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Verführt von einem Scheich

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1. KAPITEL

Wer war nur diese Frau?

Die langen rotbraunen Haare, die ihr weich über den Rücken fielen, schimmerten bei jeder ihrer Bewegungen in warmen rötlichen Tönen. Ein enges silbergraues Kleid betonte ihre Figur.

Rakin Whitcomb Abdellah betrat den großen weißen Pavillon, wo die zahlreichen Gäste gespannt bereits darauf warteten, dass sich Braut und Bräutigam das Jawort gaben.

Erstaunlicherweise hatte der verantwortungsvolle und vorsichtige Eli nur ein paar Wochen gebraucht, um sich rettungslos zu verlieben. Noch verblüffender war, dass er eine Kincaid heiratete, obwohl erst vor einem Monat die Schwester seiner Braut Kara mit ihm Schluss gemacht hatte.

Wieder blieb Rakins Blick an der Brautjungfer mit den schönen Haaren hängen, die gerade der Braut den Strauß roter Rosen abnahm.

Rakin überlegte. Das konnte nur Laurel Kincaid sein! Ebendie Frau, die seinem besten Freund Eli den Laufpass gegeben hatte. Und die, wenn Eli recht behielt, die Lösung seiner eigenen drängenden Probleme bedeutete.

Ein Junge von vier oder fünf Jahren ging mit dem Ringkissen nach vorn. Laurel wollte ihn an der Hand auf seinen Platz zwischen den beiden Blumenmädchen führen. Weil er sich aber dort offenbar nicht wohlfühlte, riss er sich von ihr los und drängte sich zum Amüsement der Gäste zwischen Braut und Bräutigam.

Laurel überblickte die Gästeschar. Ihre grünen Augen standen in reizvollem Kontrast zu den roten Rosen des Brautstraußes.

Faszinierendere Augen hatte Rakin nie gesehen. Überraschenderweise blickte sie ihn direkt an! Und plötzlich schien die Zeit stillzustehen. Das leise Gemurmel der Gäste, Karas Eheversprechen, das sie in diesem Moment abgab, der betörende Duft der Blüten des Südens … alles schien in weite Ferne gerückt.

Es gab nur noch sie!

Erst als sie wegschaute, ließ die Spannung wieder nach.

Zwar hatte Eli ihn darauf vorbereitet, dass seine Exverlobte eine Southern Beauty war, eine echte Schönheit der amerikanischen Südstaaten. Aber dennoch hatte er nicht damit gerechnet, dass er so heftig auf sie reagierte. Das war Begierde pur!

Aber natürlich kam eine romantische Verbindung nicht infrage. Sie war eine Kincaid aus Charleston, der früheren Metropole des Südens. Nicht einfach irgendeine junge Frau! Und der Vorschlag, den er ihr auf Elis Rat hin machen wollte, hatte nichts mit Vergnügen zu tun, sondern war rein geschäftlicher Natur.

Trotz der herrlich grünen Augen und den umwerfenden rötlich schimmernden Haaren – Laurel Kincaid war für ihn absolut tabu.

Er konnte es kaum erwarten, dem Brautpaar zu gratulieren, damit Eli ihn bei dieser Gelegenheit mit Laurel bekannt machen konnte.

Dann würde er entscheiden, ob sie in seine Pläne passte oder nicht.

Laurel atmete den schweren Duft von Jasmin und Gardenien ein, der den Beginn des Sommers in den Südstaaten verkündete.

Die Hochzeit ihrer Schwester Kara fand auf dem Familienanwesen der Kincaids statt. Das große alte Herrenhaus war top gepflegt und technisch auf dem neuesten Stand, ohne seinen Charme verloren zu haben. Und durch die überdachten Balkone wirkte die Fassade besonders eindrucksvoll.

Hier in diesem Haus war sie mit ihren Geschwistern aufgewachsen.

Aber im Augenblick interessierte sie weder das Haus noch die Trauung so sehr wie der geheimnisvolle Fremde. Da das hier fast ihre eigene Hochzeit gewordenwäre, kannte sie alle Gäste. Aber der dunkelhaarige gut aussehende Mann stand jedenfalls nicht auf der Liste, die sie und ihre Schwester zusammengestellt hatten.

Woher also kannte Kara ihn? Und warum hatte sie ihn nie erwähnt?

Wenn sie ihn weiter so anstarrte, würden es ihre Schwestern bemerken und sofort versuchen, sie mit ihm zu verkuppeln. Dabei interessierte sie sich doch gar nicht wirklich für ihn! Sie wollte doch nur wissen, wer er war.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Brautpaar. Eli nahm Karas Hände in seine; die gerade übergestreiften Trauringe glitzerten golden in der Nachmittagssonne.

Oh nein! Sie würde doch nicht etwa weinen müssen? Das passte nicht zu ihr!

Immer lächelte sie und schaffte es, die richtigen Dinge zur rechten Zeit zu sagen. Eine Hochzeit war ein erfreulicher Anlass und kein Grund für Tränen.

Und außerdem … was würden die Leute denken! Sie betrachtete die vielen gut gelaunten Gäste.

Auch wenn sie erleichtert und glücklich darüber war, dass Kara und Eli heirateten, wenn sie jetzt weinte, würden alle das Gegenteil glauben.

Sie blickte zu ihrer Mutter, deren Schönheit im ganzen Süden gerühmt wurde. Viele fanden, dass ihr in ihrer Jugend der Titel Miss South Carolina zugestanden hätte – wären solche Wettbewerbe nicht weit unter ihrem Niveau gewesen.

In für ihre Familie schwierigen Zeiten hatte sie Reginald Kincaid geheiratet. Bald war sie in Charleston als vollendete Gastgeberin bekannt geworden und hatte damit der erst kurz davor zu Geld gekommenen Familie der Kincaids entscheidend zu gesellschaftlicher Anerkennung verholfen.

Zu dieser Hochzeit hätte sie beinahe nicht kommen können. Weil man sie des Mordes an ihrem Mann verdächtigt hatte, war sie mehrere Monate in Untersuchungshaft gewesen. In dieser Zeit hatte Laurel befürchtet, ihre Mom würde tatsächlich verurteilt werden!

Aber schließlich war sie wieder auf freien Fuß gesetzt worden.

Jetzt lag der Tatverdacht auf dem düsteren Halbbruder, den Laurel und ihre Geschwister bei der Beerdigung ihres Vaters kennengelernt hatten. Nie würde sie diesen Tag vergessen, an dem das jahrzehntelange Doppelleben ihres Vaters ans Licht gekommen war.

Jack Sinclair, der Halbbruder, hatte sich neben seine Mutter Angela gesetzt – die Frau, die Reginald Kincaid ein Leben lang heimlich geliebt hatte. Angelas anderer Sohn saß auf ihrer anderen Seite. Die Sinclairs waren eingeladen worden, weil Elizabeth stets Wert darauf legte, das Richtige zu tun – selbst wenn es ihr unangenehm war.

Angela Sinclairs Söhne waren Halbbrüder und sehr verschieden. Jack hatte etwas Düsteres, Unberechenbares an sich, der blonde Alan hingegen wirkte offen und freundlich.

Laurel entschied, dass jetzt die Fantasie mit ihr durchging, und konzentrierte sich wieder auf die Trauung.

„Sie dürfen die Braut jetzt küssen“, verkündete der Heiratsbeamte.

Eli beugte sich zu Kara, die fast einen Kopf kleiner war als er.

Laurel sah diskret zur Seite – und direkt in ein Paar lebhafte dunkle Augen.

Die früheren Kinderzimmer von Laurel, Kara und Lily im ersten Stock des Herrenhauses dienten während der Hochzeit als Garderobe der Braut. Laurel stand in der Tür zu Karas Zimmer und betrachtete die verstreut herumliegenden Accessoires.

Aus offenen Schuhkartons auf dem Boden quoll feines Seidenpapier. Ein kleines Blumensträußchen war offenbar von den Blumenmädchen auf dem Bett vergessen worden. Der zarte Spitzenschleier, den Kara während der Trauung getragen hatte, lag bereits wieder ordentlich über einem Stuhl.

Auf der Kommode standen eine Flasche in einem Eiskühler und vier Gläser. Der richtige Zeitpunkt für eine Champagnerpause, entschied Laurel. Und gut für die Nerven …

Kara stand vor dem Drehspiegel und beäugte ängstlich ihr Kleid von hinten. „Ich habe mir doch kein Loch hineingerissen, Laurel? Ich glaube, ich bin mit dem Absatz darin hängen geblieben.“

Laurel trat näher und untersuchte den fein genähten Saum. „Nein, alles in Ordnung. Kein Grund zur Sorge.“

„Gott sei Dank.“ Erleichtert atmete Kara auf.

Laurel betrachtete das Gesicht ihrer Schwester: Die Haut schien vor Glück zu glühen, auch ohne Rouge. Dezent aufgetragener Lidschatten betonte die grünen Augen, die ihren eigenen so sehr glichen. Nur die Lippen wirkten etwas farblos.

„Du bist eine wunderschöne Braut, Mrs Houghton, auch wenn dir der Bräutigam den Gloss von den Lippen geküsst hat“, sagte sie lächelnd und schlang vorsichtig, damit dem Kleid nichts passierte, die Arme um Kara.

Aber Kara teilte ihre Vorsicht nicht und drückte sie fest an sich. „Ich bin dir ja so dankbar, dass du deine Verlobung mit Eli gelöst hast.“

Laurel sah in die grünen Augen, die sie von ihrer Mom geerbt hatten. „Wir wären nicht glücklich miteinander geworden.“ Die Verlobung hatte sich wie von selbst ergeben, aber schon bald hatte sie gemerkt, dass etwas sehr Wichtiges fehlte.

Statt sich auf die Hochzeit zu freuen, hatte sie immer mehr bedauert, wie vorhersehbar und langweilig ihr Leben geworden war. Auch die Hochzeitsvorbereitungen hatten ihr keinen Spaß gemacht.

Irgendwie passte das alles nicht zu ihr. Sobald sie das erkannt hatte, hatte sie eine Liste erstellt. Mit der Überschrift Mein eigenes Leben.

Punkt eins: Mit Eli Schluss machen.

Das hatte so hart und grausam geklungen, dass sie daran gezweifelt hatte, ob sie das jemals fertigbekommen würde. Was sollte aus seinen Gefühlen werden, aus den Hoffnungen seiner Familie?

Doch zugleich hatten diese wenigen Worte zu einer Klarheit geführt, die ihr lange gefehlt hatte. Eli und sie waren eben nicht füreinander bestimmt.

Aus Rücksicht auf ihn hatte sie den Tod ihres Vaters, die Entdeckung seines Doppellebens und den Schrecken über die Inhaftierung ihrer Mutter als Gründe genannt, warum sie nicht heiraten wollte.

Die Erleichterung in seinen Augen hatte sie in ihrer Entscheidung bestätigt …

Das alles lag nur einen Monat zurück. Und jetzt hatte ihr Exverlobter sein Glück gefunden und heiratete ihre Schwester. Er jedenfalls hatte sein eigenes Leben.

Punkt zwei: Roten Lippenstift benutzen.

Das hatte sie an diesem Morgen in Angriff genommen, und weiter war sie mit der Liste bisher noch nicht. Es erwies sich als gar nicht so einfach, eingefahrene Gewohnheiten zu verändern. Auch wenn sie den Willen dazu nach wie vor hatte.

Sie musste beherzter zu Werk gehen, um wirklich wieder etwas zu fühlen – so wie vorhin, als sie in die Augen des Fremden geblickt und längst nicht mehr gekannte Energie ihren Körper erfasst hatte. Das war Leben!

Sie löste sich aus Karas Umarmung und goss zwei Gläser Champagner ein. Dann stieß sie mit ihr an. „Auf dich. Du sollst glücklich werden.“

„Das bin ich!“, bestätigte Kara und strahlte wie eine Märchenprinzessin. „Ich glaube, heute ist der glücklichste Tag meines Lebens.“

Ein bisschen neidisch war Laurel schon. Sie nahm einen großen Schluck Champagner, bevor sie das Glas wieder wegstellte. „Eli und ich waren immer schon gute Freunde, das weißt du ja“, erklärte sie. „Irgendwie haben wir wohl gehofft, das würde reichen. Aber so war es nicht. Das Besondere, das euch verbindet, hat uns gefehlt.“ Und in körperlicher Hinsicht … Der Fremde, den sie an diesem Tag zum ersten Mal gesehen hatte, hatte deutlich mehr Bauchkribbeln in ihr ausgelöst als Eli in all den Jahren ihrer Freundschaft.

„Es ist Liebe“, sprudelte Kara heraus. „Wahre Liebe. Eli ist der Mann meines Lebens. Ich bin ja so unendlich froh … Auch wenn die ganze Kindheit und Jugend über hauptsächlich ihr beide zusammen wart.“

„Weil wir im selben Alter sind. Ist ja klar.“

„Aber seinen Freund kennst du noch nicht, oder?“

„Wen? Rakin Abdellah?“ Von ihm hatte sie schon viel gehört. Er war der Enkel eines Prinzen aus dem Emirat Katar. Eli und er hatten sich während der Studienzeit in Harvard angefreundet. „Schade, dass er nicht kommen konnte.“

„Aber er ist doch hier!“, widersprach Kara. Sie stellte ebenfalls ihr Glas ab, nahm einen Kamm aus der Kommode und setzte sich auf einen Stuhl. „Er hat uns schon gratuliert. Dabei hat Eli ihn mir vorgestellt.“

Zögernd nahm Laurel den Kamm. „Hab ich gar nicht mitbekommen …“

„Ich glaube, du hast gerade Flynn davon abgehalten, einem Blumenmädchen das Ringkissen auf den Kopf zu hauen“, sagte Kara lächelnd.

Laurel warf den Kamm in die Luft und fing ihn wieder auf. „Das ist wieder mal typisch. Anscheinend kriege ich den Mann nie zu Gesicht. Immer wenn Rakin geschäftlich hier war und Eli sich mit ihm getroffen hat, hatte ich was anderes vor.“ Der atemberaubend gut aussehende Fremde, konnte das Elis Freund sein?

„Was hatte er an?“, fragte sie drängend ihre Schwester.

„Keine Ahnung!“, antwortete Kara und lachte. „Ich habe heute nur Augen für einen.“

Laurel kämmte vorsichtig das Haar ihrer Schwester, wo es vom Brautschleier zerdrückt worden war. „Da wir gerade von Eli reden – du musst neuen Lipgloss auftragen.“

„Wozu? Der wäre ja doch nicht lange drauf …“ Sie sah Laurel im Spiegel an. „He, du trägst ja roten Lippenstift!“

Sie sah ihre Schwester nachsichtig an. „Wenn dir das jetzt erst auffällt, kann es keine so große Sache sein.“

„Ha, ich weiß! Weil du dir vorgenommen hast, nicht länger nur auf Nummer sicher zu gehen.“ Kara schwieg einen Moment. „Du hast mir ja erzählt, dass du etwas … ungehemmter leben willst, und ich habe dich gebeten, nicht zu übertreiben, aber seitdem war nicht mehr die Rede davon.“

Laurel lachte. „Kannst du dir wirklich vorstellen, dass ich übertreibe? Ich – Miss Pflichtgefühl?“

Auch Kara lachte. „Nein, nicht wirklich. Außerdem – schließlich sollst auch du deinen Spaß haben. Wie wäre es, wenn Eli dir Rakin vorstellt?“

„Vergiss es!“ Um ihre Schwester abzulenken, wechselte sie das Thema. „Hast du gesehen, wie fürsorglich sich Cutter um Mom kümmert?“

„Ja, er weicht ihr nicht von der Seite.“

„Ich glaube, er liebt sie sehr.“ Laurel trat einen Schritt zurück, um Karas Frisur mit etwas Haarspray zu fixieren. „Er hat einen Skandal riskiert, als er der Polizei gesagt hat, dass Mom in der Mordnacht bei ihm war. Damit hat er sie gerettet.“

„Ich habe ihr eine kleine und feine Hochzeit mit ihm vorgeschlagen. Aber sie findet, sie kann so kurz nach Dads Tod noch nicht heiraten. Das Trauerjahr ist noch nicht um.“

Da war sie wieder – die verhasste Rücksichtnahme auf Konventionen. „Ach was“, widersprach Laurel brüsk. „Ich finde, Mom hat ein Recht, das zu tun, was sie will.“

„Ja, finde ich auch“, stimmte Kara zu. „Vor allem nach der Geschichte mit Dads Doppelleben. Und wenn Cutter sie glücklich macht, bin ich sein größter Fan.“ Sie drehte sich auf dem Stuhl um und schaute Laurel prüfend an. „Deinen Lippenstift habe ich nur nicht bemerkt, weil ich so aufgeregt bin. Aber jetzt fällt er mir schon auf. Ich bin neugierig. Was hast du als Nächstes vor?“

Das wusste sie ja selbst noch nicht. Und Laurel spürte, wie sie rot wurde.

„Nichts Weltbewegendes“, wiegelte sie ab und dachte dabei an den Punkt, Eiscreme im Bett zu essen. Aber da war noch mehr …

Punkt fünf: Die ganze Nacht lang im Casino spielen.

Punkt sechs: In ferne Länder reisen.

Das war schon nicht mehr ganz so unbedeutend …

„Du hast immer gesagt, roter Lippenstift ist zu auffällig. Also, das finde ich schon eine deutliche Veränderung“, meinte Kara anerkennend.

Das Rot biss sich mit ihren Haaren. Das war kitschig und damit verboten. Laurel vermied den Blick ihrer Schwester, indem sie in den Spiegel sah. Verschmiert war der Lippenstift nicht. Kein Wunder, sie küsste ja niemand …

Und das brachte sie zu Punkt drei der Liste Mein eigenes Leben.

Er lautete: Mit einem Fremden flirten.

Im Gegensatz zu den meisten Südstaatenfrauen beherrschte sie die Kunst des Flirtens nicht. Seit ihrer Teenagerzeit zog sie Männer geradezu magisch an. Manchmal hasste sie geradezu ihre Schönheit, durch die ihr so viel Aufmerksamkeit zuteilwurde. Daher hatte sie sich beizeiten einen höflichen und unverbindlichen Umgangston angewöhnt, der ihr außerdem bei ihrer Arbeit als Werbeleiterin der Kincaid Group sehr zupassekam.

Sie wusste selbst nicht, warum sie diesen Punkt auf die Liste gesetzt hatte. Vielleicht hätte sie lieber schreiben sollen: Einen Fremden küssen. Der Gedanke verwirrte sie. Sie spürte, wie ihr heiß wurde.

„Du bekommst ja richtig Farbe im Gesicht! Es ist doch nicht etwa ein Mann im Spiel?“

„Nein, kein Mann. Der Lippenstift ist nur für mich allein.“ Noch einmal spielte sie mit dem Gedanken, sich ihrer Schwester anzuvertrauen, dann ließ sie es. An diesem Tag ging es schließlich um Kara, nicht um sie.

Sie trank ihr Glas aus und betrachtete im Spiegel ihre Lippen. Wie es sich wohl anfühlen würde, den schönen Fremden zu küssen? Eine prickelnde Vorstellung …

Doch sofort riss sie sich zusammen. Was, wenn er tatsächlich Elis Freund war? Wie kitschig wäre das denn! Sie als die große Schwester war immer Vorbild für die jüngeren Geschwister gewesen und hatte stets getan, was man von ihr erwartet hatte. Sie hatte viel gelernt, um gute Noten zu bekommen. War abends immer rechtzeitig nach Hause gekommen. Hatte keine Miniröcke getragen, keine Ohrstecker und keine zerrissenen Jeans. War irgendwelchen Beziehungen zu Jungen aus dem Weg gegangen. Und hatte sich nie auffallend geschminkt …

Sie riss sich von ihrem Spiegelbild los und drehte sich um, um festzustellen, dass Kara sie noch immer nachdenklich betrachtete.

„Weißt du, was ich finde?“, fragte sie. „Auch wenn du so gern Beige trägst … Der rote Lippenstift steht dir. Damit siehst du wie ein Filmstar aus. Glamourös und sexy. Vergiss, dass ich gesagt habe, du sollst es nicht übertreiben. Brich ruhig öfter mal aus.“

Während sie zur Tür gingen, fühlte sich Laurel mit einem Mal seltsam unbeschwert.

„Am besten fängst du auf der Stelle damit an. Das Heute zählt!“ Damit rauschte Kara zurück zu den Gästen.

Und Laurel blieb ratlos zurück. Die Dinge etwas weniger eng zu sehen war eine Sache. Dieser veränderten Sicht auch Taten folgen zu lassen eine andere. Vor ihr lag absolutes Neuland.

Sollte sie den ersten Schritt ins Unbekannte, ins Abenteuer wagen? Oder lieber in ihrer sicheren Welt bleiben, ohne darin jemals zufrieden zu sein?

Die Antwort war so eindeutig, dass es sie selbst überraschte. Sie war das Gefühl leid, ständig etwas zu verpassen. Sie wollte mehr von der Energie von vorhin spüren.

Dieser Anflug von Rebellion, der ihr ganz neu war, hatte den Reiz des Verbotenen. Plötzlich lag ihr Weg klar vor ihr. Kara hatte recht: Das Heute zählte. Und heute würde sie mit einem Fremden flirten.

Sie ging zurück zur Hochzeitsgesellschaft.

2. KAPITEL

Im eleganten Salon spielte eine Band Jazz und Blues. Es war ein rauchiger, distinguierter Sound, genau richtig für eine Hochzeitsfeier, die zu den bedeutendsten gesellschaftlichen Ereignissen des Jahres zählte.

Summend tanzte Laurel mit Kara und stieß dabei fast mit Alan Sinclair zusammen, der plötzlich mit zwei vollen Sektgläsern vor ihnen auftauchte. Wie durch ein Wunder gelang es ihm, nichts von der perlenden Flüssigkeit zu verschütten.

Laurel entschuldigte sich lebhaft.

„Größere Katastrophe verhindert“, scherzte er.

Alle drei lachten.

„Der Sekt ist sowieso für euch, schöne Ladys.“ Mit seinen braunen Augen sah er sie gut gelaunt an, während er jeder von ihnen ein Glas gab. „Ich konnte dir nicht eher gratulieren und hole das hiermit nach“, sagte er zu Kara. „Eli ist ein Glückspilz.“

„Danke, Alan.“ Kara strahlte. „Ich hoffe, du findest auch bald die Frau deiner Träume. Vielleicht sogar schon heute Abend.“

Alan lachte. „Eine schöne Hoffnung. Aber ich finde, du solltest erst mal deinen Honeymoon genießen, bevor du die nächste Hochzeit ausrichtest.“

„Da freue ich mich jetzt schon drauf. Nicht weil es mein Job ist. Ich bin nur so glücklich, dass ich alle Welt verheiraten möchte.“

„Ein netter und aufmerksamer Mann“, stellte Laurel fest, als Alan sie wieder allein gelassen hatte.

„Ja“, bestätigte Kara. „Er wird mal eine Frau sehr glücklich machen.“

Sie hatten den mit rosafarbenen und roten Blütenblättern dekorierten Tisch des Brautpaares erreicht, wo Eli stand und auf seine Frau wartete. Hingebungsvoll sah er sie an, während er ihr half, Platz zu nehmen.

Laurel fühlte sich ein wenig wie das fünfte Rad am Wagen und setzte sich neben ihre Mutter. „Wo ist denn Cutter?“, fragte sie, denn sie saß auf seinem Stuhl.

Seltsam, in letzter Zeit schien die ganze Welt aus Paaren zu bestehen … Sie verdrängte das drohende Gefühl der Einsamkeit. Ein Grund mehr, getreu ihrer Liste vorzugehen und mit einem Fremden zu flirten. Und wo ginge das leichter als auf einer Hochzeit?

„Drüben bei Harold Parsons und Mr Larrimore.“

Richtig, dort an der Bar unterhielten sich der weißhaarige Anwalt und der Chef von Larrimore Industries.

Seit Kurzem existierten Geschäftsbeziehungen zwischen Larrimore und der Kincaid Group. Dadurch wurden zumindest teilweise die Verluste ausgeglichen, die durch den Wechsel vieler Kunden zu Carolina Shipping entstanden waren.

Matthew, Laurels Bruder und Leiter der Abteilung New Business der Kincaid Group, waren in dieser Woche Gerüchte zu Ohren gekommen, wonach Jack Sinclair durch die Hintertür versuchte, einen wichtigen Transportvertrag zu torpedieren.

Wenn man vom Teufel sprach …

Jack Sinclair hatte einen Stuhl vom Tisch weggezogen und sich damit genau an die Ecke der Tanzfläche gesetzt. Wie arrogant und unsympathisch dieser Mann doch wirkte! Weil er fünfundvierzig Prozent der Kincaid Group geerbt hatte, führte er sich auf, als gehörte das Haus ihm.

Laurel konnte sich einfach nicht an ihn gewöhnen. Mit seiner düsteren und grüblerischen Art hatte er der Firma in den letzten Monaten so viel Probleme bereitet, dass es für ein ganzes Leben reichte …

Gerade sagte seine Mutter etwas zu ihm. Er runzelte so finster die Stirn, dass Laurel vom bloßen Anblick eine Gänsehaut bekam.

Warum war er, der älteste Sohn ihres Vaters, überhaupt zu dieser Hochzeit gekommen? Wenn er doch nur vor sich hin starrte? War er hier, um der Presse vorzumachen, dass er ein akzeptiertes Mitglied der Kincaid-Familie war? Oder, wie ihre Geschwister annahmen, um den Verdacht nicht erst recht auf sich zu lenken?

Daran mochte Laurel nicht einmal denken. Sie schauderte bei der Verstellung, dass ihr Vater von ihm, dem eigenen Sohn, erschossen worden war. Wie grauenvoll!

Dennoch konnte Jacks Anwesenheit der feierlichen Stimmung nichts anhaben. Nach all den schwierigen und freudlosen Wochen bedeutete diese Hochzeit das erste erfreuliche Familienereignis, das alle genießen sollten. Vor allem ihre Mutter.

Sie drückte ihr die Hand. „Ich bin so froh, dass du hier bist. Und dass die lächerliche Anklage gegen dich endlich fallen gelassen wurde. Für Kara und Eli ist dies das schönste Hochzeitsgeschenk überhaupt.“

„Leicht ist der heutige Tag nicht für mich“, gestand Elizabeth. „All das Gerede. Bestimmt sind unter den Gästen ein paar, die mich für schuldig halten. Und außerdem sind alle so neugierig auf Cutter. Das ist auch für ihn eine schwierige Situation.“

Laurel betrachtete ihre Mutter, die sich – typisch für eine wahre Südstaatenlady – unter keinen Umständen etwas anmerken ließ. Sie sah heiter-gelassen aus, die kurz geschnittenen rotbraunen Haare mit den eleganten silbernen Strähnen saßen makellos. Außer einem schmerzvollen Ausdruck in den grünen Augen deutete nichts auf die Belastungen der letzten vier Monate hin.

„Auf eine glückliche Zukunft“, sagte Laurel, und sie tranken einander zu.

„Ich wäre sehr froh, wenn die Polizei den Täter bald findet“, erklärte Elizabeth. „Es ist schrecklich, nicht zu wissen, wer es war …“

RJ und Matt, Laurels Brüder, hatten einen Verdacht, von dem sie überzeugt waren …

„Morgen rufe ich Inspektor McDonough an und frage, ob es etwas Neues gibt“, versprach Laurel mit einem Seitenblick auf Jack Sinclair. Vielleicht lagen schon genug Beweise gegen ihn vor.

Wenn sie ihren Brüdern glauben durfte, hatte er sich bereits in Widersprüche verstrickt. Zwar hatte er für die Tatzeit ein Alibi, das auch von einigen seiner Angestellten bestätigt wurde – angeblich hatte er bis spät abends gearbeitet –, aber Jack Sinclair war ein schwerreicher Mann. Und zwar auch schon ohne die geerbten fünfundvierzig Prozent an der Kincaid Group.

Auch wenn sie es nicht recht glauben wollte, RJ war der Meinung, das Alibi könnte gekauft sein.

Sie beschloss, Kontakt mit Nikki Thomas aufzunehmen, der Privatdetektivin, die herausfinden sollte, ob und wie Jack Sinclair der Kincaid-Gruppe schaden wollte. Vielleicht konnte sie etwas zur rascheren Aufklärung des Verbrechens beitragen – auch wenn Nikki manchmal etwas zu sehr Anteil am Leben des Mannes, den sie beobachtete, zu nehmen schien …

Laurel wurde aus ihren Gedanken gerissen, als jemand sie am Arm berührte.

Grinsend stand Eli da. „Ich möchte dir jemanden vorstellen.“

Und neben ihm … das war der attraktive Fremde!

„Laurel, das ist Rakin Whitcomb Abdellah. Rakin, das ist Laurel Kincaid, ab sofort meine Schwägerin.“

Oh nein! Das konnte nur Kara eingefädelt haben.

Gleich würde sie rot werden, soviel stand fest. Sie schluckte.

„Ich habe schon viel von dir gehört“, sagte Rakin und hielt ihr die Hand hin.

„Komisch, das wollte ich auch gerade sagen.“ Sie nahm seine Hand und senkte verlegen die Lider – so viel Kraft lag in seinen Fingern. „Schon seltsam, dass wir uns nie begegnet sind.“

„Kismet. Was soll man sonst dazu sagen?“

„Glaubst du ans Schicksal?“, fragte sie fasziniert.

„Aber natürlich. Alles passiert aus einem ganz bestimmten Grund. Und heute ist es so weit, dass wir uns begegnen sollen.“

Bezaubert von seinem Charme lächelte sie. So wie es aussah, war Elis Freund ein sehr angenehmer Flirtpartner. „Meinst du?“

„Ja.“ Seine Augen schienen sie zu streicheln wie schwarzer Samt. Aber gleichzeitig ließ der Blick auch eindrucksvolle Willensstärke erkennen.

Um seinem Zauber nicht völlig zu erliegen, wandte Laurel ihre Aufmerksamkeit Eli zu. „Wenn wir beide uns unterhalten, könnte einiges über dich ans Licht kommen“, scherzte sie. „Denn ich glaube, niemand weiß mehr von dir als wir.“

„Da habe ich aber Angst“, erwiderte Eli ebenfalls scherzend.

„So wirkst du gar nicht!“, sagte Laurel mit einem Blick zu Rakin, dessen Augen vor Vergnügen funkelten.

Die Band spielte ein neues Stück.

„Jetzt habe ich aber wirklich Angst“, meinte Eli. „Ich darf keinen Fehler machen. Das ist nämlich der Brautwalzer.“

Lachend sah Laurel ihm nach.

Allein mit Rakin fühlte sie sich doch etwas befangen. Sie schwieg und sah dem Brautpaar beim Tanzen zu, ohne wirklich bei der Sache zu sein.

Im Licht eines Scheinwerfers bewegten sich Eli und Kara in vollendeter Harmonie zur Musik. Karas weißes Kleid füllte den Lichtkreis beinahe vollständig aus. Als nächste Paare erschienen Laurels Schwester Lily mit ihrem Mann Daniel und RJ mit Brooke auf der Tanzfläche.

Alan setzte sich lächelnd zu seiner Mutter; von Jack Sinclair war nichts mehr zu sehen. Laurel wünschte, er würde wenigstens die Höflichkeit zeigen, die ihm – auf Elizabeths ausdrücklichen Wunsch hin – seitens der Kincaid-Familie entgegengebracht wurde.

„Möchtest du auch tanzen?“, fragte Rakin mit rauer Stimme.

Noch immer schweigend, reichte sie ihm die Hand. Wieder spürte sie, wie viel Kraft in seinen Händen lag. Ihr fiel ein, wie sie vorhin im Spiegel ihre Lippen betrachtet und sich dabei vorgestellt hatte, von dem schönen Fremden geküsst zu werden.

Um sich und ihre geheimsten Sehnsüchte nicht zu verraten, schlug sie die Augen nieder. „Aber ja, gern.“

Als er auf dem Parkett den Arm um sie legte, empfand sie die Berührung fast als Schock. Welche Versuchungen sich aus dieser Situation ergaben!

Um die Nähe aushalten zu können, fragte sie, während sie sich zur Musik bewegten: „Du kennst Eli seit Harvard, oder?“

„Ja. Wir hatten einige Kurse gemeinsam, und wir sind oft miteinander wandern gegangen. Wir sind beide sehr gern draußen.“

„Von Eli weiß ich, dass ihr auch in der Rudermannschaft wart.“

Lächelnd nickte er. „Ungewöhnlicher Sport für einen Wüstensohn, oder?“

„Ja, allerdings“, bestätigte Laurel ebenfalls lächelnd. Dann sah sie ihn prüfend an. „Erzähl mir von Diyafa, deiner Heimat. Bisher kenne ich nur den Namen. Von Eli. Diyafa“, wiederholte sie und ließ sich dabei den Klang auf der Zunge zergehen. „Hört sich an wie eine ganz andere Welt.“

„Ist es auch“, bestätigte er. „Die Nächte sind warm und trocken, und einen klareren Sternenhimmel als über der Wüste habe ich nie gesehen.“ Er sprach leise, aber voller Begeisterung.

„Wie schön! Am liebsten würde ich es nicht zugeben, aber ich bin nie aus den Vereinigten Staaten herausgekommen.“

„Nie?“

„Nie. Dabei war es immer mein Traum zu reisen.“

Das war ja Punkt sechs auf ihrer Liste. In ferne Länder reisen. Sie stellte sich vor, wie sie auf dem Markusplatz in Venedig stand oder in Ägypten vor der Sphinx. Hauptsache weit weg von Charleston.

„Ich habe mir vorgenommen, den Traum wahr werden zu lassen. Einen Reisepass habe ich mir schon besorgt.“ Sie trug ihn bei sich, in ihrer Handtasche, zusammen mit der Liste – und dem Brief ihres Vaters, den sie am Tag der Testamentsöffnung bekommen hatte.

„Da bietet sich ja meine Heimat als Reiseziel förmlich an“, sagte Rakin.

Er glaubte jetzt doch hoffentlich nicht, dass sie es auf eine Einladung anlegte? „Ich kann unsere frische Bekanntschaft doch nicht gleich so ausnutzen“, wehrte sie ab.

„Warum denn nicht?“

Sie senkte die Lider. „Wir kennen uns ja kaum.“

„So etwas lässt sich ändern“, entgegnete er amüsiert.

Sie sah ihn. Jetzt flirtete sie tatsächlich mit ihm! Punkt drei ihrer Liste!

Auch wenn er Elis bester Freund war – sie würde ihn so schnell nicht wiedersehen. Schließlich waren sie sich auch bisher nicht begegnet. Er war ein viel beschäftigter Mann … Waren das nicht ideale Voraussetzungen?

Sollte sie etwa kneifen? Nein! Jetzt war die Zeit zum Handeln gekommen. „Wer weiß … eines Tages vielleicht“, sagte sie mit einem Lächeln, von dem sie inständig hoffte, dass es auf ihn geheimnisvoll wirkte.

In seine Augen trat ein seltsamer Ausdruck.

„Wenn es so weit ist, dann lass es mich wissen“, bat er mit rauchiger Stimme.

Er flirtete ebenfalls!

Und er beherrschte diese Kunst, da gab es keinen Zweifel. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich versucht, völlig entspannt ganz Frau zu sein. Sich einfach treiben zu lassen. Dieser Mann hier verstand es, mit Frauen respektvoll und einfühlsam umzugehen. „Ehrlich gesagt, ist mir mehr nach Las Vegas zumute …“, gestand sie. „Ich habe noch nie gespielt. Jedenfalls nicht in einem Casino.“

Ihre Mom war dagegen. Ein Onkel mit etwas zweifelhaftem Ruf, das schwarze Schaf der Familie Winthrop, hatte beim Pokern ein Vermögen verloren. Damit hatte er maßgeblich zur Notlage der Familie beigetragen, damals, bevor Elizabeth in die Kincaid-Familie eingeheiratet hatte.

Spielen war also verpönt, darum hatte sie es auf ihre Liste gesetzt.

„Wenn es so ist, sollten wir das unbedingt ändern“, schlug er vor.

Ja, er flirtete! Sein Tonfall verriet es, und noch mehr das Funkeln seiner Augen.

Sie bemühte sich, sich ihre Aufregung über diese Entdeckung nicht anmerken zu lassen. „Ich will nicht abhängig werden.“

„Das kann nur passieren, wenn man mehr einsetzt, als man hat.“

„Ich werde dran denken.“ Sie sah ihn unter gesenkten Lidern an. „Wenn ich jemals in Las Vegas sein sollte.“

Das Musikstück war zu Ende. Obwohl sie sich erhitzt und durstig fühlte, wollte sie die Unterhaltung mit Rakin nicht beenden. Dazu machte das Gespräch mit ihm einfach zu viel Spaß. Auch wenn es gefährlich war. Seine angenehm warme Hand auf ihrem Rücken, seine kraftvollen Finger, der Körperkontakt mit ihm beim Tanzen – das alles trug nicht gerade dazu bei, dass sie einen kühlen Kopf bewahrte. Ganz im Gegenteil …

„Warm ist es hier“, stellte sie fest, ließ seine Hand los und fächelte sich Luft zu. „Ich muss etwas trinken.“

„Draußen ist es angenehmer“, erwiderte er ritterlich und geleitete sie am Ellbogen von der Tanzfläche. Auf dem Weg zu den offen stehenden Türen ließ er sich von einem Kellner zwei Gläser Sekt geben.

Laurel zögerte. So wie es aussah, würden sie auf der Terrasse allein sein.

„Komm“, sagte er. „Es ist ruhig und kühl.“ Sie zuckte zusammen, als er die empfindliche Stelle unterhalb ihres Ellbogens berührte.

Sie fragte sich, ob sie sich womöglich auf etwas einließ, womit sie später nicht klarkam.

Trotzdem ging sie mit ihm hinaus in die Nacht.

Es wehte ein leichter Wind, der den süßen Duft von Magnolien und Jasmin zu ihnen herübertrug.

Rakin führte Laurel an das Ende der Terrasse, das im Dunkeln lag. Von hier aus war die Musik kaum zu hören.

Im schwachen Schein einer Wandlampe gab er ihr eins der langstieligen Gläser. Dann lehnte er sich an das Geländer und sah sie über den Glasrand hinweg an.

Ein ungewöhnliches Gefühl – war es Lust? – breitete sich in ihm aus.

Laurel Kincaid war wirklich eine außergewöhnlich attraktive Frau. Ihre Figur kam in dem eng anliegenden Kleid aus silbergrauer Seide wunderbar zur Geltung. Ihre zarte helle Haut bildete einen reizvollen Kontrast zu den rotbraunen Haaren. Aber am meisten sprachen ihn ihre ausdrucksvollen grünen Augen an.

Welcher Mann würde ihre ungeteilte Aufmerksamkeit nicht erregend finden? Er jedenfalls, das stellte er beinahe ärgerlich fest, konnte sich Laurels Zauber nicht entziehen.

Dabei ging es ihm um viel mehr. Ohne sie aus den Augen zu lassen, trank er einen Schluck Sekt.

Obwohl er das Vermögen der Al-Abdellahs um etliche Millionen vergrößert hatte, wollte ihn sein Großvater aus dem Familiengeschäft ausschließen, falls er nicht endlich bald heiratete.

Nur leider gehörte Liebe nicht zu Rakins Lebensplan. Und bisher hatte er sich auch erfolgreich widersetzt. Aber inzwischen hatte sich die Konkurrenzsituation mit Prinz Ahmeer Al-Abdellah zu einem offenen Konflikt entwickelt. Da erschien Heiraten noch als das kleinere Übel. Jedenfalls war es Elis ursprünglich scherzhaft gemeinter Vorschlag durchaus wert, ernsthaft überdacht zu werden … Kam Laurel vielleicht tatsächlich als Braut infrage?

Um Liebe ging es bei dieser Frage nicht.

Ein Blick auf Laurel würde genügen, und sein schlauer Großvater wäre voll und ganz zufrieden. Sie war eine außergewöhnliche Schönheit. Und sie gehörte zu den Kincaids aus Charleston, was die ganze Sache noch mehr versüßte.

Doch eins nach dem anderen: Erst einmal musste er Laurel überzeugen. Das durfte nicht ganz einfach werden. Denn aus welchem Grund sollte sie ihm helfen?

Es sei denn aus geschäftlichen Erwägungen …

„Wenn ich dich recht verstanden habe, würdest du gern mal in Las Vegas spielen?“, fragte er.

„Ja, schon möglich.“

Er bemerkte das Lächeln in ihrer Stimme. Machte sie sich über ihn lustig? „Und du warst noch nie dort?“

„Ein Mal, aber da war ich noch so klein, dass ich mich nicht mehr erinnere.“

„Du solltest unbedingt hinfahren oder – fliegen. Aber nicht allein.“

„Weißt du, ich habe den Wunsch erst vor Kurzem überhaupt entdeckt. Noch vor ein paar Monaten hätten mich Lily und Kara begleiten können. Aber jetzt ist es zu spät – sie sind beide verheiratet. Lily und Daniel haben sich vor ein paar Tagen das Jawort gegeben. Es war nur eine kleine Feier. Sie wollten nicht mit Karas Hochzeit heute konkurrieren. Im Oktober, wenn das Baby da ist, soll es ein großes Familienfest geben.“

Sie sprach in beiläufigem Ton, aber Rakin glaubte, einen Anflug von Einsamkeit in ihrer Stimme zu hören. Auch für ihn war dieses Gefühl nichts Neues. Da er als Einzelkind aufgewachsen war, beneidete er Laurel um ihre Brüder und Schwestern. Dem herzlichen Umgang miteinander war leicht zu entnehmen, wie nah sich die Familienmitglieder standen.

Damit ließ sich, was ihn selbst betraf, nur die Freundschaft mit Eli vergleichen. Aber über Familie oder Gefühle redeten sie nicht. Meist unterhielten sie sich über Sport, Geld und Geschäfte. „Auch wenn sie verheiratet sind, sie bleiben trotzdem deine Schwestern.“

Laurel trat an die Brüstung und sah in die Nacht hinaus. „Das stimmt natürlich“, bestätigte sie nach einer Weile. „Aber die Schwerpunkte haben sich geändert. Sie haben jetzt Ehemänner, und Lily erwartet ein Kind.“ Traurig fügte sie hinzu: „Zwischen uns wird es nie wieder so werden, wie es war.“ Doch dann gab sie sich einen Ruck. „Schluss damit. Ich habe genug Bekannte, mit denen ich nach Las Vegas fahren kann.“

Kein Wunder. Sie war temperamentvoll und sah atemberaubend gut aus.

„Erzähl mir von deiner Freundschaft mit Eli“, forderte er sie auf.

Über dieses Thema hatte er oft nachgedacht. Da er in einer traditionsbewussten Welt aufgewachsen war und reine Jungenschulen besucht hatte, hatte er so etwas nicht für möglich gehalten. Aber Eli hatte ihm geduldig erklärt, wie nahe sie einander standen – nicht als Paar, sondern eben als Freunde.

Später dann die Verlobung hatte ihn nicht überrascht. In seinen Augen musste es früher oder später zwischen Mann und Frau zwangsläufig zu körperlicher Anziehung kommen.

Als dann Laurel mit Eli Schluss gemacht hatte, hatte dieser es erstaunlich leichtgenommen und den halb scherzhaften Vorschlag gemacht, dessentwegen er jetzt hergekommen war.

„Wir sind im selben Alter und zusammen aufgewachsen. Klar, dass wir alles gemeinsam gemacht haben. Auch als Erwachsene wurden wir meist noch zu zweit zu Partys eingeladen. Ich glaube, für unsere Freunde waren wir schon längst ein Paar, lange bevor wir selbst auf diese Idee gekommen sind.“

„Als Nächstes wäre die Hochzeit gekommen. Aber wir waren eben Freunde und kein Liebespaar. Der Funke hat gefehlt.“

Deshalb Elis gelassene Reaktion! Rakin stellte sein Glas ab und machte einen Schritt auf Laurel zu. „Der Funke?“

„Ja! Sehnt sich danach nicht jede Frau?“

Plötzlich lag ein fast hörbares Knistern zwischen ihnen in der Luft.

Und ehe ihm bewusst wurde, was er tat, strich er ihr eine Strähne ihres rotbraunen Haares aus dem Gesicht. Dabei berührte er ihre Wange, die ihm unendlich zart erschien. Abrupt ließ er die Hand wieder sinken – ansonsten hätte er womöglich dem völlig verrückten Impuls nachgegeben, weiter ihre samtweiche Haut zu streicheln. „Alle suchen sie die Flamme, aber die Wenigsten finden sie.“

„Du meinst Liebe?“, fragte sie.

„An die Liebe glaube ich nicht. Ich rede von dem, was du Funke genannt hast. Eine mächtige Kraft, die zwei Menschen in Harmonie verbindet. So etwas passiert nicht oft im Leben.“

Sie trank ihr Sektglas aus. Ihre helle Haut schimmerte zauberhaft im matten Licht der Lampe. Wie elegant und feminin die Linie ihres Halses aussah! „Interessante Sichtweise. Ich habe immer gedacht, dass ich mir Liebe mehr wünsche als alles andere auf der Welt.“

„Und jetzt denkst du nicht mehr so?“

„Richtig!“ Sie kicherte. „Jetzt nicht mehr.“

Rakin fühlte sich erleichtert. Zum Glück war sie nicht auf der Suche nach romantischer Liebe. Geschäftliche Gründe und dieser … Funke würden ausreichen, sie von seinem Plan zu überzeugen.

„Entschuldige bitte das Kichern. In der letzten Zeit hatte ich nicht viel zu lachen. Es hat mir gut getan.“

„Liegt bestimmt an der Freude über die Hochzeit.“

Sie hob ihr leeres Glas. „Ich glaube, mit dem Sekt hat es auch etwas zu tun.“

Dieses ehrliche Eingeständnis verblüffte ihn. Hatte er es hier etwa mit einer Frau zu tun, die zwischen Realität und Romantik zu unterscheiden wusste? Ja … das konnte sein. Schließlich war sie eine Kincaid. Und mit Leib und Seele eine Geschäftsfrau. Plötzlich betrachtete er sie wie einen kostbaren Edelstein. „Möchtest du noch ein Glas?“

„Im Moment nicht. Sonst werde ich noch ganz beschwipst.“ Wieder lachte sie. „Das passiert mir zum ersten Mal.“

Er nahm ihr das Glas ab und stellte es zu seinem auf die Brüstung. „Soll das heißen, du hattest noch nie einen Schwips?“

„Genau das. Meine Mom würde sich für mich schämen.“

„Tut mir übrigens leid für euch alle, dass sie in Haft war. War bestimmt eine schwere Zeit.“

Sie nickte. „Allerdings.“ Der Lichtschein der Lampe fiel jetzt auf ihr Gesicht, und er sah, dass die gute Laune daraus verschwunden war – was ihn traurig stimmte.

„Die Polizei ist noch nicht weiter mit ihren Ermittlungen“, fuhr sie fort. „Aber wenigstens ist Mom von dem grässlichen Verdacht befreit.“

Sie zitterte, und das nicht vor Kälte. „Ich habe mir den Tag wieder und wieder durch den Kopf gehen lassen. Ich war bis zum späten Nachmittag im Büro. Bevor ich gegangen bin, habe ich Dad noch eine Tasse Kaffee gemacht. Stark und heiß, habe ich gesagt, wie du es gern hast. Ich weiß noch, dass er gelacht hat, was selten vorkam. Dann hat er sich wieder in seine Papiere vertieft. So sehe ich ihn noch immer vor mir …“

Sie kämpfte mit den Tränen.

„Ich zerbreche mir immer wieder den Kopf darüber, ob mir irgendetwas hätte auffallen müssen, aber alles war ganz normal. Einige Angestellte waren noch da; Brooke, damals noch RJs Sekretärin, ging als Letzte. Mich ärgert es, dass ich rein gar nichts Ungewöhnliches bemerkt habe.“

„Du konntest ja nicht im Voraus wissen, was passieren würde.“

Sie schlang die Arme um sich und trat wieder an das Geländer. Lange schwieg sie. Als sie ihm den Kopf zuwandte, schimmerte ihre Haut im Mondlicht wie Seide.

Schließlich sprach sie weiter. „Von uns allen macht sich Brooke die größten Vorwürfe. Auf ihre Aussage hin, dass Mom Dad Abendessen gebracht hat, war meine Mutter verhaftet worden. Und bis vor Kurzem hatte sie ja kein Alibi. Dabei hat Brooke vergessen, der Polizei gegenüber eine ungewöhnliche Beobachtung zu erwähnen: Am frühen Nachmittag hatte es stark geregnet, und sie beeilte sich, mit einem Stapel wichtiger Kopien möglichst trocken ins Bürogebäude zu kommen. Ein Unbekannter im Regenmantel hielt ihr die Tür auf. Und der Sicherheitsdienst machte keine Aufzeichnungen, weil es so aussah, als gehörte der Mann zu Brooke. Inspektor McDonough hält es für möglich, dass er sich bis zum Abend im Gebäude versteckt gehalten hat.“

„Und es gibt keine Hinweise, wer der Mann gewesen sein könnte?“

Sie schüttelte den Kopf. Die rotbraunen Haare schienen dabei die Schultern zu streicheln. „Auf dem Videoband einer Tiefgarage in der Nähe ist ab dem Nachmittag bis zur Tatzeit Jack Sinclairs alter Aston Martin zu sehen. Aber Jack schwört, dass er die ganze Zeit in seinem Büro war. Andererseits war der Wagen nicht als gestohlen gemeldet.“

„Glaubst du wirklich, dass Jack Sinclair der Täter ist?“

„Ich hoffe nicht. So wie es aussieht, hat Dad Angela geliebt. Er wollte sie damals heiraten, aber seine Eltern waren dagegen. Darüber ist Jack sehr verbittert. Er ist zwar der älteste Sohn, aber eben kein legitimer Kincaid. Dad hat versucht, ihm und Angela gegenüber alles wiedergutzumachen. Aber obwohl er so viel Geld und Macht geerbt hat, kann Jack den alten Groll nicht begraben. Das macht es natürlich schwierig, ihn sympathisch zu finden.“

„Du versuchst wohl, in allen Menschen das Gute zu sehen?“

„Ja“, bestätigte sie und sah ihm dabei mit einer Ehrlichkeit ins Gesicht, die er unter den Menschen schon lange nicht mehr suchte. „Auch wenn es mir nicht immer gelingt. Aber reden wir von etwas anderem. Jack Sinclair soll uns nicht die Feier verderben.“

„Reden wir von dir.“ Nicht ohne Befriedigung bemerkte er, wie sie stutzte. „Eli sagt, von allen Menschen, die er kennt, hast du das freundlichste Herz.“

Sollte er sie vielleicht freiheraus darum bitten, ihm aus der Sache mit seinem Großvater herauszuhelfen? Und sich damit ihrem Wohlwollen ausliefern? Nein, sein Stolz ließ es nicht zu, jemanden um einen Gefallen zu bitten. All seine Entscheidungen beruhten auf gegenseitigem Vorteil – und knallhart auf Gewinn.

Sie zog die Nase kraus. „Klingt, als wäre ich sehr langweilig.“

„Freundlichkeit ist nicht langweilig.“

„Aber auch nicht aufregend.“

Er sah sie fragend an. „Willst du aufregend sein?“

„Ich will ein eigenes Leben“, platzte sie heraus und erschrak sogleich darüber. „Oje, wie sich das anhört! So dramatisch war es gar nicht gemeint.“

Rakin überlegte. Offenbar war sie es nicht gewohnt, über ihre eigenen Wünsche zu sprechen. Er ging auf sie zu und fragte vorsichtig: „Und wie willst du es dir aufbauen – dein eigenes Leben?“

Sie sah hinaus in die Nacht. „Ich will Dinge tun, die ich noch nie gemacht habe. Die man von Laurel Kincaid, der Werbeleiterin der Kincaid Group, nicht erwarten würde. Die nichts mit Büchern, Kunst und Wohltätigkeit zu tun haben.“

Rakin lächelte. „Zum Beispiel in Las Vegas spielen?“

„Genau.“ Trotzig reckte sie das Kinn. „Klingt vielleicht unbedeutend, aber für mich ist es der Schritt zu mehr Freiheit.“

Wie kam es, dass er sich in Gegenwart dieser Frau so unbeschwert und gut gelaunt fühlte? Als würde die Last von Jahren einfach so von ihm abfallen! Langsam begriff er: Nach außen hin gab sich Laurel Kincaid als vollendete Lady, aber in Wahrheit war sie eine unabhängige Persönlichkeit, ja, fast schon eine Rebellin.

Eine sehr elegante Rebellin eben …

Er hegte keine Zweifel, dass sie es schaffen würde, die bisherigen Einschränkungen abzustreifen. Das Schicksal würde ihnen helfen. „Du möchtest Abenteuer erleben?“, fragte er.

„Oh ja, nichts lieber als das.“ Ihre Augen funkelten vor Begeisterung.

In dem Moment entschied er: Diese ungewöhnliche Frau wollte er kennenlernen. So gut wie nur irgend möglich.

Er begehrte sie. Und mehr als das. Er mochte sie. Ihr gegenüber würde es ihm nicht schwerfallen, seine Situation darzustellen. Sie würde zuhören, das wusste er. Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf würde sie alles darüber erfahren wollen, wie sein Großvater ihn aus dem Geschäft werfen wollte, für das er so hart gearbeitet hatte.

Sie würde ihn verstehen. Wenn sie sich sogar um Verständnis für Jack Sinclair bemühte, der die Kincaid Group zerstören wollte!

Über einen Heiratsantrag würde sie zumindest ernsthaft nachdenken. Ja, Laurel war die ideale Frau für ihn. Aber er brauchte Zeit, um sie zu überreden. Noch ehe er den Gedanken zu Ende gedacht hatte, hörte er sich plötzlich sagen: „Dann komm doch mit mir nach Las Vegas.“

3. KAPITEL

„Ich soll mit dir nach Las Vegas kommen? Ist das dein Ernst?“

Vor Erstaunen blieb Laurel der Mund offen stehen. Rakins Vorschlag warf sie fast um. So weit war es also mit ihrer unerschütterlichen Ruhe her! Und zu allem Überfluss hatte er es auch noch bemerkt, denn er zwinkerte …

„Mein voller Ernst“, bestätigte er und kam so nahe, dass er sie fast berührte. „Dann kannst du an den Slotmachines spielen.“

„Es geht mir nicht in erster Linie um die Automaten. Ich will die ganze Nacht lang spielen, und zwar im Casino.“

„Du bist ja wirklich eine Rebellin.“ Er lachte. „Ich glaube, ich unterstütze deinen Plan.“

„Machst du dich über mich lustig?“, fragte sie.

„Warum sollte ich?“

Weil er sie für zu brav und farblos hielt?

Sie betrachtete ihn, wie er vor ihr stand. Sein weißes Hemd unter der Anzugjacke bildete einen klaren Kontrast zu seinem gebräunten Gesicht mit den klassischen Zügen. Plötzlich verspürte sie den heftigen Wunsch, ihn zu überraschen. Warum sollte sie sein Angebot nicht annehmen?

Sie atmete tief durch und erklärte: „Meine Mutter ist eine geborene Winthrop.“ Dann schwieg sie erwartungsvoll.

Als Rakin keine Reaktion zeigte, fuhr sie fort: „Sorry, das sagt dir vermutlich nichts. Aber hier im South Carolina weiß jeder, dass man mit der Macht der Winthrops immer rechnen muss. Sie sind eben eine alteingesessene Familie.“ Sie lächelte. „Ich weiß, das klingt überheblich. Aber es hat auch harte Zeiten gegeben. Ein paar falsche Entscheidungen wurden getroffen. Und mein Großonkel hat viel Geld verloren – durch Immobiliengeschäfte und beim Poker.“

„Tut mir leid, das zu hören.“

Sie zuckte mit den Schultern. „Es kam noch schlimmer. In den Siebzigern war das Familienvermögen fast völlig aufgebraucht, aber die Winthrops wollten ihren gewohnten Lebensstil nicht aufgeben. Das notwendige Geld, um die gesellschaftliche Stellung zu wahren, kam von den Kincaids, die es mit Transporten und – ausgerechnet – mit Immobiliengeschäften verdient hatten.“ Wieder lächelte sie. „Irgendwie scheinen die Kincaids mehr davon zu verstehen. Oder sie sind gerissener. Jedenfalls, gerade als es mit den Winthrops abwärtsging, wollte mein Großvater von der Seite der Kincaids die letzten großen geschäftlichen Bastionen hier im Süden einnehmen. Aber trotz seines vielen Geldes hatte sich das für ihn als Neureichen bisher als unmöglich erwiesen. Was lag also näher, als dass er meinen Vater unter Druck gesetzt hat, meine Mutter zu heiraten?“

„Jetzt bist du ironisch.“

„Ironie gehört nicht zu meinen Wesenszügen, ob du es glaubst oder nicht.“ Sie trat zurück, bis sie die Kühle der Brüstung durch den feinen Stoff ihres Kleides spürte. „Ich finde es kein sehr löbliches Verhalten der Kincaids und Winthrops, dass sie die Heirat meiner Eltern wie ein Geschäft betrieben haben.“

„So ist das manchmal in einflussreichen Familien. Aber was haben deine Eltern dazu gesagt?“

„Mom hat sich in Reginald Kincaid verliebt“, sagte sie traurig. „Kein Wunder. Er war gut aussehend und hatte Humor. Welche Frau sollte da widerstehen? Außerdem hatte er alle Möglichkeiten, das Familienvermögen zu retten. Er musste ihr wie ein Ritter in strahlender Rüstung erschienen sein.“ Sie seufzte. „Aber warum erzähle ich dir das? Wir sind hier, um uns mit Kara und Eli zu freuen. Lassen wir doch die alten Zeiten.“

„Ja, du hast recht. Die Entscheidungen deiner Eltern dürfen keinen Einfluss auf deine Zukunft haben“, sagte er sanft. „Komm mit nach Vegas. Um zu spielen, wenn du willst. Oder einfach nur so für ein Wochenende.“

Zwei oder drei Tage, nur so zum Spaß … Was konnte das schon schaden?

Und wie über die Maßen reizvoll die Vorstellung war, etwas zu tun, was in ihrer Familie so sehr verpönt war!

„Verlockend finde ich das schon …“

„Aber?“

„Ich weiß nicht …“

„Jetzt bekommst du kalte Füße.“

Das stimmte. Daran änderte auch die laue Nacht nichts.

Sie atmete die nach Jasmin duftende Luft tief ein. Der vertraute Geruch ließ ihr diese Unterhaltung mit Rakin noch ungewöhnlicher erscheinen. „Über eine so verrückte Einladung sollte ich gar nicht ernsthaft nachdenken.“

„Doch. Es ist das, was du willst.“

Auch das stimmte.

Es war ja fast so, als könnte er ihre Gedanken lesen!

Schnell ließ sie vor ihrem geistigen Auge Revue passieren, was sie hier festhielt. Die Fürsorge für ihre Mom und die Schwestern? Ihre Mutter hatte jetzt Cutter, und ihre Schwestern waren verheiratet. Wie befreiend doch eine kurze Auszeit wäre! Einfach nur Spaß haben und alle Verpflichtungen hinter sich lassen …

Ein eigenes Leben.

War es dazu nicht schon zu spät? Kannte sie ihre Wünsche und Bedürfnisse denn überhaupt noch? Sie sah zu dem Mann auf, der ihr soeben das verlockendste Angebot ihres Lebens gemacht hatte. Er lächelte, und die Unterlippe wirkte voll und sinnlich. Einen Fremden küssen. Dazu gehörte noch mehr Mut als zum Flirten. Aber die Vorstellung war so reizvoll …!

Eilige Schritte näherten sich. Es war Susannah, Matts Verlobte. „Laurel, schnell, du musst kommen! Kara wirft ihren Brautstrauß.“

Erleichtert ließ Laurel die Schultern sinken. So war ihr die Entscheidung zunächst einmal abgenommen. „Ich muss gehen. Die Pflicht ruft.“ Sie lächelte.

„Ich warte auf dich.“

„Ich nehme dich beim Wort.“

Allmählich gewöhnte sie sich ans Flirten.

Auf der Tanzfläche standen Frauen jeden Alters dicht gedrängt. Anscheinend wollte jede Unverheiratete in Charleston heute Abend Karas Strauß auffangen …

Mutlos betrachtete Laurel die Menge. „Es sind schon zu viele künftige Bräute hier; da braucht ihr mich wirklich nicht.“

„Kara hat ausdrücklich gesagt, dass sie dich dabeihaben will“, flüsterte Susannah und schob sie weiter.

Am Rande der Tanzfläche trafen sie auf Elizabeth. „Laurel, beeil dich. Kara wartet auf dich.“

Laurel sah von Susannah zu ihrer Mutter, und ihr kleiner Schwips verschwand. „Ist das hier eine Verschwörung oder was?“

„Nein, nein“, versicherten die beiden unisono, aber unüberhörbar nicht wahrheitsgemäß.

Zögernd ließ sich Laurel von ihrer Mutter in die Mitte der Tanzfläche führen.

Aus dem Augenwinkel nahm sie neben ihrem Bruder Matt einen hochgewachsenen dunkelhaarigen Mann wahr. Rakin. Außerdem sah sie auch RJ und Daniel, Lilys Mann. Gerade trat Alan Sinclair zu ihnen. Alle grinsten. Aber es war Rakins intensiver Blick, der ihr Schmetterlinge im Bauch verursachte.

„Laurel!“

Schuldbewusst wandte sie den Kopf nach ihrer Mutter.

„Jetzt komm doch ein bisschen weiter nach vorn.“

Sie zögerte – im Unterschied zu all den anderen. Während Eli Kara auf die Bühne half, wurde Laurel von den anderen mitgerissen, die nach vorn drängten.

Kara blickte über die Menge hinweg, sah Laurel … und drehte sich um.

Oh nein!

Als Kara den Strauß über den Kopf hinweg nach hinten warf, duckte sich Laurel blitzschnell. Dann richtete sie sich wieder auf und sah sich neugierig um.

Verwirrt stand Elizabeth mit dem an die Brust gedrückten Strauß da.

„Herzlichen Glückwunsch, Mom. Sieht ganz so aus, als wärst du die nächste Braut.“ Dann tat sie ihr in ihrer Beschämung leid und führte sie von der Tanzfläche.

„Laurel, was sollen denn die Leute denken? Dein Vater ist erst seit vier Monaten tot. Und ich habe den Brautstrauß aufgefangen! Es ist eine Katastrophe.“

Mom braucht unbedingt auch eine Liste wie ich, dachte Laurel. „Mom, jetzt mach dir doch darüber keine Gedanken. Es ist dein Leben. Leb es! Kara soll deine Hochzeit organisieren, dann lade deine wirklichen Freunde ein und heirate Cutter. Werde glücklich!“

„Glücklich?“, fragte Elizabeth, und ihre Augen strahlten. „Ja, das ist es! Du hast ja so recht, Darling. Vielen Dank.“

Laurel schluckte. War es wirklich so einfach?

In diesem Augenblick trat Lily zu ihnen. „Gut gefangen, Mom.“

„Ach was.“ Elizabeths Wangen waren gerötet. Sie wirkte lebhaft wie schon seit Jahren nicht mehr.

Als Kara zu ihnen trat, entschuldigte sich Elizabeth bei ihr. „Es war ein Versehen. Ich weiß, du wolltest, dass Laurel ihn fängt.“

Zum Glück hatte sie sich diesem Komplott erfolgreich widersetzt! Sie lächelte.

„Laurel braucht erst mal einen Bräutigam. So gesehen, wäre der Strauß ohnehin zu früh gekommen“, schaltete sich Lily ein und fing sofort an, unter den Männern am Rande der Tanzfläche Ausschau zu halten.

Laurels Lächeln erstarb.

Lily war nicht mehr zu bremsen. „Wer käme denn da infrage? Es muss doch jemanden geben, den wir Laurel vorstellen können. Einen von RJs Freunden? Oder vielleicht kennt Daniel jemand Passenden?“

Wieder einmal bestimmte ihre Familie über ihr Leben. „He …“

Kara ließ sie nicht ausreden. „Eli hat ihr schon Rakin vorgestellt.“

Laurel trat unruhig von einem Bein auf das andere, als Elizabeth und Lily sie überrascht ansahen. „Rakin?“

„Er steht da drüben. Bei RJ und Matt“, erklärte Kara.

„Nicht mit dem Finger zeigen“, sagte Laurel erschrocken. Und fast bittend fügte sie hinzu: „Und starrt auch nicht alle in die Richtung.“

„Warum nicht?“, fragte Lily. „Interessierst du dich für ihn?“

Laurel spürte, wie sie rot wurde. „Nicht direkt. Aber ich will nicht, dass ihr den armen Kerl in Verlegenheit bringt. Dazu ist er zu nett.“

„Nett? Er ist umwerfend!“, stellte Kara fest.

„Hey, das ist doch der Mann, mit dem du auf der Terrasse geturtelt hast!“, meinte plötzlich Susannah.

„Oh, du warst mit ihm auf der Terrasse?“, fragte Brooke. „Davon hast du uns gar nichts erzählt.“

„Ich habe ihn doch gerade eben erst kennengelernt.“

„Aber dafür seid ihr euch schon ganz schön nahegekommen“, fand Lily.

Laurel gab auf. Widerstand war zwecklos. „Also gut: Er hat mich nach Las Vegas eingeladen.“

„Nach Las Vegas?“, echoten alle im Chor.

„Pst! Nicht so laut!“

„Und? Du fährst doch mit, oder?“, wollte Kara wissen.

„Ich weiß nicht …“

„Aber das musst du!“

„Oder hast du zu viel zu tun?“, hakte Lily nach.

„Die Arbeit als Ausrede fällt flach“, erklärte Kara. „Laurels Honeymoon war für die zwei Wochen nach ihrer Hochzeit gebucht. Und ich weiß, dass sie sich die Zeit freigehalten hat, auch als alles abgeblasen war. In der Hinsicht steht nichts im Wege.“

„Das waren anstrengende Monate. Ich brauche mal eine Pause“, sagte Laurel. Um Klarheit zu gewinnen, was sie vom Leben erwartete. So wie es jetzt aussah, würde sie einen Teil dieser Zeit mit Rakin verbringen. Ein Gefühl angenehmer Erwartung durchströmte sie. Aber was wurde aus ihrer Mutter? „Ich wollte doch Inspektor McDonough anrufen und …“

„Das kann ich doch selbst machen, Darling“, erwiderte ihre Mutter schnell. „Lass dich davon nicht aufhalten.“

„Ich kann es auch machen“, bot Brooke sich an.

Laurel sah den bittenden Ausdruck in den Augen ihrer künftigen Schwägerin, die sich offenbar gern zugehörig fühlen wollte. „Gute Idee, Brooke. Und ruf bitte auch Nikki Thomas an.“

Susannah legte Laurel die Hand auf den Arm. „Ich weiß, dass du viel mehr unter Stress gestanden hast, als wir anderen es wahrgenommen haben. Du warst es ja, die Matt bei Elizabeths Inhaftierung angerufen hat.“

„Für uns alle war der Druck sehr hoch“, antwortete Laurel so leise, dass ihre Mutter es nicht hörte. „Ich habe schon mitbekommen, dass Matt sich große Sorgen gemacht und die Abteilung New Business geschaffen hat, um wieder auszugleichen, was wir durch Jack Sinclair verloren haben.“

Susannah zuckte mit den Schultern. „Gerüchten zufolge gibt es anscheinend weitere Treuebrüche. Aber im Moment könntest du sowieso nichts tun. Du und RJ, ihr habt schon genug geleistet. Wie du selbst sagst: Du brauchst mal eine Pause.“

„Und ich kann mich nur anschließen. Nimm dir frei. Es ist dein Leben. Leb es!“ Elizabeth lächelte Laurel liebevoll zu. „Gönn dir ein bisschen Vergnügen.“

„Ach, Mom.“ Laurel war dankbar über so viel Verständnis und umarmte spontan ihre Mutter. Diese Worte aus dem Mund der stets korrekten Elizabeth bedeuteten ihr viel! „Danke!“

Mehr oder weniger unbewusst war sie die ganze Zeit davon ausgegangen, dass ihre Mutter sie brauchte, um das Trauma der Inhaftierung zu überwinden. Vor allem jetzt, da die beiden Schwestern verheiratet waren. Aber nun hatten sie ihr – zusammen mit Susannah und Brooke – die Last der Verantwortung abgenommen. Ihr fiel ein Stein vom Herzen. Nichts sprach mehr dagegen, Rakins Einladung anzunehmen!

„Jetzt hast du keine Ausrede mehr“, stellte Kara zufrieden fest.

Laurel machte nicht einmal den Versuch, das Lachen der anderen einzudämmen. Als sie sich beruhigt hatten, sagte sie: „Eigentlich sollte ich dir böse sein, aber wie könnte ich das? Es ist deine Hochzeit, und da möchtest du eben so viele deiner Gäste verkuppeln wie möglich.“

Kara sah sie erstaunt an. „Wie meinst du das?“

„Na, du hast doch Eli überredet, mir Rakin vorzustellen.“

„Nein, ehrlich, damit habe ich nichts zu tun.“

Laurels Verblüffung war groß.

Rakin sah Laurel auf sich zukommen. Sie wirkte heiter und beschwingt, strahlte vor Glück. Das machte sie noch unwiderstehlicher. Rakin spürte, wie sein Herz einen Takt aussetzte.

„Bitte entschuldigt mich.“ Ohne der Gruppe von Männern noch Aufmerksamkeit zu schenken, ging er Laurel entgegen. „Möchtest du tanzen?“

Sie nickte.

Da spürte er eine Hand auf der Schulter. Es war Matt. „Rakin, wir müssen unbedingt weiterreden. Ich wüsste zu gerne, wer im Emirat so alles auf den Markt drängt.“

Aber ausnahmsweise waren es nicht Geld und Geschäfte, die Rakin interessierten. Er vertröstete Matt und ließ Laurel keine Sekunde aus den Augen.

Ja, er wandelte auf einem schmalen Grat zwischen Vergnügen und Business. Jetzt hieß es aufpassen. Dann kam er sofort wieder zur Vernunft. Er war Rakin Whitcomb Abdellah. Er leitete ein Unternehmen. Sein Großvater regierte das Emirat. Außerdem hatte er stets mit dem Verstand entschieden und nie mit dem Herzen.

Und Laurel Kincaid fiel in den Bereich Geschäft. Das durfte er nie vergessen.

„Tanzen wir“, forderte er sie etwas schroff auf und zog die schönste Frau in die Arme, die ihm je begegnet war.

Laurel wurde gegen ihn gedrückt, und unwillkürlich umfasste er sie fester. Sie fühlte sich so gut an! Fest, weich und unglaublich feminin. Bei einer Frau wie ihr konnte ein Mann leicht die Beherrschung verlieren.

Geschäft, ermahnte er sich und führte sie wieder lockerer.

„Was macht denn Flynn hier?“ Laurel blieb stehen.

Der kleine Junge, der das Ringkissen getragen hatte, bahnte sich entschlossen einen Weg durch die Tanzenden.

Rakin atmete auf. Also war Laurel nicht wegen seines zu festen Griffes stehen geblieben, sondern wegen des Jungen. Der Kleine trug einen hellblauen Schlafanzug und hatte die Haare ordentlich glatt gekämmt.

„Hey!“ Laurel streckte den Arm nach ihm aus.

Bei ihrem Anblick leuchtete das Gesicht des Kleinen auf. „Tante Laurel, du hast ja den Strauß nicht gefangen!“

„Das hast du gesehen?“

„Wann schneidet Tante Kara den Kuchen an? Sie hat gesagt, ich kriege welchen.“

„Dieser reizende Kleine ist mein Neffe Flynn, der Sohn von Matt“, erklärte Laurel. Und zu dem Jungen sagte sie: „Das mit dem Kuchen dauert sicher noch. Solltest du nicht längst im Bett sein?“

Flynn nickte und sah sie mit seinen blauen Augen unschuldig an. „Pamela hat mir eine Gutenachtgeschichte erzählt.“

„Moms Hauswirtschafterin. Im Ernst, du musst schlafen.“

„Dazu bin ich zu aufgeregt. Außerdem will ich Kuchen.“

„Und darum bist du weggelaufen.“ Laurel lächelte ihm verschwörerisch zu. „Ich sage dir was: Du kannst einen Tanz mit uns haben, dann gehst du ins Bett. Und morgen bekommst du ein Riesenstück Kuchen, das verspreche ich dir. Abgemacht?“

Flynn schaute sie unschlüssig an.

„Nimm an“, riet ihm Rakin. „Ein besseres Angebot bekommst du nicht.“

Er streckte ihm die Handfläche auf einer Höhe entgegen, die der Kleine erreichen konnte. „Top“, riefen beide wie aus einem Munde und schlugen ein.

Amüsiert sah Rakin zu, wie Flynn unbekümmert mit ihnen mittanzte. Aber als die Melodie verklungen war, sah er erschöpft aus.

Eine kleine Frau mit grauen Haaren kam und holte ihn. „Er ist mir doch glatt entwischt“, sagte sie lachend und sah Rakin neugierig an.

„Das war Pamela, stimmt’s?“

Laurel nickte. „Sorry, ich hätte euch vorstellen müssen, aber ich wollte, dass Flynn möglichst schnell ins Bett kommt.“

Pamelas selbstbewusster Blick hatte ihm verraten, dass sie aus der Kincaid-Familie nicht wegzudenken war. Außerdem hatte er deutlich eine Warnung gespürt: Anständig benehmen, sonst …! Er lächelte. Er hatte sich im Griff. Pamela brauchte sich keine Sorgen zu machen.

„Zum Glück geht es Flynn viel besser, nur noch etwas dünn ist er“, flüsterte Laurel an Rakins Schulter.

Er schwang Laurel vorsichtig herum, weil das Tanzpaar neben ihm abrupt stehen geblieben war. „War er krank?“

„Sehr krank sogar. Die letzten zwei Monate mussten Susannah und Matt sehr vorsichtig sein, denn er durfte mit keinerlei Keimen in Kontakt kommen. Aber jetzt ist er auf dem Weg der Besserung. Für heute hat er ausdrücklich grünes Licht bekommen. Unter so vielen Menschen war er schon lange nicht mehr.“

„Kein Wunder, dass er aufgeregt ist. Er ist ein prima Junge.“

„Ja, das stimmt.“ Sie strahlte Rakin an.

Ihre grünen Augen glänzten wie kostbare Edelsteine. Wie geschaffen für einen Sultan … Sofort verdrängte er den wirklichkeitsfernen Gedanken wieder. „Und er hat recht: Du hast den Strauß nicht gefangen.“

Ihm hatte es gefallen, wie sie leichtfüßig zur Seite gesprungen war. Sie hatte ihm gesagt, dass sie nicht auf der Suche nach Liebe war, und ihre Reaktion war der beste Beweis, dass es stimmte. Eine bessere Gelegenheit hätte sie sich für diese Demonstration wohl kaum heraussuchen können.

„Nein, hab ich nicht.“

Auch wenn sie dabei höflich lächelte, er sah das gefährliche Funkeln in ihren Augen. Das Lachen begann tief in seinem Bauch. Er wollte es unterdrücken, aber vergeblich. Aus dem Funkeln wurde ein Leuchten.

Rakin strengte sich an, nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sie beide zu ziehen. Die Schwägerinnen schauten ohnehin schon zu ihnen herüber. Und so leise wie möglich sagte er: „Dabei war das sicher der Traum jeder Frau.“

„Aber ich will …“

„… Aufregung. Abenteuer“, ergänzte er.

„Du nimmst mir die Worte aus dem Mund“, bestätigte sie lachend.

Rakin vergaß alles um sie herum. Er konnte nur noch auf ihre Lippen sehen.

Sie hatten eine wunderschöne Form. Komisch, dass ihm das nicht schon früher aufgefallen war. Die Oberlippe wirkte elegant und geschwungen. Und die vollere Unterlippe versprach Sinnlichkeit pur.

Um ihn herum verblasste alles. Das Flirten. Das Lachen. Die Menschen. Nur die wunderschöne Frau in seinen Armen zählte.

Sie öffnete leicht die Lippen und atmete ein.

„Ich mach es“, stieß sie hervor. „Ich komme mit dir nach Vegas.“

So schnell hatte er nicht mit ihrer Zusage gerechnet.

Nun erst bemerkte er, wie groß seine Anspannung gewesen war.

Voller Aufregung und Freude sah sie ihn an.

„Und das ist erst der Anfang“, versprach er ihr.

Plötzlich fühlte er sich sehr zufrieden. Laurel Kincaid würde eine wunderbare Ehefrau abgeben …

4. KAPITEL

Als sie in einer weißen Limousine vom McCarran International Airport aus den berühmten Las Vegas Strip entlangfuhren, wurde Laurel immer vergnügter.

„Las Vegas ist wirklich einmalig“, sagte Rakin und beobachtete, wie sie die atemberaubenden Eindrücke der Stadt zu verarbeiten versuchte.

„Sieht aus wie ein Hollywood Set.“ Sie schaute aus dem kleinen Heckfenster. „Als Kind war ich schon mal hier, aber ich erinnere mich kaum.“

„Dann muss ich dir alles neu zeigen.“

„Ich kann es kaum erwarten!“

Als der Wagen vor dem luxuriösen Hotel hielt, bedauerte es Rakin einen Moment, nicht in einem der spektakuläreren Resorts gebucht zu haben.

Er stieg aus und öffnete Laurel die Tür. „Hier ist es relativ ruhig. Ich habe mir gedacht, du möchtest dich vielleicht zwischendurch zurückziehen, wenn dir der Trubel zu viel wird.“

Laurel stieg aus und richtete sich auf. Sie trug eine weiße Leinenhose und ein Oberteil in Taupe. Sie nahm ihre Sonnenbrille vom Kopf und setzte sie auf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Wort Ruhe oft im Zusammenhang mit Las Vegas verwendet wird.“

„Ob du es glaubst oder nicht, es gibt hier viel Ruhe. Gar nicht weit von hier.“

„Zum Beispiel?“

„Als wir in Harvard studiert haben, sind Eli und ich ein paar Mal hier gewesen. Die Wüste ist weit und völlig ungestört. Wunderschön. Vielleicht wandern wir mal durch den Red Rock Canyon.“

Nachdenklich betrachtete sie ihn.

„Du hattest Heimweh“, sagte sie nach einer Weile. „Nach Diyafa und deiner Familie.“

Rakin erwiderte nichts. Zum Glück sah er ihre Augen hinter der dunklen Brille nicht. Er konnte sich gut vorstellen, dass Mitleid darin lag. Aber genau das wollte er nicht. Nicht von der Frau, die er heiraten würde.

Ganz sicher würde er jetzt nicht die komplizierten Beziehungen in seiner Familie erklären. Die Erwartungshaltung seines Großvaters, die schon seit seiner frühen Kindheit auf ihm lastete und wegen der er sich mit seinen Cousins stritt. Die Wutanfälle seines Vaters, die Tränen der Mutter. Seine eigenen Vorbehalte gegen den Vater, die sich während der Internatszeit in England noch verstärkt hatten. Die Schuldgefühle, weil er die Mutter mit dem Vater allein gelassen hatte. Ihre tapferen Briefe hatten daran nichts geändert.

Seit seinem dreizehnten Geburtstag waren seine Eltern tot. Und zu dem Zeitpunkt waren er und Eli zum ersten Mal im Red Rock Canyon gewandert – wo sie ein Jahrzehnt begraben waren.

Laurel irrte sich. Seine Reisen mit Eli nach Las Vegas hatten nichts damit zu tun, dass er Diyafa oder seine Familie vermisste. Sie brauchte nicht zu wissen, dass es für ihn keine wehmütigen Erinnerungen gab. Zumindest nicht, bevor sie verheiratet waren, um damit die Drohungen von Prinz Ahmeer endgültig auszuhebeln.

Für den Augenblick hatte er seiner Südstaatenrebellin Spaß und Abenteuer versprochen!

Sie folgten dem Portier zum Empfang. Eine freundliche Hostess bot ihnen Champagner an, aber noch ehe Rakin Nein sagen konnte, hatte Laurel schon abgelehnt.

„Ich brauche einen klaren Kopf“, erklärte sie ihm augenzwinkernd. „Ich will mir nämlich nichts entgehen lassen.“

Angesichts ihrer guten Laune besserte sich seine Stimmung sofort. „Mir gefällt es aber, wenn du einen Schwips hast“, sagte er sanft.

Sie wurde rot. „Nicht sehr ritterlich von dir, das zu erwähnen.“

„Ich dachte, du wolltest dich über Konventionen hinwegsetzen?“

„Das schon, aber einen Schwips brauche ich trotzdem so schnell nicht wieder.“

Während Laurel die Fragen an der Rezeption beantwortete, betrachtete er ihre Hände. Am Ringfinger kündete eine schmale weiße Stelle von der aufgelösten Verlobung mit Eli.

Plötzlich wurde ihm schmerzhaft bewusst, wie schön Laurel war, wie schlank und feminin. Und wie gut sie roch! Wie berauschend konnte ein Parfüm sein?

Er wies sich zurecht: Hier ging es ums Geschäft. Nicht um Laurels Parfüm. Nicht darum, wie wohl er sich in ihrer Gegenwart fühlte.

Kaum zu glauben, dass er sie erst seit dem Vortag kannte. Es war schwer genug gewesen, sie zu so schnellem Aufbrechen zu überreden. Sie hatte vorgeschlagen, erst am folgenden Wochenende zu fliegen. Aber er hatte auf keinen Fall riskieren wollen, dass sie einen Rückzieher machte. Also hatte er so lange gedrängt, bis sie nachgegeben hatte. Jetzt blieben ihm zwei Tage Zeit für seinen Heiratsantrag. Und mit dieser Ehe würde seine Position als Geschäftsführer von Gifts of Gold gesichert sein …

Nur zwei Tage! Wie sollte diese kurze Zeit reichen? Er musste es schaffen, dass sie länger blieben. Gleich nach dem Einchecken sagte er: „Ich habe mir gedacht, wir ziehen gleich mal los.“

Laurel hatte die Sonnenbrille abgenommen, und die grünen Augen funkelten unternehmungslustig. „Ja dann, nichts wie los!“

Es dauerte nicht lange, und Laurel bekam die ersten Eindrücke von der Einmaligkeit von Las Vegas.

Nach einer Stunde war sie schon ganz schön durcheinander. Das Hotel Luxor bestand aus einer eleganten schwarzen Glaspyramide mit einer großen Sphinx davor. Aber im Inneren fanden sich nicht etwa Schätze aus dem alten Ägypten, sondern ein gewaltiger detailgetreuer Nachbau der Titanic.

Während sie mit Rakin durch die Anlage lief, ging Laurel das Schicksal der Passagiere und Besatzungsmitglieder während der tragischen Jungfernfahrt doch sehr nahe. Dagegen musste sie im Liberace Museum immer wieder lächeln. Der als „Mr Showmanship“ bekannte unvergessene Entertainer hatte eine Schwäche für Glanz und Glamour gehabt und damit den frühen Las-Vegas-Style entscheidend geprägt. Schmunzelnd sah sie sich den mit Spiegelfliesen verkleideten Flügel an und den größten Strassstein der Welt.

Als sie Rakins Entsetzen angesichts des legendären Hotpants-Anzuges mit der Fransenjacke bemerkte, meinte sie scherzend: „So was brauchst du auch, finde ich.“

„Das gäbe eine Aufregung! Eine nationale Katastrophe. Bei uns gibt es noch genug Konservative, die beim Anblick von Prinz Ahmeer Al-Abdellahs Enkel in einer solchen Aufmachung Sturm laufen würden.“

Sie sahen einander an, und einen Moment spürten beide die pulsierende Verbindung. Dann brach der Zauber.

„Schluss mit Museen“, entschied Rakin. „Jetzt können wir etwas Action vertragen.“

Überraschung und Wärme durchströmten sie, als er ihre Hand nahm. Ihm selbst war nichts anzumerken: Völlig gelassen schlenderte er weiter, als würden sie nicht wie ein Liebespaar Händchen halten.

Natürlich maß sie dieser Geste zu viel Bedeutung bei.

Sie liebte das Gefühl der Freundschaft zwischen ihnen. Warum etwas hineininterpretieren, was es gar nicht gab? Wieso etwas so Schönes analysieren?

Sich von solchen Gedanken nicht quälen zu lassen gehörte auch zu ihrem Plan, frei zu werden. Nur leider war das gar nicht so einfach. Ihre Aufregung ließ nicht nach, bis sie schließlich die Hand zurückzog. Als vor ihnen eine Skyline auftauchte, blieben sie stehen.

„New York?“, fragte Laurel. Sie erkannte die Freiheitsstatue und das Empire State Building zusammen mit anderen berühmten Bauwerken. Mit Action hatte das noch nichts zu tun, aber eindrucksvoll fand sie es doch. „Schau mal, da ist die Brooklyn Bridge.“

„Die Gebäude haben etwa ein Drittel ihrer wirklichen Größe“, erklärte er. „Aber warte, gleich bekommst du dein Abenteuer …“

„Ein Rollercoaster!“, stieß sie hervor, als sie die gigantische Achterbahn sah.

„Warum nicht?“, fragte er. „Erschrocken?“

Selbst wenn, hätte sie es auf diese männlich-arrogante Frage niemals zugegeben. Nur jetzt keinen Rückzieher machen!

Stolz reckte sie das Kinn. „Natürlich nicht. Ich liebe Achterbahnen und Karussells.“

Das war eine leichte Übertreibung. Seit Jahren war sie in solchen Dingern nicht mehr mitgefahren. Im Ernst, es musste Jahre her sein! Wo war nur die Zeit geblieben? Wann war sie so gesetzt geworden? So … langweilig?

„Zumindest mochte ich sie früher“, fügte sie hinzu. Sie konnte nur hoffen, dass sich diese jugendliche Vorliebe wieder einstellte.

„Zwischen den Wolkenkratzern erreicht die Strecke eine Höhe von über sechshundert Metern“, erklärte Rakin und wies nach oben.

„Danke! Sehr beruhigend zu wissen.“

„Die Bahn wird über hundert Stundenkilometer schnell. An einer Stelle stürzt man fast fünfhundert Meter in die Tiefe.“

„Willst du mir Angst machen?“

„Würde ich nie wagen!“, antwortete er mit gespielter Entrüstung.

Sie lachte. „Glaub ich nicht!“

„Für ein Abenteuer braucht man Schmetterlinge im Bauch. Ein bisschen Angst steigert noch die Vorfreude.“

„Also, du gibst es auch noch zu! Böser Mann!“

Langsam ging sie auf ihn zu und schwenkte drohend ihre Handtasche.

Rakin hielt sie lachend an den Handgelenken fest und fragte gut gelaunt: „Hast du Spaß?“

Sie schwieg und sah sich um. Wie schnell sie vergessen hatte, die Würde der ältesten Kincaid-Tochter an den Tag zu legen! Aber sie brauchte sich nicht zu schämen. Von all den Menschen hier kannte sie niemand. Und selbst wenn? Sie spürte, wie sie in Rakins Nähe der Freiheit immer näherkam.

„Ja. Und wie“, gab sie erstaunt zu. Dann reihte sie sich mit ihm in die Warteschlange ein.

„Die Wagen sind gelb wie die Taxis in New York“, stellte Laurel fest. Eigentlich ganz niedlich und kein bisschen Furcht einflößend.

„Wir haben Glück“, bemerkte Rakin. „Wir sitzen vorne.“

Sicher angegurtet in der ersten Reihe, verließ Laurel doch beinahe der Mut, denn die rot beleuchtete Strecke lag in aller Gnadenlosigkeit vor ihnen. Glück? Vielleicht doch nicht. Als sich der Wagen in Bewegung setzte, schluckte sie. „Rakin, welcher Teufel hat mich geritten, das zu machen?“

„Pass auf, es wird dir gefallen.“

Aber Laurel war sich da nicht mehr so sicher. Vor ihr stieg die Strecke so hoch an, als würde sie in den Himalaja führen. Auf dem Weg nach oben flatterten die Schmetterlinge in ihrem Bauch, von denen Rakin gesprochen hatte, bereits wie wild.

Da erreichten sie den höchsten Punkt. Laurel warf einen kurzen Blick auf die Skyline von Las Vegas vor ihnen. Der Wagen nahm Fahrt auf.

„Oh Gott!“

Rakin ergriff ihre Hand.

Und noch bevor sie zu Atem kam, sausten sie abwärts. Dann ging es wieder nach oben. Beim nächsten Mal abwärts wusste Laurel nicht mehr, wo sich ihr Magen befand. Sie gab einen lautlosen Schrei von sich. Neben ihr lachte Rakin.

Vor ihnen, hoch in der Luft, sah sie die rote Strecke einen Looping bilden.

„Oh, nein.“

Sie hielt Rakins Hand so fest gepackt, dass ihr die Finger wehtaten.

Der Wagen schoss in den Looping. Laurel war starr vor Anspannung. Hinter sich hörte sie Schreie. Einen bestürzenden Moment lang kehrte die Welt sich um. Der blaue Himmel schwebte unter ihnen. Dann kam alles wieder in Ordnung.

In schneller Folge sauste der Wagen durch mehrere enge Kurven. Laurels Beine wurden gegen Rakin gedrückt.

Wilde Ekstase erfasste sie.

Als sie an der Freiheitsstatue vorbeiflogen, hörte Laurel sich lachen. Gleich darauf waren sie von Dunkelheit umgeben.

Rakin murmelte etwas, aber ihr Herz hämmerte so laut, dass sie ihn nicht verstand. Sie hielt noch immer seine Hand, und plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie die Nägel in seine Haut grub. Heiße Scham überflutete sie.

„Sorry“, flüsterte sie und ließ die Hand los.

„Hat mich nicht gestört.“

„Und mir hat es gut getan“, antwortete sie leichthin.

Rakin musste lächeln.

Als sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie eine U-Bahn-Station.

Geräusche umgaben sie. Sie wurden von einem Angestellten freudig begrüßt, der ihnen beim Ablegen der Sicherheitsgurte behilflich war.

Beim Aussteigen gaben ihr um Haaresbreite die Knie nach. Aber die Begeisterung überwog alles.

„Du hattest recht: Es hat mir gefallen! Und wie.“

Es kümmerte sie nicht, dass sie sich atemlos anhörte und ihre Haare vermutlich wild vom Kopf abstanden. Jetzt fühlte sie sich glücklich – bereit, es mit der ganzen Welt aufzunehmen. Sie würde es schaffen. Das Gefühl der eigenen Kraft, das Bewusstsein, tun und lassen zu können, was sie wollte, verlieh ihr Flügel.

Mein eigenes Leben.

Rakin war nicht das Geringste anzumerken. Auch seine Haare saßen absolut tadellos. Wie gerne würde sie ihn zerzaust sehen!

„Noch mal“, forderte sie ihn auf. „Fahren wir noch mal!“

Am Abend war die Aussichtsebene des Las-Vegas-Eiffelturms menschenleer.

Zu Rakins Überraschung wehrte sich Laurel nicht gegen den Arm, den er ihr beim Aussteigen aus dem gläsernen Lift um die Taille gelegt hatte.

„Wie schön“, flüsterte sie im gedämpften bronzefarbenen Licht. „Hier fühlt man sich wie in einer Kapsel aus Gold.“

Er sah zu, wie sie mit High Heels über den Stahlboden ging, um den grandiosen Blick über die Stadt zu genießen, die sich bis zu den Bergen in der Ferne erstreckte.

Bezaubert stand sie da, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ließen ihr rotbraunes hochgestecktes Haar aufleuchten. In ihrem schulterfreien schwarzen Kleid wirkte sie wie eine Göttin.

„Was für ein ungewöhnlicher Tag“, sagte sie und brach damit den Zauber. „Weißt du, warum ich deine Einladung angenommen habe?“

„Warum?“, fragte er interessiert nach.

„Weil ich den Fluch der Winthrops, was Glücksspiel betrifft, endlich brechen will.“ Sie breitete die Arme aus, wie um den wundervollen Anblick tief einzuatmen. „Aber ich habe nicht damit gerechnet, dass es hier so schön ist. Ich bin schon gespannt, was du dir für morgen ausgedacht hast.“

„Keine Angst, es gibt noch so viel zu sehen“, versicherte er und trat näher zu ihr. „Zum Beispiel Tiere. Delfine. Haie. Löwen.“

„Oder wir probieren eine der Achterbahnen am Stratosphere Tower aus.“

Rakin seufzte. „Ich habe ein Monster geschaffen! Drei Fahrten mit dem New-York-New-York, dann der Speed Rollercoaster … Kriegst du denn nie genug?“

„Ich hatte ja keine Ahnung, was mir die ganze Zeit gefehlt hat. Ich hätte Rollercoasterfahren auf meine Liste setzen sollen.

„Du hast eine Liste, was du in Vegas alles machen willst?“, fragte er. War ihm da etwas entgangen?

Laurel wurde rot und wich seinem Blick aus. Eine leichte Brise wehte ihr eine Haarsträhne ins Gesicht. „Es geht nicht wirklich um Vegas.“

„Aber es gibt eine Liste?“

Zaghaft nickte sie.

Ihre Zurückhaltung ließ ihm keine Ruhe. „Und was steht drauf?“

„Weiß ich im Moment nicht so genau“, flüsterte sie, und das Rot ihrer Wangen verstärkte sich.

Sie war eine schlechte Lügnerin.

„Jetzt bin ich erst recht neugierig.“

Sie murmelte etwas, dann lenkte sie ab. „Schau mal, ist das nicht herrlich?“

Sein Blick folgte ihrem ausgestreckten Arm. Tief unter ihnen gingen am Las Vegas Strip die ersten Lichter an. Es war, wie wenn ein Showgirl sich für ihren Auftritt fertig machte.

„Oh, und da!“

Wieder sah er in die Richtung, in die sie wies. Im See vor dem Bellagio schossen beleuchtete Fontänen hoch. Laurel schaute fasziniert zu.

„Wenn wir essen gehen, sehen wir die Fontänen aus der Nähe.“ Er hatte eigens einen Tisch im Picasso reserviert, damit sie die berühmten Wasserspiele aus der Nähe genießen konnte.

„Und von hier aus sieht alles ganz anders aus. Wirkt alles wie auf dem echten Eiffelturm. Einfach unglaublich.“

Dieses Mal wandte er die Aufmerksamkeit nicht von ihrem Gesicht, in dem sich die lebhaftesten Emotionen spiegelten.

Einen verrückten Moment lang stellte er sich vor, wie sie leidenschaftlich erregt aussehen würde … wenn ihre rotbraunen Haare auf seinem Kopfkissen lagen …

Er beeilte sich, das Bild zu verdrängen.

„Warst du mal in Paris? Oder in Venedig? Da würde ich gern mal hin.“

„In Venedig nicht“, antwortete er und wunderte sich, wie rau seine Stimme klang. „Aber Paris kenne ich gut. Meiner Mom hat es dort sehr gut gefallen. Sie hat die École des Beaux-Arts auf der Rive Gauche, dem linken Seine-Ufer, besucht.“

„Ist sie Künstlerin?“

Rakin nickte. „Ja, war sie. Aber sie lebt nicht mehr.“

„Oh, das tut mir leid, ich wollte keine Wunden …“, sagte sie bestürzt.

„Mach dir keine Gedanken. Es macht mir nichts aus, von ihr zu reden. Ihr Tod liegt schon länger zurück. Die meisten Menschen vermeiden es, über sie zu sprechen, weil sie sich dabei unwohl fühlen.“ Dabei spürte er eine tiefe Sehnsucht, sich seine Mutter auf diese Weise ins Gedächtnis zurückzurufen. So wie sie wirklich war. Talentiert. Lebhaft. Liebevoll. „Mein Vater ist auch tot.“

„Deine Eltern müssen dir schrecklich fehlen.“

Die Erinnerungen an seinen Vater waren ausgesprochen zweischneidig. Aber es gab keinen Grund, Laurel hinter die Fassade sehen zu lassen, die er mit so viel Anstrengung aufrechterhielt. Also beschränkte er sich auf die Fakten. „Sie haben sich in Paris kennengelernt.“

„Wie romantisch.“

Mit dieser Reaktion hatte er gerechnet. Seine Mutter hatte auch an Romantik geglaubt, sein Vater ans Schicksal. Doch am Ende hatte weder das eine noch das andere ausgereicht.

Er wandte sich ab. „Es war im Frühling“, sagte er tonlos, während der Horizont in den Farben der untergehenden Sonne leuchtete.

„Noch romantischer.“

Ohne Laurel anzusehen, wob er weiter an den vordergründigen Geschichten der Boulevardblätter, die inzwischen schon Legende geworden waren. „Dann haben sie in Diyafa prunkvoll Hochzeit gefeiert, und ein Jahr später wurde ich geboren.“ Damit hatte der Leidensweg seiner schönen Mutter begonnen. Denn mit dem ersehnten männlichen Erben hatte es sein Vater nicht mehr nötig gehabt, seine Frau liebevoll auf Händen zu tragen. Pflichtgefühl, nicht Sehnsucht, hatte seine Eltern bis zu ihrem Tod zusammengehalten.

Plötzlich verspürte er den heftigen Wunsch, Laurel ins Gesicht zu sehen. Er zwang sich zu einem Lächeln und schaute sie an. Verträumt erwiderte sie den Blick. „Ich würde so gern mal Paris im Frühjahr sehen“, sagte sie. „Die Stadt der Liebe …“

Rakin kannte all die Klischees. Er murmelte etwas Unverständliches.

Sie neigte den Kopf, und die Diamantohrringe glitzerten. „Und Diyafa würde ich auch gern besuchen.“

Das war es, worauf er gehofft hatte!

Aber statt ihr anzuvertrauen, was sein Großvater vorhatte, sah er auf die Uhr. „Oh, wir müssten jetzt bald ins Restaurant. Beim Essen erzähle ich dir mehr über mein Heimatland. Und danach tun wir dasselbe wie alle – spielen.“

Wie er erwartet hatte, verschwand ihr verträumter Gesichtsausdruck sofort. „Je höher der Einsatz, desto besser. Und denk daran, ich habe vor, die ganze Nacht durchzuhalten.“

Auch sein eigener Einsatz war hoch. Warum hatte er geschwiegen? Wieso hatte er die Gelegenheit nicht genutzt, ihr zu sagen, was er brauchte? Eine Ehefrau, um den Drohungen des Großvaters den Boden zu entziehen.

Vage wurde ihm bewusst, dass er dabei war, sich in der Fantasiewelt zu verlieren, die er für sie geschaffen hatte – und die ihm selbst immer besser gefiel.

Ein Tag war bereits um. Viel zu schnell würden sie wieder abreisen, und die Gelegenheit, ihr Verständnis zu wecken und mit ihr zu verhandeln, war vorüber. Er konnte sich keine Verzögerungen mehr leisten.

Es war Zeit, in die Realität zurückzukehren. Und die Sache zu forcieren.

Das Picasso im Hotel Bellagio war Rakins Lieblingsrestaurant in Las Vegas.

„Bellagio ist ein Städtchen am Comer See“, erklärte er Laurel zwischen Hauptgang und Dessert. Vom Tisch, den er ausgewählt hatte, sah man hinaus auf den See, damit Laurel den Anblick der Fontänen genießen konnte.

„George Clooney hat doch eine Villa am Comer See, oder?“, fragte sie lächelnd. „Ich glaube, den Comer See sollte ich auch als Reiseziel aufnehmen.“

„So verrückt bist du danach, George Clooney kennenzulernen?“, fragte Rakin. Irgendwie störte ihn ihr scherzhaftes Interesse an dem Filmstar. Lag es daran, dass er selbst bisher genau wie Clooney Ehe und Kindern immer aus dem Weg gegangen war? Auch jetzt, da ihm dank seines Großvaters keine Wahl blieb, als zu heiraten. Kinder kamen nach wie vor nicht infrage. Was der Großvater aber nicht zu wissen brauchte.

„Wünscht sich das nicht jede Frau?“

Er lachte. „Du machst dich über mich lustig!“

Sie wurde ernst. „Weißt du …“, gab sie zögernd zu, „ich bin nur mit dir so. Eigentlich kann ich gar nicht flirten. Ich habe es nie gemacht. Aber mit dir ist alles anders.“

Welch entwaffnende Offenheit! Und wie rau ihre Stimme klang! Rakin wurde es heiß. Er wagte nicht, auch nur in die Nähe ihres Dekolletés zu blicken. Stattdessen faltete er seine Serviette auseinander und sagte möglichst unbekümmert: „Dabei dachte ich, Südstaatenfrauen haben ein angeborenes Talent dazu.“

„Ich jedenfalls nicht.“ Sie vertiefte sich in die Dessertkarte.

Offenbar hatte sie nicht die leiseste Ahnung, wie sie auf ihn wirkte. Sie interessierte ihn mehr als jede andere Frau. Erst hatte ihn Eli darauf hingewiesen, dass sie ihm vielleicht aus seiner schwierigen Lage helfen konnte. Dann hatte er festgestellt, dass er sie mochte. Und jetzt …

Jetzt wurde die Faszination, die von ihr ausging, von Minute zu Minute größer.

Sie hob die Lider mit den langen Wimpern und sah ihn an. „Ich flirte nur mit dir, weil ich mich sicher fühle.“

Und wieder schockierte ihn ihre Offenheit.

„Bestellst du dir kein Dessert?“, fragte sie.

Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass er die Dessertkarte weggelegt hatte. Laurels Worte ließen ihm keine Ruhe. „Du findest es leicht, mit mir zu flirten?“

„Wahrscheinlich, weil du Elis Freund bist“, erwiderte sie lächelnd. „Ich weiß, dass ich dir vertrauen kann.“

Aus irgendeinem Grund ärgerte ihn das. „Hat er dir das gesagt?“

„So direkt natürlich nicht. Aber er wäre kaum mit dir befreundet, wenn es nicht so wäre.“

„Verlässt du dich auf Elis Einschätzung mehr als auf deine eigene Intuition?“

Sie zögerte.

„Nein, überleg nicht zu viel.“ Er stützte die Ellbogen auf die Tischkante und sah Laurel an. „Ich will eine spontane Antwort, keine höfliche.“

„Ich vertraue dir.“

Ohne sie aus den Augen zu lassen, hakte er nach: „Und warum?“

„Weiß ich nicht“, sagte sie langsam und fast fragend.

„Es überrascht dich selbst“, stellte er fest.

„Ja.“ Wieder zögerte sie. Dann sagte sie schnell: „Es ist mir nie leichtgefallen, neue Freunde zu finden. Meine Familie hat mir immer genügt.“

„Und Eli.“

„Ja. Und Eli“, stimmte sie zu. „Aber das war etwas anderes.“

Er verdrängte ein aufkommendes Gefühl von Neid, ehe es zu handfester Eifersucht werden konnte. „Inwiefern?“

„Wir sind im selben Alter. Und wohnen nicht weit voneinander entfernt.“

„Eine Kinderfreundschaft.“

„Vielleicht am Anfang. Aber dann war es eine Freundschaft unter Gleichen, die mir ebenso viel gebracht hat wie ihm. Andere enge Freunde hatte ich nicht.“

Er nickte. „Das verstehe ich.“

„Mit dir fühle ich mich einfach wohl. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viel gelacht habe.“

Er verzog das Gesicht. „Bin ich ein Clown?“

„Nein, ganz und gar nicht“, versicherte sie ihm.

Er hatte die Frage scherzhaft gemeint, aber ihre Antwort verriet ihm, dass sie Angst hatte, ihn verletzt zu haben. Laurel war höflicher, als es für sie selbst gut war. Sie konnte ja nicht ahnen, welche Feuerproben sein Gefühlsleben bereits überstanden hatte. Ansonsten würde sie das Zusammensein mit ihm kaum so genießen. Und auch nicht überlegen, nach Diyafa zu kommen. Ihre Liste … standen darauf ihre Reiseziele? Las Vegas war der Anfang. Er musste sie unbedingt überzeugen, als Nächstes nach Diyafa zu fliegen.

„Nein, ich meine es schon so, wie ich es gesagt habe“, erklärte sie ernst. „Ich weiß wirklich nicht, wann ich mich zuletzt so unbeschwert gefühlt habe wie heute.“

„Ich fasse das als Kompliment auf.“ Er sah sie an und bemerkte, wie sie unter seinem Blick leicht errötete.

Sie legte die Karte weg. „Kein Ahnung, was ich nehmen soll.“

Rakin lächelte. „Eis?“

„Eis?“

„Ja. Etwas Kühles bei diesem Wetter. Aber die anderen Desserts sind auch gut.“

„Mein Essen war köstlich.“

„Jedes einzelne Gericht ist inspiriert von den Wohnorten Picassos in Spanien und Südfrankreich.“

Während sie auf ein Picassogemälde an der Wand wies, fragte sie: „Und was hat deine Mom gemalt?“

„Große abstrakte Bilder, viele von der Wüstenlandschaft angeregt.“ Sein Vater hatte die Bilder gehasst. Er hatte sich realistische Landschaftsdarstellungen gewünscht. Dagegen hatte die großzügige Malweise seiner Mutter den Betrachter angeregt, sich selbst ein eigenes Bild von der Wüste zu machen.

„Und du? Malst du auch?“

„Nein, ich habe Wirtschaft studiert. Aber in meinen frühen Studienjahren habe ich einen Abschluss in Kunstgeschichte gemacht. Du siehst, völlig unbedarft bin ich nicht.“

„Hab ich auch nie gedacht!“ Sie lächelte. „Kunstgeschichte?“

Rakin zwang sich, den Blick von ihren verheißungsvollen Lippen zu wenden. „Wenn du in einem Land wie dem meinen aufwächst, wird dir das Geschichtsbewusstsein sozusagen in die Wiege gelegt. Ich liebe alte Sagen und Mythen, auch die griechischen, römischen und ägyptischen.“

„Was ist deine Lieblingssage?“

Da brauchte er nicht lange zu überlegen. „In deiner Gegenwart würde ich sagen, die Geschichte von Daphne und Apoll.“

Laurel zog die Nase kraus. „Warum das denn? Wurde sie nicht zu einem Baum?“

„Weißt du, was ihr Name bedeutet? Dasselbe wie deiner: Lorbeer. Sie wurde in einen Lorbeerbaum verwandelt.“

Sie lachte. „Das erfindest du jetzt.“

Er schüttelte den Kopf. „Seitdem war Apoll der Lorbeer heilig. Immer trug er einen Kranz davon. So wurde der Lorbeerkranz zum Symbol des Sieges.“

„Ein komischer Sieg, wenn die Frau, die er liebte, ein Baum war.“

„Und traurig, denn sie empfand nichts für ihn.“

„Armer Apoll.“

Mit gesenkten Lidern sah sie ihn an.

Rakin sog scharf die Luft ein. Wenn eine Frau wie sie es tatsächlich aufs Flirten anlegen würde, dachte er, würden die Männer reihenweise umfallen.

„Weißt du jetzt, was du nimmst?“, fragte er so ruhig wie möglich.

„Schokolade. Ich folge der Empfehlung des Hauses. Und danach will ich spielen.“

Rakin lächelte über so viel Entschlossenheit.

„Das habe ich nicht vergessen. Die ganze Nacht lang.“

Das gedämpfte Schweigen über dem Roulettetisch wurde nur ab zu vom Klappern der Chips, den leisen Stimmen bei neuen Einsätzen und dem Rollen der Kugel unterbrochen. Lautlos glitten Kellnerinnen mit Tabletts voller Drinks durch die Schar der Gäste. Man brauchte eine Einladung, das hieß, hier spielten nur die Reichen und Berühmten – und wirkliche Spieler. Laurel fing an, den Moment, wo die Chips über den grünen Filz geschoben wurden, zu fürchten.

Einige Gäste waren mächtig am Gewinnen. Doch Laurel verlor, ebenso wie der traurig aussehende dünne Mann ihr gegenüber.

Ihre innere Unruhe machte sich als Magenschmerz bemerkbar. Schon in den ersten zehn Minuten hatte sie mindestens fünftausend Dollar von Rakins Geld verloren, und dazu noch jede Menge von ihrem eigenen. „Allmählich glaube ich, mein Großvater hatte recht.“

„Der von der Winthrop-Seite?“, vergewisserte sich Rakin.

Laurel nickte. „Er hielt Spielen für einen Fluch.“

„Aber den wolltest du doch heute Nacht brechen.“

„Hm.“ Sie überlegte. „Ehrlich gesagt, glaube ich, ich wollte einfach mal nur etwas machen, was in meiner Familie verpönt ist.“

Rakin lächelte.

„Aber ich habe schon viel mehr verloren, als ich vorhatte.“ Sie wies auf ihre wenigen verbliebenen Chips. „Und wenn du mich fragst, deutet nichts darauf hin, dass sich daran etwas ändert.“

„Vernünftige Einschätzung. Du hast einen guten Geschäftssinn.“

„Da haben wir ja was gemeinsam.“ Sie lächelten einander zu. „Du hast noch keinen einzigen Einsatz platziert.“

„Weil ich nicht spiele.“

„Aus religiösen Gründen?“

„Weil es ein schlechtes Geschäft ist. Wenn ich etwas einsetze, will ich mir sicher sein, dass ich auch etwas zurückbekomme.“

Als der Croupier die Einsätze verlangte, überlegte sie kurz und schüttelte dann den Kopf.

Rakin berührte sie am Arm. „Wir stören nur die anderen Gäste. Lass uns gehen.“

Nicht ohne Erleichterung nahm sie ihre Handtasche und folgte ihm. „So viel zu meinem großartigen Plan, die ganze Nacht lang zu spielen.“

„Vielleicht klappt es nach einer Pause besser, wenn du den Tiefpunkt überwunden hast.“

„Das bezweifle ich.“ Etwas blass lächelte sie ihm zu. „Jetzt weiß ich, wie schnell man beim Spielen Geld verlieren kann. Das konnte ich mir vorher gar nicht vorstellen.“ Jedenfalls empfand sie nun einige Sympathie für ihren Großvater, das schwarze Schaf der Winthrops.

Als Laurel und Rakin den exklusiven Teil des Casinos verließen, holte das bunte und laute Leben von Las Vegas sie ein. Überall ratterten und klingelten die Slotmachines. Ihre Displays flimmerten in schnell wechselnden Farben.

Laurel spürte, wie das flaue Gefühl in ihrem Magen allmählich nachließ.

In der Lounge entdeckten sie eine gemütliche Nische, wo sie sich auf eine Couch sinken ließen. Rakin bestellte etwas zu trinken.

„Ich glaube, mein Großvater hätte dich gemocht“, sagte Laurel.

„Welcher? Der deine Eltern verheiratet hat?“

Sie nickte. „Genau der.“

„Und warum denkst du das?“

„Meine Mom sagt, er hat sein Bestes getan, das Familienvermögen der Winthrops zu retten und wiederherzustellen, bevor er auf die Idee der Heirat mit einer Kincaid gekommen ist. Jedenfalls hat er seinen Kindern Glücksspiel streng verboten. Er muss sehr wütend gewesen sein, als sein ältester Bruder Captain’s Watch beim Pferderennen verloren hat.“

„Captain’s Watch?“

„Das Strandhaus der Winthrops.“ Seit dem neunzehnten Jahrhundert hatte es sich im Familienbesitz befunden. „Großvater Winthrop hat meinen Eltern nach ihrer Hochzeit einen Besuch abgestattet und Dad überredet, es zurückzukaufen. Leicht war das sicher nicht, es muss ein kleines Vermögen gekostet haben. Aber Dad hat es geschafft, und es ist jeden Cent wert.“

Im Geiste sah sie durch die breiten Fenster des Hauses hinaus aufs Meer. Ihrem Vater war ihre Vorliebe für das Haus offenbar nicht entgangen, denn er hatte es ihr in seinem Testament hinterlassen „Wir haben herrliche Sommerferien dort verbracht. Es gehört zu meinen Lieblingsplätzen.“

„Dann musst du es mir eines Tages zeigen.“

In diesem Augenblick brachte eine Kellnerin ein Glas Champagner und eine Cola mit Eis.

Laurel blickte Rakin amüsiert an. „Du willst doch nicht, dass ich wieder einen Schwips bekomme?“

Rakin sah sie ein wenig unbehaglich an, und sofort bereute sie es, ihn aufgezogen zu haben.

„Nein, nein“, versicherte er ihr. „Ich will nur, dass du nicht vergisst, dass du heute Spaß haben sollst, auch wenn du vorhin verloren hast. Ich würde dich nie absichtlich betrunken machen.“

Sie berührte ihn am Arm. „Weiß ich. Sorry, war kein guter Scherz.“

Natürlich wäre es schön, wenn ihr scharfer Verstand für ein paar Augenblicke etwas … getrübt wäre, dachte er bei sich.

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