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Vereister Sommer

 

|5|Der Autor dankt der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen für die Förderung seiner Arbeit an diesem Buch.

 

|6|Meinen Freunden

Konstantin Issakow, Moskau,

und John Albert Jansen, Amsterdam,

zugeeignet,

ohne deren nie nachlassende Hilfe

die Suche nach meinem Vater

niemals von Erfolg gekrönt

worden wäre.

 

|7|»Wo beginnt Geschichte? Wo sind die Quellen unseres individuellen Lebens? Welche versunkenen Abenteuer und Leidenschaften haben unser Wesen geformt? Woher kommt die Vielfalt widerspruchsvoller Züge und Tendenzen, aus denen sich unser Charakter zusammensetzt? Ohne Frage, wir sind tiefer verwurzelt, als unser Bewusstsein es wahrhaben will … Jede unserer Gesten wiederholt einen urväterlichen Ritus und antizipiert zugleich die Gebärden künftiger Geschlechter; noch die einsamste Erfahrung unseres Herzens ist die Vorwegnahme oder das Echo vergangener oder kommender Passionen.«

Klaus Mann: »Der Wendepunkt«

 

»Gewöhnlich poetisiert man die Liebe, schmückt sie mit Rosen und Nachtigallen, wir Russen aber schmücken unsere Liebe mit diesen schicksalsschweren Fragen … «

Anton Tschechow: »Von der Liebe«

 

|9|4. April 1999

Ein Mann geht durch den Schnee. Der Schnee unter seinen Füßen bricht, splittert, knirscht. Seit Monaten liegt das eisige Weiß über dem Land, zusammengepresst, verharscht. Jeder Schritt ist zu hören, es dröhnt in seinen Ohren, als stapfe ein mächtiges Wesen durch eine totenstille Winterlandschaft. Manchmal aber gibt der Schnee nach, geräuschlos, morsch und schwach rutscht er dann unter dem Gewicht des Mannes zur Seite, es liegt Tauwetter in der Luft. Die Augen des Mannes überfliegen die leicht abschüssige Dorfstraße, auf der er sich unsicheren Schrittes voranbewegt: Vor keiner Minute noch hat er sie zum ersten Mal in seinem Leben betreten, links und rechts, hinter Zäunen aus Holz oder Draht, Häuser. Datschen: Von Moskau aus, mit dem Auto Richtung Smolensk, in einer guten Stunde zu erreichen. Vorbei am Dichterdorf Peredelkino und der kleinen Stadt Moschaisk, in deren Nähe Napoleon 1812 sein russisches Waterloo erlebte. Die Wände der Häuser aus hellen oder nachgedunkelten Balken, verputzten und unverputzten Ziegeln, kein Leben regt sich vor oder hinter den Fenstern, weiße Flächen die Gärten, verblichenes Gras sticht heraus, vergessenes Kraut, frostschwarze Gemüsestauden. Am Ende der Straße füllt ein Birkenwäldchen den niedrig liegenden Horizont aus. Birken, denkt der Mann, russische Birken im Winter. Für den Bruchteil einer Sekunde hat er das Bild einer Formation erstarrter Ballettelevinnen vor Augen, so zart und zerbrechlich stehen sie, neben Eichen seine Lieblingsbäume, am Rande des Dorfes zwischen hellblauem Himmel und grauweißem Grund. Schwanensee, denkt der Mann, und lacht, ohne eine Miene zu verziehen, lautlos in sich hinein, |10|nur das Geräusch des knirschenden, brechenden Schnees in seinen Ohren: Wenn hier einer tanzt, denkt er, der spürt, wie er beim Gehen schwankt, an der Seite eines anderen, kleineren, feingliedrigen Mannes, in schwarzer Hose, schwarzer Lederjacke und mit schwarzer Baseballkappe auf dem Kopf, der seinen linken Arm in seinen rechten eingehakt hat, damit er nicht stürzt, wenn hier einer tanzt, dann ich: mit Klischees, mit reinen Klischees, noch auf den letzten Metern vorm Ziel. Tschaikowski, Tschechow, Turgenjew, russische Birken, russischer Winter, russische Seele, und in der Supermarkttüte in meiner linken Hand schaukeln Wodka und Kaviar, eingekauft noch in Moskau, auf dem Weg hierher. Aber was weiß ich denn wirklich vom Land des Menschen, dem ich gerade entgegengehe, weil er zu mir gehört wie nur noch ein anderer, weit weg von hier, in einem Raum aus anderen Wörtern und Sätzen, anderen Wintern und Sommern, anderem Licht und anderen Finsternissen, in dem auch ich groß geworden bin, nicht hier, und der mich geprägt hat wie kein anderer auf dieser Erde?

 

Förslöv, den 25. März 1999

 

Sehr geehrter Wladimir Jegorowitsch,

verzeihen Sie, wenn ich mich auf diesem Wege an Sie wende; aber ich glaube, auch wenn Sie zur Stunde noch nicht davon überzeugt sein mögen, daß ein persönliches Wort von meiner Seite in der Angelegenheit, mit der Sie durch mich seit einigen Jahren konfrontiert werden, die aufrichtigste Form ist, sie zu klären und, wenn möglich, zu einem guten Ende zu bringen. Was aber sollte aus meiner Sicht so unbedingt wie möglich zwischen uns, zwei sich bislang völlig fremden Menschen, geklärt werden? Nun, das Wichtigste, denke ich im Leben eines Menschen: die Herkunft oder Existenz seiner Mutter, seines Vaters, seiner Eltern! Wer meine Mutter ist, weiß ich: Ich bin heute 48 Jahre alt; fast 44 Jahre davon lebte ich mit ihr zusammen oder in ihrer |11|Nähe. Die ersten 3 ½ Jahre meines Lebens aber war ich ihr entzogen. In dieser Zeit war sie im Gefängnis, aus dem sie erst 1954 entlassen wurde, amnestiert nach Stalins Tod. Ins Gefängnis gekommen ist sie durch ihre Liebe zu einem sowjetischen Offizier, von dem sie ein Kind erwartete, den sie deshalb heiraten wollte. Doch weil das politisch nicht möglich war, wollte sie mit ihm in den Westen Deutschlands. Dieses Vorhaben wurde dem sowjetischen Geheimdienst, aus welchen Gründen auch immer, bekannt – meine Mutter wurde verhaftet, nach Magdeburg gebracht und dort von einem sowjetischen Militärtribunal wegen »Verleitung zum Landeshochverrat« zu 10 Jahren Arbeitslager verurteilt. Im Magdeburger NKWD-Gefängnis sah sie auch zum letzten Mal jenen sowjetischen Offizier, der mein Vater ist! Es versteht sich von selbst, daß meine Mutter und ich in den Jahrzehnten, die wir dann in der DDR lebten, eine Suche nach meinem Vater nicht betrieben. Die Dinge waren nicht nur aussichtslos, meine Mutter fand es auch viel zu gefährlich, daran zu rühren. Dennoch haben wir uns in all den Jahren hin und wieder über meinen Vater unterhalten, und schon frühzeitig teilte sie mir alles über ihn mit, was sie wußte: Namen, Geburtsjahr, Dienstgrad. Vor mir entstand ein Bild des 1925 geborenen russischen Offiziers mit Namen Wladimir Jegorowitsch Fedotow – eines Leutnants zu jenem Zeitpunkt, den die Zeitumstände in eine katastrophale Situation gebracht hatten, die ihn in Rußland und meine Mutter im Gefängnis verschwinden ließen. Meiner Mutter wurde 1950 auch mitgeteilt, daß Wolodja »25 Jahre Sibirien« bekommen hätte, aber als er ihr gegenüberstand, hatte er noch seine komplette Uniform an. Das machte sie fortan skeptisch; dennoch sprach sie nie schlecht über den Mann, der mein Vater ist, enttäuscht schon eher. Wenige Jahre nach dem Fall der Mauer lernte ich den russischen Journalisten Konstantin Issakow kennen. Ich erzählte ihm meine Lebensgeschichte. Sie beeindruckte ihn so sehr, daß er nicht nur einen Artikel in der Zeitschrift »Neue Zeit« darüber schrieb; er bot mir auch an, in Rußland nach meinem Vater zu suchen. Mit seiner Hilfe bin ich |12|nun auf einen Mann gestoßen, der mein Vater sein könnte, denn sein Name und alle Daten stimmen mit jenen Fakten überein, die meine Mutter und ich seit Jahrzehnten kennen. Dieser Mann sind aller Wahrscheinlichkeit nach Sie; aber wie ich höre, wollen Sie es nicht sein! Lieber Wladimir Jegorowitsch, glauben Sie mir: Ich habe fast volles Verständnis für eine solche erste Reaktion – fast! Denn ich glaube, daß es fast normal ist, im Rahmen der geschichtlichen, politischen und menschlichen Umstände, denen Sie seit 1950 ausgeliefert waren, in denen Sie lebten, eine Geschichte wie diese zu vergessen oder auch zu verdrängen. Ich weiß dabei nicht, ob das Motiv des Verdrängens eher identisch ist mit objektiver Angst oder mit subjektivem Schuldbewußtsein – aber ich weiß, daß der Mann, den ich suche und mit Ihnen glaube, gefunden zu haben, keine Angst zu haben braucht vor dem Mann, der sein Sohn sein könnte – denn es gibt nichts zu richten in diesem Fall von Vatersuche, sondern zuerst und zuletzt nur zu erkennen, zu verstehen und, ja, vielleicht auch zu verzeihen! Anders verhält es sich im Zusammenhang mit meiner Mutter: Sie hätte von dem Mann, der der Vater ihres Sohns ist, gewiß zu Recht mehr zu erwarten an Erklärungen als der Sohn! Aber auch davor bräuchten Sie, lieber Wladimir Jegorowitsch, so Sie denn mein Vater sein sollten, keine Furcht zu haben: Ein belastetes Gewissen, das sich demjenigen gegenüber, an dem es vielleicht oder tatsächlich schuldig geworden ist, öffnet, wird sich entlastet fühlen und auch fühlen dürfen. Lieber Wladimir Jegorowitsch, ich weiß, daß es nicht leicht ist, den Schritt zu vollziehen, um den es mir geht – aber ich denke, daß es bei allem nicht nur um mich oder meine Mutter geht. Ich denke, es geht auch um Sie – um Ihre Ehre und Würde: Begriffe, die heute aus der Mode gekommen zu sein scheinen. Mir aber, und auch meiner Mutter, haben sie immer viel bedeutet: Unser beider bisheriges Leben ist jedenfalls nachhaltig von dem Versuch geprägt, unsere Würde, unsere Menschen-Würde, unter allen Umständen, so würdelos sie auch sein mochten, zu verteidigen und so zu bewahren! Meine Mutter hat das in ihrer Gefängniszeit bewiesen, und das hat mir die Kraft |13|gegeben, es ihr in meiner Gefängniszeit von 1973 bis 1976 als politischer Häftling in der DDR nachzutun. Sie und ich, lieber Wladimir Jegorowitsch, sollten uns deshalb treffen und miteinander reden. Sie hätten nichts davon zu befürchten; aber vielleicht vieles zu gewinnen! Lassen Sie mich deshalb diesen Brief mit dem Schluß eines Briefes Iwan Turgenjews, meines russischen Lieblingsautoren, an einen seiner französischen Bekannten beenden: »Wir werden uns über all das bei unserem nächsten Zusammentreffen unterhalten, nehmen Sie einstweilen die Versicherung meiner besten Gesinnung entgegen.«

Herzlich: Ihr Ulrich Schacht

 

Slavik, wenn du wüsstest, was mir gerade durch den Kopf geht, ach, was denke ich: wirbelt, müsste ich sagen, da du mich diesen schneeverkrusteten, leicht abschüssigen Weg hinabführst, dem in Wintertüll gehüllten Birkensaum von Schalikowo entgegen, so heißt das Nest doch, durch das wir gerade stolpern, jenem Mann entgegen, dem ich vor ein paar Tagen einen noch in Schweden geschriebenen Brief zukommen ließ und darin ein Treffen vorgeschlagen habe, der dir vollkommen vertraut ist, mir aber, verzeih, mir ist er gänzlich fremd: ein Name, ein Datum, eine Zeitspanne, die in meinem bisherigen Leben nicht einmal so real war wie eine der vielen Sternschnuppen, die ich gesehen habe, noch jedes Mal mit einem Wunsch versehen, doch mit diesem Namen, ich weiß nicht, warum nicht, verband sich keiner. Kein Quäntchen Sehnsucht quälte mich, wenn ich ihn, selten genug, auszusprechen versuchte, keine unstillbare Neugier, wie es dem Menschen, der sich dahinter verbarg, wohl ergangen sein mochte, kein Gesicht, in dem ich mich spiegeln wollte. Nicht einmal egal war er mir. Er war nur nicht da, nie, und blieb bis vor nicht allzu langer Zeit unverändert das, was er so lange war: eine abstrakte Buchstabenreihe. Bildlos, es gab kein Bild von ihm. Stimmlos, nie habe ich ihn sprechen gehört. Reine Behauptung: aus dem Mund meiner Mutter, die nicht die deine ist. Und doch hältst |14|du mich auf diesem rutschigen und abschüssigen Weg ans Ziel mit deinem Arm wie einen Bruder, mein Bruder.

 

Vor zwei Stunden haben wir uns, das Filmteam aus den Niederlanden, mit dem ich hier bin, Vater zu treffen, und ich in meinem Zimmer im »Rossija« versammelt, um den entscheidenden Anruf zu tätigen. Nach dem Telefonat hat Konstantin, der es für mich führte – ich spreche eure Sprache ja nicht, obwohl ich sie einmal sogar für ein paar Jahre gelernt habe, auch lesen kann ich sie, mühsam zwar und stockend, aber immerhin, doch eben nicht so sprechen, wie es jetzt nötig wäre –, Konstantin hat einen Moment lang geschwiegen und nach Worten gesucht und dabei sogar vergessen, den Telefonhörer zurück auf den Apparat zu legen, so dass man das Freizeichen hören konnte, laut und vernehmlich wie ein akustisches Signal, das etwas Großes und Wichtiges ankündigt, während er das in eurer Sprache Vernommene übersetzte in meine. Eine ganze Weile schwebte sein Arm noch in der Luft, bis er klar und deutlich, jedes Wort betonend, auf Deutsch sagte, was ihr ihm und damit mir endlich mitzuteilen wünschtet: dass ihr bereit wäret zu einem Treffen zwischen uns allen und euch darüber freuen würdet, dass es nun endlich so weit sei, nach fast fünfzig Jahren. Und er wiederholte: »Sie sind bereit, sehr sogar!« Aber merkwürdig: Als ich diesen klaren Satz hörte, dem eine Pause folgte, in der er nichts von seiner Klarheit verlor, wurde ich weder euphorisch, noch hat er mich erschreckt. Nur ein großes Durchatmen erfüllte mich, das einen Blick auf meine Armbanduhr begleitete und die merkwürdig lakonische Frage gebar: »Wie viel Zeit haben wir noch?« Es war wie ein Einsatzbefehl für Fallschirmjäger, deren Absprung ins Ungewisse in Kürze erfolgen sollte. Die Operation, hundertmal durchdacht, bot dennoch erhebliche Risiken, die unklar ließen, wie es letztendlich ausgehen würde. Das überfallartige Eindringen ins Seelengehäuse anderer Menschen, die bis eben noch nicht wussten, dass es dich gibt, gestern haben wir es ja |15|erlebt und gesehen, was es bewirkt, an Jurij, deinem und nun auch meinem Bruder, diesem freundlichen Mann mit der mächtigen Gestalt, der mir im ersten Moment wie ein Nachfahre von Ilja Muromez vorkam, jenem Filmhelden meiner Kindheit, der auch euch ein Begriff sein dürfte. Ganz benommen von der Tatsache meines Erscheinens in seinem und euer aller Leben, saß er auf seinem Stuhl und gestand, mit leiser Stimme, abwesendem Blick und dem wiederholten Schütteln des Kopfes: »Ich kann das alles nicht begreifen!« Er wehrte nichts ab, aber er war fassungslos. Diese Fassungslosigkeit jedoch war zugleich der Beweis, dass mein Vater, der auch der eure ist, geschwiegen hat, eisern geschwiegen, bis zur letzten Minute. Warum? Ich weiß es nicht, vielleicht wird er es einmal sagen. Euch muss er es sagen, euch vor allem. Mir nicht. Ich wusste ja immer, dass es ihn gibt, und er wusste wenigstens dies: dass seine deutsche Freundin, meine Mutter, ein Kind von ihm bekam, von ihm und niemand anderem, was immer danach geschah und wohin auch immer die beiden sich aus den Augen verloren. Aber seit einigen Jahren weiß er, nachdem Konstantin ihn in Moskau entdeckte, mit Hilfe von Oberst Nikischkin, dem Chef des Historischen Militärarchivs eurer Armee, Konstantins hilfreichem Freund, der ihn auf militärischem Wege zu sich gebeten hatte, und aus den Akten in seinem Institut, dass dieses Kind wirklich ans Licht der Welt gekommen ist und es damit, neben dir und Jurij, noch einen Sohn gibt, den ältesten aller drei, die er nun und seit langem hat, im fernen Deutschland, von jener Frau, die vor vielen Jahrzehnten einen kurzen Sommer lang die seine war und es bleiben wollte für ein ganzes Leben und die für diesen natürlichsten Wunsch aller Wünsche, wenn Liebe im Spiel ist und ein Kind unterwegs, zuletzt ins Gefängnis ging. Doch vor Nikischkin und Issakow hat er bestritten, sie jemals getroffen zu haben, zugleich gab er zu, Wladimir Jegorowitsch Fedotow zu sein, geboren am 21. Dezember 1925 in einem Dorf bei Smolensk, gab zu, nach Deutschland abkommandiert und 1950 in |16|Wismar stationiert gewesen und im selben Jahr in die UdSSR zurückgekehrt zu sein. Aber wenn die Frage auf meine Mutter kam, ob er sie kenne, schüttelte er nur den Kopf und sagte: »Nein, kenne ich nicht.« Das war 1993. Dabei hatte er doch Glück im Unglück, wie ich seit einigen Tagen weiß, und musste, als moralisch nicht gefestigte Person, wie es in den Akten heißt, nur zurück nach Russland, das damals noch die Sowjetunion war: in Begleitung eines Offiziers derselben Militärabteilung am 26. 10. 1950 bis zur Station Brest. Aber von dort ging es weiter, weiter und weiter, unendlich weit weg vom Ort der »moralischen Verfehlung«, ohne Gelegenheit zum Rückfall, bis nach Tschita, hinter dem Baikalsee, im Jablonovyj-Gebirge, nahe der Grenze zur Mongolei und zu China. Das war keine Strafe, und wenn, dann die geringste von allen möglichen; aber eine Auszeichnung war es eben auch nicht.

Es steht in den Akten, aus denen mir Militärjustiz-Oberst Kopalin vorgelesen hat, dieser gute Mensch von Moskau, den alle noch lebenden Opfer Stalins in Deutschland inzwischen kennen wie einen Engel mit froher Botschaft, weil er unermüdlich ihre Rehabilitierung betreibt und entsprechende Beschlüsse unterzeichnet. Sein Name steht, wie kein anderer russischer Name in diesen Jahren, für die Rückkehr der Gerechtigkeit in ihre Leben, die nie ganz frei geworden sind von der Last jener Schreckenszeit, wie sollten sie auch. Ich habe gegrübelt, schon früher, was unseren Vater zu dieser Abwehr getrieben haben könnte, vor allem aber die letzte Nacht im Hotel, kaum fand ich Schlaf, denn selbst noch in dieser Woche, da er wusste, dass wir hier sind, so gut wie vor seiner Tür, hat er auf einen Anruf von Konstantin nur abwehrend reagiert. Schuldgefühle? Skepsis, ein falscher Sohn pirsche sich da an ihn heran, ein Dimitri auf dem Wege nach Moskau, in den Kreml der Fedotows? Zuletzt sagte ich mir, Scheinrationalist, der ich auch sein kann: Eine Liebesgeschichte von nur wenigen Monaten, die zudem ein halbes Jahrhundert zurückliegt, kann die wirklich, selbst wenn sie so dramatisch endete |17|wie die meiner Mutter und jenes Offiziers, der unser Vater damals war, ein ganzes weiteres Leben besetzen wie ein alles beherrschender Okkupant? Oder war es einfach nur die Weigerung des gesunden Menschenverstandes, zu glauben, dass das absolut Unwahrscheinliche tatsächlich Wirklichkeit werden könnte? Manchmal dachte ich auch, vielleicht wirkt sich hier bloß das Phänomen des so oft zitierten russischen Fatalismus’ aus, diese Schicksalsergebenheit: Es ist, wie es ist, und war, wie es war?! Diese Apathie den Schrecknissen des Lebens gegenüber, die einem andere bereiten, Stärkere, Mächtigere. Der Totstellreflex als Überlebensstrategie. Ein Leben hat man ja nur; man hat wirklich nur eins. Hier. Ist Vergessen deshalb nicht die größte aller Tugenden, wenn es darum geht, zu überstehen, was nur überwältigen will? Einfach weiterzuleben, auf dem Floß der Medusa, bis endlich wieder Land in Sicht ist, Überlebensgelände, selbst wenn es bloß der alte Grund ist, auf den wir zuletzt erneut geworfen werden? Nein, ich blicke nicht zornig auf diese Ausweichbewegungen vor mir, nicht einmal bitter oder auch nur irritiert; eher wie auf eine schwierige Aufgabe, die gelöst werden muss. Früher musste sie das nicht für mich; die drei Frauen, die mein Leben geprägt haben, Mutter, Großmutter, Schwester, waren stark genug, mich das Fehlende nicht als Verlust spüren zu lassen. Doch seitdem ich wusste, dass unser Vater noch lebt, packte mich eine elementare Neugier, auch auf ihn, natürlich, vor allem aber auf mich: Ihn zu treffen, tot oder lebendig, würde das Spiegelbild meiner Existenz vervollständigen. Bisher hat es mich nur zur Hälfte gezeigt, die andere Hälfte blieb schwarz. Aber jetzt, gestern, heute, morgen, ganz allmählich und rasend schnell zugleich, beginnt der dunkle Teil sich zu lichten, heller zu werden mit jeder Stunde, ich sehe meine Umrisse, wie sie sich vervollständigen, ein Fragment komplettieren. Gewiss, da entsteht kein gänzlich neues Bild von mir, aber nun wird es ein ganzes. Es ist dieses Ziel, das mich hierhergetrieben hat, auf diesen Dorfweg westlich von Moskau. Einem Haus entgegen, |18|das ein spätes Vaterhaus genannt werden könnte. Aber das liegt nicht allein an mir. Was mag jetzt in deinem Kopf vor sich gehen, der du mich tapfer stützt und brüderlich führst, und erst recht im Kopf desjenigen, der uns unaufhaltsam auf sich zukommen sieht?

 

22. Januar 1954

In den ersten Wochen des Jahres 1954, elf Monate nach Stalins Tod, hätte ein Mensch mit göttlichem Überblicksvermögen im deutschen Teilstaat zwischen Elbe und Oder, Ostsee und Erzgebirge ein Phänomen wahrnehmen können, das im Getriebe des grauen Alltags der Diktatur punktuell immer wieder geradezu farbenprächtig aufleuchtete, wenn man einmal absah vom omnipräsenten Propagandarot der Fahnen, Transparente und Plakate: einen Schwarm Hunderter, meist jüngerer Frauen, der sich von einem bestimmten geographischen Punkt aus im südlichen Mitteldeutschland, über Tage hinweg, zwischen dem 15. und 18. Januar, ins Land ergoss. Alle diese Frauen trugen, als sie jenen Punkt, die Kreisstadt Stollberg im Erzgebirge, verließen, einen dunkelblauen wollenen Wintermantel und um den Hals einen warmen weinroten Schal, der ihre blassen Gesichter noch auffälliger werden ließ. Sie führten kaum Gepäck bei sich, nur kleinere Beutel oder Taschen, und wurden sichtbar für die Öffentlichkeit erst auf dem Bahnhof der nahe Stollberg gelegenen alten Industriestadt Chemnitz, des »sächsischen Manchester«, das seit dem 10. Mai 1953 Karl-Marx-Stadt hieß und neuerdings eine von vierzehn Bezirkshauptstädten war, gemäß dem Beschluss der Volkskammer vom 23. Juli 1952 über die Neugliederung der Länder in Bezirke im »Gesetz über die weitere Demokratisierung des Aufbaus und der Arbeitsweise der staatlichen Organe«. Doch was das wirklich bedeutete, wenn sie es denn überhaupt erfahren hatten im scheinbar unveränderlichen isolierten Alltag hinter den hohen Mauern, vor denen Tag und Nacht scharf gemachte |19|Schäferhunde herumliefen und bellten, hinter den vergitterten Fenstern und verriegelten Türen der alten Burg Hoheneck über der Stadt, in der sie für Jahre ihr Leben fristeten, wusste keine von ihnen.

Vor dem Hauptbahnhof verließen sie graugrüne Kleintransporter und eilten in die Schalterhalle, um von den Fahrplänen, die dort aushingen, abzulesen, von welchem Bahnsteig aus sich der Zug in Bewegung setzte, der sie endlich von hier fortbringen sollte, dem lang entbehrten Zuhause entgegen. Die meisten nahmen zunächst die Verbindung in Richtung Leipzig, dort erst trennten sich ihre Wege, falls sie nicht ein gemeinsames Endziel hatten. Die letzten dieser jungen Frauen in blauen Mänteln und weinroten Schals konnte man am 22. Januar dieses eher milden und regnerischen Wintermonats beobachten. Im Unterschied zu all denjenigen, die schon Tage früher den Weg gegangen waren, den auch sie jetzt zurücklegten, hatte diese Gruppe, für die kurzfristig eine ganze Veranda geräumt und zum Bettensaal umfunktioniert worden war, einige Zeit im Krankenhaus der Stadt Stollberg verbracht und noch geschwächter die Reise angetreten als ihre nun in alle Winde verstreuten Gefährtinnen zuvor. Ihre uniformierten Begleiter trugen ihnen ihre karge Habe fast bis an den Zug, um dann wortlos zu verschwinden. Wie ihre Vorgängerinnen auch, musste keine von ihnen eine Fahrkarte kaufen; sie alle verfügten über ein amtliches Dokument, auf dem nicht nur festgehalten war, dass es sich um einen »Entlassungsschein« handele, im Vordruck vermerkt waren auch die Aushändigung von Verpflegung und Reisegeld sowie die Charakterisierung des Papiers als Fahrtberechtigungsschein. Mit Schreibmaschine eingefügt hatte man die Namen der Frauen, ihre Geburtsdaten, Ort und Tag der Entlassung, das Reiseziel und die Höhe des Geldbetrages: Zehn Deutsche Mark waren jeder von ihnen demgemäß ausgehändigt worden. Beglaubigt war das Dokument mit einem kreisrunden violetten Stempel, in dessen Zentrum die Kokarde der Deutschen Volkspolizei |20|prangte, der Schriftzug im Innern, parallel zum äußeren Kreis, lautete: »Strafvollzugsanstalt Hoheneck«. Auch eine Unterschrift war vorhanden; doch der Name des Menschen, der sie geleistet hatte, schwungvoll und mit stahlblauer Tinte, blieb für alle, die ihn nicht kannten, unlesbar. Die Frauen, die den Entlassungsschein ausgehändigt bekommen hatten, wussten allerdings genau, wer die Unterschrift auf das Papier gesetzt hatte: Niemand anderes als der Leiter der Strafvollzugseinrichtung Hoheneck persönlich, Volkspolizei-Kommandeur Ahlborn. Die Fahrkartenkontrolleure der Deutschen Reichsbahn registrierten noch in jedem Fall sofort, wen sie vor sich hatten, streckte ihnen eine schmale Hand das amtliche Papier von der Größe einer halben DIN-A5-Seite entgegen. Belanglos, wie es von weitem aussah, war es von unschätzbarem Wert für seine Besitzer.

Den meisten der jungen Frauen war das Erkanntwerden vollkommen gleichgültig, einer von ihnen ganz besonders. Vor vier Monaten war sie sechsundzwanzig Jahre alt geworden, ohne im Geringsten zu ahnen, dass es ihr letzter Geburtstag im Gefängnis sein würde, sechs hatte sie zu jenem Zeitpunkt an diesem Ort laut Urteil des Sowjetischen Militär-Tribunals vom 19. November 1950 noch vor sich, erst im August 1960 sollte sie heimkehren dürfen. Heim zu Tochter und Sohn, Mutter und Schwester, Schwager, Nichte und Freunden: zurück nach Hause. Nach Wismar an der Ostsee. Noch in ihrem letzten großen Brief aus dem Gefängnis an die Familie bestimmte die Aussichtslosigkeit, den Ort täglichen Schreckens und nächtlicher Seelenqual endlich verlassen zu können, den Ton, blieb die Perspektive verdüstert, führte die Traurigkeit angesichts der Unerreichbarkeit von Familie und Kindern die Feder: Die Sorge um ihr Wohlbefinden, nicht dasein zu können für sie, war die größte Last im brutal erzwungenen Fernsein. Und doch enthielt er auch viele kleine Momente von Würde und Hoffnung: über die Erinnerung an schönere Zeiten oder Hinweise auf die Gestaltung des bevorstehenden |21|Weihnachtsfestes, auch fragte er kryptisch nach dem Kontakt zu den Schwestern der Mutter, den Tanten, die im Westen wohnten, in Hannover und Düsseldorf, und versuchte andererseits sogar eine Kontaktaufnahme zu inspirieren, zu den Eltern einer Mitgefangenen aus der Heimatstadt. Mit all dem gerann der Brief so zum widersprüchlichen Notat des Alltags in einem Gefängnis, das mit ihr, der Schreiberin, vor allem Frauen umzwang, denen die Diktatur nicht mehr und nicht weniger als die Freiheit genommen hatte und damit oft auch, was am schwersten wog, die Nähe zu den eigenen Kindern, wegen nichts:

 

Hoheneck, den 14. 11. 1953

 

Meine liebe, gute Mutti, meine lieben kleinen Spatzen! Leider noch keine Post diesen Monat von Euch, aber wird schon noch kommen. Im letzten Monat warst Du sicherlich schon unruhig, weil die Post so spät kam, was? Mutti, bist Du noch gesund und die Kinder auch? Das ist mir immer das Wichtigste. In 14 Tagen ist schon 1. Advent und dann kommt ganz schnell Weihnachten. Ich darf dieses Jahr gar nicht dran denken. Es wird eben von Jahr zu Jahr schwerer. Die Geburtstage sind nun auch alle vorüber. War meine Dorle sehr enttäuscht, daß ihre Mami immer noch nicht da war? Ach, Mutti, je häßlicher mich alles umgibt, desto mehr denke ich an alles Schöne zu Hause und die Sehnsucht wächst. Aber wenn ich nicht alle schönen Erinnerungen hätte, dann wär’s traurig bestellt. Macht Angelika sich weiter so gut in der Schule? Glaubst Du, ich freue mich riesig über sie. Sie soll nur weiter so machen!! Wonach hat Susi an ihrem Geburtstag gegriffen? Sie muß ja ein rechter Wildfang sein. Na ja, bei den Eltern ja auch kein Wunder. Und was machen meine 2? Vom Jungen habe ich heute nacht geträumt. Mutti, weiß mein Ulli eigentlich noch, daß er irgendwo noch ein Mami hat? Oder nicht? Ich hab Angst vor der Stunde des Wiedersehens. Bei Dorle nicht, denn sie weiß es ja. Was machen Margarete und Horst? |22|Hoffentlich geht es allen gut. Mutti, jetzt habe ich noch eine Bitte; kannst Du mir im Weihnachtspaket recht viel Kekse (eckig) und Lebkuchen sowie ausgepahlte Nüsse schicken. Rosinen, gibt’s die überhaupt? Bekommt Ihr eigentlich noch Post von Tante Käte + Dora? Wissen sie, daß ich hier bin? Ach so, 2 Seiflappen könnte ich noch brauchen, meine sind zu Ende. Für heute ist wieder Schluß. Es gibt gleich Essen und um 4 Uhr geht’s zur Schicht. Nun Euch allen recht, recht herzliche Grüße und Küsse. Eure Wendelgard Annemaries Mutter war hier. Geh doch mal zu ihr. Fr. Grube Nr. 2. Paket soeben erhalten, vielen, vielen Dank.

 

Doch nun war sie frei, so plötzlich, wie sie vor Jahren unfrei geworden war: hinter sich Hoheneck, die Gefängnisburg. Hinter sich Stollberg, das ihr und den anderen zwar zu Füßen gelegen hatte, zum Greifen nah, und doch all die Zeit über unerreichbar blieb wie Sonne, Mond und Sterne am Himmel hinter den Gittern oder das Grün von Wiesen und Bäumen auf den sanften Gebirgshängen des Erzgebirges, die den Ort umgaben, selbst im kältesten Winter blieb die Sehnsucht, den eigenen Fuß auf die Landschaft zu Füßen zu setzen, brennend. Hinter sich Karl-Marx-Stadt, wo sie zum ersten Mal seit dreieinhalb Jahren wieder einen Zug betreten hatte. Hinter sich auch Leipzig, dort war sie umgestiegen in den D 184, der sie nach Norden bringen sollte, bis der Schienenweg endete, weil die Küste erreicht war, die Küste der Ostsee, an der Wismar lag, seit Jahrhunderten. Mit seinen riesigen Kirchen und wunderschönen Giebelhäusern, mit der Wasserkunst und der Frischen Grube, mit dem uralten Backsteintor zum Hafen und dem großen Platz vor dem Rathaus, auf dessen Weihnachts- und Pfingstmärkten sie und ihre Geschwister, Straßen- und Schulfreundinnen so viel Spaß und Vergnügen gehabt hatten. Der Zug kam aus Dresden, sein Endbahnhof lag in Rostock, davor machte er halt in Leipzig, dann in Halle, Dessau, Magdeburg, Stendal, Wittenberge, Ludwigslust und Schwerin. Erst in Bad Kleinen, einem Ackerbürgernest und |23|Bahnknotenpunkt im Nordwesten Mecklenburgs, das nun nicht mehr so hieß, sondern aufgelöst worden war in die Bezirke Schwerin, Rostock, Neubrandenburg, musste sie erneut umsteigen und den Personenzug nach Wismar nehmen; von dort stammte sie, und dorthin wollte sie wieder zurück. Wenn die Deutsche Reichsbahn noch immer so pünktlich war wie früher, würde sie um 17 Uhr 35 in Bad Kleinen sein und, eine knappe Dreiviertelstunde später, gegen 18 Uhr 17, in der Stadt an der Ostsee ankommen.

Es war sechs Minuten vor elf, als sich der D 184, auf die Minute genau und unter Dampfschwaden, Signalpfiffen und Räder- wie Lautsprechergedröhn, in Bewegung setzte und langsam aus der riesigen Halle des Leipziger Hauptbahnhofs zu rollen begann. Die junge Frau hatte ein Abteil gefunden, in dem niemand saß, auch stieg im Laufe der nächsten Stunden keiner zu. Sie bedauerte es nicht, sie war froh darüber. Sie wollte alleine sein, nur alleine. Erfüllt von unbändiger Freude und größter Angst zugleich, dem Anlass und Ziel dieser Freude seelisch nicht gewachsen zu sein, kauerte sie sich in einen der Sitze neben dem Fenster und blickte hinaus in den vorbeifliegenden Tag und zurück in die verflossenen Jahre. Ab und zu schlugen Regentropfen gegen die Scheibe, der Winter war nass in diesen Tagen. Sie verwischten die Realität draußen noch mehr. Nichts nahm sie wirklich wahr von den Städten, Dörfern und Landschaften, die der Zug passierte. Nichts von Mensch und Tier, nichts von den langsam sich schließenden Kriegswunden an Gebäuden, Bahnhöfen und Fabriken, die dreieinhalb Jahre zuvor noch so überdeutlich in den Gesichtern der Städte klafften, als sie am Nachmittag des 15. August 1950 von einem Kriminalkommissar der Deutschen Volkspolizei unter nebulösem Vorwand aus dem Hause gelockt und nur wenige Straßen weiter der sowjetischen Geheimpolizei übergeben wurde, um zunächst für Wochen, später für Monate spurlos verschwunden zu bleiben.

 

|24|Noch immer sah sie sich, wie sie gerade dabei war, in der winzigen Wismarer Wohnung, in der sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Tochter lebte, die knapp Zweijährige anzuziehen, die den Nachmittagsschlaf beendet hatte, als es gegen sechzehn Uhr klopfte. Sie nahm das Kind auf den Arm, ging zur Tür, öffnete und stand, ziemlich überrascht, einem in Zivil gekleideten Herrn gegenüber, an dessen Namen sie sich sogleich erinnerte, obwohl sie ihn nur flüchtig kannte: »Bernhardt, Kriminalpolizei!«, hatte er sich zwei Jahre zuvor militärisch knapp vorgestellt, in der örtlichen Handwerkskammer, wo sie damals arbeitete, als Kontoristin. Man ermittelte in jenen Tagen so kurz nach dem Krieg in einer Angelegenheit von Diebstahl: Schnaps war verschwunden, zwanzig Flaschen, ein gewisses Vermögen. Sie waren angeschafft worden, weil ein Fest bevorstand. Doch nun, über Nacht, waren sie verschwunden, und niemand konnte sich einen Reim darauf machen, weder in Form eines Verdachts noch auch nur einer Idee davon. Es gab Verhöre, man hatte Fingerabdrücke genommen. Am Ende verlief sich die Sache im Sande, und als sie den Ermittler danach zufällig wieder traf, auf dem Weg zum Marktplatz, und er zunächst auch nicht abgeneigt schien, ein Wort mit ihr zu wechseln, konnte sie ihr loses Mundwerk nicht halten und fragte mit leichtem Spott in der Stimme: »Na, Herr Bernhardt, hat sich die Sache erledigt? Oder haben Sie was davon abgekriegt?« Doch der Kriminalkommissar war daraufhin, schnellen Schrittes und ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, fortgeeilt. Nun stand er plötzlich wieder vor ihr und fragte sie höflich, ob sie das Fräulein Schacht sei? Als sie bejahte, fragte er auch nach ihrem Vornamen, es gäbe ja zwei davon in der Familie? Sie nannte ihn, ohne zu zögern, doch der Kriminalpolizist entschuldigte sich überraschenderweise für einen Moment und sagte, er müsse noch einmal kurz weg, wäre aber gleich wieder da. Er blieb tatsächlich nicht lange fort, und als er zurück war, bat er sie so freundlich wie zuvor, doch bitte mit ihm zu kommen, es ginge um eine Aussage in |25|einer bestimmten Angelegenheit. Im selben Moment kam Kätchen, ihre ältere Schwester, das andere bisherige Fräulein Schacht, ins Haus, sie hatte zehn Tage zuvor geheiratet, den Tischler Karl-Friedrich Mäker aus der Nachbarschaft, und wollte stolz die gerade fertig gewordenen Hochzeitsphotos zeigen. Es war keine kirchliche Hochzeit gewesen, aber man war mit der Droschke vorgefahren, und die halbe Straße hatte Spalier gestanden, das ganze Haus mitgefeiert. Sie selbst hatte auf dem Fest die neuen schwarzen Pumps mit den grünen Schleifen eingetanzt, ein Geschenk ihres russischen Freundes Wladimir. Während die Schwester ins Wohnzimmer ging, fragte sie den Kriminalkommissar, ob sie ihre Tochter nicht mitnehmen könne? »Aber nein«, beruhigte sie der Kommissar, »lassen Sie sie mal lieber hier, das ist wirklich nicht nötig, es dauert doch höchstens zehn Minuten!« Zwar passte ihr die überraschende Störung im Tagesablauf überhaupt nicht ins Konzept, aber wahrscheinlich ging es immer noch um die alte Sache, den blöden Schnapsklau, wie lächerlich! Also übergab sie der Schwester das Kind, zog sich nicht einmal einen Mantel über, es war ja Sommer und warm, sagte zu Schwester und Tochter: »Bis gleich«, und folgte dem Beamten, der ihr sogar noch die Tür aufhielt. Vor dem Haus wunderte sie sich, dass der Kriminalkommissar nicht den kürzesten Weg zum Volkspolizeikreisamt einschlug, sondern offenbar einen längeren bevorzugte, einen Umweg durch die Hauptstraße der Stadt. Als sie ihn darauf aufmerksam machte, gab er eine undeutliche Antwort und dirigierte sie plötzlich völlig überraschend in den Badstaven, eine winzige Seitenstraße, an deren Ende ein großer roter Backsteinbau stand, ihre ehemalige Volksschule, die noch vor wenigen Jahren den Namen Hitlers getragen hatte, nach dem Krieg wurde sie in Pestalozzi-Schule umbenannt. Dort sah sie, bezog es aber noch immer nicht auf sich, eine dunkle Limousine mit verhängten Fenstern stehen, nur das Geräusch des laufenden Motors schien ihr ungewöhnlich, aber auch das wurde ihr erst nachträglich bewusst. Zielstrebig |26|führte der deutsche Polizeibeamte die zum kurzen Gespräch Gebetene nun auf den Wagen zu, dessen hintere Tür in dem Moment aufsprang, als dem Fahrzeug nicht mehr auszuweichen war. Ein Mann in sowjetischer Uniform federte heraus, ebenso behende trat er zurück, die weit geöffnete Tür mit der linken Hand fest im Griff. Wortlos übergab der deutsche Polizist dem russischen Geheimdienstoffizier vom MGB die junge Frau, um danach eiligen Schrittes im Gassenlabyrinth der alten Hafenstadt zu verschwinden, in der sie am 9. September 1927 geboren und ihr Vater, ein Seemann, im Frühjahr 1939, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, viel zu früh, verstorben und begraben worden war. Aber auch er hätte ihr jetzt nicht mehr helfen können, so wenig wie ihre Mutter, die noch an ihrem Arbeitsplatz im örtlichen Kirchensteueramt war. Niemand hätte ihr helfen können in diesem Moment. Der MGB-Mann schob sie ohne ein Wort zu sagen, doch mit unnachgiebigem Druck, in den Fond des Wagens, wo ein weiterer Uniformierter saß, auch der Platz neben dem Fahrer war mit einem Mann in Uniform besetzt. Dann stieg er wieder ein, so dass sie jetzt eingekeilt zwischen ihnen zu sitzen kam, zog mit schnellem Griff die Wagentür zu, der Motor heulte auf, und die geheimnisvolle Limousine, deren Seiten- und Rückfenster verhängt waren, fuhr unaufhaltsam und mit steigendem Tempo davon.

Vier Monate später, am Heiligen Abend des schrecklichen Jahres, erhielt ihre Familie das erste persönliche Lebenszeichen von ihr. Sie hatte es am 20. Dezember abgeben dürfen, fünfzehn kurze Zeilen, mit Bleistift geschrieben, auf einem Briefbogen, Format DIN A5. Dass diesen Brief, der aus dem Frauengefängnis Hoheneck in Stollberg im Erzgebirge kam, im Unterschied zu den noch vielen folgenden, die alle mit ruhiger Hand geöffnet worden zu sein schienen, offenbar zitternde Hände aufgerissen hatten – zwei blaue 12-Pfennig-Briefmarken mit dem Porträt Max Plancks, das Porto, waren dabei halbiert worden, die Ränder des Blattes zerfetzt –, registrierte |27|sie erst Jahre später, als sie das leicht vergilbte Bündel Briefe im Nachlass der Mutter entdeckte:

 

Liebe Mutti, mein Dorlekind! Endlich, endlich kann ich Euch die erste Nachricht geben und sagen, daß es mir noch gut geht. Ich hoffe auch, daß zu Hause alles wohlauf ist. Was macht mein Dorle und Neina? Bekommt keinen Schreck, aber Dorle wird im März ein Schwester- oder Brüderlein haben. Mach Dir um nichts Sorgen, wir tragen alle unser Los tapfer und der Herrgott wird uns schon zur rechten Zeit ein Wiedersehen schenken. Sei nur nicht mehr böse, daß ich nicht auf Dich gehört habe, ich habe es schon mehr als genug bereut. Ihr dürft mir jeden Monat 1 Brief mit 15 Zeilen und 1 Paket von 2 Kilo schicken mit Lebensmitteln. Appetit habe ich auf alles, und dann bitte ich um Kämmchen und Zahnpasta. Nun Euch allen ein gesundes Fest und »neues Jahr«. Eure Wendi

 

Nur einmal wurde ihr Blick zurück unterbrochen, als der Zugkontrolleur kam und um die Fahrkarte bat. Er sah nicht lange auf den merkwürdigen Fahrschein, den die junge Frau ihm entgegengereicht hatte, aber er machte, als er ihn wieder zurückgab, ein besonders freundliches Gesicht, wünschte eine gute Heimreise und schloss behutsam die Coupétür. Der gleichmäßige Rhythmus des D-Zuges versetzte sie in einen unwirklichen Zustand zwischen Überwachheit und Tiefschlaf, aus dem sie immer wieder auffuhr, in den sie immer wieder zurücksank, umschwirrt von Bildfetzen und ganzen Szenenfolgen, die weit Zurückliegendes zum Vorschein brachten oder erst vor wenigen Tagen Geschehenes überscharf wieder ins Bewusstsein hoben.

Nein, sie lag nicht mehr mit abklingender schwerer Angina im frischbezogenen Bett auf der Veranda des Krankenhauses in der Johnsdorfer Straße der Stadt Stollberg im Erzgebirge, umsorgt von Menschen, die es gut meinten mit ihr und den anderen im provisorischen Krankensaal untergebrachten |28|ehemaligen Häftlingen. Auch von dort war sie inzwischen entlassen worden, medizinisch versorgt und mit einer »Ärztlichen Bescheinigung« ausgestattet, die nicht nur den viertägigen Aufenthalt bestätigte, vermerkt und abgezeichnet für jede zukünftig zuständige Behörde hatte die Assistenz-Ärztin der inneren Abteilung, eine Frau Dr. Halank, auch noch, dass ihre Patientin »mit 14 Tagen Schonung entlassen« worden sei. Am unteren Rand des Krankenhaus-Briefbogens, linksbündig aufgedruckt, prangte das offizielle Zeichen für den ersten Fünfjahresplan des neuen Staates, zum Gesetz gemacht mit dem Charakter einer Anweisung zur Fronarbeit am 11. November 1951, die sie beide, Staat und Plan, bislang fast nur aus der Perspektive eines politischen Häftlings erlebt hatte. Noch weniger aber lag sie, wie vor Tagen, die eine Ewigkeit her zu sein schienen, apathisch in einer Einzelzelle des Krankenreviers des größten Frauengefängnisses dieses Staates, deren schwere Tür jedoch weder abgeschlossen noch verriegelt werden durfte. Das signalisierte ein großes, mit weißer Farbe aufgemaltes Kreuz, weil der jeweilige Häftling dahinter, so die Bedeutung des Zeichens, lebensbedrohlich erkrankt war und der Arzt oder die Schwestern jederzeit Zutritt haben mussten. Doppelt hilflos und von hohem Fieber gequält, hatte sie dennoch mitbekommen, dass die Entlassungen, von deren Bevorstehen sie seit Tagen wussten, begonnen hatten, aber keine Verantwortliche vom Wachpersonal war bislang an ihr Bett gekommen, um ihr mitzuteilen, dass auch sie unter die Amnestie falle, die sie alle dem immer noch das öffentliche Bewusstsein beherrschenden Tod Stalins zuschoben, weil sie nicht wussten, dass der wahre Grund ihres Glücks einer politischen Geste geschuldet war, die sich die UdSSR aus Anlass der Vier-Mächte-Konferenz in Berlin geleistet hatte, um gut Wetter zu machen. Zur gefährlichen Erkrankung kam so eine mit jedem Tag stärker werdende Furcht hinzu, nicht zu denen zu gehören, die den Ort des Schreckens vorzeitig verlassen durften. Es war das Gift des Zweifels, der zur Verzweiflung werden konnte, |29|d

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