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Verführt von einem spanischen Millionär

Danielle Stevens

Verführt von einem spanischen Millionär

PROLOG

Sturmböen peitschten den Regen gegen die Windschutzscheibe des mitternachtsblauen Seat. Die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren, hatten aber kaum eine Chance, die auf sie einstürzenden Wassermassen zu bewältigen. Blitze zuckten am Himmel über der Serpentinenstraße und tauchten die tiefschwarze Nacht in regelmäßigen Abständen für Sekundenbruchteile in gleißendes Licht.

Trotz des scheußlichen Wetters bereitete es Sebastián Rodriguez de Espinosa keine Mühe, seinen Wagen sicher unter Kontrolle zu halten. Er war ein geübter Fahrer, sodass er an die äußeren Bedingungen angepasst zwar zügig, aber nicht übertrieben schnell vorankam.

Seine Miene war finster, doch das lag nicht an dem Unwetter, das heute Nacht die spanische Küste heimsuchte. Allerdings spiegelte es auch ziemlich exakt das wider, was er im Augenblick empfand, denn auch in ihm brodelte es gewaltig.

Isabella saß neben ihm auf dem Beifahrersitz. Irgendwann im Verlauf der vergangenen halben Stunde musste sie eingeschlafen sein, denn sie hatte die Augen geschlossen, und ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig.

Bewundernswert, wie sie das schafft, ging es Sebastián durch den Kopf. Ihm selbst wäre es vermutlich nicht einmal mit Hilfe von Schlaftabletten gelungen, jetzt zur Ruhe zu kommen.

Nicht nach dem heftigen Streit, der seinen Anfang auf der Party genommen hatte, die sein Freund Juan, den er für ein paar Tage mit Isabella in Spanien besuchte, für ihn gegeben hatte und von der sie gerade in ihr Hotel zurückkehrten.

Doch Isabella war in dieser Hinsicht, wie er aus leidvoller Erfahrung wusste, nicht besonders empfindlich. Manchmal fragte er sich, ob sich nicht daran bereits zeigte, dass er mehr in ihre Beziehung investierte als umgekehrt, aber vermutlich war es unfair, so etwas zu denken.

Seufzend fuhr er sich durchs Haar und nahm kurz den Blick von der Straße, um Isabella im fahlen Schimmer der Armaturenbeleuchtung zu betrachten. Sie war eine sehr schöne Frau mit einer schlanken, zugleich aber sehr weiblichen Figur. Ihre vollen Lippen waren leicht geöffnet, und er konnte ihre makellosen perlweißen Zähne sehen. Das honigblonde Haar mit dem Goldschimmer umrahmte ihr ebenmäßiges Gesicht. Jetzt, wo sie schlief, wirkte sie wieder so rein und unschuldig wie damals, als er sie kennengelernt hatte. Knapp ein halbes Jahr lag dieser Abend erst zurück, doch seitdem war viel geschehen.

So viel …

Grollender Donner zerriss die Stille der Nacht und holte Sebastián abrupt wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Er atmete tief durch und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. Er konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn. Als er sah, wie an der nächsten Straßenbiegung die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Wagens aufleuchteten, reduzierte er instinktiv die Geschwindigkeit.

Im nächsten Augenblick schoss ein Fahrzeug mit halsbrecherischer Geschwindigkeit um die Kurve – direkt auf sie zu!

„Verdammt, was …?“

Er brauchte nur Sekunden, um zu erfassen, dass der Fahrer des entgegenkommenden Wagens keinerlei Anstalten machte, ihm auszuweichen. Und er fuhr genau in der Mitte der schmalen Serpentinenstraße!

In einer verzweifelten Bemühung, Isabella und sich aus der Gefahrenzone zu bringen, riss Sebastián das Lenkrad herum und trat auf die Bremse. Er hörte seine Verlobte neben sich erschrocken aufschreien. In der nächsten Sekunde spürte er, wie die Lenkung blockierte. Die Reifen verloren die Bodenhaftung und schlitterten über die regennasse Fahrbahn. Der Seat geriet ins Schleudern, drehte sich einmal halb um die eigene Achse und raste dann mit hoher Geschwindigkeit auf die Felswand zu, die auf der rechten Straßenseite in die Höhe ragte.

Sebastián spürte noch einen schrecklichen Stoß und vernahm das kreischende Geräusch von Stahl auf Stein, dann wurde es schwarz um ihn herum.

Das Erste, was Sebastián wahrnahm, als er langsam aus dem Dämmerschlaf erwachte, war der durchdringende Geruch von Desinfektionsmittel, der in der Luft hing. Dann kamen fremde Stimmen hinzu, die wie aus weiter Ferne an sein Ohr drangen.

Obwohl seine Lider sich schwer wie Blei anfühlten, zwang er sich, die Augen zu öffnen. Nachdem er sich an die blendende Helligkeit gewöhnt hatte, sah er zwei Männer in Weiß, die an dem Bett, in dem er lag, standen und sich unterhielten. Er hörte, was sie sprachen, doch es gelang ihm zunächst nicht, den Sinn ihrer Worte zu erfassen. Begriffe wie „Unfall“, „Geisterfahrer“ und „Fahrerflucht“ schwebten an ihm vorüber. Sie rührten etwas in ihm an, doch er konnte es nicht festhalten.

Sebastián wusste weder, wo er sich befand, noch, wie er hierhergekommen war. Fest kniff er die Augen zusammen – und atmete scharf ein, als die Erinnerungen plötzlich wie eine Sturmflut über ihn hinwegrollten. Der Wagen, der ihm auf regennasser Straße entgegenkam … Isabellas Schrei … Die Felswand!

„Isabella!“, keuchte er und setzte sich ruckartig auf.

Die Männer an seinem Bett – Ärzte, wie ihm jetzt klar wurde – reagierten gedankenschnell. Während der jüngere der beiden ihn mit sanfter Gewalt zurück aufs Bett drückte, eilte der ältere aus dem Raum.

„Beruhigen Sie sich“, sagte der junge Arzt und musterte ihn forschend. „Wie fühlen Sie sich? Haben Sie irgendwelche Beschwerden? Kopfschmerzen vielleicht?“

„Was ist mit Isabella?“ Das Sprechen fiel ihm schwer, denn seine Zunge fühlte sich wie ein Fremdkörper in seinem Mund an. „Geht es ihr gut? Wo ist sie?“

„Lassen Sie uns später darüber sprechen. Sie müssen erst einmal an sich denken. Sie waren lange ohne Bewusstsein, und …“

„No!“ Sebastián umklammerte das Handgelenk des Arztes und fixierte ihn durchdringend. „Bitte, Señor, ich muss es wissen! Wie geht es Isabella? Und dem Baby?“

Der Mann wich seinem Blick aus. „Ich … Sie sollten warten, bis …“

„Por favor, Señor!“

Seufzend wischte der Mann sich mit der freien Hand über die Stirn, auf der jetzt Schweiß glänzte. „Es tut mir leid, Señor, aber wir konnten nichts mehr für sie tun“, sagte er dann. „Der Notarzt wurde vom Fahrer eines Wagens alarmiert, der in den frühen Morgenstunden zufällig an der Unfallstelle vorbeikam. Hätten wir sie nur etwas früher operieren können …“

Sebastián fühlte sich wie an einem tiefen Abgrund, in den er gleich hineinzustürzen drohte. Sein Puls beschleunigte sich, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, und der Schmerz über seinen Verlust zwang ihn, die Augen zu schließen. Isabella.

Einen Augenblick lang rührte er sich nicht, dann öffnete er die Augen wieder und atmete tief durch. „Was ist mit dem anderen Fahrer?“, verlangte er zu wissen. „Dem, der uns entgegenkam?“

Der Arzt räusperte sich. „Nun, Señor, das wissen wir nicht. Man hat nur Ihren Wagen gefunden. Wenn es also tatsächlich einen Unfallgegner gab, dann muss er Fahrerflucht begangen haben.“

Sebastián spürte, wie kalte Wut von ihm Besitz ergriff, doch er kämpfte gegen sie an und bemühte sich, ruhig und sachlich zu bleiben. „Und Isabella könnte noch leben, wenn dieser … wenn sie sofort Hilfe bekommen hätte?“, schlussfolgerte er.

„Mit absoluter Sicherheit kann es im Nachhinein natürlich niemand sagen, aber …“

„Hätten Isabella und das Baby eine realistische Überlebenschance gehabt – ja oder nein?“

Der Mann senkte den Blick. „Ja, wahrscheinlich.“

In Sebastiáns Innerem loderte eine heiße Flamme auf, und er verspürte den unbändigen Drang, irgendetwas zu zerschlagen. „Lassen Sie mich allein“, sagte er knapp. Seine Stimme klang heiser vor nur mühsam unterdrückter Wut. „Sofort!“

Der junge Arzt nickte stumm, dann ging er zur Tür und verließ das Zimmer. Sebastián atmete tief durch, doch er konnte den Hass und den Zorn, die in seinem Inneren loderten, nun nicht mehr länger bändigen.

Isabella war tot.

Ihr Baby war tot.

Sein Herz schien zu Eis zu gefrieren, und alles, was er noch empfinden konnte, war der Wunsch nach Rache. Es gab nur noch eines, das ihn antrieb: die Person, die die Schuld am Tod von Isabella und dem ungeborenen Kind trug, ausfindig zu machen – und sie für das, was sie getan hatte, zur Verantwortung zu ziehen.

Er würde Isabella – und sein Kind – rächen. Und wenn es das Letzte war, was er tat!

1. KAPITEL

Einige Jahre später …

Als sie durch das gewaltige Stadttor das Zentrum von Ibizas Hauptstadt Eivissa betrat, fühlte Elaine, die gerade erst am Morgen mit der Fähre vom Festland übergesetzt war, sich für einen Augenblick um mehrere hundert Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Und das, obwohl Dalt Vila, wie das von einer Festungsmauer umgebene Stadtviertel auch genannt wurde, von Touristen mit Kameras und Reiseführern regelrecht überlaufen war. Alles fröhliche Menschen, die sorgenfrei und entspannt die schönsten Tage des Jahres genossen.

Etwas, das sie grundlegend von ihr unterschied.

Nachdenklich ließ sie ihren Blick über die schmale, mit holprigen Pflastersteinen ausgelegte Gasse schweifen. Zwischen schmiedeeisernen Balkonen spannten sich Leinen, an denen Wäsche im warmen Sommerwind flatterte, Kübel und Kästen waren mit farbenfroh blühenden Blumen bepflanzt. Über allem thronte, erhöht auf dem Gipfel des Stadthügels gelegen, die Catedral Santa Maria de las Nieves.

Für einen Moment vergaß Elaine tatsächlich all ihre Probleme und ließ sich völlig von der Schönheit ihrer Umgebung mitreißen. Sie sah Mauern, berankt von üppigen rubinroten Bougainvilleen, grün und strahlend blau getünchte Fensterläden an weißen Häusern.

Doch dann fiel ihr Blick auf ein älteres Ehepaar, das ganz in der Nähe das malerische Bild mit einer Kamera festhielt. Die beiden lachten und scherzten miteinander und hielten sich an den Händen, als sie schließlich weiterspazierten. Unwillkürlich musste Elaine wieder daran denken, dass sie im Gegensatz zu den anderen Leuten um sie herum nicht zum Sightseeing hier war, sondern um die Existenz ihrer Eltern zur retten.

Dabei wusste sie selbst nicht einmal, was sie hier erwartete. Nur eines war sicher: Wenn die Reise hierher nichts brachte, dann war auch die letzte Chance vertan, dass ihre Eltern einmal so glücklich und unbeschwert ihren Lebensabend genießen konnten wie das Ehepaar, das sie gerade beobachtete.

Von einer seltsamen Mischung aus Zuversicht und Angst vor der Zukunft erfüllt, wandte sie den Blick von den älteren Leuten ab und drang tiefer in die Altstadt ein.

Als sie eine Straßenkreuzung erreichte, kramte sie in ihrer Hosentasche nach dem Zettel, auf dem sie sich den Weg zu der Anwaltskanzlei notiert hatte, die sich irgendwo hier ganz in der Nähe befinden musste. Endlich fand sie ihn und warf einen kurzen Blick darauf. Dann sah sie sich unsicher um, konnte jedoch nirgends ein Straßenschild oder sonst irgendeinen Hinweis entdecken, also musste sie sich auf ihr Bauchgefühl verlassen – etwas, mit dem sie in letzter Zeit nicht nur positive Erfahrungen gemacht hatte.

Dieses Mal jedoch ließ es sie nicht im Stich, und so stand sie bereits weinige Minuten später vor einem schattigen Hauseingang, neben dem ein Messingschild mit der Aufschrift Fernando Gómez – Rechtsanwalt und Notar hing.

Fernando Gómez – der Mann, der sie hierherbestellt hatte. Sie dachte daran, wie sie vor zwei Wochen völlig überrascht sein Schreiben in ihrem Briefkasten entdeckt hatte. Der Anwalt ließ sie wissen, dass er ihr im Namen seines Mandanten Sebastián Rodriguez ein Angebot unterbreiten wollte.

Ein Angebot, das, sollte sie es annehmen, mit einem Schlag das kleine Unternehmen ihrer Eltern retten könnte.

Elaine war hin und her gerissen gewesen. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, warum ein Mann wie Rodriguez Interesse am Wohlergehen ihrer Eltern haben sollte. Und dass ihm beruflich an der Rettung des kleinen Hotels gelegen sein könnte, das sie seit vielen Jahren betrieben, schied ebenso aus, denn sie hatte sich natürlich gleich über den Spanier informiert. Sebastián Rodriguez war ein millionenschwerer Unternehmer und in Industriekreisen weit über die Grenzen Spaniens hinaus bekannt.

Was, um alles in der Welt, wollte ein so reicher Mann also ausgerechnet von ihrer Familie?

Elaine atmete tief durch. Sie wusste es nicht, aber sie war hier, um es herauszufinden. Und wenn es tatsächlich auch nur eine noch so kleine Chance gab, ihren Eltern zu helfen, dann würde sie nicht zögern, diese zu ergreifen. Das war das Mindeste, was sie für sie tun konnte. Ja, sie war es ihnen sogar schuldig. Schließlich trug sie selbst die Verantwortung dafür, dass alles so gekommen war. Hätte sie ihr Vertrauen nicht dem falschen Mann geschenkt oder hätte sie zumindest Berufliches von Privatem getrennt, wäre heute noch alles in bester Ordnung.

Hastig schüttelte sie den Gedanken daran ab und warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war noch nicht einmal halb drei, also war sie über eine halbe Stunde zu früh. Doch statt hier draußen konnte sie ebenso gut auch drinnen warten, und vielleicht hatte Señor Gómez ja auch schon eher Zeit für sie. Noch einmal atmete sie tief durch, dann straffte sie die Schultern und trat in den Hauseingang – im selben Moment wurde von Innen die Tür geöffnet, und ein Mann kam hinaus, seine ganze Aufmerksamkeit nur auf das Display seines Handys gerichtet.

„Achtung!“, rief Elaine erschrocken aus, als sie merkte, dass er keinerlei Anstalten machte, ihr auszuweichen – doch es war bereits zu spät. Kurz fing sie noch den Blick von eindrucksvollen schokoladenbraunen Augen auf, dann prallte sie auch schon mit ihm zusammen.

Der Stoß ließ Elaine zurücktaumeln, sie verlor das Gleichgewicht und stolperte zurück. Sie sah sich bereits fallen, da umschlang der Unbekannte reaktionsschnell ihre Hüfte und hielt sie fest – im nächsten Moment fand sie sich in seinen Armen wieder.

Sofort fing ihr Herz an, heftiger zu klopfen. Was für ein ungemein gut aussehender Mann! Sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Sein markant geformtes Gesicht mit dem kantigen Kinn und der kühn geschwungenen Nase wurde von leicht gewelltem schwarzbraunen Haar umrahmt, und scharf gezeichnete Brauen lenkten den Blick auf seine glutvollen Augen. Seine Wirkung auf Frauen musste umwerfend sein; sie selbst war schließlich das beste Beispiel dafür. Ihr stockte regelrecht der Atem – jedoch nur bis zu dem Moment, in dem der attraktive Unbekannte den Mund öffnete.

„Haben Sie keine Augen im Kopf?“, fuhr er sie rüde auf Spanisch an, wobei es ihm sichtlich schwerfiel, den Blick von seinem Handy zu lösen. „Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit kann auch unter Fußgängern nicht schaden!“

„Also, das ist doch …!“ Empört über ein derart großes Maß an Unhöflichkeit, verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Entschuldigen Sie bitte, aber Sie haben mich angerempelt, Señor, nicht umgekehrt. Wessen Augen kleben hier schließlich an diesem Teil da fest?“ Sie deutete auf sein Telefon. „Manchen Leuten sollte man das Bedienen von Handys nicht nur hinterm Steuer verbieten, scheint mir.“

Er sah auf – und zum ersten Mal musterte er sie länger als eine Sekunde. Kurz hatte Elaine das Gefühl, einen Anflug von Bewunderung oder vielleicht sogar Faszination in seinem Blick zu sehen, doch dann änderte sich sein Gesichtsausdruck, und da war plötzlich noch etwas anderes. Ärger? Wut? Nein, das traf es nicht. Verärgert war er die ganze Zeit schon gewesen. So, wie er sie jetzt ansah, wirkten seine Züge regelrecht … hasserfüllt?

Nein, das musste sie sich einbilden. Sie kannte diesen Mann schließlich gar nicht, und nur wegen eines harmlosen Zusammenstoßes entwickelte niemand derartig intensive Gefühle. Und trotzdem … Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen, denn er sagte kein Wort mehr, sondern starrte sie nur regungslos an.

Dann trat eine andere Frau hinter ihm aus dem Gebäude und riss ihn aus seinen Gedanken.

„Bist du so weit?“, fragte sie.

Erst konnte Elaine nicht besonders viel von ihr erkennen, weil der Unbekannte ihr die Sicht versperrte. Dann aber trat er zur Seite und gab den Blick auf eine schlanke Brünette mit zart gebräuntem Teint, dezentem Make-up, tiefem Dekolleté und endlos langen Beinen frei. Sie trug ein elegantes Kostüm, das ganz offensichtlich nicht von der Stange stammte und sie, obwohl der Rock mehr als eine Hand breit über den Knien endete, überraschend seriös aussehen ließ. Nichtsdestotrotz fand Elaine sie auf Anhieb unsympathisch.

Sie stutzte. Seltsam, dass sie gleich so negativ von dieser Frau dachte. Sie kannte sie schließlich gar nicht, und für gewöhnlich war es nicht ihre Art, voreilig und nur aufgrund eines ersten Eindrucks über Menschen zu urteilen. Warum also diese prompte Abneigung? Lag es vielleicht an dem herablassenden Blick, mit dem die Fremde sie maß? Oder steckte noch etwas anderes dahinter? Womöglich sogar die Tatsache, dass diese Frau ganz offensichtlich zu ihm gehörte?

Nein, das war natürlich reiner Unsinn. Sie konnte unmöglich eifersüchtig sein, denn das würde ja bedeuten, dass sie sich in irgendeiner Form für diesen ungehobelten Klotz interessierte – und das war ganz sicher nicht der Fall!

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, wandte er sich – jetzt plötzlich auf Englisch, da er vermutlich anhand ihres Akzents ihre Nationalität erkannt hatte – an sie.

Irritiert runzelte Elaine die Stirn. „Für mich tun? Ich wüsste nicht, was das sein sollte!“

„Nun, dann ist es ja gut.“ Ungerührt erwiderte er ihren verunsicherten Blick, während es in seinen dunklen Augen spöttisch aufblitzte. „Dann gehört es anscheinend lediglich zu Ihren speziellen Angewohnheiten, wildfremde Männer mit Ihren Blicken auszuziehen.“

Einen Augenblick lang sah Elaine ihn nur ungläubig an. Dann wurde ihr bewusst, dass sie ihn tatsächlich eine ganze Weile lang bewundernd angestarrt hatte, und sie spürte, wie sie errötete.

„Na, was ist?“, fragte der Fremde, und der Spott erreichte nun auch seine Stimme. „Es hat Ihnen doch nicht etwa die Sprache verschlagen?“

Herausfordernd reckte sie das Kinn. „Es tut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen, aber Sie scheinen Ihre Attraktivität ein wenig überzubewerten, Señor. Und zu Ihrem Kleidungsstil kann ich Ihnen leider auch nicht gratulieren: Die Krawatte, die Sie da tragen, ist nämlich furchtbar hässlich.“

Einen Augenblick lang war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, und ein Blick in seine nun zornig funkelnden Augen ließ Elaine schlagartig wünschen, sie hätte den Mund gehalten. Doch nun war es zu spät, und im Grunde verdiente dieser Mensch es auch nicht besser, wenn man bedachte, wie herablassend er sie behandelt hatte. Außerdem hatte sie lediglich eines seiner Kleidungsstücke kritisiert und ihn nicht etwa persönlich angegriffen. Und diese blau-gelb gestreifte Krawatte war wirklich scheußlich und passte zudem überhaupt nicht zum Rest seines Outfits, das musste er doch auch selbst merken, wenn er in den Spiegel schaute. Alles kein Grund, derart heftig zu reagieren!

Der attraktive Fremde schien das hingegen vollkommen anders zu sehen. „Komm, Emiliana“, sagte er zu seiner Begleiterin. „Wir haben noch zu tun.“

Dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort ab und ließ Elaine einfach stehen.

Elaine verdrängte den Gedanken an den attraktiven Widerling, als sie die Stufen in die erste Etage des Gebäudes hinauflief, in der sich die Kanzlei von Fernando Gómez befand.

„Hola, Señorita“, erklang die freundliche Stimme einer Frau, kaum dass Elaine durch die Tür getreten war. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Mein Name ist Elaine O’Hara“, erwiderte Elaine ein wenig schüchtern auf Spanisch, wobei das herzliche Lächeln der Frau hinter dem Empfangstresen sie schnell entspannter werden ließ. „Ich habe einen Termin bei Señor Gómez. Ich weiß, ich bin ein wenig früh, aber …“

No problema, Señorita. Wenn Sie dann bitte noch einen Moment im Wartezimmer Platz nehmen? Señor Gómez wird sicher gleich Zeit für Sie haben. Darf ich Ihnen vielleicht eine Erfrischung bringen?“

Elaine lehnte dankend ab und nahm auf einem bequemen Stuhl in dem kleinen hellen Wartezimmer Platz. Obwohl sie noch immer nicht wusste, was genau ihr bevorstand, fühlte sie sich jetzt deutlich ruhiger als zuvor. An den sonnengelb getünchten Wänden des Raumes hingen Bilder, die Motive aus der Region zeigten: menschenleere Strände, Sonnenuntergänge am Hafen von Eivissa und Obstplantagen außerhalb der Stadt.

Um sich ein wenig abzulenken, nahm sie ein Magazin von dem Stapel Zeitschriften, der auf einem kleinen Tisch aus poliertem Eichenholz bereitlag. Es handelte sich um eine Ausgabe des englischen Ratgebers Garden and More, und sofort wanderten ihre Gedanken zwei Jahre zurück in die Vergangenheit. Damals hätte es sie nicht gewundert, einen Artikel über sich selbst in dem Heft zu finden, über Elaine O’Hara, die angesagte Garten- und Landschaftsdesignerin, die mit ihren spritzig-kreativen Ideen aus jedem Hinterhof ein kleines Kunstwerk machte – so zumindest lautete der O-Ton der Fachpresse.

Doch das war, bevor sie in England alles aufgegeben hatte und nach Spanien gekommen war, um ihr Leben fortan an der Seite ihrer Eltern zu verbringen. Und es war, bevor sie Luke kennengelernt und damit ihre Familie ins Unglück gestürzt hatte.

Elaine holte tief Luft und kämpfte gegen den aufsteigenden Schmerz an. Hastig legte sie die Zeitschrift zurück auf den Stapel. Sich selbst zu bemitleiden brachte niemanden weiter. Sie hatte einen Fehler begangen, ja – einen folgenschweren Fehler sogar. Aber jetzt war sie hier, um genau diesen Fehler wiedergutzumachen. Und wenn ihr das gelang, dann würde sie auch endlich wieder einigermaßen ruhig schlafen können.

Um ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, dachte sie wieder an ihre Begegnung mit dem unausstehlichen Mann und seiner Begleiterin unten vor dem Haus zurück, und sofort spürte sie, wie Wut in ihr aufstieg. Gleichzeitig klopfte ihr Herz so heftig, dass sie das Gefühl hatte, es müsse zerspringen. Was war bloß mit ihr los? Sie verstand sich selbst nicht mehr. Obwohl sie selten einem so unfreundlichen Menschen begegnet war, konnte sie nicht leugnen, dass irgendetwas an ihm sie faszinierte. Und sobald sie an seine Begleiterin dachte, stieg Eifersucht in ihr auf. Aber warum? Was hatte dieser Mann an sich, das …

„Señorita O’Hara?“ Die freundliche Stimme der Empfangsdame riss Elaine aus ihren Gedanken. „Señor Gómez hat jetzt Zeit für Sie – wenn Sie mir bitte folgen würden?“

Schlagartig kehrte die Nervosität zurück, die sie nun schon seit ihrer Abreise von der Costa Brava nicht mehr wirklich losgelassen hatte. Elaine atmete tief durch, erhob sich und folgte der Sekretärin zum Büro des Rechtsanwalts, das ähnlich behaglich eingerichtet war wie das Wartezimmer.

Señor Gómez, ein älterer grauhaariger Mann, nicht viel größer als sie selbst, erhob sich. Lächelnd kam er auf sie zu und reichte ihr die Hand. „Señorita O’Hara, ich freue mich, dass Sie es einrichten konnten. Haben Sie den Weg gut gefunden?“

„Sehr gut, danke der Nachfrage.“ Elaine nahm auf dem Ledersessel Platz, den der Anwalt ihr anbot, ehe er selbst sich wieder hinter seinen wuchtigen Eichenschreibtisch setzte. Hinter ihm an der Wand hing ein großes Gemälde, das einen prachtvollen Garten zeigte.

„Es ist wunderschön“, sagte sie automatisch, und als Gómez sie fragend anblickte, ...

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