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Verführt, verlobt … verliebt?

Kelly Hunter

Verführt, verlobt … verliebt?

PROLOG

Ein erfundener Verlobter hat wirklich eine Menge Vorteile, dachte Charlotte Greenstone, als sie sich auf einen abgenutzten Plastikstuhl setzte, um eine weitere Nacht am Krankenhausbett ihrer Patentante zu wachen, die mit dem Tod rang. Aurora war noch nicht bereit fürs Totenreich. Sie wollte zuerst ihr ereignisreiches Leben noch einmal Revue passieren lassen und stellte wilde Vermutungen an, was nach dem Tod käme.

Unweigerlich würde es Asche sein, denn Aurora wollte verbrannt werden. Nun fragte sie sich, wie es im Himmel wohl aussehe, welche Hierarchie es gäbe und wie lange sie darauf warten müsste, als Hauskatze wiedergeboren zu werden.

Die Ärzte hatten ihr eine höhere Morphiumdosis gegen die Schmerzen gegeben, und Aurora wirkte unruhig. Ihre Hauptsorge bestand darin, dass sie Charlotte mutterseelenallein zurücklassen würde, allerdings nicht mittellos, denn finanziell war sie sehr gut abgesichert. Doch was nützte das, wenn sie niemanden hatte, dem sie sich in ihrem Kummer zuwenden konnte?

Deshalb war Charlotte auf die Idee gekommen, einen Verlobten zu erfinden.

Er war unglaublich attraktiv, hatte nur die besten Absichten, war bescheiden, beruflich jedoch außerordentlich erfolgreich.

Und er glänzte durch Abwesenheit.

Anfangs fiel es Charlotte schwer, ihrer geliebten Patentante eine so hanebüchene Geschichte aufzutischen. Doch mit der Zeit gingen ihr die Lügen leichter über die Lippen, denn es war ja für einen guten Zweck und sorgte für stundenlangen Gesprächsstoff an Auroras Bett. Die alte Dame war sehr beruhigt darüber, dass Charlotte nun doch nicht so allein auf der Welt zurückblieb, wie sie befürchtet hatte. Im Gegenteil. Thaddeus Jeremiah Gilbert Tyler liebte Charlotte.

Natürlich nannte ihn niemand Thaddeus. Im Kreis seiner Forscherkollegen hörte er auf den Namen Tyler und genoss hohes Ansehen als unabhängiger, reicher, in der Welt umherreisender Botaniker, Menschenfreund, Umweltschützer und Australier. Seine Mutter nannte ihn TJ, sein Vater, der Sean Connery sehr ähnlich sah, redete ihn meistens mit „mein Sohn“ an. Der abenteuerlustige Mr Tyler hatte keine Geschwister, ebenso wenig wie Charlotte, die ihn übrigens Gil nannte und seinen Namen mit Zärtlichkeit und Sehnsucht in der Stimme aussprach. Für Aurora klang das alles sehr glaubwürdig.

Gil hielt sich gerade in Papua-Neuguinea auf, irgendwo am Oberlauf des Sepik, wo Telefone noch eine Seltenheit waren. Praktisch war man dort von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten. Trotzdem war es Charlotte gelungen, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen. Daraufhin hatte Gil einen Eingeborenen nach Moresby geschickt.

Von dort aus wurde Charlotte mitgeteilt, er hoffte, bald zurück zu sein, denn er vermisse Charlotte sehr und wolle nie wieder von ihr getrennt sein. Er hätte schon so viel über Aurora gehört, dass er sie gern kennenlernen würde. Sie war ja als erfolgreiche Geschäftsfrau und Kunstsammlerin bekannt und die Patentante und gute Fee von Charlotte. Er freute sich darauf, die Dame zu treffen, die seine geliebte Charlotte großgezogen hatte.

Aurora wollte ihn natürlich auch kennenlernen.

Die wunderbar exzentrische Aurora Herschoval war die einzige Person, die so etwas wie Familie für Charlotte darstellte, denn ihre Eltern waren bereits vor über zwanzig Jahren gestorben.

Die todkranke Aurora, die ihr Krebsleiden nur noch mit starken Schmerzmitteln ertragen konnte, verwechselte Gil öfter mal mit Charlottes Vater. Kein Wunder, dachte Charlotte. Schließlich hatte sie Gil aufgrund von Erinnerungsfetzen beschrieben, die sie an ihren Vater hatte.

Gil, alias TJ, alias Thaddeus Jeremiah Gilbert Tyler, mit anderen Worten, ihr erfundener Verlobter, setzte sich noch aus anderen Vorbildern zusammen: Indiana Jones – einschließlich Hut – Captain Kirk – den Grund dafür wollte sie lieber nicht so genau analysieren – und ein sexy Pirat aus der Karibik. Eine ziemlich aufregende Mischung, fand Charlotte.

Er fehlte ihr sehr. Sie liebte seine Freude am Leben, seine Zärtlichkeit, seinen Witz. Und sie vermisste seine Gesellschaft. Das hörte sich natürlich seltsam an, aber Gil hatte sie tatsächlich durch diese bangen, durchwachten Nächte begleitet, ihr Trost gespendet und ihr die Kraft gegeben, sich auf das Unvermeidliche einzustellen.

Aurora starb zwei Monate, nachdem der Krebs bei ihr diagnostiziert worden war – genau wie der Arzt es vorhergesagt hatte.

Selbst der Gedanke an Gilbert konnte Charlottes Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie weinte vor Erleichterung, dass Auroras Leiden nun ein Ende hatte. Sie trauerte um ihre mütterliche Freundin.

Sie weinte und weinte.

Gilbert war nicht mehr rechtzeitig nach Australien zurückgekehrt, um Aurora kennenzulernen. Unverzeihlich! Die Quittung dafür ließ nicht lange auf sich warten.

In seiner Hast, zu Charlotte zu kommen, hatte er sich in ein Gebiet gewagt, dem er lieber ferngeblieben wäre. Der furchtlose und edle Gil hatte versucht, die Entführung einer Eingeborenen zu verhindern, die von einer Gruppe von Jägern bedrängt worden war. Die Behörden hatten wenig Hoffnung, seine sterblichen Überreste zu bergen. Es wurde etwas von Kannibalismus gemunkelt.

Nun musste Charlotte um zwei geliebte Menschen trauern …

1. KAPITEL

„Charlotte! Was tun Sie denn hier?“ Der panische Gesichtsausdruck passte nicht zu Professor Harold Meads besänftigendem, väterlichem Tonfall. Allerdings steckte ihr Chef sowieso voller Widersprüche. Seine Version ägyptischer Frühgeschichte stand beispielsweise im krassen Gegensatz zur herkömmlichen wissenschaftlichen Meinung. Oder seine Arbeitswoche, die etwa siebzig Stunden betrug, und nicht fünfzig, wie bei den anderen Mitarbeitern.

Zugegeben, es war erst halb acht Uhr an diesem Montagmorgen. Normalerweise ließ Charlotte sich nicht so früh an ihrem Arbeitsplatz blicken, aber trotzdem … Sie war durchaus berechtigt, hier zu sein.

„Charlotte?“ Er wartete auf ihre Antwort.

„Ich arbeite“, erklärte sie freundlich. „Zumindest habe ich das geplant. Spricht etwas dagegen?“

„Nein, aber wir haben nicht erwartet, Sie heute hier zu sehen. Wir dachten, Sie nehmen sich einige Tage frei, um über den Verlust hinwegzukommen. Schließlich haben Sie Ihre Patentante erst gestern beerdigt.“

Der Professor war auch zur Trauerfeier erschienen. Das war sehr nett von ihm, zumal er Aurora nur flüchtig gekannt hatte.

„Danke, dass Sie gekommen sind“, sagte sie leise. „Es war gut, Auroras reiches Leben noch einmal Revue passieren zu lassen und sie zu feiern.“

„Ja.“ Professor Mead musterte sie. „Wollen Sie sich nicht doch einige Tage erholen?“

„Nein. Es ist besser für mich, zu arbeiten.“ Sie rang sich ein Lächeln ab. „Wirklich. Und ich glaube, ich habe jetzt eine Idee, worum es sich bei den Tonscherben handelt, die wir in der Lössschicht gefunden haben.“

„Das hat Zeit. Sie könnten die Arbeit auch Dr. Carlysle übertragen. Schließlich ist er bei der Ausgrabung vor Ort, und Dr. Steadfellow schätzt ihn sehr.“

„Ich weiß.“ Steadfellow hatte in seinen Berichten regelrecht von dem Mann geschwärmt. „Aber ich möchte mich lieber selbst damit beschäftigen.“ Immerhin war sie diejenige gewesen, die die Lössfundstelle entdeckt hatte – zusammen mit Aurora. Und sie hatte dem Kollegen Steadfellow die Grabungsstätte nur unter der Bedingung übergeben, dass sie, Charlotte, in die Analyse miteinbezogen wurde. Seit Dr. Carlysle zum Team gestoßen war, schien Dr. Steadfellow sich nicht mehr an die Abmachung erinnern zu wollen.

„Hören Sie, Harold“, sagte Charlotte aufgebracht, „ich weiß, dass die beiden Kollegen durchaus in der Lage sind, die Aufgabe zu übernehmen. Aber darum geht es gar nicht. Ich fühle mich übergangen, und so war das nicht vereinbart.“

„Das ist doch Unsinn“, entgegnete Professor Mead beruhigend. „Wir alle wissen, dass Sie die Finanzierung der Grabung auf die Beine gestellt haben. Natürlich steht Ihnen das Recht zu, sich in das Projekt einzubringen. Aber ist es wirklich nötig, Ihren Kollegen so etwas zu unterstellen? Sie wollen Ihnen doch nur helfen.“

Charlotte hätte ihm gern geglaubt, doch sie traute Steadfellow nicht über den Weg. Ihr Urteilsvermögen war allerdings momentan getrübt, vermutlich, weil sie in der letzten Zeit einfach zu wenig Schlaf bekommen und sich in eine Traumwelt geflüchtet hatte. Vielleicht tat sie dem Kollegen ja tatsächlich unrecht. „Ich rede mit Steadfellow und Carlysle“, versprach sie schließlich leise. „Wir werden uns schon einig.“

„Ausgezeichnet.“ Der Professor strahlte. „Ich wusste, dass ich auf Ihre Großzügigkeit bauen kann. Sie haben ja auch schon viel mehr veröffentlicht als die meisten Archäologen, die mindestens dreimal so alt sind wie Sie. Eine gehobene Position ist Ihnen so gut wie sicher.“

„Trotz des Eindrucks, ich ließe alles mit mir machen?“, fragte sie.

Schuldbewusst senkte ihr Chef den Kopf. „Ich weiß, dass Sie durch Ihre Patentante überall auf der Welt Kontakte zu angesehenen Archäologen haben. Ihr Name steht für großzügiges Engagement zum Wohl der Gesellschaft. Ich staune immer wieder, wie einfach es für Sie ist, private Geldgeber für unsere Projekte zu gewinnen. Leider weilt Ihre Patentante nun nicht mehr unter uns, und man fragt sich, ob Auroras legendäre Kontakte mit ihr gestorben sind.“

Er atmete tief durch und bedachte sie mit einem – seiner Meinung nach – herzlichen Blick. „Sie sind wirklich eine Bereicherung für unsere Abteilung, Charlotte. Trotzdem sollten Sie den Rat eines alten Mannes annehmen, sich wieder der praktischen Arbeit zu widmen und Ihre Kontakte vor Ort persönlich zu erneuern. Übernehmen Sie die Leitung Ihrer Grabungsprojekte. Damit wäre Ihre Position unantastbar. Darum geht es Ihnen doch, oder?“

Genau das war die große Frage. Charlotte war sich unsicher geworden, was die Arbeit betraf, und hatte keine Ahnung, was sie sich eigentlich erhoffte.

Leider war dem Professor ihre Verunsicherung nicht verborgen geblieben.

„Ich weiß, dass Sie im Kollegenkreis nicht gern über Ihr Privatleben reden, Charlotte. Aber ich habe gehört, was mit Ihrem Verlobten in Papua-Neuguinea passiert ist. Das ist wirklich entsetzlich!“

„Sie … haben davon gehört?“ Völlig verblüfft musterte sie ihn. Thaddeus Jeremiah Gilbert Taylor existierte doch nur in ihrer Fantasie! Außer Aurora hatte sie niemandem von ihm erzählt. „Wie haben Sie davon erfahren?“

„Eine der Krankenschwestern, die sich um Ihre Patentante gekümmert haben, ist mit Thomas aus der Statistikabteilung verheiratet. Er hat uns auf dem Laufenden gehalten.“

„Aha.“ Charlotte rang sich ein Lächeln ab. Ihre Fantasiegestalt hatte sich verselbstständigt und war in der wirklichen Welt angekommen. Verflixt! Es war dumm gewesen, Gil sterben zu lassen. Warum hatte sie nicht einfach die Verlobung mit ihrem fiktiven Bräutigam gelöst? Dann hätte er munter weiter auf dem Sepik paddeln können, und ihr selbst wäre diese Unterhaltung mit Harold Mead erspart geblieben.

„Auf den Tod Ihrer Patentante waren Sie wenigstens vorbereitet, nicht aber auf den Ihres Verlobten. Es gibt ja nicht einmal sterbliche Überreste. Lassen Sie uns nicht mehr davon sprechen, Charlotte. Ich möchte nur noch einmal betonen, dass Sie sich eine Zeitlang frei nehmen sollten.“

„Ich … danke.“ Ihre Stimme bebte verräterisch. Entsetzt wich der Professor zurück. Weinende Frauen waren ihm offensichtlich ein Gräuel. Also riss sie sich schnell zusammen. Jahrelang hatte Aurora ihr eingebläut, Haltung zu bewahren. Kopf hoch, Charlie! Eine Greenstone lässt sich nicht unterkriegen. Lächeln! Das waren Auroras Worte gewesen.

An die hielt Charlotte sich auch jetzt. Sie straffte sich und setzte ein verhaltenes Lächeln auf. „Vielen Dank für Ihre Anteilnahme, Harold. Ich weiß Ihren Rat wirklich zu würdigen. Trotzdem möchte ich lieber weiterarbeiten. Das lenkt mich ein wenig von meinem Kummer ab.“

Das Gespräch mit dem Professor hatte Charlotte eigentlich schon gereicht. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Die Kaffeepause im Aufenthaltsraum war der reinste Horror. Alle Kollegen drückten ihr Mitgefühl aus und bedauerten sehr, dass Charlotte gleich zwei geliebte Menschen verloren hatte. Ihr war das alles schrecklich unangenehm.

Fast fluchtartig verließ sie den Raum und trank ihren Kaffee in ihrem kleinen Eckbüro, wo sie sich in ihren Schreibtischsessel fallen ließ und blicklos auf den Computerbildschirm starrte. Morgen würde die Welt doch schon wieder ganz anders aussehen, oder? Irgendwann musste der Kummer über ihren Verlust und das Schuldgefühl, das sie wegen Gilbert empfand, doch vorbei sein. Vermutlich würde das aber noch einige Tage dauern. Vielleicht sollte sie ihren Verlobten einfach wiederauferstehen lassen und dann die Verlobung lösen. Oder er trennte sich von ihr. Oder sie beschlossen einvernehmlich, in Zukunft getrennte Wege zu gehen.

„Wie fühlst du dich?“ Millie stand vor der offenen Tür und schaute Charlotte voller Mitgefühl an.

Die liebe Millie verdiente es nicht, belogen zu werden. „So leidlich.“ Charlotte lächelte wehmütig. „Mitgefühl wegen Auroras Tod kann ich ertragen, aber bei Gil sieht das ganz anders aus.“

„Ich bin nicht aus Mitleid hier, sondern aus purer Neugierde.“ Millie setzte sich auf die Schreibtischkante. „Wir sind nun schon seit zwei Jahren befreundet, Charlie. Wieso hast du mir nicht erzählt, dass du dich verlobt hast? Und warum trägst du keinen Verlobungsring?“

„Es war eigentlich nur eine lockere Beziehung“, antwortete sie ausweichend.

„Wann hast du ihn zuletzt gesehen?“, wollte Millie wissen.

„Das ist schon eine ganze Weile her. Gil war sehr unabhängig und abenteuerlustig.“ Einen Moment lang träumte Charlotte vor sich hin. „Er war auch leidenschaftlich und zielstrebig. Voller Energie. Und sehr geduldig.“

„Auch ausdauernd?“

„O ja!“

„Kein Wunder, dass du dich zu ihm hingezogen gefühlt hast. Wenn er denn mal bei dir war.“

Charlotte erwachte aus ihrem Tagtraum. „Ja, das war ein echtes Problem.“

„Kann es sein, dass du vielleicht sogar etwas erleichtert bist, diesen freiheitsliebenden Abenteurer los zu sein?“ Millie musterte sie forschend.

„Möglicherweise“, gab Charlotte leise zu. Besser konnte es doch gar nicht laufen, oder? Millie und die anderen Kollegen würden denken, sie erhole sich schnell vom Verlust ihres Verlobten. Seltsam war nur, dass sie Gil gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte.

„Hast du ein Bild von ihm?“

„Entschuldige, ich habe gerade nicht zugehört. Was hast du gesagt?“

„Ich möchte wissen, ob du ein Foto von deinem Verlobten hast.“

„Irgendwo muss eins sein.“ Immer weitere Lügen! „Mach dir keine Sorgen, Millie. Mir geht es gut. Aurora zuliebe habe ich seinen Stellenwert in meinem Leben wohl etwas übertrieben.“

„Such das Bild heraus und stell es auf“, riet Millie einfühlsam. „Wirf diesem Gil alles Mögliche an den Kopf, wenn du dich dadurch besser fühlst. Selbst wenn er nicht zur Ehe taugte und die Verlobung ein großer Fehler war, kannst du doch immer an die guten Zeiten denken, die ihr miteinander verbracht habt. Sein Tod hat dich natürlich aufgewühlt. Das ist ganz normal. Du kannst ruhig wütend auf ihn sein, weil er ein so hohes Risiko eingegangen ist. Wie konnte er nur so dumm sein, sich in Kannibalengebiete vorzuwagen? Deine Gefühlsschwankungen sind Teil der Trauerbewältigung und völlig normal.“

„Das sehe ich aber ganz anders“, widersprach Charlotte. Man konnte wohl kaum behaupten, dass die vergangenen beiden Monate normal gewesen waren. „Irgendwie habe ich das Gefühl, verrückt zu werden.“

„Das ist auf den Schlafmangel zurückzuführen. Du hast ja jede Nacht am Bett deiner Patentante gewacht. Es wird Zeit, dass du dich mal wieder gründlich ausschläfst. Nimm dir Urlaub. Fahr an die Küste. Lade deine Batterien wieder auf und setz dich mit deinem Kummer auseinander.“

Charlotte schüttelte nur traurig den Kopf. Sie war den Tränen nahe. „Das geht nicht.“

„Wieso nicht?“

„Weil die Arbeit mich ablenkt.“ Endlich konnte sie mal die Wahrheit sagen und fühlte sich sofort etwas besser. „Ich brauche meine gewohnte Umgebung, Menschen in meiner Nähe, die ich kenne. Selbst wenn die mich für eine verwöhnte Archäologenerbin ohne Grips halten, deren Netzwerk sich langsam auflöst.“

„Wer sagt das?“, erkundigte Millie sich ungehalten. „Etwa Harold Mead?“ Ohne Charlottes Reaktion abzuwarten, kommentierte sie abfällig: „Dieser Trottel.“

„Er ist unschuldig.“ Charlotte fühlte sich verpflichtet, ihn in Schutz zu nehmen. „Eigentlich war er sogar sehr nett und fürsorglich. Er hat lediglich …“

„Ich kann mir schon denken, wie das Gespräch verlaufen ist“, meinte Millie trocken. „Inzwischen weiß ich ja nur zu genau, wie er tickt.“

„Er hat mich wirklich nicht kritisiert“, behauptete Charlotte. „Es liegt an mir. Irgendwie stecke ich heute voller Selbstzweifel.“ Und sie fühlte sich einsam. „Ich bin im Moment lieber unter Menschen, zu denen ich mich zugehörig fühle. Deshalb bin ich hier. Ich habe ja sonst niemanden mehr. Das klingt ziemlich sentimental, oder?“

„Nein.“ Millies verständnisvolles Lächeln war Balsam für Charlottes ramponierte Seele. „Mir scheint, wir sollten dich etwas aufmuntern.“

Millie Peters konnte einem mit ihrer Neugierde zwar auch mal auf die Nerven gehen, aber sie hatte ein gutes Herz und sorgte sich um das Wohl ihrer Mitmenschen. Den ganzen Tag stellte sie sicher, dass immer jemand bei Charlotte war. Am Abend verabredete sich die halbe Archäologieabteilung zu einem Kinobesuch. Am nächsten Abend luden Millie und Derek – ihr aktueller Freund – sie zum Essen in einem beliebten Pub ein.

Derek hatte zunächst eine Maurerlehre gemacht und studierte nun Archäologie, nachdem er das Studium der Geologie und Altertumsforschung bereits abgeschlossen hatte. Er stand mit beiden Beinen im Leben und sah einer erfolgreichen Tätigkeit bei Ausgrabungen entgegen. Die Voraussetzungen hätten gar nicht besser sein können.

Sie setzten sich an einen runden Tisch am Fenster. Derek spendierte die erste Runde, der Barmann stockte den Kühlschrank auf, und die Billardspieler widmeten sich ihrem Hobby, während im Hintergrund leise Jazzmusik erklang.

Gar nicht so schlecht, dachte Charlotte. Wenigstens besser, als allein zu Hause zu sitzen.

„Der knusprige Schweinebraten klingt gut“, sagte Derek, was ihm sofort einen missbilligenden Blick von Millie eintrug.

„Der knusprige Schweinebraten klingt überhaupt nicht gut, Derek. Wie wär’s mit Rindersteak oder Ente?“ Millie verschanzte sich hinter der überdimensionalen Speisekarte und raunte ihm zu: „Hast du schon vergessen, was ich dir vorhin erzählt habe? Von den Kannibalen? Die umschreiben Menschenfleisch als langen Schweinebraten.“

Natürlich hatte Charlotte jedes Wort verstanden. Derek warf ihr einen schnellen Seitenblick zu, dann verschanzte auch er sich hinter der Speisekarte. „Wo ist die Ente?“

„Auf der Seite mit den Spezialitäten. Ich empfehle geschmorte Ente.“

„Warum nicht die Grillente?“, flüsterte Derek. „Woher willst du denn wissen, dass sie ihn gegrillt haben? Vielleicht haben sie ihn gekocht.“

„Du hast recht“, wisperte Millie. „Dann nimmst du eben die Gemüseplatte.“

Charlotte hatte genug. Sie beugte sich vor und zog Millies Speisekarte auf Augenhöhe hinunter. „Millie?“, raunte sie.

„Ja?“ Die Freundin bedachte sie mit einem besorgten Blick.

„Gönn dem armen Mann doch den Schweinebraten. Von mir aus kann er ruhig Spießbraten essen. Ich verspreche, es nicht persönlich zu nehmen.“

Langsam senkte Derek die Speisekarte und bedachte Charlotte mit einem Lächeln. „Mir war klar, dass sie das nüchterner sieht als du, Millie.“ Er zuckte kaum zusammen, als seine Freundin mit der Karte gegen seine Schulter klopfte. Es waren sehr breite Schultern. Dazu dieses humorvolle Blitzen in den Augen … Diesen Mann sollte Millie festhalten, dachte Charlotte.

„Wie war dein Verlobter eigentlich so?“, wollte Derek wissen.

„Schwer zu sagen. Aber ich würde ihn als nützlich beschreiben.“ Das war jedenfalls wahr.

„Nützlich wie in ‚Schatz, könntest du bitte den Boiler reparieren?‘“, erkundigte sich Millie.

„Ja, er wäre sicher in der Lage gewesen, einen Boiler zu reparieren.“

„Das kann doch jeder“, meinte Derek.

„Leider nicht“, widersprach Charlotte.

„Ich schätze, Gil war auch bescheiden.“ Vielsagend schaute Millie ihren Freund an.

„Na und? Ich kann auch bescheiden sein“, behauptete er.

„Das bezweifelt hier niemand.“ Charlotte betrachtete seinen abgewetzten Hemdkragen und das Haar, das lange keinen Friseur gesehen hatte. „Gil war immer sehr schick gekleidet.“

„Alles nur schöne Verpackung“, behauptete Derek. „Es kommt doch auf den Körper an, der sich darunter verbirgt. Und erzählt mir jetzt bitte nicht das Gegenteil.“

„Das würde uns nicht im Traum einfallen.“ Charlotte lächelte aufmunternd. „Aber nur zu eurer Information: Er hatte einen fantastischen Körper.“

„Davon bin ich überzeugt. Wer im Kanu auf dem Fluss unterwegs ist, muss ja durchtrainiert sein.“ Millie schaute verträumt vor sich hin. „Der Mann hatte bestimmt einen fabelhaften Bizeps.“

„Ich habe mal als Holzfäller gearbeitet“, warf Derek ein.

„Das weiß ich doch.“ Millie schaute ihn besänftigend an.

Eine junge Serviererin kam an den Tisch und fragte lächelnd, ob sie schon bestellen wollten.

„Ich nehme das Schwein“, sagte Derek. „Könnte es vorher bitte gut geklopft werden?“

„Der Chefkoch schiebt es durch ein spezielles Gerät. Es ist etwas altmodisch und hat viele Spikes, macht das Fleisch aber wunderbar zart.“

„Perfekt.“ Derek nickte zufrieden.

„Im Gegensatz zu gewissen anderen Dingen“, murmelte Millie vor sich hin.

„Kein Mann ist perfekt. Insbesondere nicht in den Augen einer Frau. Wenn eine Frau es darauf anlegt, kann sie die guten Eigenschaften eines Mannes als Charakterschwäche auslegen.“

„Was hast du denn für Erfahrungen mit Frauen gemacht, Derek?“, wollte Charlotte wissen. „Heraus mit der Sprache! Warst du schon mal verheiratet?“

„Nein!“

„Vielleicht hat seine Mutter an ihm herumgekrittelt“, sagte Millie.

„Ich bin Vollwaise“, erklärte Derek. „Keine Ahnung, wer meine Eltern waren. Adoptiert worden bin ich auch nicht. Schwester Ramona hat behauptet, ich sei das hässlichste Baby der Welt gewesen.“

„Das erklärt natürlich einiges“, meinte Millie bestürzt. „Abgesehen von der Tatsache, dass du jetzt ziemlich unwiderstehlich bist.“

„Vielen Dank.“

„Gern geschehen.“

Nachdem die Bestellung aufgegeben war, widmeten sie sich den Getränken.

„Auf die wunderbare Aurora Herschoval“, sagte Charlotte. „Die beste Patentante, die ein Waisenkind sich nur wünschen konnte.“

„Hört, hört.“ Derek betrachtete sie neugierig. „Da hast du wirklich Glück gehabt, Charlotte. Und ich trinke auf den nützlichen Gil. Hoffentlich hat er im nächsten Leben mehr Verstand.“

„Derek!“ Millie musterte ihn entgeistert. „Darauf können wir doch nicht trinken.“

„Warum nicht?“ Derek lächelte unschuldig. „Er mag ja nützlich, attraktiv und bescheiden und mit dem Körperbau eines Apollo ausgestattet gewesen sein, aber darüber dürfen wir eins nicht außer Acht lassen: Der Mann hat sich den Kannibalen praktisch zum Fraß vorgeworfen.“

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