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Verfolgt in Paradise

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die »Schwarze Serie« in der amerikanischen Kriminalliteratur.

Seit seinem Debüt »Spenser und das gestohlene Manuskript« im Jahr 1973 hat er über 50 Bücher veröffentlicht. 1976 erhielt er für den Titel »Beute für Profis« den Edgar-Allan-Poe-Award für den besten Kriminalroman des Jahres.

Am 18. Januar 2010 verstarb Robert B. Parker in Massachusetts. www.robertbparker.de

Im Pendragon Verlag erscheinen von Robert B. Parker die beiden überaus erfolgreichen Reihen »Ein Auftrag für Spenser« und »Ein Fall für Jesse Stone«.

In der Jesse-Stone-Reihe sind bereits erschienen:

»Das dunkle Paradies« (2013)

»Terror auf Stiles Island« (2013)

»Die Tote in Paradise« (2014)

»Eiskalt« (2014)

»Tod im Hafen« (2014)

»Mord im Showbiz« (2015)

»Der Killer kehrt zurück« (2015)

»Verfolgt in Paradise« (2016)

Robert B. Parker

Verfolgt in Paradise

Ein Fall für Jesse Stone

Übersetzt Bernd Gockel

1

Jesse Stone saß im Polizeirevier von Paradise und starrte auf die Buchstaben, die sich hinter der Milchglasscheibe seiner Bürotür abzeichneten. Von innen lasen sie sich wie FEIHC – was natürlich keinen Sinn ergab, da sie nun mal mit Sicherheit nicht rückwärts geschrieben worden waren. Er machte einen Versuch, das Wort auszusprechen, gab aber auf und hakte den Gedanken ab. Auf dem Schreibtisch vor ihm lag ein Hochglanzfoto seiner Ex, das ihre natürliche Attraktivität nur noch mehr betonte. Er schaute es für eine Weile an, entschloss sich dann aber, auch diesen Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Er hörte, wie Molly Crane vom Eingang über den Flur kam und seine Tür öffnete.

»Suit rief gerade an«, sagte sie. »Es gibt wohl Ärger an der Mittelschule. Er meint, du und ich sollten mal reinschauen.«

»Sind Mädchen im Spiel?«, fragte Jesse.

»Darum soll ich ja mitkommen.«

»Verstehe«, sagte Jesse. »Wozu werd ich denn überhaupt noch gebraucht?«

»Du bist der Chief«, sagte Molly. »Alle wollen immer den Chief.«

Jesse schaute noch einmal auf Jenns Foto.

»Oh«, sagte er, »ich verstehe.«

Er stand auf und schob den Revolver in sein Holster.

»Auch wenn du nicht gerade wie der Polizeichef gekleidet bist«, sagte Molly.

Jesse trug das Hemd seiner Uniform, ansonsten aber Jeans, Nike-Sportschuhe, eine dunkelblaue Baseballkappe und eine Dienstmarke, auf der unübersehbar das Wort CHIEF prangte. Er klopfte mit dem Finger auf die Marke.

»Dafür bin ich allzeit bereit, wenn’s drauf ankommt«, sagte er. »Wer hält hier die Stellung?«

»Steve.«

»Okay«, sagte er. »Du fährst. Kein Blaulicht.«

»Nicht fair«, sagte Molly. »Einmal im meinem Leben möchte ich die Sirene so richtig schön aufheulen lassen.«

»Wenn du erst mal Sergeant bist, wird der große Tag bestimmt kommen.«

Als sie bei der Schule eintrafen, parkten bereits zwei Streifenwagen vor der Tür.

»Wer ist denn in dem anderen Wagen?«, fragte Jesse beim Aussteigen.

»Eddie Cox«, sagte Molly. »Eddie und Suit haben diese Woche die Frühschicht.«

Sie betraten die Eingangshalle, in der eine Meute aufgebrachter Eltern von zwei Cops in Schach gehalten wurde. In den meisten Fällen waren es Mütter, während die vereinzelten Väter irgendwie deplatziert wirkten. Als sie Jesse eintreten sahen, liefen sie ihm entgegen und bestürmten ihn mit Fragen.

»Sie sind doch der Polizeichef. Was werden Sie unternehmen?«

»Ich erwarte, dass diese Frau umgehend verhaftet wird.«

»Sie hat sich den Kindern unsittlich genähert.«

»Sagen Sie uns, was Sie zu tun gedenken.«

»Wissen Sie, was sie getan hat?«

»Hat man Sie überhaupt schon informiert, was hier passiert ist?«

Jesse ließ die Fragen an sich abprallen.

»Halt sie hier beisammen«, sagte er zu Molly.

Dann zeigte er auf Suit und winkte mit dem Kopf in Richtung Korridor.

»Was liegt denn an?«, fragte er, als sie allein waren.

Simpsons offizieller Vorname war Luther. Er war noch ein großes Kind mit blonden Haaren und einem runden Gesicht. Er war zwar nicht so grün, wie er aussah, aber trotzdem noch ein junger Kerl. Den Spitznamen »Suitcase« hatte er sich eingehandelt, weil die Baseball-Legende Harry Simpson ebenfalls auf den Spitznamen »Suitcase« hörte.

»Das ist wirklich abgefahren«, sagte er.

Jesse wartete.

»Mrs. Ingersoll«, sagte Suit, »die Schulleiterin. Ich mag’s einfach nicht glauben. Sie war schon Schulleiterin, als ich hier die Schulbank drückte.«

Jesse wartete.

»Gestern Nachmittag gab’s hier eine Art Tanzveranstaltung«, sagte Suit und sprach unmerklich schneller. »Für die Schüler der 8. Klasse. Doch vorher nahm Mrs. Ingersoll alle Mädchen in den Umkleideraum, hob ihre Röcke hoch und überprüfte, was für Höschen sie trugen.«

Jesse starrte Suit wortlos an.

»Huh?«, sagte er nach einer Weile.

»Behaupten jedenfalls die Mädchen.«

»Und warum macht sie so was?«, fragte Jesse.

»Keine Ahnung«, sagte Suit. »Als sie abends nach Hause kamen, erzählten die Mädels jedenfalls ihren Müttern davon und …« Er machte eine Handbewegung zu der aufgebrachten Menge.

Jesse nickte.

»Wo ist Mrs. Ingersoll jetzt?«

»In ihrem Büro.«

»Hast du sie schon vernommen?«, fragte Jesse.

»Sie rief an und bat uns vorbeizuschauen, da es zu einer Störung des Schulfriedens gekommen sei. Also kamen wir und fanden genau das vor, was du gerade mit eigenen Augen gesehen hast. Die Eltern machten den Eindruck, als würden sie Mrs. Ingersoll am liebsten gleich lynchen. Als wir uns den Weg in die Eingangshalle bahnten, verschwand sie jedenfalls in ihr Büro, das sie bisher auch nicht verlassen hat. Und zu diesem Zeitpunkt entschlossen wir uns, dich anzurufen und …« – er schaute etwas verlegen aus der Wäsche – »und da es sich um ein etwas delikates Thema handelt, dachten wir, dass Molly vielleicht auch gleich mitkommen sollte.«

Jesse nickte.

»Was ist mit den Mädchen?«, fragte er.

»Mit denen, die – äh – untersucht wurden?«

»Genau.«

»Ich vermute mal, sie sind im Klassenzimmer«, sagte Suit. »Ich hatte bisher noch nicht die Gelegenheit, ihre Aussagen zu überprüfen. Eddie und ich hatten alle Hände voll mit den Eltern zu tun.«

Jesse nickte.

»Ist ja super«, sagte er.

Suit zuckte mit den Schultern.

Sie gingen zur Eingangshalle zurück. Die Eltern, inzwischen etwas ruhiger geworden, schienen eine stumme Mahnwache zu bilden.

»Bring sie zur Aula«, sagte Jesse. »Lass dir die Namen ihrer Töchter geben und bring dann die betreffenden Mädchen ebenfalls her. Wenn du noch Verstärkung brauchst, ruf Steve im Revier an.«

»Wirst du mit Mrs. Ingersoll sprechen?«, fragte Suit.

»Genau das hatte ich vor.«

»Und danach kommst du zur Aula?«

»So sieht’s aus.«

»Und was wirst du den Eltern sagen?«

»Ich hab nicht den leisesten Schimmer.«

2

Jesse hatte Molly im Schlepptau, als er das Büro von Mrs. Ingersoll betrat.

»Chief Stone«, sagte sie. »Wie schön, Sie zu sehen. Und das hier ist …?«

»Kommissar Crane«, sagte Jesse.

»Wie geht es Ihnen, Kommissar Crane?«, sagte Mrs. Ingersoll.

Molly nickte.

Die Schulleiterin strahlte über das ganze Gesicht.

»Haben Sie diese dummen Menschen nach Hause geschickt?«, fragte sie.

»Wir haben sie in die Aula geschickt«, entgegnete Jesse. »Und ihre Töchter haben wir gebeten, sich dort ebenfalls einzufinden.«

»Ach du liebe Güte«, sagte Mrs. Ingersoll.

»Erzählen Sie mir von dem Vorfall«, sagte Jesse.

Mrs. Ingersoll setzte sich hinter ihren großen Schreibtisch. Die Schreibtischplatte vor ihr war jungfräulich leer.

»Vorfall? Chief Stone, ich befürchte, dass Sie der Angelegenheit eine unverdiente Bedeutung zumessen.«

»Dann klären Sie mich doch mal auf«, sagte Jesse.

»Es gibt eigentlich nichts, was ich da aufklären könnte«, sagte sie. »Ich mache den Eltern nicht mal einen Vorwurf. Sie sorgen sich um das Wohl ihrer Kinder im gleichen Maße, wie ich es auch tue.«

Jesse wartete. Mrs. Ingersoll lächelte ihn an. Jesse wartete. Mrs. Ingersoll lächelte.

»Die Mädchen sagen, Sie hätten ihre Röcke gelüftet und die Unterwäsche inspiziert.«

Mrs. Ingersoll lächelte.

»Haben Sie?«, fragte Jesse.

Mrs. Ingersoll lächelte noch immer, als sie sich nach vorne beugte und auf dem Schreibtisch ihre Hände faltete.

»Ich habe 20 Jahre meines Lebens dieser Schule geopfert«, sagte sie, »fünf davon als Schulleiterin. Eine Schulleiterin hat immer Feinde. Als Polizeichef können Sie sicher ein Lied davon singen. Die Schüler meinen, ich wolle sie unnötig disziplinieren, die Lehrer glauben, ich wolle sie herumkommandieren. Tatsache ist, dass ich hier sitze, weil mir das Wohl der Kinder am Herzen liegt.«

Jesse nickte langsam. Als er sich wieder zu Wort meldete, klang er noch immer ruhig und geduldig.

»Haben Sie sich ihre Unterwäsche angeschaut, Mrs. Ingersoll?«

»Ich habe nichts getan, was anrüchig wäre«, entgegnete sie.

»Nun«, sagte Jesse, »das ist ein Urteil, das Sie nicht zu treffen haben, Mrs. Ingersoll.«

Sie sah ihn aus großen, strahlenden Augen an. Ihr Lächeln war unerschütterlich.

»Ist es nicht

»Man macht Ihnen ein bestimmtes Verhalten zum Vorwurf«, sagte Jesse freundlich. »Nun hängt es von den Ambitionen des Staatsanwalts, dem Geschick Ihres Verteidigers und der politischen Ausrichtung des Richters ab, ob man dieses Verhalten nun als ordnungswidrig bezeichnet oder nicht.«

»Oh, Jesse«, sagte sie, »das ist doch absurd.«

»Haben Sie ihre Höschen nun inspiziert oder nicht, Betsy?«

Sie lächelte noch immer und strahlte ihn an, sagte aber kein Wort.

»Hätten Sie was dagegen, mit mir in die Aula zu kommen und die Angelegenheit mit Kindern und Eltern an Ort und Stelle aus dem Weg zu räumen?«, fragte Jesse. »Bevor alles nur noch komplizierter wird?«

Sie schaute ihn weiterhin strahlend an, schüttelte dann aber den Kopf.

»Wissen Sie, wer mein Ehemann ist, Jesse?«

»Weiß ich«, sagte er.

»Nun, ich werde ihn jetzt auf der Stelle anrufen«, sagte sie. »Und ich möchte Sie bitten, mein Büro zu verlassen.«

Jesse warf einen Blick zu Molly, die hinter Mrs. Ingersoll am Fenster stand und nach draußen schaute. Sie pfiff geräuschlos durch die Lippen. Jesse wandte sich wieder Mrs. Ingersoll zu.

»Dann lass uns mal gehen, Molly«, sagte er schließlich.

Als sie das Büro verließen, griff Mrs. Ingersoll zum Telefon und wählte eine Nummer.

3

»Am liebsten würd ich sie aufs Revier schleppen und einer verschärften Leibesvisitation unterziehen«, sagte Molly. »Nur um ihr eine kleine Kostprobe zu geben.«

Jesse grinste.

»Diese Option sollten wir uns in jedem Fall offenhalten«, sagte er. »Aber zuerst müssen wir wohl mit den Mädchen reden.«

»Ich weiß«, sagte Molly, »aber wenn’s eines meiner Kinder gewesen wäre …«

Die Stimmung in der kleinen Aula war gedrückt. Eltern wie Kindern war inzwischen wohl bewusst geworden, dass sie eine für alle Beteiligten unerquickliche Situation heraufbeschworen hatten. Jesse setzte sich der Einfachheit halber gleich auf den Bühnenrand.

»Jesse Stone mein Name«, sagte er, »ich bin hier der Polizeichef. Wir haben verschiedene Möglichkeiten: Ich kann mit Ihnen allen gemeinsam sprechen – gleich hier vor Ort. Oder aber Kommissar Crane und ich sprechen einzeln mit einem Mädchen beziehungsweise ihrer Mutter.« Er grinste zu den versprengten Männern hinüber. »Die Väter nicht zu vergessen.«

Eine unfreundlich dreinschauende Frau mit knochigem Gesicht und spröden blonden Haaren saß zusammen mit ihrer Tochter in der ersten Reihe. Sie hob ihre Hand. Jesse nickte ihr zu.

»Was hat Ingersoll denn zu sagen?«, fragte sie.

»Mrs. Ingersoll macht zu dem Vorfall keine Aussage«, sagte Jesse. »Aus diesem Grund hielt ich es für sinnvoller, zunächst mit Ihnen zu sprechen.«

Eltern und Kinder rührten sich nicht. Eddie Cox und Suit lehnten an der Wand, Molly stand neben Jesse und lehnte sich mit ihrer Hüfte an die Bühnenwand.

»Möchte sich vielleicht eines der Mädchen, die – nun ja – inspiziert wurden, zu dem Vorfall äußern?«, fragte Jesse.

Die Tochter der Frau mit den spröden blonden Haaren schaute angestrengt auf ihre Knie. Ihre Mutter stieß sie an. Sie starrte weiterhin nach unten und schüttelte den Kopf.

»Ich.«

Jesse drehte den Kopf und sah in der Mitte der dritten Reihe ein dunkelhaariges Mädchen. Sie war attraktiv genug, um vielleicht in ein paar Jahren die perfekte Cheerleaderin zu sein.

»Wie heißt du?«, fragte Jesse.

Sie stand auf.

»Bobbie Sorrentino.«

»Okay, Bobbie. Und ist das deine Mutter neben dir?«

»Ja«, sagte Bobbie und nickte zu ihrer Mutter hinüber.

»Okay«, sagte Jesse. »Dann erzähl mir mal was.«

»Im Stehen?«

»Das kannst du machen, wie du lustig bist.«

»Dann bleib ich stehen.«

Jesse nickte.

»Sie hatten mal wieder diese bescheuerte Tanzveranstaltung am Mittwochnachmittag«, sagte Bobbie. »Vielleicht haben Sie mal davon gehört: Man will damit die Kinder von der Straße holen und ihnen Manieren beibringen.«

Sie schnaubte verächtlich. Einige Mädchen konnten sich ein Kichern nicht verkneifen.

»Aber wenn man nicht geht, gilt man gleich als trübe Tasse – also fügen sich alle ins Schicksal und gehen hin.«

Jesse grinste.

»Und die Jungs gehen auch?«, sagte er.

»Ja. Klar doch.«

Jesse nickte.

»Ich erinner mich dunkel«, sagte er.

Bobbie starrte ihn für einen Moment an, als wäre sie bislang nie auf den Gedanken gekommen, dass auch ein Polizeichef mal eine Mittelschule besucht haben musste.

»Gingen Sie hier zur Schule?«, fragte sie.

»Nein, Arizona«, sagte Jesse, »aber die Schulen sind eigentlich überall gleich.«

Bobbie nickte.

»Also«, sagte sie, »vor der Tanzveranstaltung schickt uns die alte Jungfer in den Umkleideraum, lässt uns in Reih und Glied antreten und beginnt mit der Inspektion.«

»Was genau hat sie getan?«, fragte Jesse.

»Sie hob meinen Rock hoch und schaute sich mein Höschen an.«

Für einen Moment war die unbehagliche Stimmung im Auditorium mit Händen greifbar.

»Hat sie auch gesagt, aus welchen Gründen sie das tat?«, wollte Jesse wissen.

»Sie sagte:« – Bobbie senkte ihre Stimme, um Mrs. Ingersoll nachzuäffen – »›Zu einer gepflegten Erscheinung gehört immer auch die bewusste Entscheidung, was man zeigen darf und was nicht.‹«

»Und sagte sie auch, was sie in diesem Zusammenhang als geschmacklos empfand?«, fragte Jesse.

»Sie sagte, dass alle Mädchen mit einem String- Tanga besser gleich verschwinden sollten, weil sie anderenfalls eh nach Hause geschickt würden.«

»Und – ist jemand gegangen?«, fragte Jesse.

»Ja, ein paar Mädchen gingen.«

»Weil sie Tangas trugen – oder aus Protest?«

Jesse hatte die Frage ganz sachlich gestellt, doch Bobbie grinste ihn kess an.

»Oder weil sie gar nichts darunter trugen«, sagte sie.

Die Mehrzahl der Mädchen kicherte.

»Das wäre in ihren Augen wohl noch geschmackloser gewesen«, sagte Jesse.

Nun kicherten auch einige der Mütter.

»Hat sich jemand gegen die Inspektion gewehrt?«, fragte Jesse.

»Ich hab protestiert«, sagte Bobbie, »und ein paar andere Mädchen auch. Carla zum Beispiel und Joanie.«

»Worauf Mrs. Ingersoll wie reagierte?«

»Sie sagte, dass wir Mädchen doch alle in einem Boot säßen. Sie wolle doch nur, dass wir uns nicht blamierten, wenn uns jemand so sähe.«

Jesse holte einmal tief Luft und atmete dann ebenso hörbar wieder aus.

»Wie alt bist du?«, sagte er.

»Ich werd 14 im Oktober.«

»Ich danke dir«, sagte Jesse. »Hat sonst noch jemand etwas zu sagen? Carla? Joanie?«

Niemand meldete sich.

»Die Eltern vielleicht?«

Einer der Väter stand auf. Es war ein kräftiger Kerl, der den Eindruck machte, als würde er in freier Natur arbeiten.

»Können Sie die Frau verhaften?«, fragte er.

»Wie ist Ihr Name, Sir?«

»Charles Lane«, sagte er.

»Ich wüsste nicht, welches Vergehen ich ihr zur Last legen sollte, Mr. Lane. Sexuelle Belästigung setzt gewöhnlich sexuelle Kontakte voraus. Eine Tätlichkeit beinhaltet die Absicht, jemanden zu verletzen. Verletzung der Privatsphäre käme vielleicht infrage, aber ich bin mir nicht sicher, ob das vor Gericht Bestand haben würde.«

»Wir werden sie nicht so einfach davonkommen lassen«, sagte der Mann.

»Nein, Sir«, sagte Jesse, »würde ich an Ihrer Stelle auch nicht.«

»Was würden Sie denn tun?«

»Ich werde mit jemandem bei der Staatsanwaltschaft von Essex County sprechen«, sagte Jesse.

»Dann meinen Sie also, wir sollten uns einen Anwalt nehmen?«

Jesse grinste.

»Wenn ich das schon mache, sollten Sie’s vielleicht auch überlegen.«

4

Jesse hatte Sangria gemacht. Er brachte die Karaffe und zwei Gläser auf den kleinen Balkon seines Apartments und setzte sich zu Jenn. Sie nippten an ihren Getränken und genossen den Blick über den Hafen. Es war früher Samstagabend. Jenn hatte Essen vom Chinesen mitgebracht und den Karton in Jesses Ofen gestellt, um ihn bei niedriger Temperatur warm zu halten.

»Weißt du, was mir neulich in den Sinn kam?«, sagte Jenn. »Dass wir inzwischen länger geschieden sind, als wir verheiratet waren.«

»Ja«, sagte Jesse.

»Und doch sind wir irgendwie noch immer zusammen.«

»Ja«, sagte Jesse.

Er hatte eine Menge Eisstücke in die Karaffe geschüttet, die auf einem winzigen Tisch zwischen ihnen stand. Die Kondensation hatte Tropfen geformt, die nun in dünnen Bahnen das Glas hinunterliefen.

»Ich kann mir kein Leben vorstellen, in dem du nicht irgendeine Rolle spielst«, sagte Jenn.

»Das alte Lied«, sagte Jesse. »Man kann nicht zusammenleben, aber trennen kann man sich auch nicht.«

»Wobei es sicher viele Leute gibt, die gern mit uns tauschen würden.«

Es war noch immer hell draußen. Jesse konnte diverse Sportfischer ausmachen, die in Ruderbooten durch den inneren Hafen glitten und mit bleibeschwerten Schwimmern nach Flundern fischten. Jesse nahm noch einen Schluck Sangria.

»Wobei es sicher auch viele gibt, die nicht mit uns tauschen möchten«, sagte er.

»Klar«, sagte Jenn, »die gibt’s immer.«

In einem der Boote zog ein Junge gerade einen Fisch an Bord. Sein Vater half ihm, den Fisch vom Haken zu ziehen.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte Jenn.

»Es ist nie alles in Ordnung«, entgegnete er.

Er trank noch einen Schluck Sangria.

»Aber es ist nicht schlimmer als gewöhnlich – oder?«

Jesse schaute sie an und lächelte.

»Das könnte ja fast unser Motto sein«, sagte er. »Es ist nicht schlimmer als gewöhnlich.«

Jenn nickte.

»Hast du zurzeit irgendwas am Laufen?«, fragte sie.

»Ich hab ständig was am Laufen.«

»Anders gefragt: Gibt’s jemanden, der dir besonders ans Herz gewachsen ist?«

»Sie sind alle besonders«, antwortete Jesse.

»Weil sie mit dir ins Bett gehen?«

»Du sagst es.«

»Bin ich was Besonderes?«, fragte Jenn.

»Ja«, sagte Jesse, »sogar wenn wir nicht ins Bett gehen.«

»Gibt’s eine andere Frau, die da mithalten kann?«

»Nein.«

Sie schwiegen für eine Weile und tranken Sangria. Die Sonne war hinterm Horizont verschwunden. Die kleineren Boote kamen zurück zum Kai, während auf den größeren, die draußen vor Anker lagen, langsam die Lichter angingen. Auch in Paradise Neck, auf der gegenüberliegenden Seite des Hafens gelegen, wurde nun in den meisten Häusern das Licht eingeschaltet.

»Vielleicht sollten wir langsam mal ans Abendessen denken«, sagte Jenn.

»Klar.«

»Wir könnten hier draußen essen«, sagte sie.

Jesse nickte.

»Bleiben wir heut Nacht zusammen, Jenn?«

»Wenn du nichts dagegen hast.«

»Ich hab nichts dagegen.«

»Dann sollten wir vielleicht besser vor dem Abendessen vögeln«, sagte Jenn. »Ich bin viel besser, wenn ich mir den Magen noch nicht vollgeschlagen habe.«

»Du bist in jedem Zustand unschlagbar«, sagte Jesse.

»Macht mich das besonders besonders?«

»Es ist nur eine deiner vielen Qualitäten.«

5

Die stellvertretende Staatsanwältin war eine durchtrainierte Frau namens Holly Clarkson. Wie so viele Assistentinnen bei der Staatsanwaltschaft war sie noch erstaunlich jung. Vermutlich hatte sie erst vor fünf Jahren ihr Jurastudium abgeschlossen und arbeitete nun im öffentlichen Dienst, bevor sie einen wohldotierten Job als Anwältin in irgendeiner Kanzlei übernehmen würde.

»Sie wollen also wirklich die Schulleiterin einer Junior High vor Gericht zerren?«, fragte sie. »Und wie soll die Anklage lauten?«

Die überdimensionale Brille, die auf ihrer Nase saß, war bereits Hollys Markenzeichen geworden. Heute trug sie dazu einen hellbraunen Hosenanzug und ein schwarzes Hemd mit langen Kragenspitzen.

»Was immer Sie zu Papier bringen können«, sagte Jesse.

»Und Sie möchten sie tatsächlich hinter Gittern sehen?«

»Warum nicht?«

»Wissen Sie, dass ihr Ehemann ein Teilhaber der größten Kanzlei in ganz Massachusetts ist?«

»Jay Ingersoll«, sagte Jesse. »›Cone, Oakes & Baldwin‹.«

»Exakt«, sagte Holly. »Und Sie möchten seine Ehefrau anklagen, weil sie die Röcke von ein paar Schülerinnen gelüftet hat, um sich davon zu überzeugen, welche Höschen sie tragen?«

»Ja.«

»Das ist doch der helle Wahnsinn«, sagte Holly.

»Ist es«, sagte Jesse.

»Ich muss zugeben, dass die Vorstellung durchaus reizvoll ist, sie für eine Weile hinter Gittern zu sehen – nur um sie ein bisschen aufzuscheuchen.«

»Sehr reizvoll«, sagte Jesse. »In der Tat.«

»Aber Sie können schlecht jemanden verhaften, nur weil es reizvoll wäre.«

»Kann ich nicht?«

»Nein«, sagte Holly. »Und wenn wir erst einmal anfangen würden, Menschen nur für ihre Dummheit …«

»Für die Presse und die Talkshows wär’s aber ein gefundenes Fressen«, sagte Jesse. »Und Sie könnten richtig Schlagzeilen machen.«

»So karrieregeil bin ich nun auch wieder nicht«, sagte Holly. »Und wenn ich’s wäre, würde mir der Beifall von Jay Ingersoll weitaus mehr bedeuten als alles, was mir die Medien geben können.«

»Haben Sie Kinder?«, fragte Jesse.

»Noch nicht. Erst muss ich mal heiraten.«

Jesse nickte.

»Ich verstehe ja, warum Sie das fragen«, sagte Holly. »Wenn’s eins meiner Kinder wäre, würde ich die alte Schreckschraube am liebsten erwürgen. Aber sie anzuklagen …? Was immer wir zu Papier bringen würden – eine ganze Heerschar von ›Cone & Oakes‹-Anwälten würde hier aufmarschieren und alles plattmachen. Haben Sie eine Ahnung, was die Leute an Ressourcen in die Waagschale werfen können?«

»Meh r als Essex County?«

»Da können Sie Gift drauf nehmen. Nicht alle Bediensteten hier sind juristische Koryphäen wie ich.«

»Und einen geborenen Selbstmörder, der begeistert ins offene Messer läuft, gibt’s hier wohl auch nicht?«

»Nein«, sagte Holly. »Und wenn’s einen gäbe, würde ihn Staatsanwalt Howard so schnell aus dem Verkehr ziehen, dass er nicht mal ansatzweise seinen Selbstmord durchziehen könnte.«

»Der Staatsanwalt möchte wohl jedem heiklen Fall aus dem Wege gehen«, sagte Jesse.

»Der Staatsanwalt möchte nächstes Jahr wiedergewählt werden«, sagte Holly.

»Vielleicht sollte er’s mal damit versuchen, die bestehenden Gesetze umzusetzen und hart durchzugreifen.«

»Wenn vom harten Durchgreifen die Rede ist, denken die Leute aber gewöhnlich eher an die wachsende Straßenkriminalität. Sie möchten nicht zu nächtlicher Stunde tätowierten und finster dreinschauenden farbigen Jugendlichen begegnen. An verhärmte Schuldirektorinnen denkt man da eigentlich weniger.«

»Immerhin geht es hier um die Zukunft von 13-jährigen Mädchen«, sagte Jesse.

»Ich bitte Sie«, sagte Holly. »Ich war auch einmal ein 13-jähriges Mädchen. Sie sind noch nicht erwachsen, aber unschuldige Kinder sind es weiß Gott auch nicht. Wir beide wissen doch genau, dass die meisten Mädchen heute bereits mit 13 Jahren sexuell aktiv werden.«

»Aber was geht das die Schule an?«, sagte Jesse. »Sollten sie dort nicht lieber Lesen und Schreiben lernen?«

»Die Eltern sind doch heilfroh, wenn sie alles der Schule in die Schuhe schieben können«, sagte Holly. »›Wo waren Sie denn, als meine Melinda und der kleine Timmy in der Ecke des Baseballplatzes gepimpert haben?‹«

»Und die Höschen-Kontrolle soll das verhindern?«

»Natürlich wird sie nichts verändern«, sagte Holly. »Aber Sie können Mrs. Ingersoll doch schlecht vorwerfen, dass sie ihren pädagogischen Einfluss geltend zu machen versucht.«

Jesse nickte.

»Ich hab die Schule nie gemocht«, sagte er. »Was aber nicht unbedingt ein Fehler des Schulsystems sein muss. Vielleicht haben wir ja einfach nur ein Problem in Gestalt von Mrs. Ingersoll.«

»Mag sein«, sagte Holly.

»Es wäre jedenfalls ungerecht, wenn sie völlig unbehelligt davonkäme.«

»Ungerecht?«, fragte Holly. »Jesse! Wir wissen doch, dass heutzutage kein Hahn mehr danach kräht, ob etwas gerecht oder ungerecht ist.«

Jesse grinste sie an.

»Weiß ich ja«, sagte er. »Sollte er aber.«

6

Molly kam in Jesses Büro und hatte Missy Clark im Schlepptau. Missy trug Jogging-Shorts, ein ärmelloses T-Shirt und Cowboy-Boots. Sie hatte mächtig Mascara aufgelegt und trug im rechten Ohr einen großen goldenen Ring. Sie war 13 Jahre alt. Jesse bot ihr einen Stuhl an. Molly blieb am Eingang stehen.

»Was kann ich für dich tun?«, sagte Jesse.

Missy setzte sich, schaute Jesse an, drehte sich zu Molly um und wieder zurück zu Jesse.

»Ich muss mit Ihnen alleine reden«, sagte sie schließlich.

Jesse nickte.

»Kommissar Crane leistet mir gewöhnlich Gesellschaft, wenn sich eine Frau in meinem Büro aufhält. Hilft, Missverständnissen weiträumig aus dem Weg zu gehen.«

»Missverständnissen? Oh«, sagte Missy. »Nein, Sie sind keiner von diesen Männern.«

Jesse lächelte.

»Stimmt«, sagte er, »das trifft wohl nicht auf mich zu.«

Er nickte zu Molly hinüber, die daraufhin das Büro verließ. Missy drehte sich zur offenen Tür um.

»Wenn du willst, kannst du die Tür gerne schließen«, sagte Jesse.

Missy stand auf und überzeugte sich davon, dass Molly tatsächlich außer Hörweite war. Sie schloss die Tür und kehrte zu ihrem Stuhl zurück. Jesse faltete die Hände hinter seinem Kopf und lehnte sich zurück.

»Also«, sagte er, »was liegt an?«

»Ich sah Sie neulich bei uns in der Schule«, sagte Missy.

»Ja«, sagte Jesse, »ich sah dich auch. Zweite Reihe, rechts außen – von mir aus gesehen. Du hattest ein gelbes Sommerkleid mit kleinen blauen Blumen an. Und du schienst ohne deine Eltern gekommen zu sein.«

»Mrs. Ingersoll lässt uns nun leider mal keine Jeans oder sonst was tragen«, sagte Missy. »Aber wieso können Sie sich denn noch an mich erinnern?«

»Ich bin der Chef der Polizei«, sagte Jesse. »Mir entgeht nichts.«

»Sie waren wirklich nett zu uns – vor allem zu

Bobbie Sorrentino, als sie aufstand und redete.«

»Warum sollte ich nicht nett zu euch sein?«, fragte Jesse.

»Weil wir Kinder sind – und sie ist die Direktorin.«

Jesse nickte.

»Du kamst in die Aula, obwohl deine Eltern nicht anwesend waren«, sagte Jesse.

»Ich fand es abstoßend, dass ich vor ihren Augen meinen Rock hochziehen musste«, sagte Missy.

»Kann ich gut nachvollziehen.«

Missy schaute sich im Büro um. Jesse wartete. Missy studierte das Foto von Jenn, das auf einer Ablage zu Jesses Linken stand.

»Ist das Ihre Frau?«, fragte sie.

»Exfrau.«

»Warum haben Sie sich denn scheiden lassen?«

Jesse lächelte sie an.

»Geht dich nichts an«, sagte er.

Missy nickte.

»Ist sie fremdgegangen?«

»Die Antwort ist noch immer die gleiche«, sagte Jesse.

»Ich hab ja nur laut nachgedacht«, sagte Missy.

Jesse nickte und lächelte sie weiterhin an.

»Gewöhnlich läuft es genau andersrum, Missy«, sagte er. »Der Cop stellt die Fragen.«

Missy nickte. Sie schwiegen für eine Weile. Missy schaute nochmal zu Jenns Foto.

»Ist sie nicht die Reporterin von Channel Three?«

Jesse antwortete nicht.

»Sie ist es«, sagte Missy. »Ich hab sie schon oft gesehen.«

Jesse wartete. Missy ließ ihre Augen weiter durch das Büro streifen.

»Ich muss Ihnen was erzählen«, sagte sie.

»Okay.«

»Sie dürfen es aber niemandem weitererzählen.«

»Okay.«

»Sie dürfen nicht mal erwähnen, dass ich mit Ihnen gesprochen habe.«

»Okay.«

»Das müssen Sie mir hoch und heilig versprechen.«

»Klar«, sagte Jesse. »Versprech ich dir.«

»Selbst wenn ich Ihnen eine Geschichte mit einem Mord oder so was Ähnlichem erzählen würde – würden Sie dann auch schweigen?«

Jesse schüttelte den Kopf.

»Nein«, sagte er, »dann würde ich reden müssen.«

»Nun, es hat auch nichts mit einem Mord zu tun.«

»Gut«, sagte Jesse.

»Und ich vertraue Ihnen.«

»Danke.«

Sie waren still. Missy schien damit beschäftigt, sich zu sammeln und nach einem geeigneten Einstieg zu suchen.

»Ich …« Sie unterbrach sich und holte einmal tief Luft.

»Wissen Sie, was Swinger sind?«, fragte sie.

»Wie in Swinger-Clubs

»Ja, wenn Ehepaare Partnertausch betreiben.«

»Hab ich schon von gehört«, sagte Jesse.

Missy schwieg. Jesse wartete.

»Meine Eltern machen das«, sagte sie.

»Partnertausch?«

»Ja.«

»Woher weißt du das?«

»Einmal im Monat veranstalten sie eine Swinger-Party bei uns zu Hause.«

»Und du hast sie beobachtet?«

»Ich und mein kleiner Bruder sollen eigentlich oben in unseren Zimmern bleiben.«

»Aber ihr habt sie heimlich beobachtet?«

»Ja.«

»Wie alt ist dein Bruder?«

»Acht«, sagte Missy.

»Wissen deine Eltern, dass ihr es wisst?«

Missy schüttelte den Kopf. Jesse atmete einmal tief durch.

»Und – wie fühlst du dich jetzt?«, fragte er.

»Wie würden Sie sich denn fühlen?« Sie schien den Tränen nah zu sein.

»Beschissen«, sagte Jesse.

Missy nickte.

»Und dann erst mein kleiner Bruder«, sagte sie. »Er weiß ja noch nicht mal, was Sex überhaupt bedeutet.«

»Ist er verstört?«

»Ja«, sagte Missy. »Woher haben Sie das gewusst?«

»Weißt du noch, was ich dir gerade über den allwissenden Polizeichef erzählt habe?«

Missy lächelte gequält.

»Sie wissen also alles?«

»Absolut.«

»Und deshalb wussten Sie auch, dass wir heimlich zugeschaut haben?«

»Nein«, sagte Jesse. »Das wusste ich, weil ich in dieser Situation genauso reagiert hätte.«

Missy nickte.

»Die meisten Erwachsenen sind aber nicht so wie Sie«, sagte sie.

»Ist das gut oder schlecht?«

»Die meisten Erwachsenen tun so, als wären sie nie selbst mal ein Kind gewesen.«

»Was auch auf deine Eltern zutrifft?«

»Ja. Tu dies, tu das, mach das gefälligst so, zieh dich nicht wie eine Schlampe an – Blablabla. Sie sind es, die besser mal in den Spiegel schauen sollten. Man braucht sich doch nur anschauen, wie sie sich auf ihren Swinger-Partys verhalten.«

»Lieber nicht«, sagte Jesse.

»Können Sie nicht irgendwas tun, damit sie damit aufhören?«

»Soweit ich weiß, sind Swinger-Partys nicht verboten«, sagte Jesse.

»Aber sie sind entsetzlich«, sagte Missy. »Man tut doch so etwas nicht, wenn man verheiratet ist – oder?«

»Eigentlich nicht.«

»Können Sie ihnen denn nicht sagen, dass sie damit aufhören sollen?«

»Ich kann mit ihnen sprechen«, sagte Jesse, »aber ich kann sie zu nichts zwingen. Und ich vermute auch mal, dass sie nicht erfahren dürfen, wer ihr kleines Geheimnis gelüftet hat.«

»Um Gottes willen – nein!«

»Insofern weiß ich nicht so recht, was ich überhaupt ausrichten kann«, sagte Jesse.

»Dann sollen sie doch zur Hölle fahren. Wenn meine Eltern mit dem Schweinkram leben können, dann tu ich mir künftig auch keinen Zwang mehr an.«

»Fragt sich nur, ob du das wirklich willst«, sagte Jesse. »Rache ist ein bescheuerter Grund, um Sex zu haben.«

Missy war wieder still.

»Ich will’s ja auch gar nicht«, sagte sie schließlich. »Es sieht irgendwie eklig aus.«

»Macht es dir Angst?«

»Nein. Doch, irgendwie schon.«

»Warum wartest du denn nicht, bis es dir keine Angst mehr macht?«, sagte Jesse.

»Aber was ist mit meinen Eltern? Gibt es denn nichts, was Sie unternehmen können?«

»Ich werd mal drüber nachdenken«, sagte Jesse. »Und vielleicht auch einen guten Rat einholen – natürlich ohne irgendwelche Namen zu nennen.«

»Guter Rat von wem?«

»Vielleicht von einem Seelenklempner, den ich kenne.«

»Ich will aber mit keinem Psychiater reden.«

»Ich sprach auch nicht von dir, sondern von mir. Ich kann ihn fragen, ob er einen guten Rat hat.«

»Sie besuchen einen Psychiater?«

»Ja«, sagte Jesse.

»Gehn Sie wegen ihr zu ihm?«, fragte Missy und schaute auf Jenns Foto. »Ich möchte schwören, dass Sie’s nur wegen ihr machen.«

Jesse lächelte sie an.

»Das geht dich noch immer nichts an«, sagte er.

7

Jay Ingersoll betrat »Daisy Dyke’s« um kurz nach drei, sah Jesse in der Ecke und kam schnurstracks an seinen Tisch.

»Chief Stone«, sagte er. »Ich bin Jay Ingersoll.«

»Wie geht’s?«, sagte Jesse.

Ingersoll war groß und schlank, hatte volles weißes Haar und eine gesunde Bräune. Sein dunkler Sommeranzug saß perfekt. Auf Jesse wirkte er wie ein Mann, der ausgiebig Tennis spielte.

»Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?«, fragte er.

Jesse zeigte auf den Stuhl neben ihm.

Ingersoll nahm Platz. Er hatte sympathische Lachfältchen, aber auch tiefe Furchen an den Mundwinkeln.

»Apfelkuchen?«, fragte er.

»Genau.«

»Sieht lecker aus.«

»Daisy macht den besten Kuchen weit und breit«, sagte Jesse.

»Als ich in Ihrem Alter war, konnte ich nachmittags auch noch Kuchen futtern, ohne mir Gedanken machen zu müssen.«

»Manchmal gönn ich mir sogar zwei Portionen«, sagte Jesse.

Die junge Frau hinterm Tresen kam zu ihrem Tisch. Ingersoll bestellte Kaffee schwarz. Als sie ihn brachte, rührte er zwei Tütchen Süßstoff ein.

Er hob seine Tasse und prostete Jesse zu.

Jesse hob seine leere Gabel und prostete zurück. Ingersoll trank einen Schluck.

»Hui«, sagte er, »teuflisch heiß.«

»Soll schon mal vorkommen«, sagte Jesse.

Jesse fiel auf, dass sich in Ingersolls Wangen Grübchen bildeten, wenn er lachte.

»Ich bin Betsy Ingersolls Ehemann«, sagte er.

»Ich weiß.«

»Ich wollte Ihnen eigentlich nur dazu gratulieren, dass Sie den Vorfall an der Schule wie ein Profi gehandhabt haben. Besonders erfreulich ist, dass Sie die Presse nicht mit an Bord holten, sondern den Ball flach hielten.«

Jesse rieb sich mit einer Serviette die Lippen ab.

»Ich bin schließlich ein Profi«, sagte er.

»Ich gehe mal davon aus, dass Sie den Fall zu den Akten gelegt haben«, sagte Ingersoll.

»Hmm.«

»Hmm was?«, fragte Ingersoll.

»Hmm sollte bedeuten, dass ich Ihre Worte klar und deutlich verstanden habe.«

»Und meine Annahme ist korrekt?«

»Nein.«

»Sie haben den Fall also noch nicht abgeschlossen?«

»Noch nicht«, sagte Jesse.

»Und warum in aller Welt nicht? Es liegt offensichtlich kein Gesetzesverstoß vor.«

»Zumindest hab ich noch keinen gefunden«, sagte Jesse. »Ich könnte mir vorstellen, dass es noch eine zivilrechtliche Klage gibt.«

»Und wenn das der Fall wäre?«

»Dann würde ich aufmerksam zuhören, ob ich da was Interessantes höre«, sagte Jesse.

Die Falten um Ingersolls Mund vertieften sich.

»Was zum Teufel versprechen Sie sich davon, Stone?«

»Sind Sie ihr Verteidiger?«

»Herr im Himmel! Ich bin ihr gottverdammter Ehemann.«

»Und ihr Verteidiger?«, fragte Jesse.

»Ob ich sie nun persönlich verteidige oder nicht, spielt keine Rolle«, sagte Ingersoll. »Sie können mit Sicherheit davon ausgehen, dass meine Kanzlei involviert sein wird.«

»R

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