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Verführt von einem stolzen Spanier

1. KAPITEL

Entweder jetzt oder nie, denn eine andere Möglichkeit gibt es nicht, sagte Alexa sich entschlossen.

Irgendjemand musste es tun, und Natalie konnte es nicht. Bisher hatte sie dem Druck nicht standgehalten und würde auch diesmal genau das Gegenteil von dem sagen, was sie dachte. Sie würde sich damit einverstanden erklären, Santos Cordero zu heiraten, obwohl sie es nicht wollte, weil sie von Anfang an zu allem Ja gesagt hatte. Und damit würde sie sich jede Chance auf eine echte Beziehung und wahre Liebe verbauen. Jetzt befand sie sich auf dem Weg zum Flughafen, um ein neues Leben zu beginnen.

Als ihre ältere Halbschwester musste Alexa nun die Scherben zusammenkehren, indem sie sich bei Santos entschuldigte und ihm alles erklärte.

Der Chauffeur hatte sie gerade vor dem Haupteingang der Kathedrale Santa Maria de la Sede im Zentrum vor Sevilla abgesetzt, und bei der Vorstellung, Santos gleich gegenüberzutreten, ging Alexa unwillkürlich langsamer. Sie blickte zu dem Glockenturm hoch, der sich gegen den blauen Himmel abzeichnete, und atmete tief durch. Hinter ihr riefen die Paparazzi, die sich vor der Kirche versammelt hatten, und sie versuchte das Klicken der zahlreichen Kameras zu ignorieren, als sie die ausgetretenen Steinstufen hinaufschritt und dann den schmiedeeisernen Griff der großen Holztür umfasste.

„Das liegt jetzt alles hinter dir, Natalie“, sagte sie laut und schüttelte dabei energisch den Kopf. Doch sie merkte selbst, dass es ihr nicht die Kraft verlieh, die sie brauchte, um die Kathedrale zu betreten, Santos die Nachricht zu überbringen und danach alles zu regeln. Aber genau das musste sie tun.

„Komm schon, Alexa“, machte sie sich Mut. „Du weißt, dass du es tun musst!“

Sie seufzte resigniert, bevor sie sich zusammenriss und ihren Griff verstärkte. Außer ihr gab es niemanden, der dies erledigen konnte. Und wenn sie nichts unternahm, würde alles noch schlimmer werden. Natürlich würde es jetzt einen Skandal geben. Sie hoffte nur, sie konnte mit den Folgen fertig werden.

Vor lauter Nervosität hatte sie so feuchte Hände, dass ihr der Griff entglitt.

„Oh, verdammt!“, fluchte Alexa laut.

Da sie kein Taschentuch dabeihatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als die Hände an ihrem langen Kleid abzuwischen – ein Jammer um das teure rosa Modell, aber im Moment war es ihre geringste Sorge. Schließlich würde die Trauung, für die sie es gekauft hatte, nicht stattfinden.

Außerdem passte es überhaupt nicht zu ihr. Ihre Stiefmutter bevorzugte diesen glamourösen Look und hatte es für die Hochzeit ihrer Tochter ausgesucht – das gesellschaftliche Ereignis, das sie sich immer für diese erhofft hatte. Obwohl das Pink überhaupt nicht zu ihrem dunkelbraunen Haar und den gleichfarbigen Augen passte, hatte Alexa sich damit einverstanden erklärt. Sie hatte ihrer Stiefschwester nicht deren großen Tag verderben wollen, auch wenn sie fand, dass Santos nicht der Richtige für Natalie war.

Und nun lasse ich die Hochzeit platzen, überlegte Alexa mit einem Anflug von Schuldgefühlen, als sie wieder den Griff umschloss. Sie musste allen Mut zusammennehmen, um die Kirche zu betreten und es den Gästen zu verkünden.

Ihre Stiefmutter würde wahrscheinlich hysterisch werden. Ihr Vater – und Natalies – würde noch steifer und reservierter als ohnehin schon wirken. Und der Bräutigam …

Der Bräutigam …

Bei dem Gedanken an ihn schlug Alexa das Herz bis zum Hals. In dem Moment schwang die schwere Holztür auf und schlug an die Wand, woraufhin alle Gäste sich erwartungsvoll umdrehten.

Sie hatte keine Ahnung, wie der Bräutigam reagieren würde – wie Santos Cordero die Nachricht aufnehmen würde, dass seine Braut ihn vor dem Altar stehen ließ und auf dem Weg zu einem anderen Mann war. Doch allein bei der Vorstellung erschauderte sie, und ihr wurde eiskalt.

Bisher war sie dem Verlobten ihrer Stiefschwester erst einmal begegnet, und zwar kurz nach ihrer Ankunft vor zwei Tagen bei dem Festessen, zu dem er die ganze Familie anlässlich seiner Hochzeit in seine wunderschöne Villa außerhalb von Sevilla eingeladen hatte. Allerdings hatte sie schon viel von ihm gehört und den Einfluss bemerkt, den er auf ihren Vater ausübte, seitdem dieser Geschäfte mit ihm machte. Immer wenn sie ihn sah, wirkte er noch älter und hagerer und vor allem gestresster. Er war den Umgang mit Finanzhaien einfach nicht gewohnt, und Santos Cordero zählte zu den schlimmsten.

Dass man ihm den Spitznamen el bandido gegeben hatte, was so viel wie „der Räuber“ bedeutete, kam offenbar nicht von ungefähr. Soweit sie gehört hatte, wurde er seinem Ruf in vielerlei Hinsicht gerecht.

„Du musst ihn unbedingt sehen. Er ist einfach fantastisch! Und er hat Geld“, hatte Natalie verkündet und dabei so begeistert geklungen.

Zu begeistert, wie ihr nun klar wurde, als Alexa das Gespräch mit ihr noch einmal Revue passieren ließ und sich erinnerte, wie aufgesetzt es gewirkt hatte.

In einem Punkt hatte ihre Schwester jedoch recht gehabt: Santos war wirklich atemberaubend und einer der attraktivsten Männer, denen Alexa bisher begegnet war – groß und muskulös, mit pechschwarzem Haar und markanten Zügen und auf anziehende Weise gefährlich.

Letzteres war ihr bewusst geworden, als sie ihm die Hand schüttelte und ihn dabei ansah. Sein Händedruck war fest, sein Lächeln unverbindlich gewesen, aber seine grauen Augen hatten unvergleichlich kalt gewirkt. Prompt hatte ein Prickeln sie überlaufen, und dann war ihr abwechselnd heiß und kalt geworden, als hätte sie Fieber und Schüttelfrost. Nachdem sie eine höfliche Floskel gemurmelt hatte, hatte sie sich abgewandt und versucht, ihm den restlichen Abend aus dem Weg zu gehen. Dennoch hatte sie seinen Händedruck die ganze Zeit zu spüren geglaubt, und ihr Körper hatte nach seinem durchdringenden Blick unvermindert geprickelt.

„Alexandra?“

Es dauerte einen Moment, bis Alexa ihren Vater registrierte, der neben dem Eingang stand und auf Natalie wartete. Diese hatte ihn überredet vorzufahren, statt sie im Wagen zur Kirche zu begleiten, wie es der Tradition entsprochen hätte.

„Alexandra …“

„Was ist passiert?“

Das aufgeregte Gemurmel der Gäste angesichts der Tatsache, dass nicht die Braut, sondern die erste Brautjungfer erschienen war, verstummte bei der scharfen Frage, die der Bräutigam vom Altar aus stellte.

„Was ist passiert?“, wiederholte er, woraufhin Alexa ihn unwillkürlich ansah.

In dem Smoking auf der Dinnerparty hatte er schon überwältigend gewirkt, aber nun wurde ihr richtig schwindelig, denn er trug einen Frack mit Weste und einer eleganten Krawatte. Sobald ihre Blicke sich begegneten, schien es ihr, als wären Santos und sie allein auf der Welt. Die anderen Gäste und die festlich geschmückte Kirche mit den flackernden Kerzen und den kunstvollen Blumengestecken rückten in den Hintergrund, sodass sie nur noch sein markantes Gesicht und den Ausdruck in seinen Augen wahrnahm.

„Sagen Sie es mir!“, forderte Santos Cordero sie in autoritärem Tonfall vom anderen Ende der Kirche her auf.

Trotzig warf Alexa den Kopf zurück und beobachtete, wie er daraufhin die Augen zusammenkniff und flüchtig die Lippen zusammenpresste.

„Por favor“, fügte er so scharf hinzu, dass es für sie wie ein Schlag ins Gesicht war.

Das ist keine Bitte, sondern ein höflich verpackter Befehl, überlegte sie wütend. Am liebsten hätte sie etwas gekontert oder sich abgewandt und die Kathedrale verlassen. Sie konnte ihm auch die Wahrheit ins Gesicht sagen und beobachten, wie sein arroganter Ausdruck verschwand und Santos nicht mehr ganz so selbstsicher wirkte.

Dann besann sie sich allerdings auf ihre gute Erziehung. Außerdem verspürte sie einen Anflug von Mitgefühl.

Santos Corderos mochte ein überheblicher Mistkerl sein, aber er war auch der Bräutigam. Er war an diesem Tag hierhergekommen, um ihre Halbschwester Natalie zu heiraten.

Dieselbe Natalie, die ihr Hotelzimmer fluchtartig verlassen hatte und sich nun vermutlich schon am Flughafen befand – bei dem Mann, den sie ihren eigenen Worten zufolge wirklich liebte.

Und es mir überlässt, Santos alles zu erklären.

Die Kehle war ihr plötzlich wie zugeschnürt, und nur einen Moment lang gestattete sie sich den Gedanken an Flucht. Das hier war nicht ihr Problem. Sollte doch jemand anders diesem arroganten Spanier eröffnen, dass seine Braut es sich anders überlegt hatte …

Aber es gab niemanden.

Am anderen Ende der Kirche bemerkte sie ihre Stiefmutter in dem smaragdfarbenen Kleid und mit dem farblich dazu passenden Hut, die unruhig auf ihrem Platz hin und her rutschte und zu argwöhnen schien, dass etwas gründlich schiefgelaufen war. Und ihr Vater …

Nein, Alexa wagte es nicht, ihren Vater anzusehen, weil er sicher vermutete, dass sie schlechte Nachrichten überbrachte. Wahrscheinlich würde er einen Wutanfall bekommen, was sie auf keinen Fall riskieren wollte.

„Señorita …“

Nun klang seine Stimme sanft, aber als sie Santos Cordero anblickte, merkte sie, wie angespannt er war. Wenn sie jetzt etwas Falsches sagte, würde er explodieren und seine ganze Wut an ihr auslassen.

Dies war der Santos Cordero, den man ihr geschildert hatte, el bandido, dessen Ruf ihm selbst bis nach Yorkshire vorausgeeilt war.

Als ihr Vater ihr zum ersten Mal sagte, er würde mit ihm über ein Geschäft verhandeln, hatte er so aufgeregt und zuversichtlich geklungen, dass er durch diese Verbindung ein Vermögen verdienen würde, was das Ende all seiner finanziellen Probleme bedeutet hätte. Doch schon nach kurzer Zeit hatte sich abgezeichnet, dass der erhoffte Erfolg sich nicht einstellte und es nur Stress gab. Während der Vorbereitungen zu Natalies Hochzeit waren seine Sorgen allerdings in den Hintergrund getreten …

„Warum sind Sie hier? Ich nehme an, Sie wollen mir etwas mitteilen.“

Bemüht, seinen sarkastischen Tonfall zu ignorieren, der sie wie ein Peitschenschlag traf, atmete Alexa tief durch.

„Ich muss mit Ihnen reden“, brachte sie hervor und registrierte dabei, dass sie so atemlos klang, als wäre sie die Strecke von Natalies Hotelzimmer zur Kathedrale gelaufen. „Bitte …“, fügte sie hinzu, als Santos sie finster betrachtete.

„Dann reden Sie.“ Er machte eine überhebliche Geste. „Ich kann es kaum erwarten.“

Das hätte er ihr kaum deutlicher zu verstehen geben können. Und sie würde es ihm sagen. Aber nicht jetzt und nicht hier. Ungefähr sechshundert Gäste blickten sie nun neugierig an und verfolgten fasziniert das Drama, das sich vor ihnen abspielte.

Obwohl ihr das Herz bis zum Hals klopfte, zwang Alexa sich, auf ihn zuzugehen. Dabei überlegte sie fieberhaft, wie sie am besten beginnen sollte, doch alles erschien ihr entweder zu albern, zu unbeholfen oder schlichtweg falsch. Und sie konnte ohnehin keinen klaren Gedanken mehr fassen, sobald sie ihm ins Gesicht sah und sein kühler Blick sie traf.

In diesem Moment erschien Santos ihr noch größer und muskulöser als bei ihrer ersten Begegnung. Der elegante Anzug unterstrich seine breiten Schultern, die schmalen Hüften und die langen Beine, und sein weißes Hemd bildete einen faszinierenden Kontrast zu seinem dunklen Teint.

„Können wir irgendwohin gehen, wo wir ungestört sind?“, fragte sie unsicher, woraufhin er den Kopf neigte und leicht die Stirn runzelte, als hätte er sie nicht ganz verstanden.

„Perdon?“

Nun machte er einen Schritt auf sie zu, sodass sie sehen konnte, wie seine muskulöse Brust sich bei jedem Atemzug hob und senkte. Sie glaubte sogar seine Körperwärme zu spüren, und sein Aftershave, das sich mit seinem ureigenen Duft mischte, stieg ihr in die Nase. Ihr Herz pochte jetzt noch wilder, aber diesmal stellte sie schockiert fest, dass es nicht nur vor Angst war, sondern weil sie instinktiv auf seine animalische Anziehungskraft reagierte. Und das war das Letzte, was sie wollte, denn dieser Mann hatte ihrer Familie bisher nur Probleme bereitet.

„Können wir bitte irgendwohin gehen, wo wir ungestört sind?“

Alexa zwang sich, die Worte zu wiederholen, diesmal energischer und etwas lauter, obwohl es nur für seine Ohren bestimmt war.

„Irgendwohin, wo wir allein sind.“

„Allein?“

Santos blickte sie so finster an, dass sie verlegen errötete.

„Ich heirate gleich, Señorita.“

„So habe ich es nicht gemeint!“, zischte sie. „Und Sie …“

Entsetzt verstummte sie. Noch konnte sie ihm nicht sagen, dass er nicht heiraten würde. Nicht so. Genauso wenig wie sie es ihm hier vor allen Gästen mitteilen konnte.

Denn er wäre sicher am Boden zerstört. Schließlich hatte er Natalie gebeten, ihn zu heiraten und seine Frau zu sein, in guten wie in schlechten Zeiten …

„Wir müssen uns unbedingt unterhalten“, brachte Alexa hervor und hoffte, er merkte nicht, wie heiser ihre Stimme klang.

„Soso, glauben Sie.“ Skeptisch und mit unverhohlener Verachtung blickte er auf sie herab. „Sie glauben, ich müsste Ihnen zuhören. Aber Sie tauchen hier einfach auf, ohne mir etwas zu erklären, und erwarten von mir …“

„Ich versuche doch, es Ihnen zu erklären!“, unterbrach sie ihn verzweifelt.

Merkte er denn nicht, wie wichtig es war? Dass sie hier nicht ohne einen triftigen Grund einfach hereinmarschiert wäre?

Nein, überlegte sie. Er merkte überhaupt nichts. El bandido wäre nie auf die Idee gekommen, dass seine Braut ihn vor dem Altar stehen lassen könnte. Er vertraute darauf, dass sie erscheinen würde, denn schließlich hatte er ja alles arrangiert.

Seine Arroganz brachte sie so auf die Palme, dass Alexa an sich halten musste, um ihm nicht die Wahrheit entgegenzuschleudern.

„Ich glaube, es wäre Ihnen lieber, wenn wir irgendwo unter vier Augen reden würden.“

„Mir wäre es lieber, wenn ich wenige Minuten vor meiner Hochzeit nicht mit einer anderen allein wäre. Können Sie sich vorstellen, was die Klatschpresse daraus machen würde?“

„Oh, um Ihren Ruf brauchen Sie keine Angst zu haben. Ich versichere Ihnen, dass ich keine Absichten …“

Alexa verstummte, als sie seinem zynischen Blick begegnete. Dachte Santos Cordero wirklich, sie wollte seinen Ruf ruinieren? Was mochte er für ein Leben führen, dass er so misstrauisch war? Glaubte er, sie würde ihm später damit drohen, sich an die Presse zu wenden und intime Einzelheiten auszuplaudern, wenn er ihr kein Geld zahlte?

Nein, es würde sicher keine intime Situation werden …

Bei der Vorstellung ließ sie den Blick unwillkürlich zu seinem Mund schweifen, den immer noch ein zynisches Lächeln umspielte. Er war so sinnlich … Prompt setzte ihr Herz einen Schlag aus. Allein bei dem Gedanken daran, ihn zu küssen, schrillten bei ihr sämtliche Alarmglocken.

„Ich möchte gar nicht wissen, was für Absichten Sie haben …“

Seine eisigen Worte brachten sie unvermittelt in die Gegenwart zurück, und sie konnte nun zumindest erahnen, warum ihre Halbschwester beschlossen hatte, ihn nicht zu heiraten.

„Sie sind wirklich unmöglich!“, brauste Alexa auf. „Ich versuche nur, Ihnen eine peinliche Situation zu ersparen.“

„Alexandra …“

Offenbar entschlossen einzugreifen, kam jetzt ihr Vater auf sie zu. Er war aschfahl, und sowohl sein Tonfall als auch die Tatsache, dass er sie nicht mit ihrem Kosenamen ansprach, waren ein einziger Vorwurf.

„Alexandra, bitte …“

Abrupt blieb er stehen, als Santos die Hand hob. Offenbar erlebte dieser es nicht oft, dass man ihn als unmöglich bezeichnete.

„Wenn Sie wirklich Angst haben, können wir die Tür offen lassen, sodass man Ihre Schreie hört, wenn ich …“

Nun war sie zu weit gegangen. Falls sie ihn zu einer Reaktion hatte bewegen wollen, war es ihr gelungen. Mehr als das sogar. Er hatte die Fassung verloren, wie das kalte Funkeln in seinen Augen und seine zusammengepressten Lippen bewiesen.

Und plötzlich klopfte ihr Herz aus einem anderen Grund schneller. Während sie sich vorher einigermaßen sicher gefühlt hatte, schien es ihr nun, als hätte sich die Erde unter ihr aufgetan und würde sie verschlingen.

Ihr Mund war ganz trocken, und ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Nervös befeuchtete sie sich die Lippen.

„Glauben Sie mir, es wäre besser, wenn wir allein reden würden – da drinnen vielleicht …“

In Panik deutete sie auf eine Tür, die, wie sie annahm, zur Sakristei führte.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie reagieren sollte, wenn Santos einfach stehen blieb. Doch ehe sie sich darüber den Kopf zerbrechen konnte, streckte er die Hand aus und umfasste mit eisernem Griff ihren Arm.

„Sie wollen reden?“ Seine Stimme verriet unverhohlenen Zorn, und sein Akzent war noch deutlicher zu hören als vorher. „Dann los.“

Er führte sie zu der Tür, auf die Alexa gezeigt hatte, und öffnete sie. Nachdem er sie hineingeschoben hatte, schloss er die Tür, indem er einfach dagegentrat. Dass er sich in einer Kirche befand und außerdem mit ihr allein war, schien ihn in diesem Moment nicht mehr zu kümmern.

Die Arme vor der Brust verschränkt, lehnte er sich an die Tür. Falls sie vorher geglaubt hatte, er würde streng wirken, wurde Alexa nun eines Besseren belehrt, denn seine Züge waren hart und verrieten mühsam unterdrückten Zorn.

Nach einem Blick auf seine goldene Armbanduhr verkündete er: „Sie haben drei Minuten, um mir zu erklären, was das alles soll. Und es sollte glaubhaft sein, sonst …“ Er verstummte vielsagend, woraufhin sie unwillkürlich schauderte. „Und? Was gibt es so Wichtiges?“

„Ich …“

Zweimal setzte sie an, und beide Male versagte ihr die Stimme. Sie durfte ihm nicht ins Gesicht sehen, aber wegzublicken half genauso wenig. Wie sollte man einem Mann eröffnen, dass sein Leben von diesem Moment an ganz anders verlaufen würde, als er es sich vorgestellt hatte?

Nein, sie konnte ihm unmöglich in die Augen sehen.

„Sie haben schon dreißig Sekunden vergeudet“, höhnte Santos dann. „Noch zweieinhalb Minuten, und ich gehe wieder zurück und …“

„Natalie kommt nicht!“

Die Worte brachen einfach aus ihr heraus. Es gibt keinen richtigen und schon gar keinen einfachen Weg, es zu sagen, überlegte sie. Also hatte sie es ihm an den Kopf geworfen und hoffte nun, sich schnell zurückziehen zu können, bevor er seine Wut an ihr ausließ.

„Natalie kommt nicht. Sie hat es sich anders überlegt.“

Erstaunlicherweise reagierte Santos nicht so, wie Alexa es befürchtet hatte. Sein bedrohliches Schweigen war allerdings noch schlimmer für sie. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt, und sie hätte schreien mögen.

„Sie hat es sich anders überlegt?“, wiederholte er schließlich, als würde er entweder seinen Ohren nicht trauen oder die Bedeutung ihrer Worte nicht verstehen. „Erklären Sie es mir!“, befahl er dann scharf.

Er wollte es offenbar nicht anders. Sie hatte versucht, besonnen und fair zu sein, aber so etwas kannte Santos Cordero entweder nicht oder wusste es nicht zu schätzen.

„Natalie kommt nicht zur Hochzeit. Sie möchte Sie doch nicht heiraten.“

„Wo, zum Teufel, ist meine Braut?“, fuhr er sie an.

Dabei blickte er sie noch finsterer an als vorher, und trotz seines eisigen Tonfalls spürte sie, dass er sich nur mühsam beherrschte.

„Warum ist sie nicht hier, bei mir, vor dem Altar?“

„Oh bitte!“

Mehr konnte sie wirklich nicht ertragen. Dass er seinen Zorn an ihr ausließ, war eine Sache, doch die Worte meine Braut waren einfach zu viel.

Meine Braut. Es klang nicht nach großer Liebe, sondern einfach nur besitzergreifend.

„Es tut mir leid, aber sie wird nicht kommen und vor dem … dem …“Da sie so gestresst war, konnte Alexa nur nervös auf die Tür deuten, vor der er stand. Da draußen warteten alle darauf, dass die Zeremonie endlich begann.

„Sie kommt nicht. Sie wird Sie nicht heiraten. Sie ist zum Flughafen gefahren und wird inzwischen schon in der Abflughalle sein. Sie will in die USA – mit dem Mann, den sie wirklich liebt und den sie wirklich heiraten möchte.“

„Sie ist weg.“

Das war eine Feststellung, so eisig und präzise, dass Alexa zusammenzuckte. Noch nie hatte sie sich so schrecklich gefühlt wie in diesem Augenblick, und dies war nicht einmal ihr Kampf, den sie ausfocht. Doch sie hätte niemals zulassen können, dass ihre Schwester Santos Cordero heiratete, denn diese war so unglücklich gewesen.

„Ihre Schwester … ist vor ihrer eigenen Hochzeit davongelaufen.“

Die Art und Weise, wie er die Worte Ihre Schwester aussprach, bewirkte, dass ihr Herz sich schmerzhaft zusammenkrampfte. Aber sie wagte es nicht, es zu analysieren und herauszufinden, was sich wirklich dahinter verbarg. Sie hatte auch keine Zeit mehr, denn sie hatte ihre Mission fast erfüllt. Sie hatte Santos die Wahrheit gesagt und hoffte nur, sie konnte jetzt so schnell wie möglich von hier verschwinden.

„Sie hat mich sitzen lassen – wegen eines anderen Mannes?“

„Ich fürchte, ja.“

„Das hätte sie nicht tun sollen.“

„Ich weiß, und es tut mir leid – sie hätte es Ihnen früher sagen und Ihnen gestehen müssen, dass Sie sie nicht genug liebt, um Sie zu heiraten. Sicher sind Sie verletzt …“

Ihre Worte überschlugen sich fast, doch Alexa verstummte schockiert, als sie seine Reaktion bemerkte. Statt wütend zu werden, wie sie erwartet hatte, lachte er. Benommen und ungläubig zugleich stand sie da und blickte ihn starr an.

Er warf den Kopf zurück und lachte laut. Es war ein humorloses, zynisches Lachen, das sie schaudern und ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ.

„Santos?“, fragte sie zögernd, während sie sich fragte, ob sie überhaupt zu ihm durchgedrungen war.

Hatte sie in ihrer Nervosität vielleicht einen Fehler gemacht und nicht überzeugend geklungen?

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