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Verführung im Palazzo des Prinzen

1. KAPITEL

Was für eine schamlose Exhibitionistin!

Voller Verachtung musterte Prinz Matteo – zweiter in der Thronfolge des Königshauses von Santina – die aufreizende Blondine mit der wilden Löwenmähne. Abgesehen davon, dass ihr Outfit absolut unpassend für einen Verlobungsball war, flirtete sie auch noch hemmungslos mit dem Sänger der Band, die die Palastoffiziellen nach sorgfältiger Prüfung für den besonderen Anlass ausgewählt hatten.

Offensichtlich besaß sie weder Manieren noch hatte sie den verbindlichen Dresscode auf der Einladung gelesen. In ihrem mit funkelnden Pailletten übersäten scharlachroten Kleid wirkte sie unter den weiblichen Gästen wie eine wilde Mohnblume in einem Bukett edler weißer Rosen. Mörderische High Heels verrieten das Partygirl. Ihr hautenges Kleid schrie förmlich: Hier spielt die Musik! Der knallrote Mund forderte: Küss mich!

Als sie die blonden Locken mit herausforderndem Schwung nach hinten über die bloßen Schultern warf, konnte Matteo die seidige Fülle förmlich zwischen seinen Fingern spüren … und den schlanken Hals unter seinen Lippen. Alles an ihr erinnerte ihn an Sommer und Erdbeeren: das schimmernde Haar mit dem Hauch von Pink, die prallen Brüste, deren aufreizende Rundung durch die glänzenden Pailletten noch betont wurden, und die vollen Lippen, die an reife, süße Früchte erinnerten. Aber nicht die kultivierte Variante, wie man sie in den königlichen Gewächshäusern für eine Sommerbowle erntete, sondern die kleinen wilden Erdbeeren, die außerhalb des Palastgartens an der Ostküste der Insel wuchsen.

Wild, ein kleines Wort, das sie perfekt beschrieb.

Während er sie finster anstarrte, verzog die Blondine ihre vollen Lippen zu einem sexy Lächeln. Eine unerwartete Explosion hemmungslosen Verlangens durchflutete ihn wie eine heiße Woge und verschlug ihm förmlich den Atem. Die Intensität seiner Reaktion schockierte Matteo, da er sich bisher für immun gegen jede Form weiblicher Tricks gehalten hatte.

Frustriert wandte er sich seinem älteren Bruder zu. „Der absolute Mangel an Geschmack und gesellschaftlichen Umgangsformen lässt mich vermuten, dass ihr Familienname Jackson ist und sie damit zu deiner fragwürdigen zukünftigen Verwandtschaft gehört“, murmelte er sarkastisch.

Alex folgte seinem Blick, grinste und hob sein Champagnerglas wie zum Toast. „Eine meiner Schwägerinnen. Allegras Halbschwester, um genau zu sein.“

„Komisch, ich dachte, deine Heirat sei dazu gedacht, die Reputation der Monarchie zu verbessern, und nicht, sie zu zerstören.“ Auch ohne die Bestätigung seines Bruders hätte Matteo gewusst, dass die heiße Blondine ein Mitglied des berüchtigten Jackson-Klans war. „Warum diese Verlobung? Und warum ausgerechnet sie?“, fragte er direkt und warf dem Bräutigam einen scharfen Seitenblick zu. Täuschte er sich, oder trank Alex mehr als gewöhnlich?

„Weil ich sie liebe.“ Die Augen des Bräutigams ruhten auf seiner Verlobten, Allegra Jackson. Auch sie trug ein rotes Kleid, nur war es weniger spektakulär als das ihrer Halbschwester. „Und sie liebt mich.“

„Würde sie dich auch lieben, wenn du kein Prinz wärst?“

Alex schnitt eine Grimasse. „Autsch! Das hat gesessen, Bruderherz.“

„Ich meine es ernst.“ Matteo dachte nicht daran, sich zu entschuldigen. Schon in sehr jungen Jahren hatte er auf äußerst brutale Weise lernen müssen, der menschlichen Natur grundsätzlich zu misstrauen. Und diese harte Lektion hatte ihn geformt.

Seufzend sah Alex ihn an. „Das hier ist etwas anderes.“

„Sicher?“ Eine ungewollte Erinnerung stieg in Matteo auf, wie die dünne Rauchfahne aus einem Feuer, das man eigentlich verloschen geglaubt hatte. Instinktiv betrachtete er seine linke Hand, den leicht entstellten Zeigefinger und die verblasste Linie, die sich vom Handgelenk bis zum Fingerknöchel zog. Ähnliche Narben zierten seinen Rippenbogen und den unteren Teil des Rückens.

Matteos Brust wurde plötzlich ganz eng, und für einen Moment fühlte er sich zurückversetzt in die Vergangenheit … auf dem Boden liegend, mit dem Gesicht im Dreck, während Blut über seinen Körper lief. Sein Blut! Exakt in dem Moment war ihm klar geworden, dass er nie wieder in der Lage sein würde, Beziehungen zu führen wie andere, ganz normale Menschen.

Liebe! Ob sie überhaupt existierte? Er wusste es nicht. Und wenn, dann gab es sie zumindest nicht für ihn. Und was seinen Bruder betraf, hegte er ebenfalls größte Zweifel. „Ich halte es für ausgesprochen schwierig, eine Frau zu treffen, die in der Lage ist, den Titel vom Mann zu trennen.“

„Und dabei hast du doch schon so viele getroffen“, zog Alex ihn gutmütig auf. „Ausgerechnet du mit deinem Ruf mokierst dich über die Jacksons. Wie war das noch? Rasante Frauen, rasante Wagen und rasante Jets.“

„Schon lange nicht mehr.“

„Unsinn, bei unserer letzten Begegnung hast du hinter dem Steuer eines Sportwagens gesessen, und neben dir eine entzückende Brünette.“

Matteo grinste. „Ich meine das mit den Jets.“ Erst in diesem Moment merkte er, wie sehr er das Fliegen vermisste. „Außerdem reden wir von deiner Verlobung …“

„Nein, das tun wir eben nicht“, unterbrach Alex ihn trocken. „Du bombardierst mich nur mit nebulösen Warnungen. Hast du überhaupt jemals einer Frau vertraut?“

Nur der einen. Und das war mein größter Fehler.

„Sehe ich wie ein Idiot aus?“ Matteo machte sich nichts vor. Wer seine Gesellschaft suchte oder mit ihm flirtete, war in erster Linie an seinem Titel und seinen Verbindungen interessiert und nicht an ihm als Mensch und Mann. Das Resultat: Er vertraute niemandem, egal ob Mann oder Frau.

Und ganz bestimmt nicht dem skandalösen Jackson-Spross dort auf der extra für die Party errichteten Bühne. Sie sah aus, als hätte sie gerade eine wilde Liebesnacht in einem fremden Bett verbracht und sich nicht einmal die Zeit zum Kämmen genommen, bevor sie auf den Ball gekommen war. Ihr vordergründiger Sexappeal schien die Atmosphäre vornehmer Zurückhaltung mit flirrender Elektrizität aufzuladen. Matteo fragte sich, ob außer ihm niemand eine Vorahnung drohenden Unheils empfand.

Überhaupt, diese Verlobung!

Sein Vater König Eduardo wünschte, dass Alex für immer in Santina blieb und seine Pflichten als Kronprinz wahrnahm. Aber wollte sein Vater das wirklich so sehr, dass er bereit war, die Verbindung mit einer Familie wie den Jacksons zu akzeptieren? Auf den ersten Blick schien die Öffentlichkeit durchaus Geschmack daran zu finden, den Prinzen mit einer Bürgerlichen verheiratet zu sehen. Immerhin lebte man im einundzwanzigsten Jahrhundert. Aber was wäre, wenn der erste Skandal publik würde, der bei den Jacksons so gut wie garantiert war?

Seine Erfahrung sagte ihm, dass die blonde Sirene dort oben eine gnadenlose Opportunistin war – also eine tickende Zeitbombe. „Sie ist peinlich, laut und heischt geradezu schamlos nach Aufmerksamkeit“, knurrte er missbilligend.

„Aber unglaublich sexy“, wandte Alex schmunzelnd ein.

Ein absolut unpassender Kommentar für einen frisch Verlobten fand Matteo und hätte seinem Bruder das auch vorgehalten, wenn nicht in diesem Moment weitere Mitglieder der Jackson-Sippe seine Aufmerksamkeit erregt hätten, weil sie lautstark ein unschätzbar wertvolles Meisterporträt bewunderten.

„Sie versuchen tatsächlich, den Preis eines Holbeins zu schätzen!“, knirschte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Als einer von ihnen laut kritisierte, die Farben des Ölgemäldes seien ein wenig stumpf, schloss Matteo gepeinigt die Augen und fragte sich, ob niemand den Wahnsinn stoppen konnte, bevor die Katastrophe perfekt war. „Sie können Michelangelo nicht von Michael Jackson unterscheiden!“, stöhnte er gequält und starrte im nächsten Moment kopfschüttelnd zu Chantelle Jackson hinüber, die eine kostbare Chinavase zwischen den Händen drehte. „Und sie wird deine Schwiegermutter? Wetten, sie steckt die Vase ein und verkauft sie noch dieses Wochenende übers Internet?“ Plötzlich wünschte er sich, er hätte eine engere Bindung zu seinem Bruder. „Jeder hat erwartet, dass du Anna heiratest. Was ist schiefgelaufen?“

„Ich habe mich verliebt.“

Ein klares Bekenntnis, das sich für Matteo allerdings nicht echt anhörte, sodass er sich fragte, ob die überstürzte Verlobungsparty nicht eher eine Art Rebellion von Alex war. „Vielleicht solltest du dir etwas mehr Zeit nehmen.“

„Ich weiß sehr wohl, was ich tue“, kam es knapp zurück. Nach einer Pause ergänzte Alex: „Und Chantelle ist nicht meine zukünftige Schwiegermutter, sondern Allegras Stiefmutter.“

Was für ein seltsamer Kommentar, dachte Matteo und hätte sicher weitergebohrt, wenn er nicht zur Bühne geblickt hätte, wo das Erdbeer-Mädchen gerade nach dem Mikrofon griff. Dass ihr wissender Blick dabei auf ihn gerichtet war, obwohl sie das Lied ihrer Schwester widmete, ließ seinen Puls in beängstigende Höhen schnellen. Der Song handelte davon, wie eine Frau den Mann ihrer Wahl eroberte, was natürlich perfekt zum Thema des Abends passte!

Um Matteos Mund spielte ein zynisches Lächeln. Auf der gesellschaftlichen Leiter konnte man seinen Bruder getrost als den Mount Everest bezeichnen. Kein Wunder, dass die Jacksons so aufgekratzt waren.

Als sich die Sängerin vorbeugte und mit halb geschlossenen Augen à la Monroe ihren Song ins Mikrofon hauchte, sah Matteo aus den Augenwinkeln Bobby Jackson auf die Bühne zusteuern. Der Ex-Fußballstar, dessen buntes Familien- und Liebesleben seit Jahren in schöner Regelmäßigkeit von der Klatschpresse kommentiert wurde, schien nicht mehr ganz sicher auf den Beinen zu sein. Offenbar wollte er seine Tochter von ihrem künstlerischen Vortrag abhalten, was in Matteo gemischte Gefühle auslöste.

Es war definitiv höchste Zeit, dass jemand einschritt. Doch die Tatsache, dass es ausgerechnet dieser skandalträchtige Paradiesvogel war, passte ihm gar nicht. Ganz sicher erregte das nur noch mehr Aufsehen.

„Na, komm, Liebes …“, Bobby griff ungeschickt nach dem Handgelenk seiner Tochter, doch die schüttelte ihn ab wie ein lästiges Insekt, wodurch er fast die Balance verlor. „Sei ein braves Mädchen und gib mir das Mikro.“ Sein Gesicht hatte die Farbe des Sonnenuntergangs an Santinas Stränden. Die tiefe Röte hätte man als Zeichen größter Verlegenheit werten können, für Matteo jedoch sah es eher nach zu viel Champagner aus. Um Scham zu empfinden, war Bobby Jackson schlichtweg zu dickfellig. Als Selfmademan, der sich von ganz unten an die Spitze gekämpft hatte, erwartete er von seiner Familie genau dasselbe. Obwohl dieser Ehrgeiz offensichtlich nicht so weit reichte, seine Tochter zum Singen zu ermutigen.

Reflexartig sah Matteo zu seinem eigenen Vater hinüber, dessen Gesichtszüge so versteinert wirkten wie die einer Statue von Michelangelo.

„Izzy!“ Bobby startete einen erneuten Versuch, um seine Tochter von der Bühne zu ziehen. „Nicht jetzt! Denk dran … gutes Benehmen und all das …“

Izzy! Natürlich, wie hätte sie auch sonst heißen sollen?

Und plötzlich fiel ihm ein, wo er sie schon einmal gesehen hatte: Nach ihrem Auftritt in einer TV- Casting-Show avancierte Izzy Jackson als sexy Popsternchen zum Liebling der Regenbogenpresse – allerdings mit der Haltbarkeit einer Eintagsfliege. Hatte sie nicht auch Schlagzeilen gemacht, weil sie in einem Bikini auf der Bühne erschienen war? Eigentlich für alles, außer ihrem Gesang.

Nicht einmal die eigene Familie will sie in der Öffentlichkeit singen hören, dachte Matteo ein wenig hämisch und beobachtete Bobby Jacksons vergebliche Bemühungen. Es war, als versuchte er, einen Muli wegzuziehen. Die Füße fest in den Boden gestemmt, mit vorgeschobenem Kinn und flammenden Augen kämpfte die Künstlerin verbissen um ihren Auftritt. Keine Frage, dass sie diese Party für die perfekte Gelegenheit hielt um zu glänzen und sich darum nicht so leicht an ihrem Vorhaben hindern ließ. Matteos innere Alarmglocken schrillten in höchsten Tönen.

„Vielleicht sollten wir aus dem Ganzen hier auch eine Reality-Show machen“, raunte er seinem Bruder zu. „Celebrity Love Palace … ich bin ein Prinz, holt mich hier raus!“

„Tu du mir lieber einen Gefallen und bring sie so schnell wie möglich hier raus“, zischte Alex unterdrückt. „Der Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit muss unbedingt auf meiner Verlobung liegen.“ Er sagte das so bestimmt und nachdrücklich, dass Matteos Alarmglocken nur noch lauter schrillten. Irgendetwas ging hier vor sich, was er nicht ganz nachvollziehen konnte.

„Sagst du mir auch, warum?“

„Tu es einfach Matt, bitte!“

Ohne weiteren Kommentar stellte Matteo seine Champagnerflöte auf dem Tablett eines vorbeikommenden Kellners ab. „Du schuldest mir etwas, Bruder. Und glaub mir, ich werde es einfordern.“ Damit marschierte er energisch in Richtung Bühne, um das Desaster auf zwei Beinen vom Mikrofon zu trennen.

„Er ist der Einzige für Diiieeech …“, sang Izzy in höchstem Diskant, offensichtlich zufrieden mit sich selbst, den exorbitant hohen Ton sogar getroffen zu haben, obwohl ihr Vater an ihr herumzerrte wie ein Verrückter.

Hatte er ihr nicht andauernd gepredigt, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen und stets das Optimum aus einer Situation herauszuholen? Nun, wenn das hier keine Spitzengelegenheit war! Sie hatte alles sorgfältig geplant – mit dem Ziel, ein Lied zum Besten zu geben, das sie extra für den Prinzen geschrieben hatte. Und damit war nicht der smarte, charmante Thronerbe gemeint, der ihre Schwester heiraten wollte, sondern dessen Bruder.

Matteo Santina, der dunkle, geheimnisvolle Prinz. Seine Fans nannten ihn auch Moody Matteo, weil er immer so ernst wirkte.

Tödlich ernst und tödlich sexy! dachte Izzy verträumt. Er war groß, umwerfend attraktiv und sehr, sehr reich. Doch all diese Attribute zählten für sie nicht, ebenso wenig wie seine königliche Herkunft, der athletische Körper oder sein nahezu legendärer Ruf als waghalsiger Pilot.

Obwohl die romantische Ader in ihr Allegra vielleicht ein wenig um die royale Wirbelwindromanze beneidete, war Izzy Jackson nicht im Mindesten an einer Prinzenhochzeit interessiert. Es gab nur eines, was sie von Matteo wollte, und das hatte mit seiner Rolle als Präsident des Prince’s Trust zu tun. Als solcher war er für das fantastische Rock ‚n‘ Royal Concert verantwortlich, eine weltweit im Fernsehen ausgestrahlte Wohltätigkeitveranstaltung, die bereits in wenigen Wochen stattfinden sollte.

Anlässlich dieses Konzerts singen zu dürfen, würde ihre wildesten und kühnsten Träume erfüllen! Es wäre der Kickstart in eine eigene Karriere. Und darum musste sie heute ihre Chance nutzen und dafür sorgen, dass er sie hörte.

Unwillig schüttelte sie die Hand ihres Vaters ab und erhöhte die Lautstärke, weil der Prinz in ein Gespräch mit seinem älteren Bruder, dem Thronerben, vertieft zu sein schien. Izzy versuchte, einen Anflug von Enttäuschung zu unterdrücken. Dabei war sie so sicher gewesen, heute den Durchbruch zu schaffen. Vorsorglich hatte sie sich etwas Mut angetrunken.

In ihrer Fantasie hatte sie wohlfrisierte Köpfe zu sich herumfliegen und die Kinnladen sämtlicher Gäste herunterklappen sehen, sobald sie ihre Stimme hörten. Sie hatte gehofft, die viele harte Arbeit und ihr zähes Durchhalten würden sich endlich bezahlt machen und ihr Leben in einem magischen Augenblick für immer zum Besseren wenden.

Tatsächlich wandten sich Köpfe zu ihr um und Kinnladen fielen herunter. Doch so viel Champagner hatte Izzy nicht getrunken, um zu übersehen, dass sie kaum wegen ihrer hinreißenden Stimme im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit stand. Nein, sie wurde angestarrt, weil sie sich lächerlich machte. Wieder einmal!

Also hatte sich gar nichts verändert. Jedes Mal, wenn sie zu Boden ging und sich aufrappelte, kam der nächste Schlag. Und jedes Mal traf es sie ein bisschen härter und ließ sie angeschlagener und mutloser zurück. Innerhalb von Sekunden verwandelte sich ihre champagnergeschwängerte Zuversicht in heulendes Elend. Der allgemeinen Missbilligung auf den aristokratischen Gesichtern um sich herum gnadenlos ausgesetzt, entschied Izzy, dass Allegra tatsächlich ernsthaft verliebt sein musste, wenn sie sich all dem aussetzte. Einen Prinzen zu heiraten, erschien ihr ungefähr so aufregend, wie als Kunstobjekt in der Glasvitrine eines Museums zu landen, um von aller Welt neugierig angestarrt zu werden.

Außerdem war ihr schwindelig, und sie hatte einen Bärenhunger. Und wenn sie hungrig war, konnte sie nicht klar denken. Warum, um alles in der Welt, gab es hier nichts Anständiges zu essen? Sie hätte morden können für eine Platte Schinkenröllchen und gefüllte Eier! Doch seit sie im Palast angekommen war, hatte es nur Champagner gegeben, Champagner und noch mehr Champagner …

Zu trinken verstanden die Aristokraten, das musste man ihnen lassen! Unglücklicherweise schienen sie keine feste Nahrung zu brauchen, was auch erklärte, warum sie alle so dünn und fast durchscheinend waren. Verdammt! Warum habe ich nur meine eiserne Regel gebrochen und viel zu viel von diesem Champagner getrunken?

„Nur die eine große Liebe …“, trällerte Izzy gefühlvoll und versuchte, sich auf eine Gruppe überaus festlich gekleideter Damen zu konzentrieren, die sie mit offener Abscheu musterten. Nebenbei widerstand sie tapfer dem x-ten Versuch ihres Vaters, sie von der Bühne zu ziehen. Dass nicht einmal ihre Familie sie singen hören wollte, bedeutete einen zusätzlichen Stachel in ihrem verwundeten Stolz. War es nicht die Pflicht einer Familie, die einzelnen Mitglieder zu unterstützen, egal wobei?

Izzy liebte sie alle von Herzen, doch sie tätschelten ihr nur milde den Kopf und nahmen sie nicht ernst. Als würde sie in drittklassigen Klubs zur Karaoke-Maschine auftreten und nicht ernsthaft singen und ihr Bestes geben. Sie wusste, dass sie eine gute Stimme hatte. Und selbst wenn der Song nicht gefiel, sollten sie wenigstens honorieren, dass sie mit ihm diesen langweiligen Abend aufpeppte.

„Es reicht!“ Die laute, etwas ordinäre Stimme ihres Vaters knirschte hörbar im Getriebe des kultivierten Gemurmels um sie herum und verriet allen, was sie ohnehin wussten: Mit keinem Geld der Welt konnte man sich Klasse kaufen.

Auch Izzy wusste das. Und sie wusste, wie man über sie und ihre Familie dachte.

„Heb dir die Singerei für die Dusche auf, Liebes. Du machst dich nur lächerlich“, sagte ihr Vater.

Nein, das tue ich nicht! dachte sie, trotzig und traurig zugleich. Aber dir bin ich peinlich, Dad …

Die Scheinheiligkeit hinter seinen Worten schmerzte mehr als der Vorwurf selbst. Sie liebte ihren Vater aufrichtig, obwohl sein Benehmen oft durchaus zu wünschen übrig ließ, was für die Klatschpresse immer wieder ein Auflagengarant war. Aber jetzt lachte man über sie, und dabei hatte sie sich so sehr gewünscht, endlich ernst genommen zu werden.

Hätte ich nur nie an dieser blöden Singing Star-Show teilgenommen! warf sie sich vor. Damals hatte sie gehofft, irgendein professioneller und einflussreicher Musikproduzent würde sie hören und ihr Potenzial erkennen. Doch den Produzenten der Show ging es in erster Linie um die komische Figur, die sie als Tochter des skandalträchtigen Bobby Jackson auf der Bühne abgab. Um die Einschaltquoten zu erhöhen, nötigte man sie zu den absurdesten Aktionen, die mit Gesang nur noch sehr entfernt zu tun hatten. Und sie war leider zu blind und naiv gewesen, das große Ganze zu überblicken und sich selbst zu schützen. Bis es zu spät gewesen und sie zur nationalen Witzfigur avanciert war. Der zweifelhafte Ruhm war schnell verflogen … und mit ihm ihr guter Ruf.

Unfähig, noch länger an die schmachvollen Erfahrungen zu denken, wandte Izzy sich ab, schloss die Augen und sang einfach weiter, bis sich etwas Kaltes, Hartes um ihr Gelenk schloss. Grundgütiger! Werde ich jetzt etwa wegen krimineller Verstümmelung eines Musikstücks verhaftet?

Schockiert riss sie die Augen auf und stellte fest, dass es keine Handschellen, sondern schlanke gebräunte Finger waren, die sie brutal im Klammergriff hielten. Sie schaute hoch, begegnete einem finsteren Blick, und ihre Stimme erstarb.

Es war der dunkle Prinz …

Unerwartet jagte ein heißer Schauer über ihren Rücken, während ihr Herz ganz oben im Hals schlug. Life und aus der Nähe erschien er ihr viel attraktiver als auf den Fotos im Internet. Die konnten natürlich nicht seine charismatische, maskuline Präsenz widergeben, die ihn aus der Masse heraushob.

„Es reicht …“

Die gleichen Worte, die auch ihr Vater gebraucht hatte. Doch der Prinz zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und Izzy schrumpfte förmlich in sich zusammen. Verzweifelt versuchte sie das Gleichgewicht zu wahren, während er sie mit unerbittlichem Griff von der Bühne führte. Wie es aussah, dachte er gar nicht daran, sich ihr offiziell vorzustellen. Wahrscheinlich weil er davon ausging, dass ihn ohnehin jeder kannte.

Während sich Izzy vergeblich gegen die rüde Behandlung zu wehren versuchte, sah sie ihre Träume im letzten Glas Champagner zerplatzen, das sie von mutig in einen Zustand versetzt hatte, den man getrost als angetrunken bezeichnen konnte.

„Autsch! Was soll das?“, protestierte sie. „Nur weil ich gesungen habe, müssen Sie doch nicht gleich so brutal sein! Ich habe eine sehr niedrige Schmerzschwelle, und außerdem sind diese Schuhe nicht zum Laufen gedacht.“ Umgeben von einer Welle allgemeiner Missbilligung war sie inzwischen sogar froh über die narkotisierende Wirkung des Alkohols.

„Ab mit ihr in den Kerker!“, wisperte sie dramatisch und begegnete dem strafenden Blick aus dunklen Augen mit einem koketten Lächeln. „Ups! Wir sind offenbar nicht amüsiert!“

Izzys Herz sank. So viel zu ihrer Hoffnung, ausgerechnet er könnte ihre Karriere anschieben. Wenn sie nach seiner Körpersprache ging, bekam sie nicht einmal einen Job als Toilettenfrau im Palast, geschweige denn die Chance, beim bevorstehenden Rock ‚n‘ Royal Concert aufzutreten! Und verübeln konnte sie es ihm auch nicht, denn berauschend war ihr Gesang tatsächlich nicht gewesen. Sie hatte sich einfach zu sehr angestrengt und ihre Stimme dabei verbogen.

„Sie sind als Gast eingeladen und nicht als Alleinunterhalter engagiert“, blaffte Matteo leise, während er die widerborstige Blondine quer durch den Ballsaal in Richtung Tür dirigierte. „Außerdem sind Sie betrunken.“ Obwohl Englisch nicht seine Muttersprache war, sprach er es ebenso fließend wie sie.

Aber da endete die Ähnlichkeit auch schon.

Dieses aristokratische Auftreten lag vermutlich in den Genen und war dann noch durch die beste Erziehung aufpoliert worden, die man für Geld kaufen konnte. Seine Mutter war eine Königin, ihre eine ehemalige Marktfrau. Mit seinem Akzent hätte man Glas schneiden können, ihrer taugte bestenfalls für Einweggeschirr aus Plastik!

„Tatsache ist, dass ich nicht betrunken bin“, stellte Izzy als Erstes klar. „Jedenfalls nicht sehr. Und falls doch, ist es Ihre Schuld, weil Sie den Gästen literweise Champagner servieren und keinen Krümel zu essen.“

Während sie immer weitergezogen wurde, hielt Izzy verzweifelt nach irgendeinem freundlichen Gesicht Ausschau. Doch als sie endlich Allegra erspähte, sah diese nicht in ihre Richtung. Offensichtlich distanzierte sich auch die frischgebackene Verlobte von ihrer peinlichen Schwester. Betroffen und enttäuscht von dieser Erkenntnis und der missglückten Präsentation ihres Songs, an dem sie wochenlang gearbeitet hatte, kämpfte Izzy mit den Tränen.

Was muss ich denn noch tun, damit man mir endlich zuhört?

Abrupt blieb sie stehen, sodass auch Matteo gezwungen war anzuhalten.

„Okay“, sagte sie rau. „Sie haben mir Ihren Standpunkt klargemacht. Ich hab’s verpatzt. Lassen Sie mich gehen, und ich verspreche, mich ab sofort angemessen langweilig zu benehmen. Ich werde nur noch herumstehen, über das Wetter reden und keine Miene verziehen.“

Doch anstatt eine Antwort zu bekommen, wurde sie wortlos weitergeschleift, bis sie vor einer erstaunten Palastwache anhielten. Auf einen stummen Wink des Prinzen öffnete der Mann eine Tür, die in ein holzvertäfeltes Vorzimmer führte, an dessen Wänden Familienporträts aufgereiht hingen.

„Vorsicht!

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