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Verführung eines Fremden

1. KAPITEL

Grayson Prentiss hatte nur noch wenige Minuten zu leben. Er machte sich keine Illusionen darüber, wie lange er in den eisigen, aufgewühlten Wellen des Atlantiks durchhalten würde, wenn das Schiff sank. Also stemmte er sich - auch wenn es ihm zwecklos erschien - in einem letzten Aufbäumen gegen die wilden Sturmwinde, die die „Bluehawk“ von ihrem Kurs abbrachten, mit aller Kraft gegen das große Ruder des Schiffs.

Über ihm übertönte der Donner das Tosen der Fluten. Gezackte Blitze beleuchteten für Augenblicke die zerfetzte Takelage und die wenigen noch verbleibenden Männer der Besatzung. In diesem Moment wurde Grayson klar, dass das Schiff der Zerstörungskraft der Elemente nicht mehr lange standhalten würde.

Der Sturm hatte sie vor zwei Tagen eingeholt, obwohl der Kapitän sein Bestes gegeben hatte, um dem Unwetter zu entgehen. Als den Kapitän seine Kräfte verließen, hatte Grayson das Ruder übernommen und mit aller Macht versucht, das Schiff auf Kurs zu halten. Aber weder seine Fähigkeiten noch die robuste Bauweise der „Bluehawk“ hatten dafür ausgereicht. Noch war es ihm gelungen, die wertvolle Ladung des Schiffs zu sichern, die die finanzielle Rettung seiner Familie, die in England auf ihn wartete, bedeutet hätte.

Das Schiff legte sich bedenklich nach rechts und Graysons Füße rutschten weg. Nur sein starker Griff und das Seil, mit dem er sich festgebunden hatte, bewahrten ihn davor, ihn die tosende See gespült zu zu werden. Plötzlich übertönte ein lautes Knacken über seinem Kopf den Sturm und ließ ihn aufblicken. Im Licht eines zuckenden Blitzes sah er, dass der Mast fast bis zum Boden geborsten und im Begriff war, auf ihn zu stürzen.

Grayson hechtete nach rechts, als der massive Mast auf dem Deck aufschlug und die letzte Hoffnung zunichte machte, das Schiff könnte das Unwetter überstehen. Flammen schlugen aus einer zerschmetterten Schiffslaterne hoch. Das Seil, das eben noch seine einzige Sicherheit gewesen war, fesselte ihn jetzt. Die Flammen griffen weiter um sich und näherten sich ihm. Grayson tastete nach seinem Messer, das er am Gürtel trug, und benutzte die scharfe Klinge, um das Seil durchzutrennen. Mit einem kühnen Sprung hechtete er von Bord des brennenden Schiffes und setzte seine ganze Hoffnung auf das Meer.

2. KAPITEL

Der Klang der Glocken ließ Elena di Duero aus dem Schlaf auffahren. Die Costa de Morte, die Küste des Todes, hat ein weiteres Schiff verschlungen, dachte sie.

Schon immer hatte nächtliches Glockenläuten sie und die Dorfbewohner von Camarinas herbeigerufen, um pflichtschuldigst nach Überlebenden zu suchen. Doch im letzten Jahr hatte der Klang von Glocken für Elena mehr bedeutet als Pflicht. Ebenso riefen sie Hoffnung und Angst in ihr wach. Hastig schlüpfte sie in warme, praktische Kleidung und schloss sich ihrem Personal und den Dorfbewohnern an, die mit Laternen in den Händen im strömenden Regen und beißenden Wind den Strand absuchten. Sie fühlte sich an die Nacht vor beinahe einem Jahr erinnert, als das Schiff ihres Gatten so nahe der Heimat gesunken war. Auch das Feuer des Leuchtturms hatte die Männer nicht in den sicheren Hafen geleiten können. Die Leiche ihres Mannes war zwischen den an den Strand gespülten Trümmern des Wracks nicht gefunden worden, weder am nächsten Morgen noch in den folgenden Wochen.

Sie hatte um ihren Gemahl getrauert, aber sein Hinscheiden hatte sie nicht in tiefe Verzweiflung gestürzt. Ihre Heirat war aus Vernunftgründen von ihren Eltern arrangiert worden und die Ehe von Gleichgültigkeit bestimmt gewesen. Wirklich bestürzt war sie dagegen gewesen, als einige Zeit nach dem Verschwinden ihres Gatten Don Alicante vorbeigekommen war, und ihr klargemacht hatte, dass sie ihr Herrenhaus, den sogenannten Pazo, und alles, was dazugehörte, verlieren würde, wenn er nicht wieder auftauchte. Also hatte sie sich auf ein teuflisches Abkommen mit Señor Alicante eingelassen.

Elena schauderte, nicht vor Kälte, sondern wegen der Erinnerung an diesen entsetzlichen Tag. Señor Alicantes „Angebot“ hatte sich in ihr Gedächtnis eingegraben. Er hatte die Kühnheit besessen, gerade mal einen Monat nach Alejandros Schiffbruch in ihr Empfangszimmer zu marschieren und ihr seinen dreisten Vorschlag zu unterbreiten. Als Frau besaß sie kein Anrecht auf das Anwesen, außer indirekt durch ihren Gatten oder andere männliche Verwandte, hatte er ihr klar gemacht. Da es keinen männlichen Erben gab, standen Alejandros Besitztümer also frei zum Verkauf. Ohne seine Besitztümer und damit ohne Einkommensquelle würde sie als mittellose Witwe dastehen.

Oder sie konnte ihn heiraten.

Sie hatte dem Don gegenüber geltend gemacht, dass ihr Gemahl gar nicht tot sei, sondern nur vermisst werde. Es sei zu früh, um über das Schicksal seines Anwesens zu entscheiden, hatte sie argumentiert. Señor Alicante hatte ihr eine Frist von einem Jahr gewährt, um ihren Gatten in den Weiten des Meeres wiederzufinden - lebendig.

Aber einen derartigen Erpressungsversuch lasse ich mir nicht gefallen, schwor sich Elena. Sie wusste, dass er bereits zweimal verheiratet gewesen war, und seine Gattinnen vorzeitig verschieden waren. Gerüchte, die man aus seiner Villa hörte, stellten ihn nicht gerade als großzügigen Ehemann dar. Seit Alejandro fort war, hatte sie Gefallen an ihrer Freiheit gefunden, und die würde sie nicht ohne Weiteres wieder aufgeben. Zwar war die Arbeit auf dem Pazo anstrengend und zeitaufwendig, doch diesen Preis bezahlte sie gerne für die Freiheit und die kleinen Freuden, die sie dadurch gewann. Der Pazo war ihr Heim und ihre Einkommensquelle. Ganz unabhängig davon, dass ihr die harte Arbeit Spaß machte, brauchte sie das Anwesen. Ohne es stand sie vor dem Nichts. Wenn sie sich entscheiden musste, würde sie das Leben mit Alejandro jedoch definitiv dem, das sie mit Señor Alicante führen würde, vorziehen.

Deswegen stieg jedes Mal, wenn die Glocken läuteten, verzweifelte Hoffnung in Elena auf. Doch jedes Mal, wenn sie ihrem Ruf gefolgt war, war sie enttäuscht worden. Ein weiteres Schiffsunglück, weitere ertrunkene Matrosen, eine weitere zerstörte Hoffnung. Und ihre Zeit lief ab. Sie hatte nur noch einen Monat, bevor Señor Alicante seine Forderung durchsetzen würde.

Elena schloss sich einer Gruppe an, die am Strand ausschwärmte und nach Überlebenden suchte. Es war durchaus möglich, dass sie jemanden fanden, da das Schiff nicht weit vor der Küste havariert war. Von hier aus konnte sie sogar die Flammen eines Feuers an Deck sehen. Wäre die See ruhiger, könnte ein Fischerboot das Schiff erreichen. Aber heute Nacht wäre eine solche Fahrt wegen des Sturms zu riskant.

Ein Stück weiter vorne erklang ein lauter Ausruf. Elena blickte auf und schützte ihre Augen mit der Hand vor dem niederprasselnden Regen. „Señora! Señora! Kommen Sie schnell!“ Eine Frau rannte auf sie zu und ergriff ihre Hand. „Da ist ein Mann! Er lebt, aber gerade noch so.“

Elena folgte ihr stolpernd über die Felsen. Sie drängte sich durch den kleinen Menschenauflauf, der dort entstanden war, und hob ihre Laterne um die Gestalt am Boden zu beleuchten. Als das Licht auf seine Gesichtszüge fiel, dachte sie einen Moment lang, es wäre tatsächlich Alejandro. Aber dann hielt sie ihre Laterne ruhiger und erkannte, dass es sich um einen Fremden handelte.

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