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Verführung in bester Gesellschaft

PROLOG

Boston, 1857

Es hieß, das Warten werde stets belohnt, aber Rule Dewar war davon nicht ganz überzeugt. Er stand in der langen Marmorhalle auf Griffin Heights, dem palastartigen Anwesen seines Dienstherrn am Rande von Boston, und wartete angespannt, während der Butler mit ausdrucksloser Miene an die Tür des Arbeitszimmers klopfte.

Er unterdrückte das Bedürfnis, sein Halstuch zu richten oder sich das Haar glatt zu streichen, und straffte die Schultern, als er leise Schritte auf der anderen Seite der Tür vernahm. Dann wurde die Tür geöffnet. Der Mann, der ihm gegenüberstand, lächelte. Offenbar hatte er die Ankunft seines Gastes erwartet.

„Rule! Kommen Sie herein, mein Junge! Ich freue mich, dass Sie so kurzfristig noch vorbeikommen konnten.“ Howard Griffin war Inhaber von Griffin Manufacturing, einer Firma, die hochkarätige Waffen herstellte. Er führte ihn in sein Arbeitszimmer – einen großen Raum voller Bücher, der einen bedeutenden Teil des Westflügels einnahm.

Rule folgte der Aufforderung. „Es war kein Problem. Ich hatte mir gerade Ihre Änderungswünsche für die neuen Entwürfe angesehen.“

Griffin, ein Mann in den Vierzigern und beinahe so groß wie Rule, war kräftig gebaut und hatte rotbraunes Haar. Er ging zu einem Schrank aus schimmerndem Mahagoni, griff zur Tür und schob sie auf. Dahinter verbarg sich eine gut gefüllte Bar mit hochwertigen Getränken und Kristallkaraffen, die auf schimmernden Silbertabletts standen.

„Was also halten Sie von der neuen Linie?“, fragte Griffin. Er nahm zwei Kristallgläser und stellte sie auf die Anrichte.

„Ich stimme Ihrer Einschätzung zu. Ich glaube, irgendwann werden die kleinen Kaliber überall von einem gezogenen Lauf ersetzt werden. Wir sollten darüber nachdenken, ob wir den Anteil der Musketen verändern, die wir produzieren.“

Griffin lächelte offenbar zufrieden, obwohl Rule den Eindruck hatte, dass der Mann nicht mit ihm über Geschäfte reden wollte.

„Möchten Sie einen Whiskey?“ Der ältere Mann hielt eine Karaffe mit einer goldbraunen Flüssigkeit hoch. „Oder vielleicht lieber etwas anderes?“

Rule bevorzugte Brandy, ein etwas weicheres Getränk, aber die Amerikaner schienen Hochprozentiges zu lieben. Er hatte sich inzwischen an den Geschmack gewöhnt. „Whiskey ist in Ordnung.“

Griffin schenkte beiden einen Drink ein und reichte Rule ein Glas. Rule trank einen Schluck. Das Brennen des Alkohols in seiner Kehle nahm ihm ein wenig von der Anspannung, die er spürte. Wenn auch nicht alles. Jetzt strich er sich doch übers Haar, bis jede Strähne an ihrem Platz lag. Es geschah nicht oft, dass der reiche Inhaber der Gesellschaft ihn in sein Haus einlud. Was wollte er von ihm?

Griffin bat Rule nicht, Platz zu nehmen, sondern führte ihn zu einem Fenster, von dem aus man in den Garten sehen konnte. Obwohl das Jahr noch nicht alt war, sprossen bereits erste Frühlingsblumen. Die gewundenen Wege durch den Garten waren sorgfältig gepflegt.

Griffin schwenkte sein Glas. „Seit Sie in meinen Diensten stehen, haben Sie ausgezeichnete Arbeit geleistet, Rule. Es war eine kluge Entscheidung, Sie zu engagieren.“

„Vielen Dank, Sir.“ Obwohl Rule erst vierundzwanzig Jahre alt war, hatte ihm Griffin bereits große Verantwortung übertragen. Rule schrieb dies seiner guten Erziehung in Oxford zu, die die Amerikaner zu beeindrucken schien, aber auch seinem Stammbaum.

Rule war nicht dumm. Als englischer Aristokrat hatte er Zutritt zu den höchsten Kreisen der Gesellschaft auf beiden Seiten des Ozeans. Der Bruder eines Dukes zu sein, öffnete ihm eine erstaunliche Anzahl von Türen, und Rule war bereit, jeden Vorteil zu nutzen, um seine Karriere voranzutreiben.

Griffin drehte sich um und sah aus dem Fenster. In der Ferne sprühte eine Wasserfontäne aus einem marmornen Brunnen in die strahlende Frühlingssonne. Er war auffallend nachdenklich und ruhig, was im Widerspruch zu seiner sonst so forschen Art stand.

„Ich glaube, meine Tochter Violet haben Sie schon kennengelernt?“

„Ja, Sir, ich traf sie bei mehreren Gelegenheiten. Ein reizendes Mädchen.“

„Sie ist noch jung, erst sechzehn, und ein bisschen wild. Das ist mein Fehler. Ich hatte keinen Sohn, also habe ich sie verwöhnt.“

Rule blickte dorthin, wohin Griffin sah: zu einer hohen Maulbeerfeige, die rechts vom Brunnen stand. Unter den Zweigen saß Violet Griffin auf einer Schaukel und lachte, während sie sich immer höher in die Luft schwang, sodass sich ihre weiten Röcke über den Beinen bauschten, die von Strumpfhosen bedeckt waren. Ihr Gesicht war herzförmig, ihre Figur knabenhaft, und ihr Haar hatte die Farbe eines Kupferpennys.

„Wie ich schon sagte, sie ist noch jung, aber sie ist ihrer Mutter sehr ähnlich – Gott sei ihrer Seele gnädig. Ich denke, sie wird mit der Zeit zu einer Schönheit heranwachsen.“

„Davon bin ich überzeugt.“ Rule nippte an seinem Drink. Er hatte keine Ahnung, wie dieses magere Mädchen in ein paar Jahren aussehen würde, und fragte sich, wohin dieses Gespräch führen sollte.

Griffin drehte sich um. Sein Blick ruhte auf Rules Gesicht. „Unglücklicherweise werde ich nicht mehr da sein, um das zu erleben.“

Rule sah auf. „Sir?“

„Ich werde bald sterben, Rule. Anders kann ich es leider nicht ausdrücken. Ich habe verschiedene Ärzte konsultiert, die alle derselben Meinung sind. Ich werde sterben und es gibt keine Möglichkeit, dies hinauszuzögern.“

Rule stockte der Atem. Zum ersten Mal bemerkte er den gelben Schimmer auf Griffins Haut und die tiefen dunklen Ringe unter seinen Augen.

Er schluckte. „Was … was ist mit Ihnen, Sir? Unter welcher Krankheit leiden Sie?“ Griffins Blick blieb ausdruckslos. Er schüttelte den Kopf. „Eine Fehlfunktion der Leber. Die Ärzte können nichts mehr für mich tun.“

Rule hatte das Gefühl, es schnürte ihm die Brust zusammen. Er konnte kaum atmen. Howard Griffin war der vitalste Mann, dem er je begegnet war. Wohin er auch ging, stets schien ihn eine Aura von Macht und Autorität zu umgeben. Sie kannten einander nicht sehr gut, doch Rule empfand großen Respekt vor ihm.

„Es tut mir leid, Sir. Mir fehlen die Worte. Sie sagen, die Ärzte sind sich sicher?“

„Ich fürchte ja. So ungern ich es auch tue, es ist an der Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken und entsprechende Pläne zu machen.“

Rule wappnete sich. „Was immer Sie brauchen, Sie wissen, dass Sie auf mich zählen können.“

Griffin blickte Rule zufrieden an. „Ich hatte gehofft, dass Sie das sagen würden.“ Dann wandte er sich wieder dem Fenster zu. „Auch wenn ich bezweifle, dass Sie auch nur im Entferntesten ahnen, um was ich Sie bitten möchte.“

Rule antwortete nicht.

„Was immer das Schicksal auch für mich bereithalten mag, meine größte Sorge gilt meiner Tochter. Bevor ich gehe, muss ich wissen, dass ihre Zukunft abgesichert ist. Ich muss sicher sein, dass sie gut versorgt sein wird und dass sie das Zuhause bekommen wird, das eine Frau von ihrem Stande sich wünscht. Kurz gesagt: Ich muss einen guten Ehemann für sie finden.“

Rules Kehle schnürte sich plötzlich zu. Howard Griffin sah ihn ihm doch nicht etwa einen Kandidaten für die Hand seiner Tochter?

„Sie mag Sie, Rule. Ich glaube, sie hat sich sogar auf mädchenhafte Art ein wenig in Sie verliebt.“

„Sie meinen doch nicht …“

„Ehrlich gesagt, das tue ich, aber Sie müssen mich nicht so erschrocken ansehen. Was ich vorschlage, ist nicht das, was Sie denken.“

„Ich verstehe Ihre Angst, Mr Griffin, aber wie Sie schon sagten, Ihre Tochter ist erst sechzehn.“

„Und doch ist es meine Pflicht als Vater, mich um ihre Zukunft zu kümmern. Ich muss dafür sorgen, dass sie sich vorteilhaft verheiratet, damit sie glücklich und versorgt sein wird. Stünde mir mehr Zeit zur Verfügung, würde ich das alles natürlich anders regeln. Unglücklicherweise aber ist gerade Zeit etwas, was ich nicht mehr habe.“

Rule konnte nur ahnen, wie dieser Mann sich fühlen musste. Er hatte eine Tochter, die er liebte, und er würde nie erleben, wie sie zu einer Frau heranwuchs. „Ich sehe, in welcher Zwickmühle Sie sich befinden, Sir, aber ich fürchte …“

„Meine Wahlmöglichkeiten sind begrenzt, Rule. Ich muss Vorkehrungen für die Zukunft meiner Tochter treffen, auch wenn sie in mancher Beziehung noch ein Kind ist. Das ist der Grund, warum ich ihren zukünftigen Ehemann bitten würde zu warten, bis sie erwachsen ist, ehe die Ehe vollzogen wird. Sie muss mindestens achtzehn Jahre alt sein.“

Rule schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid, Sir. Sosehr ich Sie auch respektiere, wenn Sie mich bitten, Ihre Tochter zu heiraten, dann werde ich, so fürchte ich …“

„Ehe Sie mir antworten, hören Sie mir bitte bis zum Ende zu.“

Dieser Mann war dem Tod geweiht. Das Mindeste, was Rule tun konnte, war, ihm die Höflichkeit zu erweisen, zuzuhören. Er nickte kurz. Eines war sicher. Wie sehr er Howard Griffin auch bewunderte, er würde nicht heiraten, und schon gar kein sechzehnjähriges Mädchen.

„Warum setzen wir uns nicht und ich sage Ihnen, was ich Ihnen vorschlagen möchte? Vielleicht werden Sie mich dann nicht länger ansehen, als hätte ich den Verstand verloren.“

Rule musste lächeln. Verdammt, er mochte Griffin wirklich und er hasste die Vorstellung, dass dieser Mann so viele Jahre zu früh sterben sollte.

Es war eine Schande, dass er seinen Vorschlag ablehnen musste.

Violet Griffin saß auf einem reich verzierten goldenen Samtsofa in ihrer Schlafstube neben ihrer Cousine und besten Freundin Caro­line Lockhart. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Violet schnäuzte in ihr spitzenverziertes Taschentuch und wischte sich mit einer Hand die Tränen von den Wangen.

„Ich kann es immer noch nicht glauben.“

„Es ist nicht fair“, sagte Caroline. „Du hast schon deine Mutter verloren. Du verdienst es nicht, auch noch deinen Vater zu verlieren.“

Violet atmete tief durch. Seitdem ihr Vater sie in sein Kontor gerufen und ihr die schreckliche Wahrheit gesagt hatte – dass er in weniger als einem Jahr tot sein würde –, hatte sie nur geweint. „Vater sagt, das Leben ist niemals fair.“

„Vermutlich nicht, aber das sollte es sein.“

Violet sah zu ihrer Freundin auf. „Vater möchte, dass ich heirate. Er sagt, nur so könne er in Frieden sterben.“

Caroline sah die Cousine aus ihren großen hellblauen Augen an. Sie war blond, mit heller Haut und gut zwei Zentimeter größer als Violet. Als sie sich jetzt bewegte, raschelte der rosa Taftrock ihres Teekleides. „Liebe Güte, du bist erst sechzehn!“

„Das spielt keine Rolle.“

Caroline biss sich auf die Unterlippe. „Wen sollst du seinem Wunsch gemäß heiraten?“

„Den Engländer Rule Dewar. Du erinnerst dich an ihn? Er war ein paar Mal zum Essen hier. Du musst ihn getroffen haben.“

Carolines Miene wurde verträumt. „Als ob ich ihn vergessen könnte. Noch nie habe ich einen schöneren Mann gesehen.“

Violet nickte nur. „Das habe ich auch gedacht, als ich ihn das erste Mal sah. Er hat die erstaunlichsten blauen Augen und sein Haar ist so schwarz, dass es schon beinahe blau wirkt.“ Sie senkte den Blick und sah dann wieder die Freundin an. „Meinst du auch, ich sollte ihn heiraten? Vater möchte meine Zukunft gesichert sehen, ehe … ehe …“

„Dein Vater hat dich sehr lieb“, sagte Caroline leise.

„Ich weiß, dass er mich liebt.“ Violet tupfte sich die Tränen von den Wangen. „Soll ich seinem Wunsch entsprechen? Papa hat nur selten etwas von mir verlangt, und es würde ihm so sehr gefallen.“

„Meinst du … meinst du, Rule würde dich heiraten wollen?“

„Ich weiß es nicht. Vater sagt, er würde es tun.“

„Es ist ein seltsamer Name – Rule. Was glaubst du, wo er herkommt?“

„Vater sagt, es war der Name seines Urgroßvaters mütterlicherseits. Er sagt, sie wären bereits zu einer finanziellen Übereinkunft gekommen, die uns beide gut versorgen wird. Er sagte, Rule würde erst … er würde erst dann zu meinem richtigen Ehemann werden, wenn ich achtzehn bin.“

Caroline nickte. „Du meinst, er würde seine ehelichen Rechte erst einfordern, wenn du alt genug dafür bist.“

„Das nehme ich an.“ Violet drehte das feuchte Taschentuch zwischen ihren Fingern. „Bis dahin kehrt er wieder nach London zurück, um sich um die Niederlassung der Firma zu kümmern, die wir dort besitzen.“

Caroline strich ihren Rock mit beiden Händen glatt. „Willst du ihn denn heiraten?“

Violet schüttelte den Kopf. „Ich möchte niemanden heiraten. Jedenfalls jetzt noch nicht. Aber wenn ich heiraten muss, nun … dann würde ich vermutlich Rule wählen.“

Caroline strahlte. „Kannst du dir das vorstellen? Der Mann ist der Bruder eines Dukes! Wenn du ihn heiratest, wird dich jedes Mädchen in Broadmoor beneiden.“

Mrs Broadmoors Akademie für junge Damen, die beide Mädchen zurzeit besuchten, war die exklusivste Schule für höhere Töchter in ganz Boston. Violet gefiel es dort nicht sehr. Sie schätzte andere Dinge, die Art von Unterricht, für die ihr Vater bisher gesorgt hatte: Mathematik und Geschichte, Naturwissenschaften und Geographie, Französisch, Latein und Griechisch.

Aber sie war fest entschlossen, die Dame zu werden, die sie dem Wunsch ihres Vaters gemäß werden sollte. Daher widmete sie sich mit demselben Eifer ihren Aufgaben an der Akademie.

Die Tränen stiegen ihr erneut in die Augen. Jetzt war es egal, ob sie als Klassenbeste abschloss oder nicht. Ihr Vater würde es nie erfahren.

Violet holte tief Luft. Ob er es erfahren würde oder nicht, spielte keine Rolle. Sie würde es wissen! Und ihm zu gefallen, war jetzt wichtiger denn je.

Sie fasste einen Entschluss. „Ich werde es tun, Caroline. Ich werde Rule Dewar heiraten.“

Caroline stieß einen entzückten Schrei aus, rückte zu ihr hinüber und umarmte sie. „Du wirst eine Braut! Ich kann es kaum glauben!“

Violet betrachtete das Taschentuch auf ihrem Schoß und schluckte mühsam. Sie spürte einen Kloß in ihrer Kehle. „Ich auch nicht.“

Zwei Wochen gingen ins Land. Für Rule schienen sie wie im Fluge zu vergehen. Es war Samstag, ein warmer Frühlingstag, worin er ein gutes Omen für den gewaltigen Einschnitt in seinem Leben sehen wollte, der sich gleich vollziehen würde. Er stand in den weitläufigen Gärten von Griffin Heights vor einem blumengeschmückten Bogen, der sich über einem Altar wölbte, und blickte durch den Mittelgang auf die zukünftige Mrs Rule Dewar.

Sie sah genau so aus, wie sie war: ein junges naives Mädchen, das kaum der Kinderstube entwachsen war. Selbst in dem eleganten Brautkleid aus zahllosen Metern Brüsseler Spitze blieb sie eine magere, knabenhafte Frau. Kaum bereit für eine Hochzeit und ganz bestimmt nicht die Sorte Frau, die Rule sich ausgesucht hätte.

Tatsächlich war diese Heirat das Letzte, was er wollte.

Aber Howard Griffin war ein Überredungskünstler. Er hatte Rule einen Handel angeboten, von dem dieser nie zu träumen gewagt hätte. Nach Griffins Tod und wenn die Ehe vollzogen war, würde Rule die Hälfte von Griffins Vermögen erben sowie die Hälfte von Griffin Manufacturing. Die andere Hälfte bekam Violet, die Frau, die nun bald seine Ehefrau sein würde.

In Amerika galten andere Gesetze. Das Vermögen seiner Braut würde auch nach der Hochzeit weiterhin ihr gehören. Gemeinsam würden sie in der Finanzwelt eine machtvolle Größe bilden.

Und es gab noch einen weiteren Vorteil. Abgesehen von dem Geld und dem Anteil an einem außerordentlich erfolgreichen Unternehmen würde Rule den größten Wunsch seines Vaters erfüllen. Der verstorbene Duke of Bransford war fest davon überzeugt gewesen, dass eine Verbindung mit Amerika die Familie Dewar sicher ins nächste Jahrhundert bringen würde. Rule hatte versprochen, dafür zu sorgen, dass es geschah.

Die Hochzeit mit einer Amerikanerin und ein Unternehmen, das beide Seiten des Atlantiks umfasste, würden sicher geeignete Voraussetzungen dafür schaffen.

Er ließ den Blick über die Reihen gleiten, in denen Griffins Freunde und einige enge Familienmitglieder saßen. Es war eine private Feier, die sicherlich spektakulärer ausgefallen wäre, wäre Violet älter und die Hochzeit nicht so übereilt gewesen.

Er fragte sich, wie viele der Anwesenden wohl von den näheren Umständen der Vermählung wussten, und dachte, dass Griff, wie er ihn jetzt nennen sollte, vermutlich mit den meisten von ihnen gesprochen hatte. Rule ahnte, dass die meisten Gäste Verständnis hatten für den Wunsch eines todkranken Vaters, die Zukunft seines einzigen Kindes zu sichern. Sie würden seiner Entscheidung zustimmen.

An den Stufen, die hinunter zur Terrasse führten, streckte Griffin seinen Arm aus und Violet legte ihre Hand, die in einem weißen Spitzenhandschuh steckte, zaghaft auf seinen schwarzen Frackärmel. Sie war noch zierlicher, als Rule vermutet hatte. Schon zuvor war ihm aufgefallen, dass ihre Augen von einem hübschen Blattgrün waren. Auf der Nase hatte sie ein paar Sommersprossen. Das hatte er gesehen, als er ihr den Antrag gemacht hatte, so, wie es sich für einen Gentleman gehörte: mit gebeugtem Knie, im Salon und in Anwesenheit ihres Vaters.

Sie war kaum mehr als ein Kind und ein Teil von ihm wehrte sich gegen die Vorstellung, sie zur Frau zu nehmen, selbst ohne den Vollzug der Ehe. Er unterdrückte den Impuls, sich umzudrehen und davonzulaufen, um an Bord des schnellsten Schiffes Richtung England zu fliehen. Aber es gab kein Zurück mehr. Er hatte der Versuchung nicht widerstehen können und nun erstreckte sich die Zukunft strahlend hell vor ihm.

Am Ende der Zeremonie würde Rule auf dem besten Wege sein, ein außerordentlich reicher Mann zu werden. In der Zwischenzeit konnte er bis zum traurigen Ableben seines Schwiegervaters mit einem üppigen Gehalt den Londoner Teil von Griffin Manufacturing leiten und in der Stadt auf großem Fuße leben.

Der Organist begann den Hochzeitsmarsch zu spielen. Rule wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Augenblick zu. Violet ging neben ihrem Vater und lächelte nervös, als sie auf ihn zukam. Er dachte daran, dass er noch einige Jahre Zeit haben würde, bevor er Verantwortung übernehmen und seine ehelichen Pflichten ausüben müsste.

Rule setzte ein Lächeln auf, von dem er hoffte, dass es überzeugend wirkte. Er dachte an die Möglichkeiten, die vor ihm lagen, an die Erfüllung des Versprechens, das er seinem Vater gegeben hatte, und machte sich bereit, seine Braut zu begrüßen.

Violet lächelte weiterhin, als sie den Mittelgang entlangschritt. Nur die engste Familie und ein paar gute Freunde waren anwesend. Es genügte Violet vollkommen. Sie wollte diesen Tag endlich hinter sich bringen. Am nächsten Morgen würde Rule nach London abreisen, und ihr Leben würde wieder wie gewohnt verlaufen. Wenigstens für eine Weile.

Sie wollte nicht an die Monate denken, die vor ihr lagen, und an das schreckliche Schicksal, das auf ihren Vater wartete. Deshalb schenkte sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Mann, den sie nun heiraten wollte. Rule lächelte ihr ermutigend zu und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Himmel, wie gut er aussah! Noch nie hatte sie einen Mann mit so blauen Augen und so dichten Wimpern gesehen. Nie zuvor schönere Lippen, voll und sanft geschwungen. Seine schwarzen Brauen bildeten einen perfekten Bogen über jedem seiner schönen Augen, die Nase war gerade, und wenn er lächelte, zeigte er eine Reihe perfekter weißer Zähne.

Als sie neben ihm stand, nahm er ihre zitternde Hand in seine große, warme Hand und lächelte aufmunternd, sodass auf seinen Wangen Grübchen erschienen. Sie hatte wirklich noch nie ein so perfektes Gesicht gesehen.

Und dieser Mann würde ihr Ehemann werden!

Bei dem Gedanken daran begannen ihre Knie zu zittern. Als ihr Vater sie an Rule übergab, straffte sie die Schultern. Trotz Rules Schönheit war Violet tief in ihrem Inneren nicht davon überzeugt, dass sie das Richtige tat. Sie heiratete, weil ihr Vater es wünschte, nicht aus eigenem Verlangen.

Während der kurzen Trauzeremonie stand Violet angespannt und kerzengerade da. Dann sprach Rule sein Gelübde und sie das ihre, und der offizielle Akt war vollbracht. Rule beugte sich vor, um ihr die Wange zu küssen.

Violet unterdrückte einen Anflug von Enttäuschung. Sie war noch nie geküsst worden. Ihrer Meinung nach verdiente sie es zumindest von dem Mann, der jetzt ihr Gemahl war.

„Nun, Mrs Dewar“, flüsterte er leise. Seinen warmen Atem auf der Haut zu spüren, rief eine Gänsehaut in ihr hervor. „Wie fühlt es sich an, verheiratet zu sein?“

Sie sah zu ihm auf. „Bisher habe ich noch keine Ahnung. Was ist mit Ihnen?“

Rule lachte, es war ein tiefer melodischer Laut. Natürlich war sein Lachen ebenso perfekt wie alles andere an ihm.

„Sie haben vollkommen recht, ich habe auch keine Ahnung. Ich fühle mich kein bisschen anders.“

„Vielleicht dauert es ein bisschen.“

Er lächelte und schien sich zu entspannen. „Vielleicht.“ Sie mochte seinen Akzent. Er passte so gut zu seinem makellos geschneiderten Anzug, zu seinen teuren Lederschuhen und seiner schneeweißen Krawatte.

„Ich nehme an, Ihre Familie hat eine Hochzeitsfeier geplant. Wenn das Schlimmste vorbei ist, können wir vielleicht sogar etwas essen.“

Violet lachte. Das hatte sie nicht erwartet, dass er sie zum Lachen bringen konnte. Dadurch wirkte er weniger Ehrfurcht gebietend, fast nahbar. „Ich habe großen Hunger. Heute früh hatte ich Angst, etwas zu essen. Ich war mir nicht sicher, ob ich es bei mir behalten könnte.“

„Mir ging es ebenso.“ Er lächelte. Er lächelte weiter und sie dachte: Kann dieser wunderschöne Mann tatsächlich mein Ehemann sein? Aber als er ihre Hand nahm und sie in seine Armbeuge legte, wusste sie, dass genau das der Fall war.

Sie bahnten sich ihren Weg durch die kleine Schar der Gratulanten hindurch vom Garten bis ins Haus. Rule hielt sie nah an sich und sie wusste zu schätzen, dass er sich bemühte, ein pflichtbewusster Gatte zu sein. Während der Nachmittag voranschritt, sagte sie sich, dass sich alles finden würde. Ihr Vater hatte sich nie zuvor getäuscht. Jetzt würde sie auch seinem Urteil vertrauen müssen.

Die Stunden schienen kein Ende zu nehmen, bis sich endlich alle Gäste verabschiedeten, alle außer Rule, ihrem Vater und Tante Harriet, der Schwester ihrer Mutter und eine von Violets engsten Verwandten. Plötzlich fühlte sich Violet sehr erschöpft. Sie schwankte ein wenig.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte Rule besorgt und umfasste ihre Taille, um sie zu stützen.

„Es geht mir gut, danke. Ich bin vielleicht nur ein wenig müde.“ Violet lächelte.

Er warf einen Blick auf die Uhr, die im Salon über dem Kamin hing. „Die meisten anderen sind bereits gegangen und ich fürchte, es ist für mich jetzt auch Zeit zum Aufbruch. Ich muss noch einiges packen, ehe ich mich auf das Schiff begebe.“

Violet empfand einen Stich. Sie war verwirrt.

Sie war frisch verheiratet, aber ihr Gemahl verließ sie und sie konnte nicht wissen, wann sie ihn wiedersehen würde.

Andererseits war sie noch nicht bereit, die Rolle einer Ehefrau zu übernehmen, und sie wusste nicht, wie lange es dauern würde, bis es so weit war.

„Wir begleiten Sie noch zu Ihrer Kutsche“, sagte ihr Vater. Auf der vorderen Veranda blieben Griffin, Tante Harriet und Violet stehen.

„Kommen Sie gesund in London an“, sagte Violet. Sie war nicht sicher, welche Form des Abschieds unter den gegebenen Umständen angemessen war.

Rule neigte sich über ihre Hand und presste die Lippen leicht auf ihren Handrücken. Violet spürte seinen warmen Atem durch den Handschuh hindurch. „Auf Wiedersehen, Violet.“

Sie sah ihm nach, wie er die Stufen hinabschritt und in seine Kutsche stieg. Und dann war er fort, so als hätte es ihn nie gegeben.

Ihr Vater legte sanft seine Hand auf ihre Schulter. „Er wird gut zu dir sein, Liebes. Er hat mir sein Wort gegeben, dass er sich um dich kümmern wird.“

Sie nickte nur. Was ist mit Liebe? dachte sie. Bis zu diesem Augenblick war ihr dieses Wort nie in den Sinn gekommen, und ganz bestimmt hatte sie es nicht mit ihrem Vater besprochen. Sie wusste, dass Liebe kein zwingender Bestandteil einer Ehe war, und doch …

Aus irgendeinem unerklärlichen Grund bildete sich ein Kloß in ihrem Hals, während sie Rules Kutsche nachsah.

„Rule wird dir ein sehr guter Ehemann sein“, sagte ihr Vater, „wenn die Zeit dafür gekommen ist.“

„Ich … ich bin sicher, das wird er.“ Violet sah, wie Rules Kutsche durch die schweren eisernen Tore verschwand, die das Wappen der Griffins trugen – ein Löwe mit Adlerschwingen –, und sie wurde seltsam traurig.

„Komm herein, Liebes“, sagte Tante Harriet, eine Dame in den Fünfzigern mit silbernem Haar und unerschütterlicher Treue zu ihr und ihrem Vater. „Du musst nach einem so anstrengenden Tag müde sein.“

Violet nickte. Sie fühlte sich müde und seltsam verlassen. Sie hatte einen Ehemann, der nicht bei ihr war, und bald würde auch ihr Vater fort sein.

Als sie über die Veranda und ins Haus gingen, nahm Violet Griffins Arm. Sie wünschte sich, die Zukunft würde anders aussehen, und kämpfte gegen die Tränen.

1. KAPITEL

London, England. Drei Jahre später

Rule, wie schön, dass du gekommen bist!“ Die Gastgeberin des Abends, Lady Annabelle Greer, kam durch den reich geschmückten Ballsaal auf ihn zu. Sie bewohnte das großzügige Londoner Stadthaus gemeinsam mit ihrem Ehemann Travis. „Und wie ich sehe, hast du Lucas mitgebracht.“

Sie sah dorthin, wo sein bester Freund Lucas Barclay sich gerade mit einer reizenden jungen Witwe unterhielt, die er kürzlich kennengelernt hatte. Rule und Lucas waren gemeinsam in Oxford gewesen und entfernt miteinander verwandt. Rules ältester Bruder Royal, Duke of Bransford, war verheiratet mit einer Cousine der Ehefrau von Lucas’ Bruder.

Rule wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Gastgeberin zu. „Ich freue mich, Sie zu sehen, Mylady.“ Annabelle Greer mit ihrem hellbraunen Haar und den klaren blauen Augen war beinahe dreißig und Mutter dreier Kinder, aber sie war noch immer eine schöne Frau.

„Es überrascht mich, dass du gekommen bist. Normalerweise bist du viel zu sehr mit der Arbeit beschäftigt.“ Sie schlug ihm leicht mit ihrem Fächer auf die Schulter. „Weißt du nicht, dass es für einen Angehörigen der Aristokratie außerordentlich unpassend ist, für Geld zu arbeiten?“ Sie lächelte. „Aber keiner von euch Dewars hat sich je darum gekümmert, was sich schickt und was nicht.“

Rule lächelte. „Dasselbe könnte ich über Sie sagen, Mylady.“ Er erinnerte sich noch an die Gerüchte über eine Affäre, die er gehört hatte, und die zu Annabelles Heirat mit Travis Greer geführt hatten, einem früheren Lieutenant der britischen Kavallerie, überzeugten Junggesellen und besten Freund seines Bruders Reese.

Anna lachte auf. „Ich gebe zu, in der Vergangenheit manchmal ein wenig leichtsinnig gewesen zu sein. Aber ich habe mich geändert.“

Rule schmunzelte. „… seitdem Ihr Mann den Mut besessen hat, Sie an die Hand zu nehmen.“

Anna lächelte über den Scherz. Tatsächlich war es eher anders herum gewesen. In diesem Augenblick kam Travis dazu, ein gut gebauter Mann mit hellbraunem Haar und einer kleinen goldgeränderten Brille, der offensichtlich sehr verliebt war in seine Frau. Als angesehener Journalist bei The Times schrieb er Artikel über jeden Krieg, in den das Land verwickelt war.

Der leere Ärmel seines Rocks zeugte von dem Preis, den er bezahlt hatte, als er mit Reese zusammen bei der Kavallerie gewesen war.

„Freut mich, dich zu sehen, Rule.“ Travis sah sich im Ballsaal um. Die Spiegel an den Wänden reflektierten Dutzende gut gekleideter Männer und Frauen. „Welcher der reizenden Damen ist es gelungen, deine Aufmerksamkeit zu erringen? Wie ich hörte, hast du deine … Verbindung mit der schönen und reizenden Lady St. Ives beendet.“

Rule nippte an seinem Champagnerglas. „Die Nachrichten verbreiten sich sehr schnell.“

„Dann nehme ich an, dass du wieder auf Beutezug bist.“

Er suchte tatsächlich wieder nach einer neuen und interessanteren Mätresse. Evelyn Dreyer, Viscountess St. Ives, begann ihn zu ermüden. Er hatte die Affäre vor mehreren Wochen schon beendet. Er wusste, dass es nicht an Evelyn gelegen hatte. Seit einiger Zeit schon fühlte er sich rastlos und gelangweilt, als suchte er nach etwas, ohne zu wissen wonach.

Travis sah sich im Ballsaal um. „Oder könnte es vielleicht sein, dass du dich endlich nach einer Ehefrau umsiehst?“

Rule hätte sich beinahe an seinem Champagner verschluckt. Er schüttelte den Kopf. „Das tue ich definitiv nicht. Jedenfalls nicht im Augenblick.“

Niemand in London wusste, dass Rule verheiratet war. Nicht einmal seine Familie. Natürlich würde er es ihnen irgendwann sagen müssen, und zwar bald. Er hätte es schon lange tun sollen, aber indem er es erzählte, würde es real werden. Er würde zugeben müssen, dass es höchste Zeit für ihn war, seine Pflicht zu tun und nach Boston zu reisen, um seine Frau zu holen.

Der Gedanke daran veranlasste ihn, sich zu entschuldigen, um sich etwas Stärkeres als Champagner zu holen.

Lucas holte ihn ein. „Die Gäste beginnen sich zu verabschieden. Wie wäre es, wenn wir noch in den Club fahren? Oder zu Crockfords, um noch ein wenig zu spielen.“ Lucas war beinahe so groß wie Rule, mit dunkelbraunem Haar und wachen braunen Augen. Über seine rechte Augenbraue verlief eine Narbe, die ihm einen gefährlichen Zug verlieh, was Frauen offenbar anziehend fanden.

„Oder wenn du Lust hast, können wir auch bei Madame Lafons vorbeigehen.“ Lucas zwinkerte ihm zweideutig zu, aber Rule schüttelte den Kopf.

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er seine Abende am liebsten in dem eleganten Bordell verbracht. In letzter Zeit reizte ihn die Vorstellung, dort mit einer der schönen Frauen ins Bett zu gehen, kaum noch.

„Wie wäre es mit Crockfords?“, schlug er vor. „Ich hatte in der letzten Zeit so etwas wie eine Glückssträhne. Vielleicht hält sie an.“

Lucas lächelte. „Also zu Crockfords.“

Nur eines wollte Rule nicht, und das war nach Hause gehen, denn dort würde ihn sein Gewissen plagen. Er würde an das Geld denken, dass Griff ihm hinterlassen hatte, als er starb, an die gewinnbringenden Investitionen von seinem üppigen Gehalt und an das Versprechen, das er gegeben, aber noch nicht gehalten hatte. Obwohl er über Tante Harriet Ardmore regelmäßig alle Neuigkeiten über Violet erfuhr, war er seit seinem Hochzeitstag nicht mehr in Boston gewesen, um das Mädchen zu sehen.

Er hatte vorgehabt, bei Violet zu sein, wenn ihr Vater im Sterben lag, aber Griffin war so plötzlich gestorben, dass Rule es nicht mehr rechtzeitig geschafft hatte, ein Ticket für die Überfahrt nach Boston zu bekommen. Natürlich hatte er Violet einen Brief geschrieben und ihr sein Beileid ausgedrückt, danach hatte er ihr jeden Monat eine kurze Nachricht geschickt.

Aber das war nicht dasselbe, als wenn er ihr als Ehemann zur Seite gestanden hätte.

Als er aus dem Ballsaal hinaus in die kalte Nachtluft trat, sagte er sich, dass es höchste Zeit für ihn war, sein Versprechen einzulösen. In den nächsten beiden Wochen würde er eine Reise nach Boston buchen, gelobte er sich.

Es war Zeit für ihn, seine Braut zu holen.

Das dumpfe Gefühl in der Magengrube ignorierte er.

Violet ging von Bord des Klippers Courageous. Sie war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Endlich war sie in London. Sie hielt ihr Retikül, das sie an ihrem Handgelenk trug, fest und sah sich um. Die Docks summten vor geschäftigen Menschen. Schauermänner entluden die Fracht, Passagiere stiegen aus den endlosen Reihen von Schiffen, die an den Kais lagen. Zwielichtige Händler boten ihre Waren den neu ankommenden, ahnungslosen Opfern an.

Hoch über ihnen kreischten Möwen. Ihre Schreie vermischten sich mit dem Klappern und Schlagen der Takelage.

„Ist das nicht aufregend?“, fragte ihre Cousine Caroline, die mit Mrs Cummins neben Violet ging, einer Dame von tadellosem Ruf, die sie als ihre Reisebegleiterin engagiert hatten.

„Es ist ein wenig anders, als ich es mir vorgestellt hatte“, sagte Violet und blickte hoch zu den Dächern der Stadt und den hohen Kirchtürmen. „Alles sieht älter aus, als ich erwartet habe, aber dadurch wirkt es nur charmanter.“

Allerdings war die Hafengegend zweifellos nicht die beste. Die Gebäude waren baufällig und abgesehen von den Schiffreisenden waren die meisten Menschen hier eher ärmlich gekleidet.

„Ich miete uns eine Droschke“, bot Mrs Cummins an. Sie war eine kräftig gebaute Frau mit eisgrauem Haar und sollte sich von den jungen Frauen trennen, sobald sie das Haus von Violets Ehemann erreicht hatten.

Ihr Ehemann. Das Wort hinterließ einen bitteren Nachgeschmack auf Violets Zunge. Sie hatte Rule Dewar seit ihrem Hochzeitstag vor drei Jahren nicht mehr gesehen.

Oh ja, gelegentlich hatte er ihr geschrieben, aber ganz offensichtlich hatte er nicht die Absicht, seine ehelichen Pflichten zu übernehmen.

Und darüber war Violet sehr froh.

Sie war so jung gewesen, als sie ihn traf. Jung und beeindruckt von seinem außergewöhnlich guten Aussehen. Und sie hatte um den Vater getrauert, den sie so bald verlieren würde. Griff wollte, dass sie heiratete, und Violet hätte alles getan, was er sich wünschte. Und so hatte sie einen Mann geheiratet, den sie nicht kannte.

„Also, meine Damen, da sind wir.“ Mrs Cummins führte sie zu einer zerschundenen Kutsche, die von zwei erschöpft aussehenden Pferden gezogen wurde. Der Kutscher tippte sich an den Hut und sprang herunter, um ihre Schiffskoffer einzuladen.

Mrs Cummins, die ihre Pflichten sehr ernst nahm, beobachtete alles aufmerksam. Sie hatte die Stellung als Reisebegleiterin von Tante Harriet übernommen, die schon bei dem Gedanken an eine Fahrt über den Atlantik grün wurde.

Violet war zufrieden mit diesem Ersatz. Seit dem Tod ihres Vaters hatte sie sehr zurückgezogen gelebt. Getrieben von dem verzweifelten Wunsch, ihre Tage mit etwas anderem zu füllen als mit Kummer und Trauer, hatte sie begonnen, sich für die Munitionsfabrik ihres Vaters in Boston zu interessieren.

Je älter sie wurde, desto mehr Zeit hatte sie dort verbracht und alles Wissenswerte über die Herstellung von Musketen und Pistolen in sich aufgesogen. Sie hatte anfangs die Stunden mit ihrem Vater dort genossen und die Rolle eines Sohnes übernommen. Nach seinem Tod hatte sie diese Rolle beibehalten.

„Kommen Sie, meine Damen!“, rief Mrs Cummins ihnen zu. „Lassen Sie uns einsteigen. Hier ist kein guter Ort zum Trödeln.“

Der Kutscher hielt ihnen die Tür auf und wartete, bis sie alle eingestiegen waren. Violet ließ sich auf einem Sitz nieder, zog ihr gesetztes marineblaues Reisekleid zurecht und schloss die Bänder der passenden blauen Haube unter dem Kinn. Ihre Gedanken kreisten noch immer um ihren Vater.

Am Anfang war er besorgt gewesen, dass sich ihr Interesse an geschäftlichen Dingen für eine junge Dame nicht schicken könnte, aber bald beobachtete er mit Stolz, dass sie wesentlich mehr Interesse für die Geschicke des Unternehmens aufbrachte als an der Rolle einer reichen, verwöhnten jungen Dame.

Dann war sechs Monate nach Griffins Tod Mr Haskell, der Leiter des Bostoner Zweigs der Firma, plötzlich schwer erkrankt und gezwungen gewesen, sich zur Ruhe zu setzen. Tante Harriet hatte beinahe der Schlag getroffen, als sie erfuhr, dass Violet plante, Mr Haskells Pflichten zu übernehmen. Erst als Violet ihr versicherte, ihre wahre Rolle geheim zu halten, hatte sich Tante Harriet ihrem starken Willen gebeugt.

Mrs Cummins’ besorgte Stimme erregte Violets Aufmerksamkeit. „Himmel, wo ist nur die Adresse?“ Sie wühlte mit ihren rundlichen Händen durch ihr Retikül. „Ich kann den Zettel nicht finden, auf dem ich sie notiert hatte.“

„Portman Square, Nummer sechs“, sagte Violet, die die Adresse auswendig kannte. Sie war ganz oben auf Rules goldverziertem persönlichem Briefkopf gedruckt, den sie auf jedem seiner wenigen Briefe der vergangenen drei Jahre gesehen hatte.

Mrs Cummins klopfte an das Dach der Kutsche. „Haben Sie das gehört, Kutscher?“

„Aye, Madam. Portman Nummer sechs. Das ist ein gutes Stück zu fahren, aber Sie werden heil und gesund dorthin kommen.“

„Ich hoffe, es dauert nicht zu lange“, sagte Caroline und seufzte müde. „Ich sehne mich danach, meine Schuhe auszuziehen und die Füße für eine Weile hochzulegen.“ Genau wie Violet war Caroline inzwischen neunzehn Jahre alt. Die beiden waren sich auch in anderer Hinsicht sehr ähnlich. Sie waren beide ein wenig zu direkt und auf unübliche Weise gewohnt, das zu tun, was sie wollten. Aber Violet gelang es besser, ihr wahres Wesen zu verbergen, als es Caroline vermochte, die sich nicht dafür interessierte, was die Leute über sie dachten.

Sie sah aus dem Fenster und prüfte den Stand der Sonne. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu und sie alle waren müde. Violet empfand ähnlich wie Caroline und konnte es kaum erwarten, ihr Ziel zu erreichen.

Ihre Gedanken kehrten zurück zu dem Mann, mit dem sie verheiratet war, und ein Anflug von Zorn stieg in ihr auf. Rule Dewar hatte die Frechheit besessen, sie zu heiraten und dann im Stich zu lassen. Er hatte ihrem Vater sein Wort gegeben, für sie zu sorgen, und obwohl sie genügend Geld besaß und so viele Dienstboten beschäftigte, dass sie damit halb Boston versorgen konnte, war das nicht das, was ihr Vater sich für sie gewünscht hatte.

Und ganz gewiss war es nicht das, was Violet wollte. Sie wollte einen Ehemann, der sie liebte, einen Gatten, auf den sie sich verlassen konnte. Sie wollte eine Familie und Kinder. Sie hatte sich einmal von Rule Dewar zum Narren halten lassen. Es würde ihr kein zweites Mal passieren.

Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie würde mit Rule abrechnen. Er würde bekommen, was ihr Vater ihm an Geld hinterlassen hatte, aber er würde seinen Anteil an Griffin Manufacturing verlieren.

Violet konnte es nicht erwarten, den Ausdruck auf seinem schönen Gesicht zu sehen, wenn sie ihm offenbarte, dass sie die Ehe annullieren lassen wollte.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis Violet, Caroline und Mrs Cummins vor Rules Londoner Stadthaus eintrafen, einem schmalen, vierstöckigen Gebäude mit einem Giebeldach. Es stand mit einer Reihe gleich aussehender Häuser um einen kleinen Park mit bunten Frühlingsblumen, der von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben war. Offensichtlich befand es sich in einer exklusiven Nachbarschaft, wie sie dem Bruder eines Dukes gebührte.

Der Gedanke irritierte sie ein wenig. Wie lächerlich es war, einen Mann wegen seiner vornehmen Herkunft zu heiraten. Rule Dewar hatte nicht einmal den Anstand besessen, sein Wort zu halten!

Ganz anders als Jeffrey, dachte sie und sah sein gut aussehendes Antlitz vor sich. Er hatte blondes Haar, warme braune Augen und ein freundliches Lächeln. Jeffrey Burnett war achtundzwanzig Jahre alt, neun Jahre älter als Violet, ein Mann mit Verantwortung und Anstand, den sie vor sechs Monaten bei einer Party kennengelernt hatte, die eine Freundin Tante Harriets gegeben hatte. Jeffrey war Rechtsanwalt und arbeitete viel für Schiffsreedereien. Da Griffin Waffen in die ganze Welt verschiffte, hatten sie einiges gemeinsam.

Sie waren so etwas wie Freunde geworden und irgendwann hatte Violet ihm von ihrer überstürzten Heirat und den Gründen dafür erzählt. Einige Wochen später hatte Jeffrey ihr erzählt, was er für sie empfand und dass er sie gern zur Frau nehmen würde.

Natürlich ging das im Moment nicht.

Zuerst musste sie ihre Ehe annullieren lassen. Erst dann wäre es möglich, den zweiten Anlass zu verwirklichen, der sie zu dieser Reise geführt hatte.

Sie wollte Griffin Manufacturing verkaufen.

Der Kutscher sprang vom Bock, öffnete die Wagentür und holte sie damit zurück in die Gegenwart.

„Wir sind da, meine Damen.“

Mrs Cummins warf dem Mann einen herablassenden Blick zu. „Sie müssen warten, Sir, während ich nachprüfe, ob dies die korrekte Adresse ist. Wenn das der Fall ist, werde ich Ihre Dienste wieder benötigen.“

„Jawohl, Madam.“

Mrs Cummins wollte Violet und Caroline verlassen, sollte ihnen Einlass gewährt werden. Allerdings wusste sie nicht, wie Rule Dewar reagieren würde, wenn sie so uneingeladen an seiner Tür erschienen.

Als sie oben auf der Treppe ankamen, blieb Violet ein wenig ängstlich neben Caroline stehen, während Mrs Cummins an die reich verzierte Vordertür klopfte. Ein grauhaariger, hagerer Mann öffnete ihnen. Es war ganz offensichtlich der Butler. Er sah langsam von oben auf sie herab, so als könnte er sich nicht erklären, warum die drei Frauen vor ihm standen.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Violet sprach als Erste – immerhin war sie Rules Frau. „Ich bin Mrs Rule Dewar und ich bin gekommen, um meinen Gemahl zu sprechen.“

Der Butler runzelte die Stirn, sodass sich seine buschigen Brauen berührten. „Es tut mir leid. Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.“

„Dann gestatten Sie mir, es zu erklären“, sagte Mrs Cummins und bewegte ihre mächtige Gestalt näher zur Tür.

„Dies ist Mrs Dewar. Sie hat den Ozean überquert, um ihren Gemahl zu treffen. Und jetzt gehen Sie bitte ins Haus und sagen ihm, dass wir hier sind.“

Der Mann schüttelte den Kopf. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder, wie ein Fisch auf dem Trockenen, während Violet an ihm vorbei ins Foyer ging.

„Wo ist er?“, fragte sie entschieden.

Der Butler sah sich hilfesuchend um, als die beiden anderen Frauen Violet ins Haus folgten.

„Ich fürchte … es tut mir leid, aber Seine Lordschaft ist nicht zu Hause.“

Seine Lordschaft? Violet hatte geglaubt, Rules Bruder wäre der Einzige in der Familie, der einen Adelstitel trug.

„Wann rechnen Sie mit seiner Rückkehr?“ Caroline meldete sich zum ersten Mal zu Wort.

„Irgendwann nach dem Essen. Es könnte recht spät werden. Lord Rule sagt mir selten, wohin er geht.“

Violet sah Caroline an, wie erstaunt sie war, dass Rule als Lord bezeichnet wurde. „Meine Cousine und ich benötigen jeweils eine Kammer“, sagte Violet. „Bitte führen Sie uns nach oben, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

„Aber … aber das kann ich nicht tun.“

Violet sah ihn streng an. „Warum nicht?“

„Weil ich … weil …“

„Bitte vergessen Sie nicht, dass ich die Ehefrau Seiner Lordschaft bin. Von jetzt an werden Sie auch mir gehorchen müssen. Ich hoffe, Sie möchten nicht, dass wir einen schlechten Anfang haben.“

Der alte Mann sah sie erschrocken an. Einen Augenblick lang stand er einfach nur da.

Caroline beugte sich zu ihr hinüber. „Er scheint nicht zu wissen, dass Dewar verheiratet ist“, flüsterte sie. Das hatte Violet inzwischen auch bemerkt.

„Dadurch wird eine Annullierung nur noch einfacher“, flüsterte sie zurück. „Ich warte“, sagte sie.

Der Butler räusperte sich. „Ich werde die Haushälterin Mrs Digby bitten, Sie nach oben zu bringen.“

Violet lächelte. Sie wandte sich an ihre Reisebegleiterin. „Sie haben gute Arbeit geleistet, Mrs Cummins. Caroline und ich sind sicher angekommen, genau wie Sie es versprochen hatten. Sie haben Ihren Auftrag erfüllt.“

Violet griff in ihr Retikül und holte den Scheck heraus, den sie vorbereitet hatte, um ihn Mrs Cummins nach ihrer Ankunft zu überreichen.

Die ältere Frau wirkte verunsichert. „Ich weiß nicht … Sie haben noch nicht mit Ihrem Gemahl gesprochen. Und dieser Mann hier scheint überhaupt nicht zu wissen, wer Sie sind.“

Violet zwang sich zu einem Lächeln. „Mein Gemahl war schon immer sehr zurückhaltend. Sie können sicher sein, dass er hocherfreut sein wird, mich zu sehen.“ Es war eine glatte Lüge.

Mrs Cummins streckte die Hand aus und nahm zögernd den Scheck entgegen, den Violet ihr reichte. „Wenn Sie möchten, bleibe ich noch ein paar Tage bei Ihnen.“

„Nein! Ich denke, das wird nicht nötig sein. Caroline wird in den nächsten Tagen bei mir bleiben, bis ich mich eingerichtet habe. Gehen Sie und besuchen Sie Ihre Familie. Das ist doch der Grund, warum Sie den weiten Weg nach London auf sich genommen haben, oder?“

Mrs Cummins lächelte. „Nun, wenn Sie ganz sicher sind …“

„Ich bin ganz sicher. Vielen Dank für alles.“

„Falls Sie mich brauchen, wissen Sie ja, wo Sie mich finden können.“

Violet klopfte auf ihr Retikül. „Die Adresse befindet sich genau hier.“

„Also gut. Ich glaube, ich sollte tun, was Sie sagen. Ich freue mich darauf, meine Mutter und den Rest der Familie zu treffen.“ Mit einem letzten Abschiedsgruß und einem Winken verließ Mrs Cummins das Foyer. Ein Diener holte das Gepäck der jungen Damen herein, und gleich darauf erschien eine Frau, die Mrs Cummins erstaunlich ähnlich sah – sie hatte graues Haar und eine üppige Figur.

„Ich bin Mrs Digby, Mylady. Ich werde Sie und Ihre Cousine nach oben begleiten und Ihnen die Kammern zeigen.“

Mylady? Wie es schien, hatte die Hochzeit mit dem Bruder eines Dukes auch ihr einen Titel verschafft. Das hatte sie ja nicht geahnt! „Vielen Dank.“

Das Gepäck wurde in ihre Schlafstube gebracht, und kaum hatte Violet die Tür geschlossen, ertönte ein Klopfen und Caroline lief herein.

„‚Mylady‘! Ich kann es kaum glauben. Ich dachte, nur Rules Bruder hätte einen Titel.“

„Den hat er auch. Ich weiß nicht, wie das funktioniert. Als er in Boston war, hat Rule nie etwas davon erwähnt.“

„Vermutlich, weil Amerikaner keine Titel benutzen.“

„Vermutlich.“

„Ich frage mich, wo er ist.“

„Ich habe keine Ahnung.“ Ein leises Lächeln umspielte ihre Lippen. „Aber er wird zweifellos eine Überraschung erleben, wenn er nach Hause kommt.“

Caroline lächelte breit. „Oh ja. Ganz bestimmt.“

2. KAPITEL

Rule trank seinen Brandy aus und stellte das leere Glas vor sich auf den Tisch. Lucas und er hatten Besuche gemacht und dann bei White’s Karten gespielt. Es war spät. Am nächsten Tag würde er wieder früh aufstehen und zur Arbeit gehen müssen.

Rule schob seinen Stuhl zurück. „Ich fürchte, ich muss aufhören, Gentlemen.“ Er schob die Karten in die Mitte des Tisches. „Sieht aus, als hätte ich nichts gewonnen oder verloren. Was schon beinahe einem Sieg gleichkommt, wenn Lucas mitspielt.“

Der lachte nur. „Du willst also nach Hause?“

„Mir reicht es für heute. Wir sehen uns Ende der Woche.“ Die Marchioness of Wyhurst veranstaltete zu Ehren des Geburtstags ihrer Tochter Sabrina einen Ball. Es gab Gerüchte, die besagten, die Marchioness wäre entschlossen, ihre Tochter mit einem respektablen Mann zu verheiraten, bisher aber hatte die elegante Blondine jeden Bewerber abgewiesen, der an ihre Tür geklopft hatte.

Rule holte tief Luft und wünschte, er hätte abgesagt, auch wenn er nicht genau wusste warum. Lady Sabrina war eine Freundin der Familie Dewar und hatte immerhin Geburtstag.

Er seufzte und wusste noch immer nicht genau, warum es ihm auf einmal so verlockend schien, zu Hause zu bleiben.

Er begab sich zur Tür des Clubs, ließ seine Kutsche vorfahren und verließ das Etablissement. Als er im Wagen saß, löste er den Knoten seines Halstuches, legte den Kragen ab und öffnete die oberen Knöpfe seines Hemdes. Dann lehnte er sich zurück, schloss die Augen und nickte ein wenig ein.

Das Nächste, was er hörte, war das Öffnen der Wagentür.

„Wir sind da, Sir“, sagte der Kutscher, ein stämmiger Mann mit kurzem braunem Haar, der zur Seite trat, damit sein Passagier aussteigen konnte. „Gute Nacht, Mylord.“

Rule stieg aus. „Gute Nacht, Bellows.“ Er überließ den Kutscher seinen nächtlichen Pflichten und ging zur Tür. Aus einem Fenster im Salon fiel Licht, und er dachte, dass Hatfield versehentlich eine Lampe hatte brennen lassen. Der Mann wurde alt, aber Rule würde ihn nicht entlassen. Er war zu lange schon ein treuer Angestellter der Familie.

Er griff nach der Tür und war überrascht, als sie von innen geöffnet wurde. Hatfield stand im Eingang, das graue Haar zerzaust, die Augen gerötet vom Schlafmangel.

„Was ist los, Hat? Ich habe Ihnen doch gesagt, Sie sollen nicht auf mich warten.“

Der Butler nahm Haltung an und sah wieder aus wie immer. „Sie haben einen Gast, Mylord. Genau genommen sogar zwei.“

Rule runzelte die Stirn. „Einen Gast? Ich erwarte niemanden. Wer ist es?“

„Ihre Gemahlin, Mylord.“

Ein Augenblick des Schweigens entstand. „Meine … meine Gemahlin ist hier?“

Hatfield nickte, und über seine faltige Stirn fielen einzelne Haarsträhnen. „Jawohl, Mylord. Sie ist heute Nachtmittag zusammen mit ihrer Cousine, einer Miss Caroline Lockhart, aus Amerika eingetroffen.“

„Ich verstehe.“ Tatsächlich verstand er überhaupt nichts und konnte nichts anderes denken als: Verdammt, und was soll ich jetzt tun?

„Ihre Gemahlin, Sir … sie erwartet Sie.“

„Violet … meine Gemahlin wartet auf mich? Sie ist um diese Zeit noch wach?“

„Ja, Sir. Sie wartet im Salon.“

Seine Gedanken überschlugen sich, während er versuchte, die Dinge in seinem Kopf zu ordnen. Violet war in London. Sie hatte den Atlantik überquert, um zu ihm zu gelangen. Er ging auf den Salon zu. Plötzlich war er wieder hellwach und klar.

Als er den Raum betrat, setzte sich Violet kerzengerade hin. Ihre Augen glänzten, und sie blinzelte, als sie sich einen Moment lang umsah, als wollte sie sich erinnern, wo sie sich befand. Dann stand sie auf.

Sein erster Eindruck war, dass sie kleiner war, als er sie in Erinnerung hatte, zierlich, aber wohlgerundet. Tatsächlich sah sie vollkommen anders aus, als er erwartet hatte.

Abgesehen von ihrem wunderschönen roten Haar. So etwas hatte er noch nie gesehen.

Er suchte nach Worten. „Violet. Ich kann kaum glauben, dass Sie hier sind.“

Sie lächelte kühl. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich London erreichte, aber nun bin ich hier.“

Er schien sich nicht regen zu können. „Das sind Sie.“

Dann regte er sich doch und ging auf sie zu, um ihre beiden Hände zu ergreifen. Er bemerkte, dass sie keine Handschuhe trug, und ihm wurde bewusst, dass er ihre Haut nie berührt hatte.

„Willkommen in London“, sagte er. „Hätte ich gewusst, dass Sie kommen, hätte ich für eine angemessenere Begrüßung gesorgt.“

Violet entzog ihm ihre Hände und musterte ihn von oben bis unten. Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass ihm die Krawatte lose um den Hals hing, dass sein Kragen fehlte, sein Hemd offen stand und sein Haar zerzaust war.

Violet dagegen – nun …

Violet Griffin Dewar war eine Schönheit.

„Es muss ein bemerkenswerter Abend gewesen sein“, sagte sie und betrachtete ihn aus ihren grünen Augen, an die er sich noch gut erinnerte.

Er errötete wie ein Schuljunge. „Eigentlich nicht. Ich habe ein paar Freunde getroffen und mit ihnen im Club Karten gespielt.“

„Sie spielen? Mir war nicht bewusst, dass Sie ein Spieler sind.“

Seine Verlegenheit verschwand, stattdessen fühlte er sich ein wenig irritiert. „Ich spiele selten. Das war nur ein Zeitvertreib.“

„Nun, damit hatten Sie zweifellos Erfolg.“ Sie sah auf die Uhr, die auf dem Kamin stand. Die Zeiger zeigten die späte Stunde an und verdammten ihn.

„Ich bin sicher, dass Sie müde sind“, fuhr sie fort. „Ich werde jetzt gehen. Ich wollte Sie nur wissen lassen, dass ich hier bin, und Ihnen sagen, dass ich Sie gleich morgen früh sprechen möchte.“

„Ja, natürlich.“ Er betrachtete sie. Im gelben Schein der Lampe, die auf dem Tisch stand, sah er, dass ihre Züge in den vergangenen drei Jahren weicher geworden waren. Alles Kantige und Knochige an ihr war nun weiblich gerundet. Ihre Haut war cremeweiß, die Wangen leicht gerötet. Über der schmalen Taille wölbte sich ein voller Busen und ihr Hals war so lang und schmal wie ihre Hände. Ihre Lippen waren voller, als er sie in Erinnerung hatte, und von tiefem Rosé.

Sie war nicht mehr das knabenhafte Mädchen, das sie mit sechzehn gewesen war. Violet war zu einer Frau herangereift. Sie sah genauso aus, wie ihr Vater es vorausgesagt hatte, und sogar noch schöner. Sie war eine Frau, die jeder normale Mann gern in seinem Bett haben würde.

Und sie war seine Frau.

Ein Anflug von Verlangen erfasste ihn. Er räusperte sich und ignorierte das Blut, das ihm in die Lenden strömte. Es lag nur daran, dass es spät war und er seit Wochen keine Frau mehr gehabt hatte.

„Mein Beileid zum Tode Ihres Vaters. Er war ein großartiger Mann.“

„Vielen Dank.“

„Es tut mir leid, dass ich nicht da sein konnte, als Sie hier eintrafen. Wenn Sie eine Nachricht geschickt hätten …“

„Ich habe meine Entscheidung recht kurzfristig getroffen. Ein Brief wäre nicht vor mir hier angekommen.“ Sie lächelte kühl. „Außerdem dachte ich, es wäre nett, Sie zu überraschen.“

Er lächelte nur schwach. „Nun, das ist Ihnen zweifellos gelungen.“ Dass er schon vor Monaten nach Boston hätte reisen sollen, hatte er bis zu diesem Moment nicht als gebrochenes Versprechen angesehen. Nun regte sich sein schlechtes Gewissen und dieses Gefühl gefiel ihm ganz und gar nicht.

Violet hob den Kopf. „Ich sehe Sie dann morgen früh.“

Rule nickte. „Ich sorge dafür, dass Hat eines der Stubenmädchen weckt, damit sie Ihnen beim Auskleiden hilft.“

„Ich nehme an, Hat ist Ihr Butler?“

„Eigentlich heißt er Hatfield. Ich habe ihn immer Hat genannt.“

„Natürlich.“

Rule stand wie angewurzelt da, als sie ihre Röcke raffte und anmutig aus dem Salon schritt. Als sie durch die Tür verschwunden war, holte er tief Luft.

Verdammt, seine Frau war nach London gekommen! Er konnte es noch immer nicht glauben. Er würde es seiner Familie sagen und versuchen müssen zu erklären, warum er aus dieser Ehe all die Jahre ein Geheimnis gemacht hatte.

Rule dachte daran, wie er seinen beiden Brüdern und deren Gemahlinnen gegenübertreten würde und schlimmer noch, seiner Tante Agatha, dem Familienoberhaupt. Er stöhnte.

Violet betrat ihre Schlafkammer und fand dort Caroline, die vollständig bekleidet auf ihrem Bett eingeschlafen war. Als Violet leise die Tür hinter sich schloss, schreckte ihre Cousine auf.

Caroline blinzelte und lächelte erwartungsvoll. „Erzähl mir, was geschehen ist. Ich werde erst einschlafen können, wenn ich alles weiß.“

Violet atmete tief durch. Auf dem Sofa hatte sie kaum geschlafen und der Wortwechsel mit Rule hatte sie erschöpft.

„Er war ganz Gentleman. Aber das war er ja schon immer.“

Rule hatte ihre Ankunft selbstverständlicher hingenommen, als sie es erwartet hatte. Oh, er war überrascht gewesen, sie zu sehen. Sehr sogar. Aber er hatte seine Fassung schnell zurückgewonnen und den höflichen Gastgeber gespielt.

Sie hätte es vielleicht erwarten sollen, denn gerade seine galante Art hatte ihr Vater stets an Rule bewundert.

„Wie sieht er aus? Sieht er noch immer so gut aus?“

Gut aussehend war eine schwache Beschreibung für einen Mann wie Rule. „Er sieht gut aus. Besser sogar, um genau zu sein. Außerdem ist er größer, als ich ihn in Erinnerung hatte.“

„Mit den blauen Augen und diesen herrlichen Grübchen?“

„Ganz genau … auch wenn ich die Grübchen heute Abend nicht gesehen habe. Ich glaube nicht, dass er an meiner unerwarteten Ankunft etwas Heiteres finden konnte.“

Caroline schmunzelte. „Nun, wenn du ihn noch immer loswerden willst, dann solltest du ihn vielleicht an mich weiter­geben.“

Violet lachte. „Wenn ich ihn erst einmal losgeworden bin, ist es mir egal, was er tut.“

Caroline zog die Brauen hoch. „Andererseits möchte ich keinen Mann, den du verschmäht hast. Ich glaube, ich suche mir selbst einen.“

Violet unterdrückte ein Lachen. „Eine gute Idee.“ Ihr Geschmack in Bezug auf Männer war schon immer sehr verschieden gewesen, und auch wenn Rule besonders gut aussehend war, so war er doch nichts anderes als ein Mann. Violet hatte auf schmerzhafte Art und Weise erfahren, dass zu einer Beziehung mehr gehörte als nur gutes Aussehen.

„Hast du es ihm gesagt?“, fragte Caroline und rutschte vor, um sich auf die Bettkante zu setzen. „Hast du ihm gesagt, dass du eine Annullierung eurer Ehe wünschst?“ Sie waren beide noch vollständig angekleidet. Und beide waren sie erschöpft.

„Ich würde lieber in Ruhe schlafen und ihm morgen früh entgegentreten.“

„Ja, ich verstehe, was du meinst.“

An der Tür klopfte es leise.

„Das wird das Stubenmädchen sein, das mir beim Auskleiden behilflich sein soll. Ich wusste nicht, dass du noch wach bist.“

„Ich bin froh, dass jemand hier ist. Sie kann uns beiden helfen.“

So kam eine üppige, braunhaarige Frau Ende zwanzig herein, die verstohlen ein Gähnen hinter der vorgehaltenen Hand verbarg.

„Mein Name ist Mary. Mr Hatfield hat mich geschickt. Ich soll Ihnen behilflich sein.“

„Danke, Mary.“ Violet drehte ihr den Rücken zu, sodass Mary ihr die Knöpfe öffnen konnte. Innerhalb weniger Minuten war sie entkleidet und hatte ein weißes Nachthemd angezogen. Dann lag sie im Bett. Caroline winkte ihr zu, als sie das Zimmer verließ. Mary folgte ihr den Gang hinunter, um auch ihr beim Auskleiden zu helfen und sich anschließend für den Rest der Nacht auszuruhen.

Die Tür wurde leise geschlossen. Violet starrte hinauf zum blauen Betthimmel. Sie war davon überzeugt, nicht einschlafen zu können. Doch erschöpft von den Anstrengungen des Tages, schlief sie innerhalb weniger Minuten tief und fest.

Rule lag wach und starrte in die Dunkelheit. Seine Frau war da. Violet war in London.

Jetzt, da er den Schock überwunden und das Geschehen begriffen hatte, fühlte er sich beinahe erleichtert. Er konnte anfangen, das Versprechen zu erfüllen, das er Howard Griffin gegeben hatte.

Griffin hatte seines zweifellos erfüllt.

Violet war so schön, wie ihr Vater es erahnt hatte, auch wenn es eine ungewöhnliche Schönheit war. Sie war zierlich, aber nicht dünn, ihre grünen Augen waren eine Spur zu groß für das herzförmige Gesicht. Ihr flammendrotes Haar war ein Blickfang, wenn es auch nicht in Mode war, und sie verfügte über eine Selbstsicherheit, die sie mit sechzehn noch nicht besessen hatte.

Das zeigte sich in der Art, wie sie sich bewegte, wie sie den Kopf hielt und ihn ansah, wobei sie eine Spur von Eigensinn zeigte, die sich nicht leugnen ließ. Aber da war noch viel mehr. Er spürte eine Sinnlichkeit, die sich tief unter der Oberfläche verbarg, und ahnte eine große Leidenschaft in ihr.

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