Logo weiterlesen.de
Verführ mich undercover!

1. KAPITEL

Brandon Langard war gescheitert. Das war das Tagesgespräch in der Redaktion des Magazins Windy City Bizz, die sich im sechsten Stock eines Bürogebäudes befand. Als klarer Favorit für den Posten des Feuilletonchefs hatte Brandon versprochen, ein Interview mit Jared Ryder zu liefern, aber er hatte versagt.

In diesem Augenblick beobachteten Melissa Warner und ihre Kollegen gefesselt die Konsequenzen von Langards Misserfolg. Die Tür zum Büro von Redaktionsleiter Seth Strickland war zwar geschlossen, doch durch das Innenfenster konnten sie ihn brüllen sehen. Seine Augen sprühten vor Zorn, und sein Gesicht war tiefrot angelaufen. Brandon hatte den Kopf eingezogen.

„Die Titelseite war schon fertig“, flüsterte die Fotografin Susan Alaric über ihren Schreibtisch hinweg Melissa zu.

„Ja, weil Brandon geschworen hat, dass die Sache unter Dach und Fach ist“, flüsterte Melissa zurück und dachte daran, wie er in der Woche zuvor mit seinem tollen Auftrag angegeben hatte.

„Dem fehlt es wirklich nicht an Selbstbewusstsein.“ Susan verdrehte die Augen.

Mit seiner Angewohnheit, vor den weiblichen Redaktionsmitgliedern anzugeben und aufdringlich mit ihnen zu flirten, hatte Brandon sich nicht gerade beliebt gemacht.

„Ich war sicher, dass er es schafft“, sagte Melissa. Brandon mochte unausstehlich sein, aber er war auch ehrgeizig und sehr tüchtig. Und er wusste zweifellos, dass ein ausführlicher Bericht über Chicagos pressescheusten Unternehmer und begehrtesten Junggesellen ihm den Posten des Feuilletonchefs gesichert hätte.

Dass Jared Ryder ein Vermögen auf dem Immobilienmarkt von Chicago verdiente, passte in den Wirtschaftsteil des Magazins. Und der Umstand, dass mindestens die Hälfte der weiblichen Bevölkerung Chicagos für ihn schwärmte, würde die Auflage in die Höhe treiben.

Heftig gestikulierend kam Seth nun hinter seinem überladenen Schreibtisch hervor und baute sich vor Brandon auf. Wortfetzen drangen durch die geschlossene Tür: „… inkompetent … unzuverlässig …“

„Autsch!“ Susan duckte sich.

Melissa empfand beinahe Mitleid für Brandon. Aber dann dachte sie daran, wie er vor einem Monat ihr Gespräch mit der „Women in Business Organization“ belauscht und sich die Story unter den Nagel gerissen hatte. Dafür schuldet er mir noch etwas, dachte sie. Und vielleicht bezahlt er gerade jetzt.

Es würde ihm recht geschehen, wenn sie seine Superstory zu ihrer eigenen machte. Warum auch nicht? Seth brauchte das Interview mit Jared Ryder. Und um Feuilletonchefin zu werden, hätte Melissa alles getan.

Seth hatte aufgehört zu brüllen. Er atmete schwer, wie gemeißelt traten seine Kieferknochen hervor. Als Brandon eilig der Tür zustrebte, stand Melissa auf.

Susan deutete Melissas entschlossenen Gesichtsausdruck richtig.

„Tu es“, spornte sie die Kollegin grinsend an. „Oh, bitte, tu es!“

Melissas Herz schlug schneller. Sie schluckte und versuchte, nicht daran zu denken, was es für ihre Karriere bedeuten würde, wenn sie scheiterte.

Doch als Langard die Redaktionsräume verließ, hatte sie ihre Furcht besiegt. Von allen Seiten trafen sie die Blicke ihrer Kollegen, während sie geradewegs in das Büro des Chefs vom Dienst marschierte.

Sie konnten sich natürlich denken, was sie vorhatte. Und vermutlich waren sie schockiert, dass sie nicht wartete, bis Seth sich beruhigt hatte. Seine Wutausbrüche waren gefürchtet. Normalerweise gingen alle Mitarbeiter wohlweislich in Deckung, bis der Sturm sich gelegt hatte.

Melissa klopfte an die Tür, die noch offen stand. „Seth?“

„Was ist?“, bellte er und raschelte mit den Papieren, die auf seinem Schreibtisch lagen.

Ruhig betrat sie das Büro und schloss die Tür hinter sich.

Seths rundes Gesicht war bis zur Stirnglatze hinauf gerötet und glänzte vor Schweiß, das weiße Hemd mit den hochgerollten Ärmeln war zerknittert. Lose baumelte die Krawatte über seinen ausladenden Bauch.

„Ich kann Ihnen das Interview besorgen.“ Melissa kam direkt zur Sache. Mit gestrafften Schultern und durchgedrücktem Rücken stand sie auf acht Zentimeter hohen Absätzen vor ihrem Chef.

„Was für ein Interview?“

„Das mit Jared Ryder.“

„Nein, können Sie nicht.“

„Oh, doch“, entgegnete sie mit dem Selbstbewusstsein einer Frau, die sich gegen fünf ältere Brüder hatte durchsetzen müssen. „Ich kann. Wann ist die Deadline?“

„Ryder hat Chicago heute Morgen verlassen.“

„Kein Problem. Wo ist er?“

Schweigend starrte Seth sie an.

„Ich kriege das hin, Seth.“

„Langard hat von Ryder eine glatte Abfuhr kassiert“, hielt ihr Chef dagegen.

„Ich bin aber nicht Langard.“

„Eben“, pflichtete Seth ihr in einem Ton bei, der deutlich machte, dass sie niemals so gut wie Brandon Langard sein würde. Dann griff er zum Telefon und hämmerte eine Nummer in die Tasten.

„Geben Sie mir eine Chance.“ Melissa trat näher an den Schreibtisch heran. „Es schadet doch keinem.“

„Dafür ist es zu spät.“

„Eine Woche nur.“ Sie versuchte, sich ihre innere Anspannung nicht anmerken zu lassen, cool zu bleiben. „Geben Sie mir eine Woche.“

„Ist Everett zu sprechen?“, bellte Seth ins Telefon.

Everett war der Herausgeber des Windy City Bizz, der große Boss, Herr über Titelseiten und Leitartikel.

„Können wir wenigstens darüber reden?“, drängte sie.

„Es gibt nichts zu reden. Ryder hat sich nach Montana abgesetzt.“

Melissa war überrascht. „Was treibt Jared Ryder in Montana?“ In Butte würde er sicher keinen Wolkenkratzer bauen.

„Er hat sich auf seiner Ranch verkrochen.“

Das hörte Melissa heute zum ersten Mal. Ryder besaß eine Ranch? Sicher, es gab Gerüchte, dass er einmal Cowboy gewesen war. Doch genauso wurde er als ehemaliger Spion verdächtigt.

„Sie wussten nichts von der Ranch?“ Seth reagierte herablassend auf ihre offensichtliche Verwirrung, die ihn mit Genugtuung zu erfüllen schien. „Der Grundstein des gesamten Ryder-Konzerns. Wie wollen Sie meinen Kopf retten, wenn Sie keine Ahnung haben?“

„Weil ich es tun werde“, behauptete Melissa fest. Dass sie zufällig nie von der Ranch gehört hatte, hieß noch lange nicht, dass sie kein Interview bekommen würde. „Ich werde nach Montana fliegen.“

„Er hasst die Presse. Und das Bizz ganz besonders. Er wird Sie sofort von seinem Grund und Boden verjagen …“ Seth wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Telefon zu. „Everett?“

„Ich schaffe das.“ Ja, das würde sie, wenn sie die Chance dazu bekäme … die ihr aber gerade zu entgleiten drohte.

„Es gibt ein Problem“, sagte Seth zu Everett.

„Ich schleuse mich auf der Ranch ein“, brachte sie gepresst hervor. „Ich arbeite verdeckt. Ich werde Ihnen die Story liefern.“

Seth konzentrierte sich auf das Telefonat. „Es geht um das Interview mit Ryder.“ Während er Everett zuhörte, der sein Missfallen offenbar deutlich zum Ausdruck brachte, lief sein Gesicht noch dunkler an.

Sie gab nicht auf. „Habe ich Sie jemals enttäuscht?“ Nein, habe ich nicht. Aber ich habe auch noch nie eine so große Sache angepackt. Egal, ich kriege das hin!

„Ja, klar.“ Seths Miene verdüsterte sich.

„Bitte.“ Melissa beugte sich eindringlich vor. „Ich bezahle das Flugticket selbst.“

Jetzt war es Seth, der den Kopf einzog. „Langard war der Beste, den …“

Während Everett am anderen Ende der Leitung tobte, suchte Melissa verzweifelt nach neuen Argumenten.

„Ich bin mit Pferden aufgewachsen“, platzte sie heraus. Na ja, mit einem Pferd, um genau zu sein. Es hatte auf einer Wiese am Stadtrand gestanden, gegenüber dem Haus, in das ihre Familie gerade eingezogen war. Sie hatte es Midnight genannt. „Ich werde …“

Seth warf ihr einen warnenden Blick zu.

„… auf der Ranch arbeiten.“

Er legte seine Hand über die Sprechmuschel. „Ist Ihnen bewusst, mit wem ich hier rede?“

Sie nickte beklommen.

„Raus jetzt!“

„Aber …“

„Raus!“

Melissa presste die Lippen aufeinander. Seths Augen funkelten vor Zorn, als er sich wieder Everett zuwandte. „Dann nehmen wir eben die Cooper-Story auf die Titelseite.“

Für den Bruchteil einer Sekunde wollte Melissa weiterdiskutieren. Doch Mut war eine Sache, Dummheit eine andere. Sie wagte nicht, Seth noch mehr zu bedrängen. Das wäre gar nicht klug.

Also trat sie notgedrungen den Rückzug an. Die Stimme ihres Chefs war jetzt bis in die Redaktion zu hören. „Ich werde sofort einen Fotografen darauf ansetzen.“

Melissa wich den Blicken ihrer Kollegen aus, während sie zu ihrem Schreibtisch ging.

„Susan!“, brüllte Seth in gewohnt cholerischer Manier.

Susan warf Melissa einen mitleidigen Blick zu. Dann stand sie auf und ging in Seths Büro.

Niedergeschlagen ließ Melissa sich auf ihren Stuhl sinken und starrte auf die hüpfenden bunten Bälle ihres Bildschirmschoners. Sie hätte dieses Interview bekommen. Sie wusste, sie hätte es geschafft.

„Lorne Cooper kommt auf die Titelseite“, berichtete Susan, als sie sich wieder auf ihren Stuhl gleiten ließ.

Resigniert nickte Melissa. „Der König der Sportausrüster.“ Er eröffnete gerade einen Megastore auf der Murdoch Street, und um das Ereignis zu feiern, sponserte „Cruisin’ Cooper“ ein Radrennen. „Der Artikel ist fertig, er muss nur überarbeitet werden.“

Melissa beugte sich über die Tastatur und traf versehentlich die Leertaste. „R. J. Holmes hat ihn geschrieben.“ In ihrer Stimme lag eine Spur von Selbstmitleid. R. J. gehörte noch nicht lange zum Team und lieferte schon eine Titelstory, etwas, was ihr selbst noch nicht gelungen war.

„Seth war wohl nicht in der Stimmung, Brandon zu schonen.“

„Oder mich.“ Seufzend öffnete Melissa eine Suchmaschine auf dem Bildschirm.

„Was hast du geschrieben?“, wollte Susan wissen.

„Die Myers AG und die Fusion von Briggs.“

Susan schwieg.

„Ich weiß“, seufzte Melissa und stocherte auf der Tastatur herum. „Noch langweiliger als Cooper.“ Keine der üblichen Geschichten würde ihr zum ersehnten Aufstieg verhelfen. Es gab nur eine Story, die ihrer Karriere Auftrieb geben konnte.

Sie löschte die Buchstaben, die sie versehentlich eingegeben hatte, und tippte „Jared Ryder“ in die Suchmaschine ein. Im Bruchteil einer Sekunde öffnete sich eine Liste, auf der die Homepage von „Ryder International“ auftauchte, eine Rede von Jared vor der Handelskammer, die Kontaktdaten für sein neues Bürohochhaus und ein Link zur Ryder-Ranch. Neugierig klickte sie darauf.

Auf dem Bildschirm erschien ein sattgrünes Panorama von Bäumen, Wiesen und sanften Hügeln unter einem türkisblauen Himmel, und wie ein hellblaues Band schlängelte sich ein Fluss durch die Landschaft. Beinahe streifte der Wasserlauf ein zweistöckiges Haus mit rotem Dach, das von Viehweiden und Nebengebäuden umgeben war.

Das also war Montana.

Eine Reihe von Miniaturbildern säumte den unteren Rand des Bildschirms. „Natürliche Schönheit“, warb ein Bildtext. „Glacier National Park.“

Susan fuhr ihren Computer herunter, stand auf und warf ihre drei Kameras über die Schulter. „Ich muss los.“

„Viel Spaß“, sagte Melissa und klickte auf ein Bild, auf dem Wildblumen in verschwenderischer Fülle um die Wette leuchteten. Rot, violett, gelb und weiß und einfach wunderschön.

Ein schadenfrohes Lächeln um die Lippen, stieß Susan mit der Hüfte eine Schublade zu. „Spaß werde ich haben. Heute Fotoshootings, Freitagabend eine Gala, und beim Radrennen fliege ich im Hubschrauber von Channel Ten mit.“

„Ach, sei still“, meinte Melissa missgestimmt, als Susan sich um die Ecke ihres Schreibtisches schob.

Sie selbst würde für den Rest der Woche in dem stickigen Büro hocken und die Protokolle städtischer Ausschüsse nach Material für eine halbwegs interessante Wirtschaftsstory durchsuchen. Na, super.

„Was ist das?“ Susan deutete mit einer Kopfbewegung auf den Bildschirm.

Melissa konzentrierte sich wieder auf das frische Grün und die leuchtenden Blumen. „Montana. Wo ich jetzt wäre, wenn Seth ein Herz hätte.“ Oder ein Hirn.

„Nicht mein Fall“, winkte Susan ab und setzte sich eine fesche, karierte Kappe auf die braunen Locken.

„Meiner auch nicht“, gab Melissa zu. Mit einer Hand hielt sie ihr glattes blondes Haar im Nacken zusammen, um sich trotz der schwachen Klimaanlage Kühlung zu verschaffen. „Aber um Jared Ryder zu treffen, würde ich hinfliegen.“

„Dann tu es doch“, forderte Susan sie auf.

„Quatsch!“

„Warum denn nicht?“

Melissa drehte sich um und blickte ihrer Kollegin direkt ins Gesicht. „Weil Seth es mir gerade verboten hat.“

„Erzähl ihm einfach, dass du die Protokolle zu Hause durchsiehst. Und dann steigst du in den Flieger.“

Tolle Idee! „Ich soll also meinen Boss anlügen und seine Anweisungen missachten?“

„Er wird dir verzeihen, wenn du ihm die Story lieferst.“ Susan lächelte verschwörerisch. „Vertrau mir.“

Melissa ließ ihren Haarschopf wieder los. Die Idee war wirklich absurd.

Doch ihre Kollegin ließ nicht locker. Sie beugte sich vor und flüsterte: „Wenn du es nicht tust, tut es jemand anders.“

„Wenigstens ist dieser andere nicht Brandon.“

„Läuft auf dasselbe hinaus.“

„Nach Montana zu fliegen, kann mich meinen Job kosten“, gab Melissa zu bedenken.

„Oder deine Karriere voranbringen.“

„Du hast gut reden.“

Mit einem Ruck brachte Susan ihre Kameras in eine bequemere Position und schob ihre Kappe zurück. „Ganz wie du willst. Aber denk dran: no risk, no fun – kein Gewinn ohne Risiko. Meinen größten Erfolg hatte ich an dem Tag, als Rowdys im Lincoln Park die Löwen freiließen.“

„Das war wirklich verrückt.“ Melissa schmunzelte.

Susan hatte an den Ästen einer Eiche gebaumelt, und unter ihr strich ein hungriger Löwe entlang, bis der städtische Tierschutzbeauftragte ihn mit einem Bolzenschuss betäubte. „Willst du etwa behaupten, dass ich nur dann genug Einsatz zeige, wenn ich mich in Lebensgefahr begebe?“

Beschwichtigend klopfte Susan Melissa auf die Schulter. „Ich behaupte, dass du nicht genug Einsatz zeigst, wenn du dir nicht den Job an Brandons Stelle schnappst.“

Susan zwinkerte ihr zu und schlenderte zur Tür hinaus, während Melissa unruhig mit den Fingern auf ihren Schreibtisch trommelte.

Sie betrachtete die Bilder der Ranch in Montana. Dann wanderte ihr Blick zu dem geräumigen Glaskasten, der für den neuen Feuilletonisten reserviert war. Was Seth wohl für ein Gesicht machen würde, wenn er von ihrem großen Coup erfuhr?

Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihren Namen auf der Titelseite des Bizz und stellte sich vor, wie sie im Januar in ihrem schicken kleinen Schwarzen den Prentice Award entgegennehmen würde.

Das hast du davon, Brandon Langard.

Ihr Leben wäre perfekt. Und alles, was sie dafür tun musste, war, sich Zugang zu Ryders Ranch zu verschaffen.

2. KAPITEL

Entspannt saß Jared Ryder im Sattel und führte seinen Hengst Tango im Schritt über die Holzbrücke, die zum Haus seiner Schwester Stephanie führte. Der Springparcours war auf dem Bonaparte Plateau errichtet worden. Das Land, eingebettet in den Hügeln etwa zehn Meilen von der breitesten Stelle des Spirit Lake entfernt, gehörte Ryder.

Tangos Ohren zuckten, und er spannte seine Muskeln an, als er die Pferde sah, die ringsum auf den Wiesen grasten und in den Pferchen umherliefen, die um den Reitplatz angeordnet waren.

Auch Jared war nervös. Der vertraute Anblick der Ranch bot dieses Mal nicht wie üblich Zuflucht, sondern er rief eine Flut von unguten Erinnerungen in ihm hervor. Gleichzeitig erfasste ihn eine Welle von Ärger.

Am liebsten hätte er in dieser Woche einen großen Bogen um die Ranch gemacht, doch seine Schwester Stephanie brauchte ihn. Außerdem gab es auch in Chicago Probleme.

Ryder International hatte gerade einen langfristigen Vertrag mit der Stadt Chicago abgeschlossen. Die Kommune hatte Räume in dem Büroturm angemietet, den der Konzern auf der Washington Street baute. Seitdem bestand der Bürgermeister darauf, Jared auf Wohltätigkeitsbällen und Vernissagen vorzuführen.

Inzwischen war er so oft in der Öffentlichkeit erschienen, dass die Boulevardblätter sich das Recht herausnahmen, Fotos von ihm zu schießen und ihm ihre Mikrofone vors Gesicht zu halten.

Es war frustrierend. Er war Geschäftsmann, kein Politiker oder Promi. Sein Privatleben ging niemanden etwas an. Und der Reporter vom Windy City Bizz, der Montagnacht vor Jareds Haus gelauert hatte, hatte das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht.

Nachdem Jared ihm ausgewichen und in die Stadt zurückgefahren war, hatte er das erste Mal ernsthaft über eine einstweilige Verfügung nachgedacht. Oder vielleicht sollte er in Zukunft nur noch verkleidet das Haus verlassen?

Bevor er sich weiter mit diesem unerfreulichen Thema beschäftigte, musste er zunächst die Dinge zu Hause in Montana in Ordnung bringen.

Als er auf dem Reitplatz eintraf, erregte sein Erscheinen sofort die Aufmerksamkeit der Gruppe von Reitern, die sich dort aufhielten. Gleich darauf entfernte sich einer von ihnen mit seinem Pferd von den anderen, um ihm auf dem staubigen Weg unter der Julisonne entgegenzutraben. Jared beobachtete, wie Pferd und Reiter Nebengebäude und karge Bäume hinter sich ließen.

„Der verlorene Sohn ist zurück!“, rief seine zweiundzwanzigjährige Schwester Stephanie zur Begrüßung und brachte ihre Stute in einer Staubwolke zum Stehen.

Unter der Reitkappe schaute ihr lächelndes, sommersprossiges Gesicht hervor. Ihre langen Beine steckten in engen Reithosen und hohen glänzend-braunen Stiefeln. Dazu trug sie eine locker sitzende hellbraune Bluse. Das widerspenstige kastanienbraune Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden.

„Du verwechselst mich wohl mit Royce“, erwiderte Jared und betrachtete sie genauer. Seine Schwester wusste zwar nicht, was er wusste, doch der Tod ihres Großvaters vor drei Monaten hatte sie alle erschüttert.

Er zügelte Tango, der argwöhnisch die Stute beäugte.

„Royce kommt wenigstens zu meinen Turnieren“, schmollte Stephanie. Sie stellte sich in den Steigbügeln auf. „Er war letzte Woche hier und hat gesehen, wie ich in Spruce Meadows gewonnen habe.“

„Er lebt ja auch im Flugzeug“, konterte Jared, um sich zu verteidigen. Sein Bruder Royce pendelte ständig zwischen New York, London und Rom hin und her, um Firmen ausfindig zu machen, die er für den Ryder International Konzern aufkaufen konnte. „Ich dagegen wohne in einer Vorstandsetage.“

„Du armer Junge“, neckte Stephanie ihn.

Sie lächelte zwar, doch Jared entging nicht die Traurigkeit in ihren silberblauen Augen. Stephanie war beim Tod ihrer Eltern erst zwei Jahre alt gewesen, und Grandpa war der einzige Mensch gewesen, der sie annähernd ersetzen konnte.

„Gratuliere“, sagte Jared, und seine Stimme klang sanft. Er bemühte sich, seine Verärgerung zu unterdrücken. Die Bedürfnisse seiner Schwester gingen vor.

Er selbst war fünfzehn gewesen, als er seine Eltern verloren hatte, und er hatte nicht unerheblich zu Stephanies Erziehung beigetragen. Auf ihre Erfolge als Reiterin und Trainerin war er ungeheuer stolz.

„Danke.“ Sie beugte sich vor, um Rosie-Jo, ihrem grauen Hannoveraner Champion, den Hals zu tätscheln. Jared war der verräterische Glanz in ihren Augen natürlich nicht entgangen.

„Willst du unseren Pokal sehen?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Na klar“, antwortete er. Später war noch genug Zeit, um über ihren Großvater zu reden.

„Bis zum Meeting bleiben uns noch ein paar Stunden.“ Stephanie atmete hörbar ein, straffte die Schultern und schüttelte entschlossen die Traurigkeit ab. Sie lenkte ihr Pferd neben Jareds.

Gemeinsam ritten sie auf das zweistöckige Farmhaus mit dem blauen Giebel zu.

Das Jahrestreffen des Genevieve-Gedächtnisfonds, der nach ihrer Mutter benannten Wohltätigkeitsstiftung, würde heute stattfinden. Wie jedes Jahr fiel es auf den Todestag ihrer Eltern. Erneut fühlte Jared Bitterkeit in sich aufkeimen, doch er musste seine Gefühle hinunterschlucken und sich wie ein Mann verhalten. Es war sinnlos, die Illusionen seiner jüngeren Geschwister zu zerstören.

„Und ich habe dich letzte Woche in einer Chicagoer Tageszeitung gesehen“, verkündete Stephanie, nachdem sie den Fluss überquert hatten.

„Nein, das war der Bürgermeister“, erwiderte Jared. Er hatte sich, so gut es ging, hinter dem korpulenten Mann versteckt.

„Aber unter dem Foto steht dein Name.“

„Das liegt nur am Sommerloch.“ Missgestimmt dachte er an das Blitzlichtgewitter vor der Galerie und an die absurden Fragen der Reporter, als er Nadine geholfen hatte, in den Wagen zu steigen.

Stephanie musterte ihn forschend, ihre Stimme klang eindeutig neugierig. „Ach, und wer ist sie?“

„Wer ist wer?“ Jared zog es vor, so zu tun, als wüsste er nicht, worauf seine Schwester hinauswollte. Sie war in einem männlich geprägten Haushalt aufgewachsen, und seitdem sie sieben Jahre alt war, versuchte sie ständig, irgendjemanden dazu zu bringen, irgendeine nette Frau zu heiraten. Kuppeln schien ihr eine richtige Leidenschaft geworden zu sein.

„Na, die Sexbombe da neben dir auf dem Bild.“

„Ich hatte ein Date mit ihr“, erwiderte Jared einsilbig, verzichtete auf weitere Erklärungen.

„Und?“, fragte seine Schwester ungeduldig nach.

Er spannte sie noch ein wenig länger auf die Folter, bevor er sich zu einer Antwort bequemte. „Und sie heißt Nadine Romsey. Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss, aber sie ist keine Sexbombe. Sie ist Anwältin bei Comcoe Newsome.“

Stephanies Neugier war ungebrochen. „Gutes Aussehen und Grips. Eine perfekte Kombination. Ist es etwas Ernstes?“

„Die Verabredung war rein geschäftlich. Der Bürgermeister hat mich zu einer Party eingeladen, und es waren Leute dort, die Nadine treffen wollte.“

„Aber sie ist so hübsch.“ Stephanie schmollte wieder.

„Du bist eine heillose Romantikerin.“

„Gehst du noch mal mit ihr aus?“

„Nur, wenn sie sich wieder auf eine Party schmuggeln muss.“ Zwar bewunderte er Nadine, doch er hatte nicht das geringste Interesse an ihr als Frau.

Frustriert presste seine Schwester ihre Lippen aufeinander. „Hast du sie etwa schon abgeschrieben? Du wirst nie eine Frau finden, wenn du dich nicht ins Leben stürzt und …“

„Ich bin vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche da draußen, kleine Schwester“, unterbrach er sie. Mit einer weit ausholenden Geste fügte er hinzu: „Damit bezahle ich all das hier, nur zu deiner Information.“

Stephanie reckte ihre niedliche Stupsnase in die Luft. „Das Ryder Equestrian Center hat im letzten Jahr eine Million Dollar eingebracht.“

Jared lachte schnaubend. „Und vier Millionen hast du dafür ausgegeben!“

„Dafür hat der Konzern es oft genug für Werbezwecke benutzt, um sein Image aufzupolieren. So etwas ist unbezahlbar!“

„Das hast du vor dem Spiegel geübt, stimmt’s?“, gab er vergnügt zurück.

„Bruderherz, du solltest endlich heiraten.“

„Bist du nicht ein bisschen zu alt, um dir eine Mutterfigur zu wünschen?“

„Eher eine Schwester. Ich hoffe, du heiratest eine lustige junge Frau. Die Pferde mag“, fügte sie zur Sicherheit hinzu und trieb ihre Stute an.

Jared schüttelte den Kopf. Die Enthüllung seines Großvaters auf dem Sterbebett, die Medien und die Befürchtungen seines Steuerberaters, dass Ryder International zu schnell expandierte, beanspruchten Jareds ganze Energie. Für eine Liebesaffäre fehlten ihm einfach Zeit und Kraft.

Als er Stephanie durch die offene Tür in einen Stall folgte, überlief ihn plötzlich ein elektrisierendes Prickeln. Abrupt drehte er sich um und begegnete dem Blick einer blonden, grünäugigen Schönheit, die mitten im Haupttor stand. Sie trug Jeans und eine blütenweiße Bluse. Mit beiden Händen hielt sie eine Mistgabel umklammert.

Schnell wandte sie den Blick ab, doch die Alarmglocken in seinem Innern schrillten bereits.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Verführ mich undercover!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen