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Verbotene Stunden des Glücks

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1. KAPITEL

Endlich! Es gehörte ihm … oder zumindest fast.

Morgen würde er die Papiere unterzeichnen, die das Flagship-Hotel in Palermo von Corretti Enterprises zu Corretti International transferierten. Bei diesem Gedanken spielte ein zynisches Lächeln um Angelo Correttis Mund: Der familieneigene Besitz wechselte von einem Corretti zum anderen, auch wenn das nicht jeder so sah.

Lässig schlenderte er durch die Lobby, wobei ihm nicht entging, wie sich die Augen der Hotelpagen weiteten, bevor sie Haltung einnahmen. Die Empfangsdame, eine Frau mittleren Alters, beobachtete ihn angespannt von ihrem Platz hinter der Rezeption – offensichtlich bereit, auf den leisesten Wink in Aktion zu treten. Man hatte ihm das Hotelpersonal noch nicht offiziell vorgestellt, doch er zweifelte nicht daran, dass inzwischen jeder wusste, wer er war. Immerhin ging er hier seit mehr als einer Woche ein und aus. Die Meetings mit den Hauptaktionären – in Abwesenheit ihres Geschäftsführers – waren anstrengend, aber von Erfolg gekrönt gewesen. Und ob es ihnen passte oder nicht, sie mussten ihm als Mehrheitseigner die Führung des Hotels übertragen.

Am Ende war es lächerlich einfach. Man überlasse die Correttis eine Weile sich selbst, und sie entzweien sich ganz von allein. Sie können gar nicht anders.

„Signor … Corretti?“ Die Rezeptionistin hatte sich hinter dem Tresen hervorgewagt, ihre Absätze klackerten auf dem Marmorboden des eleganten Foyers. Natürlich entging Angelo nicht, wie sie über seinen Namen stolperte. Jeder hier kannte die Correttis, eine der mächtigsten und skandalträchtigsten Familien Siziliens. Und für sie gehörte er nun mal nicht dazu, obwohl … irgendwie war er schon einer von ihnen.

Seine Mundwinkel sanken nach unten, während die altvertraute Bitterkeit in ihm aufstieg. Eines stand fest: Eine offizielle Anerkennung würde er nie erfahren, obwohl die Umstände seiner Geburt nicht geleugnet werden konnten. Als kleiner Junge hatte er gelitten, aber nicht verstanden. Denn in dem Dorf, in dem er zur Welt gekommen und aufgewachsen war, hatte man Carlo Correttis Bastard wie Abschaum behandelt.

Angelo zwang sich zu einem Lächeln. „Ja?“

„Kann ich irgendetwas für Sie tun?“

Er sah die Unsicherheit in ihren Augen, die Angst, er könnte hier alles umkrempeln. Und einen kurzen Moment war er versucht, genau das zu tun. Jeder, der hier arbeitete, war von den Menschen engagiert worden, die er zutiefst verachtete und in den Ruin treiben wollte. Warum also nicht alle feuern und seine eigenen Leute einstellen?

„Nein, vielen Dank, Natalia“, erwiderte er mit Blick auf das diskrete Platinschildchen am Revers ihres Blazers. „Ich bin auf dem Weg in meine Suite.“ Für heute Nacht hatte er sich ins Penthouse eingemietet, das bislang Matteo Corretti exklusiv genutzt hatte. Zumindest bis der ehemalige Hotelchef am Tag der geplatzten Hochzeit zwischen seinem Cousin Alessandro und Alessia Battaglia spurlos von der Bildfläche verschwunden war.

Angelos Blick verdüsterte sich. Selbst wenn Matteo morgen wieder auftauchen sollte, war ihm der Zugang zu seinem Luxusdomizil verwehrt. Kein Corretti, außer ihm selbst, würde je wieder in dieser Suite übernachten.

„Selbstverständlich, Signor Corretti.“

Diesmal kam ihr der Name schon flüssiger über die Lippen, doch das war ein schaler Sieg. Seiner eigenen Ansicht nach war Angelo schon immer ein Corretti gewesen. Darum hatte er sich den Namen sehr früh angeeignet. Und zwar ohne dafür jemals die Genehmigung des Mannes einzuholen, der ihn gezeugt hatte. Davon abgesehen hatte er aufgrund seiner illegitimen Geburt trotzdem jede Menge blaue Augen und blutende Nasen hinnehmen müssen. Maledizione! Er war ein Corretti, und er verdiente es nicht nur, den Namen zu tragen, sondern auch seiner Familie das Hotel hier und alles andere abzunehmen!

Mit einem kühlen Lächeln und knappen Nicken ließ er die Rezeptionistin stehen, wandte sich der Reihe glänzender Lifts zu und drückte auf den Knopf fürs Penthouse. Zu diesem Zeitpunkt, um kurz vor Mitternacht, war das Hotelfoyer leer, bis auf das Nachtpersonal. Auch die Piazza vor dem Hotel, tagsüber einer von Palermos belebtesten Plätzen, wirkte jetzt völlig verwaist. Das hatte Angelo bereits auf dem kurzen Fußweg von seinem temporären Büro hierher gewundert.

Das oberste Stockwerk bot einen fantastischen Panoramablick über das abendliche Palermo und den Hafen, doch die halbe Nacht am Fenster oder auf der weitläufigen Dachterrasse herumzustehen war eine nicht gerade verlockende Option. Zum Schlafen war Angelo viel zu nervös und aufgekratzt. Selbst in seinen besten Zeiten brachte er es meist auf nicht mehr als zwei, drei Stunden pro Nacht. Den Rest der Zeit schlug er mit Arbeit oder anstrengenden Workouts tot – alles, um Geist und Körper fit und kontinuierlich in Gang zu halten.

Der gläserne Lift beförderte ihn direkt in die Luxussuite, die das gesamte Obergeschoss einnahm. Angelo begutachtete die luxuriöse Ausstattung seiner neuen Behausung: den glänzenden Marmorboden, den schimmernden Kristalllüster, die kostbaren Antiquitäten und Kunstgegenstände. Im gedämpften Licht sah er durch die offene Tür des Master-Bedrooms in dessen Zimmermitte ein King-Size-Bett mit dunkelblauem Seidenüberwurf.

Nachlässig warf er seine Key-Card auf einen Beistelltisch, lockerte die Krawatte und zog das Jackett aus. Zu allem Überfluss kündigten sich auch noch hämmernde Kopfschmerzen an, die sich erfahrungsgemäß in den nächsten Stunden zu einer handfesten Migräne auswachsen würden. Neben Schlaflosigkeit gehörte sie zu dem Preis, den Angelo bereitwillig für den Erfolg zahlte, den er sich durch jahrelange harte Arbeit mehr als verdient hatte. Heute war er extrem wohlhabend und einflussreich und somit auch endlich in der Lage, dem verhassten Corretti-Clan den weichen, roten Teppich unter den Füßen wegzuziehen.

Rastlos durchquerte Angelo den eleganten Wohnraum, der für seinen Geschmack viel zu überladen war mit seinen verspielten Tischchen, zierlichen Stühlen und urnenähnlichen Gefäßen auf vergoldeten Sideboards. Als Erstes würde er im gesamten Hotel das spießige Interieur durch moderne Möbel mit klaren Linien ersetzen. Der staubige Charme vergangener Jahrhunderte passte vielleicht zu den alt eingesessenen, von Skandalen gebeutelten Correttis, aber nicht zur neuen Generation, wie er sie vertrat.

Der Kopfschmerz nahm zu, doch diesmal wollte Angelo sich nicht mit Arbeit ablenken. Nicht am Tag seines Siegs, der gefeiert werden sollte. Doch leider kannte er hier niemanden. In den achtzehn Jahren seines Lebens, die er in Sizilien gewesen war, hatte er sich keine Freunde gemacht … nur Feinde.

Das stimmt nicht ganz, meldete sich eine Stimme in seinem Innern. Das Bild, das plötzlich vor seinen Augen entstand, war überraschend klar und ließ ihn innehalten.

Lucia. Er versuchte, die Gedanken an sie zu verdrängen, um sich nicht erinnern zu müssen. Denn Erinnerungen waren qualvoll. Sie weckten ungebetene Emotionen: Reue und Scham. Verlangen, verbotene Wünsche …

In seinem Leben gab es keine Reue. Eine derartige Schwäche konnte er nicht akzeptieren. Auch nicht, was die eine Nacht betraf, in der er sich in ihre willigen Arme geflüchtet hatte, um zu vergessen, wer er war oder nicht war.

Lucia Anturri, die Tochter der Nachbarn, die ihm von kleinauf wie ein Hündchen gefolgt war. Die er entweder geneckt oder ignoriert hatte, und die ihn für wenige, selige Stunden all seine Wut, seinen Schmerz und die innere Leere hatte vergessen lassen. Damals war sie unschuldige Siebzehn gewesen, mit einem süßen Gesicht und klaren blauen Augen, durch die man bis in ihr Herz schauen konnte.

Sie hatte noch geschlafen, als er sich am frühen Morgen aus ihrem Bett stahl, um nach New York zurückzukehren. Zurück in sein Leben, in dem es kein Vergessen gab – keines geben durfte, nicht einmal für eine Nacht!

Wieder stieg die alte Bitterkeit in ihm hoch. Angelo fluchte lautlos und zerrte ungeduldig an den Hemdknöpfen. Am besten, er nahm eine lange, heiße Dusche. Manchmal half das gegen den sengenden Schmerz hinter seinen Schläfen. Auf dem Weg ins Schlafzimmer streifte er das Hemd von den breiten Schultern und stoppte auf der Schwelle, als er den Sektkühler mit der Champagnerflasche auf dem Nachttisch stehen sah.

Und daneben … eine Frau.

Lucia erstarrte beim Anblick des halbnackten Mannes in der Tür und presste den Stapel sauberer Handtücher gegen ihr wild klopfendes Herz.

Angelo.

Sie hatte immer gewusst, dass sie ihn eines Tages wiedersehen würde. Anfangs hatte sie sich sogar noch lächerlich romantischen Fantasien hingegeben, wie dieses Zusammentreffen aussehen könnte. Alberne Schulmädchenträume, die sie seit Jahren aufgegeben hatte. Doch einfach so, völlig unvorbereitet, in ihn hineinzurennen – daran hatte sie nie gedacht.

Akut kursierten zwar Gerüchte, dass er nach Sizilien zurückgekehrt sei, doch die hatte Lucia, wie schon einige Male zuvor, als Klatsch und Tratsch abgetan. Ihn ausgerechnet hier im Hotel zu sehen, hätte sie niemals erwartet.

Mit wirrem Haar, bloßem Oberkörper und schockiertem Blick stand er vor ihr und … erkannte sie nicht. Während Lucia innerhalb weniger Sekunden jeden einzelnen Moment ihrer leidenschaftlichen Nacht vor sieben Jahren zu durchleben glaubte: nackte, bronzefarbene Haut unter ihren fiebrigen Händen, der Druck seiner heißen, fordernden Lippen auf ihren.

Erinnerungen, die ihr Gegenüber eindeutig nicht teilte, angesichts der finsteren Miene und dem verärgerten Ausdruck in den grüngrauen Augen. Dio! Sie hatte diesen Blick in ihrer Kindheit oft genug gesehen. Doch selbst wütend und schlecht gelaunt war er der attraktivste Mann, den sie je kennengelernt hatte. Kennen- und lieben gelernt hatte …

Lucia schluckte heftig und schob den wenig hilfreichen Gedanken beiseite. Immerhin hatte sie Angelo seit sieben Jahren nicht gesehen und diese Liebe inzwischen längst überwunden. Und er hatte sie ohnehin nie geliebt, das stand felsenfest. Es dürfte längst nicht mehr wehtun, doch während sie ihn immer noch wie paralysiert anstarrte, krampfte sich ihr Herz zusammen.

Offenkundig genervt hob Angelo die dunklen Brauen. Er schien auf irgendetwas zu warten. Aber worauf? Dass sich das überwältigte Zimmermädchen stammelnd bei ihm entschuldigte und mit gebeugtem Kopf verschwand?

Ohne sich dessen bewusst zu sein, presste Lucia die weichen Lippen zusammen und schob das Kinn vor. Am liebsten hätte sie Angelo ungefiltert an den Kopf geworfen, was sie davon hielt, dass er sich damals ohne ein Wort aus ihrem Bett gestohlen hatte. Doch immer, wenn sie an ihn dachte, war sie hin- und hergerissen zwischen Abwehr und Verlangen, Sehnsucht und Verzweiflung, Liebe und Trauer …

Das Beste war, sie ließ ihn weiter im Unklaren und zog sich so schnell wie möglich zurück, bevor er sie doch noch erkannte. Zwar waren sie zusammen aufgewachsen, und er war ihr erster Mann gewesen, aber bedeutet hatte sie ihm nie etwas. Eine schmerzliche und demütigende Tatsache, die sie sich viel zu spät eingestanden hatte. Und an die sie heute Abend nicht erinnert werden wollte.

„Tut mir leid …“, murmelte sie mit gesenktem Kopf. „Ich habe nur das Zimmer für die Nacht vorbereitet und bin sofort weg.“ Sie versuchte an ihm vorbeizuschlüpfen, doch Angelo blockierte immer noch die Tür.

Santo Cielo! Jetzt brannten auch noch heiße Tränen unter ihren Lidern, während der Schmerz sie zu überwältigen drohte. Ein Schmerz, den sie so lange in sich trug, dass sie gelernt hatte, mit ihm zu leben. Es fühlte sich an wie ein fehlendes Glied oder eine tiefe Narbe. Doch durch Angelos unerwartete Anwesenheit erwachte er qualvoll erneut zum Leben.

„Perdono …“

„Un momento, Signorina.“ Angelo umfasste ihr Handgelenk und zog sie in Richtung Bett. „Ich habe heute Abend etwas zu feiern.“ Wie er es sagte, hörte es sich nicht danach an. Seine dunkle Stimme klang so zynisch wie eh und je. „Deshalb auch der Champagner. Warum stoßen Sie nicht mit mir an?“

Lucia hielt den Kopf weiter gesenkt. Angelo erkannte sie immer noch nicht. Seine Einladung galt nicht ihr, sondern dem fremden Zimmermädchen. Obwohl seine Worte eher wie ein Befehl klangen, der keinen Widerspruch duldete.

„Es geht nur um einen Drink“, stellte er amüsiert klar, da sie immer noch schwieg. „Weil ich hier niemand sonst kenne.“

Zögernd hob sie den Kopf. Lucia wusste einfach nicht, was sie sagen sollte. Zu lange hatte sie so getan, als wäre er nicht mehr als ein fremder Gast – und nun?

Aber war er nicht genau das für sie, ein Fremder? Mit schwimmenden Augen sah sie zu, wie Angelo eisgekühlten Champagner in zwei Kristallflöten schenkte. Dann wandte er sich zu ihr um, und obwohl er behauptete, etwas feiern zu wollen, erinnerte sie sein ausdrucksloser Blick an jene Nacht vor sieben Jahren, als er unerwartet auf ihrer Türschwelle gestanden hatte: Er ist tot, Lucia. Und ich fühle nichts … gar nichts.

Damals hatte sie geschwiegen und ihn nur stumm in das schäbige, kleine Wohnzimmer des Hauses gezogen, in dem sie aufgewachsen war. Er blieb eine Nacht lang, die ihr Leben für immer veränderte.

Sie schluckte heftig und gab sich einen Ruck. „In Ordnung, Angelo“, sagte sie leise, schaute zu ihm auf und bemerkte, wie er sich versteifte. „Auf einen Drink.“

Angelo stand da wie angewachsen, die Hand mit dem Glas immer noch ausgestreckt. Das einzige Geräusch war das leise Prickeln der Champagnerperlen in den Kristallflöten.

Lucia.

Warum habe ich sie nicht früher erkannt? Warum habe ich nicht gleich nach dem Betreten der Suite ihre Anwesenheit gespürt? Der erste Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss, war, was für einen hinreißenden Kontrast ihre wundervollen blauen Augen zu dem dunklen Haar und der sanft gebräunten Haut bildeten. Der Blick war noch immer so klar und offen wie früher.

Doch schon in der nächsten Sekunde überlagerte eine bittere Erkenntnis die warme Erinnerung. „Du arbeitest für sie? Für diese Sciacalli … diese Schakale?“

In den blauen Augen blitzte es überraschend gefährlich auf. „Wenn du damit wissen willst, ob ich hier im Hotel angestellt bin, lautet die Antwort ja.“

Noch etwas, das er vergessen hatte: ihre ungewöhnliche raue Stimme, warm und rauchig zugleich. Plötzlich glaubte er zu hören, wie sie ihn in jener Nacht gefragte hatte, was er denn erwartete, bei der Beerdigung seines Vaters zu empfinden. Was er gern gefühlt hätte.

Befriedigung … Triumph, irgendetwas, nicht einfach nur diese Leere.

Darauf hatte sie nichts erwidert, sondern ihn nur stumm in ihre Arme gezogen, seinen Kopf auf ihre Brust gebettet und sanft seinen Rücken gestreichelt. Viel später fanden sich ihre Lippen in einem Kuss.

Und jetzt arbeitete sie für die Correttis? Für die Familie, die ihm seine Kindheit zur Hölle gemacht hatte? Fassungslos schüttelte er den Kopf und bereute es im gleichen Augenblick, weil der Schmerz hinter den Schläfen so heftig war, dass er ihm die Sicht trübte. „Du rutscht also vor ihnen auf dem Boden herum, wischst ihren Dreck weg und sinkst womöglich auch noch in einen Hofknicks, wenn einer dieser Halbgötter aus eigenen Gnaden vorbeikommt!“, resümierte er bitter. „Was ist mit deinem Versprechen?“

„Mein Versprechen …“, echote Lucia tonlos.

Angelo ballte eine Faust und presste sie in die Augenhöhlen, um den Schmerz zu lindern. „Du erinnerst dich nicht einmal mehr daran“, warf er ihr vor. „Du hast mir versprochen, kein Wort mit ihnen zu wechseln.“

„So ist es auch, Angelo“, erwiderte Lucia ruhig. „Ich rede nicht mit ihnen, sondern bin nur eine von vielen Angestellten. Ein Zimmermädchen, dessen Namen sie nicht kennen.“

„Soll das eine Entschuldigung sein für …“

„Ausgerechnet du sprichst von Entschuldigungen?“, unterbrach sie ihn so frostig, dass er irritiert die Faust senkte und die schmerzenden Lider hob.

Maledizione! Diese Migräne brachte ihn noch um. Doch trotz Schmerz, Wut und Frust wurde ihm plötzlich bewusst, wie lächerlich er sich benahm. Lucia war zwölf Jahre alt gewesen, als sie ihm dieses alberne Versprechen gegeben hatte. Er erinnerte sich noch sehr gut an den Tag. Nach einer Prügelei mit den Dorfjungen war er mit einem blauen Auge und blutender Nase auf dem Heimweg von der Schule an ihrem Elternhaus vorbeigekommen. Sie hatte ihn in der offenen Tür erwartet, das Herz in den wundervollen blauen Augen. Sie hatte ihn trösten wollen, aber unterdrückte Wut und sein verletzter Stolz ließen das nicht zu.

Doch Lucia abzuwimmeln war unmöglich gewesen. Sie versuchte es einfach weiter, wie sie es immer getan hatte. Und er nahm es schließlich hin, dass sie eine Eiskompresse auf sein lädiertes Auge legte und das Blut wegwischte. Dabei schaute sie ihn voller Ernst und Mitgefühl an.

„Versprich es!“, hatte er aus einem Impuls heraus gefordert und hart ihr Handgelenk umfasst. „Versprich mir, dass du nie mit einem von ihnen reden wirst. Oder womöglich sogar für sie arbeiten …“

Zunächst hatte sie erschrocken geblinzelt, dann jedoch antwortete sie ihm ruhig mit dieser warmen, leicht rauen Stimme, die ihn schon damals fasziniert hatte: „Versprochen.“

Nein, er wollte nicht über Entschuldigungen sprechen. Einfach schon deshalb nicht, weil er selbst keine parat hatte. Sieben Jahre war es inzwischen her, dass er sich heimlich davongemacht hatte. Und immer noch fühlte Angelo sich deswegen schuldig, wenn er sich überhaupt erlaubte, irgendetwas zu empfinden – was nicht oft passierte.

Erneut schloss er gepeinigt die Augen und massierte seine schmerzenden Schläfen.

„Du leidest wieder unter deiner Migräne.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Er hatte diese quälenden Kopfschmerzen bereits als Kind gehabt, und Lucia hatte sie schon damals mit Aspirin, feuchten Umschlägen und sanften Massagen kuriert.

„Das ist egal.“

„Was, deine Migräne? Oder dass ich für die Correttis arbeite?“

„Das tust du nicht“, erwiderte er knapp und sprach gleich weiter, ehe sie einen Einwand erheben konnte. „Jetzt ist es mein Hotel.“

„Gratulation“, sagte sie nach einer kleinen Pause. Ihrem gelassenen Tonfall war nicht zu entnehmen, was sie dachte. Lucia war überhaupt ganz anders, als er sie in Erinnerung hatte. So kühl und kontrolliert. Was war aus dem warmherzigen, generösen Geschöpf geworden, das in seiner Erinnerung weitergelebt hatte? Aus der hingebungsvollen jungen Frau, die ihm ihren Körper und vielleicht sogar ihr Herz für eine Nacht geschenkt hatte?

Nein, nicht ihr Herz. Vor langer Zeit hatte er sich gefragt, ob sie ihre ungeplante Liebesnacht vielleicht romantisierte. Insgeheim hatte er sogar befürchtet, sie könnte mehr von ihm wollen, als er zu geben bereit und in der Lage war.

Doch angesichts ihrer fast unbeteiligten Miene schob Angelo diese unsinnige Vermutung erleichtert zur Seite. Natürlich hatte Lucia ihr Leben auch ohne ihn weitergeführt …

„Hast du Tabletten bei dir?“, fragte sie.

Der Schmerz drohte ihn zu überwältigen, darum verzichtete Angelo darauf zu nicken. „In meiner Kulturtasche, im Gepäck.“

Sie schlüpfte an ihm vorbei, und ihn umwehte ihr warmer Duft, an den er sich noch gut erinnerte. Lucia hatte schon immer nach Sonne, Sommer und dem wilden Lavendel der sizilianischen Macchia gerochen – selbst im Winter.

Erschöpft sank Angelo aufs Bett, das Glas immer noch in der Hand. Wie in weiter Ferne hörte er Lucia den Reißverschluss an seinem Koffer aufziehen. Kurz darauf war sie wieder bei ihm und setzte sich auf die Bettkante.

„Lass mich das nehmen.“ Sanft löste sie den Stiel der Champagnerflöte aus seinen verkrampften Fingern. „Dafür bekommst du das hier.“ Sie hielt ihm ein Glas Wasser und zwei Tabletten hin. „Ich habe den Beipackzettel kurz überflogen. Reichen dir zwei?“

Angelo nickte und verzog das Gesicht. Als er flüchtig Lucias Finger berührte, verspürte er überraschend ein sengendes Gefühl, das nichts mit seiner Migräne zu tun hatte. Und plötzlich erinnerte er sich daran, wie unglaublich gut sie sich in seinen Armen angefühlt hatte, wie sie miteinander verschmolzen waren, ohne dass sie auch nur ein einziges Wort miteinander gewechselt hatten.

Sie zog ihre Hand sofort zurück, nachdem er die Tabletten genommen hatte. „Danke“, brummte er seltsamerweise verstimmt und blickte zu ihr hoch, wie sie mit verschränkten Armen vor dem Bett stand. Nur weil sie eine verzweifelte Nacht voller Leidenschaft geteilt hatten, hieß das nicht, dass irgendeine engere Verbindung zwischen ihnen bestand.

Lucia beobachtete, wie Angelo mit sich kämpfte. Er fühlte sich schwach und wollte es nicht zeigen. So war es schon immer gewesen. Und sie wollte ihm helfen, wie so oft in der Vergangenheit, und hasste es, immer wieder zurückgestoßen zu werden. Es war ihre gemeinsame Geschichte und auch schon alles, was sie verband.

Eine Geschichte, mit der ich abgeschlossen habe! wie sich Lucia eindringlich versicherte. Angelo so unverhofft gegenüberzustehen mochte die Büchse der Pandora erneut geöffnet haben, doch sie war entschlossen, den Deckel mit aller Gewalt wieder zu schließen und dieses traurige Kapitel ihres Lebens endgültig ad acta zu legen.

Auch wenn ein Teil von ihr sich immer sehnsuchtsvoll nach dem Wenigen ausstrecken würde, was dieser Mann zu geben bereit und in der Lage war.

Nein! Sie war schon einmal fast an ihm zerbrochen, und damals war es nicht nur um ihr dummes Herz, sondern um ihre Seele, ihr ganzes Sein gegangen. Es hatte Jahre gedauert, bis sie wieder Lebensmut fand. Jetzt fühlte sie sich zwar stark, aber nicht vollständig. Das war etwas, worauf sie vielleicht für immer verzichten müsste.

Lucia wandte sich ab und ergriff die Handtücher, die sie zur Seite gelegt hatte. „Du kommst zurecht.“ Es war keine Frage.

„Alles bestens“, knurrte er, und sie wusste, dass er es bereits bereute, überhaupt Schwäche gezeigt zu haben.

„Okay, dann lasse ich dich allein.“

Sie bekam keine Antwort. Lucia ging zur Tür, legte die Hand auf die Klinke und zögerte. Gepeinigt schloss sie die Augen. Es fiel ihr unglaublich schwer, jetzt einfach so zu gehen. Wilde, anklagende Worte lagen ihr auf den Lippen. Dinge, die besser für immer ungesagt blieben, weil sie auch nach Jahren nur heiße, sengende Qual in ihrem Innern auslösten. Einen Schmerz, den sie ihm nicht zeigen wollte, weil Angelo dann wüsste, wie viel er ihr bedeutet hatte … und es immer noch tat, entgegen jeder Vernunft.

Lucia schluckte alles herunter. Sehnsucht, Verzweiflung, Anklagen und eine Trauer, die so tief war, dass sie ihr den Atem nahm. Sie konnte es ihm nicht sagen, nicht heute Abend. Vielleicht war es besser, wenn er es nie erfuhr. War es nicht klüger, einfach mit ihrem Leben fortzufahren, das sie sich so mühsam aus den Scherben der Vergangenheit aufgebaut hatte?

„Lucia?“

Für sie klang das wie: Was ist los? Was willst du noch hier?

„Ich bin schon weg“, sagte sie rau und verließ die Suite ohne einen Blick zurück.

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