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Verführt im Harem des Scheichs

1. KAPITEL

Sommer 1818

Oh George, komm her und sieh dir das an!“ Vor Aufregung beugte Lady Celia Clevenden sich gefährlich weit über den Rand des kleinen Seglers.

Das Schiff, eine Dau, hatte den Hafen fast erreicht. Die Matrosen zogen bereits das Segel ein und riefen sich dabei in ihrer Muttersprache Befehle zu oder vielleicht auch nur freudige Bemerkungen über das bevorstehende Ende der Reise. Celia mochte den Klang der fremden Worte. Er passte zu der exotischen Umgebung, zu all den wundervollen Dingen, die sie in ihrem neuen Leben erwarteten!

Jetzt schob die Dau sich zwischen den anderen Schiffen, darunter viele Feluken, hindurch. Gleich würde sie anlegen.

Mit einer behandschuhten Hand umklammerte Celia die hölzerne Reling. Mit der anderen hielt sie ihren Hut fest, an dem ein leichter Schleier befestigt war. Durch den dünnen Stoff hindurch beobachtete sie genau, was um sie her vorging. Wie ein Schwamm nahm sie alles in sich auf, was es zu sehen und zu hören gab. Wie bunt alles war! Wie ungewohnt! Wie ganz anders als in ihrer Heimat England!

Celia trug ein hochgeschlossenes, langärmliges Kleid aus grün gemustertem Musselin. In London hätte es des Schnitts wegen nicht als modisch gegolten, obwohl es durchaus elegant wirkte. Sie hatte es speziell für die Reise schneidern lassen. Auch all ihre anderen Kleider waren in einem ähnlichen Stil gehalten, denn sie hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass es in Ägypten und den benachbarten arabischen Ländern unumgänglich war, auf tiefe Ausschnitte und kurze Ärmel zu verzichten.

Man hatte ihr zudem geraten, ihr Gesicht und vor allem ihr auffälliges kupferfarbenes Haar unter einem Schleier zu verbergen. Auch diesen Rat hatte sie befolgt. Dennoch zog sie mit ihrer schlanken Figur und ihrer hellen samtenen Haut – auch wenn diese nur gelegentlich und nur an Handgelenken und Hals zu sehen war – die Aufmerksamkeit der orientalischen Männer auf sich. Jetzt in diesem Moment folgten ihr die Blicke der Fischer und Schiffer ebenso wie die der Lastträger und anderer Arbeiter, die vom Kai aus die fremdländische Gestalt bemerkt hatten.

„George!“, rief sie dem Mann, der unter einem Sonnensegel Schutz gesucht hatte, noch einmal zu. „Komm doch her und sieh dir das an! Auf dem Boot dort drüben steht ein Esel, der ein schrecklich böses Gesicht macht. Er erinnert mich sehr an meinen Onkel Simon. Du hast ihn auf der Hochzeit kennengelernt. Erinnerst du dich? Er ist Mitglied im House of Lords. Und wenn eine Abstimmung anders verläuft, als er es sich erhofft, dann schaut er so finster drein wie dieser Esel.“

Lord George Clevenden, mit dem sie seit etwas mehr als drei Monaten verheiratet war, rührte sich nicht. Er war ebenso elegant gekleidet wie seine Gattin, aber im Gegensatz zu dieser offensichtlich nicht in der Stimmung, sich über irgendetwas zu amüsieren. Das mochte damit zusammenhängen, dass er die Hitze am Roten Meer nicht gut vertrug. Seit Tagen litt er nun schon unter Kopfschmerzen und Schweißausbrüchen. Dennoch war er nicht bereit, Zugeständnisse bei seiner Kleidung zu machen. Der dunkelblaue Gehrock, die gestreifte Weste, die Wildlederbreeches entsprachen zwar der neuesten Mode, waren aber nicht für das ägyptische Klima geeignet. Sein Krawattentuch war, ebenso wie sein Haar unter dem Biberfilzhut, schweißnass.

Er musterte seine junge Gemahlin, die erstaunlicherweise so kühl wirkte wie ein Tautropfen am Morgen, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck an, der entfernt an Abneigung erinnerte. „Welch eine Hitze!“, stöhnte er. Und setzte dann in vorwurfsvollem Ton hinzu: „Komm her, Celia! Du bist die Gattin eines britischen Diplomaten und solltest dich nicht wie ein kleines Kind benehmen.“

Himmel, wie oft hatte sie in den letzten Wochen diese Ermahnung gehört! Sie beschloss, ihren Mann einfach nicht zu beachten und sich weiterhin dem Schauspiel zu widmen, das das geschäftige Hafenleben bot. In der kurzen Zeit ihrer Ehe hatte sie es bereits zu wahrer Meisterschaft in der Kunst des Ignorierens gebracht.

Einen Tag bevor George Clevenden sein Heimatland hatte verlassen müssen, um als englischer Gesandter zu seinem ersten Einsatz im Ausland zu reisen, waren sie in London getraut worden. Natürlich hatte sie darauf bestanden, ihn nach Ägypten zu begleiten, wo große Aufgaben auf ihn warteten. Als Tochter eines angesehenen britischen Diplomaten gefiel Celia die Vorstellung, ihrem Gatten zur Seite zu stehen.

Zu ihrem Erstaunen und ihrer nicht geringen Enttäuschung hatte sie allerdings feststellen müssen, dass ihr Gemahl sich umso mehr veränderte, je weiter sie England hinter sich ließen. Aus dem klugen und verlässlichen Sekretär ihres Vaters war mittlerweile ein ständig unzufriedener und oft ungeschickter Mann geworden.

Celia, die selbst über keinerlei Erfahrung als Weltreisende verfügte, hatte sich gezwungen gesehen, sich um alles zu kümmern. Das war nicht einfach gewesen, denn sie führten eine Menge Gepäck mit sich, und die Reise war lang. Von England ging es an Gibraltar vorbei ins Mittelmeer, wo sie in Malta, Athen und Rhodos das Schiff wechseln mussten.

Der Aufenthalt auf Rhodos hatte sich als besonders unangenehm erwiesen. Denn dort war nicht nur das Schiff, auf dem sie bereits Plätze gebucht hatten, nie eingetroffen, sondern man hatte ihnen auch einen Teil ihres Gepäcks gestohlen.

Dafür, ebenso wie für jedes andere noch so kleine Missgeschick, hatte George sie verantwortlich gemacht. Ob es sich nun um schmuddelige Bettlaken handelte oder darum, dass es gar keine Bettlaken gab, ob der Wein schlecht oder das Essen ungewohnt war, stets hatte er behauptet, sie habe bei der Planung einen Fehler gemacht. Selbst daran, dass er von Insekten gestochen wurde, trug seiner Meinung nach sie die Schuld.

Celia fühlte sich ungerecht behandelt und litt darunter. Überhaupt war ihre Ehe bisher sehr enttäuschend verlaufen. Daheim war sie der Überzeugung gewesen, einen ausgeglichenen, selbstständigen Mann zu heiraten. Während ihrer Verlobungszeit hatte sie George für seine Tatkraft ebenso bewundert wie für seine Besonnenheit. Gab es einen Grund, gab es eine Entschuldigung dafür, dass davon nun nichts mehr zu spüren war? Sie versuchte sich einzureden, dass die Veränderungen im Verhalten ihres Gatten auf die Unannehmlichkeiten der Reise zurückzuführen seien. Gewiss würde alles sich zum Besten wenden, wenn sie ihr Ziel erst erreicht hatten!

So war es ihr trotz aller Probleme gelungen, einigermaßen zuversichtlich zu bleiben und sich auch in schwierigen Situationen ihre Lebensfreude zu bewahren. Doch gerade das schien George gegen sie aufzubringen. Einmal, als sie sich auf einem Schiff befanden, das außer altem Schiffszwieback und einem dauernd betrunkenen Kapitän nicht viel zu bieten hatte, hatte er sie angeschrien, es gäbe keinen Grund, immer so fröhlich zu sein.

Aus diesem Vorfall hatte sie nur einen Schluss gezogen: Meistens war es besser, wenn sie George nicht zeigte, wie faszinierend sie alles Fremde fand. Sie machte ihn weder auf die Delfine aufmerksam, die eine Zeit lang das Schiff begleiteten, noch unterhielt sie sich mit ihm darüber, wie sehr sie den beständigen Sonnenschein in diesen südlichen Regionen mochte. Sie schwieg, wenn ihr die Augenklappe eines Matrosen auffiel oder wenn sie nachts Sternschnuppen bemerkte, die sie stets als ein Symbol für zukünftiges Glück betrachtet hatte. Auf das bunte Treiben im Hafen hatte sie ihn nur aufmerksam machen wollen, weil sie annahm, das bevorstehende Ende der beschwerlichen Schiffsreise würde seine Stimmung heben.

Nun, offenbar hatte sie sich geirrt. Wahrscheinlich wäre er lieber in Kairo geblieben, das sie von Alexandria per Kutsche erreicht hatten. In der lebhaften Stadt am Nil gab es zumindest einige gebildete Europäer und ein paar gute Hotels. Doch sein diplomatischer Auftrag hatte ihn von Kairo auf eine beschwerliche Reise über Land ans Rote Meer geführt. Denn dort lag A’Qadiz, ein winziges, aber für Großbritannien wichtiges Land, in dessen einzigen Hafen sie nun einfuhren.

„A’Qadiz“, sagte Celia leise. Das Wort allein schien eine gewisse Magie auszuströmen. Sie dachte an geschlossene Innenhöfe, in denen wunderschöne Blumen blühten, an die Hitze der Wüste, an schimmernde exotische Gewänder aus bunter Seide, an Gewürze und Parfüms. An all das eben, was ihre Fantasie ihr vorgegaukelt hatte, als sie mit ihrer Schwester Cassandra, die von allen nur Cassie genannt wurde, die Märchen aus 1001 Nacht verschlungen hatte.

Es hatte sich um ein Buch in französischer Sprache gehandelt, das sie durch Zufall in ihrem Lieblingsbuchladen in London entdeckt hatten. Sie hatten bereits von Scheherezades Geschichten gehört, doch noch hatte niemand sie ins Englische übertragen. Ihren jüngeren Schwestern hatten Celia und Cassie nur eine bereinigte Version der Märchen erzählt, denn einiges, was sie gelesen hatten, schien unmissverständlich auf dekadente Vergnügungen hinzuweisen.

Und nun war sie in Arabien! Hier wirkte alles noch viel exotischer, als sie es sich ausgemalt hatte. Von der Dau aus betrachtete sie fasziniert das bunte Gewimmel von Eseln, Kamelen, Pferden und natürlich Menschen an Land. Die Männer schienen alle gleichzeitig zu reden, wodurch ein ständiges Stimmensummen die Luft erfüllte. Die Frauen trugen weite bunte Gewänder und waren ausnahmslos tief verschleiert.

Wenn sie die Freude und das Staunen über das, was sie sah, doch nur mit Cassie hätte teilen können!

Oh, das war gewiss etwas, das eine verheiratete Frau nicht denken durfte! Immer und überall hätte ihr Gatte an erster Stelle stehen sollen. Celia schämte sich. Aber sie musste sich dennoch eingestehen, dass sie sich auch ein Vierteljahr nach der Hochzeit keineswegs wie eine Ehefrau fühlte.

Die Verbindung war von ihrem Vater arrangiert worden. Lord Armstrong arbeitete im Außenministerium, wo er den jungen George Clevenden unter seine Fittiche genommen und ihn schätzen gelernt hatte. Auch Celia mochte George, dem sie bei verschiedenen Gelegenheiten begegnet war, und hatte seinen Antrag ohne zu zögern angenommen. Die Vorteile dieser Ehe lagen klar auf der Hand. Im Alter von vierundzwanzig Jahren und mit vier jüngeren Schwestern, von denen zwei ebenfalls bereits im heiratsfähigen Alter waren, wäre es naiv gewesen, weiterhin von der großen Liebe zu träumen.

„Mit einer so erfahrenen und geschickten Gastgeberin, wie du es bist“, hatte ihr Vater gesagt, „muss Clevenden als Diplomat einfach Erfolg haben. Was natürlich auch für dich von Vorteil sein wird. Im Übrigen dürfen wir nicht vergessen, dass du nicht so hübsch wie deine Schwester Cassie bist. Und jünger wirst du auch nicht.“

Celia hatte zustimmend genickt. Sie wusste sehr wohl, dass Cassie weitaus hübscher war als sie. Nie hatte sie die Jüngere um ihre Schönheit beneidet. Das Bewusstsein, selbst die klügste der fünf Armstrong-Mädchen zu sein, genügte ihr. Eleganz, Scharfsinn und Charme zeichneten sie aus, deshalb war ihr als Gastgeberin in ihrem Elternhaus stets Erfolg beschieden gewesen. Und deshalb sagte man ihr auch als Diplomatengattin eine große Zukunft voraus – jedenfalls, wenn der Diplomat selbst seine Sache gut machte.

Doch genau da lag das Problem. George hatte sich bisher nicht an die veränderten Lebensumstände gewöhnen können. Vor seiner Eheschließung hatte er England nie verlassen. Dies war der erste Auftrag, der ihn ins Ausland führte, und alles war neu für ihn. Leider gehörte er offenbar zu jenen Menschen, die die festen Regeln einer bekannten Umgebung brauchten, um sich wohlzufühlen. Kaum hatten sie London verlassen, als er auch schon begann, über alles und jeden zu klagen.

Selbst mit seiner Position als Ehemann konnte er sich nicht abfinden. Gleich nach der Hochzeit hatte er Celia vorgeschlagen, sich während der langen anstrengenden Reise wie gute Freunde zu benehmen, nicht jedoch wie ein verheiratetes Paar. „Wir werden unterwegs genug Schwierigkeiten zu bewältigen haben“, hatte er gesagt. „Zusätzliche Probleme können wir nicht brauchen. Im Kairo werden wir mehr Muße haben, uns mit uns selbst zu beschäftigen.“

Sie hatte daraus geschlossen, dass er die Ehe vorerst nicht vollziehen wollte. Das war ihr ein wenig seltsam vorgekommen. Doch da sie ohne Mutter aufgewachsen war, wusste sie nicht viel über die Wünsche und Erwartungen verheirateter Männer. Selbst von den ehelichen Pflichten einer Frau hatte sie nur eine verschwommene Vorstellung. Ihre Tante Sophia, die allerdings nie verheiratet gewesen war, hatte ihr natürlich ein paar Informationen gegeben. Die Wichtigste lautete: „Wie so vieles im Leben ist auch das, was im Ehebett geschieht, etwas, das den Gentlemen Vergnügen bereitet und das die Damen zu ertragen haben.“ Nach Einzelheiten gefragt, hatte Tante Sophia lediglich ein paar Zitate aus der Bibel hinzugefügt, die Celia jedoch keineswegs weitergeholfen hatten. Sie hatte nur begriffen, dass sie im Ehebett stillhalten müsse und nicht sich nicht beklagen dürfe.

In Erinnerung daran hatte Celia sich mit dem Vorschlag ihres Gatten einverstanden erklärt. Doch als Nacht um Nacht verging, ohne dass George versuchte, sich ihr wie ein Ehemann zu nähern, begann sie sich zu fragen, ob ihre Entscheidung richtig gewesen war. Hatte sie selbst nicht schon gelegentlich die Erfahrung gemacht, dass es umso schwieriger wurde, etwas zu tun, je länger man es vor sich herschob?

Sie mochte George und wäre ihm gern in allen Bereichen eine gute Gemahlin gewesen. Zudem hatte sie immer davon geträumt, eines Tages Kinder zu haben. Gewiss würde sie im Laufe der Zeit beginnen, ihren Gatten zu lieben. Und irgendwann würde er ihre Gefühle erwidern, auch wenn sie beide zunächst aus praktischen Erwägungen heraus geheiratet hatten. In ihrer Vorstellung allerdings waren gemeinsame Nächte untrennbar mit dem Gefühl der Liebe verbunden. Auch wusste sie natürlich trotz ihrer Unerfahrenheit, dass bestimmte Aktivitäten nötig waren, um Kinder zu zeugen. Ihre Unsicherheit und Unzufriedenheit wuchsen daher, je öfter sie ihr Bett allein aufsuchen musste.

Nach einer langen und anstrengenden Reise hatten sie Kairo endlich erreicht. Nach einer Woche dort war George wieder zu dem liebenswürdigen, aufmerksamen Gentleman geworden, den sie aus England kannte. Das Bett hatte er aber noch immer nicht mit ihr geteilt. Sie hatte daraufhin all ihren Mut zusammengenommen und das Thema vorsichtig angesprochen. Stotternd und mit vor Scham geröteten Wangen hatte sie die entsprechenden Andeutungen gemacht, was besonders schwierig gewesen war, da sie so wenig Konkretes über die sogenannten ehelichen Pflichten wusste.

Statt ihr zu Hilfe zu kommen, hatte George gekränkt auf ihren schüchternen Vorstoß reagiert. Er hatte ihr vorgeworfen, sie wisse seine Bemühungen, sich rücksichtsvoll zu benehmen, nicht zu schätzen. Auch sei es unnatürlich für eine Frau, ein so krankhaftes Interesse an Dingen zu zeigen, an denen eine echte Dame niemals Gefallen finden würde. Er habe gehofft, sie sei ihm dankbar für seine Zurückhaltung. Mit Vorhaltungen habe er wahrhaftig nicht gerechnet!

Verwirrt, beschämt und verletzt hatte Celia sich in ihr einsames Schlafzimmer zurückgezogen. War irgendetwas mit ihr nicht in Ordnung? George jedenfalls schien das zu glauben. Oder war etwas mit ihm nicht in Ordnung?

Die Vorstellung erschreckte sie. Durfte sie als Ehefrau so etwas überhaupt denken? Sie bemühte sich, Klarheit in ihre Gefühle und Gedanken zu bringen. Gern hätte sie mit einer anderen Frau über ihr Problem gesprochen. Aber niemals hätte sie sich überwinden können, sich vertrauensvoll an Lady Winchester zu wenden, die kühle, hochmütige Gattin des britischen Generalkonsuls in Ägypten. Und Tante Sophia war weit fort und vermutlich ebenfalls nicht die richtige Ansprechpartnerin. Ebenso wenig konnte sie Cassie mit ihren Sorgen belasten. Und so hatte sie letztendlich einen scheinbar unbeschwerten Brief an ihre Schwestern geschrieben, in dem sie sich darauf beschränkte, ihre exotische Umwelt in den lebhaftesten Farben zu schildern.

Dann hatte sie von der speziellen Aufgabe erfahren, mit der man George betraut hatte. Er sollte Verhandlungen mit dem Herrscher des kleinen Landes A’Qadiz am Roten Meer führen. Celia hatte sich sogleich in die Reisevorbereitungen gestürzt und darauf bestanden, ihren Gatten zu begleiten. Der Generalkonsul hatte sich bemüht, sie davon abzubringen, weil A’Qadiz laut seiner Aussage kein für Damen geeigneter Ort war. Aber in diesem Fall hatte George sich auf ihre Seite gestellt und erklärt, er werde Kairo nicht ohne seine Gattin verlassen.

Lord und Lady Winchester hatten seine Dickköpfigkeit darauf zurückgeführt, dass er noch nicht lange verheiratet war und die Vorstellung, von seiner jungen Gattin getrennt zu werden, nicht ertragen konnte. Celia hingegen hatte genau gewusst, dass George sie mitnahm, weil er in ihr so etwas wie eine verlässliche Sekretärin, Krankenschwester und Beraterin sah.

Celia genoss die Reise dennoch und trotz der Strapazen. Zwar hatten sie die Strecke vom Nil zum Roten Meer auf miserablen Wegen und bei größter Hitze zurücklegen müssen, was Georges Laune rasch wieder verschlechtert hatte. Sie selbst jedoch hatte sich ihre Neugier und ihre Freude über alles Neue bewahrt. Voller Begeisterung war sie in einem kleinen ägyptischen Hafen an Bord der Dau gegangen, die sie nach A’Qadiz bringen sollte.

Das Rote Meer faszinierte sie. In seinem klaren Wasser konnte man Fische aller Art beobachten. Wenn am Ufer Palmen, Feigen- und Olivenbäume auftauchten, glaubte sie sich in eine Landschaft aus 1001 Nacht versetzt. Die fremden Pflanzen, Büsche und Kräuter strömten einen berauschenden Duft aus, der bis zum Schiff zu ihnen drang, sodass sie eines Abends zu George sagte, es käme ihr vor, als habe jemand einen riesigen Parfümflakon ausgegossen.

„Ich merke nur, dass ich von den Pflanzen Heuschnupfen bekomme“, hatte er mürrisch geantwortet.

Und jetzt hatten sie den Hafen von A’Qadiz erreicht! Menschen in langen weißen und bunten Kaftanen bevölkerten die Kais. Celia konnte sich einfach nicht sattsehen an den ungewohnten Bildern. Die Frauen wirkten, obwohl man ihre Gesichter hinter den dünnen Schleiern nicht sehen konnte und obwohl ihre Körper unter unförmigen Gewändern verborgen waren, anmutig und selbstbewusst. Manche – das allerdings fand Celia ein wenig erschreckend – waren in Umhänge gehüllt, die ihren Kopf ebenso wie ihren Körper verbargen und nur schmale Augenschlitze freiließen.

Natürlich waren die Männer in der Überzahl. Viele von ihnen arbeiteten im Hafen und den umliegenden Lagerhäusern. Durch offen stehenden Türen konnte Celia Ballen bunter Seide und Hunderte von Tongefäßen sehen, die darauf warteten, verschifft zu werden.

Je näher sie dem Ufer kamen, desto lauter wurde es. Ein Lächeln spielte um Celias Lippen. Ihr gefielen die fremden Laute der arabischen Sprache, und das heisere Schreien der Esel amüsierte sie. An das Blöken der Kamele, die sie mit ihren langen Gesichtern unweigerlich an Tante Sophia erinnerten, hatte sie sich bereits in Ägypten gewöhnt.

Leichtfüßig überquerte sie die schmale Planke und sprang an Land. George, der sich von zwei Mitgliedern der Besatzung helfen ließ, folgte ihr fluchend. Gewiss war es zwecklos, mit ihm über die Aufregung und Vorfreude zu sprechen, die sie bei dem Gedanken an die vor ihr liegenden Tage empfand. Stattdessen würde sie Cassie davon schreiben.

Sie holte ein Fläschchen mit Lavendelwasser aus ihrem Retikül, gab ein paar Tropfen auf ihr Taschentuch und hielt es George hin. „Möchtest du dir damit die Stirn einreiben? Es kühlt wunderbar.“

„Willst du mich vor allen lächerlich machen?“ Zornig stieß er ihre Hand beiseite, und das spitzenbesetzte Tüchlein flatterte zu Boden.

Vier beinahe nackte Kinder wetteiferten darum, es aufzuheben und ihr zurückzugeben. Celia bedankte sich freundlich bei allen. Als sie sich schließlich nach ihrem Gatten umschaute, sah sie gerade noch, wie er in der Menge verschwand. Sie beeilte sich, doch es gelang ihr nicht, ihn einzuholen. Zu viele Kinderhände griffen nach ihrem Kleid, und ihre Wahrnehmung wurde durch den Schleier behindert. Zudem lenkten die vielen fremden Gerüche sie ab.

Nach einer Weile musste sie sich eingestehen, dass sie George aus den Augen verloren hatte. Auch von der Mannschaft der Dau war niemand zu sehen. Sie war allein in einem ihr gänzlich unbekannten Land! Die Faszination des Fremden verflog, und Furcht stieg in Celia auf.

In ihrer Angst hob sie den Schleier, um besser sehen zu können. Doch sogleich erkannte sie ihren Fehler. Die Kinder wandten erschrocken den Blick ab, einige Frauen zischten ihr etwas zu, während ein paar Männer sie herausfordernd musterten. Rasch wollte sie den dünnen Stoff wieder vors Gesicht ziehen, doch der verfing sich in einer ihrer Hutnadeln.

Verflixt! Und wo, um Himmels willen, war George?

Sie senkte den Kopf, bemühte sich jedoch trotzdem, möglichst viel von ihrer Umgebung im Auge zu behalten. All diese Menschen und Tiere! Und die vielen Lagerhäuser und Ställe! Einige waren wie Keller in den felsigen Hügel hineingeschlagen, der sich zum Landesinneren hin erhob. Unwillkürlich legte sie den Kopf in den Nacken, um nach oben zu sehen. Auf dem Gipfel des kleinen Hügels entdeckte sie eine einzelne männliche Gestalt auf einem edlen Schimmel. Der Mann trug das traditionelle weiße Gewand dieser Gegend, Galabija hieß es wohl. Eine Aura der Macht umgab ihn, die man selbst auf diese Entfernung spüren konnte.

Wie ein dem Himmel entstiegener Gott, dachte Celia, jemand, dem man sich zu Füßen werfen will.

Sie kam sich ein wenig albern vor, weil sie nie zuvor solche Gefühle gehabt hatte. Himmel, dieser Mann war ihr völlig fremd! Dennoch verspürte sie den Wunsch, ihn zu berühren. Er wirkte anziehend und einschüchternd zugleich, so wie die Pharaonen, deren Statuen sie in Kairo gesehen hatte.

Hoffentlich habe ich keinen Sonnenstich, dachte sie. Welch verrückte Idee, den Unbekannten mit den Gottkönigen des Alten Ägypten zu vergleichen! Er war nichts weiter als ein attraktiver Mann, der einen wunderschönen Schimmel ritt.

Trotzdem konnte sie die Augen nicht von ihm abwenden. Seine weiße Galabija schien am Saum mit Goldborte abgesetzt zu sein. Auch der Reif – Agal wurde er wohl genannt –, der das Tuch, das als Kopfbedeckung diente, an seinem Platz hielt, schimmerte golden. Der weiche Fall des weißen Gewandes legte den Schluss nahe, dass es nicht aus Baumwolle, sondern aus Seide geschneidert war. Was Celia jedoch am meisten beeindruckte, war das Gesicht des Fremden, das, obwohl es wegen der Entfernung nicht deutlich zu erkennen war, überaus männlich wirkte. Mit größter Bestimmtheit wusste sie plötzlich, dass er ein festes Kinn, fein geschwungene Lippen und schöne Augen hatte. Deren Farbe konnte sie natürlich nicht sehen. Sie würden sehr dunkel sein, vermutete sie.

Was sie jedoch genau spürte, war, dass er sie anschaute. Das entsprach überhaupt nicht den Landessitten. Er hätte sie nicht so anstarren dürfen. Trotzdem tat er es, bis eine seltsame Hitze sich in ihrem Körper ausbreitete. Es ist nur die Sonne, versuchte sie sich zu beruhigen. Aber tatsächlich wusste sie, dass es etwas ganz anderes sein musste.

„Mylady?“

Sie wandte sich um und erkannte den Mann, der an der Dau aufgetaucht war, um sich um ihr Gepäck zu kümmern. Mehrere Taschen standen vor ihm auf dem Boden. Dass er den Kopf abgewandt hielt, erinnerte sie daran, dass sie noch immer nicht wieder verschleiert war. Endlich gelang es ihr, den Stoff von der Hutnadel zu lösen und den Schleier vors Gesicht zu ziehen.

„Ich bin Bakri“, stellte der Araber sich auf Englisch vor, „Diener des Fürsten von A’Qadiz. Seine Hoheit hat mich beauftragt, Sie zu seinem Palast zu bringen. Es tut mir leid, dass Sie so viele Unbequemlichkeiten auf sich nehmen müssen. Wir haben nicht mit einem weiblichen Gast gerechnet.“

„Ich verstehe“, gab sie zurück. Der Generalkonsul hatte erwähnt, dass man dem Herrscher von A’Qadiz den Besuch eines britischen Gesandten schriftlich angekündigt hatte. Aber natürlich war nie die Rede davon gewesen, dass dessen Gattin ihn begleiten würde. „Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen. Meinem Gemahl bekommt das Reisen nicht, deshalb begleite ich ihn.“

Bakri hob kaum merklich die Brauen und sagte dann: „Bitte, kommen Sie. Wir müssen die Stadt vor Einbruch der Nacht verlassen haben.“

Scheich Ramiz al-Muhana, Fürst von A’Qadiz, sah, wie die fremde Frau an der Seite seines Dieners Bakri davon ging. Er runzelte die Stirn. Der hellhäutige Mann, der die Dau kurz zuvor verlassen hatte, musste der Diplomat sein, auf den er wartete. Aber die Frau? Ihre Ankunft war nicht angekündigt worden. Wie konnte der Engländer es wagen, seine Gattin oder gar seine Geliebte mitzubringen? Dergleichen gehörte sich einfach nicht!

Jetzt hatten Bakri und die Frau die kleine Karawane erreicht, mit der sie die Reise durch die Wüste antreten würden. Ramiz, der einige Jahre im Ausland gelebt hatte, beobachtete alles mit scharfem Blick. Die Fremde war groß und schlank, was ihm gefiel, obwohl es im Orient nicht als besonders attraktiv galt. Hier zog man rundliche Frauen vor. Er allerdings hatte irgendwann während seiner Zeit als Botschafter von A’Qadiz in der westlichen Welt gelernt, Frauen mit den Augen der dort lebenden Menschen zu sehen. Ihm fiel auf, wie graziös sie sich bewegte und wie aufrecht sie sich hielt. Stolz wie eine Königin! Also war sie wohl nicht die Geliebte des Diplomaten.

Dieser hatte ungeduldig gewartet und begann nun, mit ihr zu schimpfen.

Ein Dummkopf, dachte Ramiz, einer, der stets andere für seine eigenen Fehler verantwortlich macht.

Die Frau blieb ruhig. Sie wirkte überhaupt sehr kühl. Aber Ramiz ahnte, wie temperamentvoll sie in Wirklichkeit war. Schließlich hatte er ihr flammendes Haar bemerkt, ehe sie sich den Schleier wieder vors Gesicht zog. Gewiss sah sie hinreißend aus, wenn sie zornig war. Oder erregt. Bisher allerdings schienen Leidenschaft und Sinnlichkeit ihr fremd zu sein, obwohl sie doch allem Anschein nach mit diesem Engländer verheiratet war.

Ihr Gatte war also nicht nur ein Dummkopf, sondern auch unfähig, sie glücklich zu machen. Das verwunderte Ramiz nicht wirklich, denn er wusste – auch wenn er die Gründe dafür nie verstanden hatte –, dass die Engländer alles, was mit der Kunst der Liebe zu tun hatte, sträflich vernachlässigten.

Es ist nicht erstaunlich, sagte er sich, dass so viele Engländerinnen an Rosenblüten erinnern, die vor Kälte gestorben sind.

Stirnrunzelnd beobachtete er den Diplomaten, der mühsam in den Sattel eines der Kamele stieg, während die Frau überwachte, wie das Gepäck auf Mulis geladen wurde. Dann war sie selbst überraschend schnell im Sattel ihres Reittieres und glättete ihre Röcke. Im Gegensatz zu ihrem Gatten, der sich an den Knauf klammerte, saß sie aufrecht und hielt die Zügel so geschickt, als habe sie nie etwas anderes getan. Auch als die Kamele sich in Bewegung setzten, machte sie alles richtig. Wahrhaftig, sie war bezaubernd.

Ramiz stieß einen Fluch aus. Wie kam er dazu, sich so intensiv mit der Frau eines anderen zu beschäftigen? Es war eine Frage der Ehre, dass er seinem englischen Besucher die traditionelle Gastfreundschaft erwies! Dazu gehörte auch, dass er keine Notiz von dessen Gattin nahm.

Als kluger Mann wusste Ramiz sehr wohl, wie wichtig die bevorstehenden Verhandlungen für ihn und sein Volk waren. Engländer und Franzosen warteten nur auf ein Zeichen der Schwäche bei den verschiedenen Herrschern im Vorderen Orient, um diesen die Kontrolle über die wichtigen Handelsrouten zu entreißen.

A’Qadiz mit seinem lebhaften Hafen am Roten Meer hatte eine nicht unerhebliche Bedeutung für die Handelsstraße nach Indien. Daraus ließen sich Vorteile für das kleine Land ableiten. Aber Ramiz war auch den Nachteilen gegenüber nicht blind. Fremde bedeuteten immer eine Gefahr. Er hatte beobachtet, wie die Europäer die historischen Kunstschätze Ägyptens an sich brachten, um sie in Museen auszustellen oder, schlimmer noch, in privaten Sammlungen verschwinden zu lassen. Gleiches durfte seinem Land auf keinen Fall widerfahren. Noch wichtiger allerdings war es, seine Untertanen davor zu bewahren, von irgendeinem anderen Volk unterdrückt zu werden. Um die Unabhängigkeit seiner Heimat zu sichern, würde er einfach alles tun.

Dennoch gefiel ihm die Vorstellung nicht, mit dem ihm jetzt schon unsympathischen britischen Gesandten zu verhandeln.

„Achte als Erstes darauf, was gesagt wird, und weniger darauf, wer es sagt.“ Diese weisen Worte hatte er von seinem Vater gehört und nie mehr vergessen.

Ja, sogar der mürrische Engländer hatte es verdient, angehört zu werden.

Ramiz ritt zu der Karawanserei, in der er sein Kamel untergestellt hatte. Er verhandelte kurz mit dem Inhaber, gab dann dem Stallmeister ein paar Anweisungen und machte sich wenig später, den Hengst zurücklassend, auf den Heimweg. Drei Tage würde er benötigen, um die Hauptstadt Balyrma zu erreichen. Diese Zeit wollte er nutzen, um sich über sein weiteres Vorgehen Klarheit zu verschaffen.

Die Karawane, die die Hafenstadt verließ und sich auf die gefährliche Reise durch die Wüste begab, bestand aus sechs Reitkamelen und vier Lasttieren. George und Celia sowie Bakri wurden auf Ramiz’ Befehl hin von drei Kriegern begleitet, die mit Krummsäbeln und langen Messern für ihre Sicherheit sorgen sollten. Celia fühlte sich von ihnen allerdings eher bedroht als beschützt, da sie ihr immer wieder Blicke zuwarfen, die deutlich ihre Verachtung für die fremde Frau erkennen ließen.

Um sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen, beschloss sie, ihre Aufmerksamkeit auf die Umgebung zu konzentrieren. Die Wüste hier war ganz anders, als sie sie sich bisher ausgemalt hatte. Es gab zwar Sand, aber auch Geröll und Felsen. Auch war das Land nicht flach. Es ging stetig bergauf, und in der Ferne war eine Bergkette mit schroffen Spitzen zu erkennen. Der Himmel allerdings entsprach genau ihren Vorstellungen. Er war tiefblau, um dann, als die Sonne sich dem Horizont näherte, ein wenig dunkler zu werden und schließlich in allen nur erdenklichen Rot- und Orangetönen zu erstrahlen.

Es war ein beeindruckendes Schauspiel. Noch beeindruckender allerdings war die Wirkung der Wüste auf den Menschen. Die Leere, die Weite, die Stille brachten Celia ihre eigene Bedeutungslosigkeit zu Bewusstsein. Nie zuvor hatte sie sich so klein und unbedeutend gefühlt. Gleichzeitig allerdings war ihr, als sei sie eins geworden mit der Natur. So ungewohnt und beunruhigend diese Gefühle auch waren, Celia wollte sich ihnen nicht verschließen. Im Gegenteil, bei nächster Gelegenheit würde sie ihrer Schwester Cassie davon berichten.

Ob sie dann endlich auch etwas Positives über George würde schreiben können?

Selbstverständlich, sagte sie sich. Er würde seine Mission mit Bravour beenden und dann alles tun, um auch ihre Ehe zu einem Erfolg zu machen.

Die Sonne verschwand, und einen Moment lang schien es, als senke sich tiefe Dunkelheit über die Landschaft. Doch dann bemerkte Celia Tausende von Sternen, die am Firmament funkelten. Wie nah sie wirkten! Fast, als brauche man nur die Hand ausstrecken, um sie zu pflücken!

Die Karawane kam vor einem riesigen nach innen gerundeten Felsen zum Stehen. Die Männer ließen sich von ihren Reittieren gleiten und begannen damit, zwei Zelte aufzubauen. Nur Bakri beteiligte sich nicht. Er hatte ein Feuer entfacht und bereitete das Abendessen zu.

Als alle Arbeiten erledigt und die Reisenden gesättigt waren, wandte Celia sich ihrem Gatten zu. „Hast du den Himmel gesehen?“, fragte sie. „Es kommt mir vor, als könne ich die Sterne berühren.“

„Ich wünschte, ich könnte mein Bett berühren“, gab George sarkastisch zurück. „Hier werden wir ganz bestimmt nicht angemessen untergebracht.“

Tatsächlich waren die Zelte nur an drei Seiten geschlossen. Jedes wurde durch einen leichten Vorhang in zwei Bereiche geteilt. Die Wände bestanden aus einer Art festem Wollstoff. Celia befingerte ihn und kam zu dem Schluss, dass er wohl aus Ziegenhaar gewebt war. „Ich glaube“, überlegte sie laut, „man hat uns zum Dinner Ziegenfleisch vorgesetzt. Weißt du“, sie drehte sich zu George um, „du hättest es probieren sollen. Es war köstlich.“

„Ich kann mich mit diesen barbarischen Sitten nicht anfreunden“, gab er zurück. „Wie konntest du es diesen Wilden nur nachtun und mit den Händen essen!“

Geduldig erklärte sie: „Hier benutzt man offenbar das Brot wie einen Löffel. Wenn man nicht verhungern will, sollte man sich den herrschenden Sitten anpassen, findest du nicht?“

Er bedachte sie mit einem bösen Blick, und rasch wechselte sie das Thema: „Wohin soll ich den Teppich legen, auf dem du schlafen wirst?“

„Wahrscheinlich werde ich überhaupt nicht schlafen können! Bei Jupiter, ich muss wie ein Bettler auf der Erde liegen! Das ist entwürdigend!“, schimpfte er. „Und wahrscheinlich haben wir das Zelt noch nicht einmal für uns allein. Hast du gesehen, dass dieser Bakri sein Gepäck dort drüben hingelegt hat?“ Dann allerdings forderte er Celia doch auf, den Boden von Steinen zu befreien und den Teppich auszurollen. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis er sich hinlegte. Gleich darauf war er eingeschlafen.

Celia hingegen verließ das Zelt noch einmal, um die Sterne zu bewundern. Sie fühlte sich überhaupt nicht schläfrig. Die Wüste hatte sie in ihren Bann geschlagen. Wer hätte gedacht, dass etwas so Unfruchtbares so wunderschön sein konnte? Bakri, der als Einziger aus der Gruppe der Araber Englisch sprach, hatte behauptet, ein bisschen Regen würde genügen, um die Wüste in ein Blumenmeer zu verwandeln. Überall zwischen den Steinen warteten Samenkörner darauf, durch Wasser zum Leben erweckt zu werden. Bakri hatte auch ein altes Sprichwort seines Volkes zitiert: „Eine Wolke ist ein Versprechen, das erfüllt wird, wenn der Regen einsetzt.“

Nach einer Weile begann Celia darüber nachzudenken, wo sie schlafen sollte. Offenbar erwarteten alle, dass sie das Zelt mit ihrem Gatten teilte. Aber sie konnte die Vorstellung nicht ertragen, ausgerechnet diese Nacht bei George zu verbringen. Sicher, er war vollkommen bekleidet und schlief bereits. Trotzdem verspürte sie eine deutliche Abneigung dagegen, ihren Teppich neben dem seinen auszurollen. Seltsam, da sie doch sonst meist sehnsüchtig – und immer vergeblich – darauf gewartet hatte, dass er ihr Zimmer und ihr Bett teilte!

Schließlich holte sie sich eine Decke und auch den Teppich, den Bakri ihr gegeben hatte, und brachte beides zu einem ruhigen Plätzchen hinter einem Felsbrocken.

„Eine Wolke ist ein Versprechen, das erfüllt wird, wenn der Regen einsetzt“, murmelte sie, als sie sich zum Schlafen hinlegte. Vielleicht sollte sie versuchen, dieses Sprichwort auf ihr Leben zu übertragen. Ja, es war zu hoffen, dass es sich bei ihrer Ehe mit George nicht um eine unfruchtbare Verbindung handelte, sondern lediglich um eine, die auf den Regen wartete. Aber, dachte Celia, es müsste schon ein mächtiger Regen sein, um das zum Blühen zu bringen, was inzwischen – wie ihr schien – unter einer dicken Schicht von Staub und Geröll begraben lag.

Von einem anderen Felsbrocken aus hatte Ramiz die fremde Frau beobachtet. Warum ertrug sie es nicht, das Zelt mit ihrem Gatten zu teilen? Und warum verhielt dieser sich ihr gegenüber so abweisend? Sie war eine attraktive Frau, die sich anmutig zu bewegen wusste und im Licht der Sterne eine ganz besondere Schönheit ausstrahlte.

Lange konnte Ramiz den Blick nicht von ihrer schlafenden Gestalt abwenden.

Erst als die Kälte der Wüstennacht ihn frösteln ließ, begab er sich zu seinem eigenen kleinen Lager, das ein Stück entfernt von dem Übernachtungsort der Karawane lag. Er rollte sich in eine Decke und schlief auf der harten Erde, den Kopf auf den Hals seines Kamels gebettet.

2. KAPITEL

Die Männer kamen, als die Morgendämmerung gerade hereinbrach. Celia erwachte von einem Geräusch. Sie richtete sich auf, ärgerlich darüber, dass sie sich infolge der unbequemen Schlafposition ganz steif fühlte, und schaute über den Felsen. Eine Staubwolke näherte sich sehr schnell dem kleinen Lager. Dann waren arabisch gekleidete Gestalten zu erkennen, Männer, die glitzernde Dinge in den Händen hielten. Bösartig glitzernde Dinge! Waffen! Wer auch immer diese Krieger waren, sie kamen nicht in freundlicher Absicht!

Noch hatten sie die Zelte nicht erreicht. Ein paar kurze Augenblicke blieben Celia noch, um Bakri sowie die drei Wachleute zu warnen und George zu retten. Auf die Idee, dass es genau anders herum sein müsste, kam sie gar nicht. Sie wollte gerade loslaufen, als eine große Hand sich auf ihren Mund presste, und ein starker Arm sich um ihre Taille legte, um sie festzuhalten. Vergeblich versuchte sie, sich zu befreien.

„Beruhigen Sie sich! Und vor allem schreien Sie nicht!“

Obwohl seine Stimme sehr leise war, hörte Celia doch deutlich, dass er es gewohnt war, seinen Mitmenschen Befehle zu erteilen. In ihrer Angst fiel ihr nicht einmal auf, dass er Englisch sprach. Sie gehorchte, ohne zu zögern.

Er gab ihren Mund frei und drehte sie zu sich herum.

„Sie!“, flüsterte sie verwirrt. Es war der Mann, den sie tags zuvor hoch zu Ross auf der Kuppe der Anhöhe gesehen hatte.

„Gehen Sie zurück hinter den Felsen und rühren Sie sich nicht! Ganz gleich, was passiert, Sie bleiben dort, bis ich Sie hole!“

„Aber mein Gatte …“

„Was man ihm antun könnte, ist nichts im Vergleich zu dem, was man Ihnen zufügen würde. Und nun verstecken Sie sich!“

Er zog sie mit sich, und schon hatten sie ihren Schlafplatz erreicht. Von irgendwoher waren Schreie zu hören.

„Bitte“, flüsterte Celia, „retten Sie meinen Gatten.“

Der Fremde nickte und zog beinahe gleichzeitig einen kleinen Dolch und einen orientalischen Krummsäbel, einen Scimitar, aus zwei mit Edelsteinen verzierten Scheiden, die er an einem Gürtel bei sich trug. Dann lief er los und stieß, noch ehe er das erste Zelt erreichte, einen gellenden Schrei aus, mit dem er die drei als Wachen angemieteten Männer auf die Gefahr aufmerksam machen wollte.

Doch die Wachen waren verschwunden.

Er riss die Decke beiseite, die den Eingang zum Zelt bildete, und sah sich Bakri gegenüber, der bereits aufgesprungen war. In einer Ecke kauerte der Engländer.

Erneut fuhr Ramiz herum und stieß einen Fluch aus. Die vier feindlichen Krieger waren bereits von ihren Kamelen gesprungen und hatten das Zelt schon fast erreicht. „Hat der Engländer ein Gewehr?“, wollte er von Bakri wissen.

Doch ganz gleich, über welche Waffen der britische Gesandte verfügte, keine von ihnen sollte zum Einsatz kommen.

Während Ramiz al-Muhana mit dem Scimitar in der rechten und dem Dolch in der linken Hand auf die Angreifer eindrang, konnte er nicht sehen, was hinter ihm geschah. Er kämpfte wie ein Derwisch. Doch die Chancen standen schlecht für einen Mann, der es mit vier Gegnern gleichzeitig aufnehmen musste. Trotzdem gelang es ihm, einen der Feinde an der Schulter zu verletzen. Jetzt musste er einen Satz zur Seite machen, um dem Krummschwert des zweiten zu entgehen. Er spürte, dass nun die größte Gefahr von links drohte, und fuhr herum. Gerade rechtzeitig, um den auf ihn niedersausenden Scimitar des Angreifers zu stoppen. Ein lautes metallisches Klirren, und dann flog die Waffe des Feindes durch die Luft. Ein heftiger Schmerz durchfuhr Ramiz’ Arm. Aber zum Glück war er nicht getroffen worden, es war nur die Wucht des Schlages, die seine Muskeln und Sehnen schmerzen ließ.

Keuchend holte er Luft. Gegen zwei der Männer hatte er sich erfolgreich zur Wehr gesetzt. Aber noch versuchten zwei weitere, ihn umzubringen oder wenigstens kampfunfähig zu machen. Während er unglaublich schnell jeden ihrer Angriffe parierte, spürte er, wie seine Kräfte nachließen. Schweiß stand ihm auf der Stirn und rann ihm in die Augen, sodass er nicht mehr klar sehen konnte.

Von Bakri war keine Hilfe zu erwarten. Der treue Diener war zu alt zum Kämpfen und führte deshalb nicht einmal eine Waffe bei sich. Vielleicht hätte er sich mit bloßen Händen auf einen der Feinde gestürzt. Aber vermutlich war er im Moment damit beschäftigt, den Engländer aus seiner Starre zu reißen und ihn dazu zu bringen, endlich in den Kampf einzugreifen.

Aus einer Ecke des Zeltes drang ein Schrei an Ramiz’ Ohr. Aus den Augenwinkeln erkannte er einen der Wachmänner, der anscheinend die Zeltwand aufgeschlitzt hatte und nun mit drohend erhobenem Dolch vor Bakri stand.

„Helfen Sie ihm“, schrie Ramiz dem Engländer zu. „Um Gottes willen helfen Sie ihm!“

Dann ging alles sehr schnell. George erwachte endlich aus seiner Bewegungslosigkeit. Doch statt Bakri zu Hilfe zu eilen, drängte er sich an ihm und dem abtrünnigen Wachmann vorbei und rannte auf den Ausgang des Zelts zu.

Bakri stürzte vom Dolch des Verräters ins Herz getroffen zu Boden. Der Mörder verschwand durch den Spalt in der Zeltwand.

Ramiz’ Puls raste. Für Bakri konnte er nichts mehr tun. Aber der ausländische Gesandte war sein Gast und verdiente als solcher seinen Schutz, auch wenn er sich wie ein elender Feigling benahm. Angewidert verzog Ramiz das Gesicht. Dennoch versuchte er, sich zwischen den Engländer und die zwei verbliebenen Angreifer zu werfen. Vergebens! Einer der Männer stieß seinen Säbel tief in den Bauch des Fremden.

George stieß einen schrillen Schrei aus.

In diesem Moment sprang die Frau hinter dem Felsen hervor und rannte auf das Zelt zu. Ihr unerwartetes Auftauchen lenkte die Kämpfenden einen Moment lang ab. Ramiz war klar, dass die Eindringlinge die Engländerin töten würden. Ja, ihr Tod und der ihres Gatten waren das eigentliche Ziel, das sie verfolgten. Daran konnte nach allem, was bisher geschehen war, kein Zweifel bestehen. Und richtig: Beide Krieger rannten auf die Fremde zu.

Das war der Beweis dafür, dass die Angreifer in Maliks Diensten standen. Malik, dieser Schurke, herrschte über die Menschen, die das Land bevölkerten, das an Ramiz’ kleines Reich grenzte. Malik verfolgte einen hinterlistigen Plan.

Wut und Entrüstung gaben Ramiz neue Kraft. Er wollte sich auf die Männer werfen, von denen einer die Frau bereits erreicht hatte. Der gedungene Mörder griff nach ihrem langen Haar, um sie festzuhalten. Ein Dolch blitzte in seiner Hand auf. Er hob den Arm, um der Engländerin die Kehle durchzuschneiden.

Mit einem wohlgezielten Tritt brachte Ramiz den Mann zu Fall. Ohnmächtig blieb dieser liegen. Ramiz holte aus, um den letzten der Schurken zur Hölle zu schicken.

Doch der warf seinen Dolch fort und fiel auf die Knie, ehe Ramiz’ Krummschwert ihn treffen konnte. „Gnade, Hoheit! Gnade“, wimmerte er. „Bitte verschont mich!“

„Hast du mir etwas zu sagen?“, stieß Ramiz atemlos hervor. „Hast du eine Botschaft deines Herrschers für mich?“

„Gnade!“, wiederholte der andere.

Ramiz steckte seinen eigenen Dolch in die Scheide und legte die Hand um den Hals des Mannes. „Also, was sollst du mir mitteilen?“

„Scheich Maliks Botschaft lautet: Fremde in unsere Zelte einzuladen, bedeutet, Unheil heraufzubeschwören.“

Ramiz gab dem Krieger einen Stoß, sodass er auf den Rücken fiel, und stellte ihm einen Fuß auf die Brust. „Sag Malik, dass ich in mein Zelt einlade, wen auch immer ich will. Sag ihm, dass er bereuen wird, was er getan hat. Jetzt entferne dich, um ihm meine Worte auszurichten. Und vergiss nicht, deinen ohnmächtigen Freund mitzunehmen.“

Der Mann nickte, sprang auf, lief zu seinem bewusstlosen Kameraden, zog ihn zu einem der Kamele und schaffte es irgendwie, ihn auf dessen Rücken zu heben. Dann stieg er in den Sattel seines eigenen Reittiers. Wenig später waren beide Kamele und ihre Reiter in einer Staubwolke verschwunden.

Ramiz hatte unterdessen den Engländer untersucht. Es gab nichts, was er noch für ihn tun konnte. Der Gesandte war tot.

Als er den Blick hob, sah er, dass die Frau sich schwankend der reglosen Gestalt ihres Gatten ...

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