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Verführung im Lotuspavillon

1. KAPITEL

Tang-Dynastie, China, 823 n. Chr.

Luo Cheng wandte sich ab von dem vielstimmigen Lärm und den leuchtendroten Laternen, die über dem Eingang des Trinkhauses schaukelten. Seine Gefährten bedrängten ihn gutmütig, bei ihnen in der geselligen Runde zu bleiben. Sie waren Scholaren wie er und studierten die Wissenschaften. Jedoch wandte er ihnen den Rücken zu und entfernte sich von ihnen. Sie riefen ihm hinterher, doch bald konnte er ihre Stimmen kaum noch ausmachen inmitten der Geräusche des Zechgelages und des lauten Gelächters, und sie wurden immer leiser.

Wie schafften es seine Scholaren-Kollegen eigentlich, die ganze Nacht auszugehen und zu trinken – und das jeden Abend – und dennoch zu erwarten, dass sie das kaiserliche Examen bestehen würden? Er war in den letzten drei Tagen jeden Morgen mit dem Gesicht in einem Buch aufgewacht, weil er über einer weiteren Abhandlung zu Staatskunst und Pflichterfüllung eingeschlafen war. Und davon gab es, weiß der Himmel, mehr als genug in China. Das Kaiserreich verfügte über eine Fülle von Papier, und die Politiker und Beamten waren eifrig bestrebt, jedes einzelne Blatt davon vollzuschreiben.

Cheng war jetzt fünfundzwanzig und längst nicht mehr das Wunderkind, als das er früher einmal vom einheimischen Magistrat gegenüber seinen einflussreichen Vorgesetzten gerühmt worden war. Jeder Mann, ganz gleich wie niedrig von Geburt, konnte ein hohes Amt erlangen, wenn er die Beamtenprüfungen bestand. Die Hoffnungen seines gesamten Landkreises hatten auf ihm geruht, als er vor drei Jahren das Examen für seine Provinz bestanden hatte. Im Triumph war er in die Hauptstadt gereist, aber dann war er dort bei den Prüfungen durchgefallen. Wenn er noch einmal versagte, würde Cheng nicht nur das Gesicht verlieren, sondern möglicherweise auch noch weitere Körperteile, wenn er Minister Lo seine finanzielle Unterstützung zurückzahlen musste.

Er schwang sich den Tornister voller Bücher über den Rücken und ging in Richtung des südlichen Tores zu seinem Stadtbezirk. Eine leise Frauenstimme ertönte aus der geöffneten Tür eines Pavillons am Ende der Straße. Die Worte des Liedes wurden begleitet von den gezupften Klängen der Pipa. Dieses Lauteninstrument war in den Trinkhäusern zurzeit sehr beliebt.

Das Licht der letzten Laterne blieb hinter ihm zurück, als er sich dem Rand des Vergnügungsviertels näherte. Seine Wohnung lag in einer ruhigen Ecke, er musste nur noch durch einige gewundene Straßen hindurchgehen.

Die Pavillons mit ihren vielen Unterhaltungskünstlern waren um die studentischen Viertel herum gebaut worden. Diese beiden Bevölkerungsgruppen waren abhängig voneinander: die Scholaren mit ihrem Geld und ihren Nächten voller Müßiggang und die Kurtisanen mit ihrem bezaubernden Lächeln und der weichen, duftenden Haut.

Erst an der dritten Ecke merkte er, dass die Männer auf der anderen Straßenseite ihn verfolgten. Er schaute nur kurz in ihre Richtung, bevor er wieder abbog. Sie sahen nicht wie Studenten aus, aber ebenso wenig wie Straßenräuber. Die Schritte hinter ihm wurden schneller. Cheng packte fest seinen Ranzen und drehte sich um. Fünf schwarze Gestalten umringten ihn wie ein Rudel Ratten. Es gab kein Entrinnen. Er schlug mit seiner Tasche nach dem offensichtlichen Anführer der Bande und traf ihn mitten ins Gesicht. Der Halunke ging mit einem Grunzlaut zu Boden.

Die verdammten Narren hatten ausgerechnet den ärmsten Studenten im ganzen Distrikt angegriffen. Dem nächsten Mann schlug Cheng auf die Nase. Manchmal war es ein Vorteil, wenn man vom Lande kam. Die kaiserliche Hauptstadt hatte ihn Sitte und Anstand gelehrt, aber er wusste immer noch, wie man sich in einer Prügelei seiner Haut wehrte.

„Gib uns deine Tasche.“ Ein Kerl mit einer messerscharfen Nase ging vorsichtshalber in Deckung, als er diese Forderung vorbrachte.

„Hundesöhne.“ Cheng spie aus.

Sie warfen sich gemeinsam wieder auf ihn.

Jemand legte ihm von hinten den Arm um den Hals. Cheng keuchte, weil ihm die Luftröhre zugedrückt wurde. Er würde hier und jetzt ein Messer zwischen die Rippen bekommen für ein paar Geschichtsbücher und drei Kupfermünzen.

Mit einem lauten Schrei warf er den Mann, der ihn umklammert hielt, über die Schulter. Plötzlich explodierte sein linkes Auge vor Schmerz von einem Faustschlag, und er stolperte fluchend zurück.

„Nichts wie weg!“, rief einer der Männer.

Die Schritte entfernten sich von ihm. Er hielt sich den schmerzenden Kopf, und ein lautes Geräusch klingelte in seinen Ohren. Wütend blinzelte er in die Dunkelheit. Er schrie ein paar Beleidigungen hinter den Männern her, in denen es um Rudeltiere und auch um gewisse Körperteile ging.

Als er endlich wieder etwas sehen konnte, war die Gasse leer. Immer noch erklang die Musik vom Vergnügungsviertel hinter ihm, als er den Boden nach seinem Ranzen absuchte. Fort. Die Bücher, die ihm Meister Wen geliehen hatte. Und sein eigener Text über Staatskunst, den er vorlegen musste, bevor er sich zu den kaiserlichen Prüfungen anmelden konnte. Er war vom Pech verfolgt.

Fort. Fort. Alles fort.

Er überlegte, ob er etwas trinken gehen sollte. Etwas Starkes. Aber drei Kupfermünzen reichten nicht für eine Flasche Wein und die Kurtisane, die ihn einschenkte. Nicht in diesem Teil der Stadt. Cheng presste die Hand an sein schmerzendes Auge. Dort spürte er ein dumpfes Hämmern, als er sich zu seiner Wohnung schleppte. Nur noch fünf Tage bis zu den kaiserlichen Prüfungen. Beim ersten Mal hatte er über eine Woche gebraucht, um seinen Aufsatz zu schreiben. Er machte sich besser gleich an die Arbeit.

Jia durchsuchte den Schreibtisch, den Wandschrank und die schmalen Ritzen hinter dem Bett. Sie kroch auf Händen und Knien auf dem Boden herum und suchte überall nach einem schlauen Versteck, war aber zu ängstlich, um auch nur ein kleines Öllämpchen anzuzünden.

Das quadratische Zimmer war ordentlich aufgeräumt, nur einige persönliche Gegenstände befanden sich in einer hölzernen Truhe. Sie blätterte ein Buch durch, das sie dort gefunden hatte, und blinzelte, um in dem schlechten Licht die Schriftzeichen besser erkennen zu können. Es war nicht das, was sie suchte.

Der Scholar musste das Tagebuch bei sich getragen haben, nachdem er es aus der Pagode mitgenommen hatte. Sie schloss den Truhendeckel und wollte sich leise aus dem Zimmer schleichen, als es an der Tür polterte.

Tod und Vernichtung, er sollte eigentlich jetzt noch nicht nach Hause kommen!

Sie sah sich fieberhaft links und rechts nach einem Versteck um. Vergeblich. Sie hatte alles in dieser Behausung untersucht – sie war so karg eingerichtet wie eine Mönchszelle.

Ob sie wohl einfach wegrennen konnte? An ihm vorbei stürmen, sobald er die Tür öffnete, und darauf hoffen, dass er völlig überrascht war und nicht die Stadtwache herbeirief?

Dieser Plan war undurchführbar, wie sie gleich merkte, als die Tür offen war. Der unglückselige Scholar stand dort und blockierte die gesamte Türöffnung mit seinen Schultern, die so breit waren wie die eines Ochsen. Jia stand regungslos neben dem Bett, als er mit dem Fuß die Tür zustieß. Der Türrahmen schepperte von der Wucht dieses Tritts.

Vielleicht hatte sie Glück, und er war betrunken, dann konnte sie doch noch weglaufen.

„Was …? Wer ist da?“, verlangte er zu wissen. Seine Gestalt schien gewaltig aufzuragen in der Dunkelheit. Jias Kehle wurde eng vor Angst. Der Scholar war viel größer und breiter, als man ihn ihr beschrieben hatte, und er war offensichtlich wütend.

„Ehrenwerter Herr“, begann sie, wobei sie mit ihrer Stimme den Singsang der Kurtisanen nachahmte, den sie so oft gehört hatte. Angeblich wurden davon erhitzte Gemüter beschwichtigt und männliche Egos gestreichelt. Aber sie war nicht gut darin. „Ihr guter Freund dachte, Ihr hättet vielleicht gern etwas Gesellschaft.“

„Freund?“

Er hörte sich an, als hätte er einen klaren Kopf und wäre nicht betrunken, was ein unglücklicher Umstand für sie war. Sie wusste nicht, wie sie hier wieder heil herauskommen sollte.

„Welcher Freund?“

„Li“, antwortete sie zögernd.

Er trat näher und beschäftigte sich mit etwas am Schreibtisch an der gegenüberliegenden Wand. Sie holte tief Luft und versuchte, sich vom Bett wegzuschleichen, aber plötzlich stand er genau vor ihr, eine flackernde Lampe in der Hand.

Ein blassgelber Lichtschein erfüllte das kleine Zimmer und umhüllte sie beide. Seine Gesichtszüge waren breit und kantig, nicht wie die der anderen bleichen Scholaren, an deren Anblick sie gewöhnt war. Unter dem linken Auge schien seine Wange geschwollen zu sein. Er war zu groß, der Raum war zu klein, und beim Grab ihrer Mutter, er hatte sie gesehen!

„Li?“, meinte er spöttisch. „Li hasst mich.“

Sie sprach sehr schnell. „Dann habe ich mich wohl geirrt. Es muss ein Scherz gewesen sein. Lebt wohl.“

Ihr Versuch, an ihm vorbeizuschlüpfen, wurde wieder vereitelt, als er sich zu ihr vorbeugte, um sie genauer anzuschauen. Er wirkte eigentlich nicht sehr bedrohlich auf sie, nur stand er ihr so nah, dass sie kaum atmen konnte.

„Wie heißt Ihr?“, fragte er.

Ihr Name. Sie brauchte einen Namen, irgendeinen fantasievollen Kurtisanennamen. Vielleicht eine Blume? So etwas war immer beliebt.

„Rose.“ Sie krümmte sich innerlich, denn sie fand es einfach schrecklich.

„Rose.“

Er sah sie forschend an, und ein Funke von Interesse leuchtete in seinen Augen auf, wurde aber sofort von einem finsteren Blick vertrieben. „Ja, ein Scherz. Die sind alle so furchtbar schlau.“

Sein Ton ließ erkennen, dass er nicht zum ersten Mal das Opfer eines solchen Scherzes geworden war.

„Es tut mir leid“, fuhr er fort, „Ich habe kein … ich kann Euch nicht entlohnen.“

Plötzlich überlief es sie siedend heiß, und sie errötete heftig, bevor sie eine Antwort stammeln konnte: „Oh nein, Ihr … müsst nicht bezahlen.“ Ihr wurde bewusst, dass man ihre Absichten missverstehen konnte, und ihre Röte vertiefte sich. „Nein, ich meine …“

Er schaute weg, aber vorher taxierte er sie kurz mit seinem Blick. Er hob eine Hand und kratzte sich nervös die Wange, aber es war zu spät. Sie hatte schon gesehen, wie sich seine Pupillen interessiert geweitet hatten.

Unerträglicher Bastard.

Sie wurde wütend, dann beschämt, dann wieder wütend, doch sie ignorierte die Tatsache, dass sie selbst mit ihrer List das Missverständnis herbeigeführt hatte.

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