Logo weiterlesen.de
Verführ niemals deinen Boss

image

1. KAPITEL

Fünf Minuten später als gewöhnlich stürzte Sophie in ihr Büro. Wie sie es hasste, zu verschlafen und sich derart abhetzen zu müssen! Nicht einmal für ihren Kaffee und ihren Bagel hatte sie Zeit gehabt. Während sie sich durch das kurze blonde Haar fuhr, warf sie einen schnellen Blick auf die Verbindungstür zu Zachs Büro. Sie war offen! Also war er bereits da – wie peinlich.

Zum wiederholten Mal war Zach Lassiter vor ihr im Büro. Das war gar nicht gut. Nicht wenn sie alles perfekt machen wollte. Vor allem aber deshalb nicht, weil sie gern die Zeit gehabt hätte, sich etwas genauer in seinem Büro umzusehen. Denn er verbarg irgendetwas vor ihr, das wusste sie ganz genau.

Sie ließ die Schultertasche auf die Schreibtischecke gleiten – zumindest hatte sie das vorgehabt. Aber die Tasche kippte, fiel auf den weichen Teppich, und der ganze Inhalt fiel heraus. „Verd…!“, fluchte sie leise, und obwohl sie seit gut vier Jahren nicht mehr zu Hause wohnte, konnte sie den strafenden Blick ihrer Mutter förmlich spüren. Zwar war sie in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, aber ihre Mom hatte immer großen Wert auf gutes Benehmen gelegt. Eine Dame fluchte nicht.

Sophie ließ sich auf die Knie nieder und sammelte schnell alles wieder ein, wobei sie darauf achtete, jedes Ding an seinen Platz zurückzustecken. Alles musste seine Ordnung haben, das war ihr sehr wichtig. Zärtlich strich sie über ein zerknittertes Foto, das sie immer in einer Seitentasche aufbewahrte. Wie jung Suzie und sie damals gewesen waren, wie unschuldig! Und doch waren sie Opfer der äußeren Umstände geworden.

Sie musste ihre Halbschwester unbedingt wiederfinden, das hatte sie sich geschworen. Und sie machte Fortschritte. Der Privat­detektiv, den sie engagiert hatte, hatte von einer neuen Spur gesprochen. Kein Wunder, dass sie in der vergangenen Nacht vor Aufregung nur schwer hatte einschlafen können und an diesem Morgen das Klingeln des Weckers überhört hatte. Plötzlich hörte sie ein leises Geräusch und drehte sich hastig um.

„Niedliche Kinder.“ Zach stand hinter ihr und warf ihr sein Killerlächeln zu, das sie immer wieder aufs Neue erschauern ließ. Ihre Hand zitterte, als sie den Becher Kaffee entgegennahm, den er ihr reichte.

„Danke“, brachte sie mühsam heraus und versuchte, sich gegen die fatale Wirkung zu wappnen, die er auf sie hatte. Aber selbst nach eineinhalb Jahren war sie nicht fähig, sich gegen das heiße Verlangen zu wehren, das sie jedes Mal in seiner Gegenwart überkam. Das war schon schlimm genug gewesen, als sie nur im selben Bürokomplex gesessen hatten. Aber jetzt arbeitete sie mit ihm zusammen, was die ganze Sache nicht gerade erleichterte.

„Eigentlich hätte ich Ihnen Kaffee machen sollen“, sagte sie leise. „Tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin.“

„Ist doch egal. Sind Sie das?“ Er wies auf das Foto.

Es war ein typischer Schnappschuss, wie er irgendwann von allen Kindern gemacht wurde. Zwei Schwestern, die ältere steht hinter der jüngeren, lächelt und zeigt ihre Zahnlücke. Beide haben kurze Zöpfchen, die vom Kopf abstehen, und einen geraden Pony. Die Ältere der beiden guckt ernst; die Kleine, damals gerade mal vier Jahre alt, scheint von irgendetwas abgelenkt zu sein und sieht nicht direkt in die Kamera. Sophie hatte die Situation noch genau vor Augen, konnte förmlich die zierlichen knochigen Schultern von Susannah unter den Händen spüren, empfand die Wärme des kleinen Körpers, der sich vertrauensvoll an sie schmiegte.

„Ja, das sind meine jüngere Schwester und ich.“

„Seht ihr euch oft?“

„Nicht mehr.“

Kurz nach der Aufnahme war Suzies Vater, Sophies Stief­vater, den sie sehr geliebt hatte, gestorben. Da ihre Mutter finanzielle Schwierigkeiten hatte und nicht für beide Mädchen sorgen konnte, war Suzie zu ihrer Tante, der Schwester ihres Vaters, gekommen. Diese Tante, die wohlhabend und auch verwitwet war, hatte das Kind mit offenen Armen aufgenommen und wenig später adoptiert. In dem Glauben, dass es für die Kinder das Beste sei, hatte man den Kontakt zwischen beiden Familien so gut wie abgebrochen. Seit gut zwanzig Jahren hatten die Schwestern sich nicht mehr gesehen. Und immer wieder spürte Sophie diese Leere in sich, obwohl sie gelernt hatte, sich nichts anmerken zu lassen.

Noch einmal strich sie zärtlich die geknickten Ecken des Fotos glatt. Dann verstaute sie es wieder sorgfältig in ihrer Tasche, die sie in der untersten Schreibtischschublade einschloss. Das war vielleicht ein bisschen albern, denn was sollte in dieser kleinen texanischen Stadt schon passieren? Doch Sophie war nicht der Typ, der Risiken einging.

Damit ist das Thema Schwester wohl abgeschlossen, dachte Zach. „Und was haben Sie heute zu tun?“

Sophie erklärte kurz, was sie sich für diesen Tag vorgenommen hatte. Seit ihr Chef Alex verschwunden war, versuchte sie, so gut es ging, die Geschäfte am Laufen zu halten. „Oder gibt es etwas, was ich für Sie tun kann?“, fragte sie dann. „Das alles ist nicht so superwichtig, solange Alex noch nicht wieder im Büro ist.“

Noch nicht wieder im Büro … Das war wohl leicht untertrieben. Schließlich war Alex seit über einem Monat wie vom Erdboden verschluckt. Dennoch hoffte sie jeden Tag, ihn in seinem Büro vorzufinden, energiegeladen wie immer. Aber jeden Morgen wurde sie enttäuscht. Inzwischen suchte bereits die Polizei nach Alex Santiago, bisher allerdings ohne Erfolg. Das Ganze war ein äußerst mysteriöser Fall, der alle sehr beunruhigte.

„Gibt’s schon was Neues von Sheriff Battle?“, fragte Zach.

Sophie schüttelte den Kopf. Immer wieder hatte sie darüber nachgegrübelt, warum und wohin Alex wohl so plötzlich verschwunden sein könnte, aber ihr war einfach keine plausible Erklärung eingefallen. Alles war so wie immer gewesen. Alex war ebenso plötzlich und unerwartet abgetaucht, wie er gut ein Jahr zuvor in Royal aufgetaucht war. Er war ein Macher, und dass ihm etwas zugestoßen sein könnte, war einfach unvorstellbar. Irgendjemand musste doch Genaueres wissen, irgendjemand verheimlichte etwas. Und Sophie hatte das unbestimmte und quälende Gefühl, dieser Jemand könnte Zach sein.

Sie warf ihm einen kurzen Blick von der Seite her zu. Er presste die Lippen aufeinander. Irgendetwas schien ihn zu beunruhigen. Was wusste er von Alex? Schließlich waren die beiden eng befreundet, seit sie eine Bürogemeinschaft bildeten und auch zusammenarbeiteten. Aber Zach Lassiter war dafür bekannt, dass er sich nicht in die Karten sehen ließ und nur das preisgab, was sein Gegenüber unbedingt wissen musste. Im Übrigen war er verschlossen wie eine Auster.

Natürlich hatten viele Bürger aus Royal immer wieder versucht, etwas aus ihm herauszubekommen – jedoch ohne Erfolg. Man wusste nur, dass er knapp zwei Jahre zuvor mit seiner eigenen Investmentfirma nach Royal gekommen war, die er offenbar mit viel Profit managte. Und als Alex Santiago einige Monate später seine Risikokapital-Gesellschaft eröffnet hatte, hatten sich zwei Gleichgesinnte gefunden. Ihre Geschäftsverbindung zahlte sich für beide kräftig aus.

Zach Lassiter war verheiratet gewesen. Das herauszufinden war einfach, da seine Ex ihn fast jeden Tag anrief. Im Internet waren jedoch keine Fotos von Anna Lassiter zu finden – von ihm allerdings schon. Eigentlich seltsam. Ebenfalls im Web hatte Sophie erfahren, dass Zach seine Firma in der nächstgrößeren Stadt Midland gegründet hatte und die Erfolgskurve schlagartig nach oben gegangen war. Aber über den Mann selbst gab es keine weiteren Informationen. Er sah gut aus, war charmant und welterfahren, aber sonst? Hinter seinem glatten Äußeren konnte er alles verbergen. Wusste er, wo Alex war? Das musste Sophie unbedingt herausfinden.

„Was ist? Habe ich irgendwas im Gesicht?“ Zach lächelte amüsiert, weil Sophie ihn selbstvergessen anstarrte.

Sie wurde knallrot und senkte schnell den Kopf. „Nein, nein … Entschuldigung. Mir ging nur eben was durch den Kopf.“

Glücklicherweise klingelte das Telefon und kündigte ein Gespräch auf Zachs Leitung an. Sophie nahm ab. „Büro Zach ­Lassiter, Sophie am Apparat.“

„Ich kann Zach auf seinem Handy nicht erreichen! Ist er da? Stellen Sie mich durch. Bitte!“

„Einen Augenblick. Ich sehe mal eben nach, ob er Ihren Anruf entgegennehmen kann.“ Sophie verdeckte die Muschel mit der Hand. „Es ist Ihre Ex. Sie kann Sie nicht auf Ihrem Handy erreichen. Wollen Sie das Gespräch annehmen?“

„Ja, natürlich.“ Er tastete nach dem Handy. „Offenbar habe ich mein Telefon im Auto gelassen.“ Er holte die Schlüssel aus der Tasche und gab sie Sophie. „Würden Sie so nett sein …?“

„Selbstverständlich.“ Die kurze Berührung seiner Finger spürte sie bis in die Zehenspitzen.

Er ging in sein Büro und zog die Tür fest hinter sich zu. Sophie stellte das Gespräch durch. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was das wohl für eine Beziehung war, die Anna und Zach nach der Scheidung noch verband. Außer den beiden kannte sie kaum jemanden, der mit seinem oder seiner Ex fast täglich telefonierte. Die beiden waren doch schon seit beinahe zwei Jahren geschieden. Wahrscheinlich liebte er sie immer noch. Was sonst sollten diese täglichen Gespräche?

Unwillkürlich verspürte sie einen kurzen scharfen Stich. Von so einem Mann geliebt zu werden … Auch wenn er wenig von sich preisgab, eins war offensichtlich: Er war unglaublich sexy. Vielleicht war es gerade diese Unnahbarkeit, die ihn so anziehend machte? Schnell nahm sie einen Schluck von ihrem nur noch lauwarmen Kaffee. Sie fühlte Zachs sexuelle Ausstrahlung im ganzen Körper, wenn sie ihn nur ansah. Denn sofort drängten sich ihr Bilder auf, wie er nackt unter dem maßgeschneiderten Anzug aussah.

Sofort überlief es sie siedend heiß. Himmel, es hatte sie wirklich schlimm erwischt. Sie brauchte nur an ihn zu denken, und schon raste ihr Puls, und sie verspürte eine tiefe Sehnsucht. Alles in allem war der Mann auch unwiderstehlich, mit seiner Super­figur, dem markanten Gesicht, dem kurzen pechschwarzen Haar, den grünen Augen und einem messerscharfen Verstand. Vom ersten Tag an war Sophie von ihm fasziniert gewesen. Er strahlte ein Selbstvertrauen aus, das klarmachte, dass er alles erreichen konnte, was er wollte. Und bisher war das auch so gewesen. Die Anlagen seiner Klienten brachten ihnen große Gewinne. Und ihm ebenfalls, sodass er sich bereits nach kurzer Zeit ein Haus in der besten Gegend von Royal kaufen konnte.

Allerdings setzte er sich auch sehr für seine Klienten ein und arbeitete manchmal rund um die Uhr. Das erinnerte sie daran, dass sie auch endlich etwas tun sollte. Denn wenn Alex zurückkam, musste sie ihm Rede und Antwort stehen.

Falls er zurückkam …

Langsam legte Zach den Hörer wieder auf und stützte den Kopf in beide Hände. Anna … Er machte sich Sorgen um sie. Sie war immer übernervös gewesen, aber momentan erweckte sie den Eindruck, als stünde sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Irgendetwas musste geschehen. Da ihre Eltern behaupteten, sie sei vollkommen in Ordnung, musste er die Dinge selbst in die Hand nehmen.

Anna brauchte Hilfe, professionelle Hilfe. Seufzend richtete er sich auf und klappte den Laptop auf. Nach kurzer Zeit hatte er bereits eine Liste von Fachleuten und Kliniken zusammengestellt. Am Abend würde er sich das alles etwas genauer ansehen.

Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Wenn er sich nur nicht so verdammt verantwortlich fühlen würde! Er hätte Anna nie heiraten dürfen. Hätte sich nie dem sanften Druck ihres Vaters, seines damaligen Chefs, beugen sollen, der sein einziges Kind unbedingt mit Zach verheiraten wollte. Sicher, sie hatte ihn durchaus gereizt. Blond, zierlich und wunderschön, hatte sie auf einen Mann wie ihn, der gern Sex hatte, eine ganz besondere Wirkung. So eine Frau hatte er noch nie gehabt. Aber er war nicht der Richtige für sie. Sie brauchte jemanden, der weniger ehrgeizig und direkt war, der ihr Verständnis entgegenbrachte und sie sozusagen auf Händen trug. Auch sie sah das ein. Doch als sie bereits die Scheidung besprachen, stellte sich heraus, dass Anna schwanger war.

Also blieb er und gab sich große Mühe, ihr alles recht zu machen. Schließlich hatte er vor Gott geschworen, auch in schwierigen Zeiten an ihrer Seite zu sein. Doch dann geschah das Entsetzliche. Als ihr kleiner Blake zehn Monate alt war, starb er bei einem Autounfall, und von diesem Verlust hatte Anna sich nie erholen können. Tiefer und tiefer verfiel sie in Depressionen.

„Zach? Alles okay?“

Zach fuhr hoch. Er hatte Sophie nicht eintreten hören. „Ja, ja, alles in Ordnung. Ich bin nur ein bisschen müde.“

„Hier ist Ihr Handy.“ Sie legte das kleine Telefon auf den Schreibtisch.

„Danke.“ Er sah kurz auf das Display. Anna hatte ein paarmal versucht, ihn zu erreichen. Es musste wirklich bald etwas geschehen. So ging es nicht weiter. Er blickte hoch. Sophies Anblick tat ihm gut. Süß sah sie aus mit dem kurzen blonden Haar und den warmen goldbraunen Augen. An diesem Tag hatte er zum ersten Mal erlebt, dass auch sie die Fassung verlieren konnte – und das nur, weil sie ein paar Minuten zu spät gekommen war. Dass auch sie zu verunsichern war, gefiel ihm. Es machte sie irgendwie menschlicher. Und zugänglicher …

Normalerweise war sie gelassen und wirkte wie aus dem Ei gepellt. Sie kleidete sich mit einem gewissen Chic, wenn auch eher konservativ. Oft hatte er Alex um diese ruhige und kompetente Mitarbeiterin beneidet. Erstaunlich, wie sie auch jetzt in seiner Abwesenheit den Laden am Laufen hielt. Deshalb hatte Zach keine Sekunde gezögert, ihre Dienste im vergangenen Monat in Anspruch zu nehmen. Denn inzwischen war auch er der Meinung, dass Alex’ Verschwinden einen anderen, ernsteren Grund hatte, als dass der Freund nur mal Urlaub machen wollte. Mittlerweile kümmerte sich die Polizei um den Fall, und Zach hatte – hoffentlich nur vorübergehend – einige von Alex’ Kunden übernommen. Was ohne Sophies Einsatz unmöglich wäre.

Vielleicht sollte er ihr wirklich zeigen, wie dankbar er ihr war. Und so sagte er, ohne vorher über die Konsequenzen nachgedacht zu haben: „Ich weiß nicht, was ich in den letzten Wochen ohne Sie getan hätte, Sophie. Sie haben oft Überstunden machen müssen, und ich möchte mich dafür endlich mal erkenntlich zeigen. Wie ist es, hätten Sie Lust, mit mir am Freitag essen zu gehen? Vielleicht zu Claire’s?“

„Aber das ist wirklich nicht nötig, Zach. Das ist doch mein Job, für den ich sehr gut bezahlt werde.“

„Ich weiß. Aber ich bin Ihnen sehr dankbar und möchte mich irgendwie erkenntlich zeigen. Ich lasse gleich einen Tisch reservieren. Also, was meinen Sie?“

Ihr leises Lachen klang wie Musik in seinen Ohren. „Wenn Sie darauf bestehen, Zach, dann muss ich wohl Ja sagen. Danke. Ich komme gern mit.“

Sie drehte sich um und ging festen Schrittes aus dem Büro. Nicht zum ersten Mal fiel Zach auf, wie hübsch sich ihr fester kleiner Po unter dem engen Rock abzeichnete. Verlangen stieg in ihm auf, das er sofort zu unterdrücken versuchte. Dass Sophie Beldon eine attraktive Frau war, konnte er durchaus zugeben. Er durfte daraus nur keine falschen Schlüsse ziehen. Denn sie hatten eine ausgezeichnete professionelle Beziehung, die er keinesfalls gefährden wollte. Zumindest nicht, solange Alex verschwunden war. Zu viel hing davon ab, dass Sophie und er sachlich und konzentriert zusammenarbeiteten.

Er hatte sie zum Essen eingeladen, um ihr seine Dankbarkeit zu zeigen. Aus keinem anderen Grund. Oder etwa doch?

2. KAPITEL

Danke. Ich komme gern. Was, um Himmels willen, hatte sie sich nur dabei gedacht? Warum war ihr nicht etwas Charmanteres, Witzigeres eingefallen? Verärgert strich Sophie sich durch das kurze blonde Haar. Irgendetwas, das sein Interesse geweckt hätte?

Aber ein Mann wie Zach Lassiter war eben nichts für sie. Er spielte in einer anderen Liga und schüchterte sie ein. Frustriert ließ sie sich auf ihren Schreibtischstuhl sinken und versuchte, sich auf die neuesten Aktienkurse zu konzentrieren, die vor ihr auf dem Bildschirm erschienen. Doch was sie sonst immer faszinierte, ließ sie diesmal kalt. Immer wieder musste sie an Zachs Einladung denken.

Ihr Herz schlug schneller. Das Claire’s war nicht irgendein Billigrestaurant, sondern das beste in der Stadt. Die Preise waren entsprechend, und normalerweise hatte sie dort nur einen Tisch für Alex reservieren lassen, wenn er Geschäftsfreunde erwartete. Sie selbst hatte noch nie dort gegessen. Deshalb freute sie sich darauf, versuchte aber gleichzeitig, ihre Aufregung zu dämpfen. Schließlich war sie kein unreifer Teenager mehr, der leicht zu beeindrucken war, sondern eine gestandene Frau von achtundzwanzig Jahren. Außerdem war dies keine private, sondern eine berufliche Einladung, sozusagen ein Bonus zusätzlich zu ihrem Gehalt.

Als das Telefon klingelte, war sie froh über die Unterbrechung, zumal es Lila war, eine ihrer ältesten Freundinnen. „Hallo, Lila! Wie schön, dass du anrufst! Wie geht’s dir?“

Lila Hacket hatte sich in Hollywoods Filmindustrie einen Namen als Set-Designerin gemacht. Und Sophie war sehr stolz auf den Erfolg der Freundin in dieser hart umkämpften Arbeitswelt. Als Lila einige Zeit zuvor auf der Suche nach einer passenden Location in Royal gewesen war, hatten die beiden Freundinnen Gelegenheit gehabt, sich auszutauschen, wenn auch nicht sehr oft. Dennoch hatten sie auch über Zach Lassiter gesprochen. Zach Lassiter … schon wieder! Verärgert versuchte Sophie den Gedanken an ihn zu verdrängen.

„Danke, mir geht’s gut.“ Lila machte eine kleine Pause. „Den Umständen entsprechend.“

Aha. Also war da etwas, was sie Sophie unbedingt erzählen wollte. „Den Umständen entsprechend? Na los, raus damit“, ermunterte Sophie die Freundin. „Da ist doch was, das du mir sagen willst.“

„Allerdings.“ Lila lachte glücklich.

„Nun sag schon! Hat es mit Sam zu tun? Ihr wart ja unzertrennlich in der letzten Zeit.“

„Genau. Wir wollen heiraten.“

„Was?“, schrie Sophie auf, senkte dann aber schnell die Stimme. „Das ist ja toll! Wann denn?“

„Noch in diesem Monat. Am letzten Samstag. Und zwar auf der Ranch meiner Eltern. Und nur in kleinem Rahmen.“

„Tatsächlich?“ Sophie konnte es nicht fassen. „Und dein Vater ist damit einverstanden? Normalerweise liebt er doch Riesen­partys.“

Lila lachte. „Stimmt. Aber diesmal lasse ich mich nicht umstimmen. Nur Familie und enge Freunde. Alles andere wäre mir zu viel. Und es muss auch nicht gleich die ganze Stadt sehen, dass ich schwanger bin.“

„Du bist schwanger? Herzlichen Glückwunsch! Das ging ja schnell.“

„Eigentlich nicht. Denn ich bin schon im fünften Monat.“

„Und das hast du mir nicht gesagt?“, meinte Sophie schmollend, lachte dann aber. „Umso nötiger ist es, dass wir uns bald sehen.“

„Unbedingt. Übrigens“, Lila zögerte kurz, „ich bekomme Zwillinge.“

„Zwillinge, das ist ja Wahnsinn! Seit wann weißt du das?“

„Dass ich Zwillinge bekomme? Noch nicht sehr lange. Von der Schwangerschaft habe ich dir nichts erzählt, weil ich mir selbst erst mal klar werden wollte, wie das mein Leben verändert. Und mir die nächsten Schritte überlegen musste. Deshalb bin ich auch letzten Monat nach Hause gekommen.“

Aus eigener Erfahrung konnte Sophie sich nur zu gut vorstellen, was es bedeutete, ein Kind allein aufzuziehen. Ihre Mutter war in der Situation gewesen, wenn auch in einer sehr viel schlechteren Position als Lila. Lila würde immer von ihrer Familie unterstützt werden. Und um Geld brauchte sie sich auch keine Gedanken zu machen, ganz anders als Sophies Mutter damals. „Ich freue mich sehr für dich, Lila. Du liebe Zeit, eine Hochzeit und Zwillingsbabys! Wenn das nichts ist! Ich möchte unbedingt die Babyparty für dich ausrichten, bitte! Ich habe schon tolle Ideen.“

„Das ist sehr lieb von dir, Sophie. Aber ich weiß nicht, ob dir das nicht zu viel wird. Du bist beruflich doch sehr eingespannt, vor allem weil dein Chef immer noch nicht wieder aufgetaucht ist.“

„Ach was, mach dir darüber keine Gedanken. Es ist mir eine Ehre, alles zu arrangieren. Überlass das ruhig mir.“

„Wenn du meinst, okay. Tausend Dank, ich freu mich darauf.“

„Okay, abgemacht. Mir macht das Riesenspaß. Werdet ihr denn in Royal bleiben, Sam und du?“

„Sam überlegt, in Los Angeles eine Zweigstelle von Gordon Constructions aufzumachen, damit ich zumindest in Teilzeit weiterarbeiten kann. Aber entscheiden wollen wir das erst nach der Geburt der Babys.“ Erneut lachte Lila glücklich. „Ich kann es immer noch nicht glauben, gleich zwei.“

„Ja, das ist einfach wunderbar. Aber sprechen wir wirklich von demselben Sam Gordon?“ Sophie erinnerte sich sehr gut daran, wie oft Sam getönt hatte, Frauen gehörten ins Haus. Und das Kinderbetreuungszentrum des Texas Cattleman’s Club sei absoluter Unsinn.

„Ich denke schon“, meinte Lila lachend. „Das beweist wieder mal, dass jeder Mensch sich ändern kann, wenn er will. Und wenn er einen triftigen Grund hat. Aber jetzt mal was ganz anderes, Sophie. Du hast hoffentlich nicht irgendwas unternommen, das dir gefährlich werden könnte? Ich meine wegen Alex. Ich habe Angst um dich.“

„Keine Sorge.“ Sophie warf einen kurzen Blick auf Zachs geschlossene Bürotür. „Bisher hatte ich leider noch keine Gelegenheit, mich hier genauer umzusehen.“

Nachdem sie noch den neuesten Klatsch ausgetauscht hatten, legte Sophie lächelnd den Hörer auf. Wie sehr sie sich mit der Freundin freute, die eine wirklich schwierige Zeit durchgemacht hatte! Erst hatte sie sich gegen ihren Vater durchsetzen müssen, der die Tochter zwar sehr liebte, aber ausgesprochen altmodische Vorstellungen hatte. Dann hatte sie sich in Hollywood gegen eine starke Konkurrenz eine Karriere in der Filmindustrie aufgebaut und wurde schwanger, ohne verheiratet zu sein. Und jetzt würde sie bald Ehefrau und Mutter sein. Und ein völlig anderes Leben führen.

Da kann man direkt neidisch werden. Wie es wohl ist, von einem Mann schwanger zu sein, den man von ganzem Herzen liebt? ging es Sophie durch den Kopf. Unwillkürlich fiel ihr Blick wieder auf Zachs Bürotür. Unsinn, sie war nicht in Zach Lassiter verliebt! Nein, das nicht, aber er beeindruckte sie, das musste sie zugeben. Mehr als das: Er rief äußerst verwirrende Gefühle in ihr hervor, die sie in dieser Stärke bisher noch nicht empfunden hatte. Und das, obwohl er möglicherweise etwas mit Alex’ Verschwinden zu tun hatte, zumindest aber mehr darüber wusste.

Aber eigentlich kannte sie ihn kaum. Auf keinen Fall gut genug, um sich auszumalen, sein Kind zu bekommen. Oder ihm zu vertrauen. Dennoch … wie es wohl sein würde, von einem Mann wie ihm begehrt zu werden? Von ihm auf diese bestimmte Art und Weise angesehen zu werden, ihn zu küssen, seine Hände auf der Haut zu spüren, sich an seinen nackten Körper zu schmiegen … Er war sicher fast zwanzig Zentimeter größer als sie mit ihren eins fünfundsechzig. Wie er es schaffte, trotz der vielen Arbeit am Schreibtisch eine derart durchtrainierte Figur zu haben, war ihr ein Rätsel.

Sie malte sich aus, wie es sich wohl anfühlte, ihm über die breiten Schultern zu streichen, seine harten Bauchmuskeln zu spüren und dann tiefer zu gehen … Bei dem Gedanken überlief es Sophie glühend heiß, und ein süßer Druck baute sich in ihr auf.

Schnell stand sie auf und holte sich ein Glas Wasser. Hastig trank sie es aus und atmete tief durch. Was war nur in sie gefahren? Diese Fantasien waren einfach lächerlich. Eine Frau wie sie war ganz sicher nicht Zachs Typ. Wahrscheinlich liebte er die kapriziösen und eleganten Frauen, die schönen und raffinierten, die einen ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Verführ niemals deinen Boss" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen