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Verbotene Sehnsucht unter tausend Sternen

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1. KAPITEL

„Einen Fremden heiraten?“

„Jetzt tu nicht so erstaunt. Erwartest du etwa, dass ich ewig für dich aufkomme!“

Leila wies lieber nicht darauf hin, dass ihr Stiefvater überhaupt nur durch die Heirat mit ihrer Mutter zu Geld gekommen war. Jetzt war nicht der Moment, ihm zu zeigen, dass er ihren Geist nicht brechen konnte.

„Du wirst den Mann heiraten, den ich dir ausgesucht habe und basta.“

„Natürlich, Stiefvater. Es ist sehr großzügig von dir, all das für mich zu organisieren, wo du doch so viel zu tun hast.“

Gamil sah sie misstrauisch an, als suchte er in ihrem ruhigen Gesicht nach einem Zeichen von Sarkasmus.

Aber Leila war zu einer wahren Meisterin im Verbergen von Kummer, Angst und Wut geworden. Sie kochte innerlich, aber sie beherrschte sich. Jetzt war nicht die Zeit, Gefühle zu zeigen.

Aber bald! Schon seltsam, dass ausgerechnet eine arrangierte Heirat die heiß erflehte Chance zur Flucht sein sollte. Das Ergebnis ihrer früheren Fluchtversuche war nur eine immer härtere Bestrafung gewesen. Doch wenn sie erst einmal verheiratet war – was konnte Gamil ihr dann noch antun?

So gesehen war eine aus Geschäftsinteressen geschlossene Heirat mit einem unbekannten Mann die vom Himmel gesandte Gelegenheit.

„Es gefällt mir nicht, dass er dich so sehen soll.“ Gamil wedelte abfällig mit der Hand in Richtung ihrer nackten Arme und Beine, ihrer neuen High Heels und ihres erlesenen Seidenkleids, das extra aus Paris geliefert worden war.

Auch ohne Spiegel wusste Leila, dass sie so gut aussah, wie sie nur konnte. Man hatte sie gebadet, epiliert, frisiert, manikürt, pedikürt, parfümiert und von Experten gestylt.

Eine Opferjungfrau für Gamils Ambitionen, hergerichtet und aufpoliert, um einem Fremden zu gefallen.

Doch wenn dieser lächerliche Plan ihr die Möglichkeit verschaffte, ein eigenes Leben zu führen …

„Aber er erwartet doch so etwas. Er kann sich das Beste leisten, besonders was Frauen betrifft.“

Glaubte man Gamil, so waren Frauen Annehmlichkeiten, die man sich kaufen konnte. Er war durch und durch ein Frauenfeind. Schlimmer noch, er war ein Kontrollfreak und genoss seine Macht.

Der Hass, der in seinem kalten Blick lag, verursachte Leila eine Gänsehaut.

„Du wirst ihn nicht enttäuschen, hörst du?“

„Natürlich nicht.“

„Und pass auf, was du sagst! Keine deiner klugen Bemerkungen! Du schweigst, außer wenn du gefragt wirst.“

Gamil hätte sich keine Sorgen machen müssen. Leila sagte kein Wort, als Joss Carmody den Salon betrat.

Ihr stockte der Atem, als ihr Blick über seine breitschultrige Gestalt und zu seinem markanten Gesicht glitt. Die ausdrucksvollen, braun gebrannten Züge waren wie aus Stein gemeißelt. Seine aus der Stirn gekämmten, lockigen Haare fielen überlang bis auf seinen Hemdkragen. Der Mann erweckte in ihr den Eindruck ungebändigter Wildheit, die nur von einer momentanen Zivilisiertheit überdeckt wurde. Bis sie in seine Augen sah. Da wusste sie, dass dieser Mann alles andere als ungebändigt war.

Er betrachtete Leila ungefähr so wie ein Banker seine Finanzberichte.

Joss Carmodys Augen waren vom tiefen Blau eines Wüstenhimmels, bevor die ersten Sterne aufblitzen. Sie hielten ihren Blick fest, und Leila spürte ein seltsam beengendes Gefühl in ihrer Brust. Ihr Puls raste, als sie wie hypnotisiert aufstand.

Was immer sie erwartet hatte – das war es nicht.

Im nächsten Moment wandte Carmody sich von ihr ab und begann mit Gamil über Geschäfte zu sprechen. Natürlich! Weswegen sonst kam ein australischer Tycoon auf die Idee, sie zu heiraten?

Das Land, das sie als Mitgift erhielt, umfasste die größten noch unerschlossenen Ölreserven.

Sie beobachtete, wie Joss Carmody sich setzte und nach seinem Kaffee griff. Er beherrschte mühelos den Raum.

Seine völlige Gleichgültigkeit ihr gegenüber wurmte sie. Sie war selbst überrascht, wie sehr.

Eigentlich sollte sie doch dankbar sein, dass er kein persönliches Interesse an ihr zu haben schien. Sie hätte es kaum ertragen, wenn er sie so angeschaut hätte wie Gamil damals ihre Mutter – hungrig und besitzergreifend.

Joss Carmody sah nicht sie, sondern nur das ölreiche Stück Land. Bei ihm würde sie sicher sein.

Joss wandte sich der schweigenden Frau zu, die ihm gegenübersaß.

Ihre graugrünen Augen hatten ihn überrascht angestarrt, als er in den Salon trat. Er las darin Intelligenz, Neugier – und vielleicht auch so etwas wie einen Hauch von Missfallen?

Jetzt senkte sie züchtig den Blick auf die Tasse in ihrer Hand. Sie war der Inbegriff orientalischer Bescheidenheit gepaart mit eleganter Kultiviertheit. Von dem strengen dunklen Haarknoten bis zu den High Heels, die ihren Gang zu einem graziösen Gleiten werden ließen, wirkte sie unverfälscht.

Klasse, das war es, was sie im höchsten Maße besaß.

Er brauchte die große schwarze Perle nicht zu sehen, die sie an einer Kette um den Hals trug, oder das dazu passende schwere Armband. Er erkannte auch so, dass sie an Luxus gewöhnt war. Sie trug den Schmuck mit der Nonchalance eines Menschen, der in ein privilegiertes Leben hineingeboren war.

Für den Bruchteil einer Sekunde erwachte in ihm so etwas wie Neid.

Er unterdrückte ihn, wie er alle unerwünschten Gefühle unterdrückte. Stattdessen betrachtete er sie abschätzend.

Dass sie diese unermesslich reichen Ölfelder besaß, machte sie für ihn absolut geeignet. Abgesehen davon hatte sie Verbindungen und den richtigen gesellschaftlichen Hintergrund, um ihm nützlich zu sein. Doch Joss überließ nie etwas dem Zufall.

„Ich möchte Ihre Tochter besser kennenlernen“, sagte er zu Gamil. „Allein.“

Gamil nickte und mit einem letzten, warnenden Blick auf seine Tochter verließ er den Raum.

Joss dachte über diesen Blick nach. Der alte Mann befürchtete doch wohl nicht, dass er jetzt über das Mädchen herfallen würde?

„Sie sind sehr still. Interessieren Sie sich nicht für die Ölfelder, die Sie besitzen?“

Ein Blick, so kühl und klar wie ein Gebirgsbach, traf ihn. „Sie und mein Stiefvater waren in Ihre Pläne vertieft.“ Ihr Englisch war perfekt mit einem leichten, kaum hörbaren Akzent, der sehr anziehend wirkte. Aber ihr charmantes Lächeln erreichte nicht ihre Augen.

„Und das gefiel Ihnen nicht?“ Sein sechster Sinn sagte ihm, dass ihr Lächeln eher verhüllte als enthüllte.

Sie zuckte die Schultern, und ihm entging nicht, dass die teure Seide ihres Kleids einen ausgesprochen hübschen, weiblichen Körper umschmeichelte. Die Braut, die er sich ausgesucht hatte, besaß Rundungen an den richtigen Stellen, auch wenn ihr Hals und ihre Handgelenke von großer Zartheit waren.

Sie war der notwendige Teil des Geschäfts, und eigentlich hatte er nicht erwartet, mehr als nur leichte Neugier für sie zu empfinden.

Dass er sie jetzt als Mann wahrnahm und bewunderte, überraschte ihn. Er hatte keine Schönheit erwartet. Einen Moment lang erlaubte er sich ein Gefühl der Befriedigung. Wenigstens würde es ihm nicht schwerfallen, hin und wieder mit ihr zusammen zu sein.

„Die Ölfelder müssen ausgebaut werden.“ Ihre melodiöse Stimme hatte einen leicht rauchigen Klang, der ihm einen wohligen Schauer verursachte. „Sie haben die Mittel, das zu tun. Mein Stiefvater hegt sehr großes Interesse für das Familienunternehmen.“

Mit anderen Worten, sie zerbrach sich nicht den Kopf, woher ihr Reichtum kam. Frauen wie sie traf er viele: privilegiert, verwöhnt und begierig darauf, von der harten Arbeit anderer zu leben.

„Sie selbst arbeiten nicht im Ölgeschäft? Haben kein persönliches Interesse an Ihrem Eigentum?“

Etwas blitzte in ihren Augen auf, verdunkelte sie zu einem stürmischen Grün. Ihre Nasenflügel bebten. Dann verzog sie die Lippen zu einem dieser kleinen Madonnenlächeln.

Joss hatte den Eindruck, dass sich unter ihrem ruhigen Verhalten so etwas wie eine Unterströmung bewegte. Etwas Elementares, das die Luft zwischen ihnen auflud.

Sie spreizte die manikürten Hände. „Mein Stiefvater kümmert sich um alles.“ Trotzdem stimmte etwas nicht. Vielleicht lag es an der Art, wie ihre geschminkten Lippen bei diesen Worten ein wenig zu schmal wurden.

Schon hatte sich der Eindruck wieder verflüchtigt, und Joss wunderte sich über seine Hirngespinste.

Er war daran gewöhnt, Deals mit Männern abzuschließen, die genauso hart waren wie er. Das Leben auf den Ölfeldern hatte ihn zu einem rauen Kerl werden lassen, der es nicht gewohnt war, mit empfindlichen weiblichen Wesen umzugehen. Außer auf die einfachste Weise, natürlich. Plötzlich erwachte sexuelles Interesse in ihm, als er sich vorstellte, wie seine kühle Braut ihr überlegenes Gehabe verlieren und unter seine Berührungen immer heißer und wollüstiger werden würde. Schnell erinnerte er sich daran, dass er von diesem Handel etwas ganz anderes erwartete. Diese Frau lenkte ihn ab.

„Sie erwarten also, dass Ihr Mann sich ums Geschäft kümmert, während Sie die Früchte seiner Arbeit genießen?“

Sie warf einen Blick zur Tür, wo Gamil verschwunden war. „Verzeihen Sie. Vielleicht zog ich die falschen Schlüsse. Ich hatte den Eindruck, Sie wünschen mich als stille Partnerin, während Sie die Entscheidungen treffen.“ Ihre Augen strahlten voll unschuldiger Neugier. „Würden Sie es denn begrüßen, wenn ich mich einmische?“

Natürlich wollte er nicht, dass sie sich amateurhaft einmischte.

„Falls Sie Sachkenntnisse auf diesem Gebiet haben, höre ich Ihnen gerne zu.“ Das war nichts als eine höfliche Floskel. In seinem Reich gab es nur Platz für einen Befehlshaber. „Und natürlich werden Ihre Verbindungen zu wichtigen Persönlichkeiten der Region unbezahlbar sein.“

„Natürlich. Ich fürchte, ich habe keine Erfahrung, was Öl betrifft.“

„Und wo liegen Ihre Erfahrungen?“

Wieder dieser rasche Blick zur Tür. Wäre da nicht ihre ruhige Gleichmütigkeit gewesen, man hätte glauben können, sie fürchtete sich, etwas Falsches zu sagen.

„Die liegen mehr im familiären Bereich.“ Sie strich über die grüne Seide ihres Kleids.

„Wie etwa im Shopping?“ Sein Bedürfnis, hinter ihre selbstzufriedene Haltung zu blicken, überraschte ihn selbst. Warum wollte er sie verstehen?

Weil sie seine Frau werden würde.

Mit zweiunddreißig Jahren würde er endlich eine Ehefrau haben. Dabei hatte er alles andere, als Lust zu heiraten. Seine wirtschaftlichen Interessen zwangen ihn dazu. Diese Frau würde ein Aktivposten in seinem Unternehmen sein.

„Wie kommen Sie darauf, ich würde gerne shoppen?“, gurrte sie und spielte mit den Perlen an ihrem Handgelenk. Doch ihr Blick verriet, dass etwas ganz anderes in ihrem hübschen Kopf vorging.

„Wenn Sie nur nicht auf die Idee kommen, mich zähmen zu wollen.“ Sie sollte ja nicht glauben, es ginge hier um eine engere Beziehung.

Sie stutzte und brach dann in ein helles Lachen aus, das Carmodys Sinne in Aufruhr versetzte. Doch im nächsten Augenblick presste sie wieder die Lippen zusammen und verstummte.

Joss Carmody zähmen!

Er war ein knallharter Mann mit einer eisernen Entschlossenheit. Auf die Idee könnte nur jemand kommen, der so dumm wäre zu glauben, dieser Mann könnte je für einen anderen Menschen etwas empfinden.

Er war nicht wie Gamil, aber wenn Leila diese kühl berechnenden Augen betrachtete, diese Selbstsicherheit und dieses monumentale Ego, entdeckte sie genug Ähnlichkeiten zwischen den beiden Männern.

„Schauen Sie nicht so besorgt“, beeilte sie sich zu sagen und war erschrocken darüber, dass sie aus Überraschung eine ehrliche Antwort gegeben hatte. „Der Gedanke kam mir gar nicht.“

„Sind Sie sicher?“ Er runzelte ungläubig die Stirn.

Wahrscheinlich hielt er sich für einen Hauptgewinn. Bei seinem Aussehen und seinem unverschämten Reichtum mussten die Frauen geradezu auf ihn fliegen.

Plötzlich hatte sie von seiner Ich-bin-der-siegreiche-Eroberer-Haltung die Nase voll.

„Erstaunlicherweise bin ich es.“ Verblüfft bemerkte sie den provokanten Unterton in ihrer Stimme. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass auch er ihn gehört hatte.

Jahrelang hatte sie sich jedes ihrer Worte überlegt. Wie konnte sie sich jetzt nur selbst ein Bein stellen! Wo war ihre hart erarbeitete Selbstbeherrschung? Selbst Gamil in seinen schlechtesten Momenten hatte keinen solchen Ausbruch bei ihr provozieren können. Wenn die Heirat stattfinden sollte, war es wichtig, dass sie die Erwartungen des Australiers erfüllte.

„Was stellen Sie sich also vor, Leila?“ Er sprach ihren Namen sehr langsam, als koste er jeden Buchstaben aus.

Die feinen Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Kein Mann hatte ihren Namen je auf diese Art ausgesprochen. Eine Herausforderung und eine Einladung gleichzeitig.

Ihr wurde heiß. Mit einem Mal bewegte sie sich auf gefährlichem Terrain. Er drohte nicht wie Gamil, aber sie spürte die Gefahr in seiner schwül sinnlichen Einladung. Es war nicht die Gefahr einer physischen Strafe. Es war etwas viel Heimtückischeres.

Ihr Mangel an Erfahrung mit Männern erwies sich jetzt als Nachteil.

Bestimmt lauerte Gamil verborgen draußen im Korridor, wägte jedes Wort ab, bereit, Fehler zu bestrafen.

Das Lachen war ein Fehler gewesen. Trotzdem bereute sie es nicht. Er hatte es verdient, aus seiner unerträglichen Selbstsicherheit aufgeschreckt zu werden.

„Ich dachte, Sie wären an meiner Erbschaft interessiert und nicht an mir persönlich.“ Sie sagte es gleichmütig und weigerte sich zu zeigen, wie viel von seiner Antwort abhing.

Nach einiger Zeit nickte er brüsk. „Mir liegt nichts an einem Erben, und ich habe kein Interesse, glückliche Familie zu spielen.“

Zumindest erwartet er also keine Intimitäten, dachte Leila erleichtert.

Sie hatte sich schon überlegt, wie sie nach der Hochzeit verschwinden könnte, damit sie sich nicht einem ungeliebten Mann hingeben müsste. Das war jetzt wohl nicht mehr nötig.

„Ich will keine Frau, die klammert oder Forderungen stellt.“

„Natürlich nicht.“ Sie konnte sich nicht vorstellen, dass er Gefühlsbindungen ertrug. Noch wollte sie welche.

„Sagen Sie mir eines, Leila“, er beugte sich vor, seine tiefe Stimme ließ sie erschauern, „warum wollen Sie ausgerechnet mich heiraten?“

Sie sah seinen gut geschnittenen Mund und fühlte wieder diese flirrende Unruhe tief in ihrem Innern. Ihr Gehirn war wie eingefroren.

Dann atmete sie tief durch, und ihr Gehirn begann wieder zu arbeiten.

Sag ihm, was er hören möchte und schließ den Handel ab.

„Weil Sie mir etwas bieten können.“ Sein unmerkliches Nicken bestätigte ihr, dass das er diese Antwort erwartet hatte. „Weil ich die Welt sehen und das Leben einer Millionärsgattin führen möchte. Bakhara ist meine Heimat, aber ich finde es hier eher … beengt.“ Sie biss sich schmerzhaft auf die Wange, weil sie bei dieser Untertreibung beinahe laut aufgelacht hätte. „Die Heirat mit Ihnen wird mein Leben für immer verändern.“

Die dunklen Augen musterten sie so gründlich, dass sie den Moment erkennen konnte, in dem er seine Entscheidung traf.

Joss Carmody wusste, was er wollte: Eine Frau, die sein Leben nicht durcheinanderbrachte. Eine Frau, die shoppen gehen und sich amüsieren würde, während er seinen Interessen nachging.

Leila wusste, ihn trieb die Jagd nach Geld. Sonst nichts.

Was er wohl tun würde, wenn er herausfand, dass er für sie nur in einer Hinsicht wichtig war?

Flucht.

„Er hat sich verspätet!“ Gamil ging im Innenhof auf und ab.

„Was hast du zu ihm gesagt?“ Er fuhr herum. „Er hat keinen Grund, einen Rückzieher zu machen, außer du hast Zweifel in ihm geweckt.“

Aber sie ließ sich nicht von ihm einschüchtern.

„Du hast doch alles gehört, was zwischen uns gesagt wurde“, meinte sie ruhig. In Wahrheit hatte er zu viel gehört. Ihr unbesonnenes Lachen über Carmodys Arroganz hatte ihr einige Wochen bei Wasser und Brot eingebracht.

„Das habe ich“, stieß Gamil hervor. Er beugte sich vor, sodass sein unangenehm riechender Atem ihr Gesicht streifte. „Ich habe deine Wortspielchen gehört! Offensichtlich reichten sie, damit er es sich anders überlegte. Und jetzt …“ Gamil wandte sich zähneknirschend ab.

„Wie soll ich jetzt mein Gesicht bewahren?“

Leila presste ihre feuchtkalten Hände aneinander. Wenn nur endlich Joss Carmody das schwere verzierte Tor aufstoßen würde!

Die Angst drehte ihr fast den Magen um. Hatte Gamil recht? Hatte der Australier wirklich einen Rückzieher gemacht? Was würde dann aus ihren Plänen? Aus ihrer Unabhängigkeit und der Karriere, nach der sie sich immer gesehnt hatte?

Nein! So durfte sie nicht denken.

Die Hitze lag schwer über dem Innenhof. Leila fühlte sich erschöpft. Sie wollte nicht zugeben, dass sie gescheitert war.

Wie viele Jahre würde sie das alles noch ertragen können?

Gamil hatte ihre Mutter zerstört, ihren strahlenden Optimismus und ihre Lebensfreude. Sie war eine Schönheit gewesen, charmant und kontaktfreudig, an allem und jedem interessiert. In nur wenigen Jahren hatte sie sich aus einer glänzenden Society Lady, die wesentlich an der diplomatischen Karriere ihres ersten Mannes beteiligt war, in ein unterdrücktes, blasses Wesen verwandelt.

Leila legte den Kopf in den Nacken. Sie spürte die Sonne auf dem Gesicht. Wer weiß, wann sie sie je wieder spüren würde?

Trotz des hauchfeinen Seidenkleids, der üppigen Hennabemalung auf Händen und Füßen und des schweren traditionellen Goldschmucks um ihren Hals und an den Ohren war Leila keine verwöhnte Prinzessin, sondern eine Gefangene.

Wenn Joss nicht bald auftauchte, würde bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag ihre einzige Freiheit daraus bestehen, sich hier im Innenhof aufhalten zu dürfen.

„Was machen Sie bei dieser Hitze hier draußen?“ Eine tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken, und sie erschrak.

Er war hier!

Sie öffnete die Augen. Als sie seine beeindruckende Gestalt sah, sein markantes Kinn und die durchdringenden Augen, lächelte sie erleichtert. Es war ihr erstes ehrliches Lächeln seit Jahren.

Joss blieb stehen. Wieder verblüffte ihn bei ihr die seltsame Kombination aus Zerbrechlichkeit und Stärke. Die Andeutung von etwas Stählernem in dieser zierlichen Person. Sie sah dünner aus, das hübsche Kinn war spitzer und ihr Handgelenk schmaler, als sie jetzt die Hand hob und das schwere Goldarmband klirrte.

Sie öffnete die Augen, große Pupillen umgeben von einem klaren tiefen Grau. Während er ihr noch in die Augen blickte, tauchten in dem Grau samtig grüne Schatten auf und schenkte ihrem Blick etwas Bezauberndes.

Sie lächelte. Nicht dieses kleine wissende Lächeln wie beim letzten Mal, sondern ein strahlendes Lachen, das ihm ein Kribbeln in der Magengrube verursachte.

Er betrachtete sie fasziniert und genoss ihr warmes Willkommen und ihre offen gezeigte Freude.

Ein schwerer Duft nach Rosen benebelte fasst seine Sinne. Er passte nicht zu ihr. Aber diese Frau im traditionellen Hochzeitsgewand ihres Landes kam ihm so ganz anders vor als jene, deren herausfordernde Worte ihn vor Wochen geärgert hatten.

„Ich habe auf Sie gewartet.“ Ihr Blick hielt seinen fest, als wartete sie auf eine Erklärung.

In ihm regte sich ein wenig das schlechte Gewissen.

Zuallererst kam für ihn das Geschäft – immer. Auf die dringenden Anrufe an diesem Morgen hatte er sofort reagieren müssen. Eine Hochzeit konnte warten.

Aber als er jetzt Leilas Gesicht sah, erwachte in ihm das unangenehme Gefühl, sie enttäuscht zu haben. Es weckte Erinnerungen an seine Kindheit, als nichts, was er tat, die Erwartungen erfüllte. Sein strenger Vater hatte sich einen Klon seiner selbst gewünscht: absolut rücksichtslos. Und seine Mutter … allein der Gedanke an sie trieb ihm den kalten Schweiß auf die Stirn. Er schob die düsteren Erinnerungen beiseite.

„Sie haben hier draußen gewartet? Hätten Sie nicht im Kühlen bleiben können? Sie sehen …“, er beugte sich vor und nahm ihre Blässe und den feuchten Schimmer auf ihrer Stirn wahr „… nicht gut aus.“

Ihr Lächeln erlosch, und sie senkte den Blick.

„Mein Stiefvater hat hier draußen alles für die Zeremonie vorbereitet.“ Sie deutete hinüber auf einen reich verzierten Baldachin. Überall standen Kübel voller schwer duftender Rosen, hingen üppige Blumengirlanden und lagen kostbare Teppiche.

„Mit dem Gedanken, dass weniger mehr ist, hat er es wohl nicht so“, murmelte Joss.

Er vernahm ein unterdrücktes Lachen, aber auf ein schroffes Kommando ihres Stiefvaters hin hatte Leila sich bereits abgewandt. Unter dem fließenden Seidengewand erschien sie Joss wie versteinert. Langsam und zögernd entfernte sie sich von ihm.

Joss beobachtete diesen eigenartigen Wechsel. Auf der einen Seite entschlossen und gebieterisch, auf der anderen unnatürlich still.

Er ging über den Innenhof zu seiner Braut. Ohne zu wissen warum, war ihm der Spaß an dem heutigen gelungenen Geschäftscoup vergangenen.

Die Hochzeit war fast vorüber. Es hatte eine kurze Zeremonie gegeben, verschwenderisch viele Geschenke und ein üppiges Fest. Doch Leila konnte kaum einen Bissen herunterbringen. Nachdem sie so lange hatte hungern müssen, wurde ihr jetzt fast schlecht, wenn sie das reichhaltige Essen nur roch.

Nur mühsam unterdrückte sie ihre Aufregung.

Sie würde die Frau eines Mannes sein, der sich ihr nicht aufdrängte. Er würde sie von hier fortbringen. Sein einziges Interesse galt den Ölfeldern, die sie geerbt hatte. Es war ein akzeptables Arrangement ausgehandelt worden – getrennte Wohnungen und dann vielleicht eine diskrete Scheidung. Er würde die Ölfelder behalten, und sie würde frei sein!

„Leila.“ Als sie sich umdrehte merkte sie, dass der Blick seiner dunklen Augen auf ihr ruhte. Er hielt ihr einen schweren Kelch entgegen.

Gehorsam nippte sie daran und unterdrückte einen Hustenreiz, denen das süße traditionelle Getränk bei ihr hervorrief. Es sollte, so sagte man, die Lust und die sexuelle Potenz steigern.

Joss hob den Kelch, nahm einen tiefen Zug. Die Menge grölte ihre Zustimmung. Als er Leila wieder ansah, hatte sich sein Blick verändert. Ihr wurde heiß. Es war, als würde dieser Blick ihre Wangen liebkosen, ihren Hals, bis er auf ihren Lippen verweilte.

Etwas blitzte in Joss’ Augen auf. Etwas wie Erwartung.

Sie wehrte sich gegen die aufsteigende Angst und wich brüsk zurück.

„Du bist eine schöne Braut, Leila.“ Die Worte waren banal, aber die Wärme in seinem Blick war echt.

„Danke. Du bist auch ein sehr schmucker Bräutigam.“ Noch nie hatte sie einen Mann gekannt, der diese raubtierhafte Ausstrahlung besaß.

Joss verzog die Lippen zu einem Lächeln und im nächsten Moment erfüllte sein herzhaftes Gelächter die Luft. „Was für ein Kompliment! Ich danke dir!“

Leila wusste nicht, ob es sein unerwartetes Lachen war oder die samtweiche Liebkosung seines Blicks, aber plötzlich steckte sie in einem entsetzlichen Gefühlschaos.

Mit einem Mal erschien ihr diese Heirat alles andere als einfach. So lange hatte sie an nichts anderes denken können als an Flucht. Hatte sich nur darauf konzentriert, diese Hochzeit hinter sich zu bringen. Jetzt überfiel sie die Erkenntnis, dass ihr Mann vielleicht ganz andere Vorstellungen von dem hatte, was nach der Hochzeit kam.

Zum ersten Mal wurde ihr klar, dass Joss Carmody auf eine Art gefährlich sein könnte, die sie nie bedacht hatte.

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