Logo weiterlesen.de
Verführt von so viel Charme

image

1. KAPITEL

Während der letzten fünf Monate hatte Flynn O’Grady sich zahllose Gelegenheiten vorgestellt, wie er Darcie Moretti wieder begegnen würde. Doch in seinen wildesten Träumen hatte er es sich nicht ausmalen können, dass er mitten in einem Treffen des Daddy-Clubs aufblicken und sehen würde, wie sie auf ihn zukam.

Bei ihrem Anblick verdoppelte sich sein Herzschlag. Ihre braunen Locken waren durch bunte Haarspangen und zwei hölzerne Essstäbchen gebändigt. Hunderte von goldenen Sommersprossen zierten ihre Haut, was Flynn schon immer bezaubernd gefunden hatte.

Darcie Moretti hatte eine Art, einen Mann anzuschauen, die in ihm eine ganze Skala von zweifelhaften Gefühlen hervorrief – wie Aggression, Erregung und totale Verwirrung, und das alles gleichzeitig. Darcie war frei von Hemmungen. Sie wich nicht scheu seinem Blick aus.

Warum war sie dann in jener Nacht aus dem Hotel und damit aus seinem Leben verschwunden? Flynn hatte so viele Fragen. Wo war sie damals abgeblieben? Warum hatte sie ihn verlassen, ohne sich von ihm zu verabschieden? Ohne ihm ihre Telefonnummer zu hinterlassen? Und …

„Deine Tochter hat soeben die Hotline für jugendliche Ausreißer angerufen.“ Darcie stand vor ihm, sehr ernst, sehr gesammelt und wartete seine Reaktion ab. „Hast du gehört, was ich dir sagte, Flynn?“

„Ja, ich …“ Sein Verstand nahm die Worte auf, aber er erfasste nicht ihre volle Bedeutung. Langsam zog er das angewinkelte Bein vom Knie und stellte die Füße auf den Boden.

Er fühlte, wie das Blut ihm aus dem Gesicht wich, vergaß, dass sechs Männer mit ihm im Halbrund im Hardware And Muffins saßen, dem Eisenwarengeschäft mit angeschlossenem Café, ein jeder von ihnen ein Teilnehmer der Mittwochabendschule für entmutigte Väter. „Was hast du gesagt?“

„Heather hat vor, davonzulaufen … falls sie es nicht schon getan hat.“

Flynn sprang vom Sessel auf. Ihm kam nicht einmal in den Sinn zu fragen, wieso Darcie das von seiner Tochter wusste oder wie sie auf eine solch lächerliche Idee kommen könnte. Sie hatten einmal miteinander geschlafen – in einer schwülen spätsommerlichen Nacht, als er seinen Kummer in Whisky zu ertränken suchte. Darcie war ihm wie die frische Luft zum Atmen vorgekommen, wie Balsam für seine zerrissene Seele.

Aber er konnte sich nicht erinnern, dass er auch nur mit einem Wort seine Familie erwähnt hätte.

„Sie kann nicht weggelaufen sein! Ich habe sie gerade vor einer halben Stunde gesehen. Zu Hause. Ich bin nicht lange genug weg gewesen.“ Panische Angst ergriff Flynn, obwohl er es nicht ganz glauben konnte, was er da gehört hatte. Gab es denn kein Ende für den Albtraum, den ein allein erziehender Vater leiden musste? Schreckliche Gedanken drängten sich ihm auf, was seiner Tochter draußen auf den Straßen dieser Stadt passieren könnte. Und es spielte keine Rolle, dass Princeton als einer der sichersten Orte in New Jersey galt. Ein junges unerfahrenes Mädchen konnte in so viele Gefahren hineinstolpern. Allgütiger, sie könnte auf dem Eis ausrutschen und unter einem Berg von Schnee begraben werden!

Darcie berührte Flynns Arm. Er war vor Sorge blass geworden, und sie konnte nicht anders, sie reagierte darauf – wie auch sonst immer. Obwohl sie es diesmal nicht sollte. Der Himmel allein wusste, dass sie sich mit ihrem weichen Herzen bereits in jede Menge Schwierigkeiten gebracht hatte. Und in die größte Schwierigkeit hatte sie sich in jener Nacht vor fünf Monaten in einem Hotelzimmer in Philadelphia gebracht.

Aber verflixt noch mal, dieser Mann hatte Hilfe gebraucht. Und er brauchte sie auch jetzt.

Als Heather O’Grady die Hotline für jugendliche Ausreißer angerufen hatte, für die Darcie ehrenamtlich tätig war, hatte sie fast einen Herzschlag bekommen. Seit drei Monaten nahm sie sich jeden Morgen vor, Flynn O’Grady anzurufen. Und jeden Morgen kniff sie von neuem.

Seine Tochter hatte nun mit ihrem Anruf in das Schicksal eingegriffen und das Dilemma gelöst – und ein völlig neues geschaffen.

„Wohin ist sie gegangen?“, fragte Flynn. „Hat sie gesagt, wohin sie geht? Was hat sie gesagt?“ Er stieß die Fragen hervor, ohne die Antwort abzuwarten. „Ist sie noch zu Hause?“

„Das bezweifle ich.“ Der niedergeschlagene Ausdruck auf seinem Gesicht schmerzte Darcie.

„Ich muss sie finden … Ruf die Polizei an …“

Sie sollte sich da nicht hineinziehen lassen, sollte den Fall jemand anderem übergeben. Aber ihr dummes weiches Herz hatte bereits entschieden. Es würde für sie gefährlich werden, das wusste Darcie und auch, dass ihr wehgetan werden würde. Doch Darcie konnte nicht anders. Vor nur einem Augenblick – kurz bevor sie die Bombe hatte platzen lassen – hatte sie den sexuellen Reiz gespürt. In dieser kurzen Zeitspanne, wo ihre Blicke sich begegnet waren, war die bittersüße Erinnerung in ihr wieder wach geworden. Und Darcie hatte sofort erkannt, dass auch Flynn sich an ihre gemeinsame Nacht erinnerte.

Sie nahm jede Einzelheit seines fast unverschämt guten Aussehens in sich auf – seinen Duft, die breiten Schultern, über denen sich das weiße Hemd spannte, die lässig gebundene Seidenkrawatte, seine eng sitzenden Hosen, die die schmalen Hüften so wirkungsvoll hervorhoben. Sie wollte ihn küssen …

Nun aber ehrlich, Darcie, ermahnte sie sich, hör sofort damit auf!

Darcie ergriff Flynn beim Arm, um ihn davon abzuhalten, aus dem Laden hinauszustürmen. „Ich weiß, wie die Polizei in solchen Fällen vorgeht. Und auf dich allein gestellt, zu einem so frühen Zeitpunkt, wirst du nichts ausrichten können.“

„Früher Zeitpunkt? Sie ist dreizehn Jahre alt, und hat sie nicht gerade gesagt, dass sie davonläuft?“ Flynn warf Darcie einen feindseligen Blick zu. „Und warum hat sie es ausgerechnet dir gesagt? Wie kommt es überhaupt, dass du meine Tochter kennst?“

„Ich arbeite hier in Princeton ehrenamtlich für die Hotline.“ Flynn sah aus, als ob er ohnmächtig werden würde, und Darcie umgriff fester seinen Arm und stellte sich dicht neben ihn, um ihn zu stützen.

Oh nein! Fast hätte Darcie gestöhnt. Sein warmer Körper an ihren gelehnt erregte sie. Meine Güte, Flynn brauchte ihre Hilfe! Nicht ihre Fantasien.

Er sollte sie lieber nicht so ansehen, wie er es gerade getan hatte. Flynn O’Grady konnte nicht anders als sexy sein, auch wenn er sich im Moment sorgte, auch wenn er verwirrt war und vor lauter Fragen nicht ein und aus wusste. Dass er sich sorgte, verstand Darcie nur allzu gut. Sie hatte auch Mitgefühl für seine Verwirrung. Seine Fragen jedoch fürchtete sie.

„Bist du okay?“, erkundigte sie sich und bewegte sich sachte ein wenig von ihm fort, beobachtete ihn aber dabei, falls er tatsächlich ohnmächtig werden sollte.

„Nein, ich bin nicht in Ordnung. Ich muss meine Tochter finden!“ Flynn riss den Mantel vom Garderobenhaken, zog ihn an und stürmte zum Ausgang. Kurz davor blieb er abrupt stehen, so als ob er etwas Wichtiges vergessen hätte.

„Das Baby“, murmelte er und marschierte auf Ruth Naomi Steadwell zu, der Mitbesitzerin vom Hardware And Muffins. Die Teilnehmer des Daddy-Clubs wichen zur Seite, als er sich in voller Panik, aber fest entschlossen eine Windeltasche über die Schulter warf, Ruth Naomi das Baby abnahm und sich mit einem zerstreuten „Danke …“ von Naomi entfernte.

Darcies Herz klopfte zum Zerspringen. Sie hatte gewusst, dass Flynn Kinder hatte. Wenn man am Ort etwas erfahren wollte, brauchte man sich nur an Ula Mae Simmons – eine der Kaffeeklatschtanten – zu wenden. Ula Mae wusste über alles und alle Bescheid. Aber Flynn mit der ein Jahr alten Mary Beth auf dem Arm zu sehen, versetzte Darcie einen ganz schönen Schock.

Sie nahm sich zusammen und hielt sich gerade noch davon ab, mit dem Kopf zu schütteln. Flynn verhielt sich im Augenblick wie ein Stier, der blindlings gegen alles, was sich ihm entgegensetzte, anstürmte. Sein Herz und seine Absichten waren ohne jeden Zweifel untadelig, aber er war drauf und dran, die Dinge total zu vermasseln. Und das konnte Darcie nicht zulassen.

Sie stellte sich ihm in den Weg. „Flynn, warte!“

Er schien verwirrt, war überrascht, dass sie da war. „Weißt du, wo meine Tochter ist? Wo kann ich sie suchen?“

„Ich habe eine Ahnung, wo sie sein könnte.“

„Dann sag’s mir.“

Das wäre zu heikel. „Nun ja … das kann ich nicht.“

In seinen dunkelbraunen Augen blitzte Zorn auf. „Was meinst du mit das kann ich nicht?“

„Was über die Hotline mit den Kids besprochen wird, bleibt vertraulich.“

„Vertrau…“ Ihm schien es die Sprache verschlagen zu haben. Er starrte Darcie ungläubig an.

Und Darcie schien den klaren Verstand eingebüßt zu haben. Was recht ungewöhnlich war, wenn man bedachte, dass sie normalerweise eine gescheite, gewitzte Person war. Ihre Wangen brannten und ihr Herz hämmerte, als ob ihr jemand eine Adrenalinspritze verpasst hätte.

Oh nein, da war es wieder! Sie kannte dieses Gefühl. In den letzten vier Monaten überkam es sie in fast regelmäßigen Abständen. Und es konnte nur bedeuten, dass sie kurz davor stand, einen dieser seltsamen Anfälle zu erleiden.

Auf keinen Fall wollte sie vor Flynn O’Gradys Füßen wie ein Häufchen Elend zusammensacken.

Sie wirbelte herum und ging schnurstracks auf die Damentoilette zu.

Flynn blickte Darcie Moretti nach, bis sie in der Zufluchtsstätte verschwand, die Männer gewöhnlich nicht betreten dürfen. Es dauerte eine volle Minute, bis ihm klar wurde, dass Darcie ihm entwischt war. Wieder!

Das konnte er nicht hinnehmen. Die Zeit verrann. Seine Tochter war dabei, davonzulaufen, der Himmel allein wusste wohin. Und die einzige Person, die die Antwort kannte, wollte ihm offensichtlich entkommen, indem sie sich in der Damentoilette versteckte.

Verdammt, da hatte Darcie ihn unterschätzt. Er war in einer äußerst reizbaren Laune. Ein gepeinigter Vater. Kein Kennzeichen der Gattung oder des Geschlechtes an der Pendeltür würde ihn zurückhalten.

Er zog Mary Beth höher auf seine Hüfte und stieß die Tür auf. Hinter ihm wurden zustimmende Zurufe laut von den Männern des Daddy-Clubs und Hüsteln von ein oder zwei der älteren Patrone, die von der Kaffeebar Flynn neugierig beobachteten.

Er ignorierte das alles, ließ die Tür hinter ihm zuschwingen und schloss damit neugierige Augen und Ohren aus. Er konzentrierte sich ganz auf die sommersprossige Frau, die mit dem Rücken gegen den lachsfarbenen gekachelten Toilettentisch stand, mit den tropfend nassen Fingern an den schwarzen Knöpfen ihres zu weiten Mantels herumfummelte und Flynn verblüfft anstarrte.

Er runzelte die Stirn, als er bemerkte, dass ihr blasses Gesicht auch nass war. „Bist du okay?“

„Ja.“

Es klang nicht sehr überzeugend, aber er ließ es dabei bleiben. „Hör mal, Darcie, wenn du irgendeine Mitteilung von meiner Tochter bekommen hast, dann erwarte ich, dass du sie an mich weitergibst – und das sofort!“ Es war nicht leicht, drohend zu wirken mit einem von breiigen Keksen verschmierten Hemd, einem sich windenden Kind auf der Hüfte und einer rosa Stofftasche mit Windeln, die ihm über die Schulter hing.

Aber er versuchte, beeindruckend zu sein, auch wenn er in heller Verzweiflung war und sich die schlimmsten, hässlichsten Dinge vorstellte, die seiner Tochter passieren könnten.

Darcie blickte ihn missbilligend an. Sie zog ein Papiertuch aus dem Behälter und trocknete sich das Gesicht und die Hände. „Drohst du deiner Tochter auch so?“

„Ich drohe nicht …“ Entsetzt und gekränkt unterbrach sich Flynn, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. War es die Situation oder diese Frau, die ihn so nahe an den Siedepunkt brachte? Es ärgerte ihn, dass sie ihn vor fünf Monaten verlassen hatte, während er nackt und schlafend im Bett lag. Und es ärgerte ihn, dass sie wieder in sein Leben geplatzt war. Der persönliche Ärger und die Angst um Heather – beides zusammen machte ihn schrecklich wütend.

„Nein, ich drohe meiner Tochter nicht!“

Die Kleine auf seiner Hüfte zuckte erschrocken zusammen. Ihre Unterlippe fing an zu zittern.

„Siehst du, was du getan hast?“, warf Darcie ihm vor. Sie streckte die Arme aus und nahm ihm Mary Beth ab.

„Hör mal, ich …“

„Sei still!“

Flynn war sich nicht sicher, ob sie damit das Baby gemeint hatte oder ihn, aber er war so verdutzt, dass er ihr prompt folgte. Gewöhnlich überließ er keinem anderen sein Kind. Eigentlich hatte er Mary Beth auch nicht Darcie überlassen. Darcie hatte sie ihm einfach abgenommen, und er wollte keinen Streit deswegen.

Fast hätte er aufgestöhnt. Was für ein Vater war er nur? Er konnte nicht einmal seine kleine Tochter gegen andere verteidigen. Wie konnte irgend so eine Fremde daherkommen und sich einfach sein Baby aus seinen Armen schnappen?

Und was war mit Heather? Sie war weg. Er hatte sie verloren.

Wie konnte das geschehen? Warum hatte er keine Ahnung gehabt, dass sie unglücklich war?

Er hätte das mitbekommen sollen. Vor allem heute Abend. Er hatte Heather gebeten, für Mary Beth den Babysitter zu spielen, damit er das Treffen im Daddy-Club einhalten konnte. Aber sie hatte deswegen einen Wutanfall bekommen. Völlig frustriert hatte er sich Mary Beth auf die Hüfte gesetzt und war aus dem Haus gestürmt.

Oh, Mann. Er war ein solcher Idiot.

„Hey, es wird schon alles gut werden.“

Er fühlte Darcies Hand auf seinem Arm, blickte ihr in die mitleidsvollen Augen und bemerkte, dass ihre Wangen wieder Farbe hatten.

Mary Beth fuhr mit ihren schmutzigen Fingerchen glücklich in Darcies Locken und brachte die sexy Frisur völlig durcheinander. Darcie schien es nicht einmal mitzubekommen. Und aus irgendeinem verdammten Grunde berührte das Flynn.

„Ich befinde mich hier eindeutig im Nachteil. Du scheinst alle Antworten zu haben … über meine Tochter … und wo du während der letzten fünf Monate abgeblieben bist … warum du dich einfach so verkrümelt …“

Flynn ließ den Rest offen, spielte Darcie den Ball zu, damit sie das Thema fortsetzte und er nicht allzu kläglich dastand. Natürlich war der Zeitpunkt für persönliche Fragen ungeeignet, das wusste er. Aber er fühlte sich wie der Vogel Strauß, der nach einem Sandloch suchte, wo er seinen Kopf hineinstecken konnte. Wenn er das Ganze lange genug hinhielt, würde jemand durch die Tür hereinstürmen und ihm verkünden, dass alles ein Missverständnis sei und dass seine Tochter im Hause wäre, sicher und gesund und glücklich.

„Ich habe nicht alle Antworten, Flynn.“ Darcie nahm das Baby auf den anderen Arm, und die Kleine legte das Köpfchen auf Darcies Schulter. Flynn war, als ob ihm seine Brust zu eng wurde. Diese schlichte Geste gab ihm das Gefühl der Unzulänglichkeit … was sich in letzter Zeit zu häufen schien. „Aber das eine möchte ich klarstellen“, setzte sie hinzu. „Ich habe mich nicht verkrümelt.“ Sie klang beleidigt.

„Ich dachte, du wohnst in Philadelphia.“

„Hab ich das gesagt?“

„Nein. Du hast überhaupt nicht viel gesagt.“

„Du hast damals ganz schön einen über den Durst getrunken.“ Darcie lächelte. „Vielleicht sollten wir uns vorstellen.“ Sie streckte ihm die Hand hin. „Darcie Moretti aus Trenton, New Jersey, der Ort, wo ich mein ganzes Leben gelebt habe.“

Flynn fand es lächerlich, in der Damentoilette Höflichkeiten auszutauschen … vor allem, wenn man bedachte, dass sie beide miteinander geschlafen hatten. Aber bei Darcie Moretti erschien das irgendwie ganz normal.

Er nahm ihre Hand, spürte, wie ein Funke von ihr auf ihn übersprang, was ihn schockierte. Er sah, wie ihre haselnussbraunen Augen sich weiteten, sich dann verdunkelten und die Farbe von Moos annahmen.

„Wie peinlich“, murmelte Darcie.

Sein Lachen war angespannt und spontan und überraschte ihn selbst. „Ist das nicht ein Widerspruch, Darcie Moretti? Du ziehst ein weibliches Bravourstück ab, indem du dich in der Toilette verkriechst, dann gestehst du freimütig ein, dass wir uns unwiderstehlich finden.“

„Ich habe nicht freimütig eingestanden, dass wir uns unwiderstehlich finden. Ich habe nur eine simple Bemerkung gemacht.“

„Es war ein Eingeständnis“, entgegnete Flynn. „Und wo wir schon einmal dabei sind, wie wär’s mit einer aufrichtigen Antwort auf die Frage, wo meine Tochter abgeblieben ist.“

„Ich möchte es lieber nicht sagen.“

„Und ich möchte es lieber, dass du es sagst. Meine Güte, wir stehen hier in der Damentoilette! Wir haben miteinander geschlafen! Wenn das noch kein Vertrauen schafft, was soll es dann?“ Darcie drehte sich abrupt von ihm ab, was Flynn auf den Gedanken brachte, dass sie ihm etwas unterschlug … dass es ein Geheimnis gab. Das Wichtigste zuerst, ermahnte er sich. Finde Heather und hol dann aus Darcie Moretti die ganze Geschichte ihrer Flucht heraus.

„Sag es mir, Darcie!“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich muss mein Wort halten. Ich bin für die Kids, die die Hotline anrufen, eine Vertrauensperson, und ich verspreche ihnen, dass das, was sie mir sagen, nicht weitergeht. Wenn ich ihr Vertrauen auch nur einmal missbrauchte, würde es sich bald unter den Straßenkindern herumsprechen. Die Kids würden aufhören anzurufen. Sie könnten in sehr schlimme Situationen geraten, und es wäre meine Schuld.“

Etwas wie Schmerz klang in ihrer Stimme durch, so als ob jemand einen wunden Punkt bei Darcie Moretti berührt hätte. Doch Flynn ging nicht darauf ein. „Ich werde keine Gerüchte ausstreuen. Wir sprechen hier über meine Tochter.“

„Sie mag deine Tochter sein, aber sie hat mich angerufen.“

Frustration stieg in Flynn auf. „Ich bin kein so schlimmer Vater. Ich schlage meine Kinder nicht. Ich versuche ihnen alles zu geben, was in meiner Macht steht.“

„Alles außer deiner Zeit?“

„Hat Heather das gesagt?“

„Manchmal hat sie es gesagt.“

„Manchmal?“, wiederholte Flynn entgeistert. „Hat sie denn öfter als das eine Mal mit dir gesprochen?“

„Ja. Seit etwa drei Wochen hat sie die Hotline in Abständen angerufen. Seit dem Neujahrsabend.“

Flynn fuhr sich mit der Hand durchs Haar, entfernte ein paar klebrige Kekskrumen und wischte sich die Hand an seinem Mantel ab, was einen schmierigen braunen Fleck hinterließ.

„Ich gebe zu, wir hatten uns am Neujahrsabend gestritten. Heather wollte zu einer Party, und ich sagte Nein. Ich wusste nicht, dass sie mir deswegen immer noch böse war.“ Flynn seufzte schwer und blickte auf Darcies Spiegelbild. Eins der Essstäbchen, das sie unbekümmert in ihr lockiges Haar gesteckt hatte, war halb herausgeglitten.

„Wie ich von Heather weiß, hast du behauptet, am Neujahrsabend müsse die Familie zusammenbleiben. Aber dann kam eine Freundin von dir, und Heather musste schließlich auf Mary Beth Acht geben. Während du mit dieser Frau einige Drinks gehabt hast, waren dir deine beiden Mädchen gleichgültig.“

Flynn schaute ihr neugierig ins Gesicht. Wenn er es nicht besser wüsste, hätte er schwören können, dass Darcie Morettis Stimme eifersüchtig geklungen hatte.

„Es stimmt nicht, dass ich die beiden nicht beachtet habe, und es stimmt auch nicht, dass ich Heather dazu gezwungen habe, auf ihre Schwester Acht zu geben. Und diese andere Frau war Ross Steadwells Ehefrau, Elaine! Ross war mit dabei und auch ihre zwei Kinder.“

„Oh.“ Darcie wirkte kein bisschen reuig, weil sie eifersüchtig gewesen war … falls sie es überhaupt gewesen war. „Sind Ariel und Jimmy nicht niedlich?“

„Du kennst die Steadwells?“

„Sehr gut sogar. Ich wickle die Versicherungen bei Data Ink ab, wo auch Elaine arbeitet. Und ich bin es gewesen, die Elaine und Ross vorgeschlagen hat, dich auf den Daddy-Club aufmerksam zu machen.“

Es klang ein wenig so, als ob Darcie sich rechtfertigte. Doch das war ihm egal. Flynn mochte es nämlich überhaupt nicht, wenn Leute hinter seinem Rücken versuchten, sein Leben zu beeinflussen. Auch wenn sein Leben in letzter Zeit aus der Kontrolle zu geraten schien und er wahrscheinlich einige Anleitungen sehr nötig hatte. Er mochte es trotzdem nicht.

„Findet Heather, dass ich so schlimm bin?“

„Nein. Sie ist nur ein verwirrtes junges Mädchen.“

„Und ich? Ich bin auch verwirrt. Ich tue mein Bestes, aber es scheint nicht gut genug zu sein. Schau mich an. Wie sehe ich aus? Überall kleben Kekse und Babysabber. Ich bin fast aus dem Laden gestürmt ohne mein Baby. Meine andere Tochter ist so wütend auf mich, dass sie davonläuft, und ich weiß nicht einmal, worüber sie wütend ist. Und du behauptest, du hättest eine Ahnung, wo sie sein könnte, aber du willst mir nicht sagen, wo.“

„Ich kann Heathers Vertrauen nicht enttäuschen, Flynn. Begreife das.“

Sein Magen zog sich so krampfhaft zusammen, dass er glaubte, sich übergeben zu müssen. Oder zu weinen. Als Darcie ihn berühren wollte, machte er abrupt einen Schritt zurück. Flynn wusste nicht, welche Reaktion sie damit auslösen würde, und er fürchtete, dass ihm die Nerven durchgehen könnten.

Darcie war störrisch, aber sie duftete nach Äpfeln und Zimt und strahlte Mitleid und Tüchtigkeit aus. Sie ließ ihn an häuslichen Herd und Familie denken, all die Dinge, die er sich am meisten wünschte. Sie ließ ihn auch an Vertrautheit und Spaß denken, zwei Dinge, die seit einer ganzen Weile in seinem Leben fehlten.

Oder seit der Nacht von vor fünf Monaten.

Auch wenn er mehr getrunken hatte, als gut für ihn war, so war ihm die Nacht deutlich in Erinnerung geblieben. Er erinnerte sich an Darcies Leidenschaft, ihr inneres Feuer, ihre zärtliche Hingabe.

Im Augenblick war sie weit davon entfernt, ihm entgegenzukommen. Sie wusste, wo seine Tochter war, aber sie schwieg. Wie könnte er ihr nur verständlich machen, wie unglücklich er war und voller Angst bei dem Gedanken, dass seiner Tochter etwas Schlimmes geschehen könnte.

„Heather hat es nicht leicht gehabt im vergangenen Jahr. Ihre Mutter hat sich gleich nach Mary Beths Geburt abgesetzt und wurde bei einem Unfall getötet. Meine Mutter zog zu uns, was den Mädchen geholfen hat, über den ersten Trübsinn hinwegzukommen. Aber sie ist vor Kurzem nach Vermont zurückgekehrt, um ihrer Schwester nach einer Hüftoperation beizustehen … und ich habe keine Ahnung, warum ich dir das alles erzähle.“ Jetzt, wo Flynn es ausgesprochen hatte, wurde ihm bewusst, wie viele Frauen ihn in seinem Leben bereits im Stich gelassen hatten. Einige absichtlich, einige nicht so absichtlich. Gütiger Himmel, er hatte als Ehemann versagt, und nun hatte es sich herausgestellt, dass er auch als Vater untauglich war.

Er war es gewesen, der so verzweifelt gern Vater werden wollte. Doch er hatte es sich nicht im Traum vorstellen können, dass er einmal als ein vollbeschäftigter allein erziehender Elternteil dastehen – und schmählich versagen würde.

„Du hast keinen Grund, mir zu vertrauen, Flynn, aber wirst du es trotzdem tun?“, fragte Darcie leise.

„Dir worin vertrauen?“

„Lass mich Heather finden.“

„Das kann ich nicht. Es ist mein Job.“

„Du willst also dabei bleiben, Heather zu suchen, weil du meinst, dass es in einer solchen Situation von dir erwartet wird … hab ich recht?“ Darcie schüttelte den Kopf. „Als ihr Vater kannst du sie zwingen, nach Hause zu kommen, aber du kannst die Dinge auch verschlimmern. Wird sie dann auch zu Hause bleiben? Sie hat es gewagt wegzulaufen. Es wird ihr nicht leicht gefallen sein. Das nächste Mal aber wird es weniger hart sein. Wirst du die Nächte aufbleiben, um sicher zu sein, dass sie sich nicht wieder davonmacht?“

„Wenn es sein muss.“ Er würde alles tun, um Heather ans Haus zu binden. Er würde seine Arbeit aufgeben, eine abgelegene Hütte in den Pocono-Bergen mieten und Heather zwingen … Wozu zwingen? fragte er sich hilflos.

„Ich versuche, dir klarzumachen, dass du einen Vermittler brauchst, Flynn.“

„Und du meinst, dass du es sein könntest?“

„Deine Tochter hat mit mir gesprochen. Und es scheint, dass sie zu mir Vertrauen hat.“ Darcie strich über Mary Beths lockiges Köpfchen und drückte zerstreut einen Kuss auf ihr Haar. „Heather hat eine Menge durchmachen müssen in letzter Zeit.“

„Ich brauche nicht dich, um auf die traurigen Ereignisse in meinem Leben hingewiesen zu werden“, entgegnete er mit angespannter Stimme.

„Begreifst du es jetzt?“

„Was?“

„Du bist im Augenblick nicht in der Verfassung, um dich mit Heather erfolgreich auseinanderzusetzen.“

In Flynn sammelte sich immer mehr Groll an. „Erzähl mir nicht, wie ich mit meiner Tochter umgehen …“

„Lass es genug sein, Flynn“, unterbrach Darcie ihn mit sanfter Stimme und wippte Mary Beth auf dem Arm. Sie strich dem Baby immer wieder über das Köpfchen, als sie sah, dass sich das kleine Gesicht zum Weinen verzog bei dem zänkischen Ton ihres Vaters.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Verführt von so viel Charme" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen