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Verbotene Träume im Wüstenpalast

PROLOG

„Also, sind die Verhandlungen positiv verlaufen?“

Drax runzelte die Stirn. Die geschwungenen dunklen Augenbrauen zogen sich über der geraden Nase zusammen. Zwar hatte sein Zwillingsbruder ihn mit der üblichen warmen Herzlichkeit in dem kleinen arabischen Emirat, das sie gemeinsam regierten, empfangen, aber Drax spürte, dass Vere etwas auf dem Herzen lag, das er bisher noch nicht hatte verlauten lassen.

„Ja, die Gespräche in London sind sogar sehr gut verlaufen“, versicherte Drax. Vere und er führten die Staatsgeschäfte in Dhurahn inzwischen seit fast einem Jahrzehnt, seit das Herrscherpaar kurz nach dem fünfundzwanzigsten Geburtstag der Söhne bei einem Autounfall während eines Staatsbesuchs tödlich verunglückt war.

Obwohl die Brüder sich sehr nahestanden, hatten sie nie miteinander über jene schreckliche Zeit geredet, wie sehr sie der Verlust ihres charismatischen Vaters und ihrer schönen irischen Mutter getroffen hatte. Weil die Notwendigkeit nicht dazu bestanden hatte. Als Zwillinge verstanden sie intuitiv die Gefühle des anderen. Äußerlich glichen sie sich wie ein Ei dem anderen, nur manchmal dachte Drax, dass sie zwei Hälften eines Ganzen seien. Zwar teilten sie grundlegende Ansichten und Denkweisen, dennoch verspürte jeder von ihnen den Drang, sein eigenes Leben unabhängig vom Zwillingsbruder zu führen.

Drax war direkt vom Flughafen in Veres Privatgemächer geeilt, ohne sich die Mühe zu machen, sich vorher umzuziehen. So trug er noch den dunkelblauen Maßanzug, das offene Jackett ließ das makellos weiße Seidenhemd und die dezente Krawatte sehen, während Vere die traditionelle lange Robe mit Goldlitzen über dem weißen Dishdash und eine Kopfbedeckung trug.

Wenn auch in einer Weise gekleidet, die unterschiedlicher nicht hätte sein können, zeigten doch beide die gleiche beeindruckende Erscheinung. Sie waren beide groß, von athletischer Statur mit breiten Schultern, und hatten das gleiche markante Gesicht, in dem eisgrüne Augen leidenschaftlich funkelten. Das Erbe von Berbern, Franzosen und Iren floss in ihrem Blut und verlieh ihnen eine Aura von Macht und Sinnlichkeit, die weit über das Äußerliche hinausging. Ein Mann allein wäre bereits jedem gefährlich erschienen, doch als Paar überwältigte diese Macht alle, die mit ihnen zu tun hatten.

„Wir wissen beide, dass wir nicht der einzige Staat im Mittleren Osten sind, der danach strebt, führendes Finanzzentrum der arabischen Welt mit weltweiten Verbindungen zu werden. In London allerdings gewann ich den Eindruck, dass unsere Chancen sehr gut stehen. Man scheint uns den Vorzug zu geben, vor allem, da wir bereit sind, in Dhurahn auf hundert Hektar Land eine Art Stadtstaat zu errichten, in dem englisches Handelsrecht gelten soll. Ich teilte dem Gremium ebenso mit, dass wir planen, eine Finanzbörse zu gründen, die sich an den Standards von New York, Hongkong und London orientiert und bereits mit einem Netzwerk von Investoren aufwarten kann. Doch genug von meiner Reise nach London. Vere, ich merke doch, dass dich etwas ganz anderes beschäftigt.“

Vere bedachte die aufmerksame Beobachtung seines Zwillingsbruders mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Du hast recht“, sagte er. „Wir haben ein Problem.“

Drax musterte seinen Zwilling fragend. „Nämlich?“

„Während du in London warst, haben der Herrscher von Zuran und der Emir von Khulua hier vorgesprochen.“

Drax wartete ab. Dass die beiden Herrscher der Nachbarstaaten sich gemeldet hatten, war nichts Außergewöhnliches. Man führte gute Beziehungen zu beiden Staaten. In Dhurahn gab es keine großen Ölvorkommen wie in Zuran und Khulua, doch der große Fluss machte das Land fruchtbar und somit zum ertragreichen Garten der Region. Dhurahn belieferte seine Nachbarn mit frischen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, vor allem auch für die wachsende Tourismusindustrie des Landstrichs. Die Tage, da wilde Stämme sich wegen trockener Wüstengebiete bekämpften, waren längst vorbei. In Dhurahn lebte man in Eintracht mit seinen Nachbarn und teilte sich Wohlstand und Frieden mit ihnen.

Doch selbst im Frieden behielten einige traditionelle Stammesbräuche ihre Gültigkeit.

„Der Wüstenwind muss wohl auf die ihm eigene unergründliche Weise, wie immer in solchen Fällen, beiden Herrschern Gerüchte über unsere Pläne zugetragen haben“, meinte Vere trocken. „Natürlich haben sie mich nicht direkt darauf angesprochen, doch es ist auffällig, wie eifrig die beiden es plötzlich darauf anlegen, die guten Beziehungen zu Dhurahn zu festigen.“

„Ich höre, was du sagst, aber … was ist es, das du mir nicht sagst?“, hakte Drax nach.

„Nun, der Regent und der Emir möchten mit uns über unsere Heirat reden.“

„Unsere Heirat?“ Drax runzelte die Stirn. Sie beide waren jetzt vierunddreißig. Natürlich würden sie eines Tages heiraten, nachdem sie ihre Frauen sorgfältig ausgesucht hatten, selbstverständlich immer die Zukunft ihres Landes vor Augen. Aber noch war die Zeit nicht gekommen. Im Moment gab es Wichtigeres zu tun – wie zum Beispiel, Dhurahn als das Finanzzentrum der Region zu etablieren.

„Genau“, bekräftigte Vere grimmig. „Und zwar deine mit der ältesten Tochter des Emirs und meine mit der jüngsten Schwester des Regenten.“

Die Brüder sahen einander stumm an.

„Diese Ehen würden unsere Bindung an die beiden Staaten festigen“, stellte Drax schließlich fest. „Und natürlich auch ihre potenzielle Einflussnahme auf uns“, fügte er hinzu. „Wir liegen inmitten der beiden Staaten, und während wir mit beiden gut auskommen, gibt es doch zwischen ihnen Unstimmigkeiten. Der Emir kritisiert die Pläne Zurans, den Tourismus voranzutreiben. Im Moment fungieren wir als Mittler, um das Gleichgewicht zu halten. Schon allein deshalb befinden wir uns in der stärkeren Position.“

„Auch wenn er es nicht zugeben will … der Emir ist neidisch auf den wachsenden Status von Zuran und will unbedingt nachziehen. Sollten wir auf diese Ehen eingehen, werden beide Herrscher sich auf die familiären Bindungen berufen und Unterstützung von uns verlangen. Was ihnen unwillkürlich ein Kontrollmittel über uns in die Hand gibt. Irgendwann könnte es sogar passieren, dass wir in einen Loyalitätskonflikt zwischen unserem Land und unseren Frauen mit deren Familien geraten. Das können wir auf keinen Fall riskieren.“

„Allerdings, wenn wir diese Ehen offen ablehnen, beleidigen wir sowohl den Emir als auch den Regenten. Dann haben sie beide das Gesicht verloren. Und das wiederum können wir uns nicht leisten. Das würde sicherlich unsere Pläne für den Ausbau von Dhurahn zum Finanzzentrum der Region zunichtemachen.“

Verärgert begann Drax im Raum auf und ab zu gehen. „So dürfen wir nicht manipuliert werden.“

„Keiner von uns beiden will durch eine Heirat den Nachbarstaaten verpflichtet sein“, stimmte Vere grimmig zu. „Dhurahn muss absolut souverän bleiben und seine Zukunft ausschließlich allein bestimmen können. Es ist unsere Pflicht, dies zu garantieren.“

„Aber wie du schon sagtest, wenn wir uns weigern, beleidigen wir zwei mächtige Männer.“ Drax dachte nach. „Es sei denn … wir weigern uns, weil wir bereits anderweitig unser Wort gegeben haben. Dann können sie uns nicht mehr drängen, und sie würden auch nicht das Gesicht verlieren.“

„Und wenn sie herausfinden, dass wir keineswegs vorhaben zu heiraten?“

„Müssen sie das denn herausfinden?“ Als Vere ihn fragend mit gerunzelter Stirn musterte, fuhr Drax fort: „Sowohl der Emir als auch der Regent wissen, dass es in unserer Familie Tradition ist, nur eine Frau zu nehmen. Es kann doch nicht so schwierig sein, zwei richtige Frauen für uns zu finden. Wir heiraten sie, und dann …“

„Die richtigen Frauen?“

„Du weißt schon, was ich damit sagen will. Frauen, die genügend Anstand besitzen, um als Ehefrau akzeptiert zu werden, und gleichzeitig naiv genug sind, um einer späteren Scheidung mit einer ansehnlichen Abfindung zuzustimmen.“

„Oh, die Art Frau.“ Vere lächelte zynisch. „Die naive Jungfrau, die sich Hals über Kopf in einen Scheich verliebt und sich dann später ohne große Szene abschieben lässt. Existiert so etwas überhaupt noch? Das bezweifle ich ernsthaft. Aber wenn du natürlich zwei solche Exemplare findest, werde ich meine Dame gern ehelichen“, meinte er trocken. „Nein, falls sich überhaupt jemand findet, dann wird es sich wohl viel eher um eine Glücksritterin handeln, die erstens eine horrende Abfindung verlangen und zweitens ihre Geschichte sofort nach der Scheidung der Presse verkaufen würde. Das wiederum hätte eine verheerende Wirkung auf unser Image als Ehrenmänner.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, Drax, auch wenn es sich wie die perfekte Lösung unseres Problems anhört. Meiner Meinung nach wird es unmöglich sein, eine solche Frau zu finden, geschweige denn zwei.“

Ein Funkeln trat in Drax’ schwarze Augen. „Willst du mich herausfordern, Bruder?“

Vere lachte. „Ich will dich weiß Gott nicht herausfordern, Bruder. Aber wenn du wirklich eine solche Frau findest …“

„Zwei“, berichtigte Drax. „Ich gelobe, ich werde sie finden. Und zwar zwei. Und du sollst die Erste bekommen.“

„Hm …“ Vere sah keineswegs überzeugt aus. „Nun gut, so sei es. In der Zwischenzeit müssen wir allerdings die Gespräche mit den beiden aufrechterhalten, ohne eine bindende Zusage zu geben. Der Regent hat uns zu einem inoffiziellen Besuch nach Zuran eingeladen“, fuhr er fort. „Ich halte es für besser, wenn du dorthin reist, Drax.“

„Da der Regent dich als Älteren von uns für seine Schwester auserkoren hat, kann ich ihn besser hinhalten, nicht wahr?“, ahnte Drax sofort. „Einverstanden. Übrigens, man würde dich gern in London sehen“, teilte er Vere mit. „Ich sagte ihnen, du kannst kommen, sobald ich wieder in Dhurahn zurück bin.“

„Das ist ja das Positive an unserer doppelten Regentschaft. Einer kann immer hier sein, um sich um die Belange des Landes zu kümmern.“

„Doch du bist derjenige, der lieber hierbleibt, während ich gern um die Welt fliege und mich um das Geschäftliche kümmere.“

„Die perfekte Partnerschaft, aufgebaut auf einem Vertrauen, das nichts und niemand erschüttern kann.“

Damit umarmten sie sich in der Tradition ihrer arabischen Vorfahren.

1. KAPITEL

„Sie sind völlig inkompetent! Ich weiß wirklich nicht, wie ich je denken konnte, Sie würden den Anforderungen des Jobs genügen. Da haben Sie angeblich studiert mit einem Abschluss als MBA, und Sie bringen nicht einmal die einfachsten Aufgaben zustande.“

Die harsche Tirade riss nicht ab. Sadie hielt den Kopf gesenkt und ließ das Gift auf sich niederregnen, denn sähe sie ihre libanesische Arbeitgeberin jetzt an, würde Madame al Sawar die tiefe Feindseligkeit in ihren Augen erkennen. Und Sadie konnte es sich nicht leisten, Madame erneut einen Grund für die Drohung zu geben, das Gehalt zurückzuhalten, wie sie es in den beiden Monaten, die Sadie inzwischen hier arbeitete, getan hatte.

Die unfairen und beißenden Beschuldigungen waren schlimm genug, aber hier stehen zu müssen und sich in einer Lautstärke zusammenstauchen zu lassen, die bis in den entferntesten Winkel des al Sawar-Haushalts – eines typisch arabischen Haushalts – zu hören sein musste, war umso schlimmer. Ein solcher Gesichtsverlust war absolut inakzeptabel, aber das war mal wieder typisch für ihre Chefin. Sie hatte gewartet, bis Sadie sich zu der ihr zustehenden Mittagspause in den friedlichen Garten der al Sawar-Villa im maurischen Stil zurückgezogen hatte. Auch wenn niemand zu sehen war, so war Sadie doch sicher, dass alle Bediensteten sich hinter den Vorhängen versteckten und begierig darauf lauschten, wie Madame al Sawar ihre Assistentin abkanzelte.

Dabei brauchten sie nicht einmal zu lauschen, das Geschrei war ja nicht zu überhören! Wahrscheinlich hörte die ganze Straße mit. Sadie war übrigens nicht die Einzige, die das jähzornige Temperament ihrer Chefin zu spüren bekam. Es verging kaum ein Tag, an dem Madame nicht ihre Wut an einem der Bediensteten ausließ.

Natürlich hätte Sadie sich gegen die unfairen Anschuldigungen verteidigen können. Ja, sie hatte Betriebswirtschaft studiert und mit Auszeichnung abgeschlossen, sie hatte auch zusätzlich einen Abschluss als Master gemacht. Sie hätte ebenso verlauten lassen können, dass, ganz gleich, wie sehr Madame al Sawar es bedauerte, sie eingestellt zu haben, sie es sehr viel mehr bereute, den Job angenommen zu haben. Es war jedoch eine schlichte Tatsache, dass sie es sich einfach nicht leisten konnte, diese Stelle zu verlieren, vor allem, da Madame ihr seit ihrem Arbeitsbeginn hier noch kein Gehalt gezahlt hatte.

„Für jemanden, der so unfähig ist, habe ich keine Verwendung“, zeterte Madame weiter. „Sie sind entlassen.“

„Das können Sie nicht tun!“, stieß Sadie hervor. Die Panik ließ sie den Vorsatz vergessen, sich nicht auf dieses Wortgefecht einzulassen.

„So, meinen Sie? Ich versichere Ihnen, ich kann! Und bilden Sie sich nicht ein, Sie können hier rausgehen und sich den nächsten Job suchen.“ Die schrille Stimme überschlug sich. „Das wird nicht funktionieren. Die zuranischen Behörden gehen nicht gerade zimperlich mit illegalen Einwanderern um.“

Illegaler Einwanderer? Das konnte Sadie nicht auf sich sitzen lassen. „Ich bin nicht illegal hier“, widersprach sie heftig. „Das wissen Sie. Sie haben mir versichert, dass Sie sich darum kümmern werden, als ich hier anfing.“ Ihr war leicht schwindlig von der Panik und der heißen Sonne, die ihr auf den Kopf schien. Madame stand natürlich im Schatten, während sie der brütenden Hitze ausgesetzt war. „Sie haben mich eine Unmasse von Formularen unterschreiben lassen.“

Monika al Sawar zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. „So etwas habe ich nie gesagt. Und von Formularen weiß ich nichts“, stritt sie ab. „Wenn Sie so etwas jetzt behaupten, machen Sie nur alles schlimmer für sich.“

Sadie traute ihren Ohren nicht. Bisher hatte sie immer gedacht, ihre Situation sei verfahren genug, aber das hier übertraf alles. Ohne Arbeit, ohne Geld und ohne rechtlichen Status in Zuran – was für ein schreckliches Dilemma! Dabei hatte alles so vielversprechend angefangen.

Sechs Monate, nachdem sie ihren ersten Job in der Abteilung für Hedgefonds bei einer großen Londoner Bank angefangen hatte, musste sie ihren Platz für den Sohn eines der Vizedirektoren räumen. Den Grund hatte sie eigentlich nur aus der Gerüchteküche erfahren, aber der war einfacher zu verdauen als der verächtliche Kommentar eines Kollegen, den sie im Vorbeigehen aufgeschnappt hatte: dass sie gehen musste, weil sie mit der mit Testosteron überladenen Atmosphäre in der altehrwürdigen Firma nicht zurechtkam.

Eine anspruchsvolle, gut dotierte Stelle in der Finanzwelt mit Karrierechancen, eine, die ihr völlige Unabhängigkeit bieten konnte, das war während des gesamten Studiums ihr Ziel gewesen. Diesen Rückschlag hatte Sadie damals nur schwer verkraftet.

Von dem zweiten Mann ihrer Mutter immer wieder daran erinnert, dass ihr Vater sie nicht gut versorgt zurückgelassen hatte, war es der Stolz gewesen, der es Sadie verbot, ihren Stiefvater um finanzielle Hilfe während des Studiums zu bitten. Sie erinnerte sich noch gut an seinen abfälligen Kommentar, als sie verkündete, sie wolle Betriebswirtschaft studieren. Er hatte nur gelacht und ihr geraten, sich lieber einen reichen Ehemann zu angeln, der sie aushalten könne.

„Schließlich hast du das Aussehen und den entsprechenden Körper dafür, es dürfte dir nicht schwerfallen.“

Ja, das Aussehen hatte sie. Aber da sie auch jahrelang miterlebt hatte, wie ihr wohlhabender Stiefvater ihre Mutter behandelte, hatte sie sich geschworen, niemals ihr Aussehen für finanzielle Sicherheit einzusetzen. Kein Mann würde sie je für alle seine Launen gefügig machen, nur weil er die Rechnungen bezahlte. Und an diesen Schwur hatte sie sich bisher gehalten, auch wenn sich eine unerwartete Nebenwirkung eingestellt hatte: Sie hatte keinen Partner und lebte praktisch in einem selbst auferlegten Zölibat. Doch ihre Unabhängigkeit war ihr einfach zu wichtig.

Als sie in der Zeitung die Annonce für die Stelle in Zuran gelesen hatte, war sie so aufgeregt gewesen, dass sie sich immer wieder hatte ermahnen müssen. Sicherlich gab es Hunderte von Bewerbern, höchst unwahrscheinlich, dass ausgerechnet sie diesen Job bekommen würde.

Doch bei dem Bewerbungsgespräch stellte Monika al Sawar deutlich klar, dass sie auf der Suche nach einer weiblichen Assistentin war: „Mein Mann ist sehr traditionell eingestellt, er würde niemals dulden, dass ich tagtäglich eng mit einem Mann zusammenarbeite.“ Und Sadie begann, sich berechtigte Hoffnungen zu machen.

Der Job war geradezu perfekt: interessant und aufregend und mit den besten Karriereaussichten. Monika vermittelte Immobilien und Grundstücke an Investoren, die auf den Zug der rasant aufsteigenden Tourismusbranche aufspringen wollten, und besorgte Kredite für kauffreudige Klienten. Zudem hatte sie Sadie in Aussicht gestellt, nicht nur als ihre Assistentin zu arbeiten, sondern eines Tages auch als selbstständige Finanzmaklerin tätig werden zu können.

Sadie war im siebten Himmel, als die Zusage kam – auch wenn das Ticket für den Flug nach Zuran nicht wie vereinbart für die Business Class ausgestellt war, sondern es sich dabei um einen günstigen Charterflug handelte, und die zugesagte Vorauszahlung nicht erfolgte.

In Zuran angekommen, musste Sadie dann feststellen, dass die zugesicherte Unterkunft keineswegs das erwähnte moderne Apartment war, sondern lediglich ein kleines Zimmer im Hause al Sawar. Zudem zog Monika eine unredlich hohe Summe von Sadies Monatsgehalt für „Unterkunft und Verpflegung“ ab. Sadies vorsichtiger Versuch, ihre Unzufriedenheit mit der Situation bei Monika anzusprechen, hatte zu dem ersten der inzwischen regelmäßigen Wutausbrüche und zum gänzlichen Einbehalten des Monatsgehalts geführt.

Das Ersparte, das sie mitgebracht hatte, war inzwischen empfindlich geschrumpft, und Sadie war der Verzweiflung nahe. Aber vor Monika würde sie sich auf keinen Fall die Blöße geben. „Nun gut, dann gehe ich“, sagte sie leise. „Allerdings erwarte ich, dass mir das noch ausstehende Gehalt gezahlt wird.“

Der Wutschrei der anderen ließ Sadie zusammenzucken. Sie war sicher, dass er im ganzen Haus gehört worden war.

So auch von Drax, der gerade vor dem Haus aus seinem Mietwagen stieg. Zwar hatte der Regent ihm eine Limousine mit Chauffeur angeboten, doch Drax zog nun mal die Privatsphäre eines eigenen Wagens vor. Er passte seinen Schritt dem von Amar al Sawar an. Der liebenswürdige ältere Herr war langjähriger Freund des Vaters der Zwillingsbrüder gewesen, und sowohl Drax als auch Vere waren nie in Zuran, ohne sich nicht mit dem Professor zu treffen. Als Drax diesem nun zufällig im Regentenpalast begegnet war, hatte er erst nur zögerlich dessen Einladung zu sich nach Hause angenommen. Denn weder er noch Vere mochten die zweite Frau des Professors.

„Ach du meine Güte, ich fürchte, Monika hat sich über etwas aufgeregt“, meinte der ältere Mann entschuldigend. „Und dabei hatte ich so darauf gehofft, dass sie dieses Mal mit der neuen Assistentin zurechtkommt. Eine wirklich bezaubernde junge Frau aus England, sehr gut ausgebildet. Und auch ein gutes Mädchen – bescheiden und ruhig, mit den besten Manieren.“

Wenn diese Qualitäten tatsächlich stimmen, dann hat sie keine Chance gegen Monika, dachte Drax.

„Ich werde nie verstehen, warum eine so attraktive junge Frau nicht lieber heiratet, anstatt zu arbeiten. Hätte ich einen Sohn, wäre sie genau die Art Mädchen, die ich ihm als Ehefrau wünschte.“

Damit überraschte Amar Drax. Amar al Sawar gehörte der Generation an, die noch sehr viel Wert auf alte Tugenden und Tradition legte, etwas, das man nur noch selten bei den modernen jungen Frauen fand. Drax vermutete zudem, dass der alte Mann es zutiefst bereute, sich von der aggressiven Monika in eine Heirat gedrängt haben zu lassen.

Die zornige Stimme war bis hier heraus deutlich zu hören. „Gehalt? Ich soll Sie auch noch dafür bezahlen, dass Sie mein Geschäft ruinieren?! Sie müssten mir etwas zahlen! Seien Sie froh, dass ich Sie gehen lasse, ohne eine Entschädigung von Ihnen zu verlangen. Wenn Sie klug sind, gehen Sie am besten sofort, noch in dieser Minute, bevor ich meine Anwälte auf Sie ansetze.“ Damit drehte Monika sich um und stolzierte davon.

„Aber meine Sachen …“, begann Sadie stotternd, erschüttert von Monikas Boshaftigkeit. „Mein Pass …“

„Zuwaina hat bereits alles gepackt. Nehmen Sie Ihren Koffer und gehen Sie.“ Im gleichen Moment kam auch schon das Hausmädchen mit Sadies Koffer und Handtasche aus dem Haus.

Es störte Sadie maßlos zu wissen, dass Monika ihre persönlichen Dinge durchwühlt hatte, doch das war nicht ihr größtes Problem. Ohne Job, ohne Geld und ohne Flugticket nach Hause war sie auf die Hilfe der britischen Botschaft angewiesen. Es würde ein langer Marsch bis in die Stadt werden.

Die Gartentore schwangen auf, zwei Männer kamen auf das Haus zu, beide in traditioneller arabischer Tracht. In dem einen erkannte Sadie Monikas Mann, ein gebildeter, charmanter älterer Herr, der Sadie an ihren Großvater erinnerte, während der andere …

Unwillkürlich entschlüpfte Sadie ein kehliger Laut, ihre Augen weiteten sich, ihr Puls schlug plötzlich schneller. Dieser andere Mann war so überwältigend männlich, so lebendig mit einer Aura von Sinnlichkeit und Macht, dass ihr Blick wie gebannt auf ihm ruhte. Als sie sich dabei ertappte, tadelte sie sich in Gedanken streng. Nicht nur hatte sie noch nie einen Mann derart unverhohlen angesehen, auch hatte sie sich immer für eine Frau gehalten, die so etwas nie tun würde.

Ihre Wangen begannen zu brennen, sie konnte es spüren. Und dann drehte er auch noch den Kopf, sodass er sie jetzt direkt ansah. Mit eisgrünen Augen unterzog er sie einer schnellen, genauen Musterung. Eisgrün? Sadies Hände begannen zu zittern, so sehr, dass ihr Koffer und Handtasche zu entgleiten drohten.

Was geschah nur hier mit ihr? Sofort versuchte sie sich einzureden, dass ihre machtvolle Reaktion auf diesen Mann nur deshalb geschehen konnte, weil der Zusammenstoß mit Monika ihre Nerven angegriffen hatte. Doch selbst für sie klang diese Begründung eher unzureichend.

Ohne etwas zu tun oder ein Wort zu sagen, nur mit einem einzigen Blick hatte dieser Fremde ihre Verteidigungsmauern niedergerissen und sie für seine erotische Ausstrahlung empfänglich gemacht. Jedes einzelne Nervenende in ihr vibrierte.

Das war also körperliches Verlangen! Diese gleißend helle Sehnsucht, die sie plötzlich beherrschte und jeden Gedanken bestimmte, so als wäre sie in den Händen eines Magiers von einer Sekunde auf die nächste eine völlig andere geworden.

2. KAPITEL

„Kind, geht es Ihnen gut?“

Zwar hörte Sadie die besorgte Frage des Professors, aber es war ihr unmöglich, den Blick auf ihn zu richten, einen Blick, der wie magnetisch von dem nahezu gefährlich gut aussehenden Mann neben ihm festgehalten wurde. Nur mit Mühe riss sie sich los, so als müsse sie sich aus den Tiefen eines geheimnisvollen Ortes ans helle Tageslicht zurückkämpfen.

„Ja. Ja, natürlich“, brachte sie heraus, auch wenn beiden Männern klar sein musste, dass es ihr keineswegs gut ging. Sie riskierte einen zweiten Blick auf Professor al Sawars jungen Begleiter. Zu ihrer Erleichterung taxierte er sie jetzt nicht mehr, als wolle er ihr bis in die Seele schauen, und der Tumult in ihr legte sich. Daher konnte sie sich noch einmal ermahnen, dass ihre Überreaktion auf diesen Mann ihre Ursache in dem soeben durchlebten Trauma hatte. Ruhe überkam sie wie kühlendes Wasser auf erhitzter Haut.

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