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Verführerisches Feuer

PROLOG

Falcon Leopardi verzog angewidert das Gesicht. So also sah das feierliche Gedenken zum Geburtstag seines verstorbenen Halbbruders Antonio aus. Es war eine Idee ihres Vaters gewesen, die Falcon ausdrücklich nicht begrüßt hatte, schon gar nicht als willkommene Ausrede, um sich zu betrinken. Was die angeblichen Freunde Antonios allerdings anders zu sehen schienen.

Einer von ihnen beugte sich gerade plump vertraulich zu Falcon vor und blies ihm dabei seine Alkoholfahne ins Gesicht.

„Hat Antonio Ihnen eigentlich von der Frau erzählt, die er letztes Jahr in Cannes geschwängert hat? Sie hat ihn abblitzen lassen, da hat er sich geschworen, es ihr heimzuzahlen. Er hat ihr was in den Drink getan, und dann hat er’s ihr besorgt. Wissen Sie davon?“

Falcon, der sich bereits angewidert abgewandt hatte, drehte sich noch einmal um, um dieses wenig erfreuliche Exemplar der männlichen Gattung genauer zu studieren.

„Ja, ganz dunkel erinnere ich mich“, log er. „Aber vielleicht können Sie meinem Gedächtnis ja etwas auf die Sprünge helfen.“

Das ließ sich der Betrunkene nicht zweimal sagen.

„Wir haben sie in Nikki Beach getroffen. Sie hat längst nicht so viel Spaß gehabt wie die anderen Mädels, obwohl sie zu ’ner Filmcrew gehört hat. Sie kam immer so superkorrekt gekleidet an, irgendwie gouvernantenhaft, in Rock und Bluse. Antonio hat ihr zum Spaß Champagner über die Bluse gespritzt, nur damit sie endlich mal was zu lachen hat, aber sie fand das überhaupt nicht lustig. Na, und da war er eben sauer, richtig sauer. Die hat ja getan, als ob sie was ganz Besonderes wäre. Schön, und dann hat er ihr eben mal gezeigt, wo’s langgeht. Er fand ihre Zimmernummer raus und hat einen Kellner bestochen, damit der ihr was in den Drink tut. Das hat sie so voll umgehauen, dass wir sie zu dritt auf ihr Zimmer schaffen mussten. Natürlich hat Antonio uns zum Stillschweigen verdonnert, war aber eh klar, dass wir nichts sagen. Jetzt, wo er tot ist, gilt das natürlich nicht mehr, außerdem sind Sie ja sein Bruder.“ Der Kerl grinste verschwörerisch. „Hinterher hat Tonio uns erzählt, dass sie bestimmt noch Jungfrau war.“

Es dauerte eine Weile, bis Falcons eisiges Schweigen den Alkoholnebel im Kopf seines Gegenübers durchdrang. Erst dann begann dem Kerl wohl das zutiefst Empörende an seiner Geschichte zu dämmern, weil er sich beeilte, Falcon mit dümmlichem Grinsen zu versichern: „Aber am Ende hat Tonio doch noch Scherereien bekommen. Zumindest hat er erzählt, dass der Bruder der Braut bei ihm aufgetaucht ist und behauptet hat, Tonio hätte seiner Schwester ein Kind angehängt.“

Falcon hüllte sich immer noch in Schweigen. Obwohl er nicht viel Fantasie brauchte, um sich in dem grausamen Spiel, das sein Gegenüber geschildert hatte, Antonios Rolle ausmalen zu können. Es war typisch für Antonio und zeigte nur ein weiteres Mal, warum Falcon und seine beiden jüngeren Brüder ihrem Halbbruder so wenig Sympathie entgegengebracht hatten.

„Wie war ihr Name? Können Sie sich daran erinnern?“, fragte er den Betrunkenen jetzt.

Sein Gegenüber wackelte unkontrolliert mit dem Kopf und überlegte eine Weile angestrengt, bevor er sagte: „Ich weiß nicht mehr … irgend so was wie Anna oder Annie, vielleicht. Auf jeden Fall war sie Engländerin.“

Dann schüttelte sich der Betrunkene und ging leicht torkelnd davon, fast als ob Falcons kalte Verachtung ihm einen eisigen Schauer über den Rücken gejagt hätte. Zweifellos auf der Suche nach einem neuen Drink, dachte Falcon, während er zum Tisch schaute, wo sein Vater mit seinen beiden Brüdern und deren Ehefrauen saß.

Der alte Prinz hatte sein einziges Kind aus zweiter Ehe – einen Sohn – angebetet, manipuliert und sträflich verwöhnt. Nach dem Tod seiner ersten Frau – Falcons Mutter –, die ihm drei Söhne geboren hatte, hatte ihr Vater seine langjährige Geliebte – Antonios Mutter – geheiratet, die mittlerweile ebenfalls nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Nach Antonios Tod hatte ihr Vater von seinen Söhnen aus erster Ehe verlangt, das Kind zu suchen, das ihr im Sterben liegender Halbbruder erwähnt hatte.

Bisher war Falcon mit seinen Bemühungen nicht weitergekommen, obwohl er alles in seiner Macht Stehende unternommen hatte, um Licht ins Dunkel zu bringen. Jetzt allerdings stellte sich die Situation gänzlich anders und ganz und gar schockierend dar. Dabei blieb nur noch die Frage, wann er seinen Brüdern von der Frau erzählen sollte, die ihr Halbbruder mit Drogen betäubt, vergewaltigt und geschwängert hatte. Sofort oder erst nachdem er sie gefunden hatte, denn suchen würde er sie auf jeden Fall. Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen, etwas anderes ließen sein Ehrgefühl und sein Verantwortungsbewusstsein gar nicht zu. Nun, er würde in Ruhe darüber nachdenken und dann eine Entscheidung treffen.

1. KAPITEL

Annie rieb sich die Augen. Es waren große lang bewimperte veilchenblaue Augen, auf die jede Frau stolz gewesen wäre. Das Problem war nur, dass sie im Moment vor Müdigkeit wie Feuer brannten. Annie hob die Hand, um sich eine dicke Strähne ihres schulterlangen naturblonden Haars aus dem Gesicht zu streichen. Ihre Handgelenke waren so schmal, dass sie fast zerbrechlich wirkten. Normalerweise trug sie das Haar streng nach hinten gekämmt und im Nacken zusammengebunden, aber vorhin beim Baden hatte Ollie so lange mit seinen kleinen Händchen herumgefuchtelt und immer wieder danach gegrapscht, bis es sich aus dem Zopf gelöst hatte. Annie liebte ihren kleinen Sohn von ganzem Herzen. Ollie war ihr Leben, und sie war entschlossen, alles dafür tun, dass er behütet und in Sicherheit aufwachsen konnte. Alles.

Sie hatte den ganzen Abend gelesen. Lesen gehörte zu den Arbeiten, mit denen sie derzeit für sich und Ollie den Lebensunterhalt verdiente. Recherchetätigkeiten in freier Mitarbeit waren nicht sonderlich gut bezahlt, deshalb verdiente Annie längst nicht so viel wie in ihrem früheren Job, als sie fest angestellt für einen Drehbuchautor gearbeitet hatte. Tom war in Gehaltsfragen immer höchst großzügig gewesen. Und im Laufe der Zeit hatte sich, bedingt durch die gute Zusammenarbeit, zwischen ihm, seiner Frau und Annie eine echte Freundschaft entwickelt.

Annies Gesicht verfinsterte sich. Die Beleuchtung in ihrem winzigen Zweizimmerapartment war einfach zu schlecht für eine Tätigkeit, die so anstrengend war für die Augen.

Auf dem kleinen Klapptisch, an dem sie saß, lag neben ihrer Arbeit ein dünner Stapel Post, den man ihr an ihre neue Adresse nachgeschickt hatte, darunter auch ein Brief ihres Stiefbruders. Leise erschauernd warf Annie einen Blick über die Schulter, fast als würde sie befürchten, dass Colin plötzlich wie aus dem Boden gewachsen vor ihr stand.

Colin lebte in dem Haus, das eigentlich für sie bestimmt gewesen war, weil es ursprünglich ihrem verstorbenen Vater gehört hatte. Colin hatte es ihr weggenommen … ebenso weggenommen wie … Sie schüttelte den Kopf und schob den Gedanken an ihren Stiefbruder entschlossen beiseite. Jetzt bloß nicht an Colin denken.

Aber manchmal ging es nicht anders, allein schon wegen Ollies Sicherheit. Weil Colin ganz und gar nicht damit einverstanden gewesen war, dass sie sich geweigert hatte, Ollie zur Adoption freizugeben. Dabei hätte nichts, aber auch gar nichts auf der Welt sie je dazu bewegen können, sich von ihrem geliebten Sohn zu trennen. Nicht einmal Colins unablässige Versuche, ihr Schuldgefühle einzureden. Er hatte immer wieder behauptet, dass sie Ollie aus blankem Egoismus nicht hergeben wolle, obwohl jeder Mensch sehen könne, dass ihr Sohn bei einem in stabilen Verhältnissen lebenden gut situierten Ehepaar wesentlich besser aufgehoben wäre als bei ihr. Und Colin konnte sehr überzeugend sein, wenn er es darauf anlegte. Annies größte Befürchtung war es gewesen, dass er sich – wie früher so oft – Verbündete suchen könnte.

Würde sie jemals aufhören, sich ängstlich über die Schulter zu schauen, weil sie befürchtete, Colin könnte ihren derzeitigen Aufenthaltsort herausgefunden haben? Und es am Ende doch noch schaffen, ihr ihren Sohn wegzunehmen?

Wäre es nach ihr gegangen, hätte Colin überhaupt nichts von ihrer Schwangerschaft erfahren, aber Toms Frau Susie hatte geglaubt, ihr einen Dienst zu erweisen, indem sie sich, nachdem „es“ passiert war, mit Colin in Verbindung setzte. Mit „es“ umschrieb Annie in Gedanken die Vergewaltigung durch Antonio Leopardi. Susie war überzeugt gewesen, Annie zu helfen, wenn sie Colin die ganze Geschichte offenbarte. Das hatte Annie schwer zugesetzt, aber es war noch schlimmer gekommen, als Colin ihr angeboten hatte, sie solle auf jeden Fall während der Schwangerschaft in seinem Haus wohnen. Dort würde sie alle Unterstützung erfahren, die sie brauchte. Susie und Tom waren irritiert gewesen, weil sie diesen Vor schlag so vehement ablehnte, aber sie hatte sich nicht umstimmen lassen.

Und so war sie in ihrer eigenen Wohnung geblieben und hatte Ollie in einer Londoner Entbindungsklinik zur Welt gebracht, die einen hervorragenden Ruf hatte.

Nur dass sie Colin trotzdem nicht losgeworden war. Anfangs schien es zwar, als würde er es letzten Endes akzeptieren, dass sie ihr Kind behielt, doch als Antonio Leopardi sich geweigert hatte, wenigstens finanziell die Verantwortung zu übernehmen, hatte er seine Meinung wieder geändert.

Irgendwann war Annie halb wahnsinnig gewesen vor Angst, Colin könnte es doch noch gelingen, sie von ihrem kleinen Sohn zu trennen. Und dann war Colin nach Schottland gefahren, um nach dem Tod eines älteren Cousins dessen Nachlass zu ordnen. Das war ihre Chance gewesen, und Annie hatte nicht gezögert, sie zu ergreifen.

Ohne einer Menschenseele davon zu erzählen – nicht einmal Tom und Susie, die auf seine Seite zu ziehen Colin tatsächlich gelungen war –, hatte sie sich eine neue Wohnung und eine neue Arbeit gesucht und war einfach verschwunden. Wobei sie sich bei ihrer alten Hausverwaltung ausbedungen hatte, ihre Nachsendeadresse unter allen Umständen geheim zu halten. Ansonsten war es kein Problem, in einer Großstadt wie London einfach unterzutauchen.

Das war vor fünf Monaten gewesen, aber sicher fühlte sie sich trotzdem nicht – kein bisschen.

Sie hatte ein schlechtes Gewissen gehabt, weil sie einfach verschwunden war, ohne Tom und Susie zu informieren, aber es war wichtig, nicht das kleinste Risiko einzugehen. Das konnte sie sich schlicht nicht leisten. Die beiden kannten Colin längst nicht so gut wie sie selbst und wussten nicht, wozu er fähig war oder wie hartnäckig er sein konnte. Als sie sich jetzt daran erinnerte, wie unglücklich sie gewesen war, nachdem ihre Mutter seinen Vater geheiratet hatte, erschauerte sie wieder. Damals – mit zwölf – hatte sie ihrer Mutter zu erklären versucht, wie unbehaglich sie sich fühlte, weil Colin sie ständig anstarrte und nicht aus den Augen ließ.

Er war zu dieser Zeit neunzehn und auf der Universität gewesen, wo er die Woche über auf dem Campus gewohnt hatte. Doch nach der Heirat ihrer Eltern hatte er die Universität gewechselt und war wieder zu Hause eingezogen. Dabei hatte es ihn nicht im Geringsten gestört, dass er jeden Tag zu seiner neuen Uni fahren musste.

Irgendwann hatte Colin eine heftige Abneigung gegen ihre beste Freundin Claire entwickelt, die darin gipfelte, dass er Claire eines Tages fast überfahren hatte, als er mit dem Wagen seines Vaters zurückgestoßen war. Nach diesem Vor fall hatte ihre Mutter Annie geraten, Claire lieber nicht mehr nach Hause einzuladen.

Und jetzt stand Ollie auf seiner Liste. Annie bekam eine Gänsehaut.

Ihren leiblichen Vater hatte sie nie kennengelernt. Sie wusste nur, dass er aus einer alten Soldatenfamilie stammte und selbst Soldat gewesen war. Noch vor ihrer Geburt war er in einen Hinterhalt geraten und getötet worden. Aber Annie hatte bei ihrer Mutter nichts vermisst.

Ihr Vater hatte sie gut versorgt zurückgelassen. Seine Familie war vermögend gewesen, Geld, das ihnen nach seinem Tod zugute gekommen war, und Annies Mutter hatte Annie immer wieder versichert, dass sie eines Tages alles erben würde. Doch nun, da ihre Mutter zusammen mit ihrem zweiten Mann bei einem Unfall auf einer Safari ums Leben gekommen war, war das Haus automatisch auf Colin übergegangen. Er hatte Annie das Zuhause weggenommen, das eigentlich für sie und Oliver bestimmt war.

Instinktiv wanderte ihr besorgter Blick zu dem Bettchen, in dem ihr Sohn tief und fest schlief. Sie konnte einfach nicht anders als aufzustehen, zu ihm zu gehen und auf ihn hinunterzuschauen. Er war so süß und perfekt mit seinen seidigen dunklen Locken und den großen lang bewimperten Augen, dass ihr bei seinem Anblick vor Liebe und Glück das Herz überging.

Da das Geld, das sie mit ihrer Recherchetätigkeit verdiente, für ihren Lebensunterhalt nicht reichte, hielt sie sich zusätzlich für einige Stunden in der Woche mit einem Putzjob über Wasser. Während dieser Zeit hatte Annie Ollie in einer guten städtischen Kinderkrippe untergebracht. Die Putzstelle hatte sie allen anderen Stellenangeboten vorgezogen, weil nicht zu erwarten gewesen war, dass man ihr in diesem Umfeld allzu viele lästige Fragen stellte. Die meisten ihrer Arbeitskollegen waren hart arbeitende Ausländer, die wenig Neigung hatten, allzu viel über sich selbst zu reden. Und das konnte Annie nur recht sein, weil es ihr selbst genauso ging.

Die Welt, in der sie momentan lebte, unterschied sich himmelweit von der Welt, in der sie aufgewachsen war, und ihr Leben war völlig anders als das, was sie sich erträumt hatte. Ollie würde seine Kindheit nicht in einem weitläufigen komfortablen Haus mit einem großen Garten am Rande eines malerischen Städtchens in Dorset verbringen. Die Gegend, in der sie hier in London lebten, war trostlos, mit heruntergekommenen Mietskasernen, in denen die Menschen grußlos und ohne sich zu bemerken aneinander vorbeigingen. Früher hätte ihr allein vor dem Gedanken, in so einem Haus wohnen zu müssen, gegraut, aber heute war sie dankbar, in der Anonymität zu versinken.

Jetzt machte Ollie die Augen auf. Sobald er sie sah, ging ein Leuchten über sein Gesicht. Annie schmolz förmlich dahin. Was für eine außergewöhnliche Sache Mutterliebe doch war, die sie befähigte, ihren Sohn trotz der traumatischen Umstände seiner Zeugung zu lieben.

Wie der erschauerte sie. Sie versuchte möglichst nicht an das zu denken, was ihr in Cannes zugestoßen war. Gnädigerweise blieb ihr dank der Droge, die man ihr verabreicht hatte, die Erinnerung an die Hölle, durch die sie gegangen war, erspart. Susie hatte sie am nächsten Morgen immer noch halb betäubt in ihrem Hotelzimmer gefunden. Die Frau ihres Chefs hatte angeboten, sie zur Polizei zu begleiten, aber Annie hatte sich geweigert, weil sie befürchtet hatte, dass man ihr nicht glauben würde. Obwohl Susie anderer Meinung gewesen war, hatte sie Annie nicht weiter gedrängt, sondern sich einfach nur rührend um sie gekümmert. Sie fehlte Annie sehr.

Susie hatte Colins Überzeugung geteilt, dass man Annies Vergewaltiger zumindest finanziell haftbar machen sollte, deshalb hatte sie ihm ohne Annies Wissen Antonios Namen gegeben.

Es war für Annie keine Überraschung gewesen, dass Antonio alles abgestritten hatte, und als sie wenig später aus der Zeitung von seinem Unfalltod erfahren hatte, war sie erleichtert gewesen. Jetzt würde Ollie wenigstens nie zu Ohren kommen, unter welchen Umständen er gezeugt worden war.

Außer wenn Colin sie fand.

Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Er konnte, er durfte sie nicht finden. Und sie durfte nicht an ihn denken, sonst beschwor sie das Unheil womöglich noch herauf.

Sie hielt sich selbst für vernunftbetont und realistisch und keineswegs für eine Träumerin, und doch wünschte sie sich manchmal – besonders in Momenten wie diesem – eine gute Fee, die sie und Ollie an einen Ort brachte, wo sie vor Colins Nachstellungen sicher waren.

Aber das war natürlich nur ein kindlicher Wunsch, der nicht einmal den Hauch einer Chance hatte, jemals in Erfüllung zu gehen. Die raue Wirklichkeit sah anders aus.

In dem riesigen Foyer des Fünfsternehotels war weit und breit war kein Gast in Sicht, als Annie in die Hocke ging, um von dem Marmorboden einen Kaugummi zu entfernen. Ihre Schicht war praktisch vorbei, aber die Frau am Empfang hatte darauf bestanden, dass Annie den Kaugummi aufhob, den ein weiblicher Hotelgast vor wenigen Momenten hatte zu Boden fallen lassen – aus reiner Schikane, wie Annie glaubte. Die Frau war auf schwindelerregend hohen Absätzen durchs Foyer gestöckelt und hatte Annie einen verächtlichen Blick zugeworfen, während sie ihren sündhaft teuer wirkenden Rock glatt gestrichen hatte. Dann hatte sie den Kaugummi aus dem Mund genommen und auf den Boden geworfen.

Als sich auf dem glänzenden Marmorboden ein Sonnenstrahl brach, kniff Annie geblendet die Augen zusammen und hob den Kopf.

Dass Falcon prächtige Laune hatte, konnte man nicht unbedingt behaupten. Er hielt sich seit Anfang der Woche in London auf und hatte gleich nach seiner Ankunft einen Termin mit dem Leiter der Agentur wahrgenommen, die darauf spezialisiert war, vermisste Personen ausfindig zu machen, und als beste ihrer Art im Land galt. Und tatsächlich war es gelungen, eine gewisse Annie Johnson als Mutter von Antonios Kind zu identifizieren. Pech war nur, dass die Frau vor fünf Monaten unbekannt verzogen war.

Heute hatte Falcon einen frustrierenden Nachmittag mit Annies Stiefbruder hinter sich, einem Mann, der ihm auf Anhieb unsympathisch gewesen war. Und gerade eben hatte ihm sein jüngster Bruder Rocco auch noch mitgeteilt, dass sich der Gesundheitszustand ihres Vaters überraschend verschlechtert hatte.

„Aber inzwischen ist er wieder so stabil, dass sie ihn aus dem Krankenhaus entlassen konnten“, hatte Rocco berichtet. „Trotzdem ist er sehr gebrechlich.“

Falcon wusste, dass er jetzt eigentlich in Sizilien sein sollte, das war er seiner Familie schuldig. Andererseits war er dem Kind, das sein Halbbruder auf so verabscheuungswürdige Art und Wei se gezeugt hatte, ebenfalls etwas schuldig. Falcon hatte Antonio nie gemocht. Dass sich die Verachtung, die er für seinen Halbbruder empfand, jedoch noch steigern ließ, hätte er sich nicht träumen lassen.

Beim Betreten des Hotels trug er immer noch seine Sonnenbrille. Das Erste, worauf sein Blick fiel, war eine Putzfrau, die neben einem Wassereimer auf dem Boden kniete. Sie trug einen weiten ausgewaschenen blauen Overall. Das Haar hatte sie straff zurückgebunden und im Nacken irgendwie zusammengefasst. Als sie, offenbar geblendet von der Sonne, den Kopf hob und Falcon ihr in das ungeschminkte Gesicht schaute, machte sein Herz einen riesigen Satz. Gleich darauf begann es wie wild zu hämmern.

Heiliger Himmel, das war sie! Ein Irrtum war ausgeschlossen. Er kam immerhin eben erst aus der Agentur, wo er ihr Foto gesehen hatte. Das waren genau dieselben großen veilchenblauen Augen, dasselbe fein gezeichnete Gesicht mit den hohen Wangenknochen, der geraden kleinen Nase und dem vollen weichen Mund – auch wenn es im Moment blass und erschöpft wirkte.

Die Hand, die sich, mit einem Putzlappen bewaffnet, ausstreckte, um irgendetwas von dem ansonsten makellosen Marmorboden zu entfernen, war rot und geschwollen, das Handgelenk dünn und zerbrechlich. Auf dem Kopf trug die Frau eine Art Haube, sodass ihr naturblondes Haar nur teilweise sichtbar war, dennoch war ein Irrtum ausgeschlossen. Wie durch ein Wunder hatte er sie gefunden.

Als Annie den bösen Blick der Empfangssekretärin sah, wurde sie wütend. Sie hatte bereits unbezahlte Überstunden gemacht, und es war ganz bestimmt nicht ihre Aufgabe, jetzt auch noch diesen blöden Kaugummi vom Boden abzukratzen. Abrupt stand sie auf – und keuchte erschrocken, als sie mit irgendwem zusammenstieß. Der hier in dieser eleganten Hotellobby natürlich nicht einfach irgendwer ist, schoss es ihr durch den Kopf, als männliche Hände sich ihr entgegenstreckten und sie festhielten. Obwohl … wahrscheinlich versuchten sie eher, sich dieses stolpernde Etwas vom Leib zu halten, da nicht zu erwarten war, dass ein Mann, der in einem Gebäude wie diesem ein- und ausging, sich Gedanken um das Wohlergehen einer Putzfrau machte. Er war braun gebrannt und dunkelhaarig und trug einen teuren Maßanzug, die Augen waren hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen.

Er hielt sie immer noch fest – vermutlich erwartete er eine Entschuldigung dafür, dass sie dieselbe Luft atmete wie er. Annie versuchte sich loszumachen, was dazu führte, dass er seinen Griff noch verstärkte. Als sie ihn anschaute, verspürte sie ein seltsames Gefühl, das sie sich damit erklärte, dass er sie berührte. Ihr Puls hatte sich beschleunigt, ihr Atem flog, und ihr Herz raste. Ihr war schwindlig. Ihre Lungen lechzten nach Sauerstoff.

Empfindungen erwachten in ihr, so zögernd wie die einzelnen Funktionen einer eingerosteten Maschine. Ungläubig entdeckte sie, dass sie das plötzliche Bedürfnis verspürte, sich an ihn anzulehnen, dass sie sich wünschte, er möge seine Arme ganz fest um sie legen, damit sie den Kopf an seine breite Brust schmiegen konnte. Sie erschauerte und schob diesen Gedanken tief beschämt beiseite.

Falcon stand unter dem Bann eines gänzlich unbekannten Gefühls, das er nicht benennen konnte. Bestenfalls ein Vergleich fiel ihm ein, eine Erinnerung aus seiner Jugend, die sich ihm unauslöschlich eingeprägt hatte. Damals hatte er in Sizilien am Rand einer gefährlichen Klippe gestanden, inmitten eines tosenden Sturms, der mit solcher Wucht an ihm gezerrt hatte, dass er weder vor- noch zurückgekonnt hatte, ohne in die Tiefe gerissen zu werden. Dabei hatte er sich total ausgeliefert gefühlt, vollkommen hilflos. Und hatte beides gleichzeitig gewollt: mit aller Kraft gegen diese Naturgewalten ankämpfen und demütig sich ergeben. Trotz der Gefahr, in der er geschwebt hatte, hatte er sich hellwach und pulsierend lebendig gefühlt wie nie zuvor in seinem Leben.

Und jetzt ging es ihm genauso.

Die Empfangsdame hatte ihren Platz verlassen und kam auf sie zu. Irgendwie gelang es Annie, sich aus seinem Griff zu winden und sich ihren Putzeimer zu schnappen. Dann suchte sie ihr Heil in der Flucht.

2. KAPITEL

Gefeuert. Man hatte sie gefeuert, weil ein Hotelgast gezwungen gewesen war, sie – unfassbar! – zu berühren. Die Empfangsdame hatte den Vor fall offensichtlich der Hotelleitung gemeldet, dann war bei Annies Zeitarbeitsfirma eine Beschwerde eingegangen. Als Annie mit ihren Kollegen in der Zentrale eingetroffen war, hatte ihr Vorarbeiter sie bereits erwartet. Eine Kündigungsfrist war bei der Art ihres Beschäftigungsverhältnisses nicht vorgesehen, und so setzte man sie kurzerhand an die Luft.

Obwohl es ein strahlender Sommermorgen gewesen war, hatte es irgendwann angefangen zu regnen. Annie fröstelte, als sie auf die Straße trat, allerdings nicht nur der Kühle wegen. Und nun? Was tun?

Hör auf zu jammern, du bist erwachsen, rief sie sich zur Ordnung. Sie war vierundzwanzig Jahre alt, da vergoss man keine heißen Tränen mehr, nur weil man sich verletzlich und allein fühlte und nicht wusste, woher man das Geld für die nächste Miete nehmen sollte.

Inzwischen herrschte dichter Verkehr. Sie musste sich sputen, wenn sie nicht zu spät in die Krippe kommen wollte. Dort war ihr gestern am Schwarzen Brett eine interessante Stellenanzeige ins Auge gefallen, wo für eine Grundschule ganz in der Nähe Unterrichtsassistenten gesucht wurden. Darauf hätte Annie sich gern beworben, aber sie wagte es nicht, weil sie befürchtete, man könnte ihren Hintergrund durchleuchten. Und dabei womöglich entdecken, dass Antonios gewiefte Anwälte ihr gedroht hatten, sie wegen übler Nachrede zu verklagen, falls sie ihre Behauptung, Antonio hätte sie vergewaltigt, weiterhin aufrechterhielt. Dann würde sie heute ebenso blamiert dastehen wie damals, und da war es unerheblich, ob sie sich im Recht fühlte oder nicht.

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