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Verführt, verlobt – verraten?

1. KAPITEL

Mit dem Stadtplan, den sie seit ihrer Landung in Mailand wie einen Talisman umklammerte, fächelte Caroline sich Luft zu und sah sich um. Irgendwo hier zwischen diesen historischen Gebäuden an der großen Piazza lag ihr Ziel. Eigentlich hätte sie es direkt ansteuern und der Versuchung einer kalten Limonade und eines sündhaft süßen und kalorienreichen Stück Kuchens in einem der vielen Cafés widerstehen sollen, aber ihr war heiß, sie war erschöpft, und sie hatte Hunger.

„Es ist doch keine große Mühe“, hatte Alberto ihr zugeredet. „Ein kurzer Flug, ein Taxi … noch ein paar Schritte bis du seine Büros gefunden hast … Und denk doch nur, was du dir alles ansehen kannst – den berühmten Dom, die eleganten Palazzi, die schicken Läden. Es ist lange her, seit ich zuletzt in Mailand war, aber an die Galleria Vittorio kann ich mich noch gut erinnern.“

Caroline hatte den alten Mann skeptisch angesehen, und immerhin besaß er so viel Anstand, dass er zerknirscht lächelte. Dieser Trip nach Mailand fiel wohl kaum in die Kategorie „Vergnügen“. Zwei Tage standen ihr zur Verfügung, und wenn sie an die mit dem Auftrag verbundenen Erwartungen dachte, zog sich ihr Magen zusammen.

Sie sollte Giancarlo de Vito finden und ihn überzeugen, mit ihr zum Comer See zurückzukommen.

„Ich würde ja selbst fliegen, Liebes“, hatte Alberto gemurmelt, „doch meine Gesundheit erlaubt es mir nicht. Der Doktor sagt, ich muss mich schonen. Mein Herz … du verstehst …“

Noch immer fragte Caroline sich, wie sie sich zu dieser Mission hatte überreden lassen, doch jetzt war es zu spät. Sie war hier, an einem heißen Julitag, umringt von Menschenmassen. Es wäre vergeudete Zeit, jetzt noch die Nerven zu verlieren.

Schließlich war sie nur der Bote. Ob die Mission erfolgreich ausgehen würde oder nicht, interessierte sie nicht wirklich. Alberto natürlich schon, aber sie war nur die persönliche Assistentin, die einen etwas seltsamen Auftrag für ihn ausführte.

Sie schaute noch einmal auf den Stadtplan und steuerte die enge Gasse an, die sie mit Hellrot markiert hatte.

Auf jeden Fall war sie falsch angezogen für diese Reise. Am See war es wesentlich kühler gewesen, doch hier in der glühenden Hitze klebten ihr die helle Hose an den Beinen und die leuchtend gelbe Bluse am Rücken. Auch wünschte sie, sie hätte sich das Haar strenger zurückgebunden. Zwar hatte sie es zu einem Zopf geflochten, aber einige Strähnen hatten sich bereits gelöst und fielen ihr nun ins Gesicht.

Viel zu beschäftigt mit dem eigenen Unbehagen und dem Ärger über ihren Auftrag, hatte sie keinen Blick für die wunderschöne alte Kathedrale. Unwirsch zog sie ihren Rollkoffer hinter sich her wie ein ungezogenes Kind. Jeder mit einem weniger heiteren und gutmütigen Wesen hätte seinen älteren Arbeitgeber sicherlich in Gedanken verflucht. Doch Caroline, obwohl müde, verschwitzt und hungrig, war zuversichtlich, dass sie ihre Mission erfüllen würde. Sie glaubte unerschütterlich an das Gute im Menschen. Ganz im Gegensatz zu Alberto, der wohl der Welt größter Pessimist sein musste.

Noch einmal prüfte sie die Adresse, die sie fein säuberlich auf eine Karteikarte geschrieben hatte. Ja, sie war angekommen. Begeistert schaute sie an dem dreistöckigen Gebäude hoch – pinkfarbener Sandstein, wunderschön gealtert, zwei Säulen, die den Eingang flankierten. Ihre Laune hob sich. Wie schwierig konnte Giancarlo schon sein, wenn er in einem so großartigen Gebäude arbeitete?

„Viel kann ich dir nicht über ihn erzählen“, hatte Alberto geseufzt, als sie ihn nach Details fragte. „Es ist Jahre her, seit ich ihn gesehen habe. Die Fotos sind auch längst alle veraltet. Wenn ich einen Computer hätte … Aber warum sollte ein alter Mann wie ich noch lernen, mit einem solchen Ding umzugehen?“

Sie hatte angeboten, ihren Laptop zu holen, doch Alberto hatte nur abgewinkt.

„Lass nur, ich halte nichts von solchen Spielereien. Fernseher und Telefon, das sind die letzten technischen Neuerungen, die ich mitgemacht habe.“

Insgeheim stimmte Caroline ihm zu. Sie nutzte ihren Computer praktisch nur für E-Mails. Sich hier im Haus ins Internet einzuloggen, war so gut wie unmöglich. Und so hatte sie nur wenige Informationen, an die sie sich halten konnte. Sie vermutete allerdings, dass Giancarlo reich sein musste, schließlich hatte Alberto gesagt, dass der Junge „etwas aus sich gemacht hatte“.

Sie fand ihre Vermutung bestätigt, als sie das hypermoderne, klimatisierte Foyer betrat. Von außen mochte das Haus wie aus dem Mittelalter wirken, hier drinnen hatte eindeutig das einundzwanzigste Jahrhundert Einzug gehalten. Nur die antiken Marmorfliesen und die alten Meister an der Wand ließen Rückschlüsse auf das Alter des Gebäudes zu.

Natürlich wurde sie nicht erwartet. Alberto hatte betont, dass das Überraschungsmoment unerlässlich sei: „Sonst wird er dich nicht empfangen, dessen bin ich sicher.“

So dauerte es über eine halbe Stunde Überzeugungsarbeit, bevor die elegante Empfangssekretärin, die sich wie ein Wachhund hinter ihrem Schalter postierte, sie überhaupt anmeldete.

Und noch immer musste sie warten.

Drei Stockwerke höher saß Giancarlo gerade in einer Konferenz mit drei Finanziers, als seine Sekretärin an seine Seite trat und ihm etwas ins Ohr flüsterte, das seine dunklen Augen kalt und hart werden ließ.

„Und das ist kein Missverständnis?“, hakte er grimmig nach. Aber Elena Carli machte nur selten Fehler, deshalb arbeitete sie ja auch schon seit über fünf Jahren für ihn. Die Frau war geradezu atemberaubend effizient. Gab man ihr eine Anweisung, konnte man davon ausgehen, dass diese erledigt wurde.

Als Elena stumm den Kopf schüttelte, stand er auf und löste die Sitzung mit einer – nicht zu ehrerbietigen – Entschuldigung auf. Diese Finanzleute brauchten ihn mehr, als er sie brauchte. Sobald die Männer den Raum verlassen hatten, stellte er sich ans Fenster und sah auf den von einer Mauer umschlossenen Garten hinter dem Haus hinunter.

Die Vergangenheit, die er glaubte, ein für alle Mal hinter sich gelassen zu haben, holte ihn also wieder ein. Die Vernunft riet ihm, sich nicht darauf einzulassen. Doch seine Neugier war geweckt. In diesem Leben mit unermesslichem Reichtum und riesigem Einfluss war Neugier ein seltenes Phänomen geworden.

Giancarlo de Vito hatte sich mit glühendem Ehrgeiz und skrupellosem Einsatz zu der Position hochgearbeitet, an der er jetzt war. Ihm war gar keine andere Wahl geblieben. Seine Mutter hatte versorgt werden müssen, und nach einer Reihe von unglücklichen Beziehungen war er der Einzige, der ihr geblieben war. Er hatte das Studium als Bester seines Jahrgangs abgeschlossen und sich in die Welt der Hochfinanz gestürzt. Es hatte nicht allzu lange gedauert, bevor sich ihm alle Türen öffneten. Drei Jahre nach dem Examen konnte er sich seinen Arbeitgeber aussuchen. Nach fünf Jahren war er selbst zum Arbeitgeber geworden. Und inzwischen, mit knapp über dreißig, stand er als Self-Made-Milliardär mit immer breiter gestreuten Investitionen in dem Ruf, praktisch unantastbar zu sein.

Seine Mutter hatte nur den Anfang seines Erfolgsweges miterlebt, war sie doch vor sechs Jahren gestorben. Auf charakteristische Art, könnte man behaupten – zusammen mit ihrem jungen Lover in dessen Sportwagen. Giancarlos Ansicht nach war sie das Opfer eines komplett schiefgelaufenen Lebens. Des Öfteren sagte er sich, dass er als einziges Kind mehr Trauer empfinden sollte, doch seine Mutter war eine temperamentvolle, schwierige Frau und nicht leicht zufriedenzustellen gewesen. Sie hatte es geliebt, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Er hatte mit ansehen müssen, wie sie von Lover zu Lover gewandert war, und so geschmacklos er das auch fand, nie hatte er ein Wort der Kritik verlauten lassen. Schließlich hatte sie genug durchgemacht.

Giancarlo schüttelte sich leicht, voller Ungeduld über sich selbst. Es war mehr als ungewöhnlich für ihn, sich in Erinnerungen zu verlieren. Der Grund für seinen Verlust an Selbstkontrolle lag allein bei der Frau, die unten im Foyer darauf wartete, ihn sprechen zu können. Er rief seine Gedanken zur Ordnung und gab beim Empfang Bescheid, dass man sie hinaufschicken solle.

„Sie können jetzt nach oben gehen.“ Die Empfangsdame sah zu Caroline hin, die gut und gerne noch für Stunden in der kühlen Halle hätte sitzen können. „Signora Carli wird Sie am Lift in Empfang nehmen und Sie zu Signore de Vitos Büro geleiten. Wenn Sie möchten, können Sie Ihren … Koffer hier stehen lassen.“

Dem Zögern nach zu urteilen war es das Letzte, was die Frau wollte – dass der mitgenommen aussehende Rollkoffer die elegante Empfangshalle verschandelte. Und Caroline brauchte ihn auch.

Jetzt, da der große Augenblick gekommen war, empfand sie doch so etwas wie Nervosität. Sie wollte nicht ohne Erfolgsmeldung in die Villa am See zurückkehren. Alberto hatte vor einigen Wochen einen Herzinfarkt erlitten. Sein Zustand war alles anderes als gut, und der Arzt hatte vor jeder Art Stress gewarnt.

Den Kopf entschlossen erhoben, folgte sie der Assistentin schweigend an den Büros vorbei, in denen die Angestellten so konzentriert über ihrer Arbeit saßen, dass sie nicht einmal aufblickten.

Jeder hier schien sehr viel Wert auf ein makelloses Äußeres zu legen, vor allem die Frauen hatten alle die perfekte Figur, die in den augenscheinlich teuren Kleidern und Kostümen bestens zur Geltung kamen. Im Vergleich dazu kam sich Caroline klein, mollig und zerzaust vor.

Sie war nie wirklich schlank gewesen, nicht einmal als Kind. Manchmal, wenn sie vor dem Spiegel stand, redete sie sich ein, dass sie eine sehr weibliche Figur mit all den richtigen Kurven hatte, aber ein zweiter, genauerer Blick zerstörte dann diese Illusion. Ihr Haar ließ sich auch selten bändigen, die wilde Lockenmähne hing ihr weit bis über den Rücken und tat eigentlich nur im nassen Zustand das, was sie sollte. Die Hitze hatte jetzt für noch mehr Locken als normal gesorgt, und die Strähnen, die sich aus dem Zopf gelöst hatten, musste Caroline sich ständig aus dem Gesicht pusten.

Irgendwann klopfte Elena Carli an eine Tür, schob sie auf und bedeutete Caroline, hineinzugehen. Für einen Moment war Caroline regelrecht überwältigt von ihrer Umgebung, sie merkte gar nicht, dass sie wie ein Paket abgeliefert worden war. Und sie bemerkte auch den Mann nicht, der beim Fenster stand und sich langsam zu ihr umdrehte. Sie hatte nur Augen für den wertvollen Perserteppich auf den Marmorfliesen, die Seidentapeten an den Wänden, die wunderschönen antiken Bücherregale, die klassischen Landschaftsgemälde.

„Wow“, hauchte sie ehrfürchtig, dann endlich fiel ihr Blick auf den Mann, der sie unverblümt musterte. In ihrem Kopf begann sich plötzlich alles zu drehen, als sie der erstaunlichen Perfektion seines Gesichts gewahr wurde. Seine Züge waren klassisch-schön und strahlten eine Sinnlichkeit aus, die ihr prompt das Blut in die Wangen trieb. Dunkle Augen starrten sie an, der exquisite Stoff der maßgeschneiderten Hose schmiegte sich um lange Beine, die Ärmel des weißen Hemdes waren aufgerollt und gaben den Blick frei auf muskulöse gebräunte Unterarme. Unwillkürlich dachte Caroline, dass sie dem bestaussehenden Mann gegenüberstand, dem sie je begegnet war. Allerdings wurde sie sich gleichzeitig auch bewusst, dass sie ihn ungeniert mit offenem Mund anstarrte. Hastig riss sie sich zusammen und räusperte sich.

Das lastende Schweigen dehnte sich, bis der Mann sich vorstellte und sie aufforderte, Platz zu nehmen. Seine Stimme passte genau zu seiner Erscheinung – tief, dunkel, samten. Allerdings auch klirrend kalt, und zum ersten Mal beschlichen Caroline Zweifel. Dieser Mann machte nicht den Eindruck, als würde er sich zu irgendetwas überreden lassen, das er nicht tun wollte.

„So …“ Giancarlo setzte sich auf den Stuhl hinter seinem Schreibtisch, streckte die langen Beine aus und richtete den Blick dann streng auf Caroline. „Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass Sie einfach unangemeldet in mein Büro hereinmarschieren können, Miss …?“

„Rossi. Caroline Rossi.“

„Ich saß mitten in einer Konferenz.“

„Das tut mir leid.“ Sie stolperte über ihre Entschuldigung. „Ich wollte Sie nicht unterbrechen, ich hätte auch noch länger unten gewartet, bis Ihre Konferenz beendet gewesen wäre.“ Ihr sonniges Gemüt stieg wieder an die Oberfläche. Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln. „Es ist so wunderbar kühl in Ihrem Foyer, ich war froh, dass ich mich setzen konnte. Ich bin schon seit Ewigkeiten unterwegs, und da draußen ist es heiß wie in einem Backofen …“ Ihre Stimme erstarb allerdings, als er nicht die kleinste Regung zeigte. „Dieses Gebäude ist absolut fantastisch“, setzte sie noch hinzu.

Giancarlo ließ sich Zeit. Sollte sie ruhig noch ein wenig mit ihrer Nervosität kämpfen. „Lassen wir die Schmeicheleien, Miss Rossi. Was wollen Sie?“

„Ihr Vater hat mich geschickt.“

„Das weiß ich inzwischen. Nur deshalb sitzen Sie überhaupt in meinem Büro. Meine Frage bezieht sich auf das Warum. Seit über fünfzehn Jahren habe ich keinen Kontakt mehr zu meinem Vater. Ich bin neugierig, warum er es plötzlich für nötig befindet, jemanden zu mir zu schicken.“

Caroline verspürte völlig untypischen Ärger in sich aufsteigen. Wie konnte der alte Mann, den sie in ihr Herz geschlossen hatte, einen so eiskalten Sprössling hervorgebracht haben? Nur war ihr auch klar, dass Ärger sie nicht weiterbringen würde.

„Und in welchem Verhältnis stehen Sie zu ihm? Erzählen Sie mir jetzt nicht, der Alte hätte sich eine junge Ehefrau gesucht, die ihn ergeben bis ins hohe Alter pflegt.“ Er taxierte sie abschätzend. „Keine übertriebene Schönheit, natürlich“, murmelte er dann. „So etwas ist nie gut für einen alten Mann, nicht einmal für einen reichen alten Mann.“

„Wie können Sie es wagen?!“, fuhr Caroline auf.

Giancarlo lachte kalt. „Sie tauchen hier unangemeldet auf, um mir die Botschaft eines Vaters zu überbringen, der mich schon vor Jahren aus seinem Leben gestrichen hat. Da denke ich doch, dass ich das Recht habe, einige Fragen zu stellen.“

„Ich bin nicht mit Ihrem Vater verheiratet!“

„Na, die Alternative wäre noch geschmackloser. Dann kann es nur das Geld sein, weshalb Sie sich mit einem Mann einlassen, der mindestens dreimal so alt ist wie Sie. Großartiger Sex wird es wohl kaum sein.“

„Ich fasse es nicht, dass Sie so etwas sagen!“ Wie hatte sie sich nur so vom äußeren Schein überrumpeln lassen können?! Dieser Mann gehörte offensichtlich zu dem kalten, gefühllosen Menschenschlag, den sie von ganzem Herzen verabscheute. „Die Beziehung zwischen Ihrem Vater und mir ist rein geschäftlich, Signore.“

„So? Also, was tut eine junge Frau wie Sie dann in einer riesigen alten Villa am See?“

Caroline funkelte ihn an. Seinen abschätzigen Blick und das „keine übertriebene Schönheit“ hatte sie noch nicht verdaut. Dass man sich ihretwegen nicht umdrehte, wusste sie selbst, aber es so unverblümt ausgesprochen zu hören, noch dazu von einem komplett Fremden … „Es besteht kein Grund, ungehobelt zu sein, Signore. Ich entschuldige mich nochmals, dass ich Ihre Konferenz unterbrochen habe, aber schließlich bin ich nicht freiwillig hier.“

Giancarlo traute seinen Ohren nicht. Niemand warf ihm vor, ungehobelt zu sein. Zugegeben, vielleicht dachten einige es, doch niemand würde auf den Gedanken verfallen, es offen auszusprechen. Und dann auch noch eine Frau. Frauen taten normalerweise alles, um ihm zu gefallen. Mit zusammengekniffenen Augen musterte er seinen uneingeladenen Gast. Eines von diesen spindeldürren Models, die die Hochglanzmagazine als Schönheitsideal bestimmten, war sie sicherlich nicht. Und so sehr sie sich auch bemühte, es zu kaschieren – von ihrer Miene war deutlich abzulesen, dass sie überall lieber wäre als hier in seinem Büro.

Schade.

„Mein Vater hat Sie also manipuliert, damit Sie tun, was er will. Sind Sie seine Haushälterin? Warum stellt er eine englische Haushälterin ein?“

„Ich bin seine persönliche Assistentin“, klärte Caroline ihn auf. „Bei seiner Gastprofessur in England lernte er meinen Vater kennen. Ihr Vater war der Mentor meines Vaters, und sie blieben in Kontakt, nachdem Alberto wieder nach Italien zurückkehrte. Mein Vater ist auch Italiener. Er bat Alberto um Hilfe, hier für mich für ein paar Monate eine Stelle zu finden, damit ich mein Italienisch aufpolieren kann. Und so helfe ich Ihrem Vater jetzt mit seinen Memoiren, der ganzen Korrespondenz und was sonst noch anfällt. Wollen Sie nicht wissen, wie es Ihrem Vater geht? Sie haben ihn doch schon so lange nicht mehr gesehen.“

„Meinen Sie nicht, wenn mich das interessierte, hätte ich mich längst mit ihm in Verbindung gesetzt?“

„Nun, der Stolz hält uns oft davon ab, etwas zu tun, was wir eigentlich tun wollen.“

„Falls Sie Amateur-Psychologin spielen wollen, können wir dieses Gespräch sofort beenden.“

„Das war nicht meine Absicht“, beharrte sie. „Ich glaube einfach nur, dass die Scheidung Ihrer Eltern alles andere als gütlich verlief. Alberto redet nicht viel darüber, aber ich weiß, dass Sie erst zwölf waren, als Ihre Mutter Ihren Vater verlassen und Sie mitgenommen hat.“

„Ich fasse es nicht!“ Giancarlo legte extrem großen Wert auf seine Privatsphäre. Dass jemand seine Vergangenheit aus dem Schrank zerrte, in den er sie sicher verschlossen hatte, entrüstete ihn. „Ich habe nicht die Angewohnheit, über meine Privatangelegenheiten zu diskutieren.“

Seine Empörung stimmte sie versöhnlicher. „Halten Sie es nicht für besser, über Dinge, die uns stören, zu reden? Denken Sie nie an Ihren Dad?“

Plötzlich von einer rastlosen Energie erfasst, stand Giancarlo auf und stellte sich ans Fenster. Kurz sah er hinaus, dann drehte er sich wieder zu der jungen Frau um. Sie sah so völlig unschuldig aus, in ihrem ausdrucksstarken Gesicht ließ sich lesen wie in einem offenen Buch. Offensichtlich empfand sie Mitleid für ihn. Wütend presste er die Lippen zusammen.

„Er hatte einen Herzinfarkt.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie mochte Alberto wirklich gern. „Einen schweren. Für eine Weile sah es aus, als würde er es nicht schaffen.“ Sie kramte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch. „Entschuldigen Sie. Ich verstehe nur nicht, wie Sie da so reglos und völlig ungerührt stehen können.“

Große braune Augen sahen ihn anklagend an, und Giancarlo ärgerte sich über sich selbst. Weshalb sollte er sich schuldig fühlen? Er hatte keine Beziehung zu seinem Vater, und seine Erinnerungen an das Leben in dem großen Haus am See bestanden hauptsächlich aus den Streiten zwischen seinen Eltern. Mit Ende vierzig ein eingefleischter Junggeselle, hatte Alberto eine blonde Schönheit geheiratet, die fünfundzwanzig Jahre jünger war als er. Die Ehe war praktisch von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen und hatte der jungen Ehefrau enorm viel abverlangt.

Giancarlos Mutter hatte sich nicht zurückgehalten, ihrem Sohn all die Hässlichkeiten bis ins Detail zu schildern, sobald er alt genug war, um es zu verstehen. Alberto war ein eiskalter Egoist, der vermutlich auch keine Skrupel gehabt hätte, sich außerehelich zu amüsieren, wenn er auch nur den geringsten Charme besäße, wie Adriana immer behauptete. Und er hatte sie beide ohne einen Penny auf die Straße gesetzt. Wen wunderte es da, wenn Adriana manchmal Trost im Alkohol und in anderen Mittelchen gesucht hatte?

Es gab so viele Dinge, die Giancarlo seinem Vater nie vergeben konnte. Er hatte mit ansehen müssen, wie seine schöne Mutter sich mit einem Mann nach dem anderen einließ, immer auf der Suche nach dem einen, der vielleicht mehr in ihr sehen und länger bleiben würde. Bei ihrem Tod war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst gewesen.

„Sie haben nicht die geringste Ahnung, wie mein Leben war. Oder wie meine Mutter war“, sagte er klirrend kalt. „Vielleicht wird mein Vater nachgiebiger, jetzt, da seine Gesundheit angeschlagen ist. Ich habe jedoch kein Interesse daran, Brücken zu bauen. Hat er Sie deshalb hergeschickt? Weil er als alter Mann meine Vergebung sucht, bevor er das Zeitliche segnet?“ Er lachte zynisch auf. „Ich glaube nicht, dass das funktioniert.“

Noch immer zupfte sie an dem zerknüllten Taschentuch in ihren Fingern. Sein Vater hätte sich keinen besseren Boten aussuchen können. Wenn man sie so sah, würde jeder glauben, dass sie im Auftrag eines Heiligen unterwegs war – anstatt eines Mannes, der seiner Ehefrau das Leben zur Hölle gemacht hatte.

Er besah sich sein Gegenüber genauer. Ihre Garderobe war eine Katastrophe. Die helle Hose und die gelbe Seidenbluse hätten zu einer Frau gepasst, die mindestens doppelt so alt war wie sie. Ihr Haar war lang, wirklich lang, nicht wie die schicken kurzen Bobs, an die er von seinen Begleiterinnen gewöhnt war. Lockige Strähnen lösten sich aus einem behelfsmäßig geflochtenen Zopf, und plötzlich fiel ihm auch auf, dass ihre Haut schimmerte wie Satin und sie unglaublich volle Lippen hatte. Lippen, die sich vor fassungsloser Enttäuschung leicht geteilt hatten und den Blick auf perfekte weiße Zähne freigaben.

„Es tut mir leid, dass Sie so verbittert sind“, murmelte sie. „Er möchte Sie einfach nur sehen. Es würde ihm so viel bedeuten. Kann ich Sie nicht irgendwie überzeugen, dass Sie … mit mir zurückkommen?“

„Selbst wenn ich von dem plötzlichen Bedürfnis gepackt würde, den verlorenen Sohn zu spielen … glauben Sie wirklich, ich könnte einfach alles stehen und liegen lassen und zum Comer See fahren? Ich bin ein viel beschäftigter Mann, Miss Rossi, ich habe ein Unternehmen zu führen. Ich habe Ihnen bereits einen angemessenen Teil meiner Zeit geopfert. Sie müssen verzeihen, wenn ich nicht in Begeisterungsstürme ausbreche, nur weil mein Vater entscheidet, dass er wieder Kontakt aufnehmen will. Einen Herzinfarkt wünsche ich niemandem, aber leider werden Sie mit leeren Händen zurückkehren müssen.“

Caroline gab sich geschlagen. Sie stand auf und nahm ihren Koffer.

„Wo sind Sie untergebracht?“, erkundigte er sich höflich, während er gleichzeitig beobachtete, wie sie die Schultern sacken ließ. Gott, glaubte der alte Mann wirklich, sein Benehmen gegenüber seiner Frau und seinem Sohn hätte keine Konsequenzen nach sich gezogen? Der Alte war unermesslich reich, und er hatte die besten Anwälte des Landes angeheuert, damit er seiner Familie die geringstmöglichen Alimente zahlen musste. Das hatte Adriana ihrem Sohn unter Tränen erzählt. Und oft hatte Giancarlo sich gefragt, ob seine Mutter auch dann so verzweifelt nach Liebe gesucht hätte, wenn zumindest ihr Lebensunterhalt ausreichend gesichert gewesen wäre.

Caroline beantwortete jetzt seine Frage, obwohl sie wusste, dass es ihn nicht interessierte. Sie hatte versagt. Alberto war zu stolz, er würde nur mit den Schultern zucken und sich nichts anmerken lassen, aber sie wusste, die Nachricht würde ihn zu Boden schmettern.

„Sie sollten sich das La Rinascente ansehen. Das Kaufhaus wird Ihnen bestimmt gefallen. Die Aussicht dort ist fantastisch. Und natürlich kann man auch großartig einkaufen.“

„Ich hasse Shopping.“ Vor der Tür blieb Caroline stehen, drehte sich noch einmal um – und stellte fest, dass er direkt hinter ihr war. Er überragte sie um gut zwanzig Zentimeter und wirkte sehr viel einschüchternder als von seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch aus oder als er am Fenster gestanden hatte.

Die Sonne fiel hinter ihm durch die Scheiben und ließ Schatten auf seinem Gesicht entstehen, sodass es noch attraktiver wirkte. Er hatte unglaublich lange Wimpern, dicht und dunkel, um die ihn die meisten Frauen beneiden mussten.

Caroline verspürte ein Flattern im Bauch, und plötzlich wurde sie sich des Spannens ihrer Brüste bewusst. Ihr erster Impuls war es, sich mit der Hand an den Hals zu fassen und den Kragen ihrer Bluse zu schließen, doch dann wurde sie rot. Wie hatte sie es nur vergessen können? Sie war nicht mehr als das hässliche kleine Entlein.

„Und ich habe keine Lust auf höflichen Small Talk mit Ihnen“, murmelte sie mit rauer Stimme.

„Wie bitte?“

„Es tut mir leid, dass Ihre Eltern sich haben scheiden lassen, noch mehr tut es mir leid, dass es Sie so geprägt hat.

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