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Verführung auf Capri

PROLOG

„Was meinst du damit, du bleibst Vorsitzender?“

Alessandro di Vincenzo war sehr aufgebracht. Doch aus Respekt vor seinem deutlich älteren Gesprächspartner versuchte er, sich zu beherrschen.

„Die Situation hat sich geändert“, erwiderte dieser. Er saß in einem ausladenden Ledersessel in der Bibliothek seiner Villa aus dem achtzehnten Jahrhundert – seinem Landsitz vor den Toren Roms.

Alessandro holte tief Luft. Sein maßgeschneiderter eleganter Anzug betonte dabei seinen schlanken, muskulösen Körper. Das schwarze Haar war perfekt geschnitten, und sein Gesicht hätte auch einem Filmstar alle Ehre gemacht – oder aber dem Generaldirektor eines großen italienischen Unternehmens: dunkle Augen mit langen Wimpern, hohe Wangenknochen, eine fein geschnittene Nase, ein markantes Kinn und ein sinnlicher Mund, der jetzt allerdings zu einem dünnen Strich zusammengekniffen war.

„Aber es war doch vereinbart, dass du um meinetwillen zurücktreten würdest …“

„Nein“, entgegnete der ältere Mann. „Ich habe nie eine rechtlich bindende Vereinbarung unterschrieben. Du hast lediglich geglaubt, als Stefano starb …“, seine Stimme brach. Nach einem kurzen Moment fuhr er fort: „Doch die Situation hat sich geändert. Es ist etwas passiert, das ich unmöglich hätte vorhersehen können …“

Ungeduldig zog Alessandro die Augenbrauen zusammen. „Was hättest du nie vorhersehen können, Tomaso?“

Nach kurzem Zögern hob der ältere Mann erneut an: „Als ich Stefanos persönlichen Besitz durchging, habe ich Briefe gefunden – geschrieben vor fünfundzwanzig Jahren. Ich weiß nicht, warum er sie aufgehoben hat. Sicher nicht aus Sentimentalität, denn in ihrem letzten Brief schreibt diese mir unbekannte Dame, sie würde aufhören, ihm zu schreiben – und akzeptieren, dass er ihr nicht antwortet.“

Misstrauisch blickte Alessandro sein Gegenüber an. Langsam wurde er ungeduldig. Tomasos Sohn Stefano, ein überzeugter Junggeselle, war vor zehn Monaten im Alter von fünfundvierzig Jahren mit seinem Rennboot tödlich verunglückt. Daraufhin hatte Alessandro eigentlich in der von seinem verstorbenen Vater und von Tomaso Viale gegründeten Firma, Viale-Vincenzo, befördert werden sollen: vom dynamischen, erfolgreichen Generaldirektor zum Vorsitzenden – mit vollständiger Kontrolle über das Unternehmen.

Alessandro hatte Tomaso Zeit zum Trauern gelassen, obwohl dessen Verhältnis zu seinem Sohn aufgrund seines ausschweifenden Lebens nie gut gewesen war. Und er hatte sogar akzeptiert, dass Tomaso nach Stefanos Tod vorübergehend den Vorsitz des Unternehmens übernommen hatte. Aber jetzt reichte es. Tomaso hatte ihm Grund zur Annahme gegeben, dass er sich vor Ende des Geschäftsjahres zurückziehen und ihm die volle Verantwortung für die Firma übertragen würde.

Ungeduldig dachte er daran, dass er eigentlich nach Rom hätte fahren wollen, um sich mit der überaus reizvollen Delia Dellatore zu vergnügen.

Er warf Tomaso einen prüfenden Blick zu. Seit Stefanos Tod schien dieser um Jahre gealtert zu sein.

„Was hast du denn entdeckt, Tomaso?“, hakte Alessandro nach.

Mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck sah dieser ihn an. „Wie du weißt, hat Stefano sich immer geweigert zu heiraten und lieber ein wildes Leben geführt. Ich hatte also wenig Hoffnung, dass sich unsere Familienlinie fortsetzen würde. Die Briefe, die ich gefunden habe, stammen von einer jungen Engländerin. Sie bat darum, Stefano möge zu ihr kommen, zumindest jedoch bestätigen, dass er ihre Briefe und damit die wichtige Nachricht, die sie ihm darin mitteilte, erhalten habe.“

Für einen Moment schwieg er, und in seinem Gesicht spiegelten sich Wehmut und Entschlossenheit wider.

„Sie hat ein Kind von Stefano bekommen, eine Tochter. Meine Enkelin.“ Tomaso blickte dem jüngeren Mann in die Augen. „Ich möchte, dass du sie findest und zu mir bringst, Alessandro.“

1. KAPITEL

Laura spannte die Schultern und hob die Griffe der schwer beladenen Schubkarre an. Das hoch aufgetürmte feuchte Feuerholz schwankte, fiel jedoch nicht herunter. Sie blinzelte die Regentropfen von ihren Wimpern und schob die Karre über den unebenen Boden des Obstgartens zum Hof hinter ihrem Haus. Das hohe, nasse Gras peitschte gegen ihre Gummistiefel, und ihre abgetragene Cordhose war ebenso regenfeucht wie ihre verwaschene Jacke. Doch Laura war Regen gewöhnt. Davon gab es hier in Devon, im Südwesten Englands, schließlich genug.

Dank des gesammelten Feuerholzes brauchte sie weniger Geld für Strom und Öl auszugeben, und Laura musste sparen, wo sie nur konnte. Nicht nur wegen der dringend erforderlichen Arbeiten am Haus, das schon zu Lebzeiten ihrer Großeltern regelmäßig reparaturbedürftig gewesen war. Doch jetzt, da sie Wharton geerbt hatte, musste Laura zusätzlich die hohen Steuern bezahlen, die das Finanzamt von ihr einforderte.

Angst erfüllte sie. Natürlich wäre es das Vernünftigste, Wharton zu verkaufen, doch das brachte sie nicht übers Herz. Schließlich war es immer ihr Zuhause und ihr Rückzugsort gewesen. Lauras Großeltern hatten sie nach dem tragischen Tod ihrer Mutter hier aufgezogen. Ihren Vater kannte sie nicht, da er ihre Existenz nie anerkannt hatte.

Doch leider hatte Laura mit Wharton keine Einnahmequelle geerbt. So klammerte sie sich an die Hoffnung, das Anwesen zu exklusiven Ferienwohnungen umbauen zu können. Dafür wären allerdings eine neue Küche, mehrere Badezimmer, umfangreiche Reparaturen sowie Renovierungen notwendig. Und nichts davon konnte sie bezahlen.

Sie leerte die Schubkarre im Holzschuppen und ging zurück zum Obstgarten, als sich plötzlich ein Auto auf der langen Auffahrt von der Straße her näherte.

Normalerweise kam nur selten jemand vorbei. Lauras Großeltern hatten sehr zurückgezogen gelebt, und bei ihr war es ähnlich. Sie ließ die Schubkarre stehen und ging ums Haus.

Vor ihrer Haustür stand nun eine glänzende, silberfarbene Limousine, die trotz der Schlammspritzer elegant und teuer wirkte – und so fehl am Platze, als wäre sie ein Raumschiff. Aber noch befremdlicher wirkte der Mann, der jetzt aus dem Wagen stieg. Sprachlos blickte Laura ihn an.

Alessandro gab sich keine Mühe, seine schlechte Laune zu verbergen. Trotz des Navigationssystems war es nicht einfach gewesen, über die schmalen, gewundenen Straßen den Weg herzufinden. Und jetzt sah es auch noch so aus, als wäre das Haus verlassen. Die alte steinerne Fassade wirkte ebenso verwahrlost wie die ganze Umgebung. Die Fensterläden im unteren Stockwerk waren schmutzig und kaputt, die Auffahrt von Unkraut überwuchert. Die Blumenbeete verwilderten, und am Rand des ungemähten Rasens wucherten alte Rhododendronbüsche. Über die lose herunterhängende Regenrinne tropfte Wasser auf das zerbröckelnde Vordach über dem Eingang.

Um zumindest etwas Schutz vor dem Regen zu haben, eilte Alessandro zur Tür. Seit er in London gelandet war, hatte es ununterbrochen geregnet. Verächtlich betrachtete er das zerfallene Gebäude, als er plötzlich Schritte auf dem Kies hörte.

Wahrscheinlich jemand, der bei den Arbeiten im Freien aushalf, vermutete Alessandro, als sich eine unförmig wirkende Person in einer Wachsjacke mit Kapuze näherte.

„Ist Miss Stowe zu Hause?“, fragte er. Laura Stowe war der Name von Stefanos Tochter. Wie Alessandros Nachforschungen ergeben hatten, waren sich deren Mutter Susan Stowe und Stefano begegnet, als sie als Kunststudentin in Italien gewesen war. Susan schien eine hübsche, naive junge Frau gewesen zu sein. Sie war gestorben, als ihre Tochter drei Jahre alt gewesen war. Danach hatten ihre Eltern das Mädchen hier in diesem Haus aufgezogen.

Zumindest wird sich die junge Frau bestimmt darüber freuen, dass sie einen reichen Großvater hat, der sie bei sich aufnehmen möchte, dachte Alessandro grimmig. Ihr Haus glich eher einer schäbigen Ruine. Es gefiel ihm gar nicht, als Tomasos Laufbursche zu fungieren. Doch der alte Mann hatte angedeutet, dass er in den Ruhestand gehen wollte, um mehr Zeit für seine Enkelin zu haben.

„Ist Miss Stowe zu Hause?“, wiederholte er ungeduldig.

Jetzt antwortete die Person in der übergroßen Jacke: „Ich bin Laura Stowe. Was wollen Sie von mir?“

Fassungslos blickte Alessandro sie an. „Sie sind Laura Stowe?“

Fast hätte Laura über den Gesichtsausdruck ihres unbekannten Besuchers gelacht, doch sein plötzliches Erscheinen hatte sie durcheinandergebracht. Was konnte ein Mann wie er hier wollen – und dann noch von ihr? Er sah atemberaubend aus, wie Laura verwirrt feststellte. Tiefschwarzes Haar, dunkle Augen und ein markantes Gesicht. Sein Teint war sonnengebräunt, und seine Kleidung, die ganz offensichtlich nicht in England angefertigt worden war, wirkte ebenso edel und elegant wie der Wagen.

Der Mann hatte fließend Englisch gesprochen, aber mit einem deutlichen Akzent. Und in diesem Moment war Laura klar, dass er Italiener sein musste. Eine Mischung aus Wut und Neugierde erfasste sie, doch schnell hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Nein, es ist bestimmt nur ein Zufall, versuchte sie sich zu beruhigen.

Eine Weile blickten sie einander starr an. Schließlich brachte der leicht entsetzte Gesichtsausdruck des Italieners Laura dazu, das Schweigen zu brechen.

„Ja“, bestätigte sie ein wenig schroff. „Ich bin Laura Stowe. Und Sie sind …?“

Der Mann blickte sie weiter starr an, ohne etwas zu erwidern. Er machte sich gar keine Mühe, seine Empfindungen zu verbergen.

Ihr Leben lang war Laura von Männern auf diese Art angesehen worden. Dieser Blick sagte mehr als deutlich, dass sie nicht als Frau wahrgenommen wurde. Ihre Großeltern waren darüber erleichtert gewesen, denn so brauchten sie nicht zu befürchten, das Schicksal ihrer Tochter könnte sich bei ihrer Enkelin wiederholen. Die beiden hatten ihre Tochter sehr geliebt, doch sich nie ganz damit abgefunden, dass diese ein uneheliches Kind von einem quasi Wildfremden bekommen hatte. Mit der Zeit hatten sie sich mehr und mehr zurückgezogen. Und dafür war Wharton der perfekte Ort.

Aber jetzt hat jemand hergefunden, dachte Laura unbehaglich. Dass derjenige ausgerechnet aus Italien stammte, musste ein Zufall sein. Und es war nicht verwunderlich, dass er sie so fassungslos ansah. Ein derart attraktiver Mann umgab sich normalerweise sicher mit Frauen, die ebenso atemberaubend aussahen wie er selbst. Er gehörte zu den Reichen und Schönen. Seine Welt, voller Eleganz und Glamour, hatte mit ihrer nichts gemeinsam.

Aber das hier ist Wharton, dachte Laura wütend, wir sind in meiner Welt. Und hier würde sie sich nicht von ihm einschüchtern lassen.

Sie trat unter das Vordach und schob die Kapuze zurück. „Vielleicht haben Sie mich nicht gehört. Ich bin Laura Stowe. Aber was wollen Sie von mir?“

Der Blick des Mannes veränderte sich ein wenig, wurde abschätzend und distanziert. Was soll das Ganze?, fragte sie sich beunruhigt.

Vor Anspannung sagte sie ein wenig zu abweisend: „Wenn Sie mir keine Antwort geben, muss ich Sie bitten, das Grundstück zu verlassen.“

Seine dunklen Augen funkelten. Offenbar gefiel ihm Lauras Tonfall nicht. Aber schließlich war er aus heiterem Himmel hier aufgetaucht und hatte nach ihr gefragt. Und jetzt gab er keine Antwort.

Der Mann presste die sinnlichen Lippen zusammen, bevor er antwortete: „Ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen. Vielleicht wären Sie so freundlich, die Tür zu öffnen, damit wir uns drinnen unterhalten können?“

Als sie zögerte, fügte er sarkastisch hinzu: „Keine Angst, signorina, Ihnen wird schon nichts passieren.“

Laura errötete. Auch ohne seine höhnische Bemerkung wusste sie, dass sie keine unerwünschten Annäherungsversuche von Männern zu befürchten hatte. „Die Tür ist abgeschlossen. Warten Sie hier“, bat sie ihn knapp und ging ums Haus herum.

Alessandro blickte ihr nach. Dio, wie konnte diese Vogelscheuche nur Stefanos Tochter sein? Er war ein gut aussehender Mann gewesen und hätte Lauras Mutter sicher nicht verführt, wenn sie nicht auch hübsch gewesen wäre. Doch Lauras Persönlichkeit schien zu ihrem Äußeren zu passen: Sie wirkte schroff und unhöflich.

Während er wartete, wurde seine Laune noch schlechter. Endlich wurde die Tür mit einem Quietschen geöffnet, und Alessandro trat ein. Es roch modrig, und für einen Moment konnte er nichts sehen. Dann nahm er einen dunklen Flur mit Steinfliesen wahr, eine alte Kommode und eine Standuhr.

„Hier entlang“, sagte Laura nun nicht wesentlich freundlicher.

Sie trug noch immer die furchtbare Cordhose. Ihre unförmige Jacke hatte sie inzwischen abgelegt. Jedoch sah sie dadurch nicht besser aus, denn sie trug einen unförmigen selbstgestrickten Pullover mit zu langen Ärmeln und einem Loch am Ellenbogen. Das strähnige Haar hatte sie im Nacken mit einem Gummiband zusammengefasst.

Jetzt führte sie ihn in eine altmodische Küche mit Ofen, in der es zu Alessandros Erleichterung wenigstens warm war.

Er setzte sich auf den klapprigen Stuhl, den sie ihm hinschob. „Sie sind also wirklich Laura Stowe?“, fragte er.

Feindselig blickte sie ihn an. „Ja, wie ich bereits mehrmals sagte. Und Sie sind …?“

Alessandro betrachtete ihr unscheinbares Gesicht, die dichten buschigen Brauen und ihre mürrische Miene. Offenbar hatte sie Stefanos Gene nicht geerbt.

„Ich heiße Alessandro di Vincenzo und komme im Auftrag von Signor Tomaso Viale zu Ihnen.“

Als er den Namen ihres Großvaters aussprach, wurde Lauras Gesichtsausdruck plötzlich noch feindseliger.

„Sie wissen, wer er ist?“ Fragend zog er die Augenbrauen hoch.

„Ja, ich kenne den Namen Viale“, erwiderte sie knapp. „Warum sind Sie hergekommen?“

„Signor Viale hat gerade erst von Ihrer Existenz erfahren“, fuhr Alessandro fort.

Auf Lauras Gesicht spiegelte sich Empörung. „Das ist eine Lüge!“, entgegnete sie aufbrausend. „Mein Vater wusste von mir!“

„Ich spreche nicht von Ihrem Vater, sondern von Ihrem Großvater. Er hat tatsächlich gerade erst erfahren, dass er eine Enkelin hat.“

„Wenn es das ist, was Sie mir mitteilen wollten, können Sie gleich wieder gehen.“

Alessandros Gesichtszüge wurden hart. „Nein, ganz und gar nicht. Ich soll Ihnen etwas ausrichten. Ihr Großvater wünscht, dass Sie nach Italien kommen.“

„Ist er verrückt geworden?“, fragte sie fassungslos.

Ungeduldig presste Alessandro den Mund zusammen, versuchte aber, sich von ihrem Verhalten nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. „Miss Stowe, Ihr Großvater ist ein alter, schwacher Mann. Der Tod seines Sohnes hat ihn schwer getroffen, und …“

Laura atmete hörbar ein. „Mein Vater ist tot?“, fragte sie überraschend erschüttert.

Einen Moment lang fand Alessandro sein Vorgehen ein wenig zu schonungslos, doch andererseits war sie so aggressiv, dass es ihm nicht sonderlich leidtat.

„Ja, Stefano ist letzten Sommer bei einem Unfall mit seinem Rennboot ums Leben gekommen“, erklärte er sachlich.

„Letzten Sommer …“, wiederholte Laura leise. „So lange ist er also schon tot.“ Alessandro bemerkte, wie sich der Ausdruck ihrer Augen veränderte. Dann wirkte sie plötzlich wieder mürrisch.

„Sie sind umsonst hergekommen, Mr. di Vincenzo. Deshalb können Sie jetzt wieder gehen.“

„Das ist nicht möglich“, erwiderte Alessandro unnachgiebig. „Ihr Großvater möchte, dass Sie mit mir nach Italien kommen.“

„Das werde ich aber nicht tun.“ Lauras Augen funkelten. „Wie sich mein Vater meiner Mutter gegenüber verhalten hat, war unverzeihlich. Ich will mit seiner Familie nichts zu tun haben.“

Sie hatte leise, aber sehr nachdrücklich gesprochen. Alessandro wurde immer gereizter. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er diese Reise gar nicht erst angetreten. Und jetzt wollte ihn diese ausgesprochen unattraktive junge Frau auch noch unverrichteter Dinge nach Hause schicken!

Es war an der Zeit, seinen Trumpf auszuspielen. Er lehnte sich zurück: „Vielleicht ist Ihnen nicht bewusst, wie wohlhabend Ihr Großvater ist. Er gehört zu den reichsten Männern Italiens, Miss Stowe. Es wäre also in Ihrem eigenen Interesse, seinem Wunsch nachzukommen.“

Laura beugte sich vor. „Ich hoffe, er erstickt an seinem Reichtum“, entgegnete sie. „Und jetzt verschwinden Sie bitte! Da Sie ja offenbar sein Laufbursche sind, können Sie ihm etwas mitteilen: Ich habe keinen Großvater – so wie sein Sohn auch keine Tochter hatte.“

„Es ist nicht Tomasos Schuld, dass Ihr Vater sich nicht zu Ihnen bekannt hat“, erwiderte Alessandro aufgebracht.

„Aber er hat bei der Erziehung seines Sohnes ganz offensichtlich versagt – und das ist durchaus seine Schuld. Warum sollte ich mich mit einem Mann befassen, der seinen Sohn zu einem solch verabscheuungswürdigen Menschen gemacht hat?“

Alessandro stand energisch auf. „Basta!“, sagte er, und es folgten einige sehr unbeherrscht klingende Worte auf Italienisch. „Wahrscheinlich ist es sogar besser, dass Sie sich weigern, Ihren Großvater zu besuchen – Sie wären eine ziemliche Enttäuschung für ihn“, fuhr er scharf fort. „Aber wie die Dinge stehen, muss ich nun einem alten kranken Mann, der um seinen Sohn trauert, noch eine zusätzliche traurige Nachricht überbringen: dass seine letzte lebende Verwandte eine rücksichtslose, ungehobelte Person ist, die ihn verurteilt, ohne ihm jemals begegnet zu sein.“

Ohne ein weiteres Wort ging er hinaus. Laura hörte, wie die Eingangstür ins Schloss fiel. Dann wurde der Motor der Limousine angelassen, und der Wagen fuhr davon.

Plötzlich bemerkte sie, dass sie zitterte. Zum ersten Mal und ganz unerwartet hatte die Familie ihres Vaters Kontakt zu ihr aufgenommen. Ihr ganzes Leben lang war er immer nur als verachtenswerter Mensch dargestellt worden. Lauras Großeltern hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass ihr Vater ein egoistischer Mistkerl war.

Aber jetzt ist er tot … Sie verspürte einen schmerzhaften Stich im Herzen. Nie hatte sie sich gewünscht, mehr über ihn zu wissen. Doch so unerwartet von seinem Tod zu erfahren war dennoch schockierend. Mein Vater ist tot, dachte Laura wieder. Ich werde ihn niemals mehr kennenlernen …

Sofort kämpfte sie gegen dieses Gefühl an. Er wollte nichts mit dir zu tun haben, rief sie sich in Erinnerung. Du warst ihm völlig egal. Er war ein verwöhnter Playboy, der lediglich mit den Frauen gespielt hat. Und er kam damit durch, weil er reich und schön war. Genau wie der Mann, der ihr vor wenigen Minuten die Nachricht von seinem Tod überbracht hat.

Unwillkürlich glitt Lauras Blick zu dem Stuhl, auf dem Alessandro di Vincenzo gesessen hatte. Dann richtete sie sich auf und schritt energisch mit düsterer Miene zurück nach draußen, um weiter Feuerholz im Regen zu sammeln.

Erleichtert sank Alessandro in den weichen, mit edlem Samt bezogenen Sessel und sah sich im eleganten Salon des Lidford House Hotels um. Seine Assistentin hatte ihm hier für die Nacht vor seinem Rückflug nach Rom ein Zimmer reservieren lassen. Genau so sollte ein englisches Landhaus aussehen – und nicht wie Laura Stowes halb zerfallenes Gemäuer.

Genussvoll trank er einen Schluck Martini. Er nahm Tomaso übel, dass er solche Spielchen mit ihm trieb. Doch jetzt tat ihm für den alten Mann fast leid, dass seine Enkelin eine solche Furie war. Er würde zutiefst enttäuscht sein, weil Laura ihn nicht besuchen wollte.

Alessandro hatte getan, was Tomaso verlangt hatte. Und wenn Laura nicht nach Italien fahren wollte, dann war das eben so. Es war nicht sein Problem.

Doch als er in Italien ankam, stellte er fest, dass Tomaso anderer Meinung war.

„Er hat was getan?“, fragte Alessandro ungläubig.

Die Nachricht, die seine Assistentin ihm schweigend gereicht hatte, war unmissverständlich. Der Vorsitzende von Viale-Vincenzo setzte ihn davon in Kenntnis, dass seine Dienste als Generaldirektor nicht mehr länger benötigt wurden.

Eine nie gekannte Wut erfüllte Alessandro. Er war zwar noch immer wichtiger Anteilseigner von Viale-Vincenzo, würde jedoch nicht mehr die Kontrolle über das tägliche Geschehen haben. Und der erhoffte Vorsitz war damit erst recht in unerreichbare Ferne gerückt. Alessandro wusste genau, was der Grund für diese Entscheidung war: Tomaso wollte Lauras Weigerung, ihn zu besuchen, nicht hinnehmen. Alessandro hatte ihm unverblümt mitgeteilt, wie feindselig die junge Frau gewesen war. Jetzt wünschte er, ein wenig sensibler vorgegangen zu sein.

„Ich will mit Tomaso sprechen“, verlangte er. „Sofort!“

2. KAPITEL

Mit ausdrucksloser Miene hob Laura die Post auf, die durch den Briefschlitz gefallen war. Am Vortag hatte sie ein Schreiben vom Finanzamt bekommen – mit dem Hinweis auf Mahngebühren. Außerdem hatte das Auktionshaus den Wert ihrer noch verbliebenen Antiquitäten wesentlich niedriger geschätzt, als sie gehofft hatte.

Verzweiflung und Angst waren ihre ständigen Begleiter, denn mit jedem Tag wurde es wahrscheinlicher, dass sie Wharton würde verkaufen müssen. Der Gedanke schmerzte sie tief.

Ich kann es nicht verkaufen, dachte sie. Es muss doch eine Möglichkeit geben, das zu verhindern!

Wenn sie wenigstens die Steuern zahlen könnte, dann hätte sie zumindest eine Chance. Sie könnte eine Hypothek auf das Haus aufnehmen und das Geld dazu verwenden, Ferienwohnungen einzurichten. Aber wenn sie die Steuern nicht zahlte …

Während Laura sich weiter über ihre düsteren Zukunftsaussichten den Kopf zerbrach, hielt sie plötzlich inne. Ihr Blick fiel auf einen dicken weißen Umschlag mit italienischer Briefmarke. Zögerlich öffnete sie ihn. Darin befanden sich ein Schreiben, ein Flugticket und – ein Scheck. Über eine Summe, bei der sich ihr die Kehle zusammenzog.

Das Schreiben, auf Geschäftspapier verfasst, enthielt außer dem Hinweis auf den Scheck und das Flugticket keine weiteren Informationen. Laura stellte fest, dass es für einen Flug eine Woche später von London nach Rom ausgestellt war. An das Schreiben geheftet war ein zweites eng in italienischer Sprache bedrucktes Blatt, von dem Laura kein Wort verstand. Vermutlich wurde darin erklärt, dass der Scheck ein Geschenk von ihrem Großvater war – als Dank dafür, dass sie ihn in Italien besuchte.

Vorsichtig schob sie alles zurück in den Umschlag, ging in die Küche, setzte sich an den Tisch und starrte auf den Brief in ihren Händen.

Ich werde den Scheck einlösen und das Geld zurückzahlen, jeden Penny, sogar mit Zinsen!, dachte sie aufgeregt. Sobald sie die Hypothek bekommen hätte. Aber das Finanzamt würde sich nicht gedulden – die Steuern musste sie sofort bezahlen!

Aber nicht auf diese Art, ermahnte sie sich dann. Ihr Großvater würde sich im Grab umdrehen, wenn sie etwas von der Familie Viale annahm.

Andererseits schulden die Viales dir etwas, meldete sich wieder eine andere Stimme. Dir, deiner Mutter und deinen Großeltern …

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