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Verführe niemals deinen Mann

Maureen Child

Verführe niemals deinen Mann

1. KAPITEL

„Auf keinen Fall. Es geht nicht. Tut mir leid, Travis, ich kann dich nicht heiraten.“ Julie O’Hara lehnte sich von innen gegen die geschlossene Tür und sprach so laut, dass der Mann auf der anderen Seite sie verstehen konnte.

Und er verstand sie. So viel war sicher.

„Und ob du mich heiraten kannst“, erwiderte er. Selbst durch die geschlossene Tür war seine Entschlossenheit deutlich herauszuhören. „Jetzt hör auf mit dem Theater und mach endlich auf.“

Julie lehnte den Kopf an die Tür und blickte zur Zimmerdecke. Die Sonne schien durch die Fenster, und die Schatten, die sie an die Wand warf, wirkten wie die Gitterstäbe einer Gefängniszelle.

War das nur Zufall?

Ihr kam es nicht so vor.

Das Ganze war ein Riesenfehler. Sie wusste es ganz genau. Schon die ganzen letzten Wochen hatte sie ein schlechtes Gefühl bei der Sache gehabt, und nun war sie sich völlig sicher.

„Travis, denk noch mal einen Augenblick über die Sache nach.“

„Das ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt dafür, Julie“, sagte er. „Die Gäste sind vollständig versammelt, der Pastor wartet. Und wir heiraten jetzt, basta.“

Sie biss die Zähne zusammen und atmete ein paar Mal tief durch die Nase. Half auch nichts. Wie hatte sie sich nur in diese unmögliche Situation bringen können? Wieder klopfte Travis King nachdrücklich an die Tür. Panisch blickte sie sich im Zimmer um, als ob sie irgendwo einen Fluchtweg entdecken könnte.

Aber es gab keinen, und das wusste sie genau. Sie war in diesem vornehmen Gästezimmer in Travis’ schlossähnlichem Anwesen auf dem Weingut der Kings gefangen. Das Gästezimmer war ebenso luxuriös und elegant eingerichtet wie der Rest des Hauses. Eine ganz andere Welt als die, der sie entstammte. Sie fühlte sich wie ein Dienstmädchen, das sich ins Schlafzimmer seiner Arbeitgeberin geschlichen hatte, um heimlich ihre Kleider anzuprobieren. Ein verflixt schlechtes Gefühl. Und das war alles ihre eigene Schuld.

Sie hatte doch genau gewusst, worauf sie sich einließ! „Julie, du bist so dumm“, murmelte sie.

„Mach endlich die Tür auf, Julie …“

„Der Bräutigam darf die Braut vor der Hochzeit nicht sehen“, sagte sie. „Das bringt Unglück.“

„Ach, in unserem Fall macht das nichts. Komm schon.“

In unserem Fall.

Ein besonderer Fall war es allerdings. Bei dieser Angelegenheit hier handelte es sich weiß Gott nicht um eine normale alltägliche Hochzeit.

Vor einem Monat schien alles noch so einfach zu sein. Ihre Gedanken wanderten zurück zu jenem schicksalhaften Tag.

„Ich brauche eine Frau“, hatte Travis gesagt. „Und du brauchst eine Zukunft. Es passt alles wunderbar zusammen.“

Julie sah ihn wortlos an. Sie saß ihm in Terry’s Diner gegenüber, im Ortszentrum von Birkfield in Kalifornien. In so einer Kleinstadt trafen sich alle immer im Diner, einer Art Schnellimbiss, in dem man aber halbwegs gemütlich sitzen konnte. Julie war auf diesen roten Plastiksitzen praktisch groß geworden.

Der erste Junge, mit dem sie sich verabredete, hatte sie hierher „ausgeführt“. Ihren ersten Liebeskummer hatte sie hier in einem Schokoladen-Milchshake nach dem anderen ertränkt. Und jetzt bekam sie hier einen Heiratsantrag. Eigentlich hätte man sie auf einer Gedenktafel im Restaurant verewigen müssen.

„So wunderbar passt das nun wirklich nicht zusammen“, kommentierte sie. Wenigstens einer von ihnen musste in dieser Situation einen kühlen Kopf bewahren – und das war sie. Travis war schon immer weniger besonnen gewesen als sie. Na gut, von dem einen Mal abgesehen. Als sie völlig überstürzt einen Mann geheiratet hatte, von dem sie glaubte, dass er sie liebte – und zu spät herausfand, dass dem nicht so war. Das hatte ihr ihre Unbesonnenheit eingebracht!

Mit fester Stimme sagte sie: „Es gibt eine viel bessere Lösung, Travis. Such dir einfach einen anderen Vertriebshändler für deine Weine.“

Er schüttelte so energisch den Kopf, dass ihm sein dunkelbraunes Haar in die Stirn fiel. Am liebsten hätte sie sich über den Tisch gelehnt und es ihm aus dem Gesicht gestrichen, aber sie widerstand dem Impuls.

„Das kann ich nicht. Thomas Henry ist nun mal der Beste in der Branche. Und du weißt, dass ich mich niemals mit dem Zweitbesten zufriedengebe.“

Stimmt, das hatte er noch nie. Travis war der Spross einer der reichsten und mächtigsten Familien in ganz Kalifornien. Er war es von Kindesbeinen an gewohnt, ganz oben zu sein, die Nummer eins. Und nichts lag ihm mehr am Herzen als das King-Weingut. Als sein Vater starb, hatte er es übernommen und alles darangesetzt, die King-Weine in ganz Kalifornien bekannt zu machen.

Und jetzt wollte er mehr, viel mehr. Die Weine sollten künftig nicht nur in den gesamten USA vertrieben werden, sondern nach und nach auch in anderen Ländern. Ganz offensichtlich war Thomas Henry für Travis der Schlüssel zur Wein-Weltherrschaft.

„Schön, schön. Aber du musst doch nicht mich heiraten, um mit ihm ins Geschäft zu kommen.“

„Nein.“ Er lehnte sich mit einem angewiderten Gesichtsausdruck zurück. „Das muss ich nicht. Ich könnte stattdessen auch eine von Henrys hässlichen Töchtern heiraten. Ich hab’s dir doch erzählt, Julie, der Typ ist ein totaler Exzentriker. Er ist ein Selfmade-Millionär und hat jetzt nur noch ein großes Ziel im Leben: seine Töchter unter die Haube zu bringen. Und ich bin Single und äußerst wohlhabend. Eine gute Partie für eins seiner Mädels.“

Sie grinste. „Er kann dich nicht zwingen, eine seiner Töchter zu heiraten. Wir leben doch nicht im Mittelalter.“

„So verschroben, wie er ist, würde er es garantiert versuchen“, sagte Travis. „Und wenn ich seine Lieblinge zurückweise, dann kann – und wird – er sich weigern, meine Weine in seinen Vertrieb aufzunehmen. Das kann ich nicht riskieren. Das King-Weingut ist bereit für den nächsten großen Schritt. Wenn Henry unsere Weine vertreibt, ist der Rest nur noch ein Kinderspiel. Aber damit das passiert, brauche ich eine Alibi-Ehefrau. Denn wenn ich schon verheiratet bin, kann er mir ja schlecht eines seiner Herzblättchen zur Gemahlin andienen.“

„Und warum gerade ich?“

Er lächelte – und das war ein überaus verführerischer Anblick. Als sie noch ein halbes Kind war, war sie ganz schön in Travis verliebt gewesen. Kein Wunder – er war nun mal gut aussehend und charmant, und sein Lächeln ließ die Frauen selbst auf größere Entfernung dahinschmelzen. Nur gut, dass sie selbst gegen so etwas immun war. Ja, einmal einen Mistkerl zu heiraten und dann fallen gelassen zu werden – das wirkte wie eine lebenslange Schutzimpfung. Nur weil sie Travis’ Lächeln durchaus anziehend fand, würde sie nicht schwach werden. Sie nicht. Sie war immun.

„Warum ich dich heiraten will?“, fragte er zurück. „Dafür gibt es mehrere gute Gründe.“ Julie horchte auf. „Erst einmal kennen wir uns gut, und ich weiß, du kannst in deiner Situation das Geld gut brauchen. Und zum Zweiten vertraue ich dir. Bei dir weiß ich, dass du dich an unsere Vereinbarung halten wirst und nicht versuchst, mich über den vereinbarten Betrag hinaus finanziell zu melken.“

Julie wusste, dass Travis vom weiblichen Geschlecht ziemlich die Nase voll hatte. Die drei reichen King-Brüder zogen geldgierige Frauen an wie das Licht die Motten. „Aber wenn ich dich heirate – dann bin ich doch auch nicht anders als die berechnenden Goldgräberinnen, die du so verabscheust. Ich würde dich doch auch aus Geldgründen heiraten. Oder nicht?“

„Schon“, gab er lächelnd zurück. „Aber zu meinen Bedingungen.“

Hmm. Er fand das offenbar komisch. Sie aber nicht. Julie hatte immer wieder, über Jahre hinweg, beobachtet, wie sich ihm eine bestimmte Art von Frauen an den Hals warf: ein Auge auf seinen knackigen Po und das andere fest auf sein bemerkenswert gut gefülltes Bankkonto gerichtet. Wenn sie jetzt Geld von ihm kassierte, um ihn zu heiraten, dann war sie doch eigentlich keinen Deut besser als diese gierigen Schnepfen.

Nachdenklich nippte sie an ihrem Schoko-Milchshake. In schwierigen Situationen musste stets Schokolade, in welcher Form auch immer, in greifbarer Nähe sein. Eine Grundregel, um mit den Unbilden des Lebens fertig zu werden.

Einen Haken hatte sein Plan allerdings: Die Leute würden denken, sie wäre hinter seinem Geld her. Und dieser Gedanke behagte ihr überhaupt nicht.

„Ich will und brauche aber keinen Ehemann“, sagte sie fest. Doch sie merkte schon, wie sie sich beinahe gegen ihren Willen für seinen Plan erwärmte.

„Das vielleicht nicht. Aber du könntest das Geld gut brauchen. Dann kannst du endlich die Bäckerei eröffnen, von der du schon so lange träumst.“

Damit hatte er allerdings recht, auch wenn es ihr nicht gefiel. Seit Jahren schuftete sie wie eine Verrückte, legte eisern jeden Cent beiseite – und war doch noch Lichtjahre von ihrem Ziel entfernt. So eine Geschäftsgründung war teuer. Einen Kredit bekam sie nicht, weil sie keine Sicherheiten zu bieten hatte. Wie die Dinge standen, würde sie erst im Rentenalter genug Geld zusammen haben.

Aber war das ein Grund zum Heiraten?

Travis hatte ihr ja schon früher angeboten, ihr Geld zu leihen, auch ohne Sicherheiten, und sie hatte abgelehnt. Sie kannte ihn schon ihr ganzes Leben. Ihre Mutter war Köchin auf der King-Ranch gewesen. Aber dann, als Julie zwölf war, hatte Mary O’Hara den Gärtner geheiratet und die Küchenschürze an den Nagel gehängt. Als Kinder waren Julie und Travis eng befreundet gewesen. Das ging so bis zur Highschool. Aber dann begannen die Lästereien, der Spott: der reiche Junge, der immer mit dem armen Mädchen abhing. So war ihre Freundschaft allmählich abgekühlt, obwohl sie den Kontakt nie verloren hatten.

Jetzt waren sie längst erwachsen, und ihre Wege kreuzten sich nicht mehr sehr häufig. Aber die Erinnerung an ihre Kinderfreundschaft war Julie gewissermaßen heilig. Deshalb wollte sie die Verbindung auch nie mit Geldgeschäften beschmutzen.

Und ihn jetzt zu heiraten – wäre das nicht noch viel schlimmer, geradezu verabscheuungswürdig?

„Es geht doch nur um ein Jahr, Julie“, wiederholte Travis und trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf die Resopal-Tischplatte. „In einem Jahr ist der Vertriebsvertrag längst unter Dach und Fach und die Anstandsfrist für unsere Ehe verstrichen. Und du kriegst das Geld für die Bäckerei. Wie sagt man so schön: Das ist eine Win-Win-Situation, wir haben beide nur Vorteile davon. Besser geht’s nicht.“

„Ich weiß nicht so recht …“ Es war nicht nur die Vorstellung, allein des Geldes wegen zu heiraten, die sie zögern ließ. Obwohl das eigentlich weiß Gott schon Grund genug gewesen wäre. Nein, da gab es noch etwas anderes. „Wenn unsere Ehe dann vorbei ist … dann bin ich eine zweimal geschiedene Frau.“

Wie erbärmlich würde das denn aussehen? Dreißig Jahre alt und zwei Ehen kläglich gescheitert? Wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, würde sie Jean Claude Doucette meiden wie die Pest. Aber die Zeit zurückzudrehen, diese Fähigkeit war ihr leider nicht gegeben. Dieser französische Mistkerl würde auf ewig Teil ihrer Vergangenheit sein.

„Schon, aber deine erste Ehe hat wie lange gedauert? Zwei Wochen? Das zählt doch fast nicht. Außerdem … wen kümmert’s?“

„Mich.“

„Warum denn? Du hast eben einen Fehler gemacht, na und? Immerhin hast du den Fehler erkannt, dich scheiden lassen …“

Ja, dachte sie, nachdem Jean Claude ihr den Laufpass gegeben hatte. Und die Scheidung hatte er auch noch organisiert – eine billige Blitzscheidung in Mexiko.

„Das ist alles Schnee von gestern“, sagte Travis. „Und du weißt ja, ich hab dir angeboten, ihm in deinem Auftrag ordentlich eine zu verpassen.“

„Ja, das weiß ich noch.“ Es war wirklich schön, Travis als Freund oder wenigstens guten Bekannten zu haben. Eine vorgetäuschte Ehe konnte das nur kaputt machen. „Fand ich wirklich nett von dir, auch wenn ich das Angebot ausgeschlagen habe.“

„Gut. Dann heirate mich jetzt endlich.“

„Was würde deine Familie sagen … und erst meine Mutter?“, fragte sie und ahnte schon, dass er auch darauf eine Antwort parat haben würde. „Eine Hochzeit aus heiterem Himmel …“

„Ach, die hätten schon Verständnis“, sagte Travis leichthin. „Deiner und meiner Familie würden wir die Wahrheit sagen – aber niemandem sonst. Und denk doch mal daran, wie und warum Adam und Gina im vergangenen Jahr geheiratet haben. Das war doch eine ganz ähnliche Situation …“

„Hm, stimmt schon.“ Travis’ Bruder Adam hatte seine Nachbarin Gina aus den falschen Gründen geheiratet, aber aus dieser Zweckehe hatte sich etwas Wunderbares entwickelt. Jetzt war Gina schwanger und Adam stolz wie ein König. „Aber, Travis …“

„Wie gesagt, unseren Familien müssten wir reinen Wein einschenken, um lästige Fragen zu vermeiden“, sagte er und sah ihr ernst in die Augen. „Ansonsten gilt: Top Secret. Es muss wirklich echt wirken – für alle Außenstehenden. Thomas Henry darf auf keinen Fall an der Geschichte zweifeln. Wir müssen das glückliche Ehepaar spielen, aber das kriegen wir hin. Es ist ja nur für ein Jahr.“

Ein Jahr. Ein Jahr mit Travis als Ehemann. Sie spürte, wie ihr innerer Widerstand bröckelte. Vor ihrem inneren Auge erschien bereits das Bild einer wunderschön eingerichteten Bäckerei, einer Bäckerei mit ihrem Namen an der Tür. Doch dann kam ihr noch ein Hindernis in den Sinn.

„Aber was ist mit …“

„Mit was?“

„Na, mit … du weißt schon.“

Er sah sie verständnislos an.

„Mit, äh, Sex.“

„Oh.“ Travis schien einen Moment nachzudenken, dann schüttelte er den Kopf. „Gar kein Problem. Wir sind nur auf dem Papier verheiratet. Ich schwör’s. Glaub mir, ich kann dir ohne Weiteres widerstehen.“

„Oh, Travis, du machst mir ja wirklich die allerschönsten Komplimente!“

„Außerdem ist es ja wirklich nur für ein Jahr.“ Er schien ihre sarkastische Bemerkung glatt überhört zu haben. Und als wolle er nicht nur sie, sondern auch sich selbst überzeugen, wiederholte er: „Nur für ein Jahr.“ Er sah sie an. „Das kann doch wirklich nicht so schwer sein.“

Eigentlich hatte sie nie wieder heiraten wollen. Nie! Das Erlebnis mit Jean Claude hatte sie kuriert. Nie im Leben würde sie einem Mann wieder hundertprozentig vertrauen. Andererseits – dies war ja etwas völlig anderes. Sie würde schließlich nicht total verliebt und in Erwartung des perfekten Glücks in diese Ehe tappen. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, nichts anderes. Sie tat einem alten Freund einen Gefallen und hatte selbst etwas davon. Sie würde ihren Lebenstraum verwirklichen können, nach nur einem winzigkleinen Jahr, einem Jährchen.

„Also, was sagst du?“, fragte er.

„Okay“, sagte sie seufzend. „Gut, ich heirate dich.“

Das energische Klopfen riss Julie aus ihren Gedanken. Ja, so hatte alles angefangen, und jetzt stand sie hier im Gästezimmer, in einem elfenbeinfarbenen Brautkleid, und suchte panisch nach einem Ausweg.

„Verdammt noch mal, Julie!“, rief Travis mühsam beherrscht. „Mach endlich die blöde Tür auf, damit wir wenigstens vernünftig miteinander reden können.“

Julie warf einen Blick in den Spiegel und atmete tief durch. Dann öffnete sie. Augenblicklich kam Travis herein und schloss die Tür von innen.

Er sah fantastisch aus, wie der perfekte Bräutigam aus den Wunschträumen junger Mädchen. Der maßgeschneiderte schwarze Anzug saß wie angegossen, dazu trug er ein strahlend weißes Hemd und eine rote Krawatte. Sein dunkelbraunes Haar war zurückgekämmt, und er musterte sie aus seinen schokoladenbraunen Augen. „Das Kleid steht dir großartig.“

„Danke.“ Sie gab wirklich eine überaus ansehnliche Braut ab, auch wenn sie sich nicht so fühlte. Ihr dunkelrotes Haar war oben zusammengesteckt, nur ein paar vorwitzige Löckchen ringelten sich an ihrem Nacken. Das Hochzeitskleid war so geschnitten, dass es ihren Busen betonte und ihre schmalen Hüften umschmeichelte. Ja, sie wusste, dass sie gut aussah – nur ihre Stimmung war nicht danach.

„Ich glaube, ich steh’ das nicht durch, Travis“, sagte sie. Eine Hand hatte sie auf ihren Bauch gelegt, in dem sich ein flaues Gefühl ausbreitete.

„Oh doch, du stehst das durch, und du wirst es auch durchziehen“, erwiderte Travis und packte sie fest bei den Schultern. „Der Garten ist voller Gäste, die Musiker warten nur darauf loszulegen. Und draußen wimmelt es von Reportern. Unsere Security-Leute haben schon einen erwischt, der über den Zaun klettern wollte.“

„Oh Gott …“ Die Paparazzi waren schon immer scharf auf Travis gewesen. Sie verfolgten ihn und seine früher häufig wechselnden Begleiterinnen ständig. Erst jetzt wurde Julie so richtig bewusst: Ab sofort würde sie die Zielscheibe für die Fotografen abgeben. Ihr ganzes Leben würde sich ändern, und sie wusste nicht, ob sie damit fertig werden konnte.

„Du bist nur ein bisschen nervös, das ist alles.“

„Aber hallo“, sagte sie und nickte heftig. „‚Ein bisschen‘ trifft es allerdings nicht so ganz.“

Er sah ihr in die Augen. „Das läuft schon, du überstehst das.“

„Nein, ich glaube nicht“, gab Julie zurück. „Ich fühle mich entsetzlich unwohl. Das Ganze war eine Schnapsidee. Es ist irgendwie viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Schließlich geht es um eine Ehe, Travis. Auch wenn es nur für ein Jahr sein soll, ich heirate ganz offiziell. Ich … ich kann das nicht noch mal machen.“

Wütend sah er sie an. „Glaub ja nicht, dass du jetzt noch einen Rückzieher machen kannst, Julie. Wenn ein Mann aus der King-Dynastie heiratet, kommt das in die Zeitung. Aber wenn ein Mann aus der King-Dynastie vor dem Altar sitzen gelassen wird, ist das ein Skandal – und Stoff für dicke, dicke Schlagzeilen. Ich lasse nicht zu, dass das passiert.“

„Na gut“, sagte sie. „Dann drehen wir’s andersrum – du lässt mich sitzen. Mir ist das egal. Ich werde aller Welt erklären, dass du dich in letzter Minute anders entschieden hast und …“

„Mann, Julie!“, unterbrach er sie aufgebracht. „Was zum Teufel ist nur los?“

Julie ging zum Fenster und zeigte hinunter auf den festlich geschmückten Garten. Die rund zweihundert geladenen Gäste saßen auf weißen Stühlen zu beiden Seiten eines langen weißen Teppichs, der auf einen kleinen Pavillon zulief. Dort wartete bereits der Pastor. Das Streichquartett hatte schon zu spielen begonnen. Etwas weiter entfernt stand ein rosengeschmücktes weißes Zelt. Dort sollte es hinterher Cocktails geben.

„Das ist los, Travis“, sagte sie mit zitternder Stimme. „All die Leute. Ich kann das nicht. Ich kann nicht vor all diesen Menschen eine Show abziehen. Ich bin eine entsetzlich schlechte Lügnerin, das weißt du. Wenn ich lüge, laufe ich puterrot an und fange an, wie blöde zu kichern. Und danach wird’s noch peinlicher.“

„Du hängst die Sache einfach zu hoch.“ Er ging im Zimmer auf und ab, als hätte er alle Zeit der Welt. „Du musst das Ganze wie ein Theaterstück sehen. Wir sind Schauspieler. Wir sagen brav unsere Verslein auf, und anschließend wird gefeiert.“

„Ein Theaterstück. Na toll. Theater habe ich zum letzten Mal in der vierten Klasse gespielt. Ich war das dritte Gänseblümchen von rechts, und glaub mir, ich war richtig schlecht in dieser Rolle.“

Er seufzte. „Julie …“

„Nein“, sagte sie. „Ich kann’s einfach nicht. Tut mir leid, Travis. Wirklich …“

„Na, solange es dir wenigstens leid tut …“ Er warf ihr einen bösen Blick zu und bekam einen ebenso bösen zurück.

„Dass ich bei so was nicht gut bin, habe ich dir von Anfang an gesagt.“

„Du hast einen Vertrag unterzeichnet“, erinnerte er sie.

Das hatte sie tatsächlich. Travis hatte ihre kleine Abmachung in Schriftform gebracht, und einer aus der Heerschar der King-Anwälte hatte ihre Unterschrift notariell beglaubigt. Juristisch gesehen war sie also gebunden. Doch trotzdem suchte sie immer noch ein Hintertürchen.

„Das Ganze war eine Schnapsidee.“

„Das sagtest du bereits.“

„Das kann man gar nicht oft genug sagen.“

Travis ergriff ihre Hand. „Immerhin war es eine Schnapsidee, mit der wir uns beide einverstanden erklärt haben. Also schnapp dir deinen Brautstrauß. Wir gehen jetzt runter und ziehen die Sache durch.“

„Ich glaube, mir wird schlecht.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Das ist das erste Mal, dass eine Frau sich übergeben muss bei dem Gedanken, mich zu heiraten.“

„Einmal ist immer das erste Mal.“ Wieder sah Julie aus dem Fenster und suchte ihre Mutter und ihren Stiefvater. Ihre Mutter war nervös, das erkannte Julie sogar aus dieser Entfernung, weil sie unruhig an dem Riemen ihrer neuen Handtasche herumspielte. Auch ihr Stiefvater schien sich unwohl zu fühlen. Nervös nestelte er an seinem Hemdkragen.

Julie wusste, dass beide ihren Plan nicht guthießen. Aber sie waren gekommen, ihr zuliebe. Um sie zu unterstützen. Dann sah sie zur anderen Seite. Die King-Familie nahm die ersten beiden Sitzreihen ein. Da saß Gina, schwanger und strahlend vor Glück, und neben ihr stand ihr Mann Adam. Er sollte Travis’ Trauzeuge sein. Jackson, der jüngste der King-Brüder, saß auf der anderen Seite neben Gina. Dann kamen die Cousins, Tanten und Onkel.

Alle warteten auf sie.

Und da sollte man sich nicht unter Druck gesetzt fühlen?

Neben ihr stand Travis und beschwor sie: „Denk an die Zukunft, Julie. Deine Zukunft. In einem Jahr hast du deine Bäckerei. Und ich meinen Vertriebsvertrag. Und alles ist wieder wie vorher, alles ist wieder normal.“

Sie wünschte, sie könnte ihm glauben. Aber in ihrem Inneren blieb dieses ungute Gefühl. Dieses Gefühl, dass vielleicht gar nichts mehr „normal“ werden würde.

2. KAPITEL

Die Trauungszeremonie war schnell vorüber, und Travis war dankbar dafür. Es war nicht leicht für ihn gewesen, Julies Hand zu halten und zu spüren, wie sie vor Nervosität zitterte. Und wie sie es vorhergesagt hatte: Als sie den Treueschwur sprach, wurde sie rot und musste kichern.

Sie ist wirklich eine verdammt schlechte Lügnerin, dachte er. Jetzt tanzte sie mit seinem Bruder Jackson. Es war vollbracht. Travis sah auf seine Hand, wo er saß, der goldene Ehering. Natürlich hatte er ihn passend ausgesucht, aber trotzdem hatte Travis das Gefühl, als beengte er ihn, schnürte die Blutzirkulation ab. Wie die Schlinge um den Hals eines zum Tode Verurteilten.

Aber das Ganze war ja seine Idee gewesen. Obwohl er den Gedanken an Heirat stets weit von sich gewiesen hatte. Nie war er bisher sehr lange mit einer Frau zusammen gewesen – immer nur, bis sie diesen Blick bekam, der besagte: „Lass uns heiraten und kleine reiche Babys machen, damit du kräftig blechen musst, wenn wir uns scheiden lassen.“ Das war für ihn stets der Zeitpunkt gewesen, das Weite zu suchen – und eine neue Freundin. So blieb das Leben interessant.

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