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Verdorbenes Blut

Geoffrey Girard

Verdorbenes Blut

Thriller

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Wulf Bergner

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Barbara O’Breza und Joe Truitt
als Dank für die Atzung

Es wachsen alle Kinder
sogar im kalten Winter.
Sie wachsen stets sehr leise,
sie werden klug und weise.
Und würde man sie gießen,
dann wüchsen sie zu Riesen.

– Gottfried Herold

Eine kurze Geschichte des Klonens

  

Alles fing mit Erbsen an.

Ein österreichischer Mönch namens Gregor Mendel begann mit Züchtungsversuchen im Garten des Klosters Brünn, wo er lebte, arbeitete und betete. Das war in den 1850er-Jahren. Charles Darwin schrieb noch an seinem Hauptwerk Die Entstehung der Arten, und in einer Höhle bei Düsseldorf waren kurz zuvor die ersten Knochen eines Neandertalers entdeckt worden.

Die Augustiner – der Orden, dem Mendel angehörte – hielten die Wahrheitssuche durch Wissenschaft und Forschung für einen wichtigen Schritt zur spirituellen Erleuchtung, sodass Mendel mit dem Segen der Ordensoberen seinen Arbeiten nachgehen konnte. Sein Forscherdrang war speziell auf die Vererbung gerichtet – für einen Mönch ein eher abwegiges Fachgebiet, aber Mendel hatte neben der Theologie auch Landwirtschaft studiert, was ihm ein solides Grundwissen verschaffte.

Im Mittelpunkt seiner Forschungen stand die Frage: Wie vererben Lebewesen ihre Merkmale auf Nachkommen? Um dies zu untersuchen, züchtete Mendel Bohnen und Erbsen. Dreißigtausend »Erbsenkinder« wurden sorgfältig aus speziellen »Erbseneltern« herangezogen. Mendel bestäubte jeden Trieb gewissenhaft und hielt die weitere Entwicklung seiner Sprösslinge im Hinblick auf bestimmte Hauptmerkmale fest: Blütenfarbe, Farbe der Schoten, Form und Farbe der Samen, Ort und Größe der Stängel.

Seiner Arbeit, die er im Naturforschenden Verein in Brünn zum ersten Mal vortrug, gab Mendel den Titel Versuche über Pflanzen-Hybriden. In dieser Abhandlung wies er nach, dass spezifische Allele – bestimmte Ausprägungsformen eines Gens, die Mendel »Elemente« nannte – der Erbseneltern die Merkmale der Erbsenkinder beeinflussten. Einige Elemente waren stark und dominant, andere schwach und rezessiv. Mendel analysierte ihre Wechselwirkung, nahm statistische Auswertungen seiner Beobachtungen vor und stellte die »Mendelschen Regeln der Vererbung« auf, die ihn zu einem der Begründer der modernen Genetik machten.

Doch seine Abhandlung von 1866 fand nur wenige Leser und noch weniger Anerkennung. Mendel sei kein »richtiger« Wissenschaftler, behaupteten die richtigen Wissenschaftler. Er sei nur ein Mönch mit einem kleinen Erbsengarten, und seine Arbeit habe eher mit Züchtungsversuchen als mit der gerade entstehenden Wissenschaft der Vererbungslehre zu tun. Mendel wurde größtenteils ignoriert.

Als Nächstes experimentierte er mit Bienen, wie er es schon als Jugendlicher im Garten seiner Dorfschule getan hatte, wobei ihm fünfhundert Bienenvölker aus aller Welt zur Verfügung standen. Mendel baute spezielle Kammern für die Paarung der Königinnen mit ausländischen Drohnen und züchtete prompt eine neue Art von Hybridbienen, die mehr Honig produzierte als alle bis dahin bekannten Arten.

Leider erwiesen Mendels Bienen sich überdies als aggressiver als ihre Artgenossen. Sie stachen andere Bienen, Mendels Klosterbrüder und schließlich auch die Einwohner von Brünn. Mendel musste sämtliche Bienenstöcke mit Zehntausenden von Tieren vernichten.

Er wandte sich wieder den Pflanzen zu. Statt mit Erbsen versuchte er es diesmal mit Habichtskraut, einem Verwandten der Sonnenblume, konnte seine ursprünglichen Schlussfolgerungen aber nicht erhärten. Schließlich stellte er seine Versuche ein und starb als schwer kranker Mann.

Nach seinem Tod verbrannte sein Nachfolger im Amt des Abts die Notizen und unveröffentlichten Schriften zur Vererbungslehre. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die Wissenschaft Mendels ursprüngliche Abhandlung wiederentdeckte. Erst zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde allmählich deren Bedeutung erkannt.

Auf der Grundlage von Mendels Forschungen und neuer Erkenntnisse über die biologischen Mechanismen der Vererbung gelangen den Wissenschaftlern in den darauffolgenden Jahrzehnten entscheidende Durchbrüche auf dem Gebiet der Genetik.

In den 1940er-Jahren wurde der Nachweis erbracht, dass die DNA für die Weitergabe von Erbinformationen zuständig ist. Anfang der 1950er-Jahre wurde zum ersten Mal die Struktur der DNA beschrieben, die Doppelhelix. Die Wissenschaft begann mit der Entschlüsselung des genetischen Codes. Ende der 1950er-Jahre gelang die erste Replikation – eine exakte Verdoppelung – der DNA, und mit Fröschen wurden die ersten erfolgreichen Versuche auf dem Gebiet des Klonens unternommen. Anfang der 1980er-Jahre wurden die ersten Erfolge mit Säugetieren erzielt.

Und dann kam Dolly.

Dolly, das Schaf, geklont aus einem einzelnen DNA-Strang. Das Roslin Institute, eine kleine Tierforschungseinrichtung in Schottland, impfte unbefruchtete Eizellen mit den Zellkernen eines Spendertiers, jagte einen guten, altmodischen Stromstoß hindurch und produzierte auf diese Weise ein zu 98 Prozent identisches Tier. Damit gab es zwei nahezu gleiche Schafe, eine davon eine Art Frankenstein-Dolly.

Das war 1996.

Damit war der Startschuss gefallen. In den darauffolgenden fünf Jahren erfolgte eine regelrechte Explosion von Klonen.

Japan klonte Noto, die Kuh. Tausende von Notos. Die Italiener stellten Prometea her, die Stute. Der Iran produzierte Hannah, die Ziege, während Südkorea Snuppy hervorbrachte, den Hund, und Snuwolf, den Wolf. Die Schotten machten in Schweinen, die Franzosen in Kaninchen. China und Indien klonten Wasserbüffel, Spanien und die Türkei Stiere. Dubai stellte einhundertundvier identische Kamele her.

Doch die Vereinigten Staaten waren auf diesem Gebiet letztlich besser und schneller als der Rest der Welt. Dort gab es mehr Labors, mehr kommerzielles Interesse und viel mehr Geld. Die großen amerikanischen Pharmakonzerne nahmen das Klonen und die biogenetische Forschung in ihre Programme auf.

Innerhalb eines Jahrzehnts hatten die Amerikaner Cumulina, die Maus, produziert. Und Ralph, die Ratte. Mira, die Ziege. Noah, den Ochsen. Gem, das Maultier. Dewey, den Hirsch. Libby, das Frettchen. CC, die Katze. Und Tetra, die Äffin.

Von Mäusen über Haustiere zu Primaten. Das alles in zehn Jahren. Gregor Mendel, der Erbsenzähler aus Brünn, hätte die Welt nicht mehr verstanden.

Und was ist mit dem Klonen von Menschen?

Es ist kaum zu glauben, aber das Klonen von Menschen ist in den meisten Bundesstaaten der USA zumindest auf dem Papier legal, wenngleich man sich in der moralischen Ablehnung einig ist. Aber von einem grundsätzlichen Verbot kann nicht die Rede sein – alle Welt glaubt nur, das Klonen von Menschen sei verboten. Washington hält sich aus der Debatte weitgehend heraus. Gesetzentwürfe in den Jahren 2003 und 2007 für ein Klonierungsverbot von Menschen scheiterten im Kongress, und ein Entwurf aus dem Jahr 2009 wurde in verschiedenen Unterausschüssen jahrelang hin und her geschoben. Auf dem Gebiet des Klonens haben amerikanische Wissenschaftler nahezu freie Hand, solange sie keine Steuergelder einsetzen.

Was das Klonen von Menschen angeht, gibt es in vielen Industriestaaten bis heute keine eindeutige Rechtsgrundlage.

Als man dem Wissenschaftler Sir Ian Wilmut, unter dessen Leitung Dolly geklont worden war, die Frage stellte, ob damit zu rechnen sei, dass irgendwann auch Menschen geklont würden, lautete seine schlichte Antwort: »Es wäre naiv zu glauben, das ließe sich verhindern.«

Er hatte recht.

Prolog

EIN FELDVERSUCH

Es war nur ein Feldversuch von Tausenden, die im längsten Krieg der amerikanischen Geschichte durchgeführt wurden. Eine unwiderstehliche Gelegenheit, die potenzielle Wirksamkeit neuer Taktiken und Produkte unter Einsatzbedingungen zu erproben und so dem obersten Grundsatz der militärischen Entwicklung zu entsprechen: Was nicht erprobt ist, funktioniert nicht. Und erprobt wurde alles Mögliche, von neuen Tarnanzügen und Kevlarwesten, computergesteuerten Geschossen und Laserkanonen wie aus Krieg der Sterne, verbesserten Aufklärungssystemen und Satellitentechnologie, hochmodernen Sturmgewehren und Funkgeräten bis hin zu Pestiziden.

Aus wissenschaftlicher Sicht war dieser Feldversuch keine Besonderheit.

Die beiden Hubschrauber waren Black Hawks. Eine als »Nachtjäger« bekannte Luftlandeeinheit der US Army hatte sie zur Verfügung gestellt. Nun jagten die beiden Helikopter über das Dorf hinweg, nahezu lautlos und unsichtbar wie Schatten in den Winden, die vor Tagesanbruch aus den eisigen Höhen der schwarzen Berge herunterwehten. Das Dorf war als nahezu unbewohnt und überwiegend in feindlicher Hand liegend eingestuft worden. Und es war abgeschieden. Damit war sein Schicksal besiegelt.

Als die Black Hawks das Dorf überflogen, warf einer der Fluggäste – ein Mann, den die Besatzung nie zuvor gesehen hatte und nie wieder sehen würde – eine Pepsidose auf den Dorfplatz. Sie sprang und hüpfte in alle möglichen Richtungen, bevor sie in einer schlammigen Furche neben der unbefestigten Dorfstraße liegen blieb.

Die Black Hawks waren beinahe schon im nächsten Tal, als aus dem Dorf das Feuer auf sie eröffnet wurde. Der Lärm der Waffen weckte Tahir al-Umari. Fluchend stand er auf und herrschte seine quengelnden Kinder an, still zu sein, während er hastig in seine Sandalen schlüpfte.

Draußen waren Hundegebell und Schüsse zu hören. Mit verschränkten Armen, leicht nach vorn gebeugt, stellte Tahir sich in die Tür, sodass er den Pfad, der durch das Dorf führte, ein Stück weit einsehen konnte. Niemand war dort zu sehen. Tahir wagte sich ein paar Schritte auf den Pfad hinaus.

»Was waren das für welche?«, rief er mit gedämpfter Stimme zu einem Nachbarn hinüber, der ebenfalls neugierig geworden war.

»Amerikaner«, antwortete der Mann.

Tahir nickte und rieb sich nachdenklich das Kinn, während der von den schwarzen Bergen herabwehende kühle Wind sein Gesicht umfächelte.

Tahir al-Umari war das Oberhaupt einer der wenigen Familien, die noch in dem abgelegenen Dorf lebten, dessen Einwohnerzahl in den letzten zehn Jahren dramatisch zurückgegangen war. Tahir und seinen Söhnen gehörten viereinhalb Hektar Land, auf dem sie früher Weizen und Safran angebaut hatten. Doch seit die Taliban hier waren, zwang man die Dorfbewohner, Mohn anzubauen, der als Rauschmittel verwendet wurde.

So Allah es wollte, würden die Taliban bald abziehen, aber die alten Zeiten würden dadurch nicht wiederkehren, das wusste Tahir. Stattdessen würden die Amerikaner zurückkommen, oder sie würden die afghanische Drogenpolizei schicken, um die Felder abbrennen zu lassen. Vielleicht würden sie aber auch die unsichtbare Waffe benutzen, von der Tahir gehört hatte – ein Virus, der ganze Ernten binnen Stunden vernichten konnte.

Ich werde alles verlieren, ging es ihm durch den Kopf. Aber vielleicht ist das gut so. Hauptsache, die Taliban ziehen ab.

Feuerstöße erklangen vom Dorfplatz her. Es war das unverkennbare Hämmern von AK-47-Sturmgewehren. Dann laute, hektische Befehle, in die sich Schreie mischten.

»Papa?«, hörte Tahir die Stimme seiner Tochter. Er drehte sich um. Seine Frau stand mit den Kindern in der Haustür. Tahir sah, dass sein ältester Sohn sich bereits Jacke und Schuhe angezogen hatte. Offenbar wollte der Junge ihn begleiten.

Tahir schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Ihr bleibt hier. Geht zurück ins Haus. Ich bin gleich wieder da.«

Er wartete, bis Frau und Kinder im Haus verschwunden waren. Dann eilte er den unebenen Trampelpfad zwischen den Lehmziegelhäusern entlang. Ein Nachbar folgte ihm, dann noch einer. Bald hatte sich eine kleine Gruppe gebildet, die sich in Richtung der Schüsse und Schreie bewegte. Eine Frau begann zu weinen und sprach mit schluchzender Stimme ein Gebet. Tahir brachte sie mit einer herrischen Handbewegung zum Schweigen. Die Luft schmeckte seltsam und hinterließ einen bitteren Geschmack auf der Zunge, wie von Kunststoff.

Auf dem Dorfplatz stand ein Lieferwagen mit laufendem Motor. Die Scheinwerfer brannten und tauchten den Platz in trübes Licht. Tahir und die anderen sahen, dass auf dem Platz Leichen lagen, verstreut wie achtlos fallen gelassene Stoffpuppen. Unter den Körpern breiteten sich Blutlachen aus.

»Sie töten sich gegenseitig«, flüsterte eine ängstliche Stimme aus den Schatten neben Tahir. »Aber vorher werden sie uns töten!«

Tahir beobachtete fassungslos, wie einer der Taliban einen anderen erschoss. Dann hielt der Mann sich die Gewehrmündung unter das Kinn und drückte ab. Ein Tagelöhner namens Rafik flitzte los, um sich die Waffe zu holen, wurde aber niedergeschossen, als weitere Taliban fluchend und Befehle brüllend auf den Platz stürmten. Einer von ihnen bemerkte Tahir und die anderen. Er riss die Waffe hoch. Schüsse fielen, und drei von Tahirs Begleitern brachen zusammen. Der Taliban ließ das Gewehr fallen, als es leer geschossen war, und taumelte wie betrunken auf Tahir zu. Schwankend blieb er stehen, zog seine Pistole und feuerte mehrmals auf die erste Leiche. Dann hob er die Waffe, schwenkte sie herum.

Tahir erstarrte, als der Taliban auf ihn zielte. Entsetzt beobachtete er, wie der Finger des Mannes sich am Abzug krümmte.

Klick. Klick. Klick.

Das Magazin war leer, doch die rechte Hand des Taliban ruckte jedes Mal nach hinten, als würde er tatsächlich feuern.

Erst jetzt, als Tahirs Panik verebbte, fiel ihm auf, dass mit dem Gesicht des Mannes irgendetwas nicht stimmte.

Seine Augen. Was ist mit seinen Augen?

Tahir lief ein kalter Schauder über den Rücken.

In diesem Moment stürmte ein weiterer Taliban heran und hämmerte seinem Kameraden den Gewehrkolben gegen den Schädel. Der Mann mit den eigenartigen Augen brach zusammen. Der andere hockte sich auf ihn und rammte ihm den Gewehrkolben ins Gesicht. Wieder und wieder. Blut spritzte.

Bei Allah, was ist hier los?

Tahir stolperte rückwärts. Seine Augen brannten, während ihm eine ungekannte Angst im Nacken saß. Als hinter ihm Schreie gellten, fuhr er herum. Er sah, dass eine junge Frau aus dem Dorf von zwei Männern, die er kannte, zu Boden gerissen worden war. Ihr Gesicht wurde in den Staub gedrückt, ihr Tschadri aufgerissen, während die Männer an ihren Hosenschlitzen fummelten.

»Nein!«, rief Tahir. »Tut das nicht!«

Er rannte los, um sie aufzuhalten. Entsetzt beobachtete er, wie der Körper der jungen Frau sich wand, als sie sich aus dem Griff ihrer Peiniger zu befreien versuchte. Ihre nackten Schenkel waren angehoben. Tahir ertappte sich dabei, wie er auf die Beine der Frau starrte. Er wusste, auch er konnte sie haben, wenn er wollte …

Angewidert schüttelte er den jähen Gedanken ab.

»Tut das nicht«, sagte er, als er die Männer und ihr Opfer erreicht hatte, doch seine Stimme klang jetzt müde und schleppend, als würde er im Traum sprechen. Einem Albtraum.

Die junge Frau hatte sich auf den Rücken gedreht und lag nun mit weit gespreizten Beinen vor ihnen, schamlos und verlockend zugleich, während einer der Männer sich auf sie schob. Plötzlich schrie er gellend und schlug die Hände vors Gesicht. Zwischen seinen Fingern sickerte Blut hervor und lief über seine Wangenknochen, die im Licht der aufgehenden Sonne rot schimmerten. Unter ihm lächelte die junge Frau verzerrt. Dann blickte sie mit einem triumphierenden Funkeln in den Augen zu Tahir hinüber. Blut rann ihr übers Kinn.

Ihre Augen, dachte Tahir voller Entsetzen. Wie bei dem Taliban. Da ist irgendetwas in ihrem Blick …

Seine Beine gaben nach. Er fiel zu Boden, blieb aber nicht liegen, sondern kroch instinktiv davon. Sein Schädel pochte.

O Gott, was ist mit mir? Was geht hier vor sich?

Schemenhafte Gestalten huschten an ihm vorbei. Der Geschmack nach Kunststoff, den Tahir vorher schon wahrgenommen hatte, füllte seinen Mund. Schreie gellten durchs Dorf, hallten von dem Bergmassiv wider, dessen Höhen in blutrotes Sonnenlicht getaucht waren.

Tahir schwirrte der Kopf. Gedanken, Geräusche, Bilder zogen an ihm vorüber, unendlich viele, unendlich schreckliche. Sie tanzten und summten wie Millionen Insekten. Tahir wurde schwindelig. Übelkeit erfasste ihn.

Reiß dich zusammen! Er gab sich einen Ruck. Er musste nach Hause, zu Frau und Kindern. Sie brauchten ihn.

Tahir rappelte sich auf, stolperte den Weg entlang und stützte sich an den Wänden der schäbigen Häuser ab, um auf den Beinen zu bleiben. Aus jeder Baracke erklangen Schreie und Stöhnen. Tahir hörte flehende Frauenstimmen, das entsetzte Kreischen kleiner Kinder und das grölende Lachen von Männern. Es war die Hölle. Die Geräusche machten die Kakophonie in seinem Kopf noch unerträglicher.

Plötzlich packte ihn jemand von hinten. Tahir schrie auf, warf sich herum, schlug blindlings zu. Seine Faust traf mit voller Wucht. Sein jugendlicher Angreifer taumelte zurück. Es war ein Junge, den Tahir gut kannte. Ein Freund seiner Söhne.

Der Junge grinste verzerrt und hob das Messer, das er in der rechten Hand hielt, doch Tahir, der ihm körperlich weit überlegen war, entriss es ihm.

Und stieß zu, wieder und wieder.

Als der Junge blutüberströmt am Boden lag, wandte Tahir sich von ihm ab. Ein zufriedener Ausdruck lag nun auf seinem Gesicht. Er fühlte sich besser, stärker, entschlossener.

Von neuer Zuversicht erfüllt, ging er den Pfad entlang. Die wirbelnden Gedanken und Bilder waren zur Ruhe gekommen und hatten sich zu einem einzigen, alles beherrschenden Wunsch verfestigt.

Tahir betrachtete das blutige Messer.

Und lächelte.

Seine Familie wartete im Haus, wie er es befohlen hatte. Tahir sah, wie seine kleine Tochter als Erste an die Tür kam. »Papa!«, rief sie voller Freude. Dann erlosch ihr Lächeln, wich einem Ausdruck des Unglaubens. »Papa?«

Tahir kam näher, das Messer in der Hand.

Der ungläubige Ausdruck im Gesicht des Mädchens wurde von grellem Entsetzen verdrängt, als es die Miene seines Vaters sah, den Ausdruck seiner Augen.

»Papa!«

ERSTER TEIL

Klon, m

Nach dem altgriechischen κλών (klōn) = Zweig, Schössling gebildet.

Bedeutungen:

[1]  Biologie, Genetik: Genetisch identisches Exemplar eines Lebewesens, künstlich erschaffen durch ungeschlechtliche Vermehrung

[2]  Identische Kopie eines beliebigen DNA-Abschnitts, erschaffen mittels rekombinanter DNA-Technologie

[3]  übertragen: die Nachbildung eines Originals, die dessen wesentliche Merkmale besitzt, aber dennoch anders ist

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,

Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,

Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,

Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet.

– Homer, Odyssee, erster Gesang

1.

THEODORE/7

03. JUNI, FREITAG – RADNOR, PENNSYLVANIA

Der Junge war die Standardausführung. Das Modell, das man im Supermarkt kaufen würde. T-Shirt, knielange Shorts, glattes Haar, das in ein rundliches Gesicht fällt. Große braune Augen. Stereokopfhörer um den Hals. Ein verspieltes Dauergrinsen. Zu lange Beine für den noch knabenhaften, sonnengebräunten Körper. In kindlicher Unrast rutschte er auf dem Stuhl hin und her. Schließlich war er erst zwölf Jahre alt.

Sein erstes Opfer, eine junge Frau, hatte er mit einer Metallstange vergewaltigt, die er vom Bettgestell losgerissen hatte. Anschließend hatte er die Leiche sorgfältig arrangiert, so aufreizend wie möglich, damit die Familie sie in dieser Pose auffand. Einer anderen Frau hatte er die Brustwarzen abgebissen, bevor er sie mit ihren eigenen Strümpfen erdrosselt hatte, die er so fest zuzog, dass sie das Fleisch am Hals bis auf den Knochen durchschnitten.

Schmerz. Blut. Tod. Die Werke dieses hübschen Jungen.

Theodore.

Doch wie aus seiner Akte hervorging, hatte er noch schrecklichere Dinge getan.

Oder besser, seine DNA. Sein Original.

Trotz aller Bemühungen war es Castillo bisher nicht gelungen, eindeutige Unterschiede zwischen beiden zu entdecken. Er war sich nicht mal sicher, ob dies die zwei Wissenschaftler konnten, die hinter ihm standen. Sie entsprachen so gar nicht Castillos Vorstellung von Gelehrten. Keine weißen Laborkittel, keine professorale Zerstreutheit, keine gewichtigen Mienen. Stattdessen trugen sie Kakihosen und identische Polohemden in hellem Purpurrot mit dem DSTI-Logo auf der linken Brust. Außerdem waren beide mit einem Taser bewaffnet, den sie in einem Halfter an der Hüfte trugen.

Castillo vermutete, dass auch er nicht dem Bild entsprach, das die Wissenschaftler von einem Mann wie ihm hatten. Er trug Jeans, ein ausgebleichtes graues T-Shirt und brauchte einen Haarschnitt. Seine Waffen hatte er im Auto gelassen.

Die drei Männer standen in einem Beobachtungsraum mit einem fast wandgroßen Einwegspiegel, der den Blick in den Nebenraum erlaubte, sodass Castillo und die Wissenschaftler die vier Jungen dort unbemerkt beobachten konnten.

Der Raum befand sich im Massey Institute in Radnor, Pennsylvania. Auf der Webseite des Instituts wurde damit geworben, Massey sei ein »Behandlungszentrum für Jugendliche, wo sie gesunde Verhaltensweisen entwickeln, ihre Selbstachtung stärken und lernen können, ihre Gefühle positiv auszudrücken«. Die Behandlung bestand aus Gruppen- und Einzeltherapien, Zornmanagement, Therapien gegen Essstörungen, Hilfestellung bei Drogen- und Alkoholentzug, experimenteller Therapie und fortschrittlicher Medikation. Hinzu kamen die Behandlung organischer, neurotischer und emotionaler Störungen sowie Verhaltens-, Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen. Es gab maximal fünfzig Schüler, ausschließlich Jungen, wobei auf jeden Schüler acht Lehrer kamen, sowie einhundertfünfzig Physiotherapeuten.    

Besitzer und Betreiber von Massey war das Dynamic Solutions Institute, kurz DSTI, dessen Einrichtungen auf der anderen Seite des bewaldeten Geländes lagen. Seiner Webseite zufolge hatte das DSTI zweihundert Mitarbeiter und war ein privates Unternehmen auf dem Gebiet der Biotechnik, spezialisiert auf die Entwicklung von pharmazeutischen und gentechnischen Therapien.

»Phase eins, auf die unsere Forschung sich hauptsächlich konzentriert, ist das therapeutische Klonen«, erklärte Dr. Erdman, der Abteilungsleiter, ein Mann mit Nickelbrille und weißem Bürstenhaarschnitt. »Die meisten Leute würden es als Stammzellenforschung bezeichnen. Es geht um Versuche mit sogenannten pluripotenten Stammzellen – Nerven-, Haut- und Knochenzellen. Für uns sind sie bloß mikroskopisch kleine Bausteine.« Erdmans Stimme blieb so nüchtern, dass Castillo sich fragte, ob der Mann vielleicht noch unter Schock stand. Nach allem, was Castillo über die Morde der letzten Nacht erfahren hatte, wäre das nur allzu verständlich gewesen.

Erdman zeigte mit dem Finger auf Theodore und die anderen Jungen hinter dem Spiegel. »Diese Versuchspersonen«, sagte er, »gehören zu Phase drei.«

Castillo blickte erneut in den angrenzenden Raum und betrachtete den Jungen, der neben Theodore saß. Das Labor hatte ihn Jerry genannt. Sein Alter wurde mit fünfzehn angegeben. In seiner Akte stand, sein Original habe es genossen, Geschlechtsverkehr mit toten Mädchen zu haben und mit ihren Leichen Elektroschockversuche anzustellen, die er penibel dokumentierte und fotografierte. Die präparierten Brüste habe er als Briefbeschwerer behalten. In der Akte stand auch, Jerrys Original sei vor mehr als zehn Jahren hingerichtet worden.

Das Original.

Ein weiterer Teenager mit Namen Dean schaute sich von der Couch aus eine Sportsendung an. Auf Deans Grundstück waren 1973 siebenundzwanzig Leichen gefunden worden, nachdem Ermittler die Folterkammer entdeckt hatten.

Castillo sagte: »Ich dachte, wir sind noch mindestens zehn Jahre von dem hier entfernt.«

»Das glauben die meisten Leute.« Erdman nahm die Brille ab und putzte sie am Hemdsaum. »Aber die Biotech-Lobby ist extrem einflussreich geworden. Wir sind eine Industrie, die schon jetzt mehrere hundert Milliarden Dollar jährlich umsetzt. Unsere Arbeit hier am DSTI ist eine natürliche Erweiterung dieser Forschung.«

Der vierte Junge trug den Namen Andrei. Seiner Akte zufolge hatte sein Original in der Ukraine dreiundfünfzig Morde verübt. Die heimische Presse hatte ihn den »Ripper von Rostow« genannt.

Ein viel zu harmloser Name, dachte Castillo. Der Typ ist ein Monster, genau wie die anderen.

Andrei hatte seinen weiblichen Opfern erst die Augen ausgestochen und danach seelenruhig ihre Gebärmutter gegessen, nachdem sie ihn nicht mehr sehen konnten. Der Junge war offenbar noch nicht lange in der Gruppe. Andrei war erst vor Kurzem zehn Jahre alt geworden.

»Woher bekommen Sie die DNA?«, fragte Castillo.

»Archiviertes Material«, antwortete der zweite Genforscher, ein stämmiger Mann namens Mohlenbrock. »Autopsieproben. John Wayne Gacys Gehirn zum Beispiel hatten wir monatelang hier. Leihweise. Wir haben Millionen brauchbarer Zellen daraus gewonnen.«    

»Und wie?«, fragte Castillo.

»Der genaue Ablauf ist technisch sehr kompliziert«, erwiderte Mohlenbrock. »Jedenfalls können wir alles verwenden: von Haaren und Haarwurzeln bis hin zu Hautschuppen von Kleidungsstücken, die wir uns von Familienangehörigen beschaffen. Aber das ist vielfach gar nicht nötig. Die Hälfte dieser Leute hat uns bereitwillig Material zur Verfügung gestellt.«

Die Hälfte dieser Leute, dachte Castillo. Die Hälfte der Originale.    

Er richtete den Blick wieder auf Theodore, den ersten Jungen. THEODORE/7 stand auf der Akte unter dem Foto. Ein Klon. Haut. Knochen. Blut. Augen. Hirn. Jede einzelne Zelle dieses Körpers war die exakte genetische Kopie eines anderen Menschen.

Aber nicht irgendeines Menschen, sondern eines Ungeheuers.

Theodore war mit der wissenschaftlichen Zielsetzung erschaffen worden, gewalttätiges menschliches Verhalten zu studieren, um es besser begreifen und effektiver eindämmen zu können. Und was Gewalttätigkeiten anging, war Theodore das perfekte Versuchsobjekt, denn er war die exakte genetische Kopie eines der berüchtigtsten Serienmörders aller Zeiten.

Ted Bundy.

Die DNA dieses Jungen hatte somit eine beinahe legendäre Geschichte. Sie genoss so etwas wie einen Promi-Status. Diese DNA hatte gemordet. Achtundzwanzig Mal. Mindestens.

Castillo suchte irgendetwas in Theodores Augen, das jene Art von Ungeheuer erkennen ließ, das eine Frau langsam und methodisch mit einem Stück Sperrholz totschlägt und sich dabei mit der freien Hand selbst befriedigt. Doch er sah nur einen normalen Zwölfjährigen und sein eigenes schemenhaftes Spiegelbild auf dem getönten Glas.

»Das Massey Institute ist eine renommierte und exklusive Einrichtung«, fuhr Mohlenbrock fort. »Viele unserer Schüler sind auf normale Weise zur Welt gekommen und von ihren Eltern, die gutes Geld dafür bezahlen, regulär bei uns eingeschrieben worden. Die geklonten Jungen dagegen haben Adoptiveltern, die allesamt Vertragspartner des DSTI sind. Da ist es klar, dass sie ihre Söhne zu uns schicken.«

Castillo überflog noch einmal die Akte.

GD: 10. Juni 2001       ZKT: 1. Januar 2000

IMP: 10. Januar 2001    LM: N300

»Was bedeutet ZKT?«, fragte er.

»Zellkerntransfer«, antwortete Dr. Erdman. »IMP ist die Embryoeinpflanzung. LM ist die Leihmutter.«

»Verstehe«, murmelte Castillo, wandte sich vom Einwegspiegel ab und blätterte in den Papieren in seinem Ordner. »Und die sechs Jungen, die ausgebrochen sind …«

Er las noch einmal die Namen der Original-Gene, eine erlauchte Gesellschaft der schlimmsten Psychopathen der letzten hundert Jahre:  

Albert Fish   Jeffrey Dahmer  Henry Lee Lucas

Dennis Rader  Ted Bundy       David Berkowitz

Er hob den Blick von den Papieren und schaute Erdman verwirrt an. »Moment mal«, sagte er. »Ich dachte, der kleine Mistkerl in dem Raum da drüben, dieser Theodore, ist Ted Bundy. Wie kann er da ausgebrochen sein?«

Der Genetiker verzog das Gesicht. »Der Junge ist Theodore sieben.«

Castillo nahm sich Zeit, über die möglichen Konsequenzen nachzudenken, bevor er fragte: »Wie viele Theodores gibt es denn?«

»Ihr Interesse in allen Ehren, Mr. Castillo«, sagte Erdman ungeduldig, »aber uns geht es darum, dass die sechs Ausbrecher aufgespürt werden.« Er setzte seine Brille wieder auf. »Uns wurde versichert, Sie seien für diese Art Arbeit bestens qualifiziert.«

Castillo starrte ihn an und tippte dabei mit der Fingerspitze auf die Unterlagen, die man für ihn zusammengestellt hatte. Als Erdman den Ausdruck in Castillos Augen sah, wich er unwillkürlich zurück.

»Lassen Sie die Elternhäuser der sechs Ausbrecher überwachen«, sagte Castillo. »Wahrscheinlich werden diese Kids versuchen, Kontakt mit ihren Adoptiveltern aufzunehmen.«

»Wir lassen die Häuser bereits observieren«, erwiderte Erdman, hörbar erleichtert, Castillo diese Auskunft geben zu können.

»Gut.« Castillo nickte. »Ich brauche die vollständigen Akten aller Ausbrecher. Alles, was sie über diese Kids wissen. Freunde, Hobbys, Schulnoten … einfach alles. Ihre Fährte wird schnell kalt.«

»Selbstverständlich.« Erdman blickte rasch zu Mohlenbrock hinüber. »Diese Informationen werden bereits für Sie zusammengestellt. Natürlich stellen wir Ihnen auch die psychiatrischen und medizinischen Befunde zur Verfügung.«

»Ich brauche außerdem Informationen über die drei Geiseln«, sagte Castillo. »Detaillierte Angaben über Dr. Jacobson und die beiden Krankenschwestern, Santos und …«, er schaute in seinen Notizen nach, »Kelso. Wieso wurden Jacobson und diese beiden Schwestern nicht auch ermordet?«

Erdman zuckte die Schultern. »Das wissen wir nicht.«

»Vielleicht hat man sie leben lassen«, sagte Castillo nachdenklich, »damit sie helfen, Autos, Geld und Papiere zu beschaffen. Oder sie leben noch, weil sie irgendwie in diese Sache verwickelt sind. Vielleicht waren sie unzufrieden. Hat einer von den dreien Geschäftsgeheimnisse an einen Konkurrenten verkauft? Oder sich auf eine Romanze mit einem der Schüler eingelassen? Alles, was Sie mir geben können, würde mir helfen. Einschließlich sämtlicher E-Mail- und Telefonunterlagen.«

Erdman runzelte die Stirn. »Ist das wirklich notwendig? Die drei sind Geiseln. Oder bereits tot. Jede Minute Verzögerung bedeutet …«

»Zweimal messen, einmal schneiden.«

»Wie bitte?«

»Ein Zitat. Das hat mein Dad oft gesagt.«

»War er auch CIA-Auftragskiller?«

Castillo hob den Blick und lächelte. Diese Eierköpfe sind ganz schön frech. Nachdem sie für diesen Scheiß verantwortlich sind, sollte man doch meinen, dass sie die Klappe halten und den Kopf einziehen, bis die großen Jungs alles wieder in Ordnung gebracht haben. CIA? Der Typ weiß ja nicht mal, für wen wir arbeiten.

»Nein«, antwortete er. »Mein Vater war Paketzusteller.«

Castillo hatte in den letzten sieben Jahren beim JSOC, dem Joint Special Operations Command, ein halbes Dutzend Einsätze befehligt. Seine Spezialität war die Führung von Killerteams gewesen. Sie hatten feindliche Bombenbauer, Geldbeschaffer und militärische Anführer eliminiert. Obwohl sein Mentor, Colonel Stanforth, ihm erklärt hatte, der Auftrag für das DSTI fiele in die Kategorie »Entführungsfälle«, wusste Castillo aus Erfahrung, dass Befehle die seltsame Angewohnheit hatten, sich während eines Einsatzes zu verändern.

»Eines möchte ich klarstellen«, fuhr er fort. »Ich bin hier, um Ihnen zu helfen, diese sechs Kids aufzuspüren. Kann ich sie finden, verhafte ich sie, und das war’s dann. Nur dafür bin ich engagiert worden. Habe ich den geringsten Verdacht, dass diese Jungen oder sonst jemand liquidiert werden soll, um zu vertuschen, was hier passiert ist, schleife ich Sie persönlich in den Knast. Ist das klar?«

»Völlig«, antwortete Erdman. »Meine Frage war auch nicht respektlos gemeint.«

»In Ordnung. Kann ich jetzt die Opfer untersuchen?«

Erdman nickte. »Kommen Sie bitte mit.«

Castillo warf einen letzten Blick auf die Jungen im Nebenraum. »Unglaublich«, murmelte er. »Wie konnte es jemals dazu kommen?«    

Erdman lächelte zum ersten Mal. »Es hat mit Erbsen angefangen«, sagte er.

2.

DAS LAND NOD

03. JUNI, FREITAG – RADNOR, PENNSYLVANIA

Die meisten Toten lagen im Aufenthaltsraum.

Die Wände des Raumes waren in einem knalligen Hellblau gehalten, auf dem die dunkelroten Blutspritzer noch auffälliger waren, als sie es ohnehin gewesen wären. Castillo fühlte sich auf seltsame Weise an ein Bild aus seiner Vergangenheit erinnert: blutrote Korallen im tiefblauen Wasser das Aralsees.

Drei Männer in leichten Schutzanzügen und mit Atemschutzmasken, Angestellte des DSTI, huschten durch den Raum, sicherten Spuren, machten weitere Fotos. Morgen um diese Zeit würde es so aussehen, als wäre hier rein gar nichts passiert. Aber es war noch nicht morgen. Seit dem Ausbruch der Jungen waren erst knapp zwanzig Stunden vergangen.

Castillo folgte den beiden Wissenschaftlern. Als sie zu dem ersten Toten kamen, blieb er stehen, um die Leiche zu begutachten. Der Tote lag quer über dem Kickertisch des Aufenthaltsraums. Das Laken, mit dem jemand ihn bedeckt hatte, war durchgeblutet. Man konnte den Körper und die Gesichtszüge des Jungen darunter deutlich erkennen. Ein modernes Turiner Grabtuch, von dem noch immer Blut auf den Spieltisch und die Eisenstange mit kleinen Plastikfußballern tropfte.

»Wer ist das?«, fragte Castillo.

»Dylan«, antwortete Erdman.

Castillo wartete.

»Dylan Meinzer«, fuhr Erdman fort. »Geklont aus der DNA von Dylan Klebold, Amokläufer an der Columbine Highschool.«

»Okay.« Castillo zwang sich, diese Information wie eine normale Auskunft zu betrachten. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, was diese Männer ihm gerade alles erzählt hatten. Über den fragwürdigen Prozess des Klonens. Stattdessen konzentrierte Castillo sich auf die Fakten und wühlte in seinem Gedächtnis. Er erinnerte sich, dass Klebold und sein Kumpel – dessen Namen er nicht mehr wusste – vor gut zwanzig Jahren an der Columbine Highschool in Littleton, Colorado, ein Blutbad angerichtet und ein Dutzend Mitschüler ermordet hatten, bevor sie sich in der Schulbibliothek selbst erschossen. Wenn es stimmte, was Erdman behauptete, war dieser Leichnam ein Klon des Amokläufers Dylan Klebold. Zumindest einer davon.

Der zweite Tote war mit Telefon- und Computerkabeln an das Geländer der Treppe gefesselt worden, die in den ersten Stock führte. Castillo schaute hinüber zu der halb unter einem Laken verborgenen blutigen Gestalt, die wie bei einem schlechten Scherz zu Halloween mit ausgestreckten Armen da hing.

»Und wer ist das?«, fragte er.

»Einer der Erics.« Erdman blätterte in den Unterlagen auf seinem Schreibbrett. »Eric Palmer. Eric sechs. Blut- und PCR-Tests stimmen überein.«

»Wurde die Haut schon gefunden?«, fragte Castillo. Eine weitere Schwarz-Weiß-Frage. Diese Fragen waren ungefährlich und beherrschbar. Bleib dabei und sieh zu, dass du so schnell wie möglich aus diesem Schlachthof rauskommst. Es war über ein Jahr her, dass Castillo auch nur einen Tropfen Blut gesehen hatte. Hier gab es einen ganzen See davon.

»Nein«, antwortete Erdman, als wäre es ihm peinlich.

Castillo blickte erneut auf den toten Dylan vor ihm, dann schlug er das Laken zurück.

Der Körper darunter war meisterhaft und vollständig gehäutet worden, sodass die Leiche bis auf einige grausige Löcher unter den Armen und zwischen den Zehen wie eine Zeichnung aus einem Skizzenbuch Michelangelos aussah. Die Informationen, die Castillo bei seiner Ankunft erhalten hatte, ließen den Schluss zu, dass Erics Leichnam genauso aussah.

»Warum haben die anderen Kids diese beiden so sehr gehasst?«, fragte er. »Dylan und Eric?«

In Erdmans Blick flammte Interesse auf. »Ist das so offensichtlich?«

»Ja. Dieser Junge hier … er lebte noch, als sie ihn gehäutet haben.« Castillo blickte in die lidlosen starren Augen des Toten.

»Woher wollen Sie das wissen?«, fragte Erdman fasziniert.

»Ich habe so etwas schon einmal gesehen.«

»Tatsächlich?« Noch stärkeres Interesse seitens Dr. Erdman, diesmal weniger wissenschaftlich motiviert. »Wo war das?«

Castillo ignorierte diese Frage und legte das Laken wieder über den Toten. »Man sieht es an den Händen«, sagte er und trat auf die zweite Leiche, Eric, zu. »Die ausgestreckten Arme. Sofortige Totenstarre. Wie der letzte Krampf eines Ertrinkenden. Dylan und Eric sind an ihrem eigenen Blut erstickt. Können Sie mir noch mehr zu den beiden sagen?«

»Nun ja …« Erdman folgte Castillo weiter in den Raum hinein. »Offen gestanden, die anderen sind mit ihnen nie so richtig warm geworden. Es war ein Fehler, dass wir sie hierhergeholt haben.« Seine Stimme klang nüchtern, beinahe distanziert. »Natürlich sind Amokläufer etwas anderes als Serienmörder.«

»Natürlich.« Castillo unterdrückte ein verächtliches Lächeln. »Woher wissen Sie, dass das hier nicht Eric drei oder vier ist?« Das Wettpinkeln mit dieser Bande schien schlimmer zu werden als vorhergesehen. Eine Horde von Betas, die sich einbildeten, Alphatiere zu sein – die Sorte Männer, mit denen Castillo sein Leben lang zu kämpfen gehabt hatte. Wie eine seiner Ex-Geliebten – eine Doktorandin irgendeines Orchideenfachs, die er während seines Studiums in Maryland kennengelernt hatte – in ihrer Abschiedsrede trocken festgestellt hatte: »Deine Harter-Kerl-Masche hat mir gefallen, bis ich gemerkt habe, dass es gar keine Masche war.«

Erdman war nicht beleidigt, was ihn ehrte. »Es gibt Methoden, die Identität genau festzustellen. Wenn wir uns mit einer Sache auskennen, dann ist es die DNA. Außerdem hat keiner der anderen Erics die Schwangerschaft überlebt. Sie haben doch sicher schon von Dolly, dem Schaf, gehört: Fast dreihundert Klone dieses Tieres sind während der Trächtigkeit verendet, bevor das eine geboren wurde, das es zur internationalen Berühmtheit gebracht hat. Bei den meisten Klonen wird das Unternehmen noch heute vor der Geburt abgebrochen.«

Castillo musterte den Wissenschaftler. Das Unternehmen wird abgebrochen, dachte er. Diese Typen reden genau wie wir früher in der Army. Aber Erdman sprach nicht von einem Schaf, sondern von einem Raum, der von toten Jungen überquoll. Schwarz-Weiß. Bleib beim Schwarz-Weiß.

Den Rest des Raumes, die vielen Leichen, konnte Castillo nicht auf einmal in sich aufnehmen. Stattdessen konzentrierte er sich darauf, was unmittelbar vor ihm lag: blutige Metallplättchen von der Größe kleiner Tabletten.

»Das sind die Sender, nicht wahr?«, fragte er heiser.

»Ja«, antwortete Erdman.

»Erzählen Sie mir davon.«

Ein Dutzend dieser plättchenartigen Minisender war auf dem Kickertisch zurückgelassen worden – beinahe erwartungsgemäß in Gestalt eines Smileys angeordnet. Die Lücken zwischen den Plättchen waren mit Strichen aus Blut geschlossen worden. Auf dem Boden daneben lag die halb entkleidete Leiche einer Psychotherapeutin des Massey Institute mit dem Gesicht nach unten. Auch sie war mit einem blutdurchtränkten Laken bedeckt.

»Alle Versuchspersonen bekommen bei der Geburt einen Sender eingepflanzt – zu ihrer eigenen Sicherheit.«

Castillo beugte sich vor und betrachtete die Tote genauer. »Natürlich. Um sie jederzeit orten zu können.«

»Richtig. Wie es aussieht, haben die flüchtigen Jungen sich die Sender herausgeschnitten. Wir vermuten, dass sie Eric und Dylan die Haut abgezogen haben, um festzustellen, wo im Körper die Sender eingepflanzt sind.«

»Schon möglich«, sagte Castillo. »Die flüchtigen Jungen scheinen ihre eigenen Sender ziemlich schnell gefunden und sich aus dem Körper geschnitten zu haben. Und diese beiden armen Schweine hier haben Ihnen als Vorlage gedient … als Schnittmuster, sozusagen. Aber woher haben diese Kids gewusst, dass sie überhaupt nach Sendern suchen mussten? Wussten sie, dass man ihnen welche eingepflanzt hatte?«

Erdman schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er. »Das glaube ich nicht.«

Castillo ließ den Blick noch einmal durch den Aufenthaltsraum schweifen, katalogisierte kühl und professionell die überall vorhandenen Spuren der dramatischen Geschehnisse: Der Wachmann, der mit eingeschlagenem Schädel an der Treppe lag. Die zerrissenen, blutigen Schwesternuniformen. Blutrote Schimpfwörter und obszöne Cartoons an den Wänden. Ein halbes Dutzend Leichen unter blutigen Laken: die Schüler, die aus irgendwelchen Gründen nicht zur Gruppenexkursion eingeladen worden waren.

Nach Erdmans Auskunft hatten die Sommerferien des Massey Institute in der vergangenen Woche begonnen, sodass die meisten Schüler für zwei Monate nach Hause gereist waren. Castillo mochte sich gar nicht vorstellen, was hätte passieren können, wären beim Ausbruch der sechs Kids alle fünfzig Jungen hier gewesen.

Hellrot glänzendes Blut lief in Streifen über den großen Flachbildfernseher und die Xbox. Castillo schluckte. Noch mehr Korallen. Genau festzustellen, was sich hier abgespielt hatte – das Wer, Wie und Wann –, würde einige Zeit dauern. Die Digitalbilder der Überwachungskameras waren im Laufe der Nacht gelöscht worden; deshalb gab es keinen Hinweis auf den nächsten logischen Schritt.

Was ist hier passiert? Castillos Blickfeld schrumpfte auf einen stecknadelkopfgroßen Punkt. Schwarz-Weiß … Schwarz-Weiß …

Er wandte sich an Erdman. »Lassen Sie uns weitergehen. Wo ist Jacobsons Büro?«

»Gleich da drüben.«

Er folgte Erdman zur linken Ecke des Aufenthaltsraums. Dabei ließ er den Blick unbeirrt auf den Rücken des Wissenschaftlers gerichtet. Sie blieben vor einer Tür stehen. Castillo beobachtete, wie Erdman seine Hand über einen in die Wand eingelassenen Sensor führte. Der Sensor leuchtete blau auf und zeigte ein gespenstisches Bild der Hand mit ihrem Netz aus Adern.

»Gefäßerkennung«, sagte Erdman und drehte sich kurz zu Castillo um, als die Tür klickend entriegelt wurde. »Das Gerät vergleicht das Gefäßmuster und den Puls in Ihrer Handfläche mit gespeicherten Scans. Das Muster ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck und praktisch fälschungssicher.«

»Wieso das?«, fragte Castillo.

Erdman zeigte auf seine Hand. »Weil ohne fließendes Blut kein Scan möglich ist.«

»Verstehe.« Castillo nickte. »Es gibt also keine Möglichkeit, das System mit Knetmasse oder den Fingern einer Leiche zu täuschen.«

»Völlig unmöglich.«

»Und wer hat die Tür gestern Abend geöffnet? Wer hatte Zugang?«

»Dem Sicherheitsprotokoll zufolge hat Dr. Jacobson die Tür um 22:13 Uhr geöffnet.« Erdman zeigte durch die geöffnete Tür. »Hier, bitte. Jacobsons Büro.«

Das geräumige, teuer eingerichtete Büro war völlig verwüstet. Die Sitzgruppe und der Couchtisch aus dunklem Sequoiaholz waren zertrümmert, die Schränke ausgeleert. Einbauregale waren zersplittert und leer geräumt. Bücher und Aktenmappen lagen zerfleddert auf dem Teppichboden. Castillo sah, dass jemand versucht hatte, ein paar Akten anzuzünden.

Spiegel und gerahmte Bilder waren zerschlagen, Computer und Bildschirme zertrümmert worden, sodass der ganze Raum im unnatürlich grellen Licht der Deckenbeleuchtung wie eine Kristallgrotte funkelte. Der Schreibtisch des verschwundenen Wissenschaftlers war mit Blut bedeckt, das sich entlang der Kanten eines Laptops angesammelt hatte.

»Das Blut der Lehrerin?«, fragte Castillo. »Die aus dem Treppenhaus?«

»Korrekt«, bestätigte Erdman. »Mrs. Gallagher. Nächsten Monat wäre sie sechzig geworden.«

Castillo schaute sich um. Dann deutete er auf das zusammengeknüllte Tuch im Ausguss einer kleinen Bar in einer Ecke des Büros. »Und das ist, wovon mir bei meiner Ankunft berichtet wurde?«

»Ja.«

Castillo nickte und tat so, als begutachte er beiläufig den Raum, während sein Hirn noch einmal die Information verarbeitete, die er bekommen hatte, als er vorab über die Morde informiert worden war.  

Mrs. Gallaghers Gebärmutter und Eingeweide lagen keine drei Meter von ihm entfernt.

Heilige Scheiße, dachte er schaudernd. Das ist ja schlimmer als Towraghondi.

Um wieder klar denken zu können, versuchte er sich auf die beiden einzigen Dinge zu konzentrieren, die nicht zertrümmert waren: In einem Aquarium, in dem das Wasser von Blut rosa gefärbt war, schwammen noch ein Dutzend Zierfische, und hinter dem Schreibtisch hing eine gerahmte Stickerei. Ein Bibelzitat in Old English:

Und der Herr machte ein Zeichen an Kain,
und er wohnte im Lande Nod,
jenseits von Eden.

»Jacobson nannte es das ›Kain-Gen‹«, sagte Erdman, der hinter ihm stand. »Kain XP11, um genau zu sein. Nach Kain und Abel.«

»Verstehe. Der erste Mörder der Geschichte. Originell. Und was ist XP11 genau?«

»Ein codierendes Gen, das die Proteintranskription und die enzymatische Aktivität von DARPP-32, Dopamin, und Phosphoproteinen beeinflusst.«

»Ach, so einfach ist das?«, spöttelte Castillo. »Ihr Wissenschaftler seid echte Scherzkekse.«

Der Genetiker hob entschuldigend die Hand. »Tut mir leid. Ich werde versuchen, es einfacher zu erklären. Dopamin beeinflusst Gefühlsregungen. MAO-A – Monoaminooxidase-A – hilft, den Dopaminspiegel zu regulieren, und spielt eine Schlüsselrolle bei vielen asozialen Störungen und Psychopathien. Jedes Chromosom der menschlichen DNA enthält eine Million verschiedener Stränge mit Informationen darüber, wie der genetische Aufbau des Individuums aussehen wird. Der Strang XP11 bestimmt das MAO-A-Gen. Tritt in diesem Strang eine Anomalie auf, lässt sie auf anomale Dopaminwerte schließen, die beispielsweise einen Hang zu Gewalttätigkeit auslösen können.«

»Immer noch nicht das Gelbe vom Ei für einen Laien wie mich, aber schon besser«, sagte Castillo. »Und diese Klone werden hergestellt, damit Ihr Team dieses spezifische Gen, XP11, besser studieren und entwickeln kann?«

Erdman nickte. »Ganz genau.«

»Mit dem Ziel, die Neigung zur Gewalttätigkeit in den Griff zu bekommen?«

Der Genetiker zögerte mit der Antwort. Er überlegte offenbar, wie viel mehr Castillo wissen durfte. »Ja«, sagte er schließlich. »Und um sie zu heilen. Wir sind nicht nur hier, um Waffen herzustellen, Mr. Castillo. In den letzten zehn Jahren hat diese bahnbrechende Forschung mehr als fünfzig Patente hervorgebracht: Medikamente gegen Depression, bipolare affektive Störungen, die Parkinsonsche Krankheit und PTBS.«

Castillo musterte Erdman prüfend, um festzustellen, ob er PTBS – die posttraumatische Belastungsstörung – absichtlich erwähnt hatte. War das ein Tiefschlag? Wie viel wissen die über mich? Aber Erdman schien es nicht darauf angelegt zu haben, Castillo zu reizen oder gar zu beleidigen.

»Was ist mit Parkinson?« Castillo blieb lieber bei diesem Thema.    

»Diese Krankheit lässt sich durch längere therapeutische Beeinflussung des Dopaminspiegels heilen. Wir befinden uns in der klinischen Erprobung mehrerer Produkte für genau diesen Zweck.«

»Und Sie machen Versuche an den Kids?«

»Nein!« Erdman schüttelte entschieden den Kopf. »Auf gar keinen Fall. Wenn wir neue Proteine, Antikörper oder sonst etwas testen wollen, haben wir dafür Mäuse und Affen. Und auch freiwillige menschliche Probanden.«

»Und diese sechs Kids, die abgehauen sind?«

»Die müssen Sie sich als lebende Arzneimittelfabriken vorstellen, als Bioreaktoren aus Fleisch und Blut. Ein einziger Liter ihres Blutes enthält dreißig Gramm verbesserten menschlichen Proteins und ist Abermillionen Dollar wert.«

Offenbar ließ Castillos Miene erkennen, wie widerwärtig er diese Vorstellung fand, denn Erdman fügte rasch hinzu: »Ein herkömmliches Labor für Proteinentwicklung würde vierhundert Millionen kosten, bei einer Bauzeit von fünf Jahren. Versuchspersonen für das Projekt Kain kosten jeweils hundert Millionen und sind in einem Jahr fertig. Jeder dieser Jungen wird im Laufe seines Lebens allein dadurch, dass er mehrmals im Jahr Blut spendet, sechshundert Millionen Dollar Gewinn einbringen. Ich weiß, was Sie jetzt denken. Die Entscheidung liegt nicht bei den Jungen. Die ethische Problematik ist zugegebenermaßen kompliziert, aber …«

»Oder unmenschlich«, fiel Castillo ihm ins Wort.

»Eine Frage, über die wir vielleicht später diskutieren sollten. Heute stehen Leben auf dem Spiel.«

»Wie recht Sie haben«, spöttelte Castillo. »Wozu haben Sie mir das alles überhaupt erzählt? Das mit den Klonen, meine ich. Sie hätten mir einfach sagen können, sechs extrem gewaltbereite Jungen wären ausgebrochen.«

»Colonel Stanforth meinte, Sie würden es irgendwann selbst herausbekommen.«

Castillo nickte. Das war ein nettes Kompliment von seinem geschätzten Mentor. Doch in Gedanken fügte er die Frage an: Hättest du dir so was jemals vorstellen können, Stanforth? Kannst du dir vorstellen, was es für das Militär bedeuten könnte, dass man psychopathische Killer heranzüchten kann? »Wieso klonen Sie Massenmörder?«, fragte er. »Sollten wir nicht lieber Einsteins oder Mozarts klonen? Oder Kobe-Rinder? Oder … ich weiß nicht … Eddie van Halens?«

»Wer würde dafür zahlen?«, lautete Erdmans Gegenfrage. »In fünfzig Jahren kann der Konsumgütermarkt solche Programme vielleicht schultern. Heutzutage aber würde ein Startup Hunderte von Milliarden kosten. Das können sich nicht viele Industrien leisten. Die Ölbranche vielleicht oder die IT-Branche, vielleicht auch die Telekommunikation. Aber wen sollten wir für sie klonen? Beim Militär sieht die Sache ganz anders aus. Es war das Militär, das die Entwicklung der menschlichen Technik zehntausend Jahre lang vorangetrieben hat. Und wenn dabei etwas Gutes abfällt, zum Beispiel neue Medikamente … umso besser.«

»Aber wieso mussten es berüchtigte Serienmörder sein? Die schlimmsten Psychos, die Sie kriegen konnten? Wäre es nicht einfacher und sicherer gewesen, einen guten alten Schwiegermuttermörder zu nehmen? Die Gefängnisse sind voll davon.«

»Oh ja. Es gibt Hunderttausende, vielleicht sogar eine Million. Aber Jacobson leitet nun mal das Projekt. Er wollte die Gewalttätigsten. Nicht einfach Sexualstraftäter oder Familienmörder. Er wollte hundertprozentige, unberechenbare, abnorme Psychopathen. Und die meisten dieser Leute – jedenfalls diejenigen, die irgendwann geschnappt werden – sind Berühmtheiten.«

»Hier gibt es keine Mädchen. Vermute ich richtig, dass Jungen eher zu Gewalt neigen?«

»Vermuten?« Erdmans Lächeln war echt – das eines Wissenschaftlers, der endlich über sein Lieblingsthema sprechen darf. »Es ist genetisch und statistisch unwiderlegbar. Das Geschlecht wird gemäß der mendelschen Regeln vererbt. Erinnern Sie sich aus dem Schulunterricht noch an das XY/XX-System? Die Sache mit den Geschlechtschromosomen? Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Mit anderen Worten: In weiblichen Zellen kommt das X-Chromosom doppelt so häufig vor wie in männlichen. Die Mutter vererbt immer ein X-Chromosom, der Vater hingegen ein X-Chromosom oder ein Y-Chromosom. Die Wahrscheinlichkeit, dass Männer mit natürlicher Abwehr gegen den aggressiven XP11-Strang geboren werden, beträgt also nur fünfzig Prozent. Deshalb haben weibliche Individuen eine gute Chance, eine aggressive Mutation noch im Mutterleib zu überwinden.« Er lächelte. »Wir Männer hingegen sind für diese Krankheit erblich prädisponiert.«

»Also neigt der männliche Teil der Menschheit durch Vererbung zu Gewalt?«, fragte Castillo.

»So könnte man es ausdrücken«, antwortete Erdman. »Männer stellen fünfundneunzig Prozent der Strafgefangenen, neunundneunzig Prozent der Vergewaltiger und neunundneunzig Prozent der Insassen von Todestrakten.« Erdmans Lächeln wurde schief. »Man könnte sagen, dass uns Männern die Gewalt im Blut liegt.«

»Im wahrsten Sinne des Wortes, was?« Castillo deutete auf das Aquarium. »Was war da drin?«

Erdman blinzelte. »Bitte?«

»Wo Sie gerade von Blut reden – das Wasser im Aquarium ist rosa verfärbt. Vielleicht hat nur jemand die Hände eingetaucht, aber die Steine sind offenbar auch bewegt worden. Jedes Kind kann sehen, dass irgendwas dort hineingelegt wurde. Was war es?«

Obwohl Erdman die Antwort vermutlich kannte, gab er vor, in seinen Notizen nachsehen zu müssen. »Warten Sie mal … Es war ein Schlüssel«, sagte er. »Wozu dieser Schlüssel dient, wissen wir noch nicht. Er passt weder hier noch in Jacobsons zweitem Büro drüben im DSTI. Wir untersuchen das noch.«

Castillo überlegte, ob er den Schlüssel verlangen sollte, nur um zu sehen, wie Erdman reagierte. Dann aber sagte er sich, dass es sich nicht lohne, die Feindseligkeit des Wissenschaftlers weiter anzufachen. Schlösser jeder Art waren seit mehr als einem Jahrzehnt kein Problem mehr für Castillo; auf diesem Gebiet war er Profi. Also fragte er nicht nach dem Schlüssel, sondern erkundigte sich stattdessen: »Wurde Jacobsons Labor auch verwüstet?«

»Nein. Es gibt auch keinen Hinweis, dass er es letzte Nacht überhaupt betreten hat.«

Castillo bückte sich neben dem Schreibtisch und hob einen der Bilderrahmen auf. Das Foto unter den Glassplittern zeigte zwei Männer bei einem Händedruck. Der eine war ein ehemaliger amerikanischer Vizepräsident, der andere ein großer, schlanker Grauhaariger – ein Mann, der sich mit den geheimen Schalthebeln der Macht besser auskannte als jeder andere.

»Ist das Jacobson?«, fragte Castillo.

Erdman nickte.

Castillo ließ den Blick noch einmal durch das Büro schweifen. »Diese Jungen und Jacobson waren zu einer Art Gruppenbesprechung versammelt?«

»Ganz recht. Die Gruppe traf sich am ersten und dritten Donnerstag jeden Monats. Angela Corwin, die Chefin unserer psychiatrischen Abteilung, und Dr. Jacobson leiten die Besprechung stets gemeinsam … haben sie geleitet.« Corwin war ebenfalls ermordet worden. Man hatte ihre nackte Leiche in ihrem Büro gefunden. »Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass er es diesmal schafft.«

»Verzeihung … wer hat was geschafft?« Castillo hatte einen Moment nicht hingehört.

»Jacobson. Er war wochenlang außer Gefecht«, sagte Erdman. »Ich glaube, eine Lungenentzündung. Jedenfalls ging es ihm nicht gut. Er hat von zu Hause aus gearbeitet. Gestern Abend ist er zum ersten Mal wieder hierhergekommen.«

»Wieso hat er als Genetiker an solchen therapeutischen Sitzungen überhaupt teilgenommen?«

»Jacobsons Kerndisziplin ist Verhaltensneurologie. Seine Leistungen als Genetiker bauen darauf auf.«

»Verstehe. Und wer teilt die Schüler zu den Gruppentreffen ein?«

»Kommt darauf an. Meistens Vertrauenslehrer. Manchmal Dr. Jacobson persönlich.«

Castillo musterte Erdman mit zusammengekniffenen Augen, bevor er das Offensichtliche aussprach. »Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, Jacobson hat die sechs Jungen freigelassen. Die ganze Sache war geplant.«

Erdman schwieg.

»Darauf sind Sie selbst schon gekommen, nicht wahr?«, fuhr Castillo fort, der aus seiner Herablassung keinen Hehl machte. »Das allein erklärt die mühelose Flucht der Jungen, die aus dem Körper herausgeschnittenen Sender, die fehlenden Sicherheitsaufzeichnungen. Die Tatsache, dass es gerade diese sechs Kids waren. Den Schlüssel. Jacobsons eigenes Verschwinden.«

Castillo merkte dem Wissenschaftler an, dass das DSTI bereits zu denselben Schlussfolgerungen gelangt war – es vielleicht von Anfang an gewusst hat. Erdman wollte es nur nicht eingestehen.

»Doch weshalb?«, fragte Castillo. »Weshalb sollte ein Mann wie Jacobson so etwas tun? War er wütend? Unzufrieden?«

»Aber nein!« Erdman schüttelte entschieden den Kopf. »Er hatte keinen Grund zur Unzufriedenheit. Das DSTI war praktisch sein eigenes Unternehmen. Er konnte so ziemlich alles tun, was er wollte.«  

»So ziemlich alles? Was konnte er denn nicht tun? Hat er heimlich für die Konkurrenz gearbeitet? Den Börsenkurs des Unternehmens manipuliert? Hatte er finanzielle Schwierigkeiten? Oder hat er es vielleicht aus demselben Grund getan, aus dem ihr hier alles Mögliche tut?« Castillos schwenkte den Arm in einer umfassenden Geste. »Um zu sehen, was passiert.«

Erdman starrte ihn an und hielt dabei sein Schreibbrett schützend vor die Brust. Dann räusperte er sich umständlich. Castillo hatte das Gefühl, etwas gesagt zu haben, das der Wahrheit gefährlich nahe kam. Aber was genau?

»Das kann ich Ihnen leider nicht beantworten«, sagte Erdman schließlich. Nach einer Pause fügte er die Frage an: »Und was jetzt?«    

Castillo spielte erneut mit dem Gedanken, dem Gemetzel hier den Rücken zu kehren und zu verschwinden. Den Job sausen zu lassen. Nach Hause zu gehen. Oder sich irgendwo ein Zuhause zu schaffen. Ein neues Leben.

Aber dann kam ihm wieder das alte Mantra in den Sinn, das er sich vor über einem Jahr angeeignet und seitdem häufig vorgebetet hatte. Es waren Verse aus Homers Odyssee:

Ich will’s dulden; mein Herz im Busen ist längst zum Leiden gehärtet! Denn ich habe schon vieles erlebt, schon vieles erduldet, Schrecken des Meeres und des Kriegs; so mag auch dieses geschehen!

Galt das auch für diesen Auftrag?

Castillo hatte viele Jahre in der Army gedient, die meiste Zeit bei der Delta Force. Bei dieser Spezialeinheit hatte er gelernt, Menschen aufzuspüren und zu jagen.

»Was jetzt passiert, wollen Sie wissen?«, griff er die Frage Erdmans wieder auf. »Jetzt tue ich meine Arbeit.«

Die Wissenschaftler im DSTI hatten ihm gesagt, nur sechs Jungen seien dort draußen.

Das war nicht die ganze Wahrheit.

3.

HAUSBESUCH

03. JUNI, FREITAG – FELTON, DELAWARE

Albert konnte wieder nicht schlafen.

In seinem Kopf drängten sich zu viele Gedanken. Jede Idee, jede Erinnerung, jede Vorstellung führte zu einer anderen, während er an die Zimmerdecke starrte, die im Schatten lag.

Bald die Klassenarbeit in Spanisch. Die werde ich verhauen. Hab keinen blassen Schimmer davon. Verstehe kein einziges Wort von dem, was die Hackfresse von Spanischlehrer sagt, weil er aus Honduras oder sonst woher kommt. Was soll ich überhaupt mit Spanisch anfangen? Fahre sowieso nirgends hin. Bin noch nicht mal geflogen. Echt bescheuert. Eselficker wie der sollten nach Hause gehen in die beschissenen Slums, aus denen sie kommen. Oder Englisch lernen wie alle anderen.

Seine Gedanken schweiften zu einer Klassenkameradin. Adrienne hat echt fantastico Titten. Ihre Nippel sind fast immer zu sehen. Könnte stundenlang draufstarren … auf ihre Titten, ihren Hintern, ihren Mund. Aber ich glaube, die Tussi ist kalt wie ein Fisch. Na, egal … Hab gehört, dass Mike Gaffney mich nach der Schule gesucht hat. Er will jemand in den Arsch treten, der Vollpfosten … Scheiße, ich brauch ’nen Wagen, ich muss mal was anderes sehen. New York. Oder Vegas. Irgendwas. Ich könnte Mrs. Nolan mitnehmen und sie durchvögeln …

Er hatte sich schon dreimal einen runtergeholt. Um sich zu entspannen. Um müde zu werden. Er wollte einfach nur schlafen. Er musste sich beschäftigen, sonst kamen die verfluchten Gedanken zurück. Jede Nacht. Er war übersättigt von YouPorn und Red Tube und den affengeilen Fotos in seinen geklauten Hustler-Magazinen. Ein Mädchen darin hatte dunkle Haare unter den Armen. Wie ein Tier. Er hatte die vollgespritzten Seiten herausgerissen und im Klo runtergespült. Geiler. Freak. Der. Ich. Bin.

Wie gern hätte er mal auf Mrs. Nolan abgespritzt. Die Schlampe wohnte direkt gegenüber. Keine dreißig Meter weit weg. Albert wälzte sich auf die Seite, schaute aus dem Fenster zu ihr hinüber. Zu ihrem Schlafzimmer.

Sie macht es sich wahrscheinlich auch manchmal selbst. Sie ist vierzig oder so, aber sogar alte Leute machen es sich noch selbst. MILFs wie Mrs. Nolan erst recht. Liegt im Bett und besorgt es sich mit einem riesigen purpurroten Dildo. Vielleicht auch mit den Fingern. Wahrscheinlich hat sie ihren beschissenen Ehemann satt. Chris, diese Schwuchtel. Jede Wette, dass Mrs. Nolan voll darauf abfahren würde, wenn sie mal richtig durchgefiedelt …

Plötzlich kamen Geräusche aus dem Wohnzimmer. Irgendetwas zersplitterte. Bestimmt war das seine betrunkene Mutter, die wieder mal über den Beistelltisch stolperte, weil sie sich einen letzten Jack Daniels mit Diät-Coke genehmigte, bevor sie ins Bett ging. Wenn er Glück hatte, schlief sie sofort ein. In manchen Nächten aber kam sie zu ihm und fing an, ihn zu belabern. Ätzender Scheiß über seine Noten oder seine Kumpels oder zu laute Musik oder irgendwelchen anderen Stuss.   

Besoffene Schlampe.

Er würde mit Dr. Jacobson reden. Der hatte immer Pillen oder Ähnliches, von denen die schlimmsten Gedanken weggingen. Jedenfalls für einige Zeit.

Mrs. Nolan trägt zu Hause einen schwarzen Stringtanga. Hab ich selbst gesehen. Erst letzte Woche, als sie sich nach der Zeitung gebückt hat. Oh Mann, den Arsch möchte ich mal in die Finger kriegen. Eine echte Milchschnitte, die Alte.

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