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Verführung im Palast der Liebe

1. KAPITEL

„Entschuldigung.“

Keira war völlig darin versunken, die übrigen Hochzeitsgäste im Hof des alten Palastes zu beobachten, dass sie nicht bemerkte, wie sie den Weg zum Garten blockierte. Eigentlich hatte sie zu den Pavillons gehen wollen, die extra für die Feierlichkeiten errichtet worden waren, doch dann hatte die märchenhafte Atmosphäre sie in den Bann gezogen.

Die männliche Stimme war tief und Ehrfurcht gebietend, „samtig-rau“ war der Ausdruck, der Keira sofort dazu einfiel. Die Stimme strich über ihre Haut und sandte einen prickelnden Schauer über ihren ganzen Körper. Der Akzent zeugte eindeutig von einer höheren britischen Ausbildung, es war der Akzent eines Mannes, der sowohl seine Position als auch seinen Reichtum als Geburtsrecht erachtete – der Akzent von Privilegien, Macht und Stolz.

Würde ihre Stimme ebenso viel von ihr preisgeben? Würde ihr Gegenüber den nordenglischen Akzent erkennen, den sie während ihrer Karriere als Innenarchitektin zu verbergen gelernt hatte?

Keira drehte sich um, eine Entschuldigung auf den Lippen, weil sie im Weg gestanden hatte – und staunte. Vor sich sah sie den sinnlichsten, attraktivsten und gefährlichsten Mann, der ihr je begegnet war.

Als hätte sie ihr ganzes Leben lang auf diesen Moment gewartet, begann jedes Nervenende in zu vibrieren. Es war ein Überfall auf all ihre Sinne, der ihr die verinnerlichte Vorsicht raubte und sie regungslos und mit großen Augen wie hypnotisiert stehen bleiben ließ.

Die Macht seiner Sinnlichkeit hüllte sie ein, und sie war nicht in der Lage, sich dagegen zu wehren.

Jay hatte nicht die geringste Ahnung, wieso er Zeit verschwendete und sich von einer Frau anstarren ließ, auf eine Art und Weise, die mehr als deutlich machte, wie bewusst sie sich seiner war.

Zugegeben, sie war schön. Aber sie war nicht der einzige weibliche europäische Hochzeitgast. Obwohl … Mit ihrer Figur und ihrem Aussehen würde sie aus jeder Menge herausstechen. Groß und elegant, strahlte sie Klasse und würdevolle Grazie aus, während die verführerischen Kurven ihres Körpers und die vollen Lippen eindeutig besagten, dass sie eine natürliche Sinnlichkeit besaß.

Im Bett würde sie sicherlich jene Sinnlichkeit zeigen, wie sie in den erotischsten Kapiteln des Kamasutras nachzulesen war. Diese Frau würde jeden Mann dazu verlocken, ihr Vergnügen zu schenken, bis sie ihre Lust laut herausschrie. Er sah sie schon jetzt vor sich, wie ihr dunkles Haar sich auf den Kissen ausbreitete, ihre Augen fiebrig vor Erregung, die Lippen sehnsüchtig geöffnet, ihr Körper bereit, ihn zu empfangen.

Das Verlangen, das jäh in ihm aufschoss, überraschte ihn. Mit vierunddreißig Jahren sollte er alt genug sein, um seine körperliche Reaktion auf eine begehrenswerte Frau unter Kontrolle zu halten, und doch war es dieser Frau auf unerklärliche Weise gelungen, seine Aufmerksamkeit zu fesseln, so abrupt, dass er zu einem Gefangenen seiner Fantasie und seines Verlangens nach ihr wurde.

Sie hatte nicht den Versuch wie so manche Europäerin gemacht, die indische Tracht zu tragen, die den Inderinnen solche Eleganz und Selbstbewusstsein verlieh, wenn sie festliche Anlässe im Land besuchten. Dennoch vermutete er noch immer, dass sie sich ihm auf subtile Weise anbot. Was automatisch bedeutete, dass sie sich jedem anbot, der ihr über den Weg lief. Wäre es zufällig ein anderer gewesen, der ihren Weg gekreuzt hätte …

Jay war bewusst, dass er instinktiv versuchte, die Frau in einem schlechten Licht erscheinen zu lassen – und musste mit gerunzelter Stirn feststellen, dass es ihm keineswegs gelang.

Stattdessen hörte er sich zu seiner eigenen Verwunderung fragen: „Braut oder Bräutigam?“

„Wie bitte?“

„Ich wollte nur wissen, zu welcher Seite der Hochzeitsgäste Sie gehören. Zu den Bekannten der Braut oder des Bräutigams.“

Das Wort „dazugehören“ rief Keira schmerzhaft ins Bewusstsein, dass es niemanden auf dieser Welt gab, zu dem sie gehörte. Doch dieser Schmerz wurde gemildert durch die berauschende Tatsache, dass er die zufällige Begegnung scheinbar verlängern wollte.

Er sah unbestreitbar gut aus. Anspannung überfiel sie, so als würde irgendein Instinkt tief in ihr sie warnen, doch zu ihrem Entsetzen weigerten sich ihre Sinne, auf die Warnung zu hören. Wie alt war sie eigentlich? Auf jeden Fall zu alt, um hier mit offenem Mund zu stehen und zu starren. Und doch, wie ein Kind, das genau wusste, dass zu viele Süßigkeiten ungesund waren, konnte sie nicht damit aufhören.

Er trug einen hellen Leinenanzug, maßgeschneidert. Alles an ihm strahlte die Weltgewandtheit und Souveränität der reichen Oberklasse aus. Der Olivton seiner Haut wurde durch den Anzug noch betont, so wie auch seine Größe und die durchtrainierten Muskeln, die unter dem Stoff zu erkennen waren. Hatte er wirklich so breite Schultern? Seine geschmeidigen Bewegungen ließen es vermuten.

Trotz dieser Aura von altem Reichtum und gesellschaftlicher Position umgab ihn noch etwas anderes. Keira konnte eine dunkle Seite an ihm spüren, eine Skrupellosigkeit, mit der er sich nehmen würde, wonach er begehrte.

Sie wehrte sich dagegen, in den Bann seiner Ausstrahlung gezogen zu werden. Falls es hier etwas gab, das bezauberte und berauschte, so war es dieser fantastische Ort, an dem die Hochzeitsfeier stattfand.

Einst war dieser Sommerpalast das Jagdschloss eines Maharadschas gewesen, jetzt hatte man es zu einem exklusiven Fünf-Sterne-Hotel umgewandelt. Die Insel, auf der der Palast stand, war nun auch durch eine Überführung mit dem Festland verbunden, dennoch erhielt jeder, der dem Schloss näher kam, den Eindruck, als würde es mit seinen Gärten inmitten des großen Sees schwimmen.

Vielleicht war es auch der Duft der Seerosen, die auf den stillen Wassern des Sees trieben, die eine so gefährliche Wirkung hatten und Keiras Sinne trunken machten. Was immer der Grund sein mochte, es lag nur in ihrem eigenen Interesse, sich daran zu erinnern, dass sie eine vernünftige, erwachsene Frau war.

Also holte Keira tief Luft, um sich zu beruhigen, und antwortete dann fest: „Sowohl als auch. Ich bin mit beiden befreundet, mit Braut und Bräutigam. Shalini und Tom sind sehr gute Freunde von mir.“ Sie lenkte den Blick wieder auf die Hochzeitsgesellschaft.

Die Dämmerung setzte langsam ein, die Vorbereitungen für den Abendempfang standen kurz vor der Vollendung. Hunderte von Teelichtern in kleinen Gläsern waren mit Sorgfalt überall im Hof verteilt worden, schwammen in Springbrunnen und antiken Wasserbecken. Sie warfen einen flackernden Schein auf den See und ließen ihn wirken wie aus einem romantischen Märchen. In den Ästen der Bäume hingen Lichterketten, deren Glanz die goldenen Stickereien der Pavillons noch wundervoller zur Geltung brachte, und die die Pfade erhellten, die zu den Gästesuiten eines der erlesensten Hotels und Urlaubsressorts in ganz Indien führten.

Bald würden das frisch verheiratete Paar und die Familien sich für den festlichen Abend umziehen gehen. Keira ermahnte sich, dass sie dies ebenfalls tun musste, dennoch rührte sie sich nicht von der Stelle. Das hätte das Gespräch beendet und dem Mann erlaubt, sich von ihr zu entfernen.

Vielleicht hatte es mit dem Sonnenuntergang zu tun, der das tiefe Türkisblau des Himmels mit einem sanften Rosé überzog. Oder mit der lauen Luft, die sinnlicher als ein Streicheln über ihre Haut strich und ihr Herz zum Hämmern brachte. Oder aber es lag an der Wirkung, die die Nähe dieses Mannes auf sie hatte.

Etwas tief in ihr rührte sich und weckte eine schmerzende Sehnsucht. Indien tat ihr das an. Anders konnte es nicht sein. Panik stieg in Keira auf, die eigene Verletzlichkeit überrumpelte sie. Immer war sie der Überzeugung gewesen, ihre Sinne und Impulse unter Kontrolle zu haben.

Sie musste unbedingt an etwas anderes denken. Die Hochzeit, zum Beispiel, deretwegen sie hier war.

Keira wäre zu jedem Ort auf dieser Welt gefahren, um Shalinis und Toms Hochzeit mitzuerleben. Die beiden und Shalinis Cousin Vikram waren ihre engsten Freunde. Als Shalini ihr sagte, dass Tom und sie nach der standesamtlichen Trauung in England eine traditionelle Hindu-Zeremonie in Ralapur planten, hätten Keira keine zehn Pferde davon abhalten können herzukommen.

Schon immer hatte sie den jahrhundertealten Stadtstaat besuchen wollen, seit sie zum ersten Mal von ihm gehört hatte. Sie war aber auch nicht nur wegen Shalinis Hochzeit hier und um die Stadt zu besichtigen, sie hatte auch Geschäftliches hier zu erledigen. Auf jeden Fall war sie nicht hier, um eine Romanze zu erleben.

„Ich war mit Shalini und Tom zusammen auf der Universität“, erklärte sie weiter und fügte direkt die Frage hinterher: „Und Sie?“

Typisch für eine Frau wie sie, eine so tiefe und leicht heisere Stimme zu haben. Neu in der ältesten Geschichte der Welt war die Verletzlichkeit, die darin mitschwang. Dennoch … Er hatte nicht vor, irgendetwas Persönliches preiszugeben. Auch nicht die Tatsache, dass sein älterer Bruder der neue Maharadscha war.

„Ich habe Verbindungen zur Familie der Braut.“ Das war schließlich die Wahrheit. Ihm gehörte das Hotel … und noch so einiges mehr. Er ließ den Blick über den See wandern. Seine Mutter hatte diesen Ort geliebt. Er war zu ihrem Rückzugsort geworden, als sie der Nähe ihres Mannes, dem Maharadscha, und seiner Geliebten hatte entfliehen müssen. Einer Geliebten, die seinem Vater so sehr den Kopf verdrehte, dass ihn weder seine Ehefrau noch seine beide Söhne mehr gekümmert hatten.

Bei der Erinnerung legte sich ein harter Zug um Jays Mund. Damals war er achtzehn gewesen, gerade zurück aus England, wo sowohl sein Bruder als auch er eine Privatschule besucht hatten. In jenem Winter war auch jene Frau nach Ralapur gekommen und hatte der Familie den Vater gestohlen. Eine moderne Frau, so hatte sie sich selbst genannt. Eine Frau mit blutroten Lippen und lackierten Nägeln, die sich weigerte, sich von moralischen Regeln einschränken zu lassen, die nur einen Blick auf die Position und den Reichtum von Jays Vater geworfen und den Mann für sich allein gewollt hatte. Eine geldgierige, amoralische Frau, die sich selbst an den Meistbietenden verkaufte. Und damit das genaue Gegenteil seiner Mutter, sanftmütig und ergeben und doch so stark in der beschützenden Liebe für ihre Söhne.

Jay und Rao, sein älterer Bruder, hatten ihre Verachtung gezeigt, indem sie die Existenz der anderen, die ihre Mutter aus dem Herzen des Vaters verdrängt hatte, ignorierten.

„Ihr dürft eurem Vater nicht die Schuld geben“, war die Bitte ihrer Mutter gewesen. „Es ist, als stünde er unter einem Bann, sodass er niemanden mehr außer ihr sieht.“

Ja, sein Vater war blind gewesen. Blind für das wahre Wesen seiner Geliebten. Er hatte sich geweigert, auch nur ein Wort zu hören. Und so waren Jay und Rao gezwungen gewesen, machtlos mit anzusehen, wie ihr Vater sich selbst und seine Familie mit seiner Obsession für diese Frau erniedrigte. Das Raunen am Hof wuchs, die Höflinge flüsterten und tuschelten. Diese Frau hatte sich mit ihren früheren Liebhabern gebrüstet und dem Maharadscha sogar gedroht, ihn zu verlassen, wenn er ihr nicht all das gab, was sie wollte.

Wut auf den Vater hatte in Jay gebrannt. Wie konnte ein Mann, der immer so stolz auf seine Familie und seine Moral gewesen war, der so schnell bereit gewesen war, andere für ihre Fehler zu verdammen, ein solches Verhalten an den Tag legen? Letztendlich hatte er sich mit seinem Vater völlig zerstritten, sodass ihm keine andere Wahl geblieben war, als sein Heim zu verlassen.

Sowohl seine Mutter als auch sein Bruder hatten ihn angefleht zu bleiben. Doch Jay hatte seinen Stolz, und so war er gegangen. Nicht ohne vorher offen anzukündigen, dass er nicht länger als der zweitgeborene Sohn des Maharadschas genannt werden wolle und dass er seinen eigenen Weg in der Welt finden werde. Eine vorschnelle und unkluge Ankündigung vielleicht, zumindest für einen Achtzehnjährigen.

Sein Vater hatte ihn ausgelacht. Auch sie, die Mätresse, die letztendlich die Verantwortung für den Tod seiner Mutter trug. Als offizielle Todesursache wurde Lungenentzündung angegeben, doch Jay wusste es besser. Seine wunderschöne sanfte Mutter war an den Wunden gestorben, die ihrem Herzen und ihrem Stolz zugefügt worden waren, von einer Buhle, die es nicht einmal wert war, die gleiche Luft zu atmen. Jay verachtete diesen Typ Frau zutiefst – unersättlich und für jeden Mann zu haben, solange er den richtigen Preis bezahlte.

Nur unwillig war er nach Ralapur zurückgekehrt, doch Rao, der die Nachfolge des Vaters angetreten hatte, bat ihn so lange darum, bis er aus Liebe zu seinem Bruder schließlich nachgab. Doch noch immer war er nicht sicher, ob er damit das Richtige getan hatte.

Der zornige Junge war als reicher Mann in seine Heimat zurückgekehrt, als Geschäftsmann er auf dem europäischen und dem amerikanischen Kontinent gleichermaßen bekannt. Ein Milliardär mit dem sicheren Blick für lohnende Projekte, sodass Investoren aus aller Welt seine Tür belagerten, um mit ihm zusammenzuarbeiten.

Inzwischen war er alt genug, um zu verstehen, was seinen Vater dazu gebracht hatte, die standesgemäße Ehefrau und Mutter seiner Söhne zu vernachlässigen für eine Kurtisane, die seiner Manneskraft schmeichelte und sein körperliches Verlangen befriedigte. Doch dieser Frau, die seine Mutter gedemütigt und Schande über den Familiennamen gebracht hatte, würde er nie vergeben.

„Sind Sie allein hier?“ In Gedanken verfluchte Jay sich, dass er mit offenen Augen in die Falle rannte. Doch seltsamerweise wollte er es … so, wie er sie wollte. Sie, mit ihren feinen Gesichtszügen, den vollen Lippen und der hellen Haut, die fast durchsichtig schimmerte.

Warum, um alles in der Welt, sollte er sie begehren? Frauen wie sie gab es wie Sand am Meer. Sie trug keinen Ring. Was wahrscheinlich nichts anderes bedeutete, als dass sie noch niemanden gefunden hatte, der ihr den teuren Ring, den sie sich wünschte, bezahlen konnte. Nun, seine Geliebten waren alle verheiratet gewesen. Es war einfacher, eine Affäre zu beenden, wenn ein Ehemann im Hintergrund wartete, der Trennungsszenen oder Forderungen von vornherein unmöglich machte.

Jay hatte nicht den geringsten Wunsch zu heiraten. Obwohl von ihm als dem zweitgeborenen Sohn des Maharadschas erwartet wurde, dass er eine Frau seines Standes ehelichte, um die Fortführung der Dynastie zu sichern. Eine solche Ehe würde von unzähligen Ratgebern des Hofes und Anwälten arrangiert werden, und Jay hatte nun mal eine tief sitzende Aversion gegen jegliche Form der Bevormundung in seinem Leben. Ebenso wenig war er daran interessiert, eine, wenn auch standesgemäße, aber naive Jungfrau in sein Bett zu holen.

Eine Ehe wäre für das ganze restliche Leben. Die Wahrheit war: Ihm grauste vor jeglicher langfristigen Verpflichtung, ganz gleich, mit welcher Frau. Niemals würde er auch nur einen Bruchteil seines hart erarbeiteten Vermögens einer geldgierigen Sirene überlassen, die sich einbildete, mit einer Abfindung für „geleistete Dienste“ davongehen zu können.

Keira zögerte mit ihrer Antwort. Plötzlich war sie sich ihrer eigenen Verletzlichkeit bewusst. Doch Lügen lag ihr einfach nicht. Selbst wenn es zu ihrem Wesen gehört hätte, so hätte Großtante Ethel, diese kalte und verbitterte Frau, die sie nach dem Tode der Mutter aufgezogen hatte, es sicherlich aus ihr herausgeprügelt.

„Ja“, sagte sie also schließlich und hielt sich gerade noch zurück, ein „Und Sie?“ hinterherzuschicken. Doch die unausgesprochenen Worte hingen in der Luft und zeigten ihr deutlich, wie weit sie schon auf dem verbotenen Pfad entlanggegangen war. Wäre ihre Großtante hier, so würde sie Keira unmissverständlich zu verstehen geben, was sie von diesem Verhalten hielt. Schamlos mit einem fremden Mann zu reden, ihm Gott weiß was für einen Eindruck zu geben, die Familie in den Schmutz zu ziehen, Schande über sich zu bringen wie eine billige …

Ihr Herz begann ungut in ihrer Brust zu pochen, sie hörte die harten Worte, als stünde ihre Tante neben ihr. Aber sie war nicht gewillt, sich von der eigenen Panik einfangen zu lassen. Ja, vielleicht hatte sie diesen Mann tatsächlich eine Sekunde zu lang angesehen, aber das hatte nichts zu sagen. Nicht in der heutigen Welt, in der eine Frau einen Mann so interessiert mustern konnte, wie sie wollte. Einen Mann vielleicht. Aber nicht diesen Mann. Für diesen Mann war ein solcher Blick eine Herausforderung, der er nicht den Rücken kehren würde. Dieser Mann war ein Jäger. Er nahm sich, was er wollte. Was wollte er … ? Sie?

Ihre Gedanken schlugen eine Richtung ein, die unwillkommen und erschreckend war, und Keira zuckte innerlich davor zurück. Sie mühte sich um Fassung, als sie ihn erneut ansah. Aber er sah so gut aus! Er trug seine erotische männliche Ausstrahlung mit der gleichen Lässigkeit, mit der er seinen maßgeschneiderten Anzug trug. Sie natürlich war immun dagegen. Mit Sicherheit.

Keira erschauerte leicht. Es war immer unvernünftig, das Schicksal herauszufordern …

Er wollte sie, gestand Jay sich unwillig ein. In dem elfenbeinfarbenen, knielangen Seidenkleid, einen Schal aus dem gleichen Material um den Hals geschlungen, stach sie aus der Menge der farbenprächtigen Gewändern heraus, wirkte engelsgleich, trotz des dunklen Haars, ja ätherisch. Doch an dem Blick, mit dem sie ihn angesehen hatte, war nichts Ätherisches, im Gegenteil. Es war der Blick einer Frau gewesen, deren Verlangen erregt worden und die auf der Suche nach einer Möglichkeit war, wie sie dieses Verlangen befrieden könnte.

Der Innenhof des Palastes hatte sich inzwischen geleert, die Gäste waren zu ihren Suiten gegangen, um sich für den Abend umzuziehen. Ein leichter Schauer lief Keira über den Rücken, weil sie hier allein zurückgeblieben waren.

Das nahm ja lächerliche Ausmaße an – und gefährliche. Sie hätte ihm aus dem Weg gehen sollen, in der Sekunde, da er sie darum gebeten hatte. Stattdessen hatte sie … Ja, was genau hatte sie getan? Sie war stehen geblieben und hatte gierig seinen Anblick in sich aufgenommen, hatte sich von seiner Sinnlichkeit bezaubern lassen. Hatte es genossen wie das Naschen eines verbotenen Pralinés. Und was würde sie nun mit diesem gestohlenen Bild anstellen? Es mit zu Bett nehmen und es während der Nacht immer wieder vor ihrem geistigen Auge auferstehen lassen?

Sie musste von ihm fort, von der Wirkung, die er auf sie ausübte.

Keira wandte sich ab – und erstarrte, als er den Arm ausstreckte, die Hand an den Baumstamm legte und ihr somit den Weg versperrte. Sie sog scharf den Atem ein, nahm plötzlich nicht nur die sonnengewärmte Luft des Abends sondern auch seinen Duft wahr. Er machte sie trunken wie eine berauschende Droge, impulsiv glitt ihr Blick zu seinen Augen. Sie waren nicht braun, sondern schiefergrau, wie der Atlantik bei Sturm. Und ebenso unaufhaltsam wie eine Flutwelle brach ein Gefühl in ihr los. Sie trat einen Schritt vor, dann einen zurück, ließ einen kleinen Laut hören, der sowohl Ausdruck ihrer Sehnsucht als auch die Verleugnung derselben war. Doch zu spät.

Sie spürte seine Hände an ihren Oberarmen, fühlte, wie er sie zu sich heranzog, und dann lagen seine Lippen schon auf ihrem Mund, hart und Besitz ergreifend.

Es war ein Kuss, der die Grundfesten der Zivilisation einriss. Weder sein Kuss noch ihre Reaktion hätten intimer sein können, selbst wenn er ihr die Kleider vom Leib gerissen hätte. Schockiert wurde Keira klar, dass sie sich ihm völlig ergeben hatte. Der Schock über das heiße Sehnen, das sie durchflutete, raubte ihr den Atem. Mit Macht schob diese Welle alles fort, was sich ihr in den Weg stellte. Der wilde Sturm ließ Keira die Hände unter sein Jackett schieben, sie musste seine Brust fühlen, musste es einfach, weil das Verlangen, ihn zu berühren, so überwältigend stark war.

Sein Mund lag noch immer auf ihrem, und Panik mischte sich in das süße Verlangen. Sie durfte nicht zulassen, dass sie so fühlte, durfte es sich nicht erlauben.

Nur mit Anstrengung entwand sie sich seiner Umarmung. „Es tut mir leid. So etwas tue ich normalerweise nicht. Ich hätte das nicht zulassen dürfen.“

Damit verdutzte sie ihn. Jay hatte ihr schon vorwerfen wollen, ihn zu reizen und sich dann absichtlich zurückzuziehen, um sein Interesse anzustacheln, doch ihre gestammelte Entschuldigung kam mehr als überraschend.

„Aber Sie wollten es doch auch“, entgegnete er leise.

Zu gern hätte Keira gelogen, doch sie konnte es nicht. „Ja“, gestand sie. Die Qual über die eigene Schwäche war fast zu viel, um sie zu ertragen. Es musste an der magischen Atmosphäre Indiens, dass sie alle Versprechen und Schwüre, die sie sich selbst geleistet hatte, brach.

Und ja, er hatte alles Recht der Welt, wütend auf sie zu sein und eine Erklärung zu verlangen. Doch die konnte sie ihm unmöglich geben. Deshalb schwang sie auf dem Absatz herum und rannte in blinder Panik durch die sternenhelle Nacht davon.

Jay machte keinen Versuch, sie aufzuhalten. Zuerst hatte ihn seine unerwartete körperliche Reaktion auf diese Frau verwundert, dann war Wut in ihm erwacht, als sie sich so abrupt von ihm zurückgezogen hatte. Aber ihre Entschuldigung hatte ihn entwaffnet, hatte eine Verletzlichkeit durchscheinen lassen, die eine noch stärkere Wirkung auf ihn ausübte. Diese Frau reizte ihn, geistig und körperlich, sie forderte ihn heraus. Eine Frau, die einen Fehler zugeben und sich dafür entschuldigen konnte, war seiner Erfahrung nach eine Seltenheit.

Sie war allein hier, und sie hatte zugegeben, dass sie ihn wollte. Er wollte sie auf jeden Fall. Jays Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Einem Lächeln voll männlicher Selbstsicherheit und gespannter Erwartung.

Keira warf keinen Blick über die Schulter zurück, ob er ihr nachsah. In ihrem Zimmer verschloss sie die Tür und lehnte sich atemlos mit dem Rücken dagegen. Übelkeit überkam sie, sie zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub. Was hatte sie nur getan? Noch wichtiger … Warum hatte sie es getan?

Nach all den Jahren, Jahren, die sie darauf verwandt hatte sicherzustellen, dass so etwas nicht passierte … Wie hatte sie es zulassen können? Es war ihr immer ein Leichtes gewesen, sexuelle Avancen anderer Männer abzuwiegeln. Warum bei diesem einen Mann nicht? Was war an diesem einen Mann anders, dass es ihm so mühelos gelungen war, die Barrieren einzureißen, die sie mit solcher Sorgfalt um die eigene Sexualität aufgebaut hatte? Eine Sexualität, die nun freigesetzt worden war und ihre Forderungen lautstark hinausschrie.

Nein, sie durfte dieser Stimme kein Gehör schenken. Durfte nicht einmal deren Existenz wahrnehmen. Ihre Großtante hatte sie oft genug gewarnt, dass es eines Tages passieren würde. Ethel war jetzt seit fast zehn Jahre tot, und noch immer konnte Keira ihre harschen Worte hören. Was geschehen würde, wenn sie in die Fußstapfen ihrer Mutter trat.

Keira war zwölf gewesen, als ihre Mutter starb. Ihre Großtante hatte sie aufgenommen – oder besser, fühlte sich gezwungen, sie aufzunehmen, weil sonst die Nachbarn herausgefunden hätten, dass sie einem kleinen Mädchen die Fürsorge verweigerte. Ethel hatte das Mädchen nicht gewollt, das hatte sie unmissverständlich klargemacht.

„Deine Mutter war eine Dirne, die Schande über den Familiennamen gebracht hat. Ich werde dafür sorgen, dass du nicht wirst wie sie, und wenn ich es aus dir herausprügeln muss. Ich werde kein Flittchen unter meinem Dach großziehen, das dann Schande über mich bringen kann.“

Denn da Keira die Tochter ihrer Mutter war, würde ein einziger Fehltritt ausreichen, dass sie den Rest ihres Lebens in Sünde verbringen müsste, hatte ihre Tante immer wieder betont.

Und so hatte Keira gelernt, ihr Herz und ihren Körper unter Kontrolle zu halten.

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