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Verführung in aller Unschuld?

1. KAPITEL

Fünf grauenhafte Jahre lang hatte Lucy von ihrem ersten Tag in Freiheit geträumt. Von einem wolkenlos blauen italienischen Sommerhimmel, einer milden Brise, Zitronenduft und Vogelgezwitscher.

Stattdessen hatte sie nur den vertrauten Geruch in der Nase. Backstein, Zement und Stahl, getränkt mit dem scharfen Aroma von Verzweiflung und Industriereiniger. Den ganz speziellen Mix, der sich Strafanstalt nannte.

Lucy schauderte. Was wäre, wenn es sich um ein Missverständnis handelte? Wenn die wuchtige Metalltür vor ihr verschlossen blieb?

Der Gedanke, in ihre Zelle zurückkehren zu müssen, versetzte sie in Panik. Die Freiheit zum Greifen nah und doch unerreichbar, das wäre unerträglich!

Der Wachmann tippte den Code ein. Lucy trat vor, die Tasche fest in den klammen Händen, das Herz vor Aufregung wild pochend.

Das Tor öffnete sich, und sie ging hindurch.

Kein Zitronenduft, nur Abgase. Kein blauer Himmel, nur eine düstere graue Wolkendecke. Kein Vogelgezwitscher, nur lärmende Autos.

Und wenn schon. Sie war frei!

Jetzt konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Sie konnte ihr Leben weiterleben. Sie würde einen Billigflug nach London buchen und sich dort vor ihrer Weiterreise nach Devon eine Nacht Erholung gönnen. In einem ruhigen Hotel mit einem bequemen Bett und Heißwasser im Überfluss …

Die Stahltür fiel krachend hinter ihr ins Schloss. Ein Stück die Straße hinunter wurden Stimmen laut. Lucy wandte den Kopf und entdeckte eine Gruppe von Leuten vor dem Haupttor, ausgerüstet mit Kameras und Mikrofonen. Die Presse!

Es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter. Sie wollte gerade in die andere Richtung davongehen, da brach hinter ihr ein wahrer Tumult los. Schnelle Schritte, Rufe, das Knattern eines Motorrollers.

„Lucy! Lucy Knight!“, schallte es hinter ihr her. Die Meute hatte Blut geleckt.

Lucy beschleunigte ihre Schritte, doch der Rollerfahrer holte sie ein und versperrte ihr den Weg. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, knipste er ein Foto nach dem anderen von ihr.

Schon scharten sich die Reporter um sie und hielten ihr Mikrofone unter die Nase. Sie musste sich sehr zusammenreißen, um nicht schreiend davonzulaufen. Nach all den Jahren allein in ihrer Zelle versetzte es sie in Panik, so bedrängt zu werden.

„Wie fühlen Sie sich, Lucy?“

„Was haben Sie für Pläne?“

„Haben Sie unseren Zuschauern etwas mitzuteilen? Oder der Familie Volpe?“

Aus der verwirrenden Flut von Fragen drang scharf der Name Volpe zu ihr durch. Erschrocken hielt sie den Atem an, hilflos dem Blitzlichtgewitter und den neugierigen Blicken ausgeliefert.

Sie hätte es wissen müssen.

Aber das Ganze war fünf Jahre her! Sie hatte gedacht, es wäre längst Gras darüber gewachsen.

Was wollten die Leute jetzt noch von ihr? Sie hatten ihr schon so viel genommen.

Vielleicht hätte sie das Angebot der britischen Botschaft annehmen sollen, sie zum Flughafen zu bringen. Doch sie hatte sich ja dummerweise in den Kopf gesetzt, sich auf niemanden mehr zu verlassen.

Die britischen Behörden hatten sie damals nicht davor bewahrt, in die Mühlen der italienischen Justiz zu geraten, also erwartete sie auch jetzt keine Hilfe von dieser Seite. Und von keiner anderen.

Das hast du jetzt von deinem albernen Stolz, dachte Lucy und bahnte sich mit versteinerter Miene einen Weg durch die Menge. Ohne ihre Ellbogen zu benutzen oder laut zu werden, schob sie sich mit der eisernen Disziplin vorwärts, die sie sich im Gefängnis auf die harte Tour hatte aneignen müssen.

Sie war nicht mehr die unschuldige Achtzehnjährige, die man damals eingesperrt hatte. Sie hatte es aufgegeben, auf Gerechtigkeit zu hoffen. Oder auf einen Retter.

Retten musste sie sich schon selbst.

Kein Wort der Entschuldigung kam ihr über die Lippen, als sie zwischen eine Nachrichtenkamera und die dazugehörige Journalistin geriet, die zu viel Make-up und einen zu kurzen Rock trug und der vor Schreck das Mikrofon aus der Hand fiel.

Ohne nach rechts oder links zu blicken, setzte Lucy stur ihren Weg fort. Sie bekam Platzangst in dem Gedränge, zwang sich aber, nicht panisch die Flucht zu ergreifen.

Das hätte den Reportern so passen können!

Vor ihr tat sich eine Lücke auf. Beherzt trat Lucy vor und fand sich umringt von Männern in dunklen Anzügen mit Sonnenbrillen, die eine schwarze Limousine bewachten und die lästigen Reporter auf Abstand hielten. Hier auf diesen wenigen Quadratmetern herrschte eine Ruhe wie im Auge des Orkans.

Misstrauisch musterte Lucy den teuren Wagen mit den getönten Scheiben, der auf sie zu warten schien. Ihre Freunde hatten sich im Laufe der letzten Jahre verflüchtigt, und ihre Familie konnte sich so ein Luxusgefährt nicht leisten.

Einer der Männer hielt ihr die Wagentür auf, und neugierig spähte Lucy hinein.

Graue Augen, kühl glitzernd wie ein vereister See, sahen ihr entgegen. Als Nächstes nahm sie dichte dunkle Augenbrauen und ebensolches kurz geschnittenes Haar wahr.

Der Lärm der Reporter versiegte, als Lucy wie gebannt das Gesicht des Mannes im Innern des Wagens betrachtete.

Täuschte sie sich, oder rümpfte er kaum merklich die Nase über den ordinären Gefängnisgeruch, der ihr vermutlich anhaftete?

Hohe Wangenknochen, ein markantes Kinn und ein entschlossener, abweisend wirkender Mund vervollständigten seine stolzen, regelmäßigen Züge.

Es knisterte förmlich zwischen ihnen, als sie einander in die Augen sahen.

„Domenico Volpe!“, rief Lucy schockiert.

Doch nicht er!

„Sie erinnern sich an mich?“, fragte er in geschliffenem Englisch. Es klang, als wollte er mit Leuten wir ihr lieber nichts zu tun haben.

Lucy ließ sich nicht anmerken, wie gekränkt sie war. Sie hatte in den letzten Jahren eine ausgefeilte Taktik entwickelt, Aggressionen und Beleidigungen mit ausdrucksloser Miene an sich abprallen zu lassen.

„Selbstverständlich erinnere ich mich an Sie.“

Als könnte ich dich jemals vergessen!

Irgendwann vor langer Zeit hatte sie einmal gehofft …

Nein, Schluss damit. So lächerlich naiv war sie schon lange nicht mehr. Sein Anblick setzte eine Flut von Erinnerungen in Gang, von denen sie die älteren, glücklichen lieber ausblendete.

„Sie haben keinen Tag des Prozesses versäumt.“

Die lärmenden Reporter ringsum erinnerten sie qualvoll an jene Zeit.

„Was hätten Sie an meiner Stelle getan?“ Domenico Volpes Ton, sanft und gefährlich zugleich, jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Hatte sie nicht neulich gelesen, dass die königlichen Auftragsmörder des Ottomanischen Reichs ihre Opfer mit Seidenschals zu erdrosseln pflegten?

Nein, Domenico Volpe würde nie so tief sinken, sich an ihr zu vergreifen. Aber er würde auch keinen Finger rühren, um sie zu retten. Obwohl sie beide vor langer Zeit ein paar flüchtige Stunden verheißungsvoller Nähe erlebt hatten …

Wie kam sie dazu, mit diesem Mann, der ihr nur Schlechtes wünschte, zu reden? Schweigend wandte Lucy sich zum Gehen, doch ein Hüne im dunklen Anzug versperrte ihr den Weg.

„Bitte, Signorina.“ Er wies auf die offene Wagentür. „Steigen Sie ein.“

Zu Domenico Volpe? Dem Mann, der für alles stand, was in ihrem Leben schiefgegangen war?

Sie lachte hysterisch und versuchte, sich an dem Mann vorbeizudrängeln, doch er hielt sie fest.

„Finger weg!“ Eine jahrelang aufgestaute Mischung aus Verwirrung, Verzweiflung und Wut stieg wie brodelnde Lava in ihr auf.

Niemand hatte das Recht, sie herumzukommandieren.

Jetzt nicht mehr.

Bevor Lucy sich bremsen konnte, überschüttete sie den Mann mit einer Salve derber italienischer Flüche, die sie vor ihrem Gefängnisaufenthalt nicht einmal auf Englisch gekannt hatte. Diese Ausdrücke gehörten sicher nicht zum Wortschatz eines Domenico Volpe und seiner vornehmen Sippe, denn sie waren unter Kriminellen und Gestrauchelten üblich.

Sie musste es wissen, denn sie war genug von ihnen begegnet.

Erst als der Bodyguard verblüfft vor ihr zurückwich, verstummte sie peinlich berührt. So unbeschadet, wie sie gedacht hatte, hatte sie den Strafvollzug wohl doch nicht überstanden.

Eben noch hätte sie vor Freude über ihre Entlassung jubeln können, aber jetzt verließ sie der Mut. Wie lange würde ihr der Gefängnisgeruch noch anhaften? Wie nachhaltig hatte diese Zeit sie geprägt?

Lucy riss sich zusammen, schloss die Finger fester um den Griff ihres Koffers und marschierte los. Diesmal ließ der Bodyguard sie unbehelligt passieren.

Lieber lief sie einer ganzen Meute von Reportern in die Arme, als eine Minute länger im Dunstkreis dieses Mannes zu verweilen.

„Tut mir leid, Boss. Ich hätte sie aufhalten sollen, aber die Presse …“

„Schon gut, Rocco. Ich will nicht in der Zeitung lesen, dass ich Lucy Knight entführt habe“, meinte Domenico grimmig. Seine Schwägerin Pia regte sich schon genug auf.

Unbehaglich beobachtete er, wie die schmale Gestalt von der wartenden Menge eingekreist wurde. Aus unerfindlichen Gründen hatte er das Gefühl, sie im Stich gelassen zu haben.

Weil sie ihn wie ein waidwundes Reh angesehen und den tobenden Mob seiner Gesellschaft vorgezogen hatte?

Unsinn. Nüchtern betrachtet, sprach alles dafür, dass sie ihre Strafe verdient hatte. Nur manchmal, mitten in der Nacht, überkamen ihn Zweifel …

Aber er war nicht Lucy Knights Beschützer. War es nie gewesen.

Obwohl sie ihn mit ihrer frischen, natürlichen Art einmal sehr bezaubert hatte. Weil sie so anders war als die abgeklärten, weltgewandten Frauen aus seinem Bekanntenkreis. Bis er gemerkt hatte, wer sie wirklich war. Eine Heuchlerin, die ihn genauso umgarnen und ausnutzen wollte, wie sie es mit seinem Bruder getan hatte.

Er dachte an ihre großen, verschreckten Augen, blau wie Vergissmeinnicht. Hatte sie Angst vor ihm?

Nein, so leicht ließ er sich nicht täuschen.

Obwohl er zu seiner Schande gestehen musste, dass er sich damals, als er Lucy Knight Tag für Tag mit Unschuldsmiene auf der Anklagebank sitzen sah, auf rätselhafte Weise zu ihr hingezogen gefühlt hatte. Er hatte sich dafür gehasst.

„Eine richtige Wildkatze ist das, Boss. Alle Achtung …“

„Schließen Sie die Wagentür, Rocco.“

„Ja, Signor.“ Der Bodyguard ließ die Schultern sinken und gehorchte.

Domenico lehnte sich zurück und rieb sich ärgerlich das Kinn. Er hätte fluchen mögen, weil Pia ihn in diese Lage gebracht hatte. Was konnte die Presse ihnen schon anhaben? Aber Pia war einfach zu labil.

Viel mehr als der Medienrummel beunruhigte ihn allerdings die Frau, um die es ging. Lucy Knight. Wie sie ihn angesehen hatte!

Sie hatte sich verändert. Mit dem kurzen Haar wirkte sie forsch und selbstbewusst, nicht mehr so sehr wie ein Unschuldsengel. Ihre feinen Gesichtszüge waren stärker ausgeprägt als früher und bemerkenswert schön. Und sie verrieten einen starken Willen.

Es war mutig von ihr, sich der gierigen Meute auszuliefern. Zumal in ihrer rauen Schimpftirade nicht nur Zorn, sondern auch Verzweiflung mitgeklungen hatte.

Während der langen Wochen vor Gericht hatte sie keine Miene verzogen. Wie hatte sie ihr feuriges Temperament und ihren glühenden Hass nur so perfekt unter Kontrolle gehalten?

Oder – der Gedanke traf ihn wie ein Blitzschlag – hatte sie diese gefährlichen Emotionen erst in den letzten Jahren entwickelt?

Am klügsten wäre es, Pias Bitte und seine Gewissensbisse zu ignorieren und zu machen, dass er davonkam. Lucy Knight hatte nichts als Unheil über seine Familie gebracht, seit sie zum ersten Mal einen Fuß über deren Schwelle gesetzt hatte.

„Fahren Sie los“, wies Domenico seinen Chauffeur an.

Noch zwanzig Minuten bis zur Abfahrt des Busses.

Würde sie so lange durchhalten? Immer dichter wurde das Gedränge. Es kostete Lucy große Mühe, so zu tun, als ginge sie das alles nichts an – die Kameras, die Pfiffe, die dreisten Rempe­leien.

Obwohl ihr der Arm wehtat, stellte sie den Koffer mit ihren wenigen Habseligkeiten nicht ab. Die Paparazzi hätten sicher keine Hemmungen gehabt, ihre Unterwäsche zu durchwühlen und aufgrund der wenigen zerfledderten Bücher, die sie besaß, ein psychologisches Profil zu erstellen.

Ihr Ton wurde deutlich schärfer, als sie merkten, dass ihr vermeintlich leichtes Opfer nicht mitmachte. Immer mehr Leute blieben stehen, um die Szene zu beobachten, und vereinzelt wurden Unmutsbekundungen laut.

Lucy wusste, wie leicht die aufgeheizte Stimmung in Aggression umschlagen konnte.

Als sie schon im Begriff war, den Bus zu vergessen und das Weite zu suchen, ging ein Ruck durch die Menge, und der Lärm erstarb.

Die Kameras schwenkten ab und nahmen den Mann ins Visier, von dem Lucy geglaubt hatte, sie würde ihn nie wiedersehen: Domenico Volpe. Energischen Schrittes kam er auf sie zu, ohne die hektisch fotografierenden Reporter auch nur eines Blickes zu würdigen.

In seinem anthrazitfarbenen Anzug, dem blütenweißen Hemd und mit der dezenten Krawatte war er der Inbegriff des erfolgreichen Geschäftsmanns. Nicht der Hauch eines Fältchens trübte seine makellose Kleidung oder sein attraktives Gesicht. Nur der lodernde Blick, mit dem er sie fixierte, passte nicht ganz ins Bild.

Glühende Hitze stieg in ihr auf, als Lucy ihm in die Augen sah. Daher konzentrierte sie sich lieber auf seine ausgestreckte Hand und faltete verblüfft den Zettel auseinander, den er ihr gab.

Kommen Sie mit, lautete die schwungvoll mit schwarzer Tinte geschriebene Botschaft. Ich bringe Sie von hier weg. Bei mir sind Sie sicher.

„Sicher?“ Bei ihm?

Die Leute von der Presse horchten auf. Einer versuchte, ihr den Zettel zu entreißen, doch Lucy barg ihn in der geschlossenen Faust.

Es war verrückt. Völlig absurd. Domenico Volpe konnte nicht ernsthaft vorhaben, ihr zu helfen. Andererseits konnte sie unmöglich länger hier bleiben. Unheil braute sich zusammen, und sie war mittendrin.

Noch zögerte sie. Der große, breitschultrige Mann mit den kräftigen, gebräunten Händen war von einer Aura der Macht und Männlichkeit umgeben, die sie einmal sehr anziehend gefunden hatte. Jetzt kam er ihr eher bedrohlich vor.

Sie zuckte zusammen, als sein heißer Atem ihre Wange streifte.

„Ehrenwort eines Volpes“, flüsterte er.

Seine Nähe machte sie ganz kribbelig. Erst recht sein durchdringender Blick.

Er war stolz. Arrogant. Loyal. Ein mächtiger Mann und hochintelligent.

Doch alles, was sie über ihn gelesen hatte – und das war nicht wenig –, wies ihn als einen Mann aus, der Wort hielt. Er würde sich hüten, den guten Namen seiner Familie mit einer Lüge zu beschmutzen. Das hoffte Lucy zumindest.

Sie nickte.

„Va bene.“ Domenico Volpe nahm ihr das Gepäck ab und schob sie zielstrebig zu seiner am Straßenrand wartenden Limousine. Seine Finger schienen sich durch ihre Kleidung zu brennen.

Lucy zierte sich nicht lange, sondern stieg erleichtert ein und rückte ans äußere Ende der ledernen Rückbank, als Domenico Volpe die Tür hinter sich zuschlug.

„Mein Koffer!“

„Keine Sorge, der ist sicher verstaut.“

Sicher. Wieder dieses Wort, das sie so gar nicht mit ihm in Verbindung brachte.

Seine Augen waren dunkelgrau wie ein Gewitterhimmel. Sie gab sich nicht der Illusion hin, dass er sich freute, sie bei sich zu haben.

„Was wollen Sie von mir?“

„Sie vor der Presse retten.“

Lucy schüttelte unwillig den Kopf. „Ach was. Wenn Sie mich hätten retten wollen, dann hätten Sie es vor fünf Jahren getan, als es darauf ankam. Aber da haben Sie mich eiskalt fallen lassen“, platzte sie heraus.

Beklemmende Stille folgte ihren Worten. In der Enge des Wagens schien die Luft plötzlich knapp zu werden.

„Sie bringen da zwei Dinge durcheinander, die nichts miteinander zu tun haben“, erwiderte Domenico Volpe kühl. „Einigen wir uns einfach darauf, dass unsere Interessen diesmal ausnahmsweise übereinstimmen.“

Lucy musterte ihn argwöhnisch. „Ich wüsste nicht, was uns beide verbindet.“

Er wandte sich ihr zu, versperrte ihr mit seinen mächtigen Schultern die Sicht und maß sie mit einem langen, eindringlichen Blick, der sie erschauern ließ.

„Dann haben Sie ein beneidenswert kurzes Gedächtnis, Signorina Knight. Sie können wohl kaum bestreiten, dass es etwas gibt, was uns für immer miteinander verbindet, auch wenn ich mir wünschte, es wäre nicht so.“

„Aber das ist …“

„Lange her, meinen Sie?“ Domenico Volpe lächelte bitter. „Und trotzdem muss ich jeden Tag damit leben.“

Als er leise weitersprach, verursachte sein Tonfall ihr eine Gänsehaut. „Nichts wird jemals die Tatsache aus der Welt schaffen, dass Sie meinen Bruder getötet haben.“

Lucy schüttelte empört den Kopf, und fast bedauerte Domenico, nicht mehr die schönen blonden Locken um ihren Kopf tanzen zu sehen. Er erinnerte sich noch gut an ihr langes, seidiges Haar.

Trauerte er der jungen Frau von damals etwa nach? Nein, natürlich nicht.

Tag für Tag hatte er im Gerichtssaal gesessen und sie beobachtet, die Frau, die seinen Bruder auf dem Gewissen hatte. Er hatte seine Trauer, seine Rachegelüste und seine bodenlose Enttäuschung unterdrückt und sich ganz auf ihr Gesicht konzentriert, damit ihm keine noch so feine Regung darin entging. Ihr Anblick hatte sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt.

Feindbeobachtung hatte er es genannt.

Nicht, dass er noch etwas für die Glücksritterin empfunden hätte, die versucht hatte, ihn und seinen Bruder gegeneinander auszuspielen. Nein, er hatte nur gefürchtet, ihr niedliches Klein-Mädchen-Image könnte womöglich das Urteil beeinflussen.

„Falsch. Ich wurde dafür verurteilt, ihn getötet zu haben. Das ist ein Unterschied.“

Fassungslos blickte er in ihre zornigen blauen Augen.

„Wollen Sie immer noch behaupten, Sie seien unschuldig?“

Ihre Lippen zuckten, als wäre Lucy drauf und dran, auch ihn wüst zu beschimpfen.

„Wenn es doch stimmt!“

Wie konnte sie es wagen, in seinem Wagen zu sitzen, über den Tod seines Bruders zu sprechen und jede Schuld von sich zu weisen? Wie konnte sie die Zeugenaussagen von Sandros Familie und seinen Angestellten ebenso ignorieren wie die Tatsache, dass man sie schuldig gesprochen hatte?

„Sie bleiben also bei Ihrer Geschichte. Warum wollen Sie immer weiterlügen?“, fragte Domenico mühsam beherrscht. Nur aus Pflichtgefühl seiner Familie gegenüber gab er sich überhaupt mit der Mörderin seines Bruders ab.

„Es ist keine Geschichte, Signor Volpe. Es ist die Wahrheit.“

Als sie sich in seine Richtung lehnte, fing er ihren zarten Duft nach Kernseife und warmer Haut auf, erotischer als jedes teure Designerparfüm.

„Ich habe Ihren Bruder nicht umgebracht.“

Ohne eine Miene zu verziehen, tischte sie ihm ihre Lügen auf. Das trieb ihn zur Weißglut. Wie durch und durch falsch sie war!

Oder hatte sie Angst, dass er Selbstjustiz üben würde, wenn sie ihre Tat gestand?

Er malte sich aus, wie er die Hände um ihren schlanken Hals legte … Nein, ein brutaler Racheakt war keine Lösung. Diese Frau würde ihn nicht dazu bringen, seinen guten Namen aufs Spiel zu setzen.

„Hören Sie doch auf!“, stieß Domenico wütend hervor. „Sie haben Sandro gegen den Kamin gestoßen, er ist gestürzt und hat sich eine tödliche Kopfverletzung zugezogen.“

Dann besann er sich und atmete tief durch. In seiner Familie hatten die Männer ihre Gefühle unter Kontrolle. Er würde dieser Frau nicht offenbaren, wie sehr er noch immer unter dem tragischen Tod seines Bruders litt.

„Es war Ihre Schuld. Wäre Sandro Ihnen nie begegnet, würde er jetzt noch leben.“

Täuschte er sich, oder sah er ein unsicheres Flackern in ihren Augen? Bereute sie ihre Tat? Vielleicht war es auch Wunschdenken, weil er so lange vergeblich auf ein Zeichen von Reue gehofft hatte.

Kritisch musterte er die junge Frau neben ihm. Ihren geraden Rücken, ihr Kinn, das sie trotzig hob, die im Schoß verkrampften Hände. Sie wirkte jetzt weniger verstört als wachsam und misstrauisch.

Der Unterschied zu dem jungen Mädchen von damals war frappierend. Offenbar hatte Lucy es aufgegeben, die naive Unschuld zu spielen.

Was musste er tun, um ihre harte Schale zu knacken?

„Es wäre besser für Sie, wenn Sie zu Ihrer Schuld stehen würden.“

„Warum? Weil es guttut, sich die Last von der Seele zu reden?“

„Das würde Ihnen jeder Psychiater bestätigen.“

Domenico wusste selbst nicht, warum ihm so viel daran lag, es aus ihrem Mund zu hören. Schließlich war sie offiziell verurteilt worden. Doch ihr hartnäckiges Leugnen konfrontierte ihn mit einer bitteren Wahrheit: Solange Lucy Knight sich nicht zu ihrer Tat bekannte, würde seine Seele keine Ruhe finden.

Sie hatte ihn in der Hand, und das machte ihn zornig.

„Glauben Sie, Ihr Ausflug in die Amateurpsychologie würde mich irgendwie beeindrucken?“ Ein hartes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Da müssen Sie schon tiefer in die Trickkiste greifen, Signor Volpe. Was die Profis nicht geschafft haben, schaffen Sie erst recht nicht.“

„Die Profis?“

„Ja, sicher. Ich musste mich auf meinen Geisteszustand hin untersuchen lassen, wussten Sie das? Wahrscheinlich habe ich noch Glück gehabt, dass ich nicht im Maßregelvollzug für psychisch kranke Straftäter gelandet bin.“

Ihre Blicke trafen sich, und einen winzigen Moment lang flackerte so etwas wie Sympathie zwischen ihnen auf.

Domenico war irritiert. Jede Annäherung an Lucy Knight war ein Verrat an Sandro.

„Sie leben und beklagen sich über Ihr Schicksal, aber meinem Bruder haben Sie alles genommen“, sagte er zornig.

„Und dafür wollen Sie mich bestrafen? Haben Sie mich von der Presse weggelotst, um mich ungestört in die Mangel nehmen zu können?“

Sie lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Fantastische Beine, die selbst unter dem schäbigen blauen Kostümrock großartig zur Geltung kamen.

Sie und ihr scheues Lächeln waren ihm damals als Erstes an ihr aufgefallen. Kein Wunder, dass sie vor Gericht ständig einen Rock getragen hatte!

Es hatte damals nicht funktioniert, und es funktionierte jetzt nicht.

„Sie haben eine blühende Fantasie“, meinte er herablassend. „Ich weiß Besseres mit meiner Zeit anzufangen, als mich mit Ihnen zu unterhalten.“

„Dann haben Sie sicher nichts dagegen, wenn ich die Aussicht genieße.“

Er hielt das für einen Vorwand. Bis ihm einfiel, dass Lucy Knight seit Jahren keine Straße mehr gesehen hatte.

2. KAPITEL

Domenico Volpes Nähe war noch schwerer zu ertragen, als Lucy erwartet hatte.

Vor einer gefühlten Ewigkeit hatte sie einen einzigen wundervollen Tag mit ihm verbracht. Den perfekten Tag. Beim Abschied hatten sie sich versprochen, einander wiederzusehen.

Damals hatte sie sich wie im siebten Himmel gefühlt, so lebendig wie nie zuvor. Dank ihm. Innerhalb weniger Stunden hatte sie sich unsterblich in den charmanten Fremden verliebt.

Wie jung sie damals gewesen war! Nicht nur an Jahren, auch an Erfahrung. Und wie unglaublich naiv.

Das Wiedersehen hatte dann im Gerichtssaal stattgefunden. Lucy erinnerte sich, wie ihr Herz vor Freude höher geschlagen hatte, als sie Domenico Volpe unter den Zuschauern entdeckte. Sie hatte gedacht, er wäre ihretwegen gekommen. Um ihr beizustehen in diesem Drama, das so plötzlich über sie hereingebrochen war. Sie war doch ganz allein!

Tagelang hatte sie auf ein tröstendes Wort von ihm gehofft, auf einen zärtlichen Blick wie am Tag ihrer ersten Begegnung. Er aber hatte sich aufgeführt wie der Racheengel persönlich. Das feindselige Funkeln in seinen Augen war ihr durch Mark und Bein gegangen und hatte all ihre Hoffnungen zerstört.

Schaudernd legte sie jetzt die Arme um sich. Die Paparazzi und Domenico Volpe an einem Tag, das war zu viel für ihre Nerven!

Aber sie würde sich nicht anmerken lassen, wie sehr er sie durcheinanderbrachte. Den Gefallen tat sie ihm nicht.

Was gar nicht so einfach war.

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