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Verderben

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Prolog
  5. Kapitel eins
  6. Kapitel zwei
  7. Kapitel drei
  8. Kapitel vier
  9. Kapitel fünf
  10. Kapitel sechs
  11. Kapitel sieben
  12. Kapitel acht
  13. Kapitel neun
  14. Kapitel zehn
  15. Kapitel elf
  16. Kapitel zwölf
  17. Kapitel dreizehn
  18. Kapitel vierzehn
  19. Kapitel fünfzehn
  20. Kapitel sechzehn
  21. Kapitel siebzehn
  22. Kapitel achtzehn
  23. Kapitel neunzehn
  24. Kapitel zwanzig
  25. Kapitel einundzwanzig
  26. Kapitel zweiundzwanzig
  27. Kapitel dreiundzwanzig
  28. Kapitel vierundzwanzig
  29. Kapitel fünfundzwanzig
  30. Kapitel sechsundzwanzig
  31. Kapitel siebenundzwanzig
  32. Kapitel achtundzwanzig
  33. Kapitel neunundzwanzig
  34. Kapitel dreißig
  35. Kapitel einunddreißig
  36. Kapitel zweiunddreißig
  37. Kapitel dreiunddreißig
  38. Epilog

Prolog

Auf der zerfurchten, unbefestigten Wüstenstraße fuhr der DeSoto durch die Hügelkette, die das Ende des texanischen Flachlandes markierte. Eine Staubwolke begleitete den Wagen. Sie folgte ihm nicht, sondern hüllte das Fahrzeug regelrecht ein, aber der Staub war erträglicher als die Hitze, und daher blieben die Fensterscheiben unten.

Es war der dritte Tag ihrer Flitterwochen, und auch wenn Nancy es nicht zugeben wollte, war ihr und Paul schon fast der Gesprächsstoff ausgegangen. Seit Houston hatten sie kein Wort mehr miteinander gesprochen, abgesehen von Pauls gelegentlichen Bitten, ihm die Karte zu reichen. Nur zu gern hätte Nancy über irgendetwas mit ihm geplaudert, aber es wollte ihr einfach kein ergiebiges Thema mehr einfallen. Daher beschloss sie, ein Gespräch auf das Abendessen in El Paso zu verschieben.

Sie fächelte sich mit der Karte Luft zu. Die unerträgliche Hitze machte ihr zu schaffen. Bei diesen Temperaturen konnte sie einfach nicht klar denken. Noch nie in ihrem Leben war ihr so heiß gewesen, nie hatte sie sich unwohler gefühlt. Am liebsten hätte sie ihr Top und den BH ausgezogen. Und früher hätte Paul das bestimmt auch gefallen. Neigten frisch Verheiratete nicht zu wilden Spontanaktionen, denn nur durch diese kleinen Verrücktheiten blieben einem die Flitterwochen in Erinnerung. Noch Jahre später würden sie darüber lachen, wenn sie an diese Tage zurückdachten. Und niemand würde sie dabei beobachten – seit zwei Stunden war ihnen kein anderes Auto entgegengekommen –, aber sie brauchte ihm den Vorschlag gar nicht erst zu machen, sie wusste, dass Paul ihn nicht gutheißen würde.

Eigentlich hätten sie schon vor drei Jahren heiraten können, doch dann war Paul eingezogen worden und musste nach Korea. Nancy hätte ihn gern noch zum Mann genommen, bevor sein Schiff auslief, aber er hatte noch warten wollen … nur für den Fall. Jedes Mal wenn sie ihn darauf ansprach, hatte er auf Scarlett O'Haras ersten Ehemann in Vom Winde verweht verwiesen, auf den jungen Mann, den sie geheiratet hatte und der kurz darauf im Bürgerkrieg den Tod fand. Und obwohl Nancy wusste, dass er es als Witz gemeint hatte, bekam sie furchtbare Angst, dass auch er womöglich nicht aus dem Krieg zurückkehren könnte.

Doch er war zurückgekommen. Wohlauf und unverletzt. Aber danach war irgendetwas anders an ihm. Er hatte sich verändert, auch wenn sie nicht genau zu sagen vermochte, in welcher Weise. Es war ihr sofort aufgefallen. Sie hatte vorgehabt, ihn danach zu fragen, dann aber beschlossen, ihn in Ruhe zu lassen. Früher oder später würde er bestimmt von selbst davon anfangen. Sie war einfach nur froh, dass sie wieder zusammen waren. Als Mann und Frau. Und wenn das Schweigen manchmal zu lang war, so war es keine unangenehme Stille, und sie wusste, dass dieses Schweigen von ganz allein verschwinden würde, wenn sie erst einmal in Kalifornien lebten … neue Freunde und ein paar Kinder hatten und eine glückliche Ehe führten.

Weiter voraus, am Fuße eines Sandsteinhangs auf der rechten Seite der Straße, tauchte ein kleines Backsteinhaus auf, das hier am Ende der Welt fast deplatziert wirkte. Vor dem Haus befand sich eine grüne Rasenfläche, durchschnitten von einem kurzen weißen Pfad. Fenster waren nirgends zu sehen, nur rechts neben der Tür prangte ein großes, schwarz-weißes Schild an der Mauer.

»Seltsam«, meinte Paul und fuhr langsamer.

Nancy nickte.

Jetzt waren sie nah genug, um die Aufschrift lesen zu können:

DER LADEN

Lebensmittel – Drogeriebedarf – Handelswaren

Paul musste lachen. »›Der Laden‹? Was ist denn das für ein Name?«

»Na ja, klingt direkt und aufrichtig«, hob sie hervor.

»Ja, schon, aber mit einem Geschäft namens ›Der Laden‹ würdest du's in einer Großstadt nicht weit bringen. Da bräuchte man was Griffigeres, einen Namen mit etwas mehr Pep.« Wieder lachte er und schüttelte den Kopf. »›Der Laden‹ …«

»Halten wir doch an«, schlug Nancy vor. »Vielleicht haben die kühles Soda. Eine Erfrischung wäre doch jetzt genau das Richtige.«

»Okay.« Es gab keinen Parkplatz, und deshalb lenkte Paul den Wagen von der unbefestigten Straße und hielt unmittelbar vor dem kleinen Gebäude an. Er wandte sich Nancy zu: »Was möchtest du haben?«

»Ich komme mit rein«, meinte sie.

Er legte ihr eine Hand auf den Arm. »Nein. Du bleibst hier im Wagen. Ich werde uns die Flaschen Wasser besorgen. Welche Marke darf's denn sein?«

»Yoo-hoo«, antwortete sie.

»Yoo-hoo, ist gebongt.« Er öffnete die Fahrertür und stieg aus. »Bin gleich wieder da.«

Er lächelte sie an, und sie schaute ihm lächelnd nach, während er über den kurzen Weg Richtung Eingang schritt. Ihr Lächeln erstarb jedoch, als sie sah, wie er die Glastür öffnete, den Laden betrat und mit der Dunkelheit jenseits der Schwelle verschmolz. Erst da fiel ihr auf, wie seltsam dieses Gebäude war. Sie waren fünfzig, wenn nicht gar hundert Meilen von der nächsten Stadt entfernt, sie konnte weder Telefon- noch Stromleitungen entdecken. Und sie konnte sich nicht vorstellen, dass es da drin gekühlte Getränke zu kaufen gab, ja, dass es hier überhaupt Kundschaft gab. Dennoch hatte DER LADEN geöffnet – als befände er sich irgendwo downtown Pittsburgh und nicht in der Mitte der texanischen Wüste.

Und bei diesen Gedanken wurde ihr unbehaglich zumute.

Sie blickte unverwandt zur Tür und versuchte, etwas in dem dunklen Verkaufsraum zu erkennen, aber sie konnte nichts sehen. Keine Konturen. Keine Bewegungen. Das musste am Glas liegen, sagte sie sich, vielleicht auch am Stand der Sonne. Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Außerdem wäre Paul ja gar nicht hineingegangen, wenn es in dem Laden wirklich so düster gewesen wäre, wie es von außen den Anschein hatte.

Sie wollte daran glauben.

Kurz darauf kam Paul wieder aus dem Laden und hielt eine große Papiertüte in der Hand. Er sah verdutzt aus. Dann öffnete er die Fahrertür des DeSoto, setzte sich und stellte die Tüte zwischen die beiden Sitze.

»Wolltest du nicht nur ein paar Flaschen Wasser kaufen?«, fragte sie.

Er startete den Motor.

»Paul?«

Als sie keine Antwort erhielt, begann sie, die Tüte zu durchwühlen. »Glühbirnen? Was sollen wir mit Glühbirnen? Wir sind im Urlaub! Klopapier? Ein Handfeger? Kreppband? Wozu brauchen wir das alles?«

Verstohlen schaute Paul zurück zu dem Laden, als er den ersten Gang einlegte. »Verschwinden wir.«

Nancy spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. »Aber ich verstehe das nicht. Warum hast du diesen ganzen Kram gekauft? Und wo sind unsere Getränke? Du hast nicht mal an das Wasser gedacht.«

Er sah sie an, und Furcht zeichnete sich in seinem Gesicht ab. Furcht und Zorn, und zum ersten Mal seit ihrer Hochzeit, zum ersten Mal seit sie Paul kennengelernt hatte, hatte sie Angst vor ihm. »Halt den Mund, Nancy. Halt einfach den Mund.«

Sie erwiderte nichts und drehte sich um, als sie mit quietschenden Reifen losfuhren. Noch ehe der Wagen um die Kurve am Fuße des Sandsteinhangs raste, ehe der Staub die ganze Szenerie einhüllte, sah sie, dass die Tür des Ladens offen stand.

Den Anblick, der sich ihr bot, würde sie ihr ganzes Leben nicht vergessen, denn sie glaubte, den Besitzer des LADENS zu sehen.

Kapitel eins

1

Bill Davis schloss leise die Tür hinter sich, als er das Haus verließ. Er stieg die Veranda hinab und blieb einen Moment lang an der Auffahrt stehen, machte Kniebeugen und atmete kräftig ein und aus. Die Luft, die seinen Lungen entwich, wurde zu sichtbaren Atemwolken. Nach fünfzig Kniebeugen hielt er inne. Er richtete sich auf, stemmte die Hände in die Hüften und bog den Oberkörper erst nach rechts, dann nach links. Danach ging er über die Auffahrt zur Straße, wo er noch einmal ein- und ausatmete und schließlich zu joggen begann.

Am Fuß der Anhöhe ging der unbefestigte Untergrund in Asphalt über. Bill lief an Goodwin's Wiese vorbei und bog in die Hauptstraße ein.

Er liebte es, zu dieser frühen Stunde zu laufen. Das Joggen selbst gefiel ihm eigentlich nicht so gut – er betrachtete es als notwendiges Übel –, aber er war gern an der frischen Luft, vor allem morgens. Die Straßen waren noch leer. Len Madson stand bereits im Donut-Shop und bereitete die letzten Backwaren vor, während die ersten Kunden hereinschlenderten. Chris Schneider füllte das Zeitschriftenregal auf, und hier und da fuhren einzelne Trucks zu den Baustellen, doch ansonsten herrschte noch Stille in der Stadt; kaum Verkehr auf den Straßen, und so mochte Bill es am liebsten.

Er joggte durch downtown Juniper und lief immer weiter, bis er zum Highway kam. Die Luft war kühl und gesättigt von dem Duft der feuchten Vegetation und dem Geruch von frisch geschnittenem Gras. Bill atmete beim Joggen tief durch, und die Morgenluft wirkte vitalisierend und weckte die Lebensfreude in ihm.

Auf dem Highway konnte man weiter in die Ferne schauen, da die dicht bepflanzte Allee hier endete und den Blick auf die hügelige Landschaft freigab. Am Horizont stieg die Sonne hinter Wolkenbändern auf, die scheinbar bewegungslos über den Bergen schwebten und sich von dem blassen Himmel abhoben – schwärzlich in der Mitte und pink-orange an den Rändern. Im Licht der frühen Sonne flog eine Gänseschar in V-Formation gen Süden, wobei sich die Anordnung ständig änderte, da immer wieder ein anderes Tier die Führung übernahm und die anderen sich hinter ihm neu in den Schwarm eingliedern mussten. Erste gelbe Lichtstrahlen stahlen sich durch die Wolken und weiter unten durch das Geäst der Kiefern und beleuchteten Dinge und Flächen, auf die sonst niemand geachtet hätte: einen Felsblock hier, eine Senke dort, eine eingestürzte Scheune.

Jetzt begann für Bill die schönste Strecke beim Joggen – das offene Gelände zwischen dem Stadtrand und der kleinen, nicht eingemeindeten Parzellierung, die als Creekside Acres bekannt war. Die unbefestigte Straße auf der anderen Seite der Acres, die in einem Bogen zu seiner Straße zurücklief, war breiter und lag im Schatten eines dichteren Waldstücks, aber dieser Teilabschnitt von etwa einer Meile gefiel ihm ganz besonders. Hier nämlich fassten die hohen Bäume eine Wildwiese ein, die sich bis zu einer kleineren Anhöhe erstreckte. Ein Felsvorsprung am südlichen Rand der Wiese erinnerte von der Form her an ein frühgeschichtliches Idol, denn der Wind und Wetter ausgesetzte Fels wirkte auf den ersten Blick wie von Menschenhand behauen.

Bill verlangsamte etwas das Tempo, nicht weil er schon müde war, sondern weil er den Augenblick genießen wollte. Linkerhand sah er, wie das heller werdende Sonnenlicht von den Blättern der Zitterpappeln eingefangen und verstärkt wurde, die zwischen den Kiefern wuchsen. Er ließ den Blick nach rechts schweifen, über den Highway und weiter zur Wildwiese, aber irgendetwas war an diesem Morgen anders. Irgendetwas stimmte nicht. Er konnte es nicht auf Anhieb benennen, dann fiel ihm auf, dass sich etwas auf der Wiese befand, das da nicht hingehörte.

Das Schild war anders.

Ja, das war es. Er blieb stehen und atmete schwer. Das wettergegerbte Schild mit der Aufschrift »BAYLESS! ERÖFFNUNG IN SECHS MONATEN!«, das seit bestimmt zehn Jahren dort gestanden hatte, war nun fort und durch ein anderes Schild ersetzt worden. Ein leuchtend weißes Schild mit schwarzer Aufschrift, befestigt an zwei stabilen Pfosten.

DER LADEN kommt

Im Februar

Einen Moment lang starrte Bill wie gebannt auf dieses Schild. Gestern war es noch nicht da gewesen, und etwas an dem scharf gezeichneten Schriftbild und der unmissverständlichen Ankündigung rief eine leichte Unruhe in ihm hervor – er wusste selbst nicht genau, warum. Eine solche Reaktion war natürlich irrational, das wusste er, und normalerweise gab er nichts auf Vorahnungen oder Intuition, doch dieses Schild empfand er als störend. Das mochte daran liegen, dass ihm die Vorstellung missfiel, irgendetwas könnte dort auf »seiner« Wiese gebaut werden. Klar, eigentlich hätte dort vor Jahren ein Bayless-Lebensmittelladen entstehen sollen, aber mit dem Bau war nie begonnen worden, und das Schild hatte schon so lange dort gestanden, dass die Ankündigung zu einem leeren Versprechen verkommen war. Tatsächlich hatte das Schild allmählich zur Landschaft gehört und war nicht mehr gewesen als ein pittoresker Überrest am Straßenrand, wie etwa die verfallene Scheune weiter vorn oder die alte Blakey Tankstelle am Highway westlich der Stadt, die längst vom Dickicht überwuchert war.

Bill schaute sich um und versuchte sich vorzustellen, wie ein neuer Baukomplex auf der Wiese aussehen mochte: Das restliche Grün würde einem riesigen Parkplatz weichen. Es fiel ihm nicht schwer, sich ein solch deprimierendes Szenario auszumalen. Statt der glitzernden Tautropfen im Gras würde er morgens die schier endlose Asphaltfläche sehen, unterteilt in weiße Farblinien. Wahrscheinlich würde ihm ein großer Betonklotz den Blick auf die Anhöhe und den Felsvorsprung versperren. Die Berge im Hintergrund blieben von dieser Veränderung zwar unberührt, aber sie trugen auch nur zum Teil zur Schönheit dieses Fleckchens bei. Der Ort war ihm deshalb so ans Herz gewachsen, da die Natur hier perfekt aufeinander eingespielt war, alles gehörte auf wundersame Weise zusammen.

Noch einmal schaute er zu dem Schild. Dahinter, zwischen den Pfosten, entdeckte er nun ein totes Reh. Das war ihm bislang gar nicht aufgefallen, aber da die Wolken teilweise aufgerissen waren und die Sonne weiter stieg, hatten sich die Lichtverhältnisse geändert, sodass der braune Körper nun besser sichtbar war. Der aufgeblähte Bauch und der reglose Kopf ragten aus dem Gras. Offenbar war das Tier erst vor Kurzem verendet. Vermutlich in der Nacht. Noch waren keine Fliegen zu sehen, keine Anzeichen von Verwesung; keine sichtbaren Wunden. Ein sauberer Tod, und eben das erschien Bill unheilvoller, als wenn das Reh erschossen, von einem Auto erfasst oder von Wölfen gerissen worden wäre.

Wie oft mochte es vorkommen, dass Tiere unmittelbar neben einem Baustellenschild eines natürlichen Todes starben?

Er hätte dies als Omen auffassen können, wenn er an Omen geglaubt hätte, und jetzt kam er sich sogar dumm vor, da er überhaupt an Vorzeichen gedacht hatte. Warum hatte er einen Zusammenhang zwischen dem Ableben des Tiers und diesem Schild hergestellt? Er atmete kräftig durch und lief weiter, den Highway hinunter in Richtung der Acres, bis in der Ferne die Bergkette in Sicht kam.

Aber die innere Unruhe verließ ihn nicht.

2

Ginny war schon auf und hatte Frühstück gemacht, als er zurückkehrte. Samantha aß friedlich ihren Grießbrei vor dem Fernseher, während Ginny und Shannon in der Küche diskutierten. Shannon meinte, sie müsse nicht essen, wenn sie nicht wolle, sie sei ja schließlich alt genug, so etwas selbst zu entscheiden. Daraufhin hielt Ginny ihr einen Vortrag über Bulimie und Magersucht.

Bill war kaum im Haus, da fielen die beiden auch schon über ihn her.

»Dad!«, rief Shannon. »Sag Mom, dass ich nicht jeden Tag so viel zu frühstücken brauche. Gestern Abend hatten wir ein großes Dinner, und ich hab einfach noch keinen Hunger.«

»Und sag Shannon«, meinte Ginny, »dass sie eine Essstörung bekommt, wenn sie sich weiter so verrückt macht wegen ihres Gewichts.«

Er hob abwehrend eine Hand. »Ich mische mich da nicht ein. Das müsst ihr unter euch ausmachen. Ich geh duschen.«

»Dad!«

»Du kneifst immer«, sagte Ginny.

»Lasst mich damit in Ruhe!« Er nahm sich ein Handtuch aus dem Schrank, eilte ins Bad und schloss hinter sich die Tür ab. Das fließende Wasser übertönte die Stimmen aus der Küche, als Bill schnell die Joggingsachen abstreifte und in die dampfende Duschkabine stieg.

Der heiße Duschstrahl tat gut. Bill schloss die Augen und hob das Gesicht dem Brausekopf entgegen; die dünnen Strahlen trafen gleichzeitig seine Stirn, die Lider, die Nase, Wangen und Lippen, das Kinn. Das Wasser lief ihm am Körper hinab, sammelte sich zu seinen Füßen. Aufgrund der geringen Niederschläge im Frühjahr und Sommer war der Grundwasserspiegel abgesunken; das Wasser für die Stadtbewohner war rationiert worden, da auch die Schneemengen im Winter weitestgehend ausgeblieben waren, aber Bills Haus bezog das Wasser aus einem eigenen Brunnen. Daher blieb er an diesem Morgen lange unter der Dusche und genoss es, wie das heiße Wasser seine überanstrengten Muskeln verwöhnte.

Als er aus dem Bad kam, waren die Mädchen schon unterwegs zur Schule. Er ging in die Küche und schenkte sich Kaffee ein.

»Du hättest mich ruhig unterstützen können«, sagte Ginny, als sie die Teller der Mädchen in die Geschirrspülmaschine stellte.

»Sie ist doch nicht magersüchtig, Herrgott nochmal.«

»Dazu kann es noch kommen.«

»Du hast überreagiert.«

»Ach ja? Sie lässt das Mittagessen weg. Fast jeden Tag. Und jetzt will sie auch nicht mehr frühstücken. Sie isst nur noch zu Abend, das war's.«

»Ich will ja nicht deine Seifenblase platzen lassen, Gin, aber sie ist durchaus ein bisschen pummelig.«

Ginny schaute sich rasch um, als rechnete sie damit, dass Shannon noch einmal zurückgekommen war, um heimlich zu lauschen. »Das sollte sie besser nicht hören.«

»Schon klar, aber es stimmt doch. Offensichtlich isst sie mehr als nur das Abendessen.«

»Mir gefällt es nur nicht, dass sie sich dauernd Gedanken macht, wie viele Mahlzeiten sie nun hatte und wie groß die Portionen waren. Dieses ganze Gerede vom Gewicht und dem Aussehen.«

»Dann hör auf, darauf herumzureiten. Du schenkst ihr zu viel Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich wäre sie nur halb so viel mit sich beschäftigt, wenn du sie endlich mal in Ruhe lassen würdest.«

»So ein Quatsch. Wenn ich nicht einschreite, würde sie nur einmal pro Woche was essen.«

Bill zuckte mit den Schultern. »Sagst du.« Er überprüfte den Topf auf dem Herd. Ein hart gewordener Tropfen Grießbrei klebte am Deckelrand. Bill verzog den Mund.

»Ist nicht so schlimm, wie es aussieht«, meinte Ginny. »Gib etwas Milch hinein und erhitze das Ganze.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich mach mir einen Toast.« Die Brottüte lag noch auf der Anrichte. Er nahm zwei Scheiben heraus und steckte sie in den Toaster. »Beim Joggen habe ich ein neues Schild gesehen. Darauf stand »Der LADEN kommt …«

»Stimmt! Hab ich ganz vergessen dir zu erzählen. Charlinda hat's am Freitag erwähnt. Teds Firma hat sich für die Dachkonstruktion beworben. Könnte sein, dass ihm dieser Auftrag mehr einbringt als alle Aufträge im letzten Jahr zusammen. Wenn er ihn bekommt.«

»Schätze, viele Bauarbeiter hier in der Gegend würden sich freuen.«

»Ich dachte, du würdest dich auch freuen. Immer beklagst du dich über die hohen Preise in der Stadt und ärgerst dich, dass wir bis nach Phoenix fahren müssen, um ein bisschen mehr Auswahl zu haben.«

»Ich freue mich ja auch«, meinte er.

Aber das stimmte nicht. Rein verstandesmäßig wusste er den Bau einer LADEN-Filiale vor Ort zu schätzen. Die hiesige Wirtschaft würde angekurbelt, und das bedeutete, dass nicht nur mehr Menschen aus dem Baugewerbe Arbeit fänden, sondern dass es auch neue Stellen im Verkauf und im Service geben würde, insbesondere für die jungen Leute. Und das käme auch den Verbrauchern zugute. Ihre kleine Stadt würde von den Discounterpreisen und dem reichhaltigeren Warenangebot des LADENS profitieren.

Rein gefühlsmäßig hatte er jedoch so seine Schwierigkeiten damit, dass es hier bald den LADEN geben würde. Und das nicht nur, weil das Geschäft auf seiner Lieblingswiese stehen würde. Er konnte selbst nicht genau sagen, was ihn störte, aber er wollte einfach keine große Handelskette in Juniper.

Er dachte wieder an das Schild.

Dachte an das Reh.

»Na ja, ich schätze, die Einzelhändler vor Ort werden nicht gerade begeistert sein«, sagte Ginny. »Ich fürchte, wegen des LADENS werden einige von ihnen Konkurs anmelden müssen.«

»Das stimmt.«

»Und das hat uns in der Stadt noch gefehlt. Noch mehr leer stehende Gebäude.«

Sein Toast schnellte hoch. Bill nahm sich ein Messer aus der Besteckschublade und holte ein Marmeladenglas aus dem Kühlschrank.

»Ich mach mich dann mal fertig«, sagte Ginny und verschwand im Bad. Er hörte, wie sie sich die Zähne putzte, während er sich den Toast zurechtmachte. Kurz darauf stand sie wieder in der Küche, geschminkt und die Handtasche griffbereit. »Dann fahr ich mal zur Arbeit.«

»Ich auch.« Er ging zu ihr und küsste sie.

»Bist du zum Mittagessen zu Hause?«

Er lächelte. »Darauf kannst du dich verlassen.«

»Gut. Dann kümmerst du dich um die Küche, ja?«

»Ah, die Freuden der Telearbeit.« Er ging mit ihr zur Haustür, gab Ginny noch einen Kuss und sah ihr durch die Fliegengittertür nach, wie sie die Verandastufen nach unten stieg und auf der Auffahrt zum Auto ging. Er winkte, als sie losfuhr, schloss dann die Tür, aß seinen Toast zu Ende, wusch sich die Hände im Spülbecken und ging durch den Wohnraum in sein Büro.

Dort setzte er sich an seinen Schreibtisch und schaltete den PC ein. Wie immer verspürte er ein Kribbeln von fast diebischer Freude, als der Computer hochfuhr, ganz so, als würde er von etwas profitieren, das ihm nicht zustand. Er drehte sich mit dem Bürostuhl zum Fenster und schaute hinaus. Vielleicht war dies nicht exakt das Leben, das er sich erträumt hatte – aber es entsprach schon ziemlich genau seinen Vorstellungen. In seiner Fantasie war das Haus ein großes Gebäude mit Glasfassaden, und er saß an einem riesigen Eichenschreibtisch und blickte aus dem Panoramafenster auf den Wald, während aus der topaktuellen Stereoanlage klassische Musik erklang. In Wirklichkeit arbeitete er in einem engen Hinterzimmer, das nicht viel größer war als die Pinnwände und Anschlagbretter, die ihn umgaben. An jede erdenkliche freie Fläche hatte er Zeitschriftenartikel und Merkzettel geheftet. Im wirklichen Leben war er nicht so kultiviert wie in seiner Fantasiewelt – statt klassischer Musik hörte er meistens gute Rockmusik aus dem Kofferradio, das seine Töchter nicht mehr haben wollten.

Aber alles andere stimmte. Denn immerhin besaß sein Arbeitszimmer ein großes Fenster, von dem aus man den Wald sehen konnte. Und außerdem tat er das, was ihm Spaß machte, und das auch noch von zu Hause aus. Er hatte seinen Traum nicht aufgegeben und sich nicht auf etwas anderes eingelassen. Er war sich selbst treu geblieben, und hier saß er nun an seinem Telearbeitsplatz, ein technischer Redakteur, der für eine der größten Softwarefirmen des Landes arbeitete - eintausend Meilen von der Konzernzentrale entfernt. Mit seinen Vorgesetzten kommunizierte er per Modem und Faxgerät.

Nachdem der Computer zum Leben erwacht war, schaute Bill in sein E-Mail-Fach. Zwei Nachrichten von der Firma - bestimmt riefen sie ihm den Abgabetermin in Erinnerung - und eine Nachricht von Street McHenry, dem der Elektroladen in der Stadt gehörte. Mit einem Lächeln klickte er Streets Nachricht an, die nur aus drei Worten bestand: »Heute Abend Schach?«

Bill schrieb eine kurze Antwort und schickte sie zurück: »Wir sehen uns.«

Street und er spielten seit Längerem Schach auf zweierlei Weise - eine Partie spielten sie online, die andere auf einem herkömmlichen Brett. Keiner von beiden war ein wirklicher Schachfanatiker, und wahrscheinlich hätten sie schon längst mit dem Spiel aufgehört, wenn es da nicht eine kuriose und unerklärliche Tatsache gäbe: Bill gewann alle Online-Partien, Street hingegen sämtliche Partien am Schachbrett.

Eigentlich hätte die Statistik der Siege und Niederlagen anders aussehen müssen. Sie bedienten sich zwar unterschiedlicher Medien, aber das Spiel an sich blieb doch dasselbe. Ein Schachspiel blieb ein Schachspiel, ganz gleich, was für Figuren man benutzte oder wo die Partie stattfand. Dennoch, immer spielte es sich so ab.

Jedes Mal.

Und diese Merkwürdigkeit sorgte dafür, dass die beiden immer noch am Schach interessiert waren.

Bill schickte noch schnell eine Mail an Ben Anderson und informierte ihn über das Spiel am Abend. Der Lokalredakteur der Zeitung, ein weiteres Mitglied ihres Online-Triumvirats, hatte erst vor Kurzem von »dem Großen Schachrätsel von Juniper« gehört, wie er es immer nannte. Aber er war fasziniert davon und wollte partout bei allen Brettpartien dabei sein und heimlich die Online-Sessions mitverfolgen, weil er wissen wollte, ob er ein Muster bei den Spielern entdeckte. Irgendeinen nachvollziehbaren Grund musste es doch geben, warum einer am Rechner immer verlor, am Brett aber stets gewann.

Bis hierher war die Situation unbeschwert gewesen. Die beiden waren neugierig, aber nicht bierernst an die Sache herangegangen, aber als Bill auf sein E-Mail-Postfach starrte und an die Partien des letzten Jahres dachte, musste er wieder an den LADEN denken.

Das Schild.

Das Reh.

Plötzlich kam ihm das Gewinnen-Verlieren-Muster nicht mehr so wichtig vor, und er wünschte, er hätte sich nicht für den Abend verabredet. Wusste er doch ohnehin schon, wie die Partie ausgehen würde, und das fand er nun ein bisschen beunruhigend.

Einen Moment lang schaute er hinaus auf die Bäume, ehe er sich wieder auf den Bildschirm konzentrierte. Er war einfach noch nicht in der Stimmung, sich sofort in die Arbeit zu stürzen, und deshalb schloss er das E-Mail-Programm, anstatt die beiden Nachrichten der Firma zu lesen. Augenblicke surfte er bei Freelink, seinem Online-Dienst, um die Nachrichten des Tages zu lesen.

Er überflog die Schlagzeilen.

DRITTES LADENMASSAKER IN EINEM MONAT.

Die Worte sprangen ihn förmlich an. Zwar gab es noch andere Schlagzeilen und interessantere Berichte, aber die sah er nicht, und es kümmerte ihn auch nicht. Ihn fröstelte, als er den Artikel auf den Bildschirm holte. Offenbar war ein Verkäufer eines LADENS in Las Canos, New Mexico, mit einer.45 Pistole zur Arbeit erschienen; er hatte sich die Waffe in den Hosenbund geschoben und mit der Uniformjacke verdeckt. Der Angestellte hatte zunächst wie immer von acht bis zehn Uhr gearbeitet, dann aber nach der Pause die Waffe gezogen und wahllos auf seine Kollegen gefeuert. Sechs Menschen wurden getroffen, ehe der Verkäufer nachlud, doch da rangen ihn Mitglieder der Security des LADENS zu Boden. Fünf der sechs Angeschossenen erlagen ihren Verletzungen. Der Zustand des sechsten Kollegen sei noch kritisch.

Dem Bericht zufolge war es in den LADEN-Filialen in Denton, Texas, und Red Bluff, Utah, während der letzten Monate zu ähnlichen Zwischenfällen gekommen. In der texanische Filiale hatte ein Kunde auf die Angestellten gefeuert, dabei drei getötet und zwei verletzt. In Utah hatte ein Lagerarbeiter das Feuer auf die Kunden eröffnet. Dieser Mann hatte eine halbautomatische Waffe gehabt und fünfzehn Menschen niedergemäht, bevor er von einem Polizisten erschossen wurde.

Aus der Chefetage des LADENS gab es keine Kommentare zu den Vorkommnissen. Stattdessen war einer Pressemitteilung zu entnehmen, man untersuche zurzeit noch, ob die Zwischenfälle in einem Zusammenhang stünden.

Bill las den Bericht erneut durch und spürte, wie ihm die Kälte in die Glieder fuhr.

Das Reh.

Er loggte sich bei Freelink aus und starrte eine Weile auf den leeren Bildschirm. Schließlich holte er seine E-Mails ab und las die Nachrichten seiner Firma, um mit der Arbeit beginnen zu können.

Kapitel zwei

1

Greg Hargrove starrte auf den Vertrag auf seinem Schreibtisch und zog die Stirn in Falten. Es missfiel ihm, die Arbeit auf diese Weise zu verrichten. Es mochte ja sein, dass das inzwischen so üblich war, aber er kam mit seinen Kunden lieber auf die altmodische Art ins Geschäft – in einem persönlichen Gespräch. Dieses Faxen und Telefonieren und der Overnight-Expressversand war seiner Meinung nach etwas für die Investmentgesellschaften der Wall Street, aber verdammt nochmal, das Baugewerbe war doch keine Dienstleistung oder Schreibtischtätigkeit. Das war harte, körperliche Arbeit - ehrliche Arbeit von Männern, die zupackten. Männer, die was mit ihren Händen schufen, das man später auch anfassen konnte.

Und daher erschien es Greg nicht richtig, die Sache auf diese Weise anzugehen.

Er nahm den Vertrag zur Hand. Dies war der größte Job, den er je gehabt hatte, vielleicht der größte Job seines Lebens, und es schmeckte ihm einfach nicht, den Auftrag auf dem Papierweg abklären zu müssen. Er wollte jemandem gegenübersitzen, jemandem die Hand schütteln, eine Stimme hören.

Allerdings hatte er eine Stimme gehört, gleich mehrere Stimmen sogar. Alle hatten sie am Telefon zu ihm gesprochen. Stimmen von Vorstandsmitgliedern, die über seinen Kopf hinwegredeten; sie unterhielten sich nicht mit ihm und scherten sich offensichtlich auch nicht darum, was er zu sagen hatte.

Im Verlauf der letzten Tage hatte es nicht einmal mehr Telefonate gegeben. Nur Formulare und Listen, Baubeschreibungen und Vorgaben.

Was ihn besonders ärgerte, war der Umstand, dass der meiste Papierkram nachts gefaxt wurde. Es war schon schlimm genug, das Geschäftliche unpersönlich abwickeln zu müssen, aber musste das alles denn vonstattengehen, wenn er nicht mal anwesend war? Musste er erst morgens irgendwelche Faxe vorfinden, um zu erfahren, was eigentlich Sache war? Das ging ihm wirklich auf die Nerven.

Er war es gewohnt, mit einem Auftraggeber die Baustelle zu besichtigen und ihm zu erklären, warum was gemacht wurde. Geduldig beantwortete er alle Fragen und nahm seinen Kunden alle Zweifel, indem er ihnen den Bau in den verschiedenen Phasen vorführte.

Nie hatte er lange Berichte verfassen müssen.

Und sich Kritik an den Berichten anhören müssen.

Das ärgerte ihn am meisten. Der Kontrollverlust. Bei jedem Projekt war bislang er derjenige gewesen, der die Verantwortung getragen hatte. Er hatte das Sagen gehabt. Zugegeben, er hatte die Wünsche der Kunden erfüllt, aber innerhalb dieses Rahmens hatte allein er die Entscheidungen getroffen. Jetzt jedoch war er nicht mehr als ein Handlanger, der Anweisungen befolgte und keine eigene Meinung mehr zu haben hatte.

Das gefiel ihm nicht.

Und dabei befanden sie sich erst in der Planungsphase. Weiß Gott, was alles geschehen mochte, wenn der eigentliche Bau begann.

Es konnte ja eigentlich nur besser werden, redete er sich ein. Ja, es würde besser werden.

Auf ein Klopfen an der Tür hin drehte Greg sich um. Tad Buckman stand auf der Veranda vor dem Büro und drückte seine Zigarette mit dem Arbeitsstiefel auf dem Zementboden aus. »Sind Sie bereit, Boss? Wir können dann mit den Vermessungen beginnen.«

Greg nickte seufzend. »Klar«, sagte er, »bin gleich bei Ihnen. Ich hole nur eben die Zettel mit den Daten.« Er legte den Vertrag wieder auf den Schreibtisch, ging zum Aktenschrank, um die erforderlichen Unterlagen zu holen, und blieb auf halbem Weg beim Fax stehen. Wortlos registrierte er die letzten Änderungen dieses Morgens.

2

Ihre Regelblutung ließ auf sich warten.

Shannon klappte ihren Spind zu und drehte das Zahlenschloss, wobei sie die Bücher von der linken Hand in die rechte nahm. Eigentlich war sie nie überfällig. Sie wusste, dass die Periode bei einigen Mädchen unregelmäßig einsetzte. Bislang hatte ihr Körper allerdings wie ein Uhrwerk funktioniert, ihr Zyklus war fast immer auf den Tag genau gewesen.

Jetzt war sie drei Tage über dem Termin.

Sie drückte die Bücher an sich, als sie den Flur hinunter zum Matheunterricht eilte. Es war dumm, aber sie hatte das Gefühl, als ob alle es ihr ansahen … als könne man es schon sehen, und daher bedeckte sie den Bauch mit den Büchern.

Vielleicht hatte ihre Mom recht. Vielleicht sollte sie doch mehr essen. Denn so ließe sich ihr langsam anschwellender Bauch eher mit einer Gewichtszunahme als mit der Schwangerschaft erklären.

Aber vielleicht war sie ja auch gar nicht schwanger.

Sie seufzte. Bei ihrem Glück?

Nein, sie war mit ziemlicher Sicherheit schwanger.

Wahrscheinlich gleich mit Zwillingen!

In Filmen, Büchern und Zeitschriften vertrauten sich die Mädchen immer ihren Schwestern an, aber mit Samantha konnte sie auf keinen Fall darüber sprechen. Wie gern würde sie sich spät abends noch mit jemandem im Schlafzimmer unterhalten, wenn die Eltern schon längst schliefen. Dann könnte sie ihrer Schwester von ihrem Problem erzählen und vielleicht auf Mitgefühl oder einen Rat hoffen, aber dazu würde es nicht kommen. Sam war einfach zu perfekt. Sie war hübsch, beliebt, hatte immer gute Noten, steckte nie in Schwierigkeiten. Obwohl die Jungs ihrer Schwester schon hinterherliefen, seit sie fünfzehn war, bezweifelte Shannon, dass Sam schon Sex gehabt hatte. Wahrscheinlich würde sie damit bis zur Hochzeit warten.

Und wie Shannon ihre Schwester kannte, so würde Sam sie vermutlich noch mehr tadeln als ihre Eltern.

Nein, darüber konnte sie unmöglich mit ihrer Schwester sprechen.

Aber mit Diane könnte sie sich darüber auch nicht unterhalten. Diane war zwar ihre beste Freundin, aber leider ein Plappermaul, und es stand zu befürchten, dass es bald jeder in der Schule wüsste, wenn sie Diane von ihrer Annahme erzählte.

Das wollte sie nicht.

Sie könnte es nur Jake anvertrauen. Aber sie vermutete, dass der nicht begeistert sein würde. Natürlich wusste sie nicht genau, wie er reagieren würde, konnte sich das Gespräch aber lebhaft vorstellen. Allein bei dem Gedanken an die Diskussion drehte sich ihr der Magen um.

Wenn sie doch nur Gewissheit hätte! Dann wäre es leichter für sie. Die Ungewissheit war eigentlich am schlimmsten. Wenn sie genau wüsste, was los war, dann könnte sie besser planen und über ihr weiteres Vorgehen nachdenken. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als sich Sorgen zu machen und per Kopfkino von einem Horrorszenario ins andere zu taumeln.

Sie nahm sich vor, einen Schwangerschaftstest zu machen, und zwar gleich hier in der Toilette der Schule, aber ganz gleich, wo sie diesen Test auch kaufen würde, sie ahnte, dass ihre Eltern auf Umwegen davon erfahren würden.

Ein Nachteil, wenn man in einer Kleinstadt lebte.

Der LADEN, der demnächst eröffnete, käme in dieser Hinsicht genau richtig, dachte sie. Endlich Anonymität!

Der LADEN.

Es war schon fast lächerlich, wie aufgeregt alle waren, wenn es um den LADEN ging. Wenn man die Leute so reden hörte, könnte man glauben, das Nobelkaufhaus Neiman Marcus käme nach Juniper, und nicht bloß eine blöde Discounterkette. Fast war es, als -

Sie glitt mit dem linken Fuß aus.

Da sie in Gedanken war, hatte sie nicht darauf geachtet, wo sie hintrat und auch nicht bemerkt, dass irgendjemand etwas auf dem Boden verschüttet haben musste. Instinktiv klammerte sie sich an ihre Bücher, versuchte das Gleichgewicht zu halten, stolperte rückwärts und stieß aus Versehen mit Mindy Hargrove zusammen.

»Hey, pass doch auf, Davis!«, rief Mindy und stieß sie zur Seite.

Shannon hatte sich gerade noch gefangen. »Sorry, bin ausgerutscht.«

»Aha.«

»Aus Versehen.«

»Klar.«

Shannon zog die Stirn kraus und ging weiter. »Ach, leck mich doch, Mindy.«

»Das hättest du wohl gerne, was?«

Einige jüngere Schüler auf dem Flur begannen nun zu johlen, aber Shannon zeigte ihnen den Mittelfinger und setzte ihren Weg zum Klassenraum fort. Augenblicke später gesellte sich Diane zu ihr und lachte. »Das war toll.«

»Aha, du hast's also gesehen?«

»Du bist voll gegen sie geknallt. Hast sie fast über den Haufen gelaufen.«

»Da war Wasser oder sonst was auf dem Boden. Bin ausgerutscht.«

»Geschieht dieser hochnäsigen Zicke recht.«

Shannon täuschte Empörung vor. »Hochnäsig? Mindy? Niemals!«

Diane kicherte, und die beiden betraten den Klassenraum, als es zur ersten Stunde klingelte.

Erst im Geschichtsunterricht sah sie Jake. Noch hatte sie gehofft, ihre Periode würde irgendwann im Verlauf des Morgens einsetzen, aber es tat sich nichts. Sie wollte so gern mit ihm sprechen und es ihm erzählen, aber obwohl sie im Unterricht nebeneinander saßen, traute sie sich nicht, davon anzufangen. Es waren einfach zu viele Klassenkameraden in der Nähe.

Deshalb wartete sie bis zum Essen, aber als es so weit war, wusste sie nicht, wie sie das Thema anschneiden sollte. Jake und sie saßen allein auf einer Mauer in der Nähe des Junior Circle und aßen schweigend ihr Lunch. Shannon setzte mehrere Male an, änderte dann aber ihre Meinung, weil sie nicht wusste, wie er reagieren würde. Sie wusste einfach nicht, wie sie anfangen sollte.

Offenbar hatte er ihr die Unruhe angemerkt, denn plötzlich nahm er ihre Hände in seine und fragte: »Stimmt was nicht?«

Fast hätte sie es ihm gesagt.

Fast.

Doch dann hoffte sie wieder, ihre Regel würde jeden Moment einsetzen, vielleicht noch in der nächsten Schulstunde. Daher schüttelte sie den Kopf und zwang sich zu einem Lächeln. »Nein, alles bestens. Wieso?«

3

Ginny saß in der Kantine, aß ihr Mittagessen und beobachtete die Kinder auf dem Schulhof. Die Jalousien waren halb heruntergelassen, aber sie konnte trotzdem sehen, wie die Kinder Tetherball und Himmel und Hölle spielten oder auf dem Klettergerüst saßen. In dem ganzen Gewimmel sah sie, wie Shaun Gilbert von Larry Douglas über den Hof gejagt wurde und dabei die anderen Kinder beim Himmel-und-Hölle-Spiel störte; sofort kreischten die Mädchen und riefen nach dem Lehrer, der Aufsicht hatte.

Ginny lächelte, als sie ihren Nudeleintopf aufaß. Meg Silva, die in der Oberstufe unterrichtete und auch die ganze Zeit über aus dem Fenster geschaut hatte, schüttelte den Kopf. »Diese Douglaskinder machen nichts als Ärger! Billy Douglas hatte ich letztes Jahr in meiner Klasse sitzen. Ich hab gehört, dass er in der Junior High vom Unterricht suspendiert worden ist, weil er Schuleigentum demoliert hat.«

»Larry ist eigentlich nicht so auffällig«, sagte Ginny. »Manchmal ein bisschen hyperaktiv, aber im Grunde ist er in Ordnung.«

Meg gab ein Schnauben von sich. »Man kriegt einen Blick für solche Schüler. In ein paar Jahren sprechen wir uns wieder.« Die ältere Kollegin knüllte ihr Sandwichpapier zusammen und warf es in den Abfalleimer unter dem Tisch, ehe sie aufstand und zur Couch ging.

Ginny sah, wie Meg sich setzte, und schaute dann wieder auf den Schulhof. Sie fragte sich, ob sie auch so ausgebrannt wäre, wenn sie erst einmal in Megs Alter war. Sie hielt es nicht für wahrscheinlich.

Möglich war es allerdings.

Aber sie glaubte nicht, dass es so kommen würde.

Sie unterrichtete gern in der Grundschule. Ihr Vater wunderte sich, warum sie nicht an der High School arbeitete, und meinte, sie würde ihr Talent vergeuden, doch sie arbeitete gern mit jüngeren Schülern. In diesem Alter konnte man die Kids noch beeinflussen, man konnte sie noch anders auf den Lebensweg vorbereiten. Die Grundschüler waren nett. Junior-High-Schüler waren echte Rotzlöffel, während High-School-Schüler zu sehr in ihrer Teenager-Welt gefangen waren und den Erwachsenen keine Beachtung schenkten. Aber die Schüler dieser Altersstufe hörten noch auf sie, respektierten noch Autoritäten. Am wichtigsten war es aber, dass sie gern mit diesen Kindern arbeitete. Natürlich gab es auch da schwarze Schafe. Das ließ sich nicht vermeiden. Aber alles in allem waren es nette Kinder.

Mark French, der Direktor, kam in die Kantine und trat an die Kaffeemaschine. »Sieht so aus, als halte endlich die Kultur Einzug in Juniper«, meinte er.

Ginny schaute zu ihm hinüber. »Wie bitte?«

»Der LADEN.« Er hielt die Zeitung hoch. »Hier steht, dass es dort statt einer einfachen Snackbar eine Cappuccino- und Sushibar geben soll. Außerdem bekommt man dort auch endlich mal ausländische Filme auf VHS und DVD. Man kann sie kaufen oder ausleihen. Der Norden Arizonas ist endlich im zwanzigsten Jahrhundert angekommen.«

»Als es gerade zu Ende geht«, sagte Meg.

»Besser spät als nie.« Der Direktor goss sich Kaffee ein und verließ den Aufenthaltsraum, wobei er den Frauen im Hinausgehen zunickte. »Ladies.«

»Ladies?«, schnaubte Meg.

Ginny lachte.

Sie schaute wieder aus dem Fenster auf den Schulhof und war bester Laune. Cappuccino? Sushi? Ausländische Filme? Ein Traum schien in Erfüllung zu gehen.

Sie konnte kaum erwarten, Bill davon zu erzählen.

Der würde sich freuen!

Kapitel drei

1

Er wurde durch den Knall einer Explosion geweckt.

Zuerst dachte Bill, dies sei Teil seines Albtraums. Er hatte nämlich eben noch gegen Wesen einer anderen Galaxie gekämpft, als er die Explosionen hörte. Doch jetzt bewegte sich auch Ginny neben ihm, und da wusste er, dass sie ebenfalls den Lärm gehört hatte.

Verschlafen wandte sie sich ihm zu. »Was ist los?«

»Sprengungen«, sagte er.

»Sprengungen?«, wiederholte sie müde. »Wird der Highway verbreitert? Das hätte man den Anwohnern doch gesagt.«

»Nein«, sagte Bill. Er trat die Bettdecke zurück und stand auf.

Sie schüttelte den Kopf. »Was?«

»Ach, nichts. Schlaf weiter.«

Er zog sich den Jogginganzug an, während seine Frau sich wieder in ihr Kissen kuschelte. Er wusste, was dort draußen vor sich ging. Das waren keine Straßenarbeiten. In diesem Herbst gab es nur ein größeres Bauvorhaben in der Stadt.

Den LADEN.

Sein Wecker würde erst in einer Viertelstunde klingeln, also stellte er ihn aus und ging ins Bad. Am Waschbecken benetzte er das Gesicht mit Wasser, um richtig wach zu werden, ging dann in die Küche und trank ein Glas Orangensaft, ehe er leise aus dem Haus schlich.

Diesmal ließ er die Aufwärmphase aus, eilte die Auffahrt hinunter zur Straße und begann zu joggen.

Juniper kam ihm jetzt noch verlassener vor als sonst, und diesmal empfand er die Leere eher als bedrückend und nicht mehr erfrischend. Er hatte mit mehr Licht in den Häusern gerechnet, mit mehr Leuten in den Straßen – hatte denn sonst niemand die Explosionen gehört? –, aber in der Stadt blieb es dunkel. Dunkel und still. Fast seufzte er erleichtert, als er die letzten Häuser downtown passierte und in Richtung Highway lief.

Obwohl die Sonne noch nicht aufgegangen war, deutete sich am Himmel hinter den Bergen ein helleres Grau an, als Bill seinen Lieblingsabschnitt auf der Joggingstrecke erreichte. Der Wald stand dunkel, die Bäume verschmolzen noch in der Schwärze der Nacht, aber die freie Fläche weiter vorn war bereits gut zu erkennen und schlummerte in blau-schwarzen Tönen. Bill lief langsamer, nicht weil er den Augenblick genießen wollte, sondern weil er zu erkennen versuchte, was dort geschah.

Unmittelbar vor dem Schild blieb er stehen.

Dieser Ort hatte sich in den zurückliegenden vierundzwanzig Stunden komplett verändert. Das Schild stand zwar noch an Ort und Stelle, aber fort waren die Schösslinge und kleinen Büsche, die über die Wiese verstreut gewesen waren. Auch die Wiese selbst war verschwunden. Das hohe Gras hatte man untergepflügt. Jetzt markierten lose Erdschollen und Vermessungsstäbe die Umgrenzung der Baustelle. Ein Stück der Anhöhe hatte man schlichtweg fortgesprengt; entwurzelte Bäume und Felsbrocken ragten in die nun flache Stelle vor dem Hügel.

Erschrocken starrte Bill auf die Szenerie. Bilder von der Zerstörung des Regenwaldes kamen ihm in den Sinn, Bilder von Brandrodungen in Entwicklungsländern, aber selbst in seinen pessimistischsten Prognosen hätte er nie gedacht, Verwüstungen vergleichbaren Ausmaßes hier in Juniper zu sehen. Aber so war es. Er hatte damit gerechnet, dass ein großes Unternehmen wie der LADEN Wert auf eine schonende Räumung des Geländes legen würde, aber nichts dergleichen geschah. Bäume wurden nicht geschützt, kein Versuch wurde unternommen, das charakteristische Gepräge des Geländes zu bewahren und in die Planung zu integrieren. Die Bäume hatte man einfach gefällt, den Boden gepflügt, den Hügel zur Hälfte gesprengt.

Und das alles an einem Tag.

Von Arbeitern war nichts zu sehen, man sah nur Baufahrzeuge und schweres Gerät: Bulldozer, Frontlader, Bagger und Kräne. All dies befand sich in der südöstlichen Ecke der Baustelle, jenseits des Maschendrahtzaunes. Seit der Explosion, die ihn aus dem Schlaf gerissen hatte, war nicht mehr als eine halbe Stunde vergangen, doch nirgends waren Arbeiter zu sehen. Bill ließ den Blick lange über das Gelände schweifen und versuchte, jemanden zwischen all den Baufahrzeugen zu sehen. Nichts. Niemand da.

Eine steile Falte zeichnete sich auf seiner Stirn ab. Selbst wenn hier nur nachts gearbeitet wurde, hätte er doch wenigstens ein paar Arbeiter herumlaufen sehen müssen – es sei denn, sie hatten die Sprengungen vorgenommen und sofort darauf die Baustelle verlassen.

Aber auf dem Highway hatte er keine Fahrzeuge gesehen, auf der Straße waren ihm keine Autos entgegengekommen.

Jetzt sprang er über den kleinen Graben neben dem Highway und marschierte an dem Schild vorbei auf das Gelände. Seine Laufschuhe sanken in den weichen Boden. Während er über Steine und Furchen ging und über Äste und Felsblöcke stieg, verwandelte sich die Verwunderung über die fehlenden Arbeiter in Wut angesichts der zerstörten Wiese. Wie hatte es nur dazu kommen können? Wo war denn die Bauaufsicht? Das Ordnungsamt? Auch in Juniper erlaubten es die Gesetze nicht, dass Bauherren einfach die Landschaft verschandelten. Eine Maxime des Stadtrats lautete sogar: »Bei allen neuen Geschäftsansiedlungen muss der Geist und der Stil der Stadt und ihrer Gebäude berücksichtigt werden. Sämtliche landschaftlichen Gegebenheiten sowie die natürliche Vegetation müssen weitestgehend erhalten werden.« Diese Forderungen hatte der damalige Stadtrat in den frühen Achtzigern unterzeichnet, um dafür zu sorgen, dass der einzigartige Charakter Junipers und der Umgebung erhalten blieb. Und seither hatte jeder darauffolgende Rat die Stadt in ihrem Engagement unterstützt, für ein kontrolliertes, gemäßigtes Wachstum zu sorgen. Wurde ein neuer Wohnkomplex gebaut, so erhielt der Bauherr die Auflage, eine entsprechende Zahl von Gelbkiefern in das Baugelände mit einzuplanen. Eine Tankstelle hatte beispielsweise keine Baugenehmigung an der ursprünglich vorgesehenen Stelle erhalten, da der Findling von der Größe eines Hauses, der zum Bodendenkmal einer ganzen Region geworden war, an seinem angestammten Platz bleiben sollte.

Doch jetzt hatte der LADEN es geschafft, sämtliche Bauauflagen zu umgehen und den schönsten Straßenabschnitt innerhalb der Stadtgrenzen auf einen Schlag zu zerstören.

Damit sollten sie nicht durchkommen. Gleich heute Morgen würde Bill zum Rathaus gehen und -

Er blieb wie angewurzelt stehen, ihm sank das Herz.

Im unmittelbaren Umkreis der Baustelle lagen unzählige tote Tiere.

Er holte tief Luft, während er diesen Anblick auf sich wirken ließ. Bulldozer hatten weiter hinten auf dem Gelände Überreste der Rodung zu einem Wall aufgeschoben und dadurch eine halbkreisförmige Begrenzung zum Land dahinter geschaffen. Zuerst hatte Bill nur Sträucher und Baumkronen gesehen, Stämme und Äste, aber jetzt sah er, dass in dem gerodeten Buschwerk auch tote Tiere lagen. Einige lagen reglos vor dem künstlich aufgeschobenen Wall. Auf die Schnelle zählte Bill vier Rehe, drei Wölfe, sechs Halsbandpekaris, dazu noch über ein Dutzend Waschbären, Eichhörnchen und Streifenhörnchen.

Wie waren all diese Tiere ums Leben gekommen?

Und warum?

Das Reh.

Das Reh war ein Omen gewesen, ein Vorgeschmack auf die Dinge, die noch kommen würden. Gestern hatte er diesen Gedanken noch absurd gefunden, vielleicht auch ein bisschen unheimlich, doch jetzt schien dem Tod des Tieres eine böswillige Absicht zugrunde zu liegen. Das Reh war offenbar beim Aufstellen des Schilds ums Leben gekommen. Und nun waren all die anderen Tiere bei der Rodung der Wiese gestorben.

Der Tod dieser Lebewesen schien der Preis für das Bauvorhaben zu sein.

Es war ein Abkommen.

Er wusste, dass dieser Gedanke dumm war, aber ob es nun logisch war oder nicht, etwas an dieser Vorstellung überzeugte ihn. Bill spürte Gänsehaut auf den noch schweißfeuchten Armen, als er die verdrehten, leblosen Kadaver sah.

Er ging weiter auf die Tiere zu. Das tote Reh, das hier gelegen hatte, war weder erschossen noch verletzt worden. Waren die anderen Tiere auch eines natürlichen Todes gestorben?

Rasch schritt er über den unebenen Untergrund. Vor zwei Tagen hätte er laut gelacht, wenn ihm jemand etwas so Widersinniges erzählt hätte wie das, was er im Augenblick dachte. Dies war schließlich eine Baustelle. Arbeiter hier aus der Gegend, Männer, die er vielleicht sogar kannte, waren angeworben worden, um dieses Stück Land zu roden und darauf ein Gebäude zu errichten. An so einem Sachverhalt war nichts seltsam oder unnatürlich.

Doch es war seltsam. Er wusste nicht warum, aber irgendwie hatte sich während der letzten vierundzwanzig Stunden alles verändert. Die ganze Welt schien sich verändert zu haben. Sein unerschütterlicher Glaube an den rational erklärbaren Kosmos hatte Risse erhalten, und obwohl er nicht an Geister, Goblins oder kleine grüne Männchen glaubte, war er nicht mehr der Skeptiker, der er einst gewesen war. Dieses Gefühl beunruhigte ihn und ließ ihn nicht los, und einmal mehr fragte er sich, ob nicht vielleicht doch sein persönlicher Bezug zu diesem Gelände seinen Standpunkt beeinträchtigte.

Drittes Ladenmassaker in einem Monat.

Er war bei dem ersten Tier angekommen, einem Wolf. Wie schon bei dem Reh war auch hier der Bauch aufgebläht. Auch bei dem Wolf entdeckte er keinerlei Anzeichen von Gewalt. Das Tier schien nicht einmal von einem der Bulldozer vor den Wall geschoben worden zu sein. Es sah so aus, als wäre das Tier freiwillig bis zu dieser Stelle gekrochen und dort verendet.

Sein Blick wanderte von dem toten Wolf zu dem Wall aus Wurzelwerk, Gestrüpp und Baumstämmen.

Aus dem Gewirr aus Feldsteinen und Büschen ragte ein Arm.

Bills Herz schien einen Schlag auszusetzen. Zögerlich trat er einen Schritt vor, um sich zu vergewissern, dass er sich das nicht eingebildet hatte.

Aus dem Geäst eines entwurzelten Manzanitabuschs ragte eine bleiche Hand, verschmiert von Dreck und Blut.

Erschrocken wich Bill zurück, stolperte über die jetzt hoffnungslos zerfurchte ehemalige Wiese und lief zur Straße. Die Sonne ging gerade über den Berggipfeln auf, als Bill den Highway erreichte und Richtung Polizeiwache rannte.

Später kehrte er mit den Cops zu dem Gelände zurück, beantwortete weitere Fragen und sah zu, wie die Beamten die Leiche aus dem Wall zogen. Nachdem man den Toten in einem Krankenwagen fortgebracht hatte, nahm Detective Forest Everson Bill wieder mit zur Wache. Dort nahm man Bills Aussagen zu Protokoll, das Bill noch einmal durchlas und dann unterschrieb.

Als er endlich die Formalitäten, Fragen und Berichte hinter sich hatte, war es schon nach zehn. In der ganzen Aufregung rund um den Toten waren die Zerstörung der Wiese und die mutwillige Missachtung der örtlichen Bauvorschriften etwas in den Hintergrund getreten. Obwohl Bill immer noch emotional mit dem Leichenfund beschäftigt war, rief er sich jetzt in Erinnerung, was er sich vorgenommen hatte. Daher verließ er die Wache und ging schnurstracks die wenigen Schritte zum Rathaus. Dort erzählte er dem jungen aknevernarbten Mann bei der Anmeldung, er wolle umgehend mit jemandem vom Ordnungsamt sprechen.

»Mr Gilman ist die ganze Woche nicht im Haus«, sagte der Angestellte.

»Und wer ist dieser Mr Gilman?«

»Der Beamte vom Ordnungsamt.«

»Kann ich denn nicht mit jemand anders sprechen?«, fragte Bill.

»Um was geht es denn?«

»Wer auch immer für die Rodung des Geländes verantwortlich ist, das der LADEN beansprucht, hat die Bauvorschriften in Juniper missachtet. Dort steht jetzt kein einziger Baum mehr, ein Teil des Hügels wurde abgesprengt -«

»Dann möchten Sie vielleicht mit Mr Curtis sprechen? Er ist der Stadtbaurat.«

»Prima«, freute Bill sich. »Dann möchte ich ihn sprechen.«

»Leider ist er im Augenblick nicht da. Er nimmt an einer Veranstaltung in Scottsdale teil. Wenn Sie wollen, dann richte ich ihm aus, dass er Sie anrufen soll, wenn er wieder zurück ist. Er ist nur heute außer Haus. Morgen müsste er wieder da sein.«

»Schauen Sie, ich möchte eigentlich nur, dass irgendjemand erfährt, was dort auf der Baustelle geschieht, damit jemand von der Bauaufsicht rausfährt, bevor noch mehr Schaden angerichtet wird.«

Dem jungen Mann war sichtlich unwohl zumute. »Ich, äh, denke, dass alles abgesegnet ist.«

Bill starrte ihn fassungslos an. »Wie bitte?«

»Ich glaube, dass für alles eine Genehmigung vorliegt.« Der junge Mann schaute sich um, als suche er nach einem Vorgesetzten, der ihm helfen könnte, aber an der gegenüberliegenden Wand saß nur eine Sekretärin an einem Schreibtisch. Sie schrieb etwas an ihrem Rechner und ignorierte das Gespräch. »Sie müssen sich an Mr Curtis wenden, aber ich meine, dass die Baubehörde dem LADEN grünes Licht gegeben hat.«

Bill war verblüfft. »Wie kann das sein? Davon habe ich nichts gehört.«

Der junge Angestellte trat unsicher von einem Bein aufs andere. »Sprechen Sie mit Mr Curtis.«

»Mr Curtis? Ich will den Bürgermeister sprechen!«

»Er ist nicht in seinem Büro, aber ich kann ihm eine Nachricht hinterlassen. Er ruft Sie dann zurück.«

»Ist denn zurzeit überhaupt jemand im Büro?«

»Heute Abend kommt der Stadtrat zusammen. Sechs Uhr. Sie könnten Ihr Anliegen in einer öffentlichen Diskussion zur Sprache bringen.«

Ja, dachte Bill. Eine öffentliche Diskussion. In der Stadtratssitzung. Das war genau der richtige Ort für Anliegen dieser Art. Hier war doch ganz offensichtlich etwas faul. Hinter verschlossenen Türen hatte die Stadtplanungskommission Entscheidungen gefällt, die die ganze Stadt betrafen. Kein Bürgervertreter war mit einbezogen worden. Bill vermochte zwar nicht zu sagen, ob auch Bestechungsgelder geflossen waren, aber irgendetwas stank hier mächtig zum Himmel. Es war an der Zeit, diese Vorgänge an die Öffentlichkeit zu bringen.

Er würde Ben Bescheid sagen, damit das Ganze in die Zeitung kam.

»Danke«, sagte Bill zu dem Angestellten. »Ich denke, ich werde mich an den Stadtrat wenden. Wann beginnt die Sitzung noch gleich?«

»Um sechs. Im Plenarsaal gleich nebenan.«

»Ich werde da sein«, meinte Bill.

Ginny rief gegen Mittag an, um zu hören, wie die Dinge sich entwickelt hatten. Bill hatte sie schon von der Polizeiwache aus angerufen, ihr von dem Toten erzählt und gesagt, dass er erst wieder zu Hause sein würde, wenn sie schon längst in der Schule sei. Jetzt berichtete er ihr ausführlicher, was geschehen war, und erklärte, man wisse nicht, wer der Tote sei und wie er gestorben war. Die Leiche werde zur Gerichtsmedizin nach Flagstaff gebracht.

»Ist er denn ermordet worden?«, erkundigte sie sich.

»Ich weiß es nicht«, meinte er. »Das wird wohl erst die Autopsie klären.«

»Wie unheimlich.«

Wenn du wüsstest, dachte er. Einen Moment schwieg er und überlegte, ob er ihr von den toten Tieren erzählen sollte, aber dann behielt er die Sache für sich. Stattdessen beschrieb er seiner Frau, wie der LADEN die Landschaft verschandelte.

»Deshalb also die Explosion«, sagte sie.

»Die haben alles zerstört. Du kannst ja nach der Arbeit mal dort vorbeifahren. Die Wiese erkennt man nicht wieder.«

»Und da hast du die Leiche gefunden? Während du dir die Zerstörung ansahst?«

»Ja. Ich ging über die Wiese - oder über das, was von ihr übrig ist -, um mir das Ausmaß der Zerstörung näher anzusehen. Und da sehe ich den Arm, der aus dem Geäst ragt. Dann bin ich gleich zur Polizei gerannt.« Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schaute aus dem Fenster auf den Wald. »Nicht einen Baum haben die stehen gelassen, Gin. Gegen Ende der Woche wird es auch keinen Felsvorsprung und keine Anhöhe mehr geben. Nur noch eine tote Ebene.«

»Was hast du erwartet?«

»Ich weiß es nicht. Ich dachte, unsere Bauvorschriften würden gewährleisten, dass der LADEN auf die landschaftlichen Gegebenheiten Rücksicht nimmt und nicht die Anwohner verschreckt. Aber die haben die ganze Wiese zerstört, alles. Jetzt sieht es da aus wie bei Brandrodungen in Entwicklungsländern.« Er hielt inne. »Heute Abend gehe ich zur Stadtratssitzung, um das Thema anzuschneiden. Ich denke, da wurde massiv gegen die örtlichen Bauvorschriften verstoßen. Aber als ich das einem Typen im Rathaus sagte, hieß es nur, die Baubehörde habe grünes Licht gegeben.«

»Hast du schon Ben gefragt, ob er was davon weiß?«

»Noch nicht. Ich rufe ihn später an.«

»Was hast du jetzt vor?«

»Nichts. Ich werde Fragen stellen und hoffe auf Antworten. Natürlich würde es mich nicht wundern, wenn sich herausstellt, dass unsere Stadtvertreter uns hintergangen haben, aber dann möchte ich wenigstens dafür sorgen, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden. Willst du nicht mitkommen?«

»Nein.«

»Ach, komm schon.«

»Ich arbeite in dieser Stadt. Die Leute, mit denen du heute Abend diskutierst, sind die Eltern meiner Schüler. Nein, da halte ich mich raus.«

»Okay, dann gehe ich mit Ben hin.«

»Prima.«

Ginny hatte nur eine halbe Stunde Mittagspause. Daher legten sie auf, und Bill ging in die Küche, um sich etwas zu essen zu machen - eine Dose Ravioli.

Am Nachmittag rief er Ben an und erfuhr, dass es sich bei dem Toten um einen Durchreisenden handele, der höchstwahrscheinlich per Anhalter nach Albuquerque unterwegs gewesen sei. Die bisherigen Untersuchungen zeigten, dass er schlichtweg im Freien gestorben war, da man keine Verletzungen oder Wunden hatte feststellen können.

»Ich schätze, der Mann lag unter einem der Büsche und wurde von dem Frontlader erwischt, als die Fläche geräumt wurde«, vermutete Ben. »Ist zwar seltsam, aber immerhin nachvollziehbar.«

»Wirklich?«, hakte Bill nach. »Wie meinst du das?«

»Ach, nur so. Kommst du heute Abend mit zur Stadtratssitzung?«

»Ich gehe sowieso immer hin, ist ja mein Job. Wieso?«

»Ich brauche jemanden, neben dem ich sitzen kann. Ginny will nicht mitkommen.«

»Weichei. Ich sitze immer allein da.«

»Du bist ja auch ein echter Kerl.«

Der Journalist schnaubte. »Warum willst du zur Sitzung kommen?«

»Ich möchte verhindern, dass sich der LADEN hier in Juniper ansiedelt.« Ben gluckste. »Ein bisschen spät, was?«

»Vielleicht. Aber hast du gesehen, was die hier mit der Landschaft veranstaltet haben?«

»Das ist deren Grund und Boden.«

»Es gibt Bauvorschriften, Naturschutzgesetze, Auflagen.«

»Manchmal werden diese Gesetzesvorschriften eben aufgehoben.«

Bill erschrak. »Was hast du gehört?«

»Ich bin ja kein Volltrottel. Auch ich stelle Fragen, wenn mir eine Sache ein bisschen komisch vorkommt. Das ist mein Job als Reporter, weißt du?«

»Ja, und?«

»Nun, inoffiziell heißt es, dass Juniper Zugeständnisse machen musste, damit die Stadt den LADEN kriegt. Denn sonst wäre er in Randall gebaut worden. Beide Städte hatten den Discounter heftig umworben, und derjenige, der die besten Anreize bot, bekam dann den Zuschlag. Man denke nur an die Gewerbesteuereinnahmen und die freiwilligen Sozialabgaben, von denen eine Stadt bei neuen Geschäftsansiedlungen profitiert.«

»Mist.«

»Insofern wirst du mit deinen Einwänden wohl allein auf weiter Flur stehen. Unsere Stadt leidet. Viele Leute hier würden wer weiß was dafür geben, damit es endlich neue Jobs gibt. Ich denke, die meisten finden es nicht so schlimm, dass ein paar Umweltschutzauflagen missachtet werden, wenn es dafür wirtschaftliche Sicherheit gibt. Das ist dann eben der Preis, den man zahlen muss.«

»Und wie denkst du darüber?«

»Das tut nichts zur Sache.«

»Aber du musst doch eine Meinung haben.« Ben schwieg einen Moment lang. »Ganz inoffiziell?«

»Ganz inoffiziell.«

»Ich muss neutral bleiben, verstehst du? Meine Glaubwürdigkeit steht sonst auf dem Spiel.«

»Klar.«

»Unter uns gesagt: Mir wäre es nicht unrecht gewesen, wenn der LADEN nach Randall gegangen wäre.«

Bill merkte erst jetzt, dass er den Atem angehalten hatte. Er stieß die Luft aus. »Warum?«

»Ich weiß es nicht«, gab der Journalist zu.

»Komm schon, mir kannst du's doch sagen.«

»Ehrlich, ich weiß es nicht.«

»Aber den LADEN magst du nicht.«

»Nein«, sagte Ben. Er sprach leise und ernst. »Ich mag den LADEN nicht.«

2

Sie aßen früh zu Abend, damit er es noch rechtzeitig zur Sitzung schaffte. Samantha bot sich an, ihn zu begleiten, aber Bill spürte, dass beiden Töchtern nicht wohl dabei war, dass er vor dem Stadtrat sprechen wollte, und er meinte, es sei schon okay, er werde mit Ben hingehen.

Shannon war direkter. »Lass es nicht peinlich für uns werden, Dad.«

Er grinste. »Findet ihr mich oft peinlich?«

»Immer.«

Er und Ginny lachten.

Die Mädchen allerdings nicht.

Nach dem Essen fuhr er zum Rathaus und schaute auf dem Weg auf die leeren Ladenfronten und verlassenen Häuser. Nach der Schließung des Sägewerks in den späten Achtzigern war die Innenstadt langsam ausgestorben. Die Schuld dafür hatten viele Einwohner Junipers bei den »Umweltaktivisten« gesucht, einer Gruppierung, die zum Sammelbecken für Wissenschaftler, nationale ökologische Bewegungen und gewöhnliche Bürger Arizonas geworden war. Die Aktivisten hatten sich unter anderem für den Erhalt des Kieferneichhörnchens eingesetzt und erreicht, dass die Regierung einem Abholzungsstopp für die Gegend bis zum Tonto zugestimmt hatte. Aber natürlich ging es auch um Gesundheitsfragen, Sicherheitsstandards und das Verbot illegaler Deponien mit hochgiftigem Müll. Tatsächlich hatte das Kieferneichhörnchen das Unerlässliche nur beschleunigt, wahrscheinlich auf lange Sicht zum Vorteil der Stadt. Denn das Abholzen der Wälder hätte ohnehin nicht mit der gleichen Geschwindigkeit fortgesetzt werden können, ohne den Baumbestand ernsthaft zu gefährden. Bäume waren nachwachsende Rohstoffe, und obwohl die Holzfirmen für neue Schonungen gesorgt hatten, wurde mehr Holz geschlagen als nachwuchs.

Der Tourismus war in Juniper von jeher der zweitgrößte Wirtschaftsfaktor gewesen, und bestimmt wären kaum noch Touristen gekommen, wenn man die umliegenden Wälder weiter in diesem Tempo abgeholzt hätte. Durch Juniper führte keine Bahnstrecke und auch keine größere Fernstraße; Juniper war weder optimal ans Verkehrsnetz angeschlossen noch war es attraktiv für größere Firmen. Daher war die Schönheit der Kiefernwälder der einzige Pluspunkt der Stadt. Die Rezession hatte sich auf den Tourismus ausgewirkt, aber die Flaute war inzwischen überstanden, und obwohl die Innenstadt ausstarb, stellte sich die Region allmählich auf die sich verändernde Wirtschaftslage ein. Investoren hatten Land erworben, und man erzählte sich sogar, dass in der Nähe von Castle Creek ein Wellnesshotel geplant war.

Dennoch, die hohen Löhne und die sicheren Jobs, die das Sägewerk geschaffen hatte, waren Geschichte. Seither bemühten der Stadtrat und die Handelskammer sich nach Kräften, größere Unternehmen und Softwarefirmen anzulocken, damit die Menschen in der Region wieder Arbeit hatten.

Und jetzt hatten sie sich den LADEN an Land gezogen.

Bill fuhr auf den kleinen, teilweise gepflasterten Parkplatz und stellte seinen Jeep direkt neben Bens Pick-up. Der Journalist hatte sich einen Platz in der ersten Reihe des Plenarsaals gesichert, und Bill eilte zu ihm und setzte sich. Dann schaute er sich um. »Nicht gerade gut besucht.«

»Ist es nie. Zumindest hier nicht.« Ben reichte ihm ein doppelt bedrucktes Blatt Papier. »Tagesordnungspunkte.«

»Irgendwas Aufregendes?«

Der Zeitungsmensch schüttelte den Kopf und grinste. »Nein. Sieht ganz danach aus, als würdest du in die Schlagzeilen kommen. Blas denen mal kräftig den Marsch.«

Die Sitzung begann kurz darauf. Ein örtlicher Geistlicher betete vor und sprach gemeinsam mit den Anwesenden den Treueeid auf die Verfassung. Dann wurden einige routinemäßige Fragen geklärt, ehe der Bürgermeister sagte: »Die Sitzung ist jetzt offen für Bürgerbelange.«

Ben stupste Bill in die Seite. »Damit bist du gemeint. Steh auf und leg los.«

Bill erhob sich und wischte sich die Hände an seiner Jeans ab. Auf einmal war er nervös und merkte, dass er sich eigentlich nicht richtig vorbereitet hatte. Vielleicht hätte er seine Gedanken zu Papier bringen sollen, denn dann hätte er einen Spickzettel in der Hand halten können. Jetzt hingegen lief er Gefahr, sich zu verhaspeln und keine überzeugenden Argumente vorzubringen. Auf diese Weise würde er den Stadtrat wohl kaum zur Umkehr bewegen.

Der Bürgermeister nickte ihm zu. »Bitte kommen Sie hier auf das Podium und nennen Sie uns Ihren Namen und Ihre Adresse für die Unterlagen.«

Bill betrat die Empore und stellte sich an das Rednerpult. Er justierte das Mikro und sprach hinein. »Ich heiße Bill Davis und wohne 121 Rock Springs Lane.«

Der Bürgermeister bedeutete ihm fortzufahren.

Bill schaute sich im Rathaussaal um und räusperte sich. Er war furchtbar nervös. »Wir alle wissen, dass der LADEN nach Juniper kommt. Und ich bin mir sicher, die meisten von Ihnen werden inzwischen gesehen haben, dass die Bauarbeiter auf Höhe der Acres neben dem Highway ein Gelände verunstaltet haben. Ich jogge da morgens immer vorbei, daher fiel mir das sofort auf. Ich weiß, dass dieses Stück Land inzwischen Eigentum des LADENS ist, und mir ist auch klar, dass die Fläche gerodet werden muss, wenn man dort ein Gebäude und einen Parkplatz bauen will. Aber ich bin davon überzeugt, dass unsere Bauvorschriften nicht beachtet wurden. Meiner Ansicht nach verstößt das ganze Vorgehen gegen den Bebauungsplan unserer Stadt.«

Er machte eine Pause und wollte gerade weitersprechen, als der Bürgermeister sich zu Wort meldete. »Wir wissen Ihre Sorge zu schätzen, Mr Davis, aber der LADEN hat schon in anderen Städten bewiesen, dass er ein verantwortungsbewusster und respektabler Zugewinn für die jeweilige Gemeinde ist. Es mag stimmen, dass die Pläne des LADENS nicht in allen Punkten mit dem Bebauungsplan von Juniper übereinstimmen und in mancherlei Hinsicht von unseren Bestimmungen abweichen, aber wir mussten Kompromisse eingehen, um den LADEN nach Juniper zu bringen. Wir sind der Meinung, dass diese Zugeständnisse sich letzten Endes auszahlen werden. Wir schaffen neue Jobs, unsere Bürger erhalten ein reichhaltigeres Warenangebot, und auf lange Sicht werden wir alle davon profitieren.«

»Das verstehe ich ja«, räumte Bill ein. »Aber wieso braucht der LADEN sich nicht an unsere Auflagen zu halten wie jeder andere auch? Ich bin der Meinung, dass unsere Gesetze auch für dieses Unternehmen gelten sollten, und ich wette, dass sich viele unserer Einzelhändler meiner Meinung anschließen werden.«

»Der LADEN ist eine nationale Kette«, betonte der Bürgermeister, »der aus guten Gründen sein eigenes Gebäudekonzept und eigene Baustellenstandards hat. Der LADEN legt Wert darauf, dass die einzelnen Verkaufsstellen in jeder Stadt gleich aussehen, wegen des Wiedererkennungseffekts. Das Unternehmen gibt nicht gleich bei örtlichen Auflagen klein bei, weil es ein nationales Konzept hat.«

»Das ist wie bei McDonald's oder Burger King«, schaltete sich Bill Reid ein, der Stadtabgeordnete, der rechts vom Bürgermeister saß. »Die Filialen sehen alle gleich aus. Und das muss auch so sein. Sonst geht das Konzept nicht auf.«

»Ich möchte auch noch hervorheben«, fügte der Bürgermeister hinzu, »dass die Städte, in denen sich ein LADEN angesiedelt hat, dem Unternehmen zugestehen, die Bedingungen für den Bau selbst zu diktieren. Wenn wir den Wünschen der Konzernführung nicht entsprochen hätten, dann würde der LADEN heute in Randall gebaut. Und wir wären leer ausgegangen.«

»Ich denke, wir hätten den LADEN für uns gewinnen können, ohne den Charakter unserer Stadt zu verändern. War es denn wirklich nötig, dass eine naturbelassene Fläche derart zerstört wird, um ein Gebäude darauf zu errichten? Genau das sollen die Bauvorschriften doch verhindern. Unser größter Pluspunkt in Juniper war doch immer die Schönheit unserer Landschaft. Das sollten wir uns von niemandem nehmen lassen.«

Ein stämmiger, bärtiger Mann mit streitlustigen Augen, der weiter hinten im Saal gesessen hatte, stand nun auf und schritt wütend nach vorn. Bill kannte ihn nicht, hatte ihn aber schon einmal in der Stadt gesehen. Jetzt machte er ihm Platz, als der Mann ans Pult trat.

»Nennen Sie uns bitte Ihren Namen und Ihre Adresse«, sagte der Bürgermeister.

»Greg Hargrove«, sagte der Mann. »1515 Aspen Road.«

Bill wusste nicht genau, ob sein Auftritt nun beendet war und er sich wieder setzen musste, doch da er noch etwas zu sagen hatte, blieb er vorerst stehen.

Hargrove wandte sich ihm ruckartig zu. »Was haben Sie für ein Problem, Mister?«

Bill wich erschrocken einen halben Schritt zurück. »Wie bitte?«

»Meine Firma hat die Fläche gerodet. Wir haben uns an die Vorgaben gehalten, die wir vom LADEN bekommen haben. Und wir haben alle Genehmigungen. Was, zum Teufel, ist dann Ihr Problem?«

»Es geht ja nicht gegen Sie«, verteidigte sich Bill. »Sie haben nur Ihren Job gemacht. Ich habe nur etwas gegen die Pläne des LADENS und bin nicht damit einverstanden, dass die Baubehörde und der Rat dem Unternehmen erlaubt haben, unsere Bauvorschriften zu missachten und die landschaftlich schönste Stelle in unserer Stadt zu zerstören.«

Hargrove schüttelte angewidert den Kopf. »Der LADEN schafft neue Jobs. Kapieren Sie das nicht? Ihr Aktivisten kettet euch an Bäume und macht euch Sorgen um die verdammten Eichhörnchen. Aber die Leute hier, die sind euch scheißegal.«

»Sie irren sich. Die Leute sind mir nicht egal. Und ich mache mir Gedanken, was für alle hier in Juniper auf lange Sicht das Beste ist. Es geht doch nicht um den kurzfristigen Nutzen für Sie und andere Bauarbeiter.«

»So ein Schwachsinn!«

Hargrove war inzwischen richtig wütend. Bill wich noch ein wenig weiter zurück und nahm nun die Hände aus den Taschen – nur für den Fall, dass er sich verteidigen müsste.

»Wir möchten nicht, dass hier im Rathaussaal geflucht wird, meine Herren«, rief der Bürgermeister.

»Wir sind nach Juniper gezogen, weil es uns hier landschaftlich so gut gefällt«, sagte Bill ruhig. »Ob Sie es nun glauben oder nicht, die Gegend hier – die Bäume, der Wald, die Berge – ist das besondere Merkmal dieser Stadt. Die Menschen ziehen nicht hierher, weil sie in einer Stadt leben oder arbeiten wollen. Dafür geht man nach Phoenix oder Chicago oder L.A. Das sind nicht die Gründe, warum man nach Juniper zieht.«

»Sie kümmern sich doch bloß …«

»Es schließt sich nicht gegenseitig aus, wenn man Jobs erhalten will und gleichzeitig die Umwelt schützt. Sie denken noch immer an früher. Das ist einer der großen Vorteile auf der Datenautobahn. Mit einem Computer kann man heutzutage für Firmen in New York, Los Angeles oder sogar Paris arbeiten und hat das Büro hier in Juniper. Genau so arbeite ich. Ich will damit sagen: Ja, wir brauchen hier Jobs, aber wir können hier für Arbeitsplätze sorgen, ohne unsere Lebensqualität zu mindern.«

»Ich bin aber nun mal kein Computerfreak. Ich hab ein Bauunternehmen. Meine Arbeit können Sie nicht am Computer erledigen.«

»Das verstehe ich ja, aber …«

»Einen Dreck verstehen Sie! Ihr Umweltaktivisten wollt jeden Quadratzoll Land bewahren, aber es kümmert euch einen Scheißdreck, was das für Firmen wie meine bedeutet. Wie viel wollen Sie noch schützen? Das ganze Land hier gehört längst der Regierung! Das ganze verdammte Land gehört doch praktisch dem Landverwaltungsamt!«

»Mr Hargrove!«, rief der Bürgermeister dazwischen. »Wenn Sie weiterhin diese Ausdrucksweise benutzen, dann werde ich Sie des Rathaussaales verweisen.«

»Sorry, Euer Ehren.« Hargrove wirkte peinlich berührt.

»Schauen Sie«, sagte Bill. »Wenn Ted Turner oder Bill Gates oder irgendein anderer Milliardär dieses Stück Land kaufen und beschließen würde, es zu schützen und einen Zaun darum baute, dann hätten Sie damit kein Problem. Warum ist es okay, wenn sich ein Einzelner ein Stück Land sichert, aber nicht okay, wenn die Regierung durch ihre Behörde Land für zukünftige Generationen schützt? Vor zweihundert Jahren gab es nur dreizehn kleine Kolonien an der Ostküste unseres Landes. Jetzt haben wir Discounter-Ketten in Juniper! Wenn die Dinge sich so rasant weiterentwickeln, leben unsere Urenkel in einer Welt wie in Soylent Green oder Silent Running!«

»Soylent Green«, grinste Hargrove. »Toller Film.«

»Darum geht es nicht. Wir müssen an die Zukunft denken.«

»Mr Davis«, sprach der Bürgermeister. »Ich glaube, wir haben lange genug über dieses Thema diskutiert. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie sich Gedanken machen, aber ich habe den Eindruck, dass Sie allmählich etwas melodramatisch werden. Die Welt wird nicht untergehen, nur weil der LADEN nach Juniper kommt. Es wird eher so sein, dass wir mehr Jobs und bessere Einkaufsmöglichkeiten haben. Punkt. Ich hielte es daher für das Beste, wenn Sie beide wieder Platz nähmen.« Sein Blick wanderte in den spärlich besuchten Saal. »Wenn sonst noch jemand etwas zu diesem Thema sagen möchte, so möge er vortreten.«

Bill ging wieder zu seinem Platz und sank schwer auf den Stuhl.

»Game over«, kommentierte Ben den Auftritt. »Davis unterliegt dem LADEN durch K.o. in der ersten Runde.«

Bill schaute seinen Freund müde an. »Besten Dank.«

Wütend und deprimiert fuhr er heim. Der Bürgermeister hatte recht. Er war wirklich zu melodramatisch gewesen. Und dieser Arsch von Hargrove hatte ihn ganz aus dem Konzept gebracht. Wieder ärgerte er sich, dass er sich seine Gedanken nicht wenigstens stichpunktartig aufgeschrieben hatte.

Aber dafür war es jetzt zu spät. Der Schaden war längst angerichtet.

Im Haus war es dunkel, als er den Wagen auf der Auffahrt parkte. Er schloss die Tür auf und schaute nach den Mädchen. Sam war in ihrem Zimmer und lernte. Shannon telefonierte. Er sagte beiden, sie sollten sich früh hinlegen, da morgen Schule sei. Dann ging er ins Elternschlafzimmer, wo Ginny auf dem Hometrainer saß und Fernsehen guckte.

»Wie ist's gelaufen?«, wollte sie wissen. »Hast du's geschafft, dass der Bau gestoppt wird? Pflanzt der LADEN neue Bäume und schüttet die Anhöhe wieder auf?«

Er setzte sich auf die Bettkante und zog sich die Schuhe aus. »Kein Grund, sarkastisch zu sein.«

»Tut mir leid.« Sie hörte auf, in die Pedale zu treten. »Was hast du erreicht?«

»Was glaubst du? Nichts natürlich. Der Stadtrat biegt alles so zurecht, damit der LADEN zufrieden ist.« Er schüttelte den Kopf. »Wie können die nur so kurzsichtig sein? Lebensqualität wird kurzfristigem Gewinnstreben geopfert.«

»Warum lässt du dich nicht in den Stadtrat wählen?«, meinte Ginny. »Vielleicht solltest du aufhören, dich zu beschweren, und etwas verändern.«

»Vielleicht tue ich das auch.«

Ginny stieg vom Rad, kam zum Bett und setzte sich neben ihn. »Es ist ja nicht gleich das Ende der Welt. Glaubst du nicht, dass du ein bisschen überreagiert hast?«

Er lächelte dünn. »Das hat unser toller Bürgermeister auch zu mir gesagt.«

»Die Dinge verändern sich eben. Ja, der LADEN hat Bäume gefällt und so weiter, und das hätten sie nicht tun dürfen. Aber ich hab auch gehört, dass sie die leer stehende Fläche neben dem alten Checker-Auto gekauft haben und ein Baseballfeld samt Tribüne bauen wollen. Du siehst, sie versuchen, etwas für die Stadt zu tun.«

»Du verstehst nicht, worum es geht.«

»Um was geht es denn?«

»Ach, egal.«

»Egal? Du willst …«

»Ich hab schon zu viel geredet«, sagte er. »Den ganzen Abend rede ich mir den Mund fusselig. Ich will nur noch ins Bett.« Er stand auf, zog sich die Hose aus.

Sie beobachtete ihn einen Moment lang. »Na prima«, sagte sie, und eine Spur von Wut schlich sich in ihre Stimme. »Ist ja prima.«

Jeder lag für sich, sie berührten sich nicht. Bill schlief fast augenblicklich ein.

Er träumte von toten Tieren und Leichen und von dem nicht enden wollenden Bau eines schwarzen Gebäudes, das meilenweit in den verschmutzten Himmel ragte.

Kapitel vier

1

Shannon saß an einem der Tische draußen vor George's Hamburgers, trank eine Coke und versuchte, sich auf ihr Geschichtsbuch zu konzentrieren. Eigentlich hatte Jake nach der Schule hier vorbeischauen wollen, aber jetzt wartete sie schon eine halbe Stunde und wurde langsam ungeduldig.

Schließlich klappte sie das Buch zu und tat nicht mehr länger so, als würde sie lesen. Sie schaute hinüber zu den Grünflächen im Park und den dunklen Kiefern dahinter. Über den Baumkronen waren die Berggipfel zu sehen, hier und da von Schnee bedeckt. Unterhalb der Baumgrenze hatte es noch nicht geschneit, aber trotz der sonnigen Tage der letzten Woche war der Schnee nicht auf den Spitzen geschmolzen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Winter mit voller Wucht Einzug hielt.

Die schneebedeckten Gipfel erinnerten sie an die Alpen, und wenn sie an die Alpen dachte, fiel ihr gleich der Film Meine Lieder – meine Träume ein. In diesem Musical gab es eine ältere Tochter und ihren Freund. Der Freund war Postbote oder so etwas, und er tat immer so, als brächte er Post, aber in Wirklichkeit wollte er sich nur heimlich mit seiner Freundin treffen. Shannon hatte diese Beziehung immer sehr romantisch und sexy gefunden. Insbesondere wenn die Tochter »Sixteen, Going on Seventeen« sang. Es hatte etwas Sinnliches, wenn sie in der Gartenlaube für ihn tanzte, mit diesem wissenden Blick, als sie sich für den Jungen drehte, den Rock hochflattern ließ und dem Freund einen Blick auf ihre Unterwäsche gewährte. In dieser Szene wirkte sie so viel reifer als er, schien so viel mehr Erfahrung zu haben.

Das gefiel Shannon.

So stellte sie sich nämlich ihre Beziehung zu Jake vor, doch sie wusste, dass die Dinge anders lagen. Jake hatte schon mehrere Freundinnen gehabt, aber für sie war er der erste Freund gewesen, mit dem sie Händchen gehalten hatte, den sie geküsst und mit dem sie … andere Sachen gemacht hatte.

Dass er vor ihr schon andere Freundinnen gehabt hatte, beunruhigte sie ein wenig. Er beteuerte zwar immer, es sei nie übers Händchenhalten hinausgegangen – und sie wollte ihm glauben –, aber bestimmt hatte er jedem einzelnen Mädchen gesagt, dass er sie liebte und für immer mit ihr zusammenbleiben wollte.

Denn das hatte er auch ihr gesagt.

Und das bedeutete, dass er sie ebenso verlassen könnte wie all die anderen davor.

Wenn er eine bessere Freundin fand.

Das machte ihr Angst. Ein paar Mal hatte sie ihn dabei erwischt, wie er ihrer Schwester nachgeschaut hatte, und obwohl sie sich immer wieder sagte, dass das nichts zu bedeuten hatte, schmerzte es trotzdem. Wusste sie doch, dass er sich wahrscheinlich für Samantha entschieden hätte, wenn er die Wahl gehabt hätte. Denn wer würde Sam nicht haben wollen? Ihre Schwester war einfach hübscher, klüger. Jeder Junge wäre scharf auf sie.

Aber daraus machte sie Sam keinen Vorwurf. Wenn überhaupt, so gab sie Jake die Schuld, doch das würde sie ihm nie ins Gesicht sagen. Shannon hasste ihre Schwester nicht. Okay, manchmal war sie schon eifersüchtig auf sie, aber sie bewunderte sie auch. Oft wünschte sie, sie wäre so wie Sam, aber das warf sie ihr natürlich nicht vor.

Einige Leute hatten eben immer Glück.

Andere weniger.

Aber diesmal hatte auch sie einmal Glück gehabt. Sie war doch nicht schwanger. Ihre Periode hatte noch im Matheunterricht eingesetzt, und noch nie war Shannon so erleichtert gewesen, als sich die ersten Bauchkrämpfe ankündigten.

Und deshalb wollte sie jetzt auch unbedingt Jake sprechen.

Wo steckte er bloß?

Sie schaute die Straße hinunter und sah, wie er aus dem Lebensmittelladen kam, einen Schokoriegel in der Hand. Als er sie sah, winkte er, machte aber keine Anstalten, einen Zahn zuzulegen und über den Parkplatz zu ihr zu eilen. Am liebsten wäre sie aufgesprungen, um ihm die tolle Nachricht mitzuteilen, aber etwas an seiner langsamen, fast gleichgültigen Art störte sie. Daher blieb sie sitzen, trank ihre Cola weiter und wartete.

»Und?«, meinte er, als er den Tisch erreichte, und nahm gegenüber von ihr auf der Plastikbank Platz. »Gibt's was Neues?«

»Ich bin nicht schwanger.«

»Gott sei Dank.« Er atmete hörbar aus, nahm dann ihre Hand und lächelte. »Hast mich ja ganz schön zappeln lassen. Ich hab hin und her überlegt. Ob du das Baby bekommen sollst und wir heiraten sollen, oder ob wir nicht besser nach einer Möglichkeit für eine Abtreibung suchen. Müssten wir dann die Schule abbrechen? Und woher das Geld nehmen? Da haben wir ja noch mal richtig Schwein gehabt.«

»Wir müssen aufpassen, wenn wir das nächste Mal miteinander schlafen. Ich will nicht dauernd in dieser Angst leben.«

Sein Lächeln schwand. »Ich will aber keine Gummis benutzen.«

»Dann muss ich eben … was machen.«

»Was denn?«, fragte er. »Woher und wie?«

Sie sah ihn an. War er denn blöd? Hatte er nichts daraus gelernt? Er klang fast so, als wolle er gar nicht verhüten und es einfach drauf ankommen lassen. Und sie ging das Risiko ein.

»Na toll«, sagte sie. »Dann warten wir, bis wir verheiratet sind.«

»Beim Oralsex kann man nicht schwanger werden.«

Erschrocken starrte sie ihn an.

Doch er nickte begeistert. »Du könntest mir einen blasen, und dann hätten wir keine Probleme mehr.«

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Noch nie hatten sie so etwas ausprobiert, noch nicht einmal darüber gesprochen, und obwohl sie über Oralsex Bescheid wusste, hatte sie sich vorgenommen, diese Art von Sex zu vermeiden. Allein die Vorstellung, Sperma im Mund zu haben, widerte sie an, zumal sie ja gesehen hatte, wie klebrig, zähflüssig und rotzgleich das Zeug war. Wenn Jake sie wirklich liebte, würde er das nie von ihr verlangen.

»Auf diese Weise«, fuhr er enthusiastisch fort, »könnten wir immer noch Sex haben, bräuchten uns aber keine Gedanken über Nachwuchs zu machen. Und ich bräuchte kein Gummi zu benutzen.«

»Was gibt's an Kondomen auszusetzen?«

»Ich will nicht, dass irgendwas zwischen uns ist.«

Aha, dachte sie, du willst also meinen Mund als Samenauffangbehälter benutzen. Meine Gefühle sind dir egal? Ein Kondom findest du lästig. Ich soll also keinen Orgasmus mehr haben, aber dafür sorgen, dass du einen hast?

Aber sie hielt sich zurück.

Er drückte ihre Hand. »Ich finde es einfach romantischer, wenn kein Gummi zwischen uns ist.«

Sie rang sich ein Lächeln ab, doch in Wirklichkeit war ihr elend zumute. »Ich auch«, sagte sie.

Ihre Eltern schliefen längst, und Shannon ging gerade noch einmal die unerfreulichen Dinge des Tages durch, als Samantha ins Zimmer kam. Schnell schob Shannon ihr Tagebuch unter die Matratze.

»Hi«, sagte Shannon und schaute auf.

»Hi.« Samantha setzte sich auf die Bettkante.

Irgendetwas stimmte nicht. Normalerweise kam Sam nicht einfach nur so in ihr Zimmer. Wenn ihre Schwester vorbeischaute, lag irgendetwas in der Luft. Oft wollte sie sich was ausborgen. Oder sie brauchte Shannons Hilfe, weil sie irgendetwas nicht allein tragen konnte. Meistens beklagte sie sich aber über den Dreck im Bad.

Nein, nur so zum Quatschen kam sie nie vorbei.

Samantha schaute sich im Zimmer um. »Möchtest du mit mir über etwas reden?«, begann sie. Shannon zog die Stirn in Falten. »Nein, wieso?«

Sam errötete. »Ich dachte bloß … wir sind Schwestern, weißt du? Du kannst immer zu mir kommen, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist.«

Kann ich nicht, dachte Shannon. Doch sie schwieg.

Sam atmete ein. »Wir benutzen beide dasselbe Bad. Da fällt mir natürlich auf, wenn … etwas anders ist.« Oh, Gott, ihr war aufgefallen, dass keine Binden im Abfalleimer lagen! Shannon bekam ein mulmiges Gefühl im Magen. »Ist alles in Ordnung«, meinte sie möglichst ruhig.

Samanthas Röte vertiefte sich noch. Sie machte Anstalten aufzustehen, doch dann überlegte sie es sich noch einmal und räusperte sich. Verschämt schaute sie zur Seite. »Ich weiß, dass du deine Regel nicht bekommen hast.«

Shannon verspürte Hitze im Gesicht. Sie wollte mit ihrer Schwester nicht darüber sprechen. »Weiß Jake davon? Hast du es ihm gesagt?«

»Es gibt da nichts zu sagen«, erwiderte Shannon. »Ich war spät dran.

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