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Verführerisches Spiel auf Menorca

1. KAPITEL

Wie kann sie nur! Wütend schüttelte Lorenzo Velásquez den Kopf und trat das Gaspedal noch weiter durch. Sein Mercedes Cabrio nahm an Fahrt auf. Heiraten? Ausgerechnet ich?

Tief atmete er durch, während der Fahrtwind ihm das kurze schwarze Haar zerzauste. Die graublauen Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, ließ er den Blick hin und her schweifen, und das, was er sah, hätte wohl jeden anderen Menschen verzückt: Verschwiegene Buchten mit weißem Sandstrand und tiefblauem Wasser, umgeben von schroffen Felsen, wechselten sich ab mit kleinen Ortschaften mit weiß getünchten Häusern und lichten Pinienwäldern, die sich sanft in der Mittelmeerbrise wiegten. Auf Menorca war, wenn man den Reiseführern glauben konnte, die Welt noch in Ordnung. Anders als auf Mallorca, wo sich Lorenzos Hauptwohnsitz befand, hatte der Massentourismus hier noch keinen Einzug gehalten.

Doch Lorenzo konnte sich an der mediterranen Idylle generell nicht erfreuen – aber ganz besonders nicht heute. Und das war einzig und allein Inés’ Schuld. Inés! Unwillkürlich kniff Lorenzo die Augen zusammen. Der Gedanke an seine Tante nahm ihm fast die Luft zum Atmen. War sie sich überhaupt darüber im Klaren, was sie da von ihm verlangte?

Er drosselte seine Fahrgeschwindigkeit, als er die kleine Ortschaft Cala Tirant erreichte, und ließ seinen Wagen kurz darauf neben einem kleinen Lokal ausrollen. Das war es also – das Café del Playa. Das einstöckige Gebäude verfügte über Sitzplätze im Innern, doch das Herzstück des Lokals war sicher die große Terrasse, die oberhalb der Bucht auf einem Felsvorsprung thronte.

Es war ein hübsches kleines Café, das sich, wie er wusste, nicht nur bei den Touristen großer Beliebtheit erfreute. Auch Einheimische kamen aufgrund der hervorragenden Kaffeespezialitäten und Gebäcke aus eigener Herstellung regelmäßig hierher, sodass es dort auch außerhalb der Saison ausreichend zu tun gab. Das Problem war nur: Es befand sich einfach an der falschen Stelle!

Genau aus diesem Grund war Lorenzo gleich nach seiner Ankunft auf der Insel hierher gefahren, um endlich selbst mit der Frau zu sprechen, die seinen Plänen nun schon seit Wochen im Weg stand, indem sie sich vehement weigerte, einen Verkauf des Cafés auch nur in Betracht zu ziehen. Dabei wusste er genau, dass sie es sich gar nicht leisten konnte, so stur zu sein.

Er kannte die genauen Hintergründe nicht, und sie waren ihm auch völlig egal. Fest stand, dass der Gerichtsvollzieher in den vergangenen vier Wochen schon drei Mal bei ihr vor der Tür gestanden hatte. Sie steckte ganz offensichtlich in großen finanziellen Schwierigkeiten, und wenn kein Wunder geschah, würde sie schon sehr bald ohnehin alles verlieren.

Trotzdem hatte sie jedes seiner Kaufangebote bislang zurückgewiesen und seine Anwälte zum Teufel gejagt. Ärgerlich verzog er die Miene. Musste er jetzt eigentlich alles selbst machen? Konnte er sich denn auf niemanden mehr verlassen?

Lorenzo stieg aus und nahm seine Sonnenbrille ab. Dann ließ er den Blick langsam über die Bucht schweifen. Noch war das Gelände um das Café herum unbebaut, aber in seiner Vorstellung sah er es bereits vor sich: Zwei hohe Türme, in deren Glasfronten sich der makellos blaue Himmel spiegelte. Weitläufige Pools, gesäumt von Palmen und Orangenbäumen. Tausende von Touristen würden hier Ruhe und Erholung finden, natürlich zu entsprechenden Preisen.

Doch bevor es dazu kommen konnte, musste zunächst einmal das Problem mit der Besitzerin des Cafés, einer gewissen Isabel Culbraith, gelöst werden.

Unwillig schüttelte er den Kopf. Diese Angelegenheit durfte nicht weiter hinausgezögert werden, von welcher Seite auch immer, dazu war sie ihm einfach zu wichtig. Lorenzo brauchte den Platz dringend, denn direkt neben dem Café wollte er einen großen Hotelkomplex bauen. Und dort, wo sich jetzt noch das Lokal befand, sollte eine große Parkanlage samt Poollandschaft entstehen. Es ging um sehr viel Geld und für ihn selbst um noch viel mehr als das. Das Hotel, das hier entstehen sollte, besaß für ihn auch einen ideellen Wert. Nicht zuletzt würde er es auch für seine Eltern errichten.

Momentan beschäftigte ihn allerdings noch ein ganz anderes Problem. Was hatte Tante Inés da bloß wieder ausgeheckt? Wie konnte sie nur die Dreistigkeit besitzen, von ihm so etwas zu verlangen? Eine Familie zu gründen – ausgerechnet er! Das Beispiel seiner Eltern hatte ihm anschaulich vor Augen geführt, wohin es führte, wenn zwei freiheitsliebende Menschen sich von der Institution Ehe aneinanderketten ließen. Wie musste eine solche Farce dann erst enden, wenn einer der beiden Partner nicht mit ganzem Herzen bei der Sache war?

Doch so bitter es auch für ihn sein mochte – er musste sich eingestehen, dass Inés die Zügel in der Hand hatte. Sie konnte praktisch alles von ihm fordern. Denn wenn er dem nicht nachkam, verlor er das, worauf er nun schon so lange wartete, endgültig und unwiderruflich …

Doch ganz gleich, wie drängend diese Sache auch sein mochte – nun musste er sich erst einmal um diese Mrs Culbraith kümmern.

Er ging gerade auf das Café zu, als sein Handy klingelte. Er zog es aus seiner Hosentasche, und ein flüchtiger Blick aufs Display verriet ihm, dass es sich bei dem Anrufer um seinen Anwalt Ricardo del Reyes handelte. Sofort nahm er das Gespräch an.

, wie sieht’s aus?“, kam er gleich zur Sache. „Haben Sie gute oder schlechte Neuigkeiten für mich?“ Das Schweigen am anderen Ende der Leitung war ihm fast schon Antwort genug.

Doch dann räusperte del Reyes sich. „Nun, sowohl als auch.“

„Dann fangen Sie mit den schlechten an!“

„Ich fürchte, es gibt keinerlei rechtliche Handhabe, gegen die Forderung Ihrer Tante vorzugehen“, erklärte der Anwalt. „Sie ist nun einmal die Hauptanteilseignerin von Nuñez Hoteles, und niemand kann ihr vorschreiben, was sie mit ihren Anteilen tut oder lässt.“

Lorenzo runzelte die Stirn. „Das bedeutet, sie kann mich tatsächlich zwingen, auf ihre Bedingungen einzugehen?“

Supuesto, no! Natürlich nicht. Jedoch steht es ihr frei, ihre Firmenanteile an eine dritte Person weiterzugeben, sollten Sie sich dagegen entscheiden.“

„Maldición!“, fluchte er. „Das darf einfach nicht wahr sein!“ Er atmete tief durch. „Und die guten Nachrichten?“

„Nun, es gibt da einige Unklarheiten in den Dokumenten, die Ihre Tante Ihnen zur Unterschrift vorgelegt hat.“

„Unklarheiten?“ Lorenzo zog eine Braue hoch. „Können Sie das auch ein bisschen genauer beschreiben?“

Sí, claro. In einigen Punkten könnten die Forderungen Ihrer Tante kaum eindeutiger sein: Sie verlangt, dass Sie innerhalb eines festgesetzten Zeitraums von zwei Jahren heiraten und es in dieser Verbindung ein Kind geben muss. Jedoch …“

„Ja?“ Nun wurde es für Lorenzo langsam interessant. „So spannen Sie mich doch nicht so auf die Folter, Ricardo!“

„Nun, ich habe die Papiere noch einmal von einem unabhängigen Gutachter prüfen lassen, und er ist zu demselben Ergebnis wie ich gekommen: Von einem Fortbestand der Ehe oder gar einem leiblichen Nachkommen ist darin keineswegs die Rede.“

Lorenzo stutzte. „Soll das etwa heißen …?“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Konnte es wirklich sein, dass seiner sonst mit allen Wassern gewaschenen Tante ein solcher Fauxpas unterlaufen war? Er vermochte es kaum zu glauben – und doch … „Wir unterhalten uns später darüber“, sagte er. „Ich habe im Augenblick andere Dinge zu erledigen. Erwarten Sie meinen Anruf heute Abend so gegen sechs.“

Mit diesen Worten unterbrach er die Verbindung und betrat das Café del Playa.

Die Kühle innerhalb des Gebäudes war nach der sengenden Sommerhitze mehr als angenehm. Lorenzo nahm seine Sonnenbrille ab, doch seine Augen brauchten noch ein paar Sekunden, um sich an die geänderten Lichtverhältnisse zu gewöhnen. Was er dann sah, gefiel ihm ausgesprochen gut.

Die Einrichtung war in gedeckten Farben wie Mocca, Creme und Cappuccino gehalten, das leuchtende Türkisblau der Vorhänge und Klubsessel bildete dazu einen angenehm frischen Kontrast. Überall hingen Bilder, die Motive aus der Umgebung zeigten: den Sonnenuntergang über der Bucht von Mahón, die Steineichen auf dem El Toro, dem höchsten Berg Menorcas. Die Rückwand der Bar bestand aus indirekt von hinten beleuchteten wasserblauen Glasbausteinen. Hinter dem Tresen stand eine junge Frau, die gerade Milchschaum zubereitete und sogleich sein Interesse weckte.

Was für ein hinreißendes Wesen! Hellblondes Haar umschmeichelte ein alabasterfarbenes herzförmiges Gesicht mit sanft geschwungenen Lippen und den aufregendsten grünen Augen, in die Lorenzo jemals geblickt hatte. Zumindest was die Auswahl ihrer Angestellten anging, traf Isabel Culbraith ganz eindeutig seinen Geschmack. „Buenos días, señor!“ Die junge Frau schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Herzlich willkommen im Café del Playa. Was kann ich für Sie tun?“

Er breitete die Arme aus. „Aber, aber. Ein bezauberndes Geschöpf wie Sie sollte einem Mann niemals eine solche Frage stellen“, erklärte Lorenzo mit einem anzüglichen Blick. Sein offensives Vorgehen kam nicht bei allen Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts gut an. Doch für die allzu Empfindsamen unter ihnen oder gar für Emanzen hatte er ohnehin nichts übrig.

Die hübsche Blondine quittierte seine Worte mit einem anerkennenden Lächeln. „Sie scheinen sich Ihrer Sache ja ganz schön sicher zu sein.“

„Das verdenken Sie mir hoffentlich nicht“, entgegnete er süffisant. „Bei einer Schönheit wie Ihnen muss ein Mann einfach sein Glück versuchen.“

Sie zuckte die Schultern. „Das haben schon viele vor Ihnen probiert – tun Sie sich also keinen Zwang an.“

„Also bin ich für Sie nur einer von vielen?“ Theatralisch griff er sich ans Herz. „Das trifft mich tief, Señorita.“

Damit brachte er sie nun endlich zum Lachen. „Das kann ich natürlich nicht verantworten. Außerdem finde ich, dass so viel Unerschrockenheit belohnt werden sollte. Was darf ich Ihnen bringen? Das erste Getränk geht auf Kosten des Hauses, Señor …?“

„Velásquez, Lorenzo Velásquez. Ich bin eigentlich nicht hier, um Kaffee zu trinken, so angenehm das in Ihrer Gesellschaft auch sein mag, sondern um mit der Besitzerin dieses schönen Lokals zu sprechen. Deshalb wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie Ihre Chefin rufen würden, Señorita.“

„So.“ Die Miene seines sexy Gegenübers verfinsterte sich schlagartig. „Nun, Sie haben die Inhaberin des Café del Playa bereits gefunden, Señor. Ich bin Isabel Culbraith, und mir gehört dieses Café.“ Aus zusammengekniffenen Augen blickte sie ihn an. „Auch wenn Sie es mir offenbar wegnehmen wollen!“

2. KAPITEL

Lorenzo Velásquez hatte sich also höchstpersönlich hierher bemüht! Isabel war entsetzt. So hatte sie sich diesen Mann nicht vorgestellt. In ihrer Fantasie war er zum abscheulichen Unhold aus einem jener Märchen geworden, die sie Louis abends vor dem Zubettgehen vorlas. Keine besonders realistische Einschätzung, wenn sie ganz ehrlich sein wollte.

Sie musste zugeben, dass Velásquez recht gut aussah. Nein, mehr als das. Sie konnte sich jedenfalls nicht daran erinnern, jemals einem attraktiveren Mann begegnet zu sein. Pechschwarzes, leicht gewelltes Haar umrahmte ein markantes Gesicht mit einer prominenten Nase und überraschend hellen, graublauen Augen. Er besaß den dunklen Teint eines Südländers und benahm sich auch wie ein solcher. Deshalb hatte sein Äußeres sie auch nicht vollends geblendet.

Isabel lebte schon lange auf Menorca. Sie war daran gewöhnt, sich Machosprüche anhören zu müssen. Was jedoch nicht bedeutete, dass sie ihr unbedingt gefielen. Und Lorenzo Velásquez’ Auffassung von einem Flirt hatte eindeutig etwas Penetrantes an sich, das ihr gleich unsympathisch gewesen war. Dass sie sich dennoch scheinbar auf ein Geplänkel mit ihm eingelassen hatte, lag nur daran, dass so etwas nun einmal zu ihrem Job gehörte. Wie überall in der Dienstleistungsbranche war auch im Café del Playa der Kunde stets König.

Oder redete sie sich das vielleicht nur ein? Jetzt, da sie wusste, wer er war. Schon möglich, aber … Sie schüttelte den Kopf. Wie dem auch sei, eines stand fest: Weder sein Äußeres noch seine inneren Werte, so es sie denn gab, hatten sie zu interessieren. Wichtig war nur, dass er der Mann war, der ihr nun schon seit einer ganzen Weile das Leben schwer machte, ohne bisher selbst auf der Bildfläche erschienen zu sein. Dass er nun doch vor ihr stand, konnte nur bedeuten, er wollte zum nächsten Schlag ausholen.

Als hätte ich nicht auch so schon genug um die Ohren …

Isabel schüttelte den Kopf. Die finanzielle Lage des Café del Playa als desolat zu bezeichnen hätte bedeutet, die Dinge zu beschönigen. Obwohl das Lokal gut lief – selbst jetzt, am frühen Nachmittag, hielten sich schon gut ein Dutzend Gäste auf der Terrasse auf, gegen Abend waren es oft gut drei Mal so viele –, reichten die monatlichen Einnahmen kaum aus, um die laufenden Kosten zu decken. Und das nicht erst seit Kurzem. Doch in den vergangenen zwei Monaten hatte sich die Situation immer weiter zugespitzt, und das war nicht zuletzt Señor Velásquez und seinen Handlangern zu verdanken.

Ein Beispiel stellte der Parkplatz vor dem Lokal dar, der bis vor sechs Wochen noch der Stadt gehört hatte. Velásquez hatte das Grundstück gekauft und forderte nun von ihr jeden Monat eine horrende Gebühr dafür, dass ihre Gäste ihre Fahrzeuge dort abstellen durften.

Hinzu kam, dass ihr mit einem Mal die Behörden Schwierigkeiten machten. So war sie gezwungen gewesen, einen Lagerschuppen, der schon seit vielen Jahren existierte, abzureißen, weil man damals angeblich versäumt hatte, den Bau genehmigen zu lassen.

Sie zweifelte nicht daran, dass auch für diese Unannehmlichkeiten Velásquez die Verantwortung trug.

Und nun war er selbst gekommen, um mit ihr über den Verkauf des Cafés zu sprechen. Sie ahnte, dass es nichts Gutes für sie bedeuten konnte.

„Melissa?“, rief sie ihre Angestellte, die sich nun schon geschlagene fünfzehn Minuten draußen auf der Terrasse herumdrückte, obwohl Isabel sie lediglich gebeten hatte, einem französischen Urlauber einen Café au lait zu servieren. Ungeduldig trommelte sie mit den Fingern auf dem Tresen. Dieses Mädchen würde sie irgendwann noch verrückt machen! Ständig war sie mit irgendwelchen Dingen beschäftigt, die absolut nichts mit ihren Aufgaben zu tun hatten. Sie flirtete mit den männlichen Gästen, feilte sich die Nägel hinter der Theke und war ständig mit ihren Haaren und ihrem Make-up beschäftigt. Dabei ließ Isabel ihr das nicht einfach so durchgehen, im Gegenteil: Mehr als einmal hatte sie die junge Frau schon ins Gebet genommen, und jedes Mal war es dasselbe: Melissa zeigte sich einsichtig und gelobte Besserung. Doch noch, ehe die erste Stunde verging, war alles wieder vergessen.

Eigentlich hätte Isabel ihr längst kündigen sollen, das Problem war nur: Melissa arbeitete für den Bruchteil des Lohns, den professionelle Kellner erwarteten. Nicht ganz freiwillig allerdings, was vermutlich auch ihre mangelnde Motivation erklärte. Ihr Vater war so etwas wie ein alter Bekannter von Isabel. Weil ihm die Faulheit seiner Tochter, die mit fünfundzwanzig ihr Studium abgebrochen hatte und seither in den Tag hinein lebte, gegen den Strich ging, hatte er sie vor die Wahl gestellt, entweder für Isabel zu arbeiten und endlich einmal den Ernst des Lebens kennenzulernen, oder aber zukünftig selbst zu sehen, wie sie über die Runden kam.

Zähneknirschend hatte Melissa sich in ihr Schicksal gefügt, und Isabel war froh darüber gewesen, endlich eine kostengünstige Hilfskraft gefunden zu haben. Inzwischen fragte sie sich allerdings immer öfter, ob Melissa für sie wirklich eine Unterstützung oder nicht viel mehr eine zusätzliche Belastung war. Isabel hätte ja auch gern mehr bezahlt, doch es ging einfach nicht. Im Grunde überstieg selbst das, was sie ihr am Monatsende überwies, ihre Leistungsfähigkeit. Wenn es so weiterging, würde der Gerichtsvollzieher sich nicht mehr lange von einer Pfändung abbringen lassen. Und der Himmel allein wusste, wie es mit dem Café del Playa weitergehen sollte, wenn man ihr den Ofen oder gar die Espressomaschine wegnahm.

„Melissa!“, rief sie erneut, dieses Mal noch etwas lauter. „Wo bleiben Sie denn?“

„Ja, ja, ich komme ja schon.“ Missmutig kam die Angestellte durch die Terrassentür zum Tresen und sah ihre Chefin genervt an. „Was gibt es denn schon wieder?“

Isabel verkniff es sich, ihre Untergebene zum x-ten Mal zurechtzuweisen, denn im Beisein von Gästen machte man so etwas nicht. „Würden Sie sich bitte eine Weile allein um den Ablauf kümmern?“, sagte sie daher, jedoch in einem Tonfall, der deutlich machte, dass es sich keineswegs um eine Frage oder Bitte, sondern um eine Anweisung handelte. „Ich habe etwas mit dem Señor hier zu besprechen.“

Melissa schaute auf, und ihre Miene, ja, sogar ihre Haltung veränderte sich, als sie Señor Velásquez erblickte. Ihre Augen funkelten plötzlich, und sie setzte ein strahlendes Lächeln auf. Dann wandte sie sich an ihn und säuselte: „Hola, Señor! Wenn es irgendetwas gibt, was ich für Sie tun kann …“ Sie zwinkerte ihm zu. „Ich wäre zu jeder Schandtat bereit …“

„Melissa!“ Isabel bedachte die junge Frau mit einem wütenden Blick. „Dies ist ein Café und keine Singlebörse, haben wir uns verstanden?“

Normalerweise hatte sie nicht so sehr etwas dagegen, dass Melissa mit den männlichen Gästen flirtete. Es war offenbar eines ihrer wenigen Talente, und da es sich durchaus verkaufsfördernd auswirkte, ließ sie die Blondine oft gewähren. Sie wusste selbst nicht so genau, warum es ihr ausgerechnet jetzt missfiel.

Es hatte doch wohl nichts mit Lorenzo Velásquez zu tun? Zugegeben, er war ein äußerst attraktiver Mann, die Art und Weise, wie er auftrat, behagte ihr allerdings nicht. Er schien daran gewöhnt zu sein, stets alles zu bekommen, was er wollte. Doch an ihr, Isabel Culbraith, würde er sich die Zähne ausbeißen!

„Ja, ja …“ Melissa verdrehte die Augen, um deutlich zu machen, was sie über die Zurechtweisung ihrer Chefin dachte. „Sonst noch was?“

„Ja“, erwiderte Isabel barsch. „Bringen Sie uns bitte zwei Playa Special an Tisch acht. Ich darf wohl davon ausgehen, dass Sie in der Lage sind, eine halbe Stunde ohne mich auszukommen? Señor Velásquez und ich haben etwas Privates miteinander zu besprechen. Ich wünsche nicht weiter gestört zu werden!“

Nachdem Melissa mit einem mürrischen Nicken hinter der Theke verschwunden war, wandte Isabel sich an Velásquez. „Kommen Sie!“

Tisch acht lag etwas abseits im hinteren Bereich des Cafés, vor neugierigen Blicken abgeschirmt durch die fächerförmigen Wedel einer Zwergpalme.

„Soso, hierher ziehen Sie sich immer zurück, wenn Sie etwas mit einem Mann zu besprechen haben, wie?“ Lorenzo Velásquez, der sich einfach gesetzt hatte, zwinkerte ihr zu, und in seinem Lächeln schwang ein Hauch von Spott mit. „Da könnte ich als Vertreter des männlichen Geschlechts ja fast schwach werden …“

Ärgerlich schüttelte Isabel den Kopf. „Bilden Sie sich lieber nichts darauf ein. Ich möchte nur verhindern, dass der Inhalt unseres Gesprächs gleich auf der ganzen Insel die Runde macht.“

„Schade – und ich hoffte viel mehr auf ein unmoralisches Angebot.“

„Darauf können Sie lange warten, ich …“ Sie verstummte, als Melissa mit den Getränken kam. Auf Anhieb fiel ihr auf, dass die Tochter ihres Bekannten wieder einmal vergessen hatte, Ingwerplätzchen zum Kaffee zu servieren. Missbilligend runzelte sie die Stirn, sagte aber nichts, und bedeutete ihr stattdessen mit einem knappen Nicken, dass sie gehen könne. Sie würde sich nachher mit ihr unterhalten. Und zwar in aller Ruhe. Velásquez sollte nicht auf die Idee kommen, dass sie es seinetwegen tat. Er glaubte vermutlich ohnehin, dass seinem Charme jede Frau erliegen musste. Nun, sie würde ihn eines Besseren belehren.

Ach ja? Und warum reagierst du dann so eifersüchtig auf Melissa? Bist du vielleicht doch nicht so immun gegen ihn, wie du dachtest?

„Unsinn …!“, stieß sie aus und errötete leicht, als sie merkte, dass sie den Gedanken laut ausgesprochen hatte.

„Wie bitte?“ Er schenkte ihr ein belustigtes Lächeln.

Hastig winkte Isabel ab. „Ach, nichts.“

Nervös nippte sie an ihrem Playa Special, und auch Lorenzo Velásquez führte seine Tasse zum Mund und probierte einen Schluck. Anerkennend nickte er. „Perfekt. Schmecke ich einen Hauch von Kakao?“

„Allerdings – und zwar echten Madagaskar-Kakao.“ Sie atmete tief ein. „Aber Sie sind bestimmt nicht gekommen, um mit mir über Kaffeespezialitäten zu sprechen. Was wollen Sie, Señor Velásquez? Die Daumenschrauben, die Ihre Mitarbeiter mir angelegt haben, noch mehr anziehen? Ich habe bereits mehr als einmal deutlich zu verstehen gegeben, dass ich an einem Verkauf nicht interessiert bin.“

„Sehen Sie, und genau deshalb bin ich hier“, erklärte er und lehnte sich gelassen in seinem Klubsessel zurück. „Solche Dinge sollten nicht über Mittelsmänner verhandelt werden. Sie glauben nicht, wie oft sich auf Anhieb eine für beide Parteien akzeptable Lösung findet, wenn man persönlich miteinander spricht.“

„Nicht in diesem Fall, fürchte ich. Eine Veräußerung steht nicht zur Debatte. Was wollen Sie überhaupt mit meinem Café? Sie haben doch nicht wirklich vor, selbst unter die Gastronomen zu gehen, oder?“

„No“, erwiderte er, ohne näher auf ihre Frage einzugehen. Seufzend fuhr er sich durchs Haar. „Mrs Culbraith, ich bitte Sie, nehmen Sie Vernunft an. Wir wissen doch beide, dass Sie es sich überhaupt nicht leisten können, mein Angebot abzulehnen. Sie stehen am Rande des finanziellen Ruins.“

„Was ich nicht zuletzt Ihrer tatkräftigen Unterstützung zu verdanken habe, nicht wahr?“ Wütend funkelte Isabel ihn an. „Oder wollen Sie etwa abstreiten, dass dies von Anfang an Ihr Ziel gewesen ist? Sie wollten mich mürbemachen, mir zeigen, wer von uns den längeren Atem besitzt.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ist es für Männer wie Sie denn wirklich so schwer, ein Nein zu akzeptieren?“

Seine Miene verfinsterte sich. „Was sollen diese Anspielungen, Mrs Culbraith? Lassen Sie uns doch endlich die Karten auf den Tisch legen. Also, was verlangen Sie?“

Störrisch schüttelte sie den Kopf. „Das Café del Playa ist nicht verkäuflich – zu keinem Preis!“

Er runzelte die Stirn. „Ich erhöhe meine Offerte noch einmal um zehn Prozent, das ist dann auch wirklich das absolute Limit. Sie werden zugeben müssen, das ist mehr als großzügig von mir.“

Einen Augenblick lang schwieg Isabel. Es stimmte schon, das war nicht schlecht, und die Stimme der Vernunft riet ihr, sein Angebot anzunehmen. Hätte es doch die Lösung all ihrer Probleme bedeutet! Doch die Art und Weise, wie Velásquez vorging, weckte die Rebellin in ihr. Sie hatte sich schon fast damit abgefunden, dass ihr am Ende vermutlich keine andere Wahl blieb, als zu verkaufen. Aber an Velásquez, der sie mit seinen Machenschaften erst so weit getrieben hatte? Nein! Und außerdem war sie nicht bereit, aufzugeben, solange sie auch nur die geringste Chance sah, das Café del Playa zu erhalten. Zumindest das war sie ihrem verstorbenen Mann Jorge schuldig – und Louis, ihrem Sohn, der seinen Vater niemals kennenlernen würde.

„Es mag sein, dass Ihr Angebot großzügig ist, dennoch bleibe ich dabei: Ich bin nicht interessiert.“

„Basta!“

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