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Verführt, verliebt - verraten?

Yvonne Lindsay

Verführt, verliebt, verraten?

1. KAPITEL

„Aber richtig wohl fühle ich mich nicht dabei, Irene.“

Sobald Callie den Satz ausgesprochen hatte, wusste sie, dass sie etwas Falsches gesagt hatte. Irenes Miene ließ keinen Zweifel daran. Obwohl kaum wahrnehmbar für einen Fremden, verriet das Mienenspiel ihrer Chefin ein gewisses Missfallen, das die meisten Angestellten von Palmer Enterprises in Panik versetzt hätte.

„Aus welchem Grund, Callie?“

„Nun …“ Callie rang nach Worten. „Ich denke, es ist auch nicht legal. Er lässt mich doch bestimmt eine Geheimhaltungserklärung unterschreiben.“

„Darüber brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen“, erwiderte Irene. „Du weißt ja, wie sehr wir dich als Angestellte schätzen. Du gehörst quasi zur Familie, und solltest du tatsächlich in Schwierigkeiten geraten, lassen wir dich nicht hängen.“

Beim Wort „Familie“ wurde Callie warm ums Herz. Sie verdankte den Palmers, besonders Irene Palmer, wirklich alles. Ohne Irene hätte es für sie keine Ausbildung gegeben, folglich auch keine gut bezahlte Stelle, keine schöne Wohnung und auch nicht die schicken Designerschuhe, die sie so liebte.

„Der Zeitpunkt ist ideal für uns“, fuhr Irene schwärmerisch fort.

„Wie meinst du das?“ Callie schaute ihre Chefin und Mentorin vertrauensvoll an.

Irene war die erste Erwachsene gewesen, die ihr Hoffnung auf eine bessere Zukunft gemacht hatte. Sie hatte Callie davon überzeugen können, etwas aus ihrem Leben zu machen. Erst später hatte Callie begriffen, dass ihre Wohltäter mehr als nur Dankbarkeit von ihr erwarteten. Jetzt, nach zwölf Jahren, fragte sie sich manchmal, wie lange sie noch in der Schuld der Palmers stand.

„Glaub mir, zu jeder anderen Zeit würde ich dich als meine Sekretärin und Assistentin schmerzlich vermissen. Aber der neue Ehrenkonsul von Guildara soll noch vor Weihnachten ernannt werden. Bis dahin sind es nur noch neun Wochen, nicht wahr?“

Callie hatte aufmerksam zugehört und nickte.

„Verstehst du, das ist die ideale Gelegenheit für uns“, sagte Irene eindringlich. „In ganz Neuseeland rechnet man damit, dass Bruce Konsul wird. Dich kennt man zwar als meine Privatsekretärin, aber niemand kann erwarten, dass du mit nach Guildara ziehen möchtest. Also musst du dir eine neue Aufgabe suchen.“

Als Callie immer noch nichts sagte, hob Irene die rechte Hand mit den makellos manikürten Fingernägeln. „Ja, ich weiß, du hast damit gerechnet, die neue Teamleiterin für Entwicklungsstrategien zu werden. Aber wenn wir Tremonts Maulwurf nicht finden und sein geschäftsschädigendes Verhalten nicht abstellen können, brauchen wir so ein Team bald nicht mehr, weil es Palmer Enterprises dann nicht mehr geben wird.“ Auf einmal schimmerten Tränen in Irenes Augen. „Ich will alles tun, um unsere Firma zu retten, und du musst mir dabei helfen, Callie. Wie gesagt, es ist der ideale Zeitpunkt für dich, bei Tremont einzusteigen.“

Callie drehte sich vor Entsetzen fast der Magen um. Sie wusste zwar schon länger, dass Josh Tremont mit seiner Firma ein harter Konkurrent war. Aber dass er eine solch große Gefahr für die renommierte Firma der Palmers bedeutete, hätte sie nicht gedacht. Die Lage war also viel schlimmer, als sie vermutet hatte.

Diese Erkenntnis legte sich wie eine bleierne Last auf ihre Schultern. Seufzend fügte sich Callie in das Unvermeidliche. „Dann muss ich wohl bei Tremont einsteigen und spionieren.“

„Ich bitte dich, Callie, so etwas würde ich dir doch niemals vorschlagen.“ Irene wischte sich rasch die Tränen fort, und im nächsten Moment lächelte sie schon wieder gefasst. Auch jetzt zeigte sich in ihrem fein geschnittenen Gesicht kaum eine Falte.

Der Grande Dame waren ihre fünfundsechzig Jahre wirklich nicht anzusehen. Sie strahlte eine zeitlose Eleganz aus, die jedoch auch etwas Unnahbares hatte. Es gab nicht viele Menschen, die Irenes Vertrauen erlangten. Callie gehörte zu diesen wenigen Menschen.

„Natürlich nicht“, beeilte Callie sich zu sagen. Als sie das Lächeln ihrer Chefin erwiderte, machte sie sich jedoch keine Illusionen. Irene würde sich niemals herablassen, so etwas ausdrücklich von ihr zu fordern. Dennoch war klar, dass sie es erwartete.

„Liebste Callie, du weißt sicher, wie dankbar wir dir sein werden.“ Huldvoll neigte Irene ihren Kopf mit dem perfekt frisierten Haar. „Im Grunde würdest du ja weiter für uns arbeiten, nur eben auf eine andere Weise. Du kennst mich. Nichts liegt mir ferner, als die Dinge zu dramatisieren, aber im Moment bist du unsere einzige Hoffnung.“

Plötzlich überkam Callie ein nervöses Unbehagen. Sie sprang auf und begann im Büro hin und her zu laufen. „Aber wir wissen doch noch gar nicht, ob er mir überhaupt eine Stelle anbietet“, platzte es aus ihr heraus. „Zunächst hat er mich nur zum Lunch eingeladen.“

„Sei nicht naiv, Callie. Dazu habe ich dich nicht erzogen. Natürlich wird er dir eine Stelle anbieten. Das ist genau seine Vorgehensweise. Jede Führungskraft, die er von uns abgeworben hat, wurde zum Lunch eingeladen. Dabei kommt er dann sehr schnell zur Sache.“

„Glaubt er tatsächlich, dass er nur mit den Fingern zu schnippen braucht, und jeder läuft sofort zu ihm über?“

„Normalerweise funktioniert das, meine Liebe. Die Leute sind halt so“, bemerkte Irene ungerührt, während sie sich in ihrem Chefsessel zurücklehnte. Aus ihrer Miene war jedoch nicht abzulesen, was sie wirklich dachte.

„Aber ich bin nicht so“, beteuerte Callie.

„Deswegen wirst du umso überzeugender sein“, versicherte ihr Irene. „Ich brauche dir wohl nicht zu erklären, wie schwierig die Lage auf dem Stellenmarkt zurzeit ist. Es gibt kaum gute Angebote. Und wenn es so aussieht, als würdest du bei Palmer bald nicht mehr gebraucht … Wer sollte dir dann verübeln, dass du die Gelegenheit beim Schopfe packst? Außerdem kannst du nicht leugnen, dass dieser Tremont eine gewisse Anziehungskraft hat.“

Callie verzog das Gesicht und ließ sich wieder in den schwarzen Ledersessel vor Irenes Schreibtisch fallen. Anziehungskraft, ja, die sollte Josh Tremont angeblich zur Genüge ausstrahlen. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie für ihn arbeiten wollte. „Und wenn er mich, nachdem er mich kennengelernt hat, doch nicht haben will?“

Prompt hörte Callie Irene lachen. Es klang wie der Herbstwind, wenn er trockenes Laub aufwirbelt. „Oh, Callie, du unterschätzt dich gewaltig. Der Mann hat sich längst für dich entschieden.“

Diese Bemerkung ließ Callie aufhorchen. Sie fragte sich, was eigentlich von ihr erwartet wurde. Wie weit sollte sie bei ihrer Spionagemission gehen?

Diese Frage musste sie sich selbst beantworten. Wie weit war Callie bereit zu gehen, für die Palmers und für ihre eigene Zukunft?

Zwei Tage später, als Callie am Steuer ihres brandneuen Cabrios saß, stöhnte sie ärgerlich. Gerade hatte sie ein schwarzes Maserati Coupé überholt und nahm ihr die letzte Parklücke vor dem Restaurant, wo sie zum Lunch verabredet war. Jetzt müsste sie sich einen weiter entfernten Parkplatz suchen und würde wahrscheinlich zu spät kommen.

Dabei hasste Callie Unpünktlichkeit noch mehr als den Grund für diese Verabredung.

Mit einem flauen Gefühl im Magen dachte sie daran, was sie mit Irene vereinbart hatte. Sie sollte sich anfangs nicht zu interessiert geben, um Tremont nicht misstrauisch zu machen. Damit hatte Callie kein Problem, weil sie nichts von diesem Mann hielt, sie verachtete ihn regelrecht. Aber sie fürchtete, dass es ihr sehr schwerfallen würde, Ja zu sagen, wenn er ihr ein Angebot machte, für ihn zu arbeiten. Sie konnte nur hoffen, dass sie das schaffte, obwohl sie sich innerlich dagegen sträubte.

Wieder rief sie sich ins Gedächtnis, warum sie überhaupt auf Irenes Bitte eingegangen war. Angesichts der Bedrohung für Palmer Enterprises hatte sie gar nicht anders reagieren können. Callie fühlte sich geradezu verpflichtet, den Palmers zu helfen.

Wie immer, wenn sie an Josh Tremont dachte, wurde sie wütend. Ihm war keine Methode zu schäbig, die Firmenstruktur von Palmer Enterprises aufzuweichen. In den letzten fünf Jahren hatte er eine Reihe der besten Führungskräfte abgeworben, selbst wenn sie langfristig an Palmer gebunden waren. Er erstattete ihnen einfach die hohen Geldstrafen, die sie bei vorzeitigem Ausscheiden aus ihrem Arbeitsvertrag an die Firma Palmer zahlen mussten.

Und nun hatte er sein Augenmerk auf Irene Palmers Assistentin gerichtet.

Als Callie endlich, drei Blocks vom Restaurant entfernt, einen Parkplatz gefunden hatte, glühten ihre Wangen vor Hektik. Mit schnellen energischen Schritten eilte sie zum Restaurant zurück.

Sie hatte sich für den Anlass bewusst wenig formell angezogen. Mit schokoladenbraunen Röhrenjeans und einer apricot-braun-weiß gestreiften Bluse darüber war sie keinesfalls overdressed. Allerdings waren es teure Designermodelle, die Tremont schon beeindrucken sollten. Aber auf der anderen Seite wollte Callie nicht den Eindruck erwecken, als sei ihr dieses Treffen besonders wichtig. Er wird sich wundern, wie locker ich die Sache nehme, dachte sie lächelnd.

Im Grunde hatte sie sich diese Strategie erst heute Morgen ausgedacht, als sie ihr Outfit zusammenstellte. Es war ein Kompromiss. Sie wollte weder zu interessiert erscheinen noch zu zurückhaltend. Wenn sie etwas kühl und distanziert wirkte, so war ihr das nur recht. Tremont würde sein Angebot deshalb sicher nicht zurückziehen. Das war nicht seine Art.

Das für Auckland so typische feuchtschwüle Frühlingswetter machte Callie mit ihrer Frisur Probleme. Sie hatte ihr kastanienbraunes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden und einzelne Strähnen herausgezupft, die locker ihr Gesicht umrahmten. Diese kringelten sich in der feuchten Luft jedoch schon bald zu koketten Löckchen. Das passte zwar nicht zum Styling und ärgerte Callie, aber sie konnte nichts dagegen tun.

Nach ein paar Minuten erreichte sie den mit einer grünen Markise überdachten Eingang des Restaurants, das in der Stadt bei Gourmets einen ausgezeichneten Ruf genoss. Etwas anderes hätte Callie von Josh Tremont auch nicht erwartet. Er hatte einen exklusiven Geschmack und war auch bereit, entsprechend dafür zu zahlen.

Eigentlich sollte ich mich geschmeichelt fühlen, dass er mich treffen will, dachte Callie. Er muss meine Position in der Firma der Palmers sehr hoch einschätzen.

Bevor sie das Lokal betrat, warf sie rasch einen Blick auf ihr Spiegelbild in der sorgfältig polierten Glastür. Abgesehen von ihren Lockenkringeln und einem leichten Glanz auf Wangen und Nase vom schnellen Laufen, war Callie mit ihrer Erscheinung zufrieden. Sie klemmte ihre Vuitton-Dokumententasche fester unter den Arm, atmete noch einmal tief durch und ging hinein.

Das Foyer war so spärlich beleuchtet, dass Callie ihre Sonnenbrille hochschob, während sie die Tische im Restaurant nach Tremont absuchte.

„Kann ich Ihnen helfen, Madam?“, fragte der schwarzbefrackte Oberkellner beflissen.

Callie musste ein Lächeln unterdrücken. Sein Tonfall hätte sicher anders geklungen, wenn er wüsste, dass sie hier noch vor zwölf Jahren die Abfälle aus der Tonne hinter der Küche gegessen hatte. Aber zum Glück hatten sich die Zeiten geändert.

„Ich bin mit Mr. Tremont verabredet“, antwortete sie, ohne sich von dem vornehmen Gehabe beeindrucken zu lassen.

„Dann sind Sie sicher Ms. Lee. Kommen Sie, Mr. Tremont wartet bereits.“

Während Callie dem steifen Oberkellner durch das fast voll besetzte Restaurant zu einem ruhigen Nischentisch folgte, hätte sie ihm hinter seinem Rücken am liebsten die Zunge herausgestreckt. Aber im weisen Alter von achtundzwanzig hatte Callie längst gelernt, solch spontane Impulse zu unterdrücken. Das brachte eh nur Ärger.

Fast ehrfürchtig stellte er sie vor. „Ms. Lee für Sie, Sir.“

Als John Tremont von seinem Laptop aufsah, fühlte Callie sich seinem durchdringenden Blick gnadenlos ausgeliefert. Sie kannte den millionenschweren Geschäftsmann sowohl aus der Klatschpresse als auch aus Wirtschaftsmagazinen, hätte sich jedoch nie träumen lassen, dass seine stahlblauen Augen sie so faszinierten. In diesem Moment wurde ihr klar, was mit dem Ausdruck „wie vom Blitz getroffen“ gemeint ist.

Zunächst war sie wie elektrisiert, danach schwankte sie zwischen Fliehen oder Kämpfen.

Auf ein Duell mit Tremont war Callie ja vorbereitet. Aber als sie ihm jetzt von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, brachte er sie aus der Fassung und sie wünschte, seine Einladung nicht angenommen zu haben.

Dazu spürte sie auch noch ein Kribbeln im Bauch. Sie wollte jedoch erst gar nicht darüber nachdenken, ob das an seiner Ausstrahlung lag.

„Guten Tag, Mr. Tremont“, brachte Callie schließlich hervor.

Bevor er ihre ausgestreckte Hand ergriff, stellte er seinen Laptop auf die weiße Damast-Tischdecke und stand auf. Callies Herz klopfte, als sie den angenehmen Druck seiner langen schmalen Finger spürte. Sie fragte sich insgeheim, wie es sich anfühlen würde, wenn er sie mit diesen Fingern streichelte, und prompt kribbelte es wieder in ihrem Bauch. Diesmal sogar heftiger. Dabei hatte Tremont noch kein Wort gesagt.

Er ließ ihre Hand wieder los und deutete auf den Stuhl ihm gegenüber. Nachdem der Kellner Callie den Stuhl zurechtgerückt und sie sich gesetzt hatte, nahm auch Tremont wieder Platz.

Kein Wunder, dass so viel über ihn geschrieben wird, ging es ihr durch den Kopf, er hat gute Manieren und sieht sehr gut aus.

Sie musterte ihn verstohlen. Er war groß, schlank und athletisch gebaut, hatte dichtes schwarzes Haar und einen dunklen Teint. Er trug einen hellgrauen Anzug, kombiniert mit schwarzem Hemd und schwarzer Krawatte. Das Outfit betonte sein Image von Verwegenheit.

„Ich freue mich, dass Sie kommen konnten, Callie Rose.“

Der tiefe sonore Klang seiner Stimme beeindruckte sie. Aber sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. „Wissen Sie, Callie Rose nennen mich nur Menschen, die mir sehr nahestehen. Sie können mich mit Callie oder Ms. Lee anreden.“

Auf Tremonts Gesicht trat ein verhaltenes Lächeln, das sie noch mehr beeindruckte. Seine Augen blitzten jetzt schelmisch, und er verzog die sinnlichen Lippen, sodass sich an den Mundwinkeln Grübchen bildeten. Dann beugte er den Kopf ganz leicht zu ihr vor. „Callie“, sagte er, während sein Lächeln breiter und unwiderstehlicher wurde. „Kann ich Ihnen vorm Lunch einen Drink anbieten?“

„Danke, ich trinke nur Mineralwasser.“ Sie saß kerzengerade da. Ihr Gesicht zeigte den Ausdruck von höflichem Desinteresse, den sie lange genug geübt hatte. Nein, sie würde sein Lächeln nicht erwidern, unter gar keinen Umständen.

Dieser Mann hatte keine Skrupel, er war rücksichtslos und intelligent. Und mit jedem geschäftlichen Coup, den er erfolgreich durchzog, wurde er eine größere Bedrohung für Palmer Enterprises. Callie machte sich keine Illusionen. Ihr würde es nicht leichtfallen, ihn davon zu überzeugen, dass sie die Fronten wechseln wollte.

Als Tremont die Getränke bestellte, nahm er zu ihrem Erstaunen für sich selbst auch nur Wasser. „Hoffentlich verzichten Sie nicht meinetwegen auf Alkohol.“

„Oh, machen Sie sich keine Gedanken. Ich tue niemals etwas, nur um anderen zu gefallen.“ Wieder schaute er Callie mit diesem durchdringenden Blick an. „Es sei denn, es würde mir Spaß machen.“

Beim letzten Satz klang seine Stimme eine Oktave tiefer und ließ Callie erschauern. Sie konnte sich schon vorstellen, was er mit „Spaß machen“ meinte. Ohne es zu wollen, musste sie an Sex denken, an nackte Haut auf nackter Haut, an streichelnde Hände und ineinander verschlungene Beine.

Ihr wurde ganz heiß dabei, sodass sie Mühe hatte, ruhig sitzen zu bleiben. Das eisgekühlte Mineralwasser wurde gerade im richtigen Moment serviert. Sie trank gleich einen kräftigen Schluck.

Er schien leicht amüsiert zu sein. „Durstig?“

„Allerdings“, konterte Callie. „Ich musste bei der Wärme ein ganzes Stück laufen.“

„Oh, gab es vorm Lokal keine Parkplätze mehr?“

„Nein, jemand mit so einer Luxuskarosse ist einfach vor meiner Nase in die letzte Parklücke gefahren.“ Sobald sie es ausgesprochen hatte, ahnte sie, dass sie vorsichtiger hätte sein sollen. Sie stieß einen leisen Seufzer aus. „Sie waren das, nicht wahr?“

„Ich bekenne mich schuldig.“ Tremont hob demonstrativ beide Hände. „Aber hätte ich gewusst, dass ich ausgerechnet Sie ausboote, hätte ich es gelassen.“

„Kein Problem, ich bin gern etwas sportlich.“

Sie hatte eigentlich nicht erwartet, dass diese Bemerkung ihn dazu veranlassen würde, sie eingehend zu betrachten. Sein Blick glitt über ihre Schultern, Busen und Taille bis hinunter zu ihren langen schlanken Beinen, die sie seitlich übergeschlagen hatte.

„Sie sehen auch nicht unsportlich aus“, entgegnete Tremont lächelnd. „Aber es wäre doch schade, wenn Sie sich Ihre hübschen Sandalen schmutzig machten. Manolos, stimmt’s? Ich fahre Sie nach dem Lunch zu Ihrem Wagen, sozusagen als Wiedergutmachung.“

„Das ist wirklich nicht nötig.“

Callie war überrascht, dass er ihre exklusive Schuhmarke kannte. Sie hatte eine Schwäche für schöne Schuhe und gab enorm viel Geld dafür aus. Ein Wunder, dass sie so makellose Füße hatte, obwohl sie jahrelang keine oder nur alte ausgetretene Schuhe, die andere Leute wegwarfen, getragen hatte.

„Warten wir’s ab“, erwiderte Tremont. „Ich schlage vor, wir ordern jetzt unseren Lunch und kommen dann zum Geschäftlichen.“

Callie überlegte nicht lange. Sie nahm einen Caesar-Salat, während Tremont Lachsfilet mit glasierten Spargelspitzen bestellte.

Danach lehnte er sich zurück und legte einen Arm locker über die breite Stuhllehne. „Wie lange arbeiten Sie schon für die Palmers, Callie?“

Aber sie ließ sich durch diese Geste nicht täuschen. Jetzt kam er zur Sache und wollte sie ausfragen. Das sah sie ihm am Gesicht an.

Ihr war auch klar, dass er auf ihre Körpersprache achten würde. Also beugte sie sich lächelnd ein klein wenig vor, stützte die Ellbogen auf den Tisch und faltete die Hände.

Sie antwortete bewusst ohne konkrete Zeitangabe. „Ich habe direkt nach dem Studium in der Firma angefangen.“

Tremont nickte. „Soviel ich weiß, haben Sie Ihren Master in Medienwissenschaften mit Auszeichnung gemacht. Respekt!“

„Richtig“, erwiderte sie kühl. „Aber wenn Sie das schon wissen, warum fragen Sie mich nicht etwas anderes?“

Callie entging nicht, wie seine blauen Augen aufblitzten. Dann strich er sich scheinbar bedächtig übers Kinn. „Was müsste ich eigentlich tun, um Sie für meine Firma zu gewinnen?“

„Wie meinen Sie das? Das müssen Sie mir schon näher erklären.“

„Eben nicht, denn Sie sind eine intelligente Frau, Callie. Außerdem dürfte es Ihnen nicht entgangen sein, dass es einen Exodus der Führungskräfte von Palmer Enterprises gegeben hat, die alle zu Tremont Corporation gewechselt sind.“

Sie musste sich beherrschen, um ihrem Ärger darüber nicht Luft zu machen. „Ich würde es nicht Exodus nennen. Einige von uns sind schon geblieben und verhalten sich weiter loyal.“

„Aha“, stellte Tremont lächelnd fest. „Sie betonen also, dass Sie fest zu Ihrem Arbeitgeber stehen.“

„Finden Sie das etwa falsch?“ Ohne Rücksicht auf ihre Körpersprache, verschränkte Callie die Arme vor der Brust. „Gibt es Ihnen nicht zu denken, wenn Leute sich so leicht abwerben lassen?“

Tremont krauste die Stirn, und sein Blick wurde abweisend. Das ist jetzt der wahre Josh Tremont, ging es Callie durch den Kopf. Dieser Mann versucht die Firma Palmer Enterprises mit allen Mitteln kaputt zu machen. Schon seit Jahren wirbt er Personal ab und unterbietet jedes Angebot.

Seine Antwort war diplomatisch. „Ein guter Gedanke.“

Bevor Callie darauf eingehen konnte, brachte der Kellner das Essen.

„Lassen wir das Thema bis nach dem Essen ruhen“, schlug Tremont vor. „Wir wollen uns doch nicht den Appetit damit verderben.“

Sie lachte kurz auf. „Es braucht schon eine Menge mehr, um mir das Essen zu verderben.“

„Freut mich, das zu hören. Frauen mit gesundem Appetit sind mir sehr sympathisch.“

Fast wäre Callie der Bissen im Hals stecken geblieben. Sie saß auf einmal kerzengerade da, denn Tremonts Bemerkung klang ihr im Ohr. Es hatte sich so angehört, als dachte er bei Appetit nicht nur ans Essen. Wieder liefen Sexszenen vor ihrem inneren Auge ab. Diesmal erkannte sie sich selbst darin. Die Vorstellung war so real, dass sich ihre Brustspitzen verhärteten.

Zu Callies Erleichterung sprach Tremont während des Essens dann andere Themen an. Offensichtlich war er ein aufmerksamer Beobachter, und seine Kommentare zeugten von scharfem Verstand. Sie wunderte sich, dass sie meistens seiner Meinung war.

Erst nach dem Essen bei einem köstlichen Eiskaffee gelang es Callie, sich wieder zu entspannen. Vorsichtig nahm sie etwas sahniges Vanilleeis mit Schokoladenstreuseln auf ihr Löffelchen und kostete genießerisch davon. Sie liebte diese Geschmackskombination.

Gleich darauf brachte sie Tremonts Bemerkung auf den harten Boden der Realität zurück. „Ich will Sie, Callie, was immer mich das kostet.“

Jetzt war es so weit. Auch wenn es ihr widerstrebte, sie durfte sein Angebot nicht ablehnen. Was hatte Irene ihr noch beim letzten Gespräch geraten? Kühl bleiben.

Also hob Callie scheinbar überrascht die Brauen. „Ich habe doch eine Stelle, die mir gut gefällt. Der Aufgabenbereich ist interessant, und ich mag die Leute, für die ich arbeite.“

Darauf brach Tremont in lautes Lachen aus, sodass die anderen Gäste sich neugierig nach ihm umdrehten. „Oh, Callie, Sie sind gut, wirklich ausgesprochen gut! Nicht jeder versteht es, mich so höflich in meine Schranken zu weisen. Aber jetzt lassen Sie bitte die Spielchen und nennen mir Ihren Preis.“

Sie trank einen Schluck von ihrem Eiskaffee, stellte das Glas sorgfältig auf das silberne Tablett zurück und sah Tremont ins Gesicht. Als sich ihre Blicke trafen, spiegelte sich eine ungeheure Willenskraft in seinen Augen. Wäre Callie eine schwächere Frau gewesen, hätte sie sich einschüchtern lassen. Aber sie hielt seinem Blick stand. „Und wenn ich keinen Preis habe?“

„Kommen Sie schon, Callie. Jeder hat seinen Preis.“

„Lassen Sie mich über Ihr Angebot nachdenken. Ich rufe Sie an.“ Mit einem kühlen Lächeln stand sie auf und klemmte sich die Dokumententasche unter den Arm. „Vielen Dank für den Lunch. Ich möchte jetzt gehen. Alles ist gesagt.“

Sie reichte Tremont die Hand, um sich zu verabschieden. Seine Augen blitzten gefährlich, als er aufstand und ihre Hand ergriff. Mit dem Daumen fuhr er ihr ein paarmal über die Innenseite, worauf Callie ein warmer Schauer überlief.

„Ich habe nicht aufgegeben“, erklärte Tremont. „Hat Ihre Mutter Sie niemals vor Männern wie mich gewarnt? Wir lieben die Herausforderung.“

Sie dachte kurz an die Frau, die sich ihre Mutter nannte. Callie hatte sehr unter ihren Launen gelitten, und Ratschläge hatte sie von ihr niemals bekommen.

Jetzt kam Tremont noch ein bisschen näher. „Lassen Sie mich lieber nicht zu lange warten.“ Dann ließ er Callies Hand los.

„Ich werde darüber nachdenken. Aber mehr kann ich Ihnen nicht versprechen.“

Er nickte kurz und knapp. „Ich bringe Sie jetzt zu Ihrem Wagen.“

„Ist nicht nötig.“

„Ich sagte doch, dass ich Sie zu Ihrem Wagen bringe. Das werde ich auch tun, denn ich stehe immer zu meinem Wort.“

„Tatsächlich?“

„Ja. Unterschätzen Sie mich nicht, Callie. Ich sage, was ich meine, und ich bekomme am Ende auch immer, was ich will.“

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