiben müssen.

„Tut mir leid. Ich hätte das nicht sagen sollen.“

„Macht nichts. Es ist schon lange her, und ich bin darüber hinweg.“ Trent räusperte sich. „Eins ist offensichtlich: Meine Mutter hat ihre Schwangerschaft verbergen können und ließ Lauren von deren Vater adoptieren. Sie hat meinem Vater also nie erzählt, dass sie ein Kind von einem ihrer Liebhaber hatte.“

„Dein Vater muss das doch gewusst haben. Als Jacquelines Ehemann war er vor dem Gesetz automatisch der Vater von Lauren. Er muss also zugunsten des leiblichen Vaters auf sie verzichtet haben.“

Erregt fuhr Trent sich durch das dunkelblonde Haar. „Dad behauptet, er erinnere sich nicht daran und habe keine Formulare unterschrieben. Wahrscheinlich hätte er alles getan, nur damit meine Mutter weiterhin seine Spielschulden bezahlt. HAMC war damals ja noch viel kleiner, und das Geld für die Firma stammte im Wesentlichen von der Familie meiner Mutter.“

„Sicher.“ Gage nickte langsam. Doch trotz ihrer Motorradkluft und einer gewissen Aufmüpfigkeit kam ihm Lauren nicht wie eine geldgierige Hexe vor. „Lauren sieht eigentlich nicht aus wie jemand, der mit Geschenken einer reichen Gönnerin überschüttet wird. Sie trägt weder Schmuck oder Designerklamotten noch Make-up.“

„Nein, aber sie fährt ein Motorrad, das zwanzigtausend Dollar, einen Pick-up, der sechzigtausend gekostet hat, und fliegt ein Flugzeug, das eine Viertelmillion wert ist. Was sagt dir das?“

Hm, das hätte er nicht gedacht. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass er sich in einer Frau getäuscht hatte. Leicht verärgert fragte er: „Sie kann sich offenbar gut verstellen. Aber was hat das alles mit mir zu tun?“

„Ich habe Cashflow-Probleme. Und ich möchte Lauren eine Weile vom Hals haben, vor allen Dingen aus der Reichweite meiner Mutter.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Verführung über den Wolken" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen