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Verführung auf hoher See

PROLOG

Orion Moralis – für seine Freunde Rion – trommelte ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad seines hochtourigen Sportwagens. Athen war berüchtigt für seine Verkehrsstaus, es war also fast normal, dass er hier festsaß. Jetzt kam er zu spät zu der verflixten Dinnerparty, die er am liebsten abgesagt hätte. Nur auf Druck seines Vaters hin hatte er sich dann doch breitschlagen lassen, daran teilzunehmen.

Erst am Vorabend war er von einer zweimonatigen Geschäftsreise aus den USA zurückgekehrt. Dennoch hatte sein Vater schon morgens um acht vor seiner Tür gestanden und war aufgeregt ins Apartment gestürmt.

„Welchem Umstand verdanke ich das unerwartete Vergnügen?“, hatte Rion ihn scherzend begrüßt.

Die Antwort hatte ihn verblüfft.

„Ich habe gestern mit Mark Stakis zu Mittag gegessen. Er ist bereit, seine Firma zu einem wirklich erstaunlichen Preis zu verkaufen.“ Strahlend benannte sein Vater das Übernahmeangebot. „Was sagst du dazu? Mein Geschäftssinn hat mich also wieder einmal nicht getrogen.“

Bei seinem Vater war es schon fast zur Besessenheit geworden, die Reederei Stakis zu übernehmen. An den Verhandlungen selbst hatte Rion nicht teilgenommen, doch er wusste, dass die Firma sehr viel mehr wert war als der Preis, den Stakis jetzt dafür verlangte. Das war ja fast geschenkt! Sein Vater triumphierte. Er wollte sich im Herbst zur Ruhe setzen, und die Übernahme sollte die Krönung seines Lebenswerks werden. Das neue Angebot war jedoch so unerhört günstig, dass Rion es nicht ernst nehmen konnte.

„Und wo liegt der Haken?“, fragte er trocken.

„Na ja, Stakis stellt da zwei Bedingungen. Statt eines höheren Verkaufspreises verlangt er ein Aktienpaket der Moralis Corporation. Außerdem erwartet er, dass du seine Enkelin heiratest. Auf diese Weise will er sicherstellen, dass die Reederei, die er von seinem Vater übernommen und zur heutigen Größe aufgebaut hat, nach seinem Ableben in der Familie bleibt.“

Rion traute seinen Ohren nicht. „Stakis muss den Verstand verloren haben!“ Entsetzt schüttelte er den Kopf. „Ich denke noch lange nicht ans Heiraten, Vater. Außerdem hat der Mann gar keine Enkelin. Sein Sohn Benedict, dessen Frau und Kinder sind vor Jahren bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Hast du das vergessen?“

„Nein. Natürlich nicht. Eine Tragödie“, erwiderte sein Vater gereizt. Und dann erzählte er ihm die ganze Geschichte.

Benedict Stakis hatte ein Kind mit einer Engländerin gezeugt, während seine Frau Zwillinge erwartete. Erst nach dem Tod seines Sohnes hatte der alte Stakis von der Existenz der unehelichen Enkelin erfahren. Allem Anschein nach hatte Benedict das Schweigen der Frau erkauft, indem er über einen englischen Anwalt einen Treuhandfonds zugunsten des Kindes eingerichtet hatte. Im vergangenen September hatte Mark Stakis sich dann mit seiner Enkelin Selina Taylor getroffen. Inzwischen hatte sie das Abitur bestanden und verbrachte den Sommer bei Mark Stakis in Griechenland.

„Ich soll ein Schulmädchen heiraten?“ Erleichtert lachte Rion. „Das meinst du doch hoffentlich nicht ernst?“

„Todernst. Und komisch ist es auch nicht. Das Mädchen ist kein Kind mehr. Sie ist fast neunzehn und verbringt einige Wochen bei Stakis in seinem Stadthaus. Heute Abend gibt er eine Party, um sie in die Gesellschaft einzuführen. Wir sind auch eingeladen, und du solltest hingehen, um sie kennenzulernen und zu sehen, was du von ihr hältst.“

„Nein. Kommt nicht infrage.“

„Sieh dir Selina doch wenigstens an. Das Angebot ist einfach zu gut, um es abzulehnen.“

Bisher hatte Rion sich beharrlich dagegen gewehrt zu heiraten. Daraufhin war sein Vater auf einige von Rions Exfreundinnen und einen Zusammenstoß zu sprechen gekommen, der sich kürzlich vor einem Nachtclub abgespielt hatte. In einem Boulevardblatt waren Fotos von Rion erschienen, der wegen einer flatterhaften Verheirateten heftig mit einigen Paparazzi aneinandergeraten war. Sein Vater hatte ihn daraufhin scharf zur Rede gestellt und ihm nahegelegt, sich endlich eine anständige Frau zu suchen statt der fragwürdigen Damen, für die er eine Vorliebe zu haben schien.

Dann hatte er angedeutet, dass er sich wohl doch erst aus dem Geschäft zurückziehen würde, wenn sein Sohn angemessen verheiratet sei.

Typisch! Auf seelische Erpressung hatte er sich schon immer meisterlich verstanden.

Aber natürlich wussten sie beide, dass Rion im Lauf der Jahre zur treibenden Kraft hinter den Firmenübernahmen der Reederei Moralis geworden war, die sich zu einem Global Player entwickelt hatte. Und Rion wusste auch, dass der Arzt seinem Vater nach dessen letztem Herzanfall dringend geraten hatte, sich zur Ruhe zu setzen, wenn er sein Leben nicht aufs Spiel setzen wolle. Im Übrigen würde Rions Stiefmutter Helen außer sich sein, falls sie die nach der Geschäftsübergabe für September geplante Kreuzfahrt um die Welt aufschieben mussten.

Seinem Vater zuliebe hatte Rion sich dann doch einverstanden erklärt, an dem Essen teilzunehmen. Mehr könne er nicht versprechen, hatte er klargestellt. Für seinen Vater bedeutete die Übernahme der Reederei Stakis den krönenden Abschluss einer erfolgreichen Firmenexpansion. Auch für Rion war diese höchst wünschenswert, doch er dachte nicht daran, dafür ein unbekanntes Schulmädchen zu heiraten …

Überhaupt würde ihm nicht einmal im Traum einfallen, aus geschäftlichen Gründen zu heiraten. Und aus Liebe schon gar nicht! Liebe war nur ein Wort …

Seine Eltern hatte er geliebt und ihre Ehe für glücklich gehalten. Aber dann hatte er als Elfjähriger seine Mutter verloren, und ein halbes Jahr später hatte sein Vater seine Sekretärin geheiratet, die ein Kind von ihm erwartete. Das hatte Rion, der immer noch um seine Mutter trauerte, tief verletzt.

Mit neunzehn hatte er geglaubt, in Lydia verliebt zu sein, eine glamouröse Schönheit aus besten Kreisen. Ein Jahr waren sie zusammen gewesen. In atemberaubendem Tempo hatte Lydia ihn in die Geheimnisse der Liebe eingeführt – vor allem wie man einer Frau Lust bereitete.

Damals hatte Rion ernsthaft erwogen, sie zu heiraten, sich jedoch eines Besseren besonnen, nachdem er sie mit einer Frau im Bett erwischt hatte. Lachend hatte Lydia ihn zum Mitmachen aufgefordert, was er schockiert abgelehnt hatte. Er hatte sich gedemütigt und betrogen gefühlt und ihr natürlich keinen Antrag mehr gemacht.

Jeder nach seinem Geschmack, lautete seitdem seine Devise. So waren sie heute noch befreundet.

Rückblickend war ihm natürlich klar, was Lydia zu einer fantastischen Lehrmeisterin gemacht hatte.

Jetzt, mit achtundzwanzig, war er in der Wahl seiner Partnerinnen sehr viel kritischer. Er bevorzugte sexuell aufgeschlossene Frauen, die sich damit abfanden, dass er ihnen Vergnügen bot, solange es dauerte. Bindungen wollte er nicht. Die eine oder andere Beziehung hatte er genossen, verliebt hatte er sich nie mehr.

Ungeduldiges Hupen erinnerte Rion daran, dass der Stau sich aufzulösen begann.

Die Villa der Familie Stakis lag im nobelsten Vorort Athens. Eine lange Auffahrt führte zu einem eindrucksvollen Eingangsportal. Da Rion nicht wusste, wie viele Gäste geladen waren, parkte er seinen Sportwagen ganz unten, sodass er sich schnell wieder empfehlen konnte. Später am Abend hatte er eine heiße Verabredung mit Chloe, einem Model, mit dem er sich schon zweimal getroffen hatte.

Beschwingt ging er die Treppe hoch. Das Ende der zweimonatigen Enthaltsamkeit nahte …

Eine Angestellte öffnete ihm die Tür und führte ihn durch den vornehmen alten Bau zu dem Saal, in dem die Gäste versammelt waren.

Rion betrat den Raum und blieb stehen, als er das Mädchen sah, das sich mit seiner Halbschwester Iris unterhielt. Das musste die Enkelin sein – aber sie entsprach keineswegs dem Bild, das er sich von ihr gemacht hatte. Und ein Kind war sie nun wirklich nicht mehr! Selina Taylor hatte eine atemberaubende Figur. Er musste sich zusammenreißen, um sich nicht anmerken zu lassen, welche Wirkung sie auf ihn ausübte.

Sie war mittelgroß, hatte volle, feste Brüste, eine schmale Taille, schlanke Hüften und lange, wohlgeformte Beine, die das kurze smaragdgrüne Designerkleid und die sexy Stilettosandaletten unterstrichen.

Als Rion sich ihr näherte, stockte ihm buchstäblich der Atem. Ihr schimmerndes rotblondes Haar rahmte ein vollkommenes ovales Gesicht. Sie hatte feine, ebenmäßige Züge und eine helle, zarte Haut, die noch reizvoller wirkte, wenn sie errötete, wie er im Lauf des Abends mehrfach feststellte.

Kurzum, das Mädchen war eine aufregende Schönheit. Ihre ausdrucksvollen, katzenhaften Augen faszinierten ihn: Waren sie haselnussbraun, bernsteinfarben oder braungrün? Wenn sie lachte, blitzten sie golden auf, und wenn sie zu ihm herüberblickte, wurden sie groß und hatten einen fast ehrfürchtigen Ausdruck. Was ihm schmeichelte – und ihn maßlos erregte.

Wie unschuldig sie wirkte! Nichts an ihr war gekünstelt. Und er musste es wissen. Er hatte genug Frauen kennengelernt, die trotz ihres unschuldigen Gehabes knallhart waren.

„Seit wann lernen Sie Griechisch, Selina?“, fragte Rion sie beim Essen. Es war verrückt, aber er brannte richtig darauf, mehr über sie zu erfahren.

Ihre Antwort verblüffte ihn. Selina sprach fließend Italienisch und Spanisch und hatte angefangen, Griechisch zu lernen, nachdem sie ihren Großvater kennengelernt hatte. Doch hauptberuflich wollte sie Dolmetscherin für Chinesisch und Arabisch werden. Im Herbst würde sie beide Sprachen an der Universität belegen.

Alle Achtung! Eine Frau mit akademischen Ambitionen! Dennoch erschien sie Rion seltsam naiv. Als Mann von Welt war er es gewohnt, viel Aufmerksamkeit von Frauen zu bekommen. Während die Gäste sich bei Tisch angeregt unterhielten, entging ihm natürlich nicht, dass auch Selina sich für ihn interessierte. Normalerweise hätte er versucht, die Dinge weiterzuentwickeln, aber dieses Mädchen musste tabu für ihn bleiben.

Etwas gab ihm jedoch zu denken: Obwohl sie fantastisch aussah, schien sie wenig Erfahrung mit Männern zu haben.

Der Kaffee wurde serviert. Eisern entschlossen versuchte Rion, Selina aus seinen Gedanken zu verbannen. Er trank einige Schlucke, dann leerte er die Tasse in einem Zug und stand auf. Höflich bedankte er sich bei Mark Stakis für die Einladung und schob eine Konferenzschaltung vor, an der er in seinem Apartment teilnehmen müsse.

„Schade, dass Sie unter Zeitdruck stehen, aber wir möchten Sie natürlich nicht aufhalten.“ Wohlwollend lächelte Mark Stakis ihm zu. „Da sollten Sie vielleicht besser die Abkürzung durch den Garten nehmen. Auf diese Weise sind Sie schneller bei Ihrem Wagen.“ Er wandte sich an seine Enkelin. „Selina, würdest du Rion den Weg zur Auffahrt zeigen? So spart er Zeit.“

Wie erwartet, nickte das Mädchen und stand auf. Der Schachzug des Alten war leicht zu durchschauen, aber was sollte Rion sagen? Also folgte er Selina die Terrassenstufen hinunter und den Gartenweg entlang. Die Ärmste hatte keine Ahnung, dass Mark Stakis sie „an den Mann bringen“ wollte …

„Nicht so schnell, Selina.“ Rion griff ihr stützend unter den Arm, als sie mit ihren High Heels in einer Fuge des Zierpflasters stecken blieb. „So eilig habe ich es nun auch wieder nicht. Ich möchte nicht, dass Sie sich meinetwegen den hübschen Hals brechen.“ Sanft ließ er die Finger über ihren Arm gleiten und nahm ihre Hand. Im Weitergehen fragte er freundlich: „Sagen Sie, Selina, wie gefällt es Ihnen in Griechenland bei Ihrem Großvater? Das Leben hier dürfte ganz anders sein als in England.“

„Das kann man nicht vergleichen“, erwiderte sie. „Er lebt im Luxus.“ Sie sah zu ihm auf und setzte hinzu: „Genau genommen wusste ich nicht einmal, dass ich einen Großvater habe. Selbst jetzt kann ich es kaum glauben.“

Sie lächelte und versuchte nicht einmal, ihm die Hand zu entziehen. Während sie durch den schwach beleuchteten Garten gingen, schaffte Rion es geschickt, Selina auszufragen.

Ihre Mutter war gestorben, sie lebte bei ihrer Tante Peggy, die sie von klein auf kannte. Auch andere europäische Länder hatte Selina bereist, doch in Griechenland war sie zum ersten Mal.

Irgendwie tat sie ihm nun sogar leid. Die Mutter hatte ihr den Vater vorenthalten, der damals nichts von ihr wissen wollte. Und jetzt hatte der Großvater sich ihrer aus ziemlich eigensüchtigen Beweggründen angenommen.

Rion blickte ihr in die großen, golden schimmernden Augen, auf den vollen, weichen Mund … und plötzlich übermannte ihn das unwiderstehliche Verlangen, sie zu küssen. Nur ein einziges Mal …

Behutsam legte er den Arm um sie und zog sie an sich, streifte ihre Lippen leicht mit seinen … und küsste sie. Es sollte nur ein kurzer, harmloser Kuss sein, aber er machte süchtig. Rion spürte, wie Selina bebte, als er mit der Zunge zart ihren Mund zu erkunden begann. Einen Moment schwankte sie, dann legte sie ihm die Arme um den Hals und schmiegte sich an ihn.

Natürlich hätte er nun aufhören müssen, aber die Süße des Kusses, ihre unbewusst sinnlichen Bewegungen machten ihn schwach – er konnte sich noch nicht von ihr lösen. Erregt atmete er ein und schaffte es, Selina sanft von sich zu schieben. Sobald er wieder ruhiger atmen konnte, bemerkte er den verlangenden Ausdruck in ihren Augen …

Er musste sie wiedersehen.

So sexy und doch erstaunlich naiv und unerfahren … Rion hatte das Gefühl, sie beschützen zu müssen. Gleichzeitig wünschte er sich mehr …

Nein! Er musste standhaft bleiben.

Die anschließende Verabredung mit Chloe erwies sich als Katastrophe. Sie würde nie mehr mit ihm reden. Sie hatten einen Nachtclub besucht, danach hatte er sie nach Hause gebracht. Als sie ihn auf einen Kaffee hereinbitten wollte, hatte er sie auf die Wange geküsst und war gegangen.

1. KAPITEL

Die glühende Julihitze war erträglicher geworden, als die Luxusjacht gegen Mitternacht in den Hafen der griechischen Insel Letos einlief.

In einem schwarzen Poloshirt und Chinos ging Orion Moralis, der erfolgsgewohnte Chef der internationalen Moralis Corporation, von der Brücke zum Hauptdeck hinunter. An der Reling blieb er stehen und betrachtete die Gebäude im Hafen. Der Kirchturm beherrschte das Bild des einzigen Ortes der Insel, auf der Mark Stakis lebte. Gelebt hatte, berichtigte Rion sich schulterzuckend. Für ihn war der Mann seit Jahren gestorben.

Seine Jacht mit der siebenköpfigen Mannschaft war mit den modernsten technischen Errungenschaften ausgestattet und hatte sich auf dem Weg nach Ägypten befunden, wo Rion endlich drei Wochen Tauchurlaub machen wollte. Um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, hatte er wichtige Arbeitsunterlagen auf die Kreuzfahrt mitgenommen. Vom Ableben des alten Stakis hatte er gehört, jedoch nicht vorgehabt, an der Beerdigung teilzunehmen. Aber dann hatte er gestern Vormittag eine interessante E-Mail von Stakis’ Anwalt und Notar Kadiekis erhalten, die Rions Anwesenheit auf der Insel erforderlich machte. Daraufhin hatte er mitten auf dem Meer den Kurs geändert.

Mit raschen Schritten überquerte er das Deck und sah zu, wie ein Matrose die Jacht vertäute. Höchste Zeit, an Land zu gehen. Er konnte es nicht erwarten, sich die Beine zu vertreten, um die Rastlosigkeit abzuschütteln, die ihn seit Monaten quälte. Auch deswegen hatte er beschlossen, endlich einmal Urlaub zu machen. Doch dann war die Nachricht des Anwalts gekommen …

Komisch, dass Mark Stakis sein Testament in all den Jahren nicht geändert hatte. Erinnerungen stiegen in ihm auf, die Rion seit Langem verdrängt hatte.

Vor sechs Jahren hatte er Stakis’ Enkelin Selina Taylor geheiratet. Der größte Fehler seines Lebens! Es hatte ihn maßlos getroffen, dass seine junge Frau ihn betrogen hatte. Beim Gedanken daran packte ihn jetzt noch die Wut. Brüsk wandte er sich ab und ging über die Gangway an Land.

Tief atmete er die laue Nachtluft ein, dann schlenderte er am hell erleuchteten Hafen entlang zum Strand, wo es angenehm still war. Der Zorn auf seine Exfrau ebbte ab, und Rion begann, sich zu entspannen. Von sanftem Wellenrauschen begleitet, wanderte er unter Bäumen an der Landspitze entlang, bis ihm bewusst wurde, dass er an Stakis’ Privatstrand angekommen war.

Rion blieb stehen und betrachtete die weitläufige Villa auf der Anhöhe. Ein einsamer Lichtschein fiel aus dem Gebäude und erhellte schwach die kunstvoll gestuften Terrassen, die sich bis zum Ufer hinunterzogen. Eine Umfriedungsmauer mit einem breiten Tor gestattete Zugang zum Strand, und Rion fragte sich, ob irgendwo Sicherheitsleute postiert sein mochten.

Unvermittelt wurde das Tor geöffnet.

Rion kniff die Augen zusammen, als eine geisterhaft anmutende, weiß gekleidete Gestalt gut zehn Meter vor ihm erschien. Dann sah er, dass er eine Frau vor sich hatte … kein Gespenst und auch keinen Wachmann.

Blitzschnell zog er sich in den Schatten der Bäume zurück, als das Mondlicht auf die Frau fiel, die über den Sand rannte, sodass das weiße Gewand sie umwallte.

Selina. Das konnte nur sie sein …

Reglos, aufs Höchste angespannt, blieb Rion stehen. Er hatte gewusst, dass sie hier sein würde, dennoch schockierte es ihn, sie zu sehen. Die Frau hatte Nerven! Es war allgemein bekannt, dass ihr Großvater jeden Kontakt zu ihr abgebrochen hatte, seit sie nach der Scheidung nach England zurückgekehrt war. Aber das überraschte Rion nicht. Der Duft des Geldes war unwiderstehlich.

Aus zusammengekniffenen Augen beobachtete er seine Exfrau. Offenbar glaubte sie, allein zu sein, denn sie streifte ihren Bademantel ab und ließ ihn in den Sand fallen. Einen Moment lang blickte sie aufs Meer hinaus, ihre schlanke Gestalt in dem knappen Bikini hob sich seltsam unwirklich gegen den Nachthimmel ab.

Ja, es war Selina – doch sie sah anders aus, als er sie in Erinnerung hatte. Das früher kurze rotblonde Haar trug sie jetzt lang und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Aber sonst …

Rion stockte der Atem, ihm wurde heiß, als sie das Band löste, sodass ihr das Haar in schimmernden Wellen über den Rücken fiel. Dann hob sie den Kopf und streckte die Arme wie in einer Gebärde heidnischer Anbetung dem Mond entgegen. Unglaublich, aber Selina war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Mit ihrem straffen, geschmeidigen Körper war sie eine moderne Eva – die Versuchung in Person.

Das blasssilberne Mondlicht umspielte ihre hohen, festen Brüste, die schmale Taille, die verlockenden Rundungen ihrer Hüften … Rion konnte den Blick nicht von ihr abwenden.

Während er immer noch völlig gefangen von ihrer Schönheit dastand, rannte Selina zum Wasser und sprang geschmeidig kopfüber hinein.

Gebannt verfolgte Rion, wie sie mit den Armen die Fluten teilte und aufs Meer hinauskraulte. Viel zu weit. Besorgt verfolgte er, wie sie unter Wellenkämmen verschwand. Sollte er ihr zu Hilfe eilen? Doch schon erschien sie wieder, und er blieb im Schatten stehen. Mit klopfendem Herzen beobachtete er, wie sie im Schmetterlingsstil wieder auf die Küste zuhielt, um sich dann mit ausgestreckten Armen und Beinen in Rückenlage zum Ufer tragen zu lassen.

Noch nie hatte er etwas so Erotisches gesehen. Einige Male drehte Selina sich in den Fluten spielerisch um sich selbst, bis sie schließlich aus dem Wasser watete und den Strand hinauflief. Dort hob sie den Bademantel auf, streifte ihn sich über und verknotete den Gürtel. Selbstvergessen legte sie den Kopf in den Nacken, strich sich die nassen Strähnen zurück und hielt einen Moment inne.

Rion war so erregt, dass es ihn selbst entsetzte. Sicher lag es daran, dass er lange ohne Frau gewesen war. Wie lange eigentlich schon? Im Moment hätte er es nicht sagen können. Was ihn überraschte. Na ja, das ließ sich schnell ändern. Und er wusste auch genau, wie …

Verlangend betrachtete er Selina.

Er musste sich bewegt haben, denn sie blickte in seine Richtung, als spürte sie seine Nähe. Sollte er einfach zu ihr gehen und sie ansprechen? Nein, das war nicht der richtige Zeitpunkt. In wenigen Stunden fand die Beerdigung ihres Großvaters statt. Er konnte warten …

Mit Selina hatte er sowieso noch eine Rechnung offen. Nur ging es ihm nicht um Geld – während sie genau deswegen zur Beerdigung des Alten gekommen sein dürfte. Schließlich war sie seine einzige lebende Verwandte.

Frustriert und angespannt verfolgte Rion, wie Selina den Blick über die Bäume schweifen ließ, unter denen er stand. Unwillkürlich hielt er den Atem an. Doch dann schüttelte sie den Kopf und ging davon.

Verzweifelt kämpfte er gegen das Verlangen an, das ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel übermannt hatte. Es hatte eine Zeit gegeben, als er Selina für eine süße Unschuld gehalten hatte, eine arme, vereinsamte Waise, deren sich der eigensüchtige Großvater angenommen hatte. Sie hatte ihm leidgetan.

Doch nicht lange. Vier Monate nachdem er ihr begegnet war, hatte er sie geheiratet. Und sie hatte ihn prompt betrogen.

Daraufhin hatte er sie aus seinem Leben und seinem Herzen gestrichen. Seitdem war sie für ihn gestorben. Nachdem er allerdings erfahren hatte, dass sie hier sein würde, gelüstete es ihn, sich zu rächen. Sie zu bestrafen. Finanziell. Und jetzt schwebte ihm ein Szenario vor, das ihm noch sehr viel mehr Vergnügen bereiten würde. Verächtlich lächelte er. Zu einem entspannenden Urlaub gehörte eine Geliebte. Und wer konnte seine Ansprüche besser erfüllen als Selina? Er würde sie ausziehen. In jeder Hinsicht. Seine Lust an ihrem herrlichen Körper ein für alle Mal stillen …

Auf diesen Augenblick der Rache hatte er lange warten müssen. Jetzt war er gekommen. Er würde mit Selina schlafen. Nicht heute Nacht, aber bald. Sehr bald sogar. Sie würden die Flitterwochen nachholen, zu denen es nicht gekommen war. Zumindest das schuldete sie ihm. Mit ihrer Nummer der scheuen Jungfrau hatte sie ihn damals an der Nase herumgeführt. In der kurzen Zeit, die sie verheiratet gewesen waren, hatte er sie vergöttert, ihr alles durchgehen lassen. Doch bald hatte sie ihren wahren Charakter gezeigt. Vor allem bei der Scheidung. Diesmal würde er die Bedingungen stellen …

Selina watete an den Strand und strich sich lächelnd das Haar zurück. Gelöst blickte sie zum Nachthimmel auf. Sie hielt inne, als sie über sich das Sternbild Orion entdeckte. In der griechischen Mythologie war Orion der charmante Jäger, der schönen Frauen nachstellte. Den die Götter nach seinem Tod an den Himmel versetzt hatten.

Nicht zu vergleichen mit dem Orion, den sie gekannt hatte. Er hatte den Charme einer Klapperschlange!

Unwillkürlich blickte Selina den Strand entlang zu den fernen Lichtern im Hafen, dann wieder zu den Bäumen. Ein Schauer überlief sie. Sie hatte das merkwürdige Gefühl, beobachtet zu werden …

Vielleicht hätte sie lieber nicht mitten in der Nacht schwimmen gehen sollen. Aber der Druck der letzten Tage war einfach zu viel geworden, und wegen der Hitze hatte sie nicht schlafen können.

Ja, deshalb war sie wohl so aufgewühlt. Der Tod ihres Großvaters und die schmerzlichen Erinnerungen, die ihre Rückkehr nach Griechenland wachgerufen hatte, waren der Grund für ihre innere Unruhe. Selbst jetzt noch erinnerte sie sich an jede Einzelheit der ersten Begegnung mit ihrem Großvater, den Beginn eines märchenhaften Lebens, das sich bald in einen Albtraum verwandeln sollte.

Wie glücklich war ihre Kindheit mit der geliebten Mutter gewesen, einer schönen, temperamentvollen Frau, die sich als Opernsängerin einen Namen gemacht hatte! Und mit ihrer Tante Peggy, an der sie sehr gehangen hatte. Eigentlich war Peggy nicht ihre richtige Tante, sondern die Haushälterin, die sich rührend um die kleine Selina gekümmert hatte.

Ihre Mutter hatte sie glauben lassen, ihr Vater wäre tot. Jahrelang hatte Selina sich damit abgefunden. So war sie völlig durcheinander gewesen, als sie im September nach ihrem achtzehnten Geburtstag unerwartet Mark Stakis gegenübergestanden hatte, einem Griechen, der behauptete, er wäre ihr Großvater, und sie über ihre ...

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