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Verführt von einem Traumprinzen

1. KAPITEL

Der Königspalast im Wüstenreich Qubbah.

Prinz Zahir bin Kahlid al Muntassir stürmte mit langen Schritten durch die Palastkorridore auf die Privaträume von König Kahlid zu. Sein Gesichtsausdruck war so grimmig, dass die Palastwachen hastig zur Seite sprangen, um ihm ungehindert Einlass zu gewähren. „Wie geht es ihm?“, fragte er eindringlich, nachdem ihn A’waan, der Kammerdiener seines Vaters, mit einer Verbeugung begrüßt hatte.

„Er schläft, Sire – der Doktor hat ihm ein Beruhigungsmittel gegeben und angeordnet, dass Seine Hoheit nicht gestört werden soll“, murmelte A’waan, wobei er ängstlich die Tür zum Schlafzimmer des Königs im Auge behielt.

„Ist schon gut, A’waan, ich habe nicht vor, ihn zu stören“, versicherte Zahir. „Die Nachricht von Prinz Faisals Tod hat uns alle tief getroffen, aber ganz besonders meinen Vater.“

„Seine Hoheit ist untröstlich. Er hat sich noch nicht richtig von der Virusinfektion erholt, die er sich erst kürzlich zugezogen hat, und ich befürchte, dass diese Nachricht zu viel für ihn ist“, erwiderte A’waan ernst. „Der einzige Lichtblick Ihres Vaters ist die Entdeckung, dass er einen Enkel hat – ein Kind, das jetzt eine Waise ist. Es ist der größte Wunsch Seiner Hoheit, dass Sie nach England reisen und den Jungen nach Qubbah bringen.“

„Ich bin mir der Wünsche meines Vaters wohl bewusst“, entgegnete Zahir gepresst. Er ging zum Fenster hinüber und starrte auf den wunderschönen Garten hinunter, in dessen Mitte sich ein eleganter Springbrunnen befand. Innerhalb des Palastgeländes hatte man die Wüste gezähmt, doch jenseits der mittelalterlichen Festungsmauern streckte sich eine endlose, goldene Weite aus.

Zahir erinnerte sich daran, wie er zusammen mit Faisal durch die Sanddünen geritten war, wie sie ihre Falken freigelassen und ihrem elegantem Flug zugesehen hatten. Damals waren sie viel mehr als Brüder gewesen – die innigsten Freunde –, doch das Band zwischen ihnen war zerbrochen, weil sie sich beide in dieselbe Frau verliebt hatten. Zahir runzelte die Stirn. Liebe, hatte er gelernt, war eine vollkommen destruktive Gefühlsregung. Nie wieder würde er zulassen, dass sie sein Herz oder seinen Verstand beherrschte.

Abrupt drehte er sich um, durchschritt den Raum und wandte sich noch einmal an den Diener. „Wenn mein Vater aufwacht, sagen Sie ihm bitte, dass ich nach England gereist bin.“

Ingledean House – North Yorkshire

„Erin! Da ist ein Gordon Straker, der dich sprechen möchte“, verkündete Alice Trent, Köchin und Haushälterin in Ingledean House, als Erin die Küche betrat. „Er sagt, er ist Faisals Notar, und er hat etwas in Sachen Testament erwähnt.“

„Oh, ja.“ Erin nickte. „Ich habe vor ein paar Tagen mit ihm telefoniert. Da kündigte er an, dass er aus London hierher kommen würde.“

„Nun, er wartet in der Bibliothek.“ Alice, die gerade Kartoffeln schälte, hielt mitten in der Bewegung inne und betrachtete Erins zerzauste Erscheinung. „Was in aller Welt hast du denn getrieben? Du siehst aus, als hättest du in einem Kohlebergwerk gearbeitet.“

„Ich habe das große Gästeschlafzimmer ausgeräumt.“ Erin blickte reumütig auf ihre schmutzige Jeans hinunter. „Kazims Kinderzimmer ist zu klein, um all die Spielsachen unterzubringen, jetzt wo er in einem richtigen Bett schläft. Das Gästeschlafzimmer würde ein perfektes Spielzimmer abgeben. Außerdem muss ich mich beschäftigen“, verteidigte sie sich, als sie Alices skeptischen Blick auffing.

Es war alles gut und schön, solange Kazim wach war und sie einen lebhaften Dreijährigen zu bändigen hatte, der all ihre Zeit in Anspruch nahm, doch mittlerweile fürchtete sie sich vor seinem Nachmittagsschlaf – eine Stunde der Ruhe und des Friedens, die ihr Gelegenheit zum Nachdenken bot.

Faisals Beerdigung lag nun beinahe drei Wochen zurück. Sein Tod war nicht überraschend gekommen – er hatte schon seit einem Jahr gewusst, dass sein Gehirntumor inoperabel war –, und sie war froh, dass er nun endlich Frieden gefunden hatte und vielleicht wieder mit seiner geliebten Maryam vereint war. Aber er war ihr Freund gewesen, und sie vermisste ihn. Wenn sie an die Zukunft dachte, konnte sie manchmal nichts dagegen tun, dass ein Gefühl der Panik sie überkam. Kazims Wohlergehen lag nun ganz allein in ihrer Verantwortung, und aus irgendeinem Grund hatte sie furchtbare Angst, ihm vielleicht nicht gerecht zu werden.

Erin drehte sich um und betrachtete den kleinen Jungen, der ihr in die Küche gefolgt war und nun eifrig alle Schränke und Schubladen öffnete, um deren Inhalt zu begutachten.

Ja, es stimmte, der Kleine hatte keine lebenden Verwandten mehr, aber er hatte sie, und sie würde ihn lieben und beschützen, solange er sie brauchte – genauso wie sie es seinem Vater versprochen hatte.

„Ich habe Tee gekocht“, durchbrach Alice ihre Überlegungen. „Wenn du ihn mit nach oben nehmen willst, passe ich so lange auf Kazim auf.“

Erin blickte auf das Tablett. „Warum hast du drei Tassen draufgestellt, Alice?“

„Mr. Straker hat noch jemanden mitgebracht. Der Mann hat mir einen richtigen Schreck eingejagt – im ersten Moment dachte ich glatt, Faisals Geist würde vor mir stehen.“ Die Köchin lachte verlegen. „Wahrscheinlich lag es nur am Lichteinfall. Der Mann stammt ganz offensichtlich aus dem Mittleren Osten – wirklich gutaussehend. Groß, dunkel und wahnsinnig attraktiv. Sein Gesicht hat mich an Faisal erinnert“, fügte sie langsam hinzu. „Glaubst du, er könnte ein Verwandter sein?“

Aus irgendeinem Grund spürte Erin eine ungute Vorahnung in sich aufsteigen. „Faisal hatte keine Familie“, erklärte sie rasch. „Ich weiß nicht, wer der Mann ist, vermutlich einer seiner Geschäftspartner. Ich gehe besser schnell zu ihnen nach oben“, fügte sie hinzu und griff nach dem Tablett.

Erin eilte aus der Küche und durchquerte das Foyer. Als sie einen kurzen Blick in den dortigen Wandspiegel warf, zog sie eine Grimasse. Ihre abgetragene Jeans und das alte T-Shirt waren schmutziger als sie angenommen hatte, und aus ihrem Haar, das sie zu einem langen Zopf geflochten trug, lösten sich bereits etliche Strähnen, die nun in wilden Locken ihr Gesicht umrahmten. Daran konnte sie jetzt allerdings nichts mehr ändern. Außerdem waren vermutlich weder Gordon Straker noch sein Begleiter an ihrem Aussehen interessiert, beruhigte sie sich, während sie mit einer Hand das Tablett balancierte und mit der anderen die Tür zur Bibliothek öffnete. Doch im nächsten Moment erstarrte sie.

Am Fenster stand ein Mann und betrachtete die zu dieser Jahreszeit trübe Aussicht übers Moor. Für ein paar Sekunden schien ihr Herz tatsächlich stillzustehen, und sie verstand, was Alice gemeint hatte, als sie glaubte, Faisals Geist gesehen zu haben. Das Profil des Fremden wirkte schmerzhaft vertraut, genauso wie das rabenschwarze Haar und die goldbraune Haut. Doch dann drehte der Mann den Kopf zu ihr – und der gesunde Menschenverstand kehrte zurück.

Dieser Mann war kein Geist, sondern höchst lebendig. Seine Ähnlichkeit mit Faisal lag sicherlich nur an den dunklen Haaren und dem exotischen Aussehen, sagte sich Erin ungeduldig.

Sein Haar war sehr kurz geschnitten, seine Augen nachtschwarz, das Nasenbein hatte eine leichte Wölbung, was seinen ansonsten perfekten Zügen mit dem energischen Kinn und dem sinnlichen Mund jedoch keinerlei Abbruch tat. Er war schlicht und ergreifend ein Prototyp männlicher Schönheit, dachte sie, während ihr regelrecht der Atem stockte.

Der Fremde warf ihr einen langen, kühlen Blick zu. Erin errötete. „Hallo, ich habe Tee gebracht. Ihnen ist vermutlich eiskalt. Die Zentralheizung hier in Ingledean ist nicht gerade auf dem neuesten Stand.“

Er zog eine Augenbraue hoch, woraufhin ihr das Blut noch heißer in die Wangen schoss. Die Ähnlichkeit des Mannes mit Faisal war nicht zu leugnen – doch ihre Gefühle für Faisal hatten immer auf Freundschaft und Zuneigung basiert. Weder er noch irgendein anderer Mann hatten jemals dieses schockierend starke sexuelle Verlangen ausgelöst, das jetzt durch ihre Adern pulsierte. Die rohe, ungezügelte Männlichkeit des Fremden verunsicherte sie.

Mit Schrecken stellte sie fest, dass sie ihn anstarrte. Rasch zwang sie sich dazu, normal zu atmen, zum Schreibtisch hinüberzugehen und das Tablett abzustellen.

„Ich bin Erin.“ Zaghaft lächelte sie, streckte halb die Hand aus und wartete darauf, dass er sich vorstellte. Ihr Lächeln verblasste zusehends, als er überhaupt nicht reagierte.

„Sie können den Tee einschenken und dann gehen. Ihre Anwesenheit ist nicht länger erforderlich“, erklärte er schließlich herablassend, ehe er sich wieder umdrehte und erneut dem Schneetreiben zusah, das vor dem Fenster tanzte.

Erin starrte seinen steifen Rücken an. Die unglaubliche Arroganz des Mannes machte sie sprachlos. Für wen hielt der Kerl sich eigentlich? Und wie konnte er es wagen, mit ihr zu reden als wäre sie nicht mehr als eine kleine, unbedeutende Magd in einem viktorianischen Melodram?

Der Schock wich und wurde ersetzt durch Zorn. Den Großteil ihrer Kindheit und Jugend fühlte sie sich wertlos – bis ihre Pflegeeltern sie vor einem Leben bewahrt hatten, das rapide bergab ging, und ihr eintrichterten, dass sie ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft war. Doch das zerbrechliche Selbstbewusstsein, das sie im Laufe der Jahre bei John und Anne Black aufgebaut hatte, erlitt ganz schnell Risse, und tief in ihrem Inneren war sie immer noch das ungeliebte Kind und der rebellische Teenager, der in ein Waisenhaus gesteckt worden war, nachdem ihre Mutter sich in ihrer Heroinsucht den goldenen Schuss gesetzt hatte.

Erin griff nach der Teekanne, hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis, einfach den Raum zu verlassen, und der Versuchung, diesem unverschämten Fremden ganz genau zu sagen, was er mit dem verdammten Tee anstellen konnte. Doch ehe sie auch nur die Gelegenheit hatte, den Mund aufzumachen, wurde die Tür geöffnet und der grauhaarige Notar, den sie mit Faisal bei einem Besuch in London einmal getroffen hatte, betrat die Bibliothek.

„Ah, Erin, Tee – wie wunderbar.“ Gordon Straker begrüßte sie enthusiastisch. Sein kurzes Lächeln galt sowohl ihr als auch dem Mann am Fenster, doch der Anblick des dichten Schneetreibens ließ ihn die Stirn runzeln. Besorgt sah er auf die Uhr, während er sich an den Schreibtisch setzte und nach den Dokumenten griff, die dort lagen. „Nehmen Sie bitte beide Platz, sodass wir gleich anfangen können, ja?“, sagte er, wobei er den überraschten Blick des Fremden ignorierte. „Ich werde Sie nicht lange aufhalten. Faisals Testament ist klar und eindeutig.“

Zahir blieb stehen. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete er, wie das Dienstmädchen einen Stuhl heranzog.

Möglicherweise war sie die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Irritiert registrierte er, dass sein Körper bereits auf sie reagierte – ganz deutlich spürte er die sexuelle Anziehung. Ihre Gesichtszüge konnte man nur als perfekt bezeichnen. Während er sie ungehemmt anstarrte, nahm er jedes einzelne Detail in sich auf, angefangen bei den hohen Wangenknochen über die großen, grauen Augen, die elegant geschwungenen Brauen, die schmale, kleine Nase und den etwas zu breiten Mund mit den verführerischen Lippen, die geradezu zum Küssen einluden.

Ein dicker kastanienroter Zopf fiel ihr über den Rücken. Es juckte ihn in den Fingern, das Band aus ihrem Haar zu ziehen und die Hände in der rotgoldenen Pracht zu vergraben.

Selbst gegen Ende seines Lebens schien Faisal sein Auge für atemberaubende Frauen nicht verloren zu haben, dachte Zahir. Aber warum hatte der Notar diese Frau, deren Aufmachung darauf schließen ließ, dass sie zum Dienstpersonal gehörte, gebeten, der Verkündung von Faisals Testament beizuwohnen? War sie eine Begünstigte in Faisals letztem Willen? Zweifellos war sie wunderschön, und Faisal war allein gewesen … Doch der Gedanke, dass sein Bruder ihr als Bezahlung für ihre Gunst etwas vermacht haben könnte, war seltsam widerwärtig. Innerlich verfluchte sich Zahir für seine ausufernde Fantasie.

Verärgert ging er zum Schreibtisch hinüber, griff nach dem nächstbesten Stuhl und setzte sich genau in dem Moment, als das Dienstmädchen neben ihm Platz nahm.

Gordon Straker räusperte sich und begann dann, das Testament vorzulesen. „Ich, Faisal bin Kahlid al Muntassir, vermache meinen gesamten Besitz, inklusive Ingledean House, meiner Ehefrau.“

Aus dem Augenwinkel heraus sah Erin, wie der unbekannte Mann leicht zusammenzuckte und sich aufrechter hinsetzte. Seiner Stimme war die Ungeduld deutlich anzuhören. „Wenn ich recht verstanden habe, dann ist meine Schwägerin vor drei Jahren gestorben. Dieses Testament ist ungültig. Es muss ein aktuelleres geben“, erklärte er überheblich.

Gordon Straker schaute ihn über den Rand seiner Brille hinweg an und entgegnete frostig: „Ich versichere Ihnen, dass dies das aktuelle Testament ist. Mein Mandant hat mich vor zehn Monaten gebeten, es aufzusetzen.“ Der Notar zögerte, während sein Blick zwischen den zwei schockierten Gesichtern, die ihm gegenübersaßen, hin und her wanderte. Ganz allmählich dämmerte es ihm, und er schüttelte den Kopf.

„Verzeihen Sie mir bitte. Ich habe Sie nicht vorgestellt, weil ich davon ausging, dass Sie beide sich bereits kennen würden … dass Sie sich … bei der Hochzeit begegnet wären.“ Verwirrung und Verlegenheit schienen sich noch zu verstärken. „Ganz offensichtlich ist das nicht der Fall“, fügte er langsam hinzu, als die beiden ihn immer noch verständnislos ansahen. „Ich entschuldige mich vielmals … Erin, darf ich Ihnen Scheich Zahir bin Kahlid al Muntassir vorstellen – Faisals Bruder. Scheich Zahir, das ist Erin – Faisals zweite Frau.“

Die Wände um sie herum schienen sich plötzlich zu drehen. Erin umklammerte die Schreibtischkante und bemühte sich verzweifelt, die Worte des Notars zu begreifen. „Aber Faisal hat mir gesagt, er habe keine Familie“, murmelte sie und suchte hektisch Gordon Strakers Blick, um anschließend wieder den Mann neben ihr zu betrachten, dessen Miene so arrogant wirkte, dass es ihr eisig den Rücken hinunterlief.

„Da muss ein Fehler vorliegen.“ Zahir richtete die Worte an den Notar. Panik durchströmte ihn, und damit einhergehend eine heftige und unerklärliche Wut, die selbst die Trauer überlagerte, die ihn erfasst hatte, als er von Faisals Tod erfuhr.

Was für eine bittere Ironie, dass er wieder mal gegen seinen Bruder verloren hatte – genau wie vor sechs Jahren, dachte er düster. Diese Frau mit den rauchgrauen Augen und dem sinnlichen Mund war Faisals Ehefrau. Faisal musste ihr wunderschönes Haar gelöst und zugeschaut haben, wie es in grandiosen Kaskaden über ihren Rücken fiel. Er würde diese milchweiße Haut liebkost haben … genauso wie er, Zahir, es sich vom ersten Moment ihrer Begegnung an erträumte.

Und selbst das Wissen, dass sie seit wenig mehr als zwei Wochen die Witwe seines Bruders war, schmälerte die Anziehung kein bisschen. Es änderte nichts an der Tatsache, dass er das primitive Bedürfnis verspürte, ihren Mund im Sturm zu erobern, ihr die Kleider vom Leib zu reißen und sie hier auf diesem Schreibtisch zu lieben.

Selbstekel erfasste ihn, und er brachte es nicht über sich, ihr in die Augen zu schauen. Rasch ging er zum Fenster zurück, weil er etwas Abstand zwischen sich und diese Frau legen musste, die eine solch verstörende Wirkung auf ihn ausübte.

Auch Erin sprang auf und starrte ihn zornig an. „Es ist kein Fehler, das versichere ich Ihnen“, erklärte sie vehement. „Ich war Faisals Ehefrau – ich habe die Heiratsurkunde, um es zu beweisen!“

Zahir hob eine Augenbraue. „Ich bitte um Verzeihung – ich hatte ja keine Ahnung. Ihr Outfit entspricht wohl kaum der Stellung der Ehefrau eines Scheichs, daher konnte ich Sie nur für ein Mitglied des Dienstpersonals halten.“

Erin errötete tief, während sie seinen kritischen Blick ertragen musste, der von ihrem Scheitel bis zu ihren Sohlen wanderte. Wenn sie sich doch nur für das Treffen mit Gordon Straker etwas angemessener gekleidet hätte! Fairerweise musste man allerdings sagen, dass sie nicht damit gerechnet hatte, von einem furchtbar arroganten, verteufelt attraktiven Scheich begutachtet zu werden, der sich zufälligerweise als Faisals Bruder erwies.

Trotzig hob sie das Kinn und begegnete Zahir bin Kahlid al Muntassirs provozierendem Blick. Das unmaskierte sexuelle Interesse in seinen tiefschwarzen Augen löste einen sinnlichen Schauer in ihrem Körper aus. Erst als er den Blickkontakt abbrach, merkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte.

„Mein Bruder hat sich vor sechs Jahren mit seiner Familie zerstritten“, erklärte er kühl.

Bei dem Wort „Familie“ drehte sich Erin der Magen um. Was für eine Familie? Faisal hatte ihr gegenüber immer wieder behauptet, es gäbe keine lebenden Verwandten, und jetzt schien es nicht nur so, dass er einen Bruder besaß, sondern auch noch weitere Familienmitglieder. Warum hatte er sie belogen? Und wenn er sich mit seiner Familie zerstritten hatte, wie hatte sein Bruder dann von seinem Tod erfahren? Ihre Beunruhigung wuchs und wurde bei Zahirs nächsten Worten zu regelrechter Angst.

„Ich habe erst in Faisals Brief, den Mr. Straker in seinem Auftrag an mich geschickt hat, erfahren, dass meine Schwägerin vor drei Jahren gestorben ist. In diesem Brief erwähnte Faisal jedoch mit keinem Wort, dass er wieder geheiratet hat“, fügte er spitz hinzu und schaute kurz zu Erin hinüber. „Bis vor zwei Wochen wusste ich noch nicht einmal, dass mein Bruder einen Sohn hat – ein Kind, das nun zur Waise geworden ist.“

Erneut streifte sein Blick Erin, und dabei wirkten seine Augen kalt und hart. „Als Faisals einzige Begünstigte sind Sie jetzt eine sehr reiche Frau“, erklärte er gedehnt. „Aber ich bin nicht an Geld interessiert. Dieses zugige Monstrum von einem Haus können Sie gerne behalten“, fügte er verächtlich hinzu und warf einen kurzen Blick durch die Bibliothek, in der das knisternde Kaminfeuer wenig dazu beitrug, den Raum zu erwärmen.

„Mein Interesse richtet sich ausschließlich auf meinen Neffen, Kazim. Ich nehme an, dass seit Faisals Tod gut für ihn gesorgt wurde?“ Er ignorierte Erins Versuch zu antworten und verkündete kühl: „Ich bin hergekommen, um ihn in sein Heimatland Qubbah zu bringen, so dass er von seiner Familie aufgezogen werden kann. Bitte informieren Sie die Nanny, oder wer auch immer für ihn zuständig ist, dass ich ihn treffen möchte, und sorgen Sie dafür, dass seine Sachen so schnell wie möglich gepackt werden. Ich möchte aufbrechen, ehe das Wetter noch unberechenbarer wird.“

Erin starrte ihn fassungslos an; ihr Herz pochte wie verrückt. „Sie bringen Kazim nirgendwo hin!“, fauchte sie. Seine Arroganz und Überheblichkeit lösten eine ungeheure Wut in ihr aus. „Als ich Faisal geheiratet habe, wurde Kazim von mir adoptiert. Ich bin seine legale Mutter, und er bleibt hier in Ingledean. Das hier ist sein Zuhause“, schloss sie vehement, während sie sich schlicht weigerte, sich von Zahirs zornigem Gesichtsausdruck einschüchtern zu lassen.

Seine Augen verengten sich. „Stimmt das?“

Wieder einmal hatte er sich an den Notar gewandt, doch Erin hatte es satt, wie ein Möbelstück behandelt zu werden. Die Hände in die Hüften gestemmt, funkelte sie ihn aufgebracht an.

„Und ob das stimmt! Kazim ist gesetzlich mein Sohn, und ich werde nicht erlauben, dass Sie ihn mir wegnehmen. Sie haben nicht das Recht dazu!“

„Das werden wir noch sehen – oder vielmehr werden sich meine Anwälte darum kümmern“, entgegnete Zahir eisig.

Sein Kiefer verkrampfte sich. In seinen ganzen sechsunddreißig Jahren war es ihm nie passiert, dass jemand derart respektlos mit ihm sprach – und schon gar nicht eine Frau! Unter der Herrschaft seines Vaters entwickelte sich Qubbah allmählich zu einem liberaleren Königreich, und er selbst hatte einen Großteil seines Lebens in den USA und Europa verbracht, wo er lernte, dass Männer und Frauen einander gleichgestellt waren, doch als Prinz war er daran gewöhnt, dass man ihn entsprechend behandelte – genau genommen begegnete man ihm nur mit allergrößter Ehrerbietung, und Frauen beider Kulturen umschmeichelten ihn hemmungslos.

Er war es nicht gewöhnt, von einer rothaarigen Hexe angeschrien zu werden, und die Tatsache, dass Erin noch atemberaubender aussah, wenn sie wütend war, war auch keine große Hilfe.

Zahir fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Zur Hölle, sie war eine unvorhergesehene Komplikation, die er wirklich nicht brauchte, dachte er zornig. Auf der anderen Seite der Welt wartete ein alter, todunglücklicher Mann darauf, seinen Enkel zu sehen. Er hatte seinem Vater versprochen, dass er Faisals Sohn nach Qubbah bringen würde, und er würde dieses Versprechen halten! Allerdings schien die Situation weniger eindeutig zu sein als angenommen. Zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht, was er tun sollte, und dieses Gefühl behagte ihm ganz und gar nicht.

„Ich fasse es nicht, dass Sie tatsächlich geglaubt haben, Sie könnten so mir nichts dir nichts hier auftauchen und ein dreijähriges Kind, das Sie nicht mal kennt, in ein fremdes Land entführen“, hielt Erin ihm vor. „Kazim ist beinahe noch ein Baby! Ein kleiner Junge, der gerade erst seinen Vater verloren hat. Ist Ihnen nie in den Sinn gekommen, dass es ihn zu Tode ängstigen würde, von einem völlig Fremden verschleppt zu werden?“

„Ich hatte nicht vor, ihn irgendwohin zu verschleppen“, zischte Zahir, der sich wahnsinnig über ihre Kritik ärgerte. „Ich bin heute allein hierher gekommen anstatt gemeinsam mit meinen üblichen Leibwächtern, damit er eine Chance hat, mich kennenzulernen. Außerdem habe ich in Qubbah bereits eine äußerst qualifizierte Nanny eingestellt, die sich um ihn kümmern wird.“

Panik erfasste Erin, und auch ihre Verwirrung verstärkte sich, doch sie verbarg ihre Gefühle. „Nun, es tut mir leid, dass Sie diese Reise umsonst gemacht haben“, entgegnete sie und zwang sich, ruhig zu klingen. „Aber Faisal hat sehr deutlich gemacht, dass Kazim in England aufwachsen soll – bei mir. Er hat mich gebeten, Kazim zu adoptieren, was ich mit Freuden getan habe.“

„Wenn das der Fall ist, warum hat er Sie dann mit keinem Wort in seinem Brief erwähnt?“ Das war genau die Frage, die Erin nicht beantworten konnte, doch in diesem Moment stand Gordon Straker glücklicherweise auf und schaltete sich ein.

„Es tut mir leid, wenn ich Sie unterbreche, aber das Wetter sieht so aus, als würde es noch schlimmer werden, und ich muss meinen Zug erwischen“, entschuldigte er sich. Der Notar griff bereits nach seinem Mantel und blickte besorgt zum Fenster hinaus. „Erin, wenn Sie meinen Rat brauchen …“ Er zögerte und schaute kurz zu Zahir hinüber, ehe er seinen Blick wieder auf Erin richtete. „Sie können mich jederzeit in meinem Büro in London kontaktieren.“ Im nächsten Moment ging er auf die Tür zu, hielt jedoch inne, als Zahirs scharfe Worte ihn aufhielten.

„Sind Sie sicher, dass das Testament nichts über das Kind aussagt? Keine Klausel, die bestimmt, wer sich um Kazim kümmern soll, oder eine finanzielle Regelung, was seine Zukunft angeht?“

„Nein“, entgegnete der Notar schlicht. „Ihr Bruder hat seinen gesamten Besitz Erin hinterlassen – ich nehme an, in der Erwartung, dass sie sich um Kazim kümmern würde.“

„Was ich auch tun werde“, betonte Erin, die sich schrecklich über Zahirs skeptischen Gesichtsausdruck ärgerte. „Ich liebe Kazim, als wäre er mein eigenes Kind.“

„Wirklich?“ Zahir wandte sich von ihr ab und lachte harsch. Diese Frau klang zwar überzeugend, doch er konnte einfach nicht glauben, dass sie aus Liebe ihr Leben einem Kind widmen wollte, das nicht mal ihr eigenes war. Nein, warum sollte sie das tun? Schließlich war er selbst von seiner eigenen Mutter im Stich gelassen worden!

In den vergangenen zehn Jahren hatte er kaum einen Gedanken an seine Mutter verschwendet. Georgina war die zweite Frau seines Vaters gewesen – eine Amerikanerin, die sich laut seiner drei Halbgeschwister nur schwer an das strikte Protokoll gewöhnen konnte, das der Frau des Königs von Qubbah auferlegt wurde. Zahir hatte das nicht gewusst, und als kleiner Junge akzeptierte er einfach die Tatsache, dass sie sehr häufig in die USA flog. Jedes Mal wartete er ungeduldig auf ihre Rückkehr. Doch als er elf Jahre alt war, kehrte sie nicht mehr zurück, und seitdem hatte er sie weder gesehen noch mit ihr gesprochen.

Sein Vater erklärte ihm damals, dass sie sich um ihre kranke Mutter kümmern müsse und daher nicht zurückkommen könne. Zahir vermisste sie schrecklich, und lange Zeit weinte er sich Nacht für Nacht in den Schlaf. Doch mit vierzehn erfuhr er dann die Wahrheit – dass sie sich geweigert hatte, weiter in Qubbah zu leben, und stattdessen ein finanzielles Arrangement akzeptierte, mit dem sie auf das Sorgerecht für ihren einzigen Sohn verzichtete.

Seine Mutter hatte ihn verkauft – nachdem er um diese Tatsache wusste, waren seine Tränen versiegt, und er dachte nie wieder ...

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