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Verführt von einem Herzensbrecher?

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PROLOG

„Für Wochenenden auf dem Land habe ich absolut nichts übrig“, erklärte Lysander Volakis seinem Vater vehement.

Petros Volakis rang sich ein diplomatisches Lächeln ab und wünschte wohl zum hundertsten Mal, er hätte nach dem Tod seines Erstgeborenen mehr Zeit darin investiert, das schwierige Verhältnis zu dem Jüngeren zu verbessern. Schließlich könnte jeder Mann stolz auf einen Sohn wie Lysander sein.

Lysander, von seinen Freunden nur Sander genannt, sah extrem gut aus, war athletisch gebaut und hatte einen außerordentlich scharfen Geschäftssinn, mit dem er ohne jegliche familiäre Unterstützung ein Vermögen gemacht hatte. Doch es gab auch unangenehme Seiten an ihm – er war stur, arrogant und ein ausgesprochener Individualist, der extrem großen Wert auf seine Unabhängigkeit legte. In seiner Familie, die sich stolz als konservativ bezeichnete, haftete ihm daher der Ruf des schwarzen Schafs an. Konfrontationen zwischen Vater und Sohn waren unvermeidlich gewesen, da Sander schon immer seinen eigenen Weg gegangen war. Ermahnungen und Kritik aus dem Elternhaus hatten ihn noch nie von etwas abgehalten. Doch jetzt, nach Titos’ Tod, war es umso dringender erforderlich, Brücken zu bauen.

„Es wäre mehr als angebracht, dass du Elenis Familie in ihrem englischen Landhaus besuchst“, setzte Petros seine Überzeugungsarbeit fort. „Es ist schließlich nicht ihre Schuld, dass dein Bruder bei dem Autounfall ums Leben gekommen ist, seine Verlobte aber überlebt hat.“

Sander hob eine dunkle Augenbraue. Seine blitzenden Augen verrieten deutlich, dass er anderer Meinung war.

„Eleni ist nur knapp einer Anklage wegen unverantwortlichen Verkehrsverhaltens entgangen“, bemerkte er kühl.

„Sie waren mit Elenis Wagen unterwegs, natürlich saß sie da am Steuer“, erwiderte Petros scharf. Sanders Unnachgiebigkeit frustrierte ihn. „Es war eine verschneite Winternacht mit glatten Straßen. Zeig doch etwas Verständnis für sie. Titos’ Tod hat Eleni stark mitgenommen.“

Aber nicht stark genug, um nicht schon wenige Wochen nach der Beerdigung schamlos mit dem jüngeren Bruder ihres verstorbenen Verlobten zu flirten, dachte Sander zynisch. Dieses winzige Detail hatte er jedoch für sich behalten. Seine Eltern hätten so oder so nur lauthals verkündet, dass er da etwas falsch verstanden haben musste. Dabei würde jeder, der nicht ganz blind war, das von allen Seiten eindeutig veränderte Verhalten ihm gegenüber nach dem Unglück bemerken. Als nunmehr einziger Erbe der Reederei seines Vaters sah man in ihm einen wesentlich besseren Fang als in dem nonkonformistischen Geschäftsmann, der sich von der Familie abgenabelt hatte.

„Die Beziehungen zwischen unseren Familien werden sich wieder verbessern, wenn du die Einladung annimmst“, erklärte Petros.

Ein Muskel auf Sanders Wange zuckte. Er hatte nicht vor, die Rolle des Mustersohnes, die bisher Titos eingenommen hatte, zu übernehmen. Ihm gefiel sein Leben, so wie es war. Und es wunderte ihn, dass seine Eltern tatsächlich noch immer die lächerliche Hoffnung hegten, er könnte sich auf wundersame Weise für Eleni erwärmen und sie heiraten – nur weil sie eine gute Partie war. Allein bei der Vorstellung grauste ihm. Eleni mochte schön sein, aber mit fünfundzwanzig verschwendete Sander keinen einzigen Gedanken an Heirat. Er hatte nicht das geringste Bedürfnis, sich schon jetzt für den Rest seines Lebens an eine Frau zu binden. Er brauchte Abwechslung und Abenteuer.

„Ich würde es sehr schätzen, wenn du mir den Gefallen tun könntest.“ Petros’ Ton verriet, wie schwer es ihm fiel, um etwas zu bitten.

Sander musterte seinen Vater. Die Trauer hatte ihm die Altersfalten tiefer ins Gesicht gegraben. Etwas an seinem Gewissen und seinem Gefühl von Loyalität rührte sich. Nur würde er den leeren Platz, den Titos in der Familie hinterlassen hatte, niemals füllen können. Von Geburt an war der ältere Bruder bevorzugt worden. Sander hatte es schon sehr früh aufgegeben, sich mit Titos zu messen, hatte er doch gemerkt, wie sehr es die Eltern irritierte, wenn er ihren Erstgeborenen übertrumpfte. Doch was war schon ein Wochenende, wenn es die Eltern, die ihr ganzes Leben auf Konventionen und gesellschaftliche Regeln bestanden hatten, glücklich machte?

„Na schön, ich fahre … aber nur dieses eine Mal.“ Zur Regel würde das auf gar keinen Fall werden.

„Danke. Deine Mutter wird erleichtert sein. Du wirst viele Bekannte in Westgrave Manor treffen … und zweifelsohne nützliche Kontakte knüpfen können.“ Letzteres würde den Sohn, der so entschlossen war, ein eigenes Vermögen aufzubauen, überzeugen, das wusste Petros.

Sehr viel mehr hatten die beiden Männer einander nicht zu sagen. So stieg Sander in der Athener Stadtvilla seiner Eltern ein Stockwerk höher, um seiner trauernden Mutter Eirene seine Aufwartung zu machen.

Auf dem Weg nach oben klingelte sein Handy. Auf dem Display erkannte er die Nummer seiner aktuellen Gespielin. Lina. Das war jetzt schon der dritte Anruf, seit er aus London abgeflogen war. Er stellte das Handy ab, ohne den Anruf entgegenzunehmen. Warum nur verwandelten Frauen sich grundsätzlich von faszinierenden Sirenen in klammernde Kletten, sobald sie nach dem Versprechen gierten, von dem er stets gleich zu Anfang klarmachte, dass er es nicht geben würde?

Wie üblich beweinte seine Mutter Titos’ Tod, als wäre er gestern gewesen. Wortlos ließ Sander die Klagen über seine Unzulänglichkeiten und Schwächen im Vergleich zu seinem perfekten Bruder über sich ergehen. Dann sah er zu, dass er so schnell wie möglich zum Flughafen und in die Freiheit zurückkam, die er wie die Luft zum Atmen brauchte.

Es würde einige Monate dauern, bevor er sich zum nächsten Besuch aufraffen konnte. Nach Griechenland und in sein Elternhaus zu kommen, schlug ihm immer auf die Stimmung.

1. KAPITEL

„Natürlich musst du hin. Das ist eine gute Gelegenheit, um deine Schwester besser kennenzulernen.“ Binkie war begeistert von der Aussicht, dass Tally ein Luxuswochenende in einem Herrenhaus verbringen sollte. „Und nach all dem Lernen und Studieren kannst du eine Verschnaufpause gebrauchen.“

Es wunderte Tally nicht, dass Binkie nur das Positive an der Einladung sah. Sie strich sich die dunkelblonden Locken zurück, und ihre grünen Augen blickten argwöhnisch drein. „Ich habe eher den Eindruck, mein Vater will, dass ich dorthin gehe, damit ich auf Cosima aufpassen kann.“

„Du meine Güte.“ Die ältere Frau runzelte die Stirn. „Hat er das gesagt?“

„Nein, so deutlich nicht.“

„Meinst du nicht, dass du damit etwas übertreibst?“, schalt Binkie milde. „Zugegeben, dein Vater meldet sich nicht oft, aber musst du immer gleich das Schlimmste annehmen? Vielleicht wünscht er sich einfach, dass seine beiden Töchter zusammenkommen.“

„Ich bin zwanzig, Cosima ist siebzehn … wenn dem so wäre, warum hat er dann so lange gewartet?“ Nach einem Leben voller Enttäuschungen und Zurückweisungen war Tally zur Zynikerin geworden, was ihre Eltern betraf.

Binkie seufzte. „Vielleicht hat er seinen Fehler inzwischen eingesehen. Weißt du, mit zunehmendem Alter werden die Menschen auch nachgiebiger.“

Tally wollte ihre Verbitterung nicht vor der Frau zeigen, die sich um sie kümmerte, seit sie ein Baby war. Binkie – oder besser Mrs Binkiewicz – war eine polnische Witwe und hatte als Wirtschafterin im Haushalt ihres Arbeitgebers schnell auch die Rolle des Kindermädchens übernommen. Anatole Karydas war ein reicher griechischer Geschäftsmann, der sein Bestes getan hatte, um seine ältere Tochter von Geburt an zu ignorieren. Kein Wunder, denn er hasste Tallys Mutter Crystal mit Inbrunst, und Tally zahlte den Preis dafür. Ihre Mutter war ein berühmtes Model und in ihrer Glanzzeit mit Anatole verlobt gewesen.

„Natürlich habe ich es darauf angelegt, schwanger zu werden!“, hatte Crystal ihrer Tochter gegenüber einmal in einem seltenen Anflug von Ehrlichkeit zugegeben. „Dein Vater und ich waren bereits über ein Jahr verlobt. Nur mochte seine feine Familie mich nicht, und ich merkte, wie er das Interesse an einer Hochzeit verlor.“

Da Crystal allerdings bei einer Affäre mit einem anderen Mann ertappt worden war, verstand Tally die schwindende Begeisterung ihres Vaters für eine Ehe in gewisser Hinsicht sogar. Die beiden hatten derart unterschiedliche Vorstellungen vom Leben, sie hätten einander niemals glücklich gemacht. Anatole hatte seiner Exverlobten auch nie die peinlichen Interviews verziehen, die sie der Presse nach der Trennung für gutes Geld gegeben hatte. Und er hatte die Vaterschaft angefochten, sodass Crystal ihn vor Gericht hatte zitieren müssen, um den Unterhalt für ihr Kind einzuklagen. Anschließend war Anatole seinen Pflichten gezwungenermaßen nachgekommen, doch sie war bereits elf Jahre als gewesen, als er sich bereit erklärt hatte, seine Tochter zu treffen. Zu dem Zeitpunkt war er schon mit Ariadne verheiratet gewesen. Die beiden hatten eine gemeinsame Tochter, Cosima.

Schon immer war Tally sich wie das fünfte Rad am Wagen vorgekommen. Sie konnte es an zwei Händen abzählen, wie oft sie ihren Vater gesehen hatte. Allerdings hatte Anatole ihre Ausbildung finanziert. Dafür war Tally ihm dankbar, denn ihre verschwenderische Mutter hätte das Geld nur mit vollen Händen ausgeben, hätte er es ihr überlassen. Inzwischen stand sie kurz vor dem Abschluss ihres Innenarchitekturstudiums.

„Du magst Cosima doch“, sagte Binkie jetzt munter. „Du hast dich so gefreut, als du letztes Jahr zu ihrem siebzehnten Geburtstag eingeladen wurdest.“

„Das war etwas anderes, da war ich Gast. Jetzt hat mein Vater am Telefon deutlich durchblicken lassen, dass ich sie begleiten soll, damit sie nicht in Schwierigkeiten gerät. Scheinbar feiert und trinkt sie zu viel. Außerdem hat sie einen Freund, von dem er nichts hält.“

„Sie ist auch noch sehr jung. Da macht sich jeder Vater ­Sorgen.“

„Ich bezweifle, dass sie überhaupt auf mich hören würde. Sie ist viel gewandter als ich … und stur. Sie wird sich nichts von mir sagen lassen.“

Um ehrlich zu sein … war Tally ziemlich beeindruckt von ihrer schönen Halbschwester, deren Foto regelmäßig in den Gesellschaftsmagazinen erschien, zusammen mit den Reichen und Schönen. Die beiden jungen Frauen hatten nicht viel gemein und lebten in völlig verschiedenen Welten. Cosima war die geliebte und verwöhnte Tochter eines sehr reichen Mannes, sie trug Designermode und Juwelen und war überall bei den schillerndsten Anlässen anzutreffen. Im Gegensatz zu Tally hatte Cosima sich nie den Kopf über unbezahlte Rechnungen zerbrechen oder mit Gerichtsvollziehern und einer Mutter umgehen müssen, die sich selbst bei gähnender Leere im Kühlschrank lieber ein neues Kleid statt Lebensmittel kaufte. Nur das Dach über ihrem Kopf war sicher, denn das Londoner Stadthaus, in dem Tally mit ihrer Mutter und Binkie lebte, gehörte zum Investmentportfolio ihres Vaters.

Genau vor diesem Haus fuhr eine Woche später die Limousine vor, um Tally abzuholen. Während der Chauffeur ihre kleine Reisetasche für das Wochenende im Kofferraum verstaute, setzte sie sich zu ihrer Schwester auf die Rückbank.

Cosima verzog den Mund, als sie Tallys Jeans und die bunte Regenjacke sah. „Du bist völlig falsch angezogen.“

„Ich habe zwei Kostüme, die ich mir letztes Jahr für die Praktikumsstelle zugelegt habe, und ansonsten nur die typische Studentengarderobe“, erwiderte Tally unverblümt und begutachtete Cosima. Sie war wirklich hübsch mit dem langen dunklen Haar und den großen braunen Augen. In dem schicken Minikleid und den gefährlich hohen Stilettos kam ihre schlanke Figur bestens zur Geltung. „Du hast dich herausgeputzt, als wolltest du ausgehen.“

„Natürlich. Einige der begehrtesten jungen Männer meiner Generation werden dieses Wochenende auf Westgrave sein“, erwiderte Cosima geziert, dann grinste sie frech. „Ein Zitat von Dad. Er würde mich zu gern mit einem dieser stinkreichen Typen verheiraten, damit er endlich aufhören kann, sich Sorgen um mich zu machen. Aber ich habe schon einen Freund.“

„Toll. Wer ist es?“ Tally war sehr schnell zu begeistern. Im Moment aber war sie vor allem dankbar für den Themenwechsel, der die Aufmerksamkeit von ihrer Garderobe ablenkte.

„Er heißt Chaz und ist DJ.“ Cosimas Unwille, mehr preiszugeben, war geradezu greifbar. „Was ist mit dir? Bist du mit jemandem zusammen?“

„Nein, im Moment nicht.“ Tally dachte daran, wie lange es schon her war, seit sie sich verabredet hatte. Aber sie mochte es einfach nicht, wenn Männer, die sie kaum kannte, sie begrapschten. Außerdem schien es schwierig zu sein, einen Mann zu finden, der bei einer Verabredung nüchtern blieb.

Als Cosimas Handy klingelte, bemühte Tally sich, nicht hinzuhören. Cosima schien davon auszugehen, dass sie kein Griechisch verstand. Dabei hatte Tally sich bemüht, es zu lernen, auch wenn ihr Vater ihre ersten vorsichtigen Versuche vor Jahren als „Peinlichkeit“ kritisiert hatte.

Erst nach einer gefühlten Ewigkeit beendete Tally das Gespräch und verstaute das Handy in ihrer Handtasche. Dann warf sie Tally einen nachdenklichen Blick zu. „Übrigens, ich habe nicht vor, meinen Freunden zu sagen, wer du bist. Tut mir leid, wenn dich das kränkt, aber so ist es nun mal. Hätte Dad dich als seine Tochter akzeptieren wollen, würdest du seinen Namen tragen. Tust du aber nicht. Das sagt wohl alles.“

Bei der verletzenden Bemerkung wurde Tally blass. „Und wer bin ich dann für deine Freunde?“

„Du bist einfach Tally Spencer. Der Name ist ja nicht ungewöhnlich. Heutzutage erinnert sich niemand mehr daran, dass Dad jemals mit einer anderen Frau als meiner Mutter zusammen gewesen ist. Trotzdem will ich das Risiko nicht eingehen, dass die alten Geschichten wieder hervorgekramt werden. Ich denke, es ist am sichersten, wenn wir sagen, dass du für mich arbeitest.“

„Als was?“ Tally runzelte die Stirn.

„Sagen wir als meine Assistentin. Du erledigst meine Einkäufe und führst meinen Terminkalender. Einige meiner Freunde beschäftigen solche Leute. Vergiss nicht, dass du nur hier bist, weil Dad mich sonst nicht hätte gehen lassen.“

Nur mit Mühe unterdrückte Tally ihre aufflammende Wut. Cosima war nicht absichtlich unhöflich, sie war einfach nur daran gewöhnt, dass sie jedermanns Liebling war und immer bekam, was sie wollte. Außerdem hatte niemand ihr beigebracht, Tally als Schwester anzusehen.

„Als jemand, der für dich arbeitet, werde ich an vielen Aktivitäten nicht teilnehmen können. Wie soll ich dann auf dich aufpassen?“

„Warum solltest du auf mich aufpassen?“ Cosima warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Außerdem wirst du dir unter meinen Freunden wie ein Fisch auf dem Trockenen vor­kommen.“

„Ich habe deinem Vater versprochen, dass ich auf dich aufpasse, und ich halte meine Versprechen. Wenn du damit nicht einverstanden bist, kann ich genauso gut gleich wieder nach Hause fahren.“

„Ich habe ja keine Wahl“, zischte Cosima wütend. „Dad würde explodieren, sollte er erfahren, dass ich dich nicht mitgeschleift habe. Gott, ich kann nicht glauben, dass wir tatsächlich verwandt sind! Du bist so schrecklich langweilig, Tally.“ In diesem Moment hielt der Wagen vor der viktorianischen Villa an. „Genau wie Dad. Du ähnelst ihm sogar in vielen Dingen.“ Trotzig wie ein ungezogenes kleines Kind fuhr Cosima fort: „Du bist auch klein und hast ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen, genau wie er. Dem Himmel sei Dank, dass ich nach meiner Mutter komme!“

Tally biss die Zähne zusammen. Es stimmte, sie war klein, knapp über ein Meter sechzig. Aber sie hatte Idealgewicht und eine schmale Taille – was ihrer Figur die Form einer Sanduhr verlieh.

An der imposanten Haustür begrüßte eine langbeinige Brünette Cosima, bevor diese die Vorstellung übernahm.

„Eleni Ziakis, unsere Gastgeberin – Tally Spencer, meine persönliche Assistentin“, flötete sie.

Bei der Unterbringung kam es zu einem kleinen Eklat, weil Cosima darauf bestand, dass sie niemals – absolut niemals! – ihr Zimmer mit einer anderen Person teilte. Da die Zimmerverteilung für das Wochenende jedoch nicht mehr geändert werden konnte, blieb der Haushälterin nichts anderes übrig, als Tally im Zimmer eines der Hausmädchen unterbringen. Das Mädchen war alles andere als begeistert über den unerwarteten Gast, und so ergriff Tally sofort die Flucht, nachdem sie ihre Tasche neben dem zweiten Bett abgestellt hatte. Sie beeilte sich, wieder zu ihrer Halbschwester zu gelangen.

Als sie den Korridor in Cosimas Stockwerk erreichte, ging plötzlich eine Tür auf, und eine breitschultrige Gestalt erschien im Türrahmen. Abrupt blieb Tally stehen. Der Mann trug nicht mehr als ein Handtuch um die Hüften, das dichte schwarze Haar stand nass in alle Richtungen ab. Er war über einen Meter achtzig groß, durchtrainiert und hatte einen sinnlich geschwungenen Mund. Ohne Zweifel war er der bestaussehende Typ, den Tally je gesehen hatte. Verwirrt stellte sie fest, dass sie ihn anstarrte.

„Ich bin gerade erst angekommen und habe solchen Hunger, dass ich nicht bis zum Dinner warten kann. Ob es möglich wäre, ein paar Sandwichs und Kaffee zu bekommen?“, sprach er sie an. Mit Kennerblick hatte Sander sofort erkannt, dass die Kleine außergewöhnlich hübsch war, wenn auch nicht unbedingt sein üblicher Typ.

„Ich bin sicher, dass es möglich ist, aber …“

„Übers Haustelefon konnte ich niemanden erreichen.“ Sein Lächeln machte ihn nur noch tausendmal attraktiver.

„… ich gehöre nicht zum Personal“, korrigierte Tally freundlich das Missverständnis.

„Nicht?“ Sander musterte sie genauer, und was er sah, gefiel ihm. Wärme und Herzlichkeit strahlten von ihr aus, was er sehr anziehend fand.

Ihre dunkelblonden Locken waren höchst ungewöhnlich, genau wie ihre Augen, die die Farbe von Klee hatten. Vorwitzige Sommersprossen zogen sich über ihre Nase, und ihre vollen Lippen wirkten, als würden sie sich oft und gern zu einem Lachen verziehen. Ihr Teint war so makellos, dass er unwillkürlich an frisch geschlagene Sahne denken musste. Vor allem aber gab sie sich völlig natürlich und ungekünstelt – und war damit ganz anders als die Frauen, mit denen er sonst zu tun hatte. Und er wusste sofort, dass sie weder eingebildet noch eitel war, denn die Frauen, die er kannte, würden sich nicht einmal tot in Jeans und schlichtem T-Shirt sehen lassen. Andererseits … dieser Aufzug betonte ihre kurvige Figur an den richtigen Stellen. Ihm gefielen Frauen, die auch wie Frauen aussahen und nicht wie magere Jungen.

Seine gründliche Musterung raubte Tally den Atem. „Ich gehöre nicht zum Personal, aber ein richtiger Gast bin ich auch nicht, eher die Begleitperson eines jüngeren Gasts.“ Ihr wurde klar, dass ihre Zunge schneller funktionierte als ihr Verstand, also presste sie die Lippen zusammen und schwieg. Das Blut schoss ihr in die Wangen, als sein Blick auf ihrem Busen haften blieb. Normalerweise hasste sie es, wenn Männer sie so ansahen, doch seltsamerweise hatte sein Blick eine ganz andere Wirkung auf sie. Ihr wurde heiß, und ihre Brustwarzen richteten sich auf und drückten gegen den Stoff ihres BHs.

„Wenn ich jemandem vom Personal begegne, leite ich Ihre Bitte weiter“, versicherte sie ihm.

„Ich bin Sander Volakis“, stellte er sich lächelnd vor, den Blick starr auf sie gerichtet wie ein Raubtier auf seine Beute. Sie war anders, und da er gerade seine letzte Beziehung beendet hatte, wäre etwas anderes sicher eine interessante Abwechslung. Jemand, der weniger anspruchsvoll und verwöhnt war, weniger Forderungen stellte. Eine Frau, die sein Interesse zu schätzen wusste, ohne daraus sofort die Romanze des Jahrhunderts zu machen. Eine Frau, die ihren Lebensunterhalt mit einem ganz normalen Job verdiente.

Da sein Name Tally nichts sagte, nickte sie nur.

„Und Sie heißen?“ Sander fiel auf, dass sie nicht auf seinen Namen reagierte, und das reizte ihn noch zusätzlich. Wenn sie keine Erwartungen hatte, wäre ein entspannter kleiner Flirt sicherlich angenehm.

Tally blinzelte verdattert. Warum interessiert ihn das? „Tally … Tally Spencer.“

„Und Tally steht für …“

Das fragten die Leute normalerweise nicht, sie krümmte sich innerlich. „Tallulah.“

Sander grinste breit. „Bei mir ist es Lysander.“ Damit zog er sich in sein Zimmer zurück, doch bevor er die Tür schloss, murmelte er noch durch den Spalt: „Was haben sich unsere Eltern nur dabei gedacht?“

Tally schüttelte sich leicht, um ihre Gedanken zu ordnen. Dann stieg sie die Stufen hinab. Fast hätte sie über sich gelacht. Offensichtlich war sie empfänglicher für gut aussehende Männer als vermutet. Gar nicht amüsant fand sie allerdings die Reaktion ihres Körpers. Das war einfach nur peinlich und ärgerlich. Kein Mann hatte je ein inneres Beben und Zittern in ihr hervorgerufen.

Auf dem Weg in die Halle richtete sie einem Dienstmädchen seine Bestellung aus, und schließlich fand sie Cosima in einem großen Salon mit mehreren anderen jungen Frauen kichernd zusammenstehen. Cosimas warnender Blick war völlig unnötig, Tally wusste auch so, dass sie zu alt war, um sich zu den anderen zu gesellen. Das hätte der Stimmung nur einen unnötigen Dämpfer versetzt. Auf dem Tisch standen mehrere Weingläser. Tally fragte sich, ob ihre Halbschwester wirklich zu viel Alkohol konsumierte, wie ihr Vater angedeutet hatte. Da sie sich aber nicht mit ihr anlegen wollte, ging sie nach draußen, um sich das Haus und den riesengroßen Park genauer anzu­sehen.

Es war Eleni Ziakis höchstpersönlich, die Sander Sandwichs und Kaffee brachte. Sie blieb lange genug, um ihm zu versichern, wie froh sie sei, ihn zu sehen, und dass er nur ein Wort zu sagen brauche, wenn er etwas wünsche. Prompt verging ihm der Appetit.

Das Wochenende entwickelte sich so langsam zu einer echten Folter. Elenis Eltern waren gar nicht hier, stattdessen rannten jede Menge Teenager mit Elenis kleiner Schwester Kyra herum, und gleich bei der Ankunft war Sander zwei Exfreundinnen über den Weg gelaufen. Eine von ihnen, Birgit Marceau, die temperamentvolle und launische Tochter eines französischen Baumagnaten, hatte die kurze Affäre vor einem Jahr viel zu ernst genommen und die Trennung nicht verkraftet. Nun sah sie ihn düster und unentwegt aus ihren braunen Augen an.

Tally war eine gute Stunde durch den Park spaziert und hatte die Pferde in den Ställen begrüßt. Für morgen war ein gemeinsamer Ausritt vorgesehen, doch da musste sie passen. Reiten hatte sie nie gelernt. Crystal hatte ihre Tochter zu Ballettstunden geschickt – die Tally verabscheut hatte –, sich aber strikt geweigert, einem kleinen Mädchen, das ohnehin schon viel zu wild und burschikos war, Reitstunden zu erlauben.

Da Tally nur wenig Interesse an Mode, Männern und Geld hatte, hielten die Gemeinsamkeiten von Mutter und Tochter sich in Grenzen. Tally träumte davon, eines Tages ein kleines Einrichtungsstudio ihr eigen nennen zu können und sich eine sichere finanzielle Existenz aufzubauen, ein Wunsch, der ­Crystal völlig fremd war. Für Crystal war es der Mann, der für die Frau zu sorgen hatte.

„Wo warst du die ganze Zeit?“, fragte Cosima, als Tally in den großen Salon zurückkam.

„Ich habe mir die Pferde angesehen.“

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