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Verführung unter spanischen Sternen

1. KAPITEL

Isabel Makepeace, von allen Izzy genannt, sank erschöpft auf eine Bank im Schatten eines weit ausladenden Baumes, der ihr Schutz vor der stechenden Mittagssonne bot. Die herrliche Aussicht auf den an dieser Stelle der spanischen Küste kristallklaren tiefblauen Atlantik bemerkte sie nicht. Stattdessen kämpfte sie gegen die Tränen an, die ihr in die Augen stiegen. Ich werde nicht weinen. Ganz bestimmt nicht!

Nervös kaute sie auf der Unterlippe, fuhr mit der Hand durch das feine silberblonde Haar, das sie wieder einmal nicht hatte bändigen können, und wünschte sich von Herzen, nicht so eine totale Versagerin zu sein – und dass ihre Füße nicht so schmerzten. Zum Ausgleich für die fehlende Körpergröße – sie maß nur knapp einen Meter sechzig – hatte sie sich angewöhnt, stets Schuhe mit schwindelerregend hohen Absätzen zu tragen, koste es, was es wolle. Heute erwies sich das als großer Nachteil. Auf der Suche nach einer erschwinglichen Unterkunft, in der sie wohnen konnte, bis sie einen neuen Arbeitsplatz gefunden hatte, musste sie bestimmt noch kilometerweit laufen.

Ihre Familie hatte sich nie über ihre geringe Größe, die ihr selbst so sehr bewusst war, geäußert. Dafür hatte ihr Bruder bei jeder sich bietenden Gelegenheit bissige Bemerkungen über ihren unzureichenden Intellekt gemacht.

Ihr Vater war fast verzweifelt, weil sie noch nicht einmal ansatzweise gesunden Menschenverstand besaß, und die Mutter hatte immer nur traurig den Kopf geschüttelt über die vielen Schwächen der ungeplanten Nachzüglerin. Was war ich doch für eine unangenehme Überraschung für meine Eltern, hatte Izzy oft gedacht und sich umso mehr bemüht, es dem blitzgescheiten Bruder, dem erklärten Liebling der Eltern, gleichzutun.

Als sie ihrem Vater am Telefon von ihrer Kündigung berichtete, hatte sie seine Enttäuschung beinahe körperlich spüren können, trotz der riesigen Entfernung nach Neuseeland. Den Job, den er ihr in seiner ehemaligen Kanzlei in England verschafft hatte – noch dazu, wie sie vermutete, gegen den Widerstand der anderen Seniorpartner –, hatte sie freiwillig aufgegeben, um eine Anstellung als englischsprachiges Kindermädchen bei einem reichen spanischen Ehepaar in Cadiz anzunehmen. Er hatte vorausgesagt, dass sie diese Entscheidung noch bedauern würde – und wie immer recht behalten!

Dabei war ihr die Stellenanzeige, die sie in einer der großen Tageszeitungen entdeckt hatte, wie ein Geschenk des Himmels erschienen. Sie sollte die sechsjährigen Zwillingstöchter des Paares betreuen und auch Englisch mit ihnen üben, dazu leichte Hausarbeiten übernehmen. Die Antwort auf ihre Gebete, der Beginn eines neuen Lebens – das alles schien der neue Job zu verheißen.

Ihrem Selbstvertrauen hatte es sehr gutgetan, den Job tatsächlich zu bekommen, denn erst kurz zuvor war sie durch den Mann, dem ihre ganze Liebe galt, zutiefst gedemütigt worden. Fest entschlossen, Marcus und ihr gebrochenes Herz zu vergessen, sich als die beste Nanny der Welt zu erweisen und ihrem großen Bruder James und ihren an ihr fast verzweifelnden Eltern zu beweisen, dass sie nicht an jeder Aufgabe scheiterte, hatte sie den neuen Posten voll Energie und mit den besten Absichten angetreten.

Daher hatte sie auch nicht protestiert, als Señor und Señora del Amo, die eine riesige elegante Villa am Stadtrand bewohnten, ihr ein Zimmer zugewiesen hatten, das kaum größer als ein Schrank gewesen war. Licht konnte nur durch eine winzige Dachluke in die Kammer fallen, die lediglich mit einem brettharten, schmalen Bett und einer wackligen Kommode möbliert gewesen war.

Die Zwillinge hatten sich als wahrer Albtraum erwiesen. Sie widersetzten sich jeder ihrer Anweisungen und gaben vor, kein Wort Englisch zu verstehen, obwohl ihre Mutter stets stolz das Gegenteil behauptete. Und sobald Izzy versuchte, sich mit ihnen auf Spanisch zu verständigen – mithilfe ihres Wörterbuchs – starrten sie sie nur stumm an oder brachen in schallendes Gelächter aus.

Ich war nur ein schlecht bezahltes Dienstmädchen, dachte sie traurig. Ihren freien Tag hatte sie nur selten nehmen können, und die leichte Hausarbeit, die sie leisten musste, wenn die Kinder in der Schule waren, beinhaltete alles vom Bügeln eines riesigen Wäscheberges bis zum Schrubben des Marmorbodens der riesigen Eingangshalle der Villa. Doch sie machte entschlossen weiter. Aufgeben und einen weiteren Misserfolg eingestehen wollte sie keinesfalls.

Schnell lernte sie auch, Señor del Amo so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Der korpulente Mann hielt es anscheinend für sein gutes Recht, sie zu belästigen, wann immer es ihm in den Sinn kam, nur weil er ein reicher Bankier war und ihren bescheidenen Lohn zahlte.

Da sie dieser unerträglichen Situation möglichst bald entkommen wollte, sparte sie eisern jeden Cent. Mit den Rücklagen beabsichtigte sie, die Fahrt in eines der Feriengebiete an der Küste zu finanzieren, wo sie trotz ihrer minimalen Spanischkenntnisse sicher bald eine billige Unterkunft und eine Arbeit in einem Hotel oder einer Bar finden würde.

Doch eines Morgens wurde ihr schöner Plan zerstört. Señor del Amo pirschte sich an sie heran, während sie die Waschmaschine belud. Sie versuchte gerade verzweifelt, sich aus seinen Armen zu befreien, als die Señora hereinkam und mit einem schrillen Wortschwall auf Spanisch dem Treiben ein Ende bereitete. Izzy wischte sich mit dem Handrücken über den Mund, um die ekelerregenden Spuren seiner feuchten Lippen zu entfernen, und achtete gar nicht auf die Worte, mit denen der Bankier sich seiner Frau gegenüber rechtfertigte. Aber als die Señora sich mit hartem Blick an sie wandte und befahl: „Verlass auf der Stelle mein Haus! Wie kannst du es wagen, einen ehrbaren Familienvater zu verführen? Hast du denn überhaupt nicht an meine unschuldigen kleinen Mädchen gedacht?“, starrte Izzy sie nur ungläubig an, völlig fassungslos angesichts der schreienden Ungerechtigkeit dieser Behauptung. Doch die Señora war noch nicht fertig. Genüsslich fügte sie hinzu: „Natürlich bekommst du von mir weder Referenzen noch den restlichen Lohn. Und ich werde dafür sorgen, dass alle unsere Bekannten von deinem ungebührlichen Benehmen erfahren!“

Sich jetzt zu verteidigen wäre sinnlos, das war klar. Señora del Amo würde glauben, was sie glauben wollte. Izzy blieb nichts übrig, als ihre Taschen zu packen und zu gehen.

Aber zumindest etwas Gutes hatte das Ganze gehabt. Sie war froh gewesen, endlich den lüsternen Blicken und Berührungen des Hausherrn, den unangemessenen Forderungen der Señora und den grässlichen Zwillingen entkommen zu können.

Dieser Gedanke hatte ihre Würde wiederhergestellt, und so hatte sie es auch gewagt, sich im Hinausgehen mit hoch erhobenem Kopf an die Spanierin zu wenden. „Wenn Sie auch nur ein Wort von dem glauben, was Ihr Mann Ihnen gesagt hat, sind Sie eine größere Närrin, als ich gedacht habe.“ Ihr war allerdings bewusst, dass sie sich mit dieser Bemerkung eine Feindin fürs Leben gemacht hatte.

So schnell wie möglich hatte sie ihre wenigen Habseligkeiten gepackt und war aus dem Haus gestürmt, in Richtung Innenstadt.

Jetzt saß Izzy auf einer Bank, arbeitslos und ohne Dach über dem Kopf und – aufgrund ihrer mangelhaften Spanischkenntnisse – mit geringen Aussichten, in Cadiz einen Job zu finden. Für die Fahrt in den nächstgelegenen Urlaubsort, wo bestimmt dringend Personal für die Hochsaison gesucht wurde, fehlte ihr einfach das Geld.

Ihre Eltern in Neuseeland anrufen, einen weiteren Misserfolg eingestehen und um Hilfe bitten, das wollte sie nur, falls sie gar keinen anderen Ausweg fand.

Entschlossen hob sie das Kinn, warf sich den Rucksack über die Schultern und ergriff ihren Koffer. Irgendetwas wird sich schon finden! Vielleicht konnte sie in einem der vielen Büros am Hafen putzen. Fragen kostete nichts.

Eine Stunde später war sie noch immer ohne Job, und die Füße schmerzten unerträglich. Izzy verließ den faszinierenden Hafen mit den riesigen Frachtern, geschäftigen Schleppern, imposanten Kreuzfahrtschiffen und kleinen Fischerbooten und ging in Richtung Altstadt. Dort wanderte sie durch enge, dunkle Gassen, in denen die Balkone über ihrem Kopf sich beinahe berührten und so den Passanten Schutz vor der sengenden Hitze boten.

Das Haar fiel ihr immer wieder in die Augen, T-Shirt und Rock klebten an ihrem schweißfeuchten Körper, und sie hatte schrecklichen Durst. Wenn ich jetzt die Schuhe ausziehe, um meinen Füßen eine Pause zu gönnen, bekomme ich sie bestimmt nicht mehr an, dachte sie.

Doch schlagartig verschwand ihr Selbstmitleid, denn sie sah, wie der einzige andere Fußgänger in dieser schmalen Straße, ein gebrechlicher, schäbig gekleideter alter Mann, schwankte und zusammenbrach. Ohne zu zögern ließ sie ihr Gepäck fallen, ignorierte die brennenden Füße und lief zu ihm, um zu helfen.

Cayo Garcia stürmte aus dem Apartmentgebäude, in dem er die Penthouse-Suite bewohnte, sooft er sich geschäftlich in Cadiz aufhielt. Er wollte den Weg zu seinem Onkel zu Fuß zurücklegen, um wenigstens einen Teil seiner Wut abzureagieren. Schnell überquerte er die geschäftige Avenida del Puerto und betrat die Altstadt, ein Labyrinth von engen Gassen. Ich hätte längst ein Machtwort sprechen müssen, dachte er.

Ungeduldig fuhr er sich mit den Fingern durch das nachtschwarze, perfekt geschnittene Haar und beschleunigte seine Schritte, die dunklen Augen zum Schutz vor der gleißend hellen Morgensonne zusammengekniffen.

Nach zwei Monaten auf Geschäftsreise war er nur kurz ins Castillo, das Schloss der Familie Garcia in den Bergen Andalusiens, zurückgekehrt, wo er einen Brief seines Onkels Miguel vorgefunden hatte. Beim Lesen hatte er die übliche Mischung aus tiefer Zuneigung und Frustration empfunden. Der alte Knabe war so etwas wie eine Vaterfigur für ihn. Sein leiblicher Vater hatte Cayo die Schuld am Tod der geliebten Frau zwei Monate nach der Geburt gegeben und sich daher so wenig wie möglich mit ihm beschäftigt.

Tio Miguel dagegen hatte ihm Liebe und Zeit geschenkt und beratend zur Seite gestanden, wann immer nötig. Doch seinerseits Rat annehmen wollte er nicht!

Als ältester von zwei Söhnen hatte der Onkel die riesigen Ländereien geerbt, während der jüngere, Cayos Vater Roman, die florierende Exportfirma erhalten hatte – die wiederum nach dem Tod des Vaters vor fünf Jahren an den Sohn, also an Cayo, gefallen war.

Sein Onkel, ein liebenswerter alter Exzentriker, war also sehr reich, zog es jedoch vor, wie ein Bettler in einer armseligen Behausung zu leben. Elegante Kleidung oder exquisite Speisen waren ihm gleichgültig. Wenn er nicht daran erinnert wurde, vergaß er sogar völlig zu essen. Sein ganzes Leben drehte sich ausschließlich um Bücher.

Cayo liebte den alten Mann sehr, aber dessen unnötig bescheidener Lebensstil ließ ihn fast verzweifeln.

Ich hätte ihn längst zu mir ins Castillo holen sollen – notfalls mit Gewalt.

Andererseits glaubte er fest daran, dass jeder das Recht hatte, auf seine Weise zu leben, solange andere dadurch keinen Schaden nahmen. Und niemand war harmloser und freundlicher als sein Onkel. Also hatte er nichts unternommen.

Aber mit welchen Konsequenzen!

Der Brief hatte scheinbar erfreuliche Nachrichten enthalten. Endlich hatte Miguel eine neue Haushälterin, eine junge Engländerin namens Izzy Makepeace. Ihre Vorgängerin hatte sich mehr um den Sherry gekümmert als um die Hausarbeit und ansonsten mit den Nachbarinnen geplaudert.

Doch jeder Vorschlag, sie durch eine fähigere Kraft zu ersetzen, war von Miguel abgeblockt worden. „Benita ist alt, sie kann nicht mehr so schnell arbeiten wie früher. Aber wir kommen ganz gut zurecht. Außerdem hat sie kein anderes Zuhause.“

Nun, künftig wollte sie ihrem Enkel und dessen Frau zur Last fallen, was Cayo nur recht sein konnte. Jetzt muss ich mir wenigstens keine Sorgen mehr um Miguel machen, hatte er gedacht.

Bis gestern Abend.

Zu seinen Pflichten als Unternehmer gehörte die Teilnahme an leider oft sehr langweiligen Geschäftsessen, wie das gestern vom Bankier Augustin del Amo und seiner Frau veranstaltete. In Gedanken hatte er gerade geplant, den Onkel am nächsten Tag zu besuchen. Zunächst wollte er die neue Haushälterin gründlich inspizieren und sich versichern, dass sie ihre Aufgaben sorgfältig erfüllte, danach Miguel zum Lunch in ein Restaurant ausführen. Da hatte eine Äußerung der unsympathischen Gastgeberin seine volle Aufmerksamkeit geweckt.

„Gutes Personal ist heutzutage gar nicht mehr zu bekommen. Meine armen Kinder haben jetzt schon seit über einem Monat keine Nanny mehr – seit wir die letzte entlassen mussten. Izzy Makepeace, eine Engländerin. Es war ein Fehler, sie überhaupt einzustellen!“ Die Señora hatte dramatisch die Augen verdreht. „Dass sie unordentlich und faul war, habe ich ja noch hingenommen. Schließlich kann man keine Perfektion erwarten, egal, wie viel Lohn man auch zahlt. Aber als sie meine armen Mädchen verderben wollte, habe ich hart durchgegriffen. Diese Person war nicht viel besser als eine Prostituierte!“ Sie hatte sich in der ungeteilten Aufmerksamkeit ihrer Gäste gesonnt, dann ihrem Mann das Wort überlassen. „Du weißt das besser als ich, Augustin.“

Der Bankier hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt, das Weinglas gehoben und selbstgefällig gelächelt. „Ihr wisst ja, wie das ist. Reichtum ist ein Aphrodisiakum. Sie hat sich mir wie auf dem Präsentierteller angeboten. Aus Geldgier natürlich. Ich habe mich nicht getraut, auch nur eine Sekunde allein mit ihr zu verbringen! Aber sie war schon ein richtiger Leckerbissen! Wenn ich der Typ Mann wäre, der sich eine Geliebte hält, wäre ich vielleicht in Versuchung gekommen.“

Ein strafender Blick seiner Frau hatte ihn rasch ergänzen lassen: „Da ich aber ein treuer Familienvater bin, schickte ich … schickten wir sie fort.“

Seit diesem Gespräch raste Cayo vor Wut. Bestimmt war es der neuen Haushälterin seines Onkels ein Leichtes gewesen, in Erfahrung zu bringen, dass Miguel Garcia nicht nur der Exzentriker des Viertels und ein geachteter Gelehrter, sondern obendrein steinreich war.

Ein Flittchen namens Izzy Makepeace hatte den freundlichsten, unschuldigsten alten Gentleman auf Erden in die gierigen Klauen bekommen! Aber jetzt werde ich mich darum kümmern, dachte Cayo zornig.

2. KAPITEL

„Ich bin zurück vom Markt, Señor!“, verkündete Izzy fröhlich, als sie das beengte Arbeitszimmer ihres neuen Chefs betrat. Eine seidige blonde Strähne hatte sich aus dem Band gelöst, mit dem sie ihr widerspenstiges Haar zurückgebunden hatte, und sie schob sie mit der Hand aus den Augen. „Heute gibt es frische Sardinen mit grünen Bohnen zum Lunch.“

Billig, aber nahrhaft.

Das Haushaltsgeld war so knapp bemessen, dass sie es mit dem größten Teil ihres sowieso schon erbärmlichen Lohns aufstocken musste. Aber sie beklagte sich nicht. Ihr Arbeitgeber war offensichtlich sehr arm und hatte keine Möglichkeit, ihr mehr zu geben. Umso lohnenswerter war es für sie zu beobachten, wie der alte Herr allmählich immer mehr zu Kräften kam.

„Und Pfirsiche. Die haben mich so angelacht, ich konnte einfach nicht widerstehen.“

Miguel blickte von den Büchern und Papieren auf, die jeden Zentimeter des großen Schreibtisches bedeckten, und lächelte ihr freundlich über den Rand seiner Brille zu, die er vor einiger Zeit eigenhändig mit Klebeband repariert hatte. Vermutlich hatte er früher einmal sehr gut ausgesehen, jetzt wirkte er hager und asketisch. „Ich freue mich schon auf das Mittagessen. Aber eine Sache müssen wir noch klären. Du bist jetzt schon seit fünf Wochen bei mir, und ich habe dich von Anfang an gebeten, mich zu duzen und mit meinem Vornamen anzusprechen. Jetzt bitte ich nicht mehr darum, ich befehle es!“

„Okay. Aber nur, wenn du alles liegen und stehen lässt, was du gerade tust, und mit mir an die frische Luft kommst“, willigte sie gut gelaunt ein.

Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihn jeden Morgen und Abend zu einem kurzen Spaziergang zu ermuntern und für regelmäßige Mahlzeiten zu sorgen, die er über der Erforschung irgendwelcher obskurer Heiligen zu leicht vergessen hätte.

„Du kommandierst mich herum“, klagte er lächelnd und legte den Stift aus der Hand. „Darf ich alter Mann mir erlauben, dir zu sagen, wie hübsch du heute Morgen aussiehst?“

„Oh!“ Izzy wurde rot. In der kurzen Zeit, seit sie bei ihm war, war es ihm gelungen, ihr Selbstvertrauen wiederherzustellen, das ihr vorher völlig abhandengekommen war. Sie brauchte inzwischen noch nicht einmal mehr Schuhe mit extra hohem Absatz, um sich sichtbar zu fühlen. Auf dem Markt hatte sie sich flache Sandalen gekauft. In ihnen fühlte sie sich zwar so breit wie hoch, aber sie waren irrsinnig bequem.

Und der alte Herr war so dankbar für alles. Den Schmutz um sich herum hatte er gar nicht bemerkt, bis er von ihr entfernt worden war. Sie hatte geschrubbt, gewaschen und poliert, bis das bescheidene kleine Haus glänzte. Als er sich von seiner Überraschung erholte, hatte er sie so überschwänglich gelobt, dass ihr ganz schwindlig geworden war. Es war das erste Lob, das sie in den zweiundzwanzig Jahren ihres Lebens erhalten hatte.

Ihrer beider Schutzengel mussten die Köpfe zusammengesteckt haben an dem Tag, an dem die del Amos sie hinausgeworfen hatten und Senor Garcia auf der Straße zusammengebrochen war. Welch ein Glück, dass beide zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen waren! Der alte Professor sah inzwischen schon viel besser aus, und Izzy war dankbar, so schnell einen Arbeitsplatz und ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben, und sie war glücklich über ihre neuen Aufgaben.

Diesmal hatte Izzy ihren Eltern die Nachricht von dem erneuten Stellen- und Anschriftenwechsel per Brief mitgeteilt. Sie konnte wirklich keine Neuauflage des Telefonats ertragen, bei dem sie ihnen von der Kündigung der Stelle in London und dem Job als Nanny berichtet hatte. Über Inhalt und Wortlaut der Antwort, die sicher bald folgen würde, wollte sie jetzt allerdings nicht nachdenken, sondern lieber das ungewohnte Gefühl genießen, geschätzt zu werden.

„Ich räume rasch die Einkäufe weg, dann gehen wir an die frische Luft, bevor es zu heiß wird.“ Sie schloss die Tür zum Arbeitszimmer hinter sich und eilte in Richtung Küche. Der bunt gemusterte Baumwollrock schwang fröhlich um ihre nackten Beine. Plötzlich wurde die Haustür geöffnet. Erschrocken fuhr Izzy herum und erblickte einen hochgewachsenen Fremden mit dunklem Haar.

Ein ausgesprochen gut aussehender Fremder.

Mit vor Staunen geweiteten Augen betrachtete sie ihn. Der auffällig große, breitschultrige Mann trug ein graues Hemd aus feiner Baumwolle zu perfekt sitzenden Designerjeans, und die Schuhe waren möglicherweise sogar handgefertigt.

Langsam ließ sie den Blick zu seinem Gesicht gleiten. Hohe Wangenknochen, aristokratisch geschwungene Nase, nachtschwarze Augen, umrahmt von langen dunklen Wimpern, und tiefschwarzes Haar, offensichtlich von einem ausgezeichneten Friseur gestylt, fügten sich zu dem Bild eines überaus attraktiven Mannes zusammen – der sie voll offener Feindseligkeit musterte.

„Izzy Makepeace?“

Seine Stimme troff vor beißendem Sarkasmus, und ihr Herz setzte vor Schreck einen Schlag aus.

Wer ist das?, fragte sich Izzy. Bestimmt kein Polizist in Zivil, von Señora del Amo dazu angestiftet, mich zu verhaften, weil ich unschuldige Kinder und ältliche Bankiers gefährde! Ein Polizist hätte sich Designerkleidung ebenso wenig leisten können wie die schmale goldene Uhr am Handgelenk, die vermutlich mehr wert war, als ein Polizeibeamter in einem ganzen Jahr verdiente!

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und beschloss, nicht hysterisch zu werden, auch wenn ihr durch die mächtigen del Amos große Ungerechtigkeit widerfahren war. Angriffslustig hob sie das Kinn und fragte: „Wer will das wissen?“

Ein eiskalter, verächtlicher Blick traf sie, und sie zuckte zurück.

„Cayo!“, rief die vertraute Stimme ihres Chefs, der beim Klang der Stimmen aus dem Arbeitszimmer gekommen war.

Anscheinend kennt Señor Garcia ihn – ich muss mich endlich daran gewöhnen, ihn Miguel zu nennen, dachte Izzy und entspannte sich ein bisschen. Auch das Gefühl von drohender Gefahr, das der Fremde ihr vermittelte, ließ etwas nach. Vermutlich war es die Angewohnheit dieses außergewöhnlichen Mannes, verächtlich auf einfache Menschen wie sie herabzusehen.

Erleichtert, eine Erklärung für die ablehnende Haltung gefunden zu haben, die er ihr entgegenbrachte, trat sie näher an Miguel heran, der den Eindringling begeistert begrüßte. „Es tut so gut, dich endlich wiederzusehen! Wie lang bleibst du in Cadiz?“

„Lang genug, um dich zum Lunch auszuführen.“ Und dich vor der Frau zu warnen, die du in dein Haus aufgenommen hast, fügte Cayo in Gedanken hinzu. Diesmal würde er nicht ruhen, bis er den Onkel zum Umzug ins Castillo oder wenigstens in das luxuriöse Apartment in Cadiz überredet hatte.

Einladend streckte er ihm die Hand entgegen und ignorierte absichtlich die neue Haushälterin. „Sollen wir gehen?“ Zu seiner Überraschung – und seinem Ärger – schüttelte der Onkel aber heftig den Kopf. Das war noch nie passiert! Bisher hatte Tio Miguel jeder seiner Bitten oder jedem Vorschlag sofort nachgegeben. Außer, natürlich, der viel diskutierten Frage nach seinem Lebensstil.

„Wir essen hier! Izzy kocht für uns. Soviel ich weiß, gibt es Sardinen und Pfirsiche.“ Miguel lächelte Izzy an und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Izzy, das ist mein Neffe Cayo, ein echter Workaholic.“

Sein Neffe! Sie warf dem lieblosen Verwandten einen vernichtenden Blick zu. Wenn er sich so teure Designerkleidung leisten konnte und eine Armbanduhr, die ein paar Tausender wert war – sie hatte von ihrem erfolgreichen, wohlhabenden Bruder genug über das Thema gelernt, um das zu beurteilen –, dann konnte er sicher auch die finanzielle Notlage seines Onkels lindern und ihn öfter aufsuchen, um sich nach seinem Wohlergehen zu erkundigen. Aus Miguels Äußerung hatte sie geschlossen, dass der letzte Besuch schon sehr lange zurücklag.

Sie wartete gar nicht erst Cayos Begrüßung ab, sondern richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf, auch wenn das bedauerlich wenig war, und kündigte an: „Ich richte jetzt den Lunch, Miguel.“

Auf dem Weg in die Küche überlegte sie nur, ob die Sardinen wohl für drei Personen ausreichen würden. Dass sie für jemanden kochen sollte, der sie wie Dreck behandelte, war ihr dagegen völlig gleichgültig. Aber sie fragte sich, woher er ihren Namen kannte. Sie hätte sich danach erkundigen sollen. Und das hätte sie auch getan, wenn ihr bei seinem eiskalten Auftreten die Stimme nicht den Dienst versagt hätte. Ich kann ihn ja beim Lunch fragen. Sofern er sich nicht weigerte, mit einer bloßen Hausangestellten bei Tisch zu sitzen.

Cayo sah ihr nach, als sie ging, und musste dabei an Augustin del Amos’ Beschreibung denken. Ein richtiger Leckerbissen. Wie treffend!

Sie reichte ihm höchstens bis zur Schulter. Die sanften Rundungen ihres Körpers, das glänzende silbrig blonde Haar, die veilchenblauen Augen und die vollen, weichen Lippen konnten einen Mann durchaus zum Anbeißen verlocken. Doch alles, was für sie zählte, war Geld, und ihr war sicher bekannt, dass Miguel entgegen allem äußeren Anschein reichlich davon besaß. Immerhin war sie schon vertraut genug mit ihm, um ihn beim Vornamen zu nennen!

Er drängte den starken Impuls zurück, ihr zu folgen, sie am Genick zu packen und in die Gosse zurückzuwerfen, wohin sie eindeutig gehörte. Dann wandte er sich an seinen Onkel. „Ich muss mit dir reden.“

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