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Verführ doch einfach mich!

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1. KAPITEL

Er sah einfach zum Anbeißen aus. Die Frühlingssonne brachte Ron Kincaids blondes Haar zum Leuchten, und bei diesem Anblick tanzten Schmetterlinge in Crystals Bauch. Er kam mit den anderen Spielern über das Spielfeld im Piedmont Park von Atlanta gesprintet. Der Mann mochte im normalen Leben Fotograf sein, aber am Wochenende beim Football war er durch und durch Sportler.

Crystal zuckte zusammen, als sie jemanden ihren Namen rufen hörte. Sam Schaffer, ihr langjähriger Freund und enger Vertrauter, spielte ihr den Ball zu. Sie warf sich in die Flugbahn und fing ihn geschickt auf.

Das war ihre Chance. Solange sie den Ball hatte, blickten alle auf sie – einschließlich Ron Kincaid. Sie rannte los, dicht gefolgt von Ron. Der Weg bis zur Endzone, die von zwei Parkbänken markiert war, lag frei vor ihr. Sie könnte einen Touchdown schaffen und das Spiel für ihr Team entscheiden.

Dann musste Ron sie ja bemerken. Gleich links hinter ihr fiel jemand zu Boden, aber sie spürte, dass Ron ihr immer noch auf den Fersen war.

Er wird mich einholen, dachte sie aufgeregt. Er wird sich auf mich stürzen, mit mir zu Boden gehen und …

Nach rechts!“, rief Sam von irgendwo hinter Ron und riss sie damit unsanft aus ihren Tagträumen.

Sie rannte nach rechts, gedeckt von Sam. Seit der ersten Highschool-Klasse waren Crystal und Sam unzertrennlich. Damals hatte er ihr geholfen, sich gegen einen prügelnden Rüpel auf dem Pausenhof zu wehren.

Mittlerweile trafen sie sich schon seit drei Jahren regelmäßig samstags mit ihren alten Highschool-Freunden zum Spiel im Park. Sam und Crystal waren inzwischen ein super Team, der eine konnte sich auf den anderen verlassen.

Die Endzone kam näher und näher, doch Crystal merkte, wie ihr die Puste ausging. Ihre Lunge brannte, und die Beine taten ihr weh. Mit letzter Kraft legte sie einen Endspurt hin, dann ließ sie sich auf den Rücken fallen, den Football mit beiden Händen an die Brust gepresst.

Überall um sie herum brach Jubel aus. Crystal hatte es geschafft. Sie hatten das Spiel gewonnen.

Ron stand atemlos über ihr, die Wangen gerötet und das Haar windzerzaust – einfach unwiderstehlich!

„Du bist schnell, Peterson.“

Sie strahlte. Er kannte ihren Namen! Doch ehe sie antworten konnte, hatte er sich schon wieder abgewandt und lächelte seinen Verehrerinnen zu, die wie gebannt sein Spiel verfolgt hatten und sich nun um ihn scharten.

Crystal stand auf und blickte in seine Richtung. Keine der Frauen schien seine feste Freundin zu sein. Nein, Ron Kincaid war Single und ungebunden. Trotzdem gefiel es Crystal nicht, wie ihn die anderen anhimmelten.

Andererseits verfügte er nun mal über eine geballte Ladung Charisma.

Ihre Freunde umringten sie, darunter eine gut aussehende Brünette, die neu im Team war und sich ständig in Sams Nähe aufhielt. Obwohl sie eindeutig sein Typ war, schenkte Sam ihr kaum Beachtung, was Crystal wunderte.

Sie wusste, dass Sam an einer festen Beziehung nicht interessiert war, aber in letzter Zeit ließ er sich nicht einmal mehr auf kurze Affären ein. Was war nur mit ihm los?

Crystal schüttelte den Kopf. Seit der siebten Klasse hatte sie mit angesehen, wie Sam eine Schönheit nach der anderen hatte abblitzen lassen, bevor die Sache ernst werden konnte.

Glücklicherweise war sie gegen seinen Charme immun. Als er nun auf sie zukam, lag ein Strahlen in seinen grünen Augen. Zweifellos war Sam ein ausgesprochen gut aussehender Mann, der irgendwann einmal eine Frau sehr glücklich machen würde. Die Betreffende musste allerdings auch damit leben, dass er ein unverbesserlicher Zyniker und ein Dickkopf war.

„Gut gemacht“, lobte er Crystal.

„Guter Pass“, gab sie das Kompliment zurück.

Die brünette Schönheit an seiner Seite zupfte ihm ein paar Grashalme aus dem sandfarbenen Haar. „Du warst wunderbar“, hauchte sie Crystal zu, obwohl deutlich zu erkennen war, dass das Kompliment eigentlich Sam gelten sollte. „Himmel, mir blieb fast das Herz stehen, als ich sah, wie du dich geradewegs ins Ziel gestürzt hast.“

„Danke“, sagte Crystal lächelnd. Die andere hätte gewiss keinen solchen Sprung riskiert, weil sie sich damit ihre perfekt manikürten Fingernägel ruinieren könnte. Aber was interessierten Crystal Äußerlichkeiten, wo sie doch gerade den entscheidenden Wurf geschafft hatte?

Lächelnd warf sie einen Blick in die Runde. Da waren Mike Steels, der Linebacker, und seine Frau Paige. Die beiden hatten sich während der Highschool-Zeit nie ausstehen können und dann alle anderen überrascht, als sie gleich nach dem College heirateten. Mike hielt seine zweijährige Tochter im Arm.

„Crystal, das war Spitze!“, sagte er und schlug mit der flachen Hand gegen ihre. „Wir werden unsere Nummer zwei nach dir benennen.“

Paige schüttelte lachend den Kopf und strich versonnen über ihren gewölbten Babybauch. „Ich bin nicht sicher, ob er damit einverstanden wäre, aber es war ein toller Spurt, Crystal. Wo steckt eigentlich deine Schwester?“

Crystal blickte sich um. War sie so von Ron abgelenkt gewesen, dass sie Megs’ Fehlen nicht bemerkt hatte? „Ich schätze, ihr Freund belegt sie mal wieder mit Beschlag. Die beiden verbringen jede freie Minute zusammen.“

„Sag ihr, wir haben sie vermisst“, bat Paige.

„He, unsere beste Spielerin gehört uns allen“, unterbrach sie ein anderer der Mitspieler. Er war es gewesen, der Crystal in der zehnten Klasse zu ihrem ersten Auto-Date eingeladen hatte. Jetzt hob er sie hoch und wirbelte sie im Kreis herum. „Super gespielt, Peterson! Ich war eben ein klasse Lehrer.“

Sie lachte und sah Sam an. Irrte sie sich, oder war er tatsächlich sauer? Normalerweise verrieten Sams Züge nichts von dem, was in ihm vorging, aber für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, Verärgerung in seinem Gesicht zu lesen.

Okay, dass sie sich zu einer ganz passablen Football-Spielerin gemausert hatte, war sein Verdienst, doch warum reagierte er plötzlich so empfindlich? Er, der Meister im Gefühleverbergen.

Wie auch immer, sie würde sich später um seine verletzte Eitelkeit kümmern.

Crystal blickte strahlend in die Runde. Sie alle hatten eine Menge miteinander erlebt. Einige waren jahrelang an weit entfernten Unis gewesen, ein paar sogar in Europa, doch irgendwie hatten sie nie den Kontakt verloren.

Als sich der Jubel gelegt hatte und sich die Gruppe allmählich aufzulösen begann, wandte Crystal sich an Sam. „Ron meinte, ich bin schnell. Er kennt meinen Namen.“

Sam legte die Stirn in Falten. „Natürlich kennt er deinen Namen. Du und Cami, ihr zwei seid die einzigen Frauen, die hier mitspielen. Glaub mir, jeder hier weiß, wer du bist.“

Das stimmte. Megs und der Rest der Frauen beschränkten sich auch heute noch auf das, was sie schon während der Highschool getan hatten: das Team von der Seitenlinie anfeuern. Crystal und Cami hingegen hatten immer auf dem Feld mitgemischt. Das mochte mit ein Grund dafür sein, weshalb sie seit der sechsten Klasse die besten Freundinnen waren.

„Du bist gemein. Als mein Kumpel solltest du dich mit mir freuen.“

„Als dein Kumpel sage ich dir noch mal, dass er nicht dein Typ ist.“

„Und was heißt das? Woher willst du wissen, wer mein Typ ist?“

„Oh, bitte, wer hat sich denn seit der Highschool angehört, wie du über einen Typen nach dem anderen gejammert hast, in den du verliebt warst?“

„Na gut, aber vielleicht ändere ich meine Vorlieben. Außerdem kann ich es nicht wissen, ehe ich ihn nicht besser kenne. Und du kennst ihn schon ewig. Überhaupt macht es mich stutzig, dass du uns einander nie vorgestellt hast. Wieso hast du nicht längst versucht, mich mit ihm zu verkuppeln?“

Er zuckte mit den Schultern. „Wir hatten in der Highschool ein paar Kurse zusammen, mehr nicht. Und Verkuppeln liegt mir nicht, ganz abgesehen davon, dass ich es in eurem Fall für reine Zeitverschwendung halte. Ihr passt nicht zusammen.“

„Wie süß von dir.“ Sie tätschelte ihm die Wange. „Aber die Entscheidung darüber darfst du getrost mir überlassen.“

Cami Everett legte den Arm um Crystals Schultern. „Richtig so, Kleines“, sagte sie und zwinkerte Sam zu. „Ich habe ihr nämlich alles beigebracht, was sie über Männer wissen muss.“

„Genau, deshalb versage ich auch auf ganzer Linie, wenn es ums andere Geschlecht geht“, erwiderte Crystal lachend.

„Red nicht so, du musst einfach mehr aus deinem Typ machen.“ Und das ausgerechnet von Cami! Mit ihren schwarzen Haaren und den blauen Augen könnte sie eine Schönheit sein, hätte sie den Struwwellook für sich nicht schon eingeführt, ehe er Mode wurde.

„Was meinst du, Sam? Soll ich mehr aus mir machen?“

„Lass mal sehen“, sagte er nachdenklich, umfasste Crystals Schultern und drehte sie einmal im Kreis herum. „Tja, schwer zu sagen, was sich da machen ließe. In den schlabberigen Sporthosen ist wenig zu erkennen, aber der Po birgt durchaus Potenzial. Natürlich müsste ich ihn mir genauer ansehen.“

Crystal funkelte ihn an. Es war nicht das erste Mal, dass er sich in seiner trockenen Art über sie lustig machte. Sie versetzte ihm einen freundschaftlichen Knuff.

„He, das war ein Kompliment!“, beschwerte er sich. „Ich mag deinen Po.“

„Danke, und ich mag meine Sporthose. Worin soll ich denn wohl sonst spielen? Ich muss mich schließlich bewegen können.“

Sam musterte sie: ihr weites T-Shirt, die Sporthose und den kessen Pferdeschwanz. „Ich habe kein Problem mit der Art, wie du dich kleidest. Sie zeugt von Selbstvertrauen, weil es dich offensichtlich nicht schert, was andere denken.“

„Und das vom Herausgeber von ‚Edge‘, dem trendigsten Herrenmagazin des Südwestens. Du solltest dich geschmeichelt fühlen“, sagte Cami zu Crystal.

„Stimmt. Ach, Sam, erzähl Cami von dem Preis, für den ihr nominiert seid.“

„Es ist der ‚National Magazine Award‘, und wir können schon froh sein, dass man uns überhaupt nominiert hat. Ich glaube nicht, dass wir ihn dieses Jahr bekommen, aber nächstes Jahr müssten wir eine reelle Chance haben. Vorausgesetzt, ich finde eine gute Kolumnistin.“

Cami lachte. „Du meinst, die Leute lesen die Artikel tatsächlich?“

Sam starrte sie empört an.

„Ich meine, na ja, ich würde die Artikel wohl lesen, wenn sie von einer guten Kolumnistin geschrieben wären“, korrigierte Cami sich schnell.

Crystal stöhnte innerlich. Seit Wochen nervte Sam sie mit dieser Kolumne. Hätte sie gewusst, worauf das hinauslief, hätte sie nie den Artikel über die Fantasie-Dates geschrieben. Die Leser waren begeistert gewesen, und Crystal bekam bis heute Fan-Mails. „Du findest schon jemanden. Es gibt jede Menge freiberufliche Journalistinnen, die alles dafür geben würden.“

„Du könntest den Posten haben.“ Seine Stimme klang so ernst, dass Crystal ihm beinahe glaubte.

Dann meldete sich ihr Verstand zurück. „Ich kann nicht. Im Moment habe ich einen Abgabetermin für einen Artikel über Vorher-nachher-Serien im Nacken, an dem ‚Woman’s Day‘ interessiert sein könnte. Das ist ein vollkommen neues Gebiet für mich.“

„Früher oder später wirst du es satt haben, diesen Quatsch zu schreiben“, sagte Sam.

„Immerhin hat sie mit diesem Quatsch schon Preise gewonnen“, erinnerte Cami ihn.

„Ein Grund mehr, etwas Anspruchsvolleres zu versuchen. Was ist aus dem Mädchen geworden, das mit ihren Texten die Welt verändern wollte?“, fragte Sam provozierend.

Crystal sah das Lagerfeuer vor sich, an dem sie damals mit Sam gesessen hatte. Sie war fünfzehn gewesen, und sie hatten einander ihre geheimsten Träume anvertraut.

Nein, sie hatte sich schon an anspruchsvolleren Artikeln versucht, doch die waren so umgehend abgelehnt worden, dass ihr selbst heute allein bei dem Gedanken daran ganz schlecht wurde. Natürlich hätte sie nichts gegen ein festes Einkommen als Kolumnistin, aber sie hatte nicht das Zeug dazu. Außerdem musste sie Cami insgeheim Recht geben: Ihr Quatsch brachte ihr genug ein, um die Rechnungen zu bezahlen.

„Das Mädchen ist erwachsen geworden und sieht die Dinge realistischer.“

„Du könntest mit leichteren Themen anfangen und dich langsam vorarbeiten.“

Sein Angebot war verlockend, keine Frage, aber letztlich wollte er inhaltlich anspruchsvolle Artikel, und Crystal hatte sich lediglich einen Ruf als Schreiberin über Diäten und Wohndekor gemacht. Sie eignete sich eben für die seichten Dinge dieser Welt.

„Hör mal, ich bin am Verdursten. Wer spendiert mir ein Bier?“, meinte sie schließlich, um das Gespräch zu beenden.

Das Sonnenlicht fiel durchs Fenster und warf lange Schatten auf die verschrammten Tische in der überfüllten Bar. Sam nahm einen Schluck aus seiner Corona-Flasche und blickte zu Crystal, die ihm gegenüber neben Cami saß. Die Brünette, deren Namen er schon wieder vergessen hatte, plapperte etwas über einen Ausverkauf in Phipps Plaza, doch er hörte ihr nicht zu.

Er beobachtete, wie Crystals Blick sehnsüchtig zu Ron Kincaid schweifte. Anscheinend handelte es sich diesmal um mehr als eine harmlose Verliebtheit, und selbst der abgestumpfte Kincaid würde irgendwann merken, was für eine besondere Frau Crystal war. Wieso konnte er, Sam, nicht über seinen Schatten springen und die beiden zusammenbringen?

Kincaid war ein anständiger Kerl, einer der besten freiberuflichen Fotografen, die Sam kannte. Er hatte ihn häufiger für sein Magazin engagiert. Andererseits wechselte der Typ gern seine Freundinnen. Aber Crystal war nicht irgendeine Frau, das würde selbst Kincaid aufgehen. Trotzdem gefiel Sam die Vorstellung nicht, dass die beiden zusammenkamen.

Seit Jahren hielt Sam seine Gefühle für Crystal im Zaum – seit er sie ihr einmal gestanden hatte und damit kläglich gescheitert war. Es war in dem Sommer gewesen, als er fünfzehn wurde. Sie waren mit der ganzen Gruppe zum Campen gefahren – Cami, Steels, Crystal, Sam und der Rest.

Crystal und Sam hatten Feuerholz gesammelt und ein Lagerfeuer errichtet. Dabei hatten sie sich unterhalten. Crystal hatte ihm von ihren College-Plänen erzählt und wie sie sich ihr Leben nach dem Studium vorstellte, und bis heute erinnerte er sich an das Leuchten in ihren blauen Augen.

Sie hatte so unbeschreiblich schön ausgesehen!

„Ich werde eine regelmäßige Kolumne schreiben, in der ich die Leute über alle wichtigen Themen informiere. Ich will eine richtig gute Journalistin werden, denn Kommunikation ist das, worauf es ankommt.“

Ihre Begeisterung hatte ihn so mitgerissen, dass er einfach die Beherrschung verlor und ihr gestand, was er schon lange mit sich herumgetragen hatte: „Ich liebe dich.“

Crystal hatte einen Moment sprachlos dagesessen, ehe sie leise antwortete: „Wir sind viel zu jung, um zu wissen, was Liebe ist.“ Dann hatte sie gelacht und ihm einen freundschaftlichen Knuff versetzt. „Das war witzig, Sam, alter Kumpel. Fast wäre ich drauf reingefallen.“

Er hatte geschluckt und nichts mehr gesagt. Hatte er denn nicht gelernt, sein Innerstes nicht zu entblößen? Er war allein mit seinem Vater aufgewachsen und hatte dessen Bemühungen, eine Frau zu finden, immer höchst peinlich gefunden. Die Auserwählten hatten stets die Flucht ergriffen, weil er seine Gefühle so offen zeigte.

Sam wollte nicht den gleichen Fehler begehen.

Er war nun mal nicht der Richtige für Crystal und würde es wohl nie sein. Trotzdem hatte er sich bewusst nie auf eine andere Beziehung eingelassen, vielleicht, weil er hoffte, Crystal würde eines Tages begreifen, dass Sam ihr Mr. Right war.

„He, Parker, wo warst du? Willst du uns alle wie Faulpelze dastehen lassen, indem du samstagnachmittags arbeitest?“, begrüßte Crystal Parker Scott, Camis Freund, der sich zu ihnen setzte.

„Nein, die Steuertermine rücken näher, und wenn ich jetzt nicht ranklotze, werde ich in einem Monat unter Bergen von Unterlagen begraben sein. Dann bleibt mir ja gar keine Zeit mehr, mich um meine Süße zu kümmern“, meinte er lachend, zog Cami in die Arme und küsste sie leidenschaftlich.

Sam schüttelte missbilligend den Kopf.

„Muss das schön sein“, bemerkte die Brünette neben ihm sehnsüchtig und warf ihm einen viel sagenden Blick zu.

Er stellte sein Bier ab. Mit keinem Wort, keiner Geste hatte er sie zu einem Flirt ermutigt, doch sie kapierte es einfach nicht. Vielleicht musste er direkter werden.

„Ich akzeptiere nicht, dass du keine Zeit für mich hast“, schmollte Cami, nachdem sie sich von Parker gelöst hatte.

„Musst du auch nicht“, erwiderte er grinsend. „Ich habe eine Überraschung für dich. Weißt du noch, worüber wir gestern Abend gesprochen haben?“

„Nein, worüber?“

„Denk nach.“

Sie riss die Augen auf. „Du meinst das Rundum-Styling?“

„Ja, das heißt, falls du immer noch interessiert bist.“ Er gab ihr einen Umschlag. „Hier ist ein Geschenkgutschein für Alluring Image, wo sie dich rausputzen und anschließend fotografieren. Da kannst du dich beraten lassen und selbst entscheiden, wie die neue Cami aussehen soll.“

„Das ist toll“, mischte sich die Frau neben Sam begeistert ein. „Ich war auch da. Die sind fantastisch, genauso, wie es in der ‚Cosmo‘ stand. Hast du denn nicht bei der ‚Cosmopolitan‘ gearbeitet, Sam?“

„Nicht direkt. Ich habe ein Praktikum in der Moderedaktion gemacht.“

Crystal sah Cami fragend an. „Worum geht es hier eigentlich?“

„Cami möchte sich femininer stylen lassen. Sie ist ihr Wildfang-Image leid.“

„Stimmt nicht ganz. Ich möchte vor allem, dass du nicht vergisst, dass ich eine Frau bin.“

Parker sah sie lächelnd an. „Wie könnte ich? Ich sehe deine weiblichen Rundungen immer, egal, wie sehr du sie kaschierst.“ Er zupfte an ihrem übergroßen T-Shirt.

„Wieso kaschieren?“, fragte Crystal und blickte an sich hinab.

Sam schüttelte den Kopf. Er liebte es, dass sie so gänzlich uneitel war.

„Versteh mich nicht falsch, Crystal“, sagte Parker. „Ich habe kein Problem damit, wie ihr zwei euch anzieht, aber Cami wollte mal was Neues ausprobieren, und mir soll es nur recht sein.“

Crystal sah zu Cami, die die Hände hob. „Genau genommen hast du mich darauf gebracht, als du mir von diese Vorher-nachher-Geschichte für ‚Woman’s Day‘ erzählt hast.“

„Aber damit hab ich doch nicht dich gemeint.“

„Trotzdem hat es mich nachdenklich gemacht. Wir ziehen uns an wie …“

„Wir ziehen uns wie die Jungs an?“, beendete Crystal den Satz für sie.

Sam musste lachen. Crystals verführerische Rundungen waren nicht zu übersehen, ganz gleich, wie sie sich kleidete. „Du trägst eben die Sachen, in denen du dich wohl fühlst – Jeans, T-Shirts oder Sporthosen.“

„Wie die Jungs“, wiederholte sie tonlos.

Die Brünette neben Sam presste die Lippen zusammen, um ein hämisches Grinsen zu unterdrücken.

„Na, was gibt’s hier?“, fragte Mike, der sich einen Stuhl heranzog und sich zu ihnen setzte.

„Steels.“ Sam prostete ihm zu. „Die Damen erwärmen sich gerade für eine Stilberatung.“

„Tun wir nicht“, protestierte Crystal, verschränkte die Arme und lehnte sich schmollend zurück.

„Kein Mensch hat behauptet, dass du so was brauchst“, sagte Cami und wandte sich an Parker. „Ich glaube, das wird ein Riesenspaß. Dir werden die Augen übergehen, wenn du mich richtig sexy gestylt siehst.“

„He, Cami“, warf Mike Steels ein. „Du willst dir ein sexy Styling verpassen lassen?“

Sie wedelte triumphierend mit dem Umschlag. „Genau das.“

„Ist ja irre! Vielleicht wirst du dann eines von Kincaids Kalendermädchen.“

„Welche Kalendermädchen?“, fragte Parker.

Steels blickte über die Schulter zu Kincaid, der gerade in ein angeregtes Gespräch mit zwei Frauen vertieft war. „Er produziert doch diesen Dessouskalender, und er sucht zwölf Frauen, die für ihn Modell stehen. Mann, der Typ hat echt einen harten Job.“

„Nein danke“, winkte Cami ab und schmiegte sich an Parker. „Ich möchte nur für meinen Schatz sexy aussehen.“

„So soll es sein“, sagte Parker und legte den Arm um sie. „In ihrer Reizwäsche sieht sie keiner außer mir.“

Steels zuckte mit den Schultern. „Na ja, Kincaid wird auch so genug Frauen zusammenbekommen. Die reißen sich doch darum, vor ihm zu posieren.“

Crystal blickte wütend zu Kincaids Tisch, wo sich inzwischen vier Frauen um ihn scharten.

„Komm schon, Crystal, du siehst super aus“, munterte Sam sie auf.

Als sowohl sie als auch die Frau neben ihm ihn mit großen Augen anstarrten, erklärte er: „Nicht die Kleidung macht die Frau.“

„Aha?“ Crystal schien wenig überzeugt. Unvermittelt sprang sie auf, ihre Augen sprühten Funken. „Ich gehe shoppen. Lasst mich durch.“

„Komm schon, bleib hier“, meinte Sam beschwichtigend und griff nach ihrer Hand.

Die Brünette zupfte ihn am Ärmel. „Lass sie doch.“

Sam seufzte. Crystal war noch nie shoppen gegangen. Sie neigte zwar zu spontanen Reaktionen, aber sie shoppte nicht.

„War nett mit euch. Wir sehen uns“, sagte sie und wandte sich zum Gehen.

„Warte, ich komm noch mit raus.“ Sam wollte aufstehen, aber die Brünette klammerte sich regelrecht an seinen Arm. „Sam, tu das nicht, oder …“

„Oder was?“

„Oder ich werde dann nicht mehr hier sein, wenn du wiederkommst.“

„Darauf lass ich’s ankommen“, versetzte er spöttisch.

Erst auf dem Parkplatz holte er Crystal ein. „Brauchst du einen Begleiter?“ Es schmerzte ihn zu sehen, wie unsicher und verletzt sie auf einmal wirkte.

„Ich gehe nur ein paar neue Sachen kaufen.“

War es ihr so ernst mit Kincaid? Sam hätte sie am liebsten in den Arm genommen und getröstet.

„Ich hab’s gehört“, sagte er. „Ruf mich nur an, falls du mich brauchst.“

„He, alles in Ordnung mit dir?“ Crystal musterte ihn prüfend.

„Mit mir? Klar.“

„Ich dachte nur, du bist heute irgendwie … reizbar. Ist was mit deinem Dad?“

„Nein, ihm geht’s gut. Alles bestens.“

„Sicher?“

„Natürlich. Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen.“

„Na schön. Bis später.“ Sie umarmte ihn kurz und stieg in ihren Wagen.

Die Sonne hing tief am Himmel, und eine leichte Brise wehte durch die offenen Wagenfenster hinein, als Crystal auf den Parkplatz des Einkaufszentrums fuhr.

Seit sechs Wochen erschien Ron zu ihren samstäglichen Spielen im Park. Leider hatte er bisher kaum ein Wort mit ihr gewechselt, wahrscheinlich nahm er sie gar nicht als Frau wahr. Wieso war sie nicht selbst darauf gekommen?

Weil sie nie über ihr Äußeres nachdachte. In den Spiegel blickte sie höchstens, um zu prüfen, ob der Pferdeschwanz gerade saß, und selbst das nur höchst selten.

Sie stieg aus dem Wagen und strich ihr T-Shirt glatt. Ihr Haar war noch feucht von der Dusche, die sie nach dem Umtrunk in der Bar genommen hatte. Deshalb trug sie es ausnahmsweise offen.

Da sie nun den Grund dafür kannte, weshalb Ron sie so geflissentlich übersah, lag die Lösung auf der Hand. Sie musste ihm bloß zeigen, wie sexy sie sein konnte – mindestens so sexy wie seine Kalendermodelle.

Vielleicht sollte sie für ihn Modell stehen. Sie brauchte sich nur aufreizend zu kleiden und das Restaurant besuchen, in dem Ron angeblich häufiger aß, dann würde er auf sie aufmerksam; sie würden Probeaufnahmen machen, und der Rest ergab sich von selbst.

Was sollte da schon schief gehen? Nichts. Das schaffte sie mit Leichtigkeit.

2. KAPITEL

Das schaffte sie nie im Leben. Crystal starrte entsetzt ihr Spiegelbild an. Was hatte sie sich dabei gedacht? Ihre Wangen glühten, als sie sich in dem roten Korsett betrachtete. Das Dekolleté war so üppig, dass ihre Brüste praktisch oben herausquollen.

Sie zog es eilig aus und warf es auf den Stapel, der sich bereits auf dem Hocker türmte. Was Reizwäsche anging, hatte sie entschieden zu wenig Ahnung. Die Größen schienen irgendwie anders als sonst, und bei einigen Teilen konnte sie nicht mal erkennen, wo vorn und hinten war.

Wie sollte sie für Ron Modell stehen, wenn sie schon beim Anprobieren von Reizwäsche versagte? Und diese hochnäsige Verkäuferin wollte sie keinesfalls um Hilfe bitten.

Was tun? Alluring Image kam nicht in Frage. Die waren auf die Veränderung des äußeren Looks spezialisiert, aber das allein reichte nicht. Crystal musste es schließlich mit professionellen Reizwäschemodels aufnehmen.

Nein, sie brauchte eine Persönlichkeitsveränderung, ein komplett neues Image. Sie wollte eine Sexgöttin werden, so heiß und verführerisch und so überzeugend, dass Ron die anderen Models gar nicht mehr wahrnahm.

Allein war das nicht zu bewerkstelligen. Sie brauchte einen Experten, jemanden, der tagtäglich mit sexy Models zu tun hatte und sie durch und durch kannte.

Sie brauchte Sam.

„Du brauchst mich doch nicht“, wehrte Sam heftig ab und ließ sich auf das Ledersofa fallen, das beinahe eine ganze Wohnzimmerwand einnahm.

„Doch, das tue ich“, widersprach Crystal. „Du bist der Einzige, der mir helfen kann. Denk doch mal nach.“

Bei ihrem flehenden Blick wurde er fast weich – aber nur fast.

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