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Verführung in weißer Seide

1. KAPITEL

“Versuch erst gar nicht, das Testament anzufechten, Cole. Damit kommst du vor Gericht nicht durch. Die Auflage, die dein Vater verfügt hat, ist rechtlich bindend.”

Cole Westcott hörte seinem Anwalt über das Handy zu und fluchte leise. Er sank tiefer in den Liegestuhl auf dem Sonnendeck seiner Yacht und blinzelte durch die Sonnenbrille in den blauen Himmel über der Bucht. Sein Vater hatte anscheinend vor seinem Tod den Verstand verloren. Das ständige Schmieden von Geschäftsideen, die zahllosen Cocktails und die vielen Frauen mussten letztendlich zu viel für ihn gewesen sein.

Cole blickte zu dem Martini neben sich und den drei Bikinischönheiten, die sich zusammen mit seinen Geschäftsfreunden auf dem anderen Deck sonnten. Es gibt schlimmere Arten, sich um den Verstand zu bringen, dachte er.

“Verdammt, Henry”, sagte er ins Handy. “Soll das heißen, dass ich eine mir fremde Frau heiraten muss?”

Der Anwalt arbeitete nun schon seit über vierzig Jahren für Coles Familie. Er räusperte sich. “Wenn du Westcott Hall, das Haus in der Stadt, die Firmen, die Grundstücke, die Boote, die Aktien, Anteile und das Geld erben willst, dann ja. Dann musst du gemäß den Vorgaben deines Vaters heiraten.”

Wieder fluchte Cole. Sein ganzes Leben arbeitete er jetzt schon daran, das Familienvermögen zu vermehren. Als einziger Sohn seines verwitweten und mehrfach geschiedenen Vaters hatte er nie daran gezweifelt, außer den Firmen auch das gesamte Kapital zu erben. “Da muss es doch einen Ausweg geben.”

“Leider nicht. Wenn du die Bedingung deines Vaters nicht innerhalb eines halben Jahres nach seinem Tod erfüllst, erben seine Exfrauen alles. Ein Monat dieser Frist ist schon vergangen.”

Verärgert stieß Cole die Luft aus. Er würde nicht zulassen, dass das Familienerbe an die Exfrauen seines Vaters ging. Keine der aufregenden Blondinen war länger als nur ein paar Monate die Ehefrau seines Vaters gewesen. Alle hatten durch die Scheidung ein paar Millionen verdient und sich damit abgefunden. Allerdings nur bis jetzt. Die drei Exfrauen hatten einen berühmten Anwalt beauftragt, um das millionenschwere Erbe in die Finger zu bekommen.

“Lies mir die Bedingung bitte noch einmal vor, Henry.”

“Mein Sohn, Cole Westcott”, las der Anwalt ruhig vor, “muss die im Anhang A aufgeführte Bedingung voll und ganz erfüllen, und zwar innerhalb eines halben Jahres nach meinem Tod.” Nach einer Pause fuhr der Anwalt fort: “Anhang A, das ist natürlich der Fluch.”

Fassungslos schloss Cole die Augen. Sein Vater hatte diesen Fluch ein paar Wochen vor seinem Tod in einer alten Familienbibel entdeckt. “Bis ich von diesem Fluch erfuhr, dachte ich, ich hätte einfach nur Pech in der Liebe”, hatte sein Vater im Krankenhaus gesagt. “Aber auch meine Eltern, meine Brüder, meine Großeltern und sogar deren Vorfahren haben unter diesem Fluch gelitten. Ich war kein halbes Jahr mit deiner Mutter verheiratet, als sie bei einem Flugzeugabsturz starb. Meine Mutter hat meinen Vater verlassen. Meine Großmutter hat meinen Großvater mit einer Whiskeyflasche erschlagen, und alle meine Brüder sind entweder von ihren Frauen verlassen worden, verwitwet oder hatten überhaupt keine Ehefrau.” Nachdenklich hatte er hinzugefügt: “Ich hätte mir denken können, dass ein McCrary dahintersteckt. Ich sage dir, es liegt alles an dem Fluch.”

Cole hatte versucht, seinen Vater zur Vernunft zu bringen: “Du kannst doch nicht ernsthaft wollen, dass ich eine McCrary heirate.”

Im Gegensatz zu Cole, der sich nie groß um die Rivalität zwischen den beiden Familien gekümmert hatte, war sein Vater ein ganz versessener McCrary-Hasser, genau wie sein Vater und Großvater.

“Natürlich will ich nicht, dass du eine McCrary heiratest”, hatte sein Vater sich aufgeregt. “Aber es ist notwendig, zumindest eine Zeit lang. Der Fluch besagt nicht, wie lange diese Ehe halten muss. Ich würde sagen, mindestens vier oder fünf Monate. Wenn ich sterbe, mein Sohn, dann bist du der ‘Westcott of Westcott Hall’. Und damit trifft der Fluch dich. Dein Glück und das der gesamten Familie hängt davon ab, die Bedingungen zur Aufhebung des Fluchs zu erfüllen.”

“Das ist total verrückt.”

“Lies es doch selbst.” Sein Vater hatte ihm die alte vergilbte Bibel hingehalten und auf die handschriftliche Eintragung auf dem Innendeckel gezeigt. Die Originalinschrift war in Gälisch verfasst, doch darunter stand eine gedruckte Übersetzung.

Anscheinend hatte alles im Jahr 1825 angefangen, als eine Tochter der McCrarys von einem Sohn der Westcotts schwanger wurde. Beide Familienoberhäupter standen mit ihren Reedereien in direkter Konkurrenz und hatten sich geweigert, einer Hochzeit zuzustimmen. Die junge Frau wurde gezwungen, einen anderen Mann zu heiraten, und wegen ihrer Wut und Trauer verlor sie das Baby. Mit Hilfe eines Dienstmädchens, das sich in Magie auskannte, verfluchte die junge Frau beide Familien. Sie schrieb den Fluch in zwei Bibeln, die sie an die Oberhäupter der McCrarys und der Westcotts schickte.

“Wirklich eine traurige Geschichte, Dad, aber mehr auch nicht”, hatte Cole festgestellt. “Nur eine Geschichte.”

Missbilligend hatte sein Vater ihn angesehen. “Und was ist mit dir? Du bist einunddreißig, und keine deiner Beziehungen hat lange genug gehalten, dass wir uns überhaupt den Namen der Frau merken konnten.”

Cole hatte nur mit den Schultern gezuckt. “Es gibt auf der Welt zu viele Frauen, um sich für eine einzige zu entscheiden.” In letzter Zeit kam ihm das ewige Spiel allerdings immer langweiliger vor. Sofort musste er jetzt wieder an die kichernden Fotomodelle denken, die ihn auf dem unteren Deck erwarteten. Er griff nach seinem Martini. “Lies mir den blöden Fluch noch mal vor, Henry.”

“Du, Westcott of Westcott Hall, musst eine Tochter deines Nachbarn McCrary heiraten. Bis die Westcotts und McCrarys auf diese Weise in Liebe vereint sind, soll deine Familie samt ihren Nachkommen nur Einsamkeit und Liebesleid erfahren.”

Cole war ohne Mutter und mit einem schwer beschäftigten Vater aufgewachsen und ständig von Einsamkeit geplagt gewesen. Doch im Grunde war er lieber allein, als dass er in irgendeiner erdrückenden Beziehung steckte. Auf keinen Fall wollte er wegen dieses Fluchs auf sein Vergnügen verzichten. “Ich kann nicht glauben, dass mein Vater diesen Unsinn ernst genommen hat”, beschwerte er sich.

“Wie es sich mit dem Fluch verhält, ist egal”, warf Henry ein. “Hier geht es um das Testament deines Vaters, und du musst die Bedingungen erfüllen, wenn du nicht alles verlieren willst.”

Bedrückt gestand Cole sich ein, dass das stimmte. “Muss ich bei der Hochzeit anwesend sein?” fragte er Henry. “Oder reicht es, wenn ich irgendein Dokument unterschreibe?”

“Ich würde vorschlagen, du bist anwesend. Und du solltest dich bemühen, dass es wie eine richtige Hochzeit wirkt.”

“Und was soll das bedeuten?”

“Dass du mit deiner Frau zusammenleben solltest.”

“Wie bitte?” Cole hatte darauf gehofft, alles mit einem Schriftstück klären zu können. “Und wie lange?”

“Rechtlich gesehen ist das nicht ganz klar. Aber ich würde dir raten, möglichst bald zu heiraten und so lange wie möglich verheiratet zu bleiben. Ihr solltet für den Rest der Halbjahresfrist als Mann und Frau an deinem ersten Wohnsitz leben.”

“Also ungefähr fünf Monate?”

“Das würde ich dringend empfehlen. Die Exfrauen deines Vaters werden ihren Anwalt nach Wegen suchen lassen, um die Ehe für ungültig erklären zu lassen. Sie können viel gewinnen, wenn du die im Testament festgelegten Bedingungen nicht erfüllst.”

Mein Zuhause und alles, wofür ich immer gearbeitet habe, soll ich verlieren? dachte Cole. “Dann sollte ich mir lieber eine McCrary als Braut suchen.” Er würde sich wohl oder übel mit der Vorstellung abfinden müssen, zeitweise verheiratet zu sein.

“Ehrlich gesagt habe ich mir die Freiheit genommen und von meiner Assistentin bereits eine Liste der ledigen McCrary-Frauen erstellen lassen.”

Überrascht hob Cole die Augenbrauen. “Und was ist bei der Suche herausgekommen, Henry?”

“Da es im Fluch heißt, es müsse eine Tochter des Nachbarn McCrary sein, und wir die Bedingungen wortwörtlich erfüllen wollen, habe ich Nachforschungen über die Nachkommen der McCrarys aus der Gegend von Charleston angestellt und vier allein stehende Frauen gefunden. Eine ist dreiundachtzig, eine andere ist Nonne. Die anderen beiden sind die Töchter von Ian McCrary.”

Cole lachte verbittert. “Ian McCrary! Der hasst die Westcotts so sehr, wie mein Vater und mein Großvater ihn gehasst haben. Sie haben ihn buchstäblich aus dem Geschäft gedrängt.”

“Soweit ich weiß, steht er kurz vor dem Bankrott. Außerdem hat er Probleme mit der Steuer.”

“Das könnte uns nützlich sein. Und du sagtest, er hat zwei unverheiratete Töchter?”

“Ja. Kristen ist zweiundzwanzig und Tess achtundzwanzig.”

“Tess?” Cole runzelte die Stirn. “Tess McCrary”, wiederholte er nachdenklich. “Die habe ich mal getroffen.” Damals war er sechzehn gewesen, also musste sie dreizehn gewesen sein. Er hatte mit seinen Cousins das Land der McCrarys betreten, weil ihr Boot, von dem aus sie geangelt hatten, gekentert war. Tess war hinter einem Baum vorgesprungen. Sie war damals ein dünnes kleines Mädchen gewesen und hatte mit einer Zwille auf sie gezielt. Laut hatte sie den Jungen befohlen, das Grundstück zu verlassen, da war Cole auf sie zugegangen, um ihr die Zwille abzunehmen.

Tess hatte ihm eine kleine Metallkugel in die Schulter gejagt.

Gedankenverloren berührte er jetzt die kleine blasse Narbe, die sich auf der gebräunten warmen Haut abzeichnete. Die Schusswunde hatte höllisch wehgetan, und Tess McCrary war sofort weggerannt.

“Wahrscheinlich habe ich mehr Glück bei der Nonne oder der alten Frau”, bemerkte Cole grimmig.

“Um eine der Töchter von Ian McCrary zu so einem Schritt zu überreden, braucht man ein gutes Angebot”, stimmte Henry ihm zu.

“Ich werde Kristen dieses Angebot machen.”

Nachdem er aufgelegt hatte, rief Cole seinen Assistenten in Charleston an und gab ihm den Auftrag, Näheres über die finanziellen Verhältnisse von Ian McCrary und seiner Familie herauszubekommen.

Am späten Nachmittag rief Coles Assistent zurück und berichtete, dass Ian McCrary mit der Zahlung seiner Hypothekenraten in Rückstand geraten sei, die Coles Vater heimlich über seine eigene Bank aufgekauft hatte. Cole beauftragte die Bank, sofort die vollständige Rückzahlung der Restsumme zu verlangen.

Diese Anweisung gab er ohne Gewissensbisse. Schließlich hatte er persönlich nichts gegen die McCrarys. Hier ging es nur ums Geschäft. Er musste seine zukünftige Braut so in die Enge treiben, dass sie gezwungen war, seinen Heiratsantrag anzunehmen.

Tess McCrary schrak hoch, strich sich das kastanienbraune Haar aus der Stirn und erkannte, dass sie im vollgestopften muffigen Büro des Brautmodengeschäfts am Schreibtisch ihres Vaters eingeschlafen war. Sie hatte die ganze Nacht gearbeitet, um die Buchführung auf Vordermann zu bringen, damit ihre Eltern das Geschäft verkaufen konnten. Aber die Bücher konnte auch sie nicht mehr in Ordnung bringen. Dafür fehlten zu viele Unterlagen. Und das bedeutete, dass Tess für die Boutique keinen Käufer finden würde. Folglich konnten ihre Eltern die ausstehenden Hypothekenraten nicht bezahlen.

Zum Ende des Monats würden sie das Geschäft aufgeben müssen, und eine andere Einnahmequelle gab es für die Familie nicht. Einen Großteil ihrer Ersparnisse hatten ihre Eltern schon für die Arztrechnungen ausgegeben, weil Tess’ Vater einen Herzinfarkt erlitten hatte.

Stöhnend verbarg sie das Gesicht in den Händen. Ihr Vater war so starrsinnig, dass er die Steuern nicht mehr bezahlen wollte, weil die Regierung korrupt sei. Die Versicherungsbeiträge wollte er nicht mehr bezahlen, weil er behauptete, sie seien viel zu hoch. Und die Hypothekenraten zahlte er nicht mehr, weil er sagte, die Westcotts hätten die Hypotheken aufgekauft und die würden von ihm keinen Cent sehen. Laut Tess’ Vater schuldeten die Westcotts ihnen weit mehr als die Höhe der fraglichen Summe.

Gestern hatte die Bank die Hypotheken gekündigt und die volle Rückzahlung gefordert.

Tess wünschte, sie hätte das Geld, um ihren Eltern diese Sorge zu nehmen, aber sie hatte ihre eigenen Ersparnisse für die Versuche ausgegeben, Phillip zu finden. Außerdem hatte sie sich von ihrem gut bezahlten festen Job an der Universität beurlauben lassen, um das Brautmodengeschäft zu führen, während ihre Mutter ihren Vater pflegte.

Es sah finster aus für ihre Familie.

Langsam stand sie auf und versuchte ihre verspannten Muskeln zu lockern, während sie auf die Wanduhr sah. Halb neun. Seltsam, dass Kristen nicht angerufen hatte. Rasch sah sie zum Telefon auf dem Schreibtisch und stellte fest, dass sie irgendwann in der Nacht den Hörer verschoben hatte. Kaum hatte Tess ihn wieder richtig aufgelegt, klingelte das Telefon bereits.

“McCrary Brautmoden”, meldete sie sich verschlafen.

“Tess”, rief ihre Schwester aus, “ich dachte mir schon, dass du die ganze Nacht arbeitest. Du musst sofort nach Hause kommen.”

Kristens panischer Tonfall ließ Tess ihre Schläfrigkeit vergessen. Entweder hatte ihr Vater neue gesundheitliche Probleme, oder es war etwas zwischen Kristen und ihrem Verlobten geschehen. Oder gab es neue Nachrichten von Phillip? “Was ist denn los, Kristen?”

“Es geht um Cole Westcott. Er kommt gleich, um mit mir zu reden. Es geht um irgendeinen geschäftlichen Vorschlag. Ich will ihn nicht allein treffen.”

“Was?” Tess konnte nicht glauben, dass sie das richtig verstanden hatte. “Hast du gesagt, dass Cole Westcott zu dir kommt?”

“Ja. Er hat heute ganz früh angerufen und … Oh, es klingelt, das muss er sein. Komm her, Tess. Bitte!”

Die Verbindung wurde unterbrochen, und Tess runzelte die Stirn. Was für einen Handel wollte Cole Westcott mit ihrer Schwester einfädeln? Mit einer bösen Vorahnung griff Tess nach ihrer Handtasche und dem Autoschlüssel.

Ihr ganzes Leben lang hatte Tess gehört, dass man den Männern der Westcotts nicht trauen durfte. Der erste Westcott, der in Charleston landete, war ein Pirat und Frauenheld gewesen. Und sämtliche Nachkommen waren anscheinend seinem Beispiel gefolgt.

Tess wurde genauso wütend wie damals an jenem Tag, als einige Westcott-Jungen sie im Wald überrascht hatten. Niemand war zu Hause gewesen, und aus Angst hatte Tess dem größten der Jungen mit der Zwille eine Kugel in die Schulter gejagt.

Wenn sie sich richtig erinnerte, war es Cole Westcott gewesen. Seit jenem Tag hatte Tess ihn nicht mehr gesehen, aber sie hatte viele Gerüchte über Cole gehört. Sein Vater war gestorben, und das bedeutete, dass Cole jetzt an den Hebeln der Macht saß.

Das Erste, was Tess beim Eintreten in ihr Apartment sah, war ihre hübsche blonde Schwester auf dem Sofa. Ihre Lippen zitterten, und Tränen standen ihr in den Augen.

Tess empfand im Moment nichts außer Wut und Sorge. “Was geht hier vor?”, verlangte sie zu wissen und ballte die Fäuste.

Langsam und höflich stand ein Mann aus einem Sessel auf. Allein seine Körpergröße brachte Tess fast aus der Fassung. Er musste mindestens ein Meter fünfundneunzig groß sein. Unter dem Hemd, dessen Ärmel er aufgerollt hatte, zeichneten sich breite Schultern und muskulöse Oberarme ab. Er war gebräunt und frisch rasiert.

Tess’ Mund war wie ausgedörrt. Cole Westcotts volle Lippen zeigten ein ansatzweises Lächeln, aber am meisten brachten seine Augen Tess aus dem Gleichgewicht. Sie waren von einem tiefen, intensiven Grün, und der wachsame, durchdringende Blick zog sie sofort in seinen Bann.

“Tess, das ist Cole Westcott”, erklärte ihre Schwester mit leicht zitternder Stimme. “Cole, meine Schwester Tess.”

Sie reichten sich nicht die Hände und murmelten nicht einmal höfliche Begrüßungen.

Cole hob ironisch eine Augenbraue. “Wird heute keine Zwille gespannt?”

Damit hätte ich wohl rechnen müssen, dachte sie, dass er auch noch eine sinnliche Stimme hat, bei der man sofort an Liebesgeflüster und zerwühlte Laken denken muss. “Nein, Mr. Westcott, falls ich jemals wieder das Gefühl bekomme, meine Familie vor Ihnen schützen zu müssen, werde ich zu wirkungsvolleren Waffen greifen.”

Sein Lächeln vertiefte sich. “Das bezweifle ich nicht.”

“Was haben Sie getan, um meine Schwester zum Weinen zu bringen?”

“Ich habe sie gebeten, mich zu heiraten.”

Wie vom Donner gerührt starrte Tess ihn an. “Was haben Sie?”

“Es stimmt”, warf Kristen ein. “Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht.” Sie setzte sich wieder und zog Tess auf das Sofa. “Ich kann dir das alles erklären.”

Benommen wandte Tess den Blick von Cole ab, der wieder im Sessel Platz genommen hatte, und sah ihre Schwester an.

“Eine Ehe auf Zeit”, teilte Kristen ihr mit, “die im Grunde nur auf dem Papier besteht. Und er bietet uns sehr viel Geld dafür.” Sie lehnte sich näher zu Tess herüber und flüsterte, als sei es ein Geheimnis: “Eine Million Dollar.”

Tess konnte nicht glauben, was sie da hörte. Eine Million? Das war mehr als genug Geld, um ihrer aller Probleme zu lösen. Stirnrunzelnd sah sie zu dem Mann, der sie kühl musterte. “Wieso tun Sie das?”

Wieder antwortete ihre Schwester: “Es ist wegen des Testaments seines Vaters. Vor seinem Tod bedauerte Mr. Westcott alles, was er Grandpa und Daddy angetan hat, und er suchte nach einer Möglichkeit, die Familien zu einer Überwindung ihrer Feindschaft zu zwingen.”

“Ach ja?”, fragte Tess ungläubig nach.

Cole Westcott wirkte leicht verunsichert.

“Deshalb hat er diese Bedingung in sein Testament eingefügt”, fuhr Kristen fort. “Cole muss eine McCrary heiraten, und zwar vor Ablauf eines halben Jahres.”

“Ihr Vater wollte, dass Sie eine McCrary heiraten?” Tess wandte sich zu Cole.

Er wich ihrem Blick aus.

“Wenn Cole keine McCrary heiratet, verliert er Westcott Hall”, versicherte Kristen Tess.

Tess blickte abwechselnd von Kristen zu Cole. “Ist das wahr?”

“Ja, das ist es”, bestätigte Cole.

Nach kurzem Zögern schüttelte sie den Kopf. Das kaufte sie ihm nicht ab. Er führte irgendetwas im Schilde.

Die Westcotts waren Meister im Ränkeschmieden. Sie hatten es geschafft, Tess’ Vater seine Firma abzunehmen und ihn aus dem Exportgeschäft zu drängen. Am schlimmsten war, dass die Westcotts das alte Haus in Beaufort aufgekauft hatten, das seit Generationen den McCrarys gehört hatte.

Tess’ Vater hasste die Westcotts über alle Maßen. Natürlich hatte er ihnen auch zu schaden versucht. Ihre Mutter war mit Coles Vater verlobt gewesen, als Ian McCrary sie kennenlernte. Der alte Westcott hatte es Tess’ Vater nie verziehen, dass er ihm die Braut abspenstig gemacht hatte.

“Eine ganze Million, Tess”, betonte Kristen. “Damit können wir Daddys Steuerschulden bezahlen und die Arztrechnungen und die Hypothek.”

Tess seufzte gequält. Wie konnte ihre Schwester in so einer heiklen Lage bloß so offen sein! “Mr Westcott”, sagte sie kühl. “Bevor wir noch mehr Zeit vergeuden, sollten Sie sich darüber im Klaren sein, dass ich morgen zum Gericht gehe und mir das Testament Ihres Vaters ansehen werde. Wenn es also irgendetwas gibt, was Sie Kristen noch nicht gesagt haben, dann sollten Sie das jetzt nachholen.”

Sein Blick zeigte so etwas wie Respekt. “Glauben Sie mir etwa nicht, dass mein Vater seine Taten auf dem Totenbett bereut hat? Es schmerzt mich, dass Sie meine Worte anzweifeln.”

“Tess ist lediglich überrascht, das ist alles”, warf Kristen mit ihrer leisen, fast kindlichen Stimme ein.

Cole wirkte etwas verlegen. “Vielen Dank, Miss McCrary.” Er räusperte sich und blickte Tess unsicher an. “Vielleicht hatte mein Vater tatsächlich außer Reue noch einen anderen Grund, um diese Klausel in sein Testament aufzunehmen.”

Abwartend hob Tess die Augenbrauen.

“Kurz vor seinem Tod entdeckte er einen Fluch in einer alten Familienbibel.” Man sah Cole an, dass ihm diese Geschichte peinlich war. “Um die Familie von dem Fluch zu befreien, muss der Westcott of Westcott Hall eine Tochter seines Nachbarn McCrary heiraten. Aus irgendeinem verrückten Grund glaubte mein Vater daran. Mit der Heiratsklausel in seinem Testament wollte er seinen Erben – also mich – dazu bringen, die Familie von dem Fluch zu erlösen.”

Vollkommen fassungslos blickte Tess ihn an.

“Das muss derselbe Fluch sein, den wir in einer alten Bibel gefunden haben”, überlegte Kristen laut. “Weißt du noch, Tess? Es hieß, die McCrarys und Westcotts würden nur Einsamkeit und Liebesleid erfahren, bis eine McCrary einen Westcott heiratet.”

Tess bekam eine Gänsehaut. Natürlich erinnerte sie sich an den Fluch. Seit dem Tag, als sie ihn in der Bibel ihrer Großmutter gelesen hatte, versuchte sie vergeblich, ihn zu vergessen. Doch immer, wenn wieder ein Angehöriger ihrer Familie Liebeskummer hatte oder eine weitere Tragödie die Familie traf, musste sie daran denken. “Weshalb hat Ihr Vater daran geglaubt?”

Cole zuckte mit den Schultern. “Vielleicht war er am Ende nicht mehr ganz richtig im Kopf?”

Sie biss sich auf die Lippe. Es klang tatsächlich verrückt, an so einen Fluch zu glauben. “Gab es denn in Ihrer Familie Tragödien?”

“Ein paar.”

Auch jeder McCrary hatte einen schweren Verlust erlitten. Kristens erster Freund war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und ihre Eltern hatten ein Kind verloren. Tess’ Verlobter war nie von seiner Forschungsreise zurückgekehrt.

Phillip. Sofort überkam Tess tiefe Trauer. War er ein Opfer des Fluchs geworden?

“Aus welchem Grund auch immer mein Vater diese Klausel eingefügt hat”, stellte Cole klar, “ich werde mich seinem Willen fügen.” Er wirkte jetzt sehr ernst. “Wie ich bereits Kristen sagte, werde ich für sie einen Vertrag aufsetzen lassen. Mein Anwalt sagt, wir sollten fünf Monate verheiratet bleiben und während dieser Zeit an meinem ersten Wohnsitz zusammenleben. Ganz platonisch natürlich.”

Obwohl er das ganz sachlich aussprach, entging Tess nicht sein spöttischer Blick. Er wusste nur zu gut, was in ihr vorging. Kristen war zu schön und damit eine Herausforderung für einen Mann wie Cole Westcott.

“Sie wird in Westcott Hall eine eigene Suite bewohnen, und von mir aus kann sie gern zusätzliche Schlösser und Riegel anbringen, wenn sie sich unsicher fühlt.”

Ein leises Schluchzen ließ Cole und Tess zusammenfahren. Beide drehten sich zu Kristen, die sich eine Hand auf den Mund presste, während ihr wieder Tränen in die Augen schossen.

“Ach, Liebes, wein doch nicht.” Tess legte einen Arm um sie, und Kristen lehnte das Gesicht an ihre Schulter. Erst jetzt begriff Tess, wieso ihre Schwester so bekümmert war. “Du musst das doch nicht tun, Kristen. Das weißt du, oder?”

Cole runzelte die Stirn, und Tess erwiderte kühl seinen Blick.

“Aber es geht doch nicht anders”, brachte Kristen mühsam hervor.

“Lass uns ins Schlafzimmer gehen und dort reden, ja?” Während sie ihrer Schwester beim Aufstehen half, wandte Tess sich an Cole. “Entschuldigen Sie uns, aber ich möchte mit meiner Schwester unter vier Augen sprechen.”

Unwillig nickte er, und Tess führte Kristen ins Schlafzimmer.

“Verstehst du nicht?”, flüsterte Kristen, während Tess die Tür schloss. “Diese Million ist die Lösung unserer Probleme.”

“Aber was wird aus deiner Hochzeit? Du kannst Josh doch nicht, wie geplant, im nächsten Monat heiraten, wenn du jetzt die Ehefrau von Cole Westcott wirst.”

“Das weiß ich.” Wieder liefen Kristen die Tränen über die Wangen.

“Und was wird in Josh vorgehen, wenn du einen anderen Mann heiratest und mit ihm zusammenlebst?”

“Aber was kann ich denn sonst tun? Daddy und Mama brauchen das Geld.”

Es gab nur eine Antwort. “Lass mich erst einmal die Situation ein bisschen eingehender betrachten. Wenn ich feststelle, dass Cole Westcotts Angebot ehrlich gemeint ist, dann …”, Tess schluckte, “… werde ich ihn heiraten.”

Überrascht sah Kristen sie an. “Du?”

“Genau.” Allein bei dem Gedanken krampfte sich ihr Magen zusammen. “Ich bin genau wie du eine Tochter seines Nachbarn McCrary. Wenn Cole Westcott mich heiratet, wäre die Testamentsklausel erfüllt. Und wir würden das Geld für Mom und Daddy bekommen.”

Kristens tränenverschleierter Blick wirkte hoffnungsvoll. “Denkst du, dass Cole Westcott sich darauf einlässt?”

“W

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