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Verführung für Anfänger

1. KAPITEL

North Shore, Oahu, Hawaii

Meine liebe, verrückte Aunt Tate soll tot sein?

Amelia Weatherbee klappte ihr Handy zu und umfasste das Lenkrad fester, um ihren Wagen sicher durch die Kurve zu lenken. Die Straße führte schon seit einer ganzen Weile einen Berg hinauf, und im Rückspiegel sah Amelia, wie die unzähligen Hotelgebäude von Waikiki langsam kleiner wurden.

Warum ging ihre Mutter eigentlich nicht ans Telefon?

Wieder griff sie nach ihrem Handy und wählte die Nummer, aber es war nichts zu machen. Niemand hob ab. Ihre Mutter meldete sich einfach nicht.

Vorhin hatte dieser grässliche französische Anwalt, der ihre Tante betreute, angerufen und ihr mitgeteilt, dass Aunt Tate gestorben war. Amy hatte wohl ein paar Sekunden unter Schock geschwiegen, so sehr hatte sie die Nachricht getroffen. Sie kam erst wieder zu sich, als der Anwalt ihr mitteilte, dass das gesamte Erbe an sie ging.

Alles. Damit war eigentlich nur Château Serene gemeint, ein Weingut in der Provence, wo Amy zusammen mit Aunt Tate und ihrem Mann, einem hochnäsigen, französischen Comte, viele unvergessliche Sommerferien verbracht hatte. Allerdings gehörte zu dem Erbe noch ein unglaublich wertvolles Gemälde von Matisse. Ihre Tante hatte es einem französischen Museum stiften wollen. Leider war ihr das vor ihrem Tod nicht mehr gelungen, deshalb hatte sie Amy einen Brief hinterlassen, in dem sie ihr erklärte, was mit dem Gemälde geschehen solle. Aber im Grunde genommen gehörte der Matisse Amy.

„Es tut mir leid, aber das Gebäude befindet sich in einem erbärmlichen Zustand“, hatte der Anwalt gesagt. „Aber Sie haben Glück, der junge Comte ist bereit, Ihnen ein großzügiges Angebot zu machen. Das Gemälde möchte er natürlich auch zurückkaufen. Es gehört ja auch wieder in den Besitz der Familie, in dem es sich fast ein volles Jahrhundert befunden hat.“

„Die Familie des Comte konnte meine Tante nicht leiden“, erwiderte Amy. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich an ihn verkaufen möchte.“

„Aber Mademoiselle, das Château befand sich fast achthundert Jahre lang im Besitz dieser Familie.“

„Gut, aber ich werde darüber entscheiden. Auf Wiedersehen.“ Wütend hatte Amy das Gespräch beendet und aufgelegt.

Anschließend hatte sie ihre beste Freundin Nan angerufen und sie gefragt, ob sie heute bei „Vintage“, Amys Second-hand-Shop, aushelfen könne. Der Schlussverkauf begann heute, und Amy brauchte Nan dringend. Seitdem versuchte sie verzweifelt ihre Mutter zu erreichen, weil sie ihr von Aunt Tates Tod berichten wollte. Außerdem musste sie bald nach Frankreich fliegen, um nach dem Château und den Weinbergen zu sehen.

Amy dachte an ihre Kunden, die sicherlich schon vor ihrem Geschäft Schlange standen, und trat fester aufs Gaspedal. Ihr Wagen raste den Berg hinauf, und sie erblickte die weite Küste, wo die Wellen unaufhaltsam gegen die Felsen peitschten. Ihr Laden spielte keine Rolle. Nichts spielte eine Rolle. Das Leben war einfach zu kurz. Sie sehnte sich nach Fletcher, ihrem langjährigen Freund. Sie wollte, dass er sie festhielt. Deshalb fuhr sie, so schnell sie konnte, zu seinem Strandhaus am North Shore.

Aunt Tate war tot. An einem Tag wie diesem hätte es Amy nicht verwundert, wenn eine riesige Welle sämtliche Inseln von Hawaii überflutet oder ein Erdbeben alle Hotels von Waikiki dem Erdboden gleichgemacht hätte.

Während ihr Toyota gegen den starken Wind ankämpfte, fühlte Amy sich wie immer tief berührt von der Schönheit der Insel Oahu mit ihren grünen Gebirgsketten und den endlos weißen Stränden.

Wehmütig dachte Amy an Aunt Tate und wurde dabei immer trauriger. Erneut wählte sie die Nummer ihrer Mutter. Wenn sie sich doch nur endlich melden würde!

Nie wieder werde ich Aunt Tate bewundern können, wenn sie sich in eins ihrer schrägen Outfits wirft. Nie wieder wird ihr tiefes Lachen ertönen, wenn sie sich darüber lustig macht, dass sie eine Comtesse ist.

Der strahlend blaue Himmel verschwamm. Amys Augen brannten. Nein. Sie würde jetzt nicht weinen.

Amy fuhr viel zu schnell, was sie sonst nie tat. Mit zitternden Händen rief sie erneut ihre Mutter an, wobei sie das Handy fest an ihr Ohr drückte, bis es schmerzte. Völlig außer Atem antwortete ihre Mutter nach dem achten Klingeln: „Hallo!“

„Mom! Endlich! Etwas Furchtbares ist passiert. Ach, ich versuche schon seit Stunden, dich zu erreichen.“ Das war übertrieben, aber ihre Mutter hatte es verdient.

„Brauchst du mehr Geld? Soll ich dir noch mal eine Hypothek für ‚Vintage‘ unterschreiben? Wo bist du, meine Süße? Ist heute nicht dein großer Tag? Wie läuft der Verkauf?“, fragte ihre Mutter leicht verstört.

„Nein, Mom. Ich bin nicht bei ‚Vintage‘. Ich bin am North Shore.“

„Amy, ich dachte, wir hätten ausgemacht, dass du dich von Fletcher fernhältst!“, entgegnete ihre Mutter aufgebracht. Konnte sie nicht einmal ihre Mutterrolle vergessen? Dass sie nun auch noch davon anfing, wie verantwortungslos und gleichgültig Fletcher war, ärgerte Amy maßlos. Warum hatte sie nicht jemand anderes angerufen? Es war aber auch zu dumm, dass sonst gerade niemand zu erreichen war. Ihre Schwester Carol hätte ihr sicher mehr Verständnis entgegengebracht, aber dort, wo sie wohnte, war es gerade finstere Nacht. Deshalb konnte Amy sie nicht anrufen. Zur Freude ihrer Mutter hatte Carol nämlich einen englischen Lord geheiratet, mit dem sie, eine Stunde von London entfernt, auf einem schicken Anwesen lebte.

Amys Freundin Liz verbrachte gerade ihren Urlaub auf Molokai, und Fletchers Telefon war wie gewöhnlich ausgeschaltet. Außerdem war ihre Mutter Aunt Tates Schwester. Sie hatte ein Recht darauf zu erfahren, was los war. Und wenn sie nach Frankreich musste, wer sonst sollte sich dann um „Vintage“ kümmern?

Muscheln knirschten unter den Reifen, als Amy die Auffahrt zu Fletchers Haus hinauffuhr. Dieses schäbige Haus, nein, die ganze Gegend war so heruntergekommen, dass sie hier jedes Mal eine Gänsehaut bekam.

„Amy, versprich mir, dass du nicht allein zu Fletcher gefahren bist!“, rief ihre Mutter entsetzt. Amy biss die Zähne zusammen. „Du hast wirklich jemand Besseres verdient.“

„Mom, ich bin erwachsen.“

„Manchmal kann ich das gar nicht glauben. Carol hätte niemals ihre wertvolle Zeit vergeudet …“

„Fang jetzt bitte nicht auch noch von Carol an!“, zischte Amy aufgebracht.

„Das ist alles die Schuld deines Vaters“, schimpfte ihre Mutter. „Er war ein Versager, und du warst sein absoluter Liebling. Leider hast du ihn nicht durchschaut. Ich vermute, du brauchst solche Versager wie ihn.“

„Aber du hast Dad doch geheiratet!“

„Erinnere mich bloß nicht daran.“

„Mom!“

„Nicht, dass ich froh darüber wäre, dass er mich verlassen hat oder dass er tot ist. Gott hab ihn selig.“

Nervös betrachtete Amy die schrottreifen Autos auf dem Hof vor Fletchers Haus. Als sie sein gelbes Surfbrett entdeckte, das auf der Ladefläche des alten blauen Lieferwagens lag, war sie erleichtert.

Ihre Mutter seufzte.

Amy hatte das Haus, das Fletcher gekauft hatte, nie besonders gemocht. Er vermietete die vielen Zimmer an seine Surferfreunde, mit denen er zusammenlebte. Amy tat sich schwer mit dem Gemeinschaftssinn dieser Leute. Nie hatte sie Fletcher für sich allein. Ständig schwirrte irgendjemand im Haus herum. Aber die Immobilienpreise auf Oahu waren hoch. Das wusste sie aus eigener Erfahrung. Der Wert des Hauses ihrer Mutter war in den letzten Jahren drastisch gestiegen, genauso wie die laufenden Ausgaben, die ein Vermögen verschlangen. Deshalb war Amy wieder bei ihr eingezogen. Dafür dass sie keine Miete zahlen musste, unterstützte sie ihre Mutter bei den monatlichen Kosten für die Grundsteuer.

„Amy! Bist du noch da?“

Amy spürte das weiche Leder des Lenkrads unter ihren Fingern. „Mom, hör zu“, sagte sie. „Dieser eingebildete Anwalt aus Frankreich hat angerufen.“

„Was wollte er denn?“, fragte ihre Mutter.

„Mom, Aunt Tate ist letzte Nacht gestorben.“

„D…das kann ich nicht glauben. I…ich habe doch erst kürzlich mit Tate gesprochen. Sie hat mir von so vielen Partys erzählt, auf denen sie in Paris war.“

„Mom, der Gottesdienst und die Beerdigung haben schon stattgefunden. Ihre Urne ist im Château de Fournier beigesetzt worden.“

„Wie bitte? Warum hat mich denn niemand benachrichtigt? Ich bin doch ihre einzige Schwester. Und warum im Château de Fournier? Sie hat es dort gehasst!“ Amys Mutter klang entsetzt.

„Ihr Adressbuch ist erst heute gefunden worden“, tröstete Amy.

Darauf schwieg ihre Mutter ungewöhnlich lange. War es, weil sie von Trauer überwältigt wurde, oder schmollte sie, weil sie nicht benachrichtigt worden war? Sie und Tate waren nicht gerade die besten Freundinnen gewesen, aber das kam doch unter Schwestern öfter vor. Tate hatte so gehandelt, wie es von Frauen in ihrer Familie erwartet wurde: Sie hatte einen reichen Mann geheiratet. Genauer gesagt war es ein französischer Comte, der schon zweimal zuvor verheiratet gewesen war. Tate ließ ihre Familie bei jeder Gelegenheit spüren, wie weit sie es gebracht hatte. Jedes Jahr zu Weihnachten schickte sie einen Brief, in dem sie von Partys auf Schlössern, Ausflügen nach Monaco, Yachten und glamourösen Freunden auf der ganzen Welt berichtete. Ihre Stiefkinder waren alle berühmt, aber am meisten gab sie mit ihrem Stiefsohn Remy de Fournier an, einem ungemein attraktiven Playboy, der außerdem ein erfolgreicher Formel1-Rennfahrer war. Nur in letzter Zeit hatte ihn Tate nicht mehr erwähnt. Offenbar war er vor einem Jahr ziemlich plötzlich aus der Rennszene verschwunden.

Immer wenn ihre Mutter von Aunt Tate gehört hatte, war sie tagelang schlecht gelaunt gewesen. Dann hackte sie ständig auf Amys totem Vater herum, der es nie zu etwas gebracht hatte.

„Aunt Tate hat alles mir vermacht. Das Weingut, Château Serene und das Gemälde von Matisse“, platzte Amy heraus.

„Was? Allein das Bild ist ein Vermögen wert!“ Ihre Mutter konnte es kaum glauben.

„Aunt Tate möchte, dass ich es einem Museum stifte.“

„Das kannst du nicht machen. Sei nicht so großzügig.“

„Ich bin erwachsen, Mutter. Es tut mir leid, aber ich muss nach Frankreich fliegen, um mir das Château anzusehen und mich um Tates letzten Willen zu kümmern. Bitte Mom, könntest du solange ‚Vintage‘ für mich übernehmen?“

„Ja, von mir aus, aber ich brauche noch ein oder zwei freie Tage. Danach helfe ich dir gerne. Mir war es in letzter Zeit sowieso oft langweilig.“

Das war sicher die Erklärung dafür, warum ihre Mutter sich ständig in ihr Leben einmischte.

„Mom, könntest du Nan auch heute bitte beim Schlussverkauf helfen?“

Ihre Mutter seufzte.

„Bitte, nur für ein oder zwei Stunden“, bettelte Amy. „Ich möchte nicht, dass Nan zu viel Arbeit hat.“

„Meinetwegen“, willigte ihre Mutter ein.

Erleichtert legte Amy auf.

Jetzt musste sie nur noch Fletchers Nähe spüren, und alles würde gut werden.

Als Amy aus dem Wagen stieg, riss ihr der Wind die Autotür aus der Hand und fuhr ihr ins lange, dunkle Haar. Ihre Sandalen sanken beim Gehen tief in den sandigen Boden ein, und sie war froh, als sie das hohe, ungemähte Gras in Fletchers Vorgarten erreichte. Heute störten sie nicht einmal all die Bierdosen und die Fast-Food-Schachteln, die überall auf Fletchers Rasen herumlagen.

Rasen. Als wenn das der passende Ausdruck gewesen wäre!

Zu gern würde sie sich jetzt in Fletchers Arme stürzen, sich fest an ihn klammern und seinen männlichen Duft einatmen. Sie wünschte, sie könnte ihm ihr Herz ausschütten, aber dazu war sie heute zu ängstlich. Die Trauer um ihre Tante würde er doch nicht verstehen. Er hatte Tate auch nie persönlich kennengelernt. Ein paar Mal hatte er Amy eine Postkarte geschickt, wenn sie in Frankreich ihre Ferien verbracht hatte. Mehr als ein paar Worte hatte er nie draufgekritzelt. Für ihn hatte es jedoch harte Arbeit bedeutet.

Als Amy die wackligen Stufen zur Veranda hinaufstieg, fiel ihr Blick auf vier rote Stofffetzen, die über dem Geländer hingen. Voller Neugierde griff sie danach, stellte aber schnell beunruhigt fest, dass sie zwei winzige Bikinioberteile in der Hand hielt. Dann ertönte wilde Musik, ein Sänger kreischte wild: „Yeah, yeah, yeah!“ Eine elektrische Gitarre setzte ein, begleitet von einem wummernden Schlagzeug. Amy bekam plötzlich ein ganz seltsames Gefühl. Fletcher feierte doch nicht etwa ohne sie eine Party?

Wütend schleuderte sie die Bikinioberteile ins Gras und marschierte über die Holzveranda ums Haus herum. Als sie um die Ecke bog, wäre sie beinah über einen schlafenden Mann gestolpert, der dort am Boden lag. Amy erschrak fürchterlich. Eine Alkoholleiche? Das wurde ja immer besser!

Kaum war sie an dem einen Kerl vorbei, entdeckte sie noch sechs oder sieben weitere Typen, die es sich überall im Garten bequem gemacht hatten. Amy konnte es kaum glauben. Da klang schallendes männliches Gelächter aus Richtung des Pools zu ihr herüber, gefolgt von lautem Kreischen. Amys Herz begann in böser Vorahnung wild zu klopfen.

Fletcher!

Ganz langsam drehte sie sich zum Pool um. Das Sonnenlicht spielte in Fletchers Locken. Er räkelte sich am Rande des Pools. Zwei Blondinen ohne Oberteil saßen auf Fletchers Schoß und amüsierten sich offenbar prächtig.

Hilflos tastete Amys Hand nach dem Treppengeländer. Als sich ein Holzsplitter in ihren Daumen bohrte, spürte sie nicht einmal den Schmerz.

Endlich schaffte sie es, Fletchers Namen zu rufen.

Er sprang vor Schreck auf und enthüllte dadurch, dass er keine Badehose trug. Als er Amy ansah, lief sein gut geschnittenes Gesicht vor Scham knallrot an. „Äh … Hey Baby. Warum hast du nicht angerufen?“

Mit einem Schrei stürzten sich die Mädchen ins Wasser. Amy wich entsetzt zurück.

„Baby!“ Fletcher hob ein nasses Handtuch vom Boden auf, wickelte es um seine Hüften und kam auf Amy zu. Seine nassen Füße hinterließen kleine Pfützen auf den Holzdielen der Veranda. Amy rannte los, sprang über mehrere bewusstlose Surfer, Teller mit Essensresten und unzählige umgekippte Bierflaschen. Sie stürmte zu ihrem Auto, aber Fletcher war schneller. Flink wie ein Wiesel nahm er alle Stufen auf einmal und packte sie am Arm.

„Baby, ich weiß, dass du allen Grund hast, wütend zu sein. Aber bitte, ich kann dir das erklären.“ Sein Atem roch stark nach Alkohol, überall in seinem Gesicht klebte Lippenstift.

Ruckartig riss Amy sich von ihm los und stürmte an den Autowracks vorbei.

„Ich weiß, ich hätte dich auch einladen sollen!“, rief er ihr nach. „Aber du kannst meine Partys ja nicht leiden. Einziehen wolltest du auch nicht bei mir. Macht dir eigentlich überhaupt noch irgendetwas Spaß? Seitdem du deinen Laden hast, bist du so alt und langweilig geworden wie der ganze Kram, den du verkaufst. Und damit meine ich auch unser Sexleben. Es ist so öde, weil du nie was Neues ausprobieren willst.“

„Ich arbeite den ganzen Tag, ganz im Gegensatz zu dir. Abends bin ich nun mal hundemüde.“

„Du Arme! Ich kann es einfach nicht mehr hören.“

„Warum wirst du nicht endlich erwachsen?“

„Ich bin erwachsen. Ich habe Geld, ich habe dieses Haus gekauft, und ich kann es unterhalten. Wen stört es da, dass ich keinen normalen Job habe?“

Sie starrte erst ihn an und dann die Plastiktüten, die im hohen Gras des verwilderten Gartens gespenstisch hin und her flatterten. Ihr Blick streifte ein letztes Mal das alte Haus, bevor sie ihn fragte: „Ist das wirklich alles, was du dir wünschst?“

„Was soll daran falsch sein?“, antwortete Fletcher. „Mein Vater hat so lange geschuftet, bis er daran zugrunde gegangen ist. Glücklicherweise hat er mir genug hinterlassen, dass ich davon leben kann. Das hier ist mein Paradies.“

Die Blondinen, die sich mittlerweile ebenfalls in Handtücher gewickelt hatten, standen auf der Veranda und starrten zu ihnen herüber. Konnte es sein, dass seine Freundinnen immer jünger wurden?

Amy kramte hastig in ihrer Handtasche nach dem Autoschlüssel. Wann hatte sich alles zum Schlechten gewendet? Wann hatte sich das Glück verabschiedet? Als sie ihren Schlüssel fand, drückte sie den kleinen Knopf, der die Zentralverriegelung öffnete. Sie stieg in den Wagen, knallte die Tür zu und startete den Motor. Fletcher kam auf sie zu, während sie die Scheibe herunterfahren ließ. Vorsichtig lächelte er Amy an.

Seine Augen waren wirklich himmelblau, sie schienen so warmherzig und gut, und selbst jetzt wirkten sie noch unglaublich sexy. Aber, verflixt noch mal, ihre Mutter hatte recht. Sie konnte nicht mit ihm ihr Leben verbringen.

Aber konnte sie ohne ihn leben?

„Weißt du was, Fletcher? Ich habe es einfach satt, nur mit dem coolsten und beliebtesten Typen zusammen zu sein, von dem alle Mädchen träumen. Ich möchte auch von jemandem begehrt werden.“

„Baby …“

„Weißt du, du bist nicht der Einzige, der erwachsen werden muss.“ Sie trat so fest auf das Gaspedal, dass die Reifen durchdrehten und Sand gegen sein Schienbein spritzte.

„Tut mir leid“, flüsterte sie mit einem Seufzer. So viele Dinge taten ihr wirklich von Herzen leid: dass sie ihre Mutter enttäuscht hatte, die Sache mit ihrem Vater – all ihre Träume, aus denen nichts geworden war. Nach etwa einer Meile begann sie so stark zu zittern, dass sie das Auto nicht mehr richtig unter Kontrolle hatte. Sie fuhr rechts ran und hielt.

Schon immer hatte sie Fletcher geliebt, und sie fand ihn noch genauso umwerfend wie damals auf der Highschool. Aber diese Zeit war vorbei.

Sie klappte den Sonnenschutz herunter und betrachtete sich mit viel zu kritischem Blick. Wenn sie sich nicht gerade mit nackten Teenagern verglich, fühlte sie sich eigentlich gar nicht so alt. Heute war sie nur viel zu beschäftigt gewesen, um sich um ihr Make-up oder ihre Haare zu kümmern. Der Wind und die Luftfeuchtigkeit hatten ihr Übriges getan. Ihr dunkles Haar hing in Strähnen herab. Auch der Kummer hatte Spuren hinterlassen. Ihre braunen Augen waren gerötet, die Wimperntusche verlaufen.

Bilder aus der Vergangenheit stiegen in ihr hoch. Schon im Kindergarten war sie heimlich in Fletcher verknallt gewesen. In der sechsten Klasse war er sitzen geblieben und musste eine Ehrenrunde drehen. Von da ab hatten sie gemeinsam die Schulbank gedrückt. Er war schon damals so groß und attraktiv gewesen wie heute und ein absoluter Draufgänger. Er war der beliebteste Junge der ganzen Schule gewesen – und sie eher die typische Leseratte. Eines Tages war er in der Pause auf sie zugerannt und hatte ihr aus Spaß ein Herz auf den Arm gemalt. Dann hatte er sie auf die Wange geküsst, ihr das Buch aus der Hand genommen und war damit davongelaufen.

Amy hatte sich gefühlt wie Cinderella. Ihre Wange hatte noch Stunden später geglüht, als er ihr das Buch zurückgab und sie nochmals küsste. In den folgenden Jahren hatte er nie aufgehört, sie zu necken. Später in der Highschool wurde ihre Beziehung dann fester. Zumindest von ihrer Seite aus. Sie zwang sich zur Geduld und sagte sich, sie könne auf ihn warten, bis er vollkommen bereit für sie sei.

Doch vergebens.

Aber das war jetzt vorbei.

London, drei Tage später

Versprich mir, dass du nicht mit ihr schläfst!

Ein Mann, der fünfunddreißig ist und dazu noch berühmt – was Frauen betrifft, sogar berüchtigt –, lässt sich eine derartige Äußerung von seiner Mutter wohl kaum gefallen. Auch dann nicht, wenn seine Mutter eine Comtesse ist.

Ohne nach rechts oder links zu sehen, lief die junge, schlanke Frau, von der seine Mutter ihn unbedingt hatte fernhalten wollen, über die Straße.

Da er sie nicht erschrecken wollte, wartete Remy noch einige Sekunden, bevor er ihr mit großen Schritten nacheilte. Seine Mutter musste sich überhaupt keine Sorgen machen. Miss Weatherbee war ganz und gar nicht sein Typ.

Das braune Haar zu einem dicken Zopf geflochten. Rehbraune Augen. Bestimmt nicht unansehnlich, aber auch nicht außergewöhnlich hübsch. Wirklich, alles eher unscheinbar, abgesehen von … Interessiert betrachtete er ihre weiblich gerundeten Hüften. Vorhin hatte er beobachtet, wie sie sich sexy Unterwäsche gekauft hatte. Er wünschte sich, dass sie ihm nicht verboten worden wäre, denn gerade das machte sie so faszinierend für ihn.

Schon immer hatte Remy de Fournier, oder vielmehr der Comte de Fournier, eine ausgesprochene Vorliebe für Verbotenes gehabt. Seine Mutter oder seine älteren Schwestern mussten ihm nur irgendetwas verbieten, und schon tat er genau das. Als er älter wurde, liebte er heiße Sportwagen und noch mehr heiße Frauen, bis der Unfall letztes Jahr auf der Rennstrecke in Magny-Cours sein Leben in einen Albtraum verwandelt hatte. Seitdem lebte er, von einigen Kurzaufenthalten in Paris abgesehen, im selbst auferlegten Exil in London.

Gestern hatte das höchste Gericht in Frankreich entschieden, ihn nicht wegen Totschlags anzuklagen. Er musste sich noch um einige wichtige Dinge kümmern, bevor er nach Hause zurückkehren konnte. Deshalb hatte ihn seine Mutter angerufen. Aus Freude über Remys Rückkehr hatte sie ein Essen organisiert, wozu sie Céline, seine allererste Freundin, der er seit Jahren nicht mehr begegnet war, eingeladen hatte.

Eigentlich hätte er über seinen Freispruch erleichtert sein müssen und darüber, dass seine Mutter wieder mit ihm sprach. Stattdessen war er letzte Nacht wieder von diesem bösen Albtraum gequält worden, in dem er seinen Unfall wieder und wieder erlebte. Sein Lenkrad blockierte, als er in die Kurve fuhr. Er spürte noch einmal, wie das Adrenalin in ihm hochschoss, während er verzweifelt kämpfte und doch mit zweihundertfünfzig Stundenkilometern gegen die Wand krachte. Dann prallte er in Andrés Wagen, kurz darauf in den von Pierre-Louis. Der entsetzte Ausdruck in Andrés dunklen Augen hatte sich tief in seine Seele gebrannt.

Mit diesem immer noch so lebendigen Bild vor Augen war Remy morgens um vier aufgewacht. Eilig hatte er sich angezogen und war kurz darauf aus seiner Wohnung geflüchtet, um sich einen Kaffee zu besorgen. Als er wenig später zurückkehrte und seinen Computer einschaltete, weil er sich um die Geschäfte der Familie kümmern musste, war seine Stimmung noch immer gedrückt gewesen. Auch seine Mutter, die wegen des Essens mit Céline angerufen hatte, war nicht in der Lage gewesen, ihn abzulenken. Sie hatte ihn ausdrücklich vor Mademoiselle Weatherbee gewarnt, die jetzt gerade vor ihm herstolzierte. Ihr süßer Po wippte bei jedem Schritt, und ihre knallroten Einkaufstaschen schwangen im Takt, als sie die Duke Street überquerte. Je länger er hinstarrte, desto hinreißender wurde der Anblick.

Eigentlich bevorzugte er langbeinige blonde Models, Schauspielerinnen oder sonst wie berühmte Frauen. Eigentlich ausnahmslos Damen mit üppigen Brüsten, die wussten, wie sie ihre Reize zur Geltung bringen mussten. Céline zum Beispiel war voll und ganz sein Typ. Mademoiselle Weatherbee mit ihren rehbraunen Augen und ihrem dunklen Haarzopf sicher nicht. Diese naiven Amerikanerinnen hatten einfach keinen Sinn für Mode.

Dennoch faszinierte ihn ihr Gang. In ihrem blauen Sommerkleid wirkte sie frisch und unschuldig, obwohl es ihre schlanken Schultern und die schmale Taille hervorhob. Vor allem aber betonte es ihren reizenden, runden Po, der sich so keck unter dem Kleid bewegte.

Wie sinnlich ihre Bewegungen waren! Wie sie sich wohl nackt anfühlen würde? Würde sie sich unter ihm winden oder einfach nur still daliegen? Verflucht, wenn sie ihm gehörte, würde er sie schon in Fahrt bringen!

Der Anruf seiner Mutter am frühen Morgen hatte ihn fürchterlich aufgeregt. „Ich kann nicht schlafen, weil ich so aufgeregt bin“, hatte sie gesagt. „Überall im Internet steht, dass du freigesprochen wurdest. Und Mademoiselle Weatherbee hat gestern bei ihrer Schwester in St. James übernachtet. Heute ist sie auch noch dort … Da du in der Nähe wohnst, musst du dich unbedingt um sie kümmern.“

„Ich habe noch so viele Dinge zu erledigen, weil ich so schnell wie möglich aus London wegwill.“

„Aber sie hat all unsere Angebote abgelehnt. Wir müssen es irgendwie schaffen, ihr Château Serene abzukaufen.

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Viel Spaß!



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