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Verführung im Harem

1. KAPITEL

„Nur keine Panik“, sagte Jessica Leigh Sterling immer wieder leise vor sich hin, als das Flugzeug auf der Landebahn von Bha’Khar aufsetzte. Sie litt nicht unter Flugangst. Trotzdem spürte Jessica, wie ihr Magen sich vor Nervosität immer mehr zusammenkrampfte.

Damals, als ihre Mutter schwer krank geworden war und Jessica in einem Kinderheim untergebracht wurde, hatte sie dasselbe empfunden. Natürlich war das heute eine völlig andere Situation. Heute stand sie kurz vor der Erfüllung ihres sehnlichsten Traums. Aber gerade deshalb fürchtete sich Jessica schrecklich davor, dass sich am Ende alles nur als Irrtum herausstellen würde.

Alle möglichen Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Bald würde sie die Menschen kennenlernen, die ihrer Mutter nahegestanden hatten. Und vielleicht würden diese Menschen auch sie, Jessica, in ihr Herz schließen.

Das Ganze kam ihr immer noch ziemlich unwirklich vor. Ihre Verwandten lebten nicht in Kalifornien, und Jessica hatte um den halben Globus fliegen müssen, um sie zu treffen.

Sie sehnte sich so sehr nach einer Familie. Nach dem Gefühl, endlich auch einmal dazuzugehören. Konnte nicht ein einziges Mal das Glück auf ihrer Seite sein? Um das herauszufinden, hatte sie diese Reise unternommen.

Erst als das Flugzeug langsam auf das Flughafengebäude zurollte, wurde ihr bewusst, dass sie wirklich in Bha’Khar war, in dem Land, aus dem ihre Mutter stammte und von dem Jessica kaum etwas wusste. Im Vorfeld dieses Besuchs war eine Menge Papierkram zu erledigen gewesen. Schließlich hatte der König von Bha’Khar einen seiner Mitarbeiter zu ihr geschickt, der sie alle möglichen Dokumente in der ihr fremden Sprache unterschreiben ließ. Warum hatte ihre Mutter ihr verschwiegen, dass sie Verbindungen zur königlichen Familie hatte? Jessica hätte es nie erfahren, wenn nicht der Rechtsanwalt des Jugendamts in ihren alten Unterlagen einen Brief ihrer Mutter gefunden und Kontakt mit ihr aufgenommen hätte.

Im Privatjet der königlichen Familie, in dem sie von Kalifornien nach Bha’Khar geflogen war, war sie der einzige Passagier. Als die Anzeige erlosch, löste sie den Sicherheitsgurt, stand auf und streckte sich. Nach dem langen Flug waren ihre Muskeln ganz steif. Man hatte ihr mitgeteilt, sie würde am Flughafen abgeholt, doch das beruhigte sie keineswegs, ihre Nerven waren trotzdem zum Zerreißen gespannt. Während sie mit sich selbst und ihren Ängsten beschäftigt war, bekam sie kaum mit, was um sie her vorging. Erst als ein großer Mann in einem eleganten, perfekt sitzenden dunklen Anzug auf sie zukam, nahm sie sich zusammen und verdrängte die beunruhigenden Gedanken. Irgendwie kam ihr der Mann bekannt vor, woher, hätte sie jedoch nicht sagen können. Sie war ihm noch nie zuvor begegnet, dessen war sie sich sicher.

Er war ungefähr dreißig, wirkte sehr selbstbewusst, und mit seinen geschmeidigen Bewegungen erinnerte er sie an eine Raubkatze. Das volle schwarze Haar berührte im Nacken den Kragen seines schneeweißen Hemdes. Mit den fein geschwungenen Lippen, der geraden Nase, den markanten Zügen und dem angedeuteten Lächeln, das leicht arrogant wirkte, ließ er zweifellos die Herzen aller jungen Frauen höher schlagen. Nur zwei winzige Narben am Kinn und an der Wange beeinträchtigten das ansonsten perfekte Erscheinungsbild. Nein, das stimmte nicht, sie beeinträchtigten es nicht, sondern betonten seine Männlichkeit und machten ihn noch interessanter.

Er blieb vor ihr stehen. „Du bist Jessica, oder?“, fragte er lächelnd.

Dieses Lächeln kann eine Frau um den Verstand bringen, schoss es ihr durch den Kopf. Seine tiefe Stimme und der leichte Akzent ließen ihren Namen wie ein sanftes Streicheln klingen, das ihr heiße Schauer über den Rücken jagte.

„Ja“, erwiderte sie.

„Willkommen in Bha’Khar.“ Er nahm ihre Hand und hob sie an die Lippen.

So höflich wurde sie zum ersten Mal in ihrem Leben begrüßt. Junge Frauen, die im Kinderheim aufgewachsen waren, lernten normalerweise keine Männer kennen, die eine Frau mit Handkuss begrüßten. Es verursachte ihr Unbehagen und machte sie befangen. Genauso hatte sie sich in der ersten Nacht im Kinderheim gefühlt, wo sie sich das Zimmer mit vielen fremden Kindern hatte teilen müssen. Sekundenlang empfand sie dieselbe Hoffnungslosigkeit wie damals, und auch die Leere und die Angst kehrten zurück.

Doch als der Fremde ihre Haut leicht mit den Lippen berührte, durchfluteten sie plötzlich ganz andere Gefühle.

„Danke“, brachte sie schließlich leise heraus.

In seinen dunkelbraunen Augen leuchtete es bewundernd auf, während er Jessica betrachtete. „Ich möchte dir nicht zu nahe treten, aber ich muss zugeben, ich habe nicht damit gerechnet, dass du so schön bist.“

Kein Zweifel, er war ein Charmeur. „Vielen Dank“, sagte sie noch einmal.

Wahrscheinlich war er nur gekommen, um sie zu ihren Verwandten zu bringen. Aber ihr Instinkt warnte sie, der Mann konnte ihr gefährlich werden. Sie musste auf der Hut sein. Misstrauisch zu sein war ihr zur zweiten Natur geworden, seit sie als Kind miterlebt hatte, wie ihre Mutter auf der Suche nach Liebe an zahlreichen Männerbekanntschaften zerbrochen war. In ihrer Verzweiflung hatte ihre Mutter immer wieder zum Alkohol gegriffen, der sie körperlich zerstörte. Schon als Zehnjährige hatte Jessica genau gewusst, wann sie einen Playboy vor sich hatte. Und dieser Fremde gehörte mit Sicherheit zu dieser Kategorie von Männern.

Doch das konnte ihr egal sein. Er war ein Mitarbeiter des Königs, und er tat nur seine Arbeit. Sobald er sie zu ihrer Familie gebracht hatte, war die Sache für ihn erledigt.

„Hattest du einen angenehmen Flug?“

Aus einem ihr unerklärlichen Grund ließ sie es zu, dass er ihre Hand immer noch hielt. Warum er sie duzte, war ihr rätselhaft. Sie beschloss jedoch, ihn auch zu duzen.

„Na ja“, begann sie und sah sich in der luxuriös ausgestatteten Kabine des Jets um, „es gab einige Turbulenzen, doch insgesamt war es ein angenehmer Flug, würde ich sagen. Da es mein erster war, habe ich leider keine Vergleichsmöglichkeiten.“

In seinen Augen blitzte es verstohlen auf. „Dann hast du jetzt die erste Erfahrung hinter dir“, stellte er zweideutig fest.

Ja, aber nur mit dem Fliegen, dachte sie. Mit Männern hatte sie noch keine Erfahrung. Mit keinem der Männer, die mit ihr geflirtet und ihr mehr oder weniger direkt zu verstehen gegeben hatten, dass sie gern mit ihr schlafen würden, hatte sie sich eingelassen. Ihrer Meinung nach konnte kein Mann treu sein, und außerdem hatte es bei ihr noch nie gefunkt. Als hoffnungslose Romantikerin befand sie sich in einem ständigen inneren Zwiespalt. Einerseits wünschte sie sich, ihrem Traummann zu begegnen, zu dem sie sich vom ersten Moment an hingezogen fühlte, dem sie bedenkenlos vertrauen und bei dem sie sich geborgen fühlen konnte. Andererseits war sie immer auf der Hut und verließ sich lieber auf ihren Verstand als auf ihre Gefühle.

Es stimmte, sie hatte ein Kribbeln im Bauch verspürt, als der Fremde ihre Hand berührte, und sie malte sich aus, wie es wäre, von ihm auf die Lippen geküsst zu werden. Es war ein verlockender Gedanke, den sie jedoch rasch verdrängte.

Sie beschloss, seine zweideutige Bemerkung zu ignorieren und ein unverfängliches Thema anzuschneiden. „In dem luxuriös ausgestatteten Flieger bin ich mir vorgekommen wie in einem fliegenden Wohnzimmer.“

„Die Schlafkabine ist auch sehr komfortabel“, erklärte er in einem Ton, der zu dem Leuchten in seinen Augen passte.

Der Themenwechsel hatte also nichts gebracht. „Das habe ich gemerkt.“

„Hast du das Bett als bequem empfunden?“

Ja, aber darüber werde ich mit ihm nicht reden, dachte sie. Die Nähe dieses Mannes brachte sie irgendwie aus dem seelischen Gleichgewicht, und sie hatte das Gefühl, ihre Nerven würden bis in die Fingerspitzen vibrieren.

„Alles ist hier perfekt, finde ich“, antwortete sie ausweichend.

„Gut. Dann lass uns zum Palast fahren.“

„Zum Palast?“, wiederholte sie und sah ihn erstaunt an. Ihr Herz klopfte wie wild, und es gelang ihr einfach nicht, sich in den Griff zu bekommen.

„Möchtest du lieber zuerst woandershin?“

Ja und nein, hätte sie beinah erwidert. Nachdem sie den Brief gelesen hatte, den ihre Mutter beim Jugendamt hinterlegt hatte, verspürte sie keine Lust dazu, zum Palast zu fahren. Das, was ihre Mutter ihr vor vielen Jahren in der Jessica so vertrauten Handschrift geschrieben hatte, schmerzte immer noch. Ich weiß, ich habe alles falsch gemacht, aber ich habe Dich von ganzem Herzen geliebt, lautete der Schluss. Immer wieder hatte Jessica den Brief gelesen, ohne wirklich zu begreifen, wie sie mit der königlichen Familie verwandt sein sollte.

„Wahrscheinlich ist es okay, zum Palast zu fahren …“, begann sie zögernd, obwohl es ihr eigentlich gar nicht gefiel. In dem ihr fremden Umfeld würde sie sich gehemmt und unsicher fühlen.

„Aber?“

„Ich hatte gehofft, meine Familie kennenzulernen.“

„Das kommt auch“, versprach er. „Es wird alles vorbereitet. Doch bis es so weit ist, werde ich dafür sorgen, dass du dich wohlfühlst.“

Was meinte er damit? Wie konnte sie sich im Palast wohlfühlen, auch wenn sie angeblich entfernt mit der königlichen Familie verwandt war?

Als er sich umdrehen wollte, legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Warte bitte.“

„Gibt es ein Problem?“, fragte er beunruhigt.

Natürlich hatte sie ein Problem: Sie hatte weder die richtigen Outfits für einen Aufenthalt im Palast, noch wusste sie, wie sie sich in Gegenwart so hochgestellter Persönlichkeiten benehmen sollte. In ihre Unsicherheit mischte sich Angst.

„Es wäre sicher besser, ich würde in einem Hotel übernachten.“

Er zog die Augenbrauen hoch. „Der König und die Königin wären darüber sehr enttäuscht.“

Wie sollte sie ihm erklären, wie ihr zumute war? „Da, wo ich herkomme, sagt man, es sei besser, nur dumm auszusehen, als den Mund aufzumachen und es zu beweisen. Das beschreibt in etwa, wie ich mich momentan fühle.“

„Du siehst ganz und gar nicht dumm aus, deshalb macht der Ausspruch in deinem Fall keinen Sinn“, entgegnete er.

„Statt mich zu blamieren, ist es mir lieber, die königliche Familie zu enttäuschen und im Hotel zu übernachten. Ich würde in Gegenwart so hochgestellter Persönlichkeiten so viel falsch machen, dass man entsetzt wäre. Ich würde bestimmt einen Fauxpas nach dem anderen begehen“, erklärte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Sei einfach du selbst.“

„Gerade davor habe ich ja Angst.“

„Du machst dir unnötige Sorgen.“

„Nein, das glaube ich nicht. Ich bin in einem heruntergekommenen Ein-Zimmer-Apartment in Los Angeles aufgewachsen, bis ich in ein staatliches Kinderheim kam. Ehrlich gesagt, ich habe nicht die allergeringste Ahnung, wie ich mich benehmen sollte. Das fängt schon beim Essen an.“

„Jetzt übertreibst du.“

„Vielleicht etwas. Verstehst du wenigstens, was ich meine?“

„Ich schlage vor, du bleibst in meiner Nähe. Wenn es etwas gibt, was du nicht weißt, helfe ich dir. Verlass dich auf mich.“

Aufmerksam betrachtete sie seine Miene. Er schien es ehrlich zu meinen. „Mit anderen Worten, ich soll dir vertrauen.“

„Richtig.“

„Leider habe ich die Erfahrung gemacht, dass man gerade den Menschen, die so etwas sagen, nicht vertrauen kann.“

„Das klingt sehr zynisch“, meinte er.

„Mag sein, aber dafür habe ich meine Gründe.“

„Ich kann es kaum erwarten, sie zu erfahren“, sagte er, aber nur aus Höflichkeit, wie sie vermutete.

Als er lächelte, blitzten seine weißen Zähne, und wie um Jessica zu beruhigen, legte er die Hand auf ihre. Damit erreichte er jedoch das Gegenteil: Ihre Gefühle schienen verrückt zu spielen und völlig außer Kontrolle zu geraten.

„Der König und die Königin freuen sich darauf, dich kennenzulernen, immerhin bist du die Tochter von lieben Freunden, mit denen sie entfernt verwandt sind. Sie haben dich viele Jahre gesucht.“

„Wie bitte? Man hat mich gesucht?“, fragte sie verblüfft.

In dem Brief hatte ihre Mutter erklärt, sie sei von einem verheirateten Diplomaten schwanger geworden und habe daraufhin das Elternhaus verlassen. Jessica hatte befürchtet, dass man sie ablehnen würde. Doch dass man sie gesucht hatte, machte ihr Hoffnung.

„Danke“, sagte sie schließlich lächelnd. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass er sich noch gar nicht vorgestellt hatte. Hatte sie sich von seinem unwiderstehlichen Charme so sehr einfangen lassen, dass sie das übersehen hatte? „Es tut mir leid, aber ich weiß noch gar nicht, wer du bist.“

„Oh, ich bitte um Entschuldigung.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Ich bin Kardahl, der Sohn von Amahl Hourani, dem König von Bha’Khar.“

Der Name kam ihr bekannt vor, ihr fiel jedoch nicht ein, wo sie ihn schon einmal gehört hatte. „Heißt das, wir beide sind verwandt?“

Er schüttelte nun den Kopf. „Nur sehr weit entfernt. Du kommst ja aus einer anderen Linie des Königshauses als ich.“

Ihre Erleichterung darüber konnte sie sich nicht erklären. Plötzlich fiel ihr ein, weshalb der junge Mann ihr bekannt vorkam und in welchem Zusammenhang sie seinen Namen gehört hatte. In Zeitungen und Zeitschriften wurde viel über ihn berichtet. „Dann bist du der Prinz, den man als Playboy bezeichnet“, sprach sie zu ihrer eigenen Überraschung den Gedanken laut aus.

Er kniff die Augen zusammen. „Offenbar liest du die Klatschspalten gewisser Zeitschriften.“

„Ich kaufe solche Magazine nicht“, verteidigte sie sich. „Aber sie lassen sich ja in den Supermärkten nicht übersehen. Außerdem liegen sie in den Wartezimmern der Ärzte und in jedem Schönheitssalon aus.“

„Vielleicht solltest du zu einem Arzt gehen, der seinen Patienten eine solche Lektüre nicht zumutet“, entgegnete er.

„Leider habe ich keine andere Wahl.“ Seine Bemerkung bewies, dass er in einer ganz anderen Welt lebte als sie. Er hatte keine Ahnung, wie hart ihr Leben war. „Meine Kinder können nur von Ärzten mit Kassenzulassung behandelt werden, und wir werden nicht gefragt, was wir im Wartezimmer lesen möchten.“

„Du hast Kinder?“, fragte er, und sie bemerkte die Überraschung in seinen Augen.

„Keine eigenen, wenn du das meinst. Ich bin Sozialarbeiterin und betreue Kinder, die in staatlichen Kinderheimen leben.“

„Ah ja, ich verstehe.“

„Das bezweifle ich. Wahrscheinlich hast du dir noch nie Gedanken darüber machen müssen, ob du die Arztrechnung bezahlen kannst, ob du dir etwas zu essen kaufen kannst oder ob du am nächsten Tag noch ein Dach über dem Kopf hast. Du bist in einem luxuriösen Palast aufgewachsen und nicht in einem Kinderheim.“ Vor lauter Ärger nahm sie kein Blatt vor den Mund und vergaß ihre Angst. Ich muss mich zusammennehmen, mahnte sie sich.

„Da hast du natürlich recht.“

„Wie soll ich dich eigentlich anreden? Mit Königliche Hoheit oder wie?“

„Mein Lieblingstitel lautet: ‚Der das Universum beherrscht‘.“

Jessica blinzelte. „Das ist ein Scherz, oder?“

„Nein, bestimmt nicht“, versicherte er und lächelte dabei so charmant, dass sie ihm am liebsten den nächstbesten Gegenstand an den Kopf geworfen hätte. Der Playboy hat Humor, und das macht ihn noch attraktiver, dachte sie. Sollte sie froh darüber sein, dass sie empfänglich war für die Anziehungskraft, die dieser Mann ausstrahlte? Oder sollte sie beunruhigt sein, weil sie sich offenbar genau wie ihre Mutter zu Playboys hingezogen fühlte? Sie konnte sich nicht entscheiden. Natürlich hatte sie sich immer gewünscht, so auf einen Mann zu reagieren wie auf diesen Prinzen, aber es musste ein Mann sein, der es ehrlich mit ihr meinte. Und ein Playboy meinte es normalerweise nicht ehrlich mit einer Frau.

Er passte gar nicht zu ihr, und sie war natürlich auch nicht sein Typ. Wenn man den fragwürdigen Behauptungen in den genauso fragwürdigen Magazinen Glauben schenken durfte, stand er eher auf Models, Filmsternchen und weltberühmte Schönheiten. Und mit denen konnte Jessica sich nicht messen.

„Nenn mich Kardahl wie meine Freunde und Familie“, sagte er. „Und es ist völlig richtig, dass du mich duzt. Ich habe dich ja auch sogleich geduzt.“

„Gut … Kardahl. Ich hole rasch meine Reisetasche …“

„Darum kümmern sich andere.“ Er legte ihr die Hand auf den Rücken.

Durch das Material ihrer Kostümjacke hindurch spürte sie die Wärme seiner Finger und hatte das Gefühl dahinzuschmelzen. Vielleicht lag es auch nur daran, dass er so verführerisch duftete.

Kardahl entging nicht, wie kühl Jessicas Blick wirkte, seit sie wusste, wer er war, und dass sie sich absichtlich jeder noch so flüchtigen Berührung entzog. In Anbetracht des Verwandtschaftsverhältnisses fand er das rätselhaft und unbegreiflich.

Mit einer Handbewegung gab er ihr zu verstehen, ihm vorauszugehen. „Komm, wir sollten uns auf den Weg machen.“

Wenig später saß sie auf dem Rücksitz einer Limousine, während Kardahl dafür sorgte, dass ihre Reisetasche und der Koffer im Kofferraum verstaut wurden. Mehr hatte sie nicht mitgebracht, und mehr brauchte sie auch nicht.

Schließlich setzte Kardahl sich neben sie und begegnete ihrem Blick. Für die negative Berichterstattung in der Skandalpresse und in gewissen Magazinen war er natürlich selbst verantwortlich. Nachdem er die Frau verloren hatte, die die große Liebe seines Lebens gewesen war, war er es irgendwann leid gewesen, von allen Seiten solche Bemerkungen zu hören, wie das Leben gehe weiter und dergleichen. Kurz entschlossen hatte er sich in die Arbeit – und ins Vergnügen gestürzt. Es stimmte, er hatte zahlreiche Affären gehabt. Doch das Kompliment, das er Jessica gemacht hatte, war ernst gemeint. Sie war eine ungemein schöne Frau. Das lange braune Haar mit den sonnengebleichten Strähnen fiel ihr über die Schultern, während einige kürzere Strähnen ihr schönes Gesicht umrahmten. Ihr edles Profil verriet Klasse, und die vollen, fein geschwungenen Lippen wirkten so verführerisch, dass er sie am liebsten geküsst hätte.

„Erzähl mir etwas über dein Leben“, bat er.

„Oh, ich bin enttäuscht.“

„Wenn du mir verrätst, wer dich enttäuscht hat, werde ich ihn oder sie zur Rechenschaft ziehen.“

„Du brauchst nur in den Spiegel zu schauen, dann weißt du es“, erwiderte sie trocken. „Fällt dir keine bessere Gesprächseinleitung ein? Ich gebe dir gern einige Tipps. Wie wäre es mit: ‚Du hast drei Wünsche frei. Einer davon ist dir gerade erfüllt worden, ich bin da. Wie lauten die beiden anderen?‘ Meine Lieblingseinleitung lautet: ‚Was hältst du von Liebe auf den ersten Blick? Soll ich noch einmal hinausgehen und wieder zurückkommen?‘“

„Warum bezweifelst du, dass ich es ernst meine und dich wirklich besser kennenlernen möchte?“

Sie sah ihn abschätzend an. „Ich weiß noch nicht, ob ich das glauben kann.“

Jessica Sterling wurde ihm immer rätselhafter. Seit sie wusste, wer er war, hatte sich ihr Verhalten ihm gegenüber verändert. Während sie ihm zunächst offen, freundlich und mit einem gewissen Interesse begegnet war und ihre Hand sogar in seiner gezittert hatte, war sie ihm gegenüber auf einmal misstrauisch und abweisend. So hatte noch keine Frau auf ihn reagiert. Aber irgendwie gefiel es ihm. Er empfand es als Herausforderung.

„Normalerweise erzählt mir jede Frau eine ganze Menge über sich, wenn ich sie höflich und ernsthaft darum bitte“, erklärte er lächelnd.

„Okay, ich bin bereit mitzuspielen.“

„Hältst du es für ein Spiel?“

„Was ist es denn sonst?“, fragte sie.

Kardahl nickte. „Wie du willst. Dann spielen wir beide. Ich bitte dich noch einmal, mir etwas über dich und dein Leben zu erzählen.“

Sie atmete tief durch. „Ich bin in Los Angeles geboren, und meine Mutter ist gestorben, als ich zwölf war. Ich bin in einem staatlichen Kinderheim aufgewachsen, aufs College gegangen und diplomierte Sozialarbeiterin.“ Sie zuckte die Schultern. „Das ist das Wichtigste in Kurzfassung.“

Kardahl war klar, es war noch längst nicht alles. Erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass sein Vater Erkundigungen über sie hatte einziehen wollen. Das hatte er bestimmt auch getan, aber damals war Kardahl daran nicht interessiert gewesen und hatte es wahrscheinlich versäumt, den Bericht zu lesen, was er jetzt bereute.

Nachdenklich blickte er sie an. „Ich vermute, du hast mir eine ganze Menge verschwiegen.“

Sie runzelte die Stirn. Dann wandte sie sich ab und schaute zum Fenster hinaus. Die Hände hatte sie im Schoß gefaltet. Sie wirkte seltsam angespannt und ließ die Daumen nervös kreisen.

„Sicher, aber der Rest ist absolut unwichtig“, antwortete sie schließlich und blickte ihn an. „Erzähl mir lieber etwas über dich, das ist bestimmt interessanter.“

Offenbar wollte sie nicht über sich reden, was ihn erst recht neugierig machte. Er war sich jedoch sicher, dass er früher oder später alles erfahren würde, was er wissen wollte. „Ich bin nach meinem Bruder der zweite Anwärter auf die Thronfolge.“

„Sozusagen der Ersatzerbe?“

Er musste lachen. „Wenn du es so nennen willst.“

„Deine Stellung entspricht in etwa der des Vizepräsidenten in den USA, oder?“

„Ja, so ungefähr.“

„Noch bist du ja sehr damit beschäftigt, alle möglichen Frauen rund um den Globus glücklich zu machen. Hast du überhaupt Zeit, dich vorzubereiten?“

„Worauf?“

„Das Land zu regieren, falls es nötig sein sollte.“

An seinem schlechten Ruf war er selbst schuld, doch vieles, was über ihn berichtet worden war, war stark übertrieben. Außerdem wusste niemand, warum er alles getan hatte, um sich diesen schlechten Ruf zu erwerben. „Falls es jemals nötig sein sollte, werde ich selbstverständlich meine Pflicht tun. Ich hoffe jedoch sehr, dass mein Bruder Malik die Nachfolge unseres Vaters antritt.“

„Okay. Erzähl weiter.“

„Was möchtest du denn wissen?“

„Mich interessiert vor allem, wie ein Mann wie du, der so viele Möglichkeiten hat, etwas Gutes und Sinnvolles zu tun, ein vergnügungssüchtiger Mensch werden kann, der sich von einer flüchtigen Affäre in die nächste stürzt.“

Ihre Stimme klang ruhig und sachlich, doch Kardahl war klar, dass Jessica ihn kritisierte. „Du hast eine sehr schlechte Meinung von mir.“

„Das ist doch kein Wunder bei all den Geschichten, die man über dich und deine zahlreichen Affären lesen kann.“

Nach dem Tod seiner geliebten Antonia vor zwei Jahren hatte er beschlossen, nie wieder etwas für eine Frau zu empfinden. Deshalb überraschte es ihn, dass er sich über Jessicas Äußerung ärgerte. „Hältst du alles, was du gelesen hast, für wahr?“

„Völlig erfunden und aus der Luft gegriffen können die Geschichten nicht sein, sonst hättest du dich doch mit allen Mitteln dagegen gewehrt und die Reporter und Herausgeber mit Verleumdungsklagen überzogen. Außerdem stellen sich solche Geschichten, die zunächst heftig abgestritten wurden, später oft als wahr heraus. Ja, ich glaube viel von dem, was über dich geschrieben wird“, gab sie zu und begegnete seinem Blick. „Ich muss aber gestehen, die Fotos, die man von dir veröffentlicht, werden dir nicht gerecht.“

„Paparazzi sind in der Wahl der Mittel nicht zimperlich. Je negativer sie mich präsentieren können, desto besser.“ Diesen Leuten ist es völlig egal, ob sie jemanden verletzen, Hauptsache, die Fotos und die entsprechenden Berichte lassen sich gut verkaufen, fügte er insgeheim verbittert hinzu.

„Dazu hast du ihnen sicher oft genug Anlass gegeben.“

„Wenn du eine so durch und durch schlechte Meinung von mir hast, möchte ich dir eine Frage stellen: Warum warst du einverstanden herzukommen?“

„Das weißt du genau. Der Mitarbeiter des Königs hat mir versprochen, ich würde meine Verwandten kennenlernen. Und darauf freue ich mich. Anschließend fliege ich nach Hause zurück und konzentriere mich wieder auf meine Arbeit, die für mich sehr wichtig ist. Doch das verstehst du wahrscheinlich nicht.“

„Vielleicht täuschst du dich. Ich bin bekannt für mein soziales Engagement.“

Lächelnd erwiderte sie: „Das bezweifle ich nicht. Auch das steht in der Presse. Das aber, was du offenbar darunter verstehst, halte ich für sehr fragwürdig.“

Sie verurteilt mich, ohne mich zu kennen, dachte er verletzt und beleidigt. Wollte sie ihn provozieren? Wenn ja, würde sie eine Enttäuschung erleben. Die Zeit der leidenschaftlichen Gefühle und heftigen Reaktionen war längst vorbei. Er hatte alles verloren und fühlte sich innerlich leer.

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