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Verführung in Florenz

1. KAPITEL

„Das schaffe ich nie“, hauchte Eve kaum hörbar.

Angst schnürte ihr wie eine eisige Hand die Kehle zu, kalte Schauer liefen ihr über den Rücken. Vielleicht hätte sie die Flucht ergriffen, doch vor Panik konnte sie sich nicht bewegen. Allerdings wäre sie in den beinahe kniehohen Stiefeln mit Stiletto-Absätzen ohnedies nicht weit gekommen.

Auf der anderen Seite des Vorhangs konnte sie Stimmen hören. Im Ballsaal des großartigsten Palazzos von Florenz hatten sich die fünfhundert Reichsten und Schönsten der Welt versammelt, um dem Mann zu huldigen, der bereits seit einem halben Jahrhundert die Creme der Gesellschaft einkleidete. Nur die wichtigsten Kunden von Antonio Di Lazaro waren zu dieser Werkschau anlässlich der Fünfzigjahrfeier eingeladen. Jene Berühmtheiten, die nicht im funkelnden Ballsaal auf den Beginn der Show warteten, hielten sich hinter dem Vorhang auf, um einige unvergessliche Modelle des legendären Lazaro – Labels vorzuführen.

Supermodel Sienna Swift, derzeit liebstes Kind der internationalen Modeszene, blickte kurz von der Zeitschrift auf, in der sie blätterte, und schenkte Eve jenes strahlende Lächeln, für das sie berühmt war. „Aber natürlich schaffst du das“, versicherte sie. „Der erste Schritt ist der schwierigste, danach wirst du dich so sicher bewegen wie ein Fisch im Wasser.“

„Aber ich bin doch kein Model, sondern … Journalistin“, behauptete Eve. Beinahe wäre sie über die Lüge gestolpert. „Ursprünglich hätte meine Freundin Lou den Artikel schreiben sollen, und sie hätte das fantastisch erledigt. Aber ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so etwas gemacht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was man als Model tun muss.“

„Ach, Kleines“, meinte Sienna und blätterte weiter, „du hast die richtigen Beine für den Job und außerdem oben herum mehr als wir anderen. Was musst du da schon groß können? Es geht hier nicht um Atomphysik.“ Nach einem kritischen Blick auf das Foto einer ihrer schärfsten Konkurrentinnen fügte sie hinzu: „Schließlich dreht sich doch alles um Sex, wenn du mich fragst.“

„Um Sex?“, seufzte Eve entmutigt. „Wieso denn Sex? Wo ich herkomme, stellt man Sex nicht vor fünfhundert Gästen und den Fotografen der weltweit wichtigsten Zeitschriften zur Schau.“ Dass sie sowieso ganz und gar unerfahren war und nicht die geringste Ahnung von Sex hatte, das behielt sie lieber für sich.

Seufzend legte Sienna das Magazin aus der Hand. „Na schön, uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Bringen wir es also rasch hinter uns. Du musst dir nur jemanden aussuchen, auf den du dich konzentrierst. Du gehst über den Laufsteg, richtest dabei den Blick auf einen Typen und vergisst alles andere. Pass mal auf!“

Das Model trat einige Schritte zurück, schob das Becken vor und legte die Hände an die Hüften. Dann sah sie sich nach einem geeigneten Kandidaten um und entschied sich für den Sänger der derzeit angesagtesten italienischen Boygroup, der soeben von der Bühne kam.

„Du gehst auf ihn zu und lässt ihn dabei keinen Moment aus den Augen“, sagte Sienna mit sinnlicher Stimme und machte einen Schmollmund. „Keinen einzigen Moment! Es ist Begehren auf den ersten Blick. Du siehst ihn an, als wäre er der erotischste Mann, den es gibt, und als würdest du am liebsten direkt auf ihn zusteuern und dich vor seinen Augen ausziehen. Das ist alles“, versicherte sie, lächelte Eve augenzwinkernd zu und vertiefte sich wieder in ihre Zeitschrift – zur sichtlichen Enttäuschung des Sängers, der errötet war.

Eve zupfte unbehaglich an dem durchsichtigen Plastik-Minikleid und versuchte, es über den Po herunterzuziehen. Es wäre ihr viel leichter gefallen, Siennas Rat zu befolgen, hätte sie ihre Brille aufsetzen dürfen. Ohne Brille konnte sie nämlich nichts erkennen, was weiter als einen halben Meter von ihr entfernt war.

Geholfen hätte es ihr auch, wenn sie nicht ausgerechnet mit einer sündhaft teuren Plastikeinkaufstasche bekleidet gewesen wäre. Offenbar hatte sie bei der Verteilung der Kleider das Unglückslos gezogen, sodass man ihr eine der bizarren Lazaro – Kreationen aus seiner Avantgarde-Phase in den Sechzigern zugewiesen hatte. Strategisch verteilte fluoreszierende Blumen verhinderten zwar, dass das Kleid gegen die Gesetze von Anstand und Sitte verstieß, aber Eve fühlte sich trotzdem schrecklich entblößt.

Rings um sie herum nippten die schönsten Frauen der Welt an kleinen Mineralwasserflaschen und warfen mit Namen um sich, die eine echte Journalistin in Ekstase versetzt hätten. Zwischen diesen Models fühlte Eve sich alleingelassen, orientierungslos und ungefähr so rassig wie ein Lkw auf einer Ausstellung toller Sportwagen.

Sie gehörte einfach nicht hierher.

Verstört schloss sie die Augen und dachte sehnsüchtig an zu Hause und ihren unordentlichen Schreibtisch am Fenster von Professor Swansons Büro. Um diese Jahreszeit wurde der Ausblick auf das Collegegelände fast völlig von der Glyzinie vor dem Fenster verdeckt. Durch das duftende blaue Blütenmeer fiel nur gedämpftes Licht auf die Teebecher, die Arbeiten der Studenten und die handschriftlichen Notizen. All das erzeugte in dem staubigen Zimmer voller Bücherregale eine Atmosphäre, als befände man sich unter Wasser.

Dort war sie in ihrem Element. Sie war verrückt gewesen, auch nur einen Moment lang zu glauben, sie könne in die Welt ihrer Freundin Lou eintauchen – schüchterne, kurzsichtige Akademikerinnen taugten nun einmal nicht als Modejournalistinnen. Schon gar nicht, wenn es darum ging, Artikel über die exklusivsten Veranstaltungen des Jahres zu verfassen, deren Wirkung sogar die der Supermodels in den Schatten stellten. Nein, das schaffte sie niemals.

„Ich ziehe mich jetzt um“, murmelte Eve und versuchte, sich einen Weg durch das Gedränge an den Stufen zum Laufsteg zu bahnen.

Der Plan war gescheitert, bevor die Umsetzung überhaupt richtig begonnen hatte, und es war besser, sie gestand es sich jetzt ein. Lou war ein gewaltiges Risiko eingegangen, sich in letzter Minute krankzumelden und dadurch Eve den Artikel zuzuschanzen. Hätte eine von ihnen auch nur einen Moment lang nachgedacht, wäre ihnen klar geworden, wie irrsinnig die ganze Idee war. Eve musste zwar ihre Freundin Lou im Stich lassen, doch das war bei Weitem nicht das Schlimmste.

Das Schlimmste war, dass sie dadurch auch ihre Zwillingsschwester Ellie im Stich ließ. Raphael Di Lazaro würde ihr durch die Finger schlüpfen.

Ohne von der Seite mit dem Horoskop aufzublicken, packte Sienna sie am Arm und zog sie wieder zurück. „Keine Zeit mehr“, erklärte sie fröhlich. „Wir sind gleich dran. Schau mal, hier steht, dass Skorpione in finanziellen Angelegenheiten vorsichtig sein sollten. Heißt das, dass ich diese Tasche von Prada vielleicht doch nicht kaufen soll? Was meinst du?“

Eve konnte kaum antworten, so sehr klapperten ihre Zähne. „Kauf sie ruhig. Steht da auch, dass Wassermänner sich am Donnerstag lieber nicht nackt in der Öffentlichkeit zeigen, sondern stattdessen daheimbleiben und Schokolade essen sollten?“

Sienna lachte. „Mal sehen. Wassermann. ‚Merkur bestimmt am Donnerstag Ihre Wege und sorgt dafür, dass Ihr Liebesleben mit Pauken und Trompeten wieder zum Leben erweckt wird. Das Schicksal wartet schon an einem Ort, an dem Sie nie damit gerechnet hätten.‘ Ist doch großartig! Du solltest nach der Show unbedingt hierbleiben.“

Eve schüttelte den Kopf. Selbst wenn sie an Astrologie oder Schicksal geglaubt hätte – den Gedanken an Wiedergeburt lehnte sie strikt ab. Da ihr Liebesleben nicht schlief, konnte es auch nicht einfach geweckt werden. Es war tot und begraben, und daran war nichts zu ändern.

Sollte sie tatsächlich nach der Show noch bleiben, hätte das nichts mit Liebe oder Schicksal zu tun, sondern ausschließlich mit Rache.

Sie lächelte Sienna nervös zu. „Bei meinem Glück taucht der Mann meines Lebens ausgerechnet dann auf, wenn ich wie eine Porno-Barbie angezogen bin.“

Durch die riesigen Fenster des Palazzo Salarino sah man bereits den Abend dämmern, aber der große Ballsaal glitzerte im Licht der berühmten jahrhundertealten Kristalllüster. Auf zahllosen Reihen vergoldeter Stühle hatte die Prominenz der Modewelt Platz genommen, und die ganze Pracht wurde von den zahlreichen venezianischen Spiegeln reflektiert.

Eve zitterten die Beine, als sie hinter dem Vorhang hervortrat.

Sekundenlang wurde sie von unzähligen Blitzlichtern geblendet und konnte gar nichts sehen, und es kostete sie ihre gesamte Selbstbeherrschung, nicht die Hände schützend vors Gesicht zu schlagen. Der Laufsteg vor ihr wirkte, als wäre er mindestens einen Kilometer lang, und um sie herum erblickte sie ein Meer von Gesichtern.

Siennas Rat fiel ihr wieder ein. Konzentrier dich auf eine Person!

Verzweifelt sah sie sich in dem weitläufigen Saal um und war ausnahmsweise dankbar dafür, kurzsichtig zu sein. Dadurch erkannte sie wenigstens die berühmten Gesichter nicht und wurde nicht noch mehr eingeschüchtert.

Sie zögerte und spürte, wie ihr das Lächeln auf dem Gesicht gefror. Sollte sie überhaupt lächeln? Sie wusste es nicht mehr. Auf einmal kam ihr das Publikum wie eine gesichtslose Masse vor. Es war unmöglich, aus diesem flüsternden Gewoge eine einzelne Person auszuwählen. Voll Panik zwang Eve sich, immer weiterzugehen, obwohl sie nichts lieber getan hätte, als auf dem schwindelerregend hohen Absatz kehrtzumachen und wegzulaufen.

Da hinten, außerhalb des gleißenden Lichtscheins der Kristalllüster, lehnte ein Mann an einer Marmorsäule. Er hatte den Kopf in den Nacken gelegt, und in dem dunklen Anzug wirkten die Schultern vor dem hellen Marmor beeindruckend breit. Ganz im Gegensatz zu Eve wirkte die reglose Gestalt so unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung – und unglaublich anziehend. Im Gegenlicht und ohne Brille konnte Eve den Mann nur schemenhaft erkennen, doch sie fühlte seinen Blick auf sich gerichtet.

Ich schaffe das, dachte sie. Ja, ich schaffe es.

Die herzerweichend schönen Klänge von „Madame Butterfly“ schwebten durch den Raum und berührten Eve mit ihrer bittersüßen erotischen Sehnsucht zutiefst. Schon immer hatten sie und Ellie diese Oper geliebt. Wenn ihre Mutter spätnachts die Arien auf dem alten Plattenspieler gespielt hatte, hatten sie und Ellie sich heimlich in ihren Nachthemden an die Treppe geschlichen. Die Melodie, vertraut wie ein Schlaflied, flößte Eve auf einmal Stärke und Selbstvertrauen ein.

Alles um sie herum verschwand – die Kameras, das Publikum und die einschmeichelnde Stimme des Moderators im rosa Anzug. Ihre Welt bestand nur noch aus der Musik und den dunklen Augen des Fremden. Er bewegte sich noch immer nicht, doch während Eve auf ihn zuschritt, spürte sie seinen Blick, der ihre Haut zu durchdringen schien. Prickelnde Schauer überliefen sie, und sie spürte, wie die von ihm ausgehende sexuelle Energie ihren Eispanzer aus Unsicherheit und Schüchternheit zum Schmelzen brachte.

Zum ersten Mal seit zwei Jahren fühlte Eve sich wieder richtig lebendig.

Am Ende des Laufstegs blieb sie stehen und hob den Kopf. Ihr Blick traf den des Fremden über die Reihen der Zuschauer hinweg, und es schien Eve, als sprühten dabei Funken. Einen Augenblick erwog sie ernsthaft, vom Laufsteg hinunterzusteigen, direkt zu diesem Mann zu gehen und ihn zu verführen, wie Sienna gesagt hatte. Körperlich sehnte sie sich dermaßen nach ihm, dass es ihr den Atem verschlug. Das Verlangen, ihn zu berühren, in den Duft seiner Haut einzutauchen und seine warmen Lippen zu erforschen, überwältigte sie fast.

Geblendet vom Blitzlichtgewitter der Fotografen, konnte Eve nichts Genaues mehr erkennen, doch die dunkle Silhouette ihres geheimnisvollen Retters war fest in ihr Gedächtnis eingebrannt. Energisch wandte sie sich ab und schritt den Laufsteg zurück. Noch immer spürte sie diesen magnetischen Blick auf sich gerichtet. Ihr wurde bewusst, dass sie unwillkürlich begonnen hatte, sich sinnlich in den Hüften zu wiegen, und obwohl ihr diese Bewegung fremd vorkam, konnte sie nicht damit aufhören. In den wenigen Sekunden, in denen sich ihr Blick und der des Mannes begegnet waren, hatte der Fremde sie wie ein mächtiger Magier in seinen Bann geschlagen. Heißes Verlangen durchströmte ihren Körper. Sie war von ihm besessen.

Verstört verließ sie den Laufsteg und drängte sich zwischen den anderen Mädchen durch, die noch auf ihren Auftritt warteten. Von ihrem beifälligen Lächeln und den Gratulationen bekam sie nichts mit. Endlich in ihrer Ecke der Gemeinschaftsgarderobe angekommen, ließ sie sich auf einen Stuhl sinken und betrachtete sich im Spiegel.

Bestimmt hatte Dornröschen unmittelbar nach dem Kuss des Prinzen genauso ausgesehen: benommen, verwirrt und eindeutig erregt. Die Person, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte, war nicht mehr das schüchterne und unsichere Mädchen, das sich vor fünf Minuten kaum hinter dem Vorhang hervorgewagt hatte. An ihre Stelle war eine lustvolle Verführerin mit geröteten Lippen und einer unausgesprochenen Einladung in den Augen getreten.

Was das Horoskop verkündet hatte, war mit geradezu unheimlicher Treffsicherheit eingetreten. Eve kam es vor, als hätte sie geschlafen, bis die elektrisierende Ausstrahlung des Fremden sie schmerzhaft und lustvoll zugleich geweckt hatte.

Seufzend stützte sie den Kopf in die Hände. Eine kluge und vernünftige Frau wie sie glaubte doch wohl nicht an solchen Unsinn. Oder?

Sie war stets die schüchterne Zwillingsschwester gewesen, die im Schatten der selbstsicheren und extravaganten Ellie stand. Ellie hatte Horoskope verschlungen und an Vorbestimmung geglaubt und daran, dass man seinem Traum nachjagen muss. Während Eve in Oxford diszipliniert an ihrer Abschlussarbeit geschrieben hatte, verzichtete Ellie auf den Abschluss in Kunstgeschichte und schlug ihr Studentendarlehen für ein Ticket nach Florenz auf den Kopf. Einfacher Flug.

Ellie wollte Kunst, Leidenschaft und Schönheit selbst erleben und nicht in einem alten Hörsaal aus zweiter Hand davon hören. Allerdings hatte sie irgendwann in Florenz entschieden, Heroin mit auf die Liste der Dinge zu setzen, die sie erforschen wollte.

Darauf lief es also hinaus, wenn man seinem Traum folgte und Horoskope las: auf einen Todesfall, der so unwichtig war, dass sich noch nicht einmal die Polizei damit beschäftigen wollte.

Wenn die Polizei ihr keine Hilfe anbot, hatte sich Eve geschworen, wollte sie auf eigene Faust etwas unternehmen. In den zwei Jahren seit dem Tod ihrer Schwester schien ihr vorher schon nicht aufregendes Leben noch langweiliger geworden zu sein, bis darin nur noch zwei Dinge Platz hatten: die tägliche Arbeit für Professor Swanson und das brennende Verlangen nach Gerechtigkeit.

Doch aus dem Gesicht, das Eve jetzt im Spiegel erblickte, sprach ein ganz anderes Verlangen. Es war das Gesicht einer Frau, die wusste, was sie wollte – und das hatte nicht das Geringste mit Rache zu tun. In ihren Augen stand unverhülltes Begehren. Und zwar ohne Rücksicht auf die Folgen.

Das neue Selbstvertrauen stand ihr gut. Nun brauchte sie nur noch diesen Mann zu finden und …

„Du warst brillant! Ein Naturtalent!“

Sienna streifte die Schuhe mit den lebensgefährlich hohen Stiletto-Absätzen ab und nahm aus einem der überall herumstehenden Kühlbehälter eine Piccoloflasche Champagner. Draußen im Saal applaudierte und jubelte das Publikum noch immer, während sie bereits einen langen Schluck nahm.

Eve sah sich benommen um. Die Show konnte doch nicht schon zu Ende sein!

„Na also“, fuhr Sienna zufrieden fort, „damit wäre die Arbeit beendet, und die Party beginnt!“

Du liebe Zeit, sie hatte tatsächlich die letzte Dreiviertelstunde mit erotischen Fantasien zugebracht!

„Die Lazaro – Partys sind immer irre wild.“ Völlig ungeniert streifte Sienna das aufregende weiße Hochzeitskleid aus Leder und Tüll ab, das sie im Finale getragen hatte, und schleuderte es achtlos von sich. „Hast du gesehen, wie viele Berühmtheiten da draußen sind? Ich kann es gar nicht erwarten, mit ihnen anzustoßen. Es wird sogar gemunkelt, dass Raphael Di Lazaro wieder da ist. Er soll einfach umwerfend sein! Wenn das stimmt, muss ich einfach dafür sorgen, dass wir uns kennenlernen.“

Raphael Di Lazaro. Der Name traf Eve wie ein Schlag und holte sie unsanft in die Realität zurück. Raphael Di Lazaro war der Mann, an den sie sich heute Abend heranmachen sollte. Dafür war sie hier, nicht für wirre Träume von breiten Schultern vor einer weißen Marmorsäule.

„Wenn du ihn findest, kannst du mich ihm auch vorstellen“, sagte sie. „Den geheimnisumwitterten Raphael Di Lazaro würde ich auch gern kennenlernen. Bisher habe ich nicht einmal ein Foto von ihm auftreiben können. Wieso lebt er so zurückgezogen?“

Sienna zuckte mit den Schultern. Sie trug jetzt ein rückenfreies, sicherlich sündhaft teures Nichts von einem Kleid in leuchtendem Pink und schlüpfte soeben in rosa Satinschuhe, denen sogar Eve die Herkunft aus einem berühmten Salon ansah.

„Er war schon weg, bevor ich als Model für Lazaro anfing“, berichtete Sienna, „aber die Leute hier reden noch immer über ihn. Es heißt, dass seine Freundin mit seinem Bruder durchgebrannt ist. Du wirst Luca kennenlernen. Die Brüder sind jedenfalls nicht miteinander ausgekommen. Ich habe gehört, dass Raphael nach Südamerika gegangen ist, aber ich weiß nicht, ob das stimmt. Schließlich ist er Modefotograf, und Südamerika bringt man ja wohl kaum mit Mode in Verbindung, oder?“

Eve lachte bitter auf. „Nein.“ Mit Drogen ja, mit Mode nicht.

„Jedenfalls hat er sich zwei Jahre lang nicht blicken lassen“, fuhr Sienna fort, trug rosa Lippenstift auf und presste kurz die Lippen aufeinander. „Aber schon vor seiner Abreise haben die Paparazzi einen weiten Bogen um ihn gemacht. Offenbar hasst er sie, aber das ist in dem Geschäft nicht unüblich. Merkwürdig daran ist nur, dass die Paparazzi es respektierten. Er muss ein beeindruckender Typ sein. Hey, Eve, alles in Ordnung mit dir?“

„Oh … ja, ja natürlich.“

„Na, dann komm! Wir verpassen die Party. Was ziehst du an?“

„Ach, nicht viel. Das meine ich nicht wörtlich, sondern ich habe nur das hier.“Verlegen stand Eve auf und wühlte in ihrer abgeschabten alten Reisetasche herum – Ellie hatte über das altmodische Gepäckstück immer gelacht.

Sienna fing das Seidenkleid auf, das Eve hervorzog und ihr zuwarf. „Das ist toll! Woher hast du es?“

Eve lächelte ihr strahlend zu und sagte übertrieben vornehm und blasiert: „Das ist aus einem schrecklich exklusiven kleinen Modehaus namens Secondhandshop. Weißt du, meine Liebe, ich trage nichts anderes.“

In der warmen Luft hing der Duft von Lavendel, als Raphael Di Lazaro mit einem Seufzer der Erleichterung auf die romantisch erleuchtete Terrasse trat. Unter all den Berühmtheiten, die sich in dem prunkvollen Ballsaal des Palazzos drängten, war es ihm schwergefallen, frei zu atmen. Alles war auf Hochglanz poliert und zurechtgemacht: von den perfekt geschminkten, ausdruckslosen Gesichtern der Models bis zu dem prachtvollen Blumenschmuck. Dagegen wirkten der Staub und das Chaos, wie er es in Kolumbien kennengelernt hatte, geradezu erfrischend.

Er ließ sich von einem Kellner ein Glas Champagner reichen und sah verstohlen auf die Uhr. Normalerweise mied er Veranstaltungen wie diese hier tunlichst, aber er war schließlich beruflich und nicht zum Vergnügen hier. Veranstaltungen wie diese hier waren nämlich genau die Gelegenheiten, die sein mieser Bruder nutzte, um aktiv zu werden.

Halbbruder! Seit Raphael entdeckt hatte, welche Abgründe an Verdorbenheit und Korruption Luca hinter der charmanten Fassade verbarg, war er mehr denn je entschlossen, daran zu denken, dass sie nur einen Elternteil gemeinsam hatten. Und Antonio Di Lazaro hatte bei Raphaels Erziehung eine so geringe Rolle gespielt, dass man ihn kaum als Vater bezeichnen konnte.

In Antonios Augen war Luca der Goldjunge – genau wie in den Augen aller anderen.

Raphael hob das Glas an die Lippen, als könnte der Champagner den bitteren Geschmack wegspülen, den die Erinnerungen in ihm auslösten. Er leerte das Glas in einem Zug, nur um festzustellen, dass sich die Gedanken nicht so leicht vertreiben ließen. Doch zum ersten Mal empfand er noch etwas anderes als Bitterkeit: Mitgefühl. Bestimmt wurde es für Antonio nicht leicht, wenn sein Lieblingssohn wegen internationalen Drogenhandels und Geldwäsche angeklagt wurde. Vor allem, da das Geld höchstwahrscheinlich von den Lazaro – Konten stammte.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Noch war Luca nicht verhaftet worden, und daher war es seine, Raphaels, Aufgabe sicherzustellen, dass an diesem kritischen Punkt der Ermittlungen nichts den Erfolg gefährdete.

Er sah sich nach seinem Vater um und unterdrückte ein Gähnen. Selbst als er noch für Lazaro gearbeitet hatte, war ihm das hohle Gerede der Celebritys gegen den Strich gegangen, und in Kolumbien hatte seine Abneigung nur noch zugenommen. Die Veranstaltung heute hatte ihn dermaßen ermüdet und gelangweilt, dass er während der endlosen Prozession vollkommen austauschbarer lebender Kleiderständer beinahe eingeschlafen wäre.

Vielleicht war er tatsächlich für einen Moment weggedämmert und hatte diese erstaunliche erotische Begegnung nur geträumt …

Schon bei dem Gedanken an die junge Frau in dem durchsichtigen Kleid fühlte er sich erregt. Andererseits: Die Erinnerung war so lebhaft, dass es kein Traum sein konnte. Noch immer sah er die Angst in den großen Augen, als die schlanke Gestalt ins Scheinwerferlicht trat, empfand erneut den Wunsch, ihr zu helfen, als sie stockte – und spürte so stark wie beim ersten Mal den Adrenalinstoß, als sie ihm direkt in die Augen blickte.

Adrenalin? Wem wollte er etwas vormachen? Was sein Blut zum Kochen gebracht hatte, war reinstes Begehren gewesen.

Raphael litt nicht nur an Schlafmangel. In den Kreisen, in denen er sich in Kolumbien aufhalten musste, hatte er nicht viele attraktive und intelligente Frauen getroffen. Und zwei Jahre ein klösterlich keusches Leben zu führen war eine verdammt lange Zeit, wenn man es nicht aus religiöser Überzeugung tat. Trotzdem war er noch nicht so verzweifelt, dass er sich ausgerechnet an ein hohlköpfiges Model heranmachen würde. Aus bitterer Erfahrung wusste er, dass Models wie kleine Kinder rund um die Uhr Aufmerksamkeit und Zuwendung verlangten. Und ließ man sie einmal unbeaufsichtigt, gerieten sie garantiert in Schwierigkeiten. Er war nicht so dumm, eine solche Verantwortung ein zweites Mal auf sich zu nehmen.

Plötzlich entdeckte er seinen Vater, und unwillkürlich zog er die Brauen zusammen. Umringt von einer Gruppe seiner Anhänger, kam Antonio auf die Terrasse heraus und ging langsam in Raphaels Richtung. Wie stets war er makellos gekleidet und trug einen silbergrauen Anzug mit einer weißen Rose im Knopfloch – sein Markenzeichen. Es erschreckte Raphael jedoch, wie sehr sein Vater während seiner Abwesenheit gealtert war. Beim Näherkommen fielen ihm die ungesund blassen Lippen und die tiefen Furchen der Erschöpfung auf, die sich in das hoheitsvolle Gesicht gegraben hatten.

„Vater.“

Antonio war dermaßen überrumpelt, dass er seinen Schrecken nicht verbergen konnte, doch er fasste sich schnell und lächelte kühl. „Raphael, was für eine Überraschung. Was machst du hier?“

„Eigentlich bin ich unterwegs zur Verleihung der Press Photography Awards am Samstag in Venedig, aber ich habe auch in Florenz etwas zu erledigen. Übrigens bei Lazaro.“

Antonio hob leicht die Augenbrauen. „Si? Nach so langer Zeit? Du hast Lazaro vor zwei Jahren verlassen, Raphael. Ich kann mir nicht vorstellen, was du jetzt hier zu erledigen hättest.“

„Ich muss die Firmenbücher kontrollieren.“

„Du bist wohl knapp bei Kasse, habe ich recht?“, fragte Antonio. „Daran hättest du denken sollen, bevor du deine Stellung hier aufgegeben hast, um in irgendeiner gottverlassenen Gegend Bauern zu fotografieren. Mit Preisen und Auszeichnungen kann man keine Rechnungen bezahlen.“

„Soviel ich weiß“, erwiderte Raphael äußerst beherrscht, „bin ich immer noch einer der Direktoren der Firma. Daher ist es mein gutes Recht, die Bücher einzusehen. Morgen, wenn dir das passt. Und wenn ich fertig bin, muss ich dich sprechen.“

„Morgen ist unmöglich“, wehrte sein Vater ab. „Am Vormittag gebe ich der italienischen Vogue ein Interview, und am Nachmittag wird das neue Parfum vorgestellt.“ Plötzlich wirkte Antonio erschöpft und machte Anstalten, sich aus dem unangenehmen Gespräch zurückzuziehen. „Außerdem weißt du, wie sehr ich es hasse, mich um Geld zu kümmern. Luca ist für die Finanzen zuständig. Also überlasse ich alles ihm. Er ist hier irgendwo. Sprich doch mit ihm.“

„Das möchte ich lieber nicht.“

„Unsinn, Luca ist dein Bruder. Dieser ganze Unfug mit Catalina gehört längst der Vergangenheit an. Du kannst ihn doch nicht noch ewig für etwas hassen, das … wie lange her ist? Zwei Jahre?“

Raphael lächelte verächtlich. „Glaub mir, Vater, seit damals bin ich auf eine ganze Reihe von Dingen gestoßen, für die ich ihn hasse.“

Antonio ging nicht darauf ein, sondern deutete zum Haus. „Da ist er ja. Wende dich an ihn.“

Luca Di Lazaro lehnte lässig in der Terrassentür und versperrte mit seiner kräftigen Gestalt einer jungen Frau den Weg. Raphael beobachtete voll Verachtung, wie er sich zu ihr beugte, um ihr etwas ins Ohr zu flüstern. Bestimmt eine bedeutungslose Schmeichelei, damit sie auf seinen Charme hereinfiel und sich in falscher Sicherheit wiegte. Diesen Trick hatte Luca im Lauf der Jahre bei zahllosen naiven jungen Models angewendet, und er war ihm zur Routine geworden. Wie geschickt er dabei vorging, das wusste Raphael aus eigener schmerzlicher Erfahrung. Seine Freundin war eines dieser Models gewesen.

In diesem Moment drehte Luca sich zur Seite und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Türrahmen. Dadurch gab er den Blick frei auf das jüngste Opfer seiner Verführungskünste.

Sie hatte das durchsichtige Kleid gegen ein Modell aus Seide eingetauscht. Es verhüllte zwar mehr von ihrem aufregenden Körper, betonte ihn aber gerade dadurch umso deutlicher. Weich umfloss das Licht aus dem Saal ihre Rundungen.

Ohne zu zögern und seinem Vater auch nur einen einzigen weiteren Blick zu schenken, drängte Raphael sich zwischen den Leuten durch und steuerte auf die Tür zu. In diesem Moment waren ihm die Firmenbücher völlig unwichtig. Am liebsten hätte er alle Umstehenden aus dem Weg gedrängt, um diese Frau den Klauen seines Bruders zu entreißen und sie fortzubringen an einen Ort, der von diesem hier so weit wie möglich entfernt war.

Luca stieß sich vom Türrahmen ab, als er sah, wer sich näherte.

„Schau mal an, der verlorene Sohn kehrt zurück“, bemerkte er spöttisch. „Ich würde dich ja vorstellen, aber wir beide haben uns gerade erst kennengelernt, und ich habe den Namen dieser Schönheit noch nicht herausgefunden.“

Raphael handelte instinktiv, schenkte Luca ein Lächeln, das geeignet war, das Mittelmeer zufrieren zu lassen, und wandte sich an die Fremde. Hoffentlich verriet sie ihn nicht.

Cara, möchtest du noch Bekanntschaften machen, oder willst du wirklich schon gehen?“

Es war für ihn ein kleiner Triumph, wie überrascht und sogar besorgt Luca reagierte. Doch sofort richtete Raphael seine Aufmerksamkeit wieder voll auf die Frau mit den merkwürdig türkisgrünen Augen. Sie erinnerten ihn an antikes Glas und funkelten im Schein der Kristalllüster katzenartig. Vollkommen unvermittelt überfiel ihn wieder das Verlangen.

Sie zögerte nur einen Moment, ehe sie leise und ein wenig atemlos antwortete: „Ich will nur noch dich … Schatz.“

Na schön. Dieses eine Mal war Eve Middlemiss, stets vernünftige Universitätsassistentin und bekanntermaßen ein kluger Kopf, bereit, einen Irrtum einzugestehen. Es gibt also doch so etwas wie Schicksal, und das steht offenbar direkt neben mir.

Während sie zu zweit die große Vorhalle des Palazzos durchquerten, ruhte die Hand des Mannes leicht auf ihrem Rücken. Etliche Gäste, die dem Partyrummel entkommen wollten, standen hier in kleinen Gruppen herum. Im Hintergrund warteten uniformierte Angestellte diskret darauf, ihnen jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Eve fing im Vorbeigehen neugierige Blicke auf, kümmerte sich jedoch nicht darum.

Auf einmal jedoch kehrte die Erinnerung an Ellie zurück.

„Ich muss … ich sollte nicht …“

Sie hörte selbst, wie wenig überzeugend sie klang. Es war ihr nicht gelungen, einen energischen und sachlichen Ton anzuschlagen. Mit ihrer Stimme war etwas Seltsames geschehen: Sie hörte sich auf einmal an, als wollte sie sich als Mitarbeiterin für ein Sextelefon bewerben. Vergiss Ellie nur für einen Abend, schoss es ihr durch den Kopf. Tu ausnahmsweise einmal etwas für dich.

Dem Fremden war nicht anzusehen, was er dachte. „Sie brauchen nicht zurückzugehen.“

Seine Hand drückte fester gegen ihren Rücken und löste einen wohligen Schauer in ihr aus. Eve versuchte zu lachen, doch es klang eher, als würde sie nach Atem ringen. „Ich verstehe nicht … so etwas mache ich sonst nie …“

Auf seinen perfekt geschwungenen Lippen zeigte sich ein verhaltenes Lächeln. „Glauben Sie mir, das merkt man überdeutlich. Genau das war doch der Grund, warum ich Sie aus den Klauen dieses … dieses Schuftes gerettet habe.“

„Er wirkt sehr charmant“, wandte sie ein.

„Das täuscht.“

Er zog sie in einen stillen Korridor, der von Lampen auf kleinen Wandtischen gedämpft erleuchtet wurde. Schon nach wenigen Schritten blieb er stehen und wandte sich Eve zu. Nur ein Blick in sein Gesicht, und sie bekam weiche Knie.

„Darf ich nicht selbst entscheiden, wie ich jemanden finde?“, fragte sie leise.

Das schwarze Haar fiel ihm in die Stirn, und in dem schwachen Licht wirkte sein Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen wie aus Marmor gemeißelt. Trotz seines perfekten Aussehens strahlte er Erschöpfung und Verzweiflung aus. Am liebsten hätte Eve ihn gestreichelt und versucht, die Anspannung aus seinem Gesicht und den gepeinigten Ausdruck aus seinen Augen zu vertreiben.

„Ich konnte nicht das Risiko eingehen, dass Sie sich falsch entscheiden“, erwiderte er.

„Wieso nehmen Sie an, dass ich das tun würde?“

Er lachte bitter. „Ist schon vorgekommen.“

Behutsam schob er einen Finger unter den schmalen Träger ihres Kleides, der über ihre Schultern gerutscht war, und zog ihn wieder hoch. Eve konnte vor Sehnsucht ein leises Stöhnen kaum unterdrücken, als sein Finger über ihre Haut glitt.

Rasch zog er die Hand zurück und wandte sich halb ab. Auch jetzt war in seinem aristokratisch geschnittenen Gesicht keine Regung zu erkennen.

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