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Verbotene Nächte mit dem Boss

Carole Mortimer

Verbotene Nächte mit dem Boss

PROLOG

„Sind wir uns einig?“

Verwundert starrte Andrea den Mann an, der erst kürzlich wie ein Orkan in ihr ohnehin aus den Fugen geratenes Leben gestürmt war und es zusätzlich auf den Kopf gestellt hatte.

„Kommen Sie schon, Andi“, drängte James Harrison und begann, ungeduldig auf und ab zu gehen. „Sie müssen doch einsehen, dass Ihnen gar keine andere Wahl bleibt, als mein Angebot anzunehmen.“

Genau das war ja das Problem. Andrea wusste, dass sie keine Wahl hatte. Und das gefiel ihr überhaupt nicht.

Äußerlich ließ sie sich nichts von ihrer inneren Anspannung anmerken. Was für einen Grund konnte dieser Mann haben, ihrer demnächst obdachlosen Mutter einen Platz zum Wohnen anzubieten? Und dann als Gegenleistung zu verlangen, dass sie, Andrea, für ihn als seine persönliche Assistentin arbeitete? Ein Mann wie James Harrison, der für sein rücksichtsloses Geschäftsgebaren bekannt war, machte ein solches Angebot nicht, weil er ein so gutes Herz besaß. Andrea war sich nicht einmal sicher, ob überhaupt eines in seiner Brust schlug!

Nichts an James Harrison von der Harrison Holdings AG strahlte etwas Beruhigendes aus, stellte sie mit einem flauen Gefühl im Magen fest. Er war bestimmt eins neunzig groß. Das braune Haar trug er ein bisschen zu lang, sodass er es immer wieder mit einer lässigen Handbewegung aus der Stirn strich. Sein Gesicht wirkte hart und markant. Grüne Augen. Eine gerade Nase über Lippen, auf denen sich bestimmt nur selten ein Lächeln abzeichnete. Der maßgeschneiderte graue Anzug betonte die breiten Schultern und die schmalen Hüften. Insgesamt ging von ihm eine ruhelose Energie aus.

Andrea richtete sich zu ihrer vollen Größe von eins fünfundsechzig – plus sechs Zentimeter Absätze – auf und schaute ihm ruhig in die Augen. „Mein Name ist Miss Buttonfield oder Andrea, wenn Ihnen das lieber ist. Nur meine Familie und engen Freude dürften mich Andi nennen.“ Dann zog sie herausfordernd eine Augenbraue hoch.

Mit spöttischer Miene ließ James seinen Blick bewundernd über ihr Gesicht wandern. Andrea Buttonfield besaß Klasse … mit ganz großem K.

Sie war sechsundzwanzig, neun Jahre jünger und einen guten Kopf kleiner als er. Das blonde schulterlange Haar war perfekt geschnitten, ein dichter Pony betonte ihre großen Augen, die in der Farbe von geschmolzener dunkler Schokolade schimmerten. Trotzdem sah er die tiefen Schatten, die in diesen wunderschönen Augen lagen. Ihre Wangen wirkten ein wenig eingefallen, dafür war die Nase sehr gerade, und ihre Lippen zeigten jene Sturheit, über die er gerade anfing, sich zu ärgern. Ein schmal geschnittener schwarzer Rock und eine weiße Seidenbluse vervollständigten ihr distanziertes und geschäftsmäßiges Auftreten.

In den vergangenen drei Monaten war eine Tragödie nach der anderen über diese Frau hereingebrochen. Dennoch bemerkte er in ihrem Blick jetzt nur kühle Entschlossenheit.

Spöttisch neigte er den Kopf. „In diesem Fall entscheide ich mich für Andrea. Zumindest für den Moment“, fügte er hinzu. „Und ich sollte Sie warnen, Andrea, ich bin kein geduldiger Mensch. Mein Angebot ist nur gültig bis um fünf Uhr heute Nachmittag.“

Ihre einzige Antwort bestand in einem leichten Weiten ihrer ausdrucksstarken braunen Augen.

Er zuckte die Schultern. „So arbeite ich nun mal, Andrea.“

„Eine dermaßen lebensverändernde Entscheidung kann ich unmöglich innerhalb weniger Stunden treffen“, entgegnete sie kopfschüttelnd.

„Ihr Pech.“

Sie runzelte die Stirn. „Warum die Eile?“

„Meine momentane Assistentin verlässt mich Ende des Monats. Bis dahin brauche ich einen Ersatz.“ James ließ sich in einen der mit goldenem Brokat bezogenen Sessel gleiten – das perfekte Möbelstück für einen perfekt eingerichteten Salon.

James wusste bereits, dass jedes Zimmer in Tarrington Park in demselben kultivierten und eleganten Stil eingerichtet war. Diesen Stil gedachte er zu übernehmen, wenn er Tarrington Park in wenigen Wochen in ein weiteres Luxushotel und Konferenzzentrum umwandelte. Und dieser Stil, so hatte ihm Marjorie Buttonfield zu verstehen gegeben, verdankte sich allein der Arbeit ihrer Tochter.

Stil … dieses Wort traf auf alles zu, was Andrea Buttonfield anging. Aufgewachsen war sie als einziges Kind von Miles und Marjorie Buttonfield in Tarrington Park. Ihre Kindheit verbrachte sie in komfortablem Überfluss. Selbstverständlich besuchte sie nur die besten Internate des Landes. Ihr Abschluss in Englisch an der Universität von Cambridge zählte zu den herausragendsten ihres Jahrgangs. Anschließend war sie nach London gezogen und arbeitete seither als persönliche Assistentin von Gerald Wickham, Chef von Wickham International.

Ja, Andrea Buttonfield besaß Stil.

James’ Kindheit und Erziehung entsprachen dem genauen Gegenteil. Vielleicht hatten ihn ihr Stil und ihre Klasse deshalb so angezogen, als er ihr vor acht Wochen zum ersten Mal begegnet war.

Weitere vier Wochen zuvor war Andreas Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen – ebenso wie ihr Verlobter, David Simmington-Brown. In den Tagen danach war nicht nur ans Licht gekommen, dass ihr Vater so gut wie bankrott war, sondern darüber hinaus einen erklecklichen Haufen Schulden angehäuft hatte. Die einzige Lösung, die Schulden zu begleichen, bestand im Verkauf der Familienresidenz.

James hatte seine Hausaufgaben gründlich gemacht. Das Haus zu verkaufen bedeutete auch, dass die kürzlich verwitwete Marjorie Buttonfield kein Dach mehr über dem Kopf besaß und vom Einkommen ihrer Tochter abhängig war, das diese als Wickhams Assistentin verdiente.

Genau diese Tatsache war der Hebel, den er an Andreas eiserner Rüstung anzusetzen gedachte.

„Überlegen Sie doch mal, Andrea.“ James lächelte humorlos. „Als meine Assistentin bekommen Sie eine Gehaltserhöhung. Sie und Ihre Mutter können ins Pförtnerhaus einziehen. Abgesehen davon, dass Sie dort mietfrei wohnen, ersparen Sie Ihrer Mutter einen unter Umständen traumatischen Umzug. Außerdem kann ihr Pferd weiterhin in seinem gewohnten Stall bleiben. So wie ich das sehe, können Sie nur gewinnen.“

Andrea war sich der Vorteile, die James’ Angebot mit sich brachte, durchaus bewusst. Es waren die Nachteile, die ihr zu schaffen machten. Zuallererst kannte sie James Harrison nicht. Sie vertraute James Harrison nicht. Und – am wichtigsten – sie mochte James Harrison nicht!

Sein Ruf als rücksichtsloser Geschäftsmann vermittelte nicht den Eindruck, dass er zu impulsiven Entscheidungen neigte. Nein, wurde Andrea klar, er musste sich sein Angebot sorgfältig überlegt haben. „Und was haben Sie davon, Mr. Harrison?“, fragte sie.

„Gerald Wickhams Meinung nach sind Sie die beste Assistentin der westlichen Hemisphäre!“ Seine grünen Augen funkelten spöttisch auf.

Andreas hingegen weiteten sich ungläubig. „Sie haben mit Gerald über mich gesprochen?“ Daher wusste er wohl auch über ihr momentanes Gehalt Bescheid!

James zuckte die Schultern. „Ich würde wohl kaum darüber nachdenken, Sie einzustellen, bevor ich nicht mit Ihrem vorherigen Arbeitgeber gesprochen habe!“

„Mit meinem aktuellen Arbeitgeber!“, berichtigte Andrea ihn empört. „Sie hatten kein Recht, mit Gerald zu sprechen!“

„Dazu hatte ich jedes Recht“, unterbrach James sie kühl. „Ich würde nie jemanden aufgrund seines Aussehens einstellen, so wie ich nie einen Wagen nur wegen seiner schnittigen Form kaufen würde!“

Sie presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. „Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung war.“

„Es war eine ganz sachliche Aussage“, entgegnete James. „Theoretisch hätten sie ja lausig in ihrem Job sein und nur mit Gerald Wickham ins Bett gehen können, um ihn zu behalten.“

Eine Möglichkeit, die James überhaupt nicht gutheißen würde. Aus und vorbei wäre es mit dem Stil und der Klasse, die er Andrea Buttonfield bisher zuschrieb. Zugegeben, bis zu seinem plötzlichen Tod war sie mit diesem schmierigen Simmington-Brown verlobt gewesen. Aber das bedeutete noch längst nicht, dass sie auch mit ihrem Chef schlief. Ein Treffen mit Gerald hatte gereicht, um James zu überzeugen, dass der ältere Mann in Andrea eher eine Lieblingsnichte, denn eine kostspielige Geliebte sah.

Warum diese Information für ihn eine so große Rolle spielte, vermochte er nicht zu sagen. Sein eigener Verhaltenskodex verbot ihm, sich mit einer seiner Angestellten einzulassen – aber ihm war auch klar, dass viele Männer in seiner Position anders dachten.

Andrea wusste nicht, ob sie wütend oder empört auf den Umschwung ins Vertrauliche reagieren sollte, den das Gespräch genommen hatte. Sie entschied, dass es der Situation angemessener war, die Wendung einfach zu ignorieren. „Ich nehme an, Gerald hat Ihre Neugier in diesem Punkt befriedigt?“

„Völlig“, bestätigte James.

Verärgert schaute Andrea ihn an. „Ich bin mit meinem momentanen Arbeitgeber mehr als zufrieden, Mr. Harrison. Meiner Mutter ist bereits ein Cottage im Ort angeboten worden, in das sie sofort einziehen kann. Und eine Reitschule in der Nähe hat mir einen Platz für mein Pferd zugesichert. Sie sehen also, Mr. Harrison …“

„Wie ich schon sagte, habe ich keinerlei Verwendung für das Pförtnerhaus, Sie würden keine Miete zahlen müssen. Ihr Pferd bleibt kostenlos in seinem angestammten Stall. Außerdem …“, setzte er rasch hinzu, bevor Andrea ihn unterbrechen konnte. „Glauben Sie wirklich, dass es dem ohnehin schon schlechten Gesundheitszustand Ihrer Mutter förderlich ist, wenn sie nun gezwungen ist, ihr geliebtes Heim zu verlassen und in ein kleines Cottage zu ziehen?“

Bei seinen Worten war Andrea ganz still geworden. Schon der Autounfall, bei dem ihr Vater und ihr Verlobter ihr Leben verloren hatten, war ihr wie ein kaum zu ertragender Schlag des Schicksals erschienen. Anfangs hatte nur die Sorge um ihre Mutter ihre eigene Trauer unter Kontrolle gehalten.

Marjorie hatte die Enthüllung des Bankrotts ihres Mannes ein paar Tage später kaum verkraften können. Noch so ein Schlag, da war Andrea sich sicher, würde ihre Mutter nicht überleben.

Aber auch sie hatte die vergangenen Wochen als einzigen Albtraum erlebt. Während der Woche kam sie ihren Pflichten als Geralds Assistentin in London nach, an den Wochenenden kümmerte sie sich um ihre Mutter. Nach drei Monaten forderte diese Doppelbelastung ihren Tribut, emotional wie körperlich.

Die schlichte Wahrheit war, dass es ihre Mutter sehr glücklich machen würde, wenn Andrea wieder zu ihr nach Hampshire zog und mit ihr im Pförtnerhaus von Tarrington Park wohnte. Und das Wissen, dass es ihrer Mutter gut ging, würde auch Andrea glücklich machen. Einzig die Vorstellung, für James Harrison zu arbeiten, hielt sie davon ab, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen.

Das und die Tatsache, dass sie ihn weder mochte noch ihm vertraute!

In seiner Gegenwart fühlte sie sich unbehaglich. Sie wusste bereits, dass dieser Mann nicht nur vom Aussehen einem Eisberg glich, sondern dass auch sein Charakter einem entsprach.

Sie bedachte ihn mit einem kalten Blick. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich für einen Mann arbeiten möchte, der die Schwächen anderer Menschen zu seinem eigenen Vorteil ausnutzt.“

Er reagierte mit einem spöttischen Lächeln. „Ich denke, es ist nicht unbedingt erforderlich, dass Sie mich mögen.“

„Auch gut“, erwiderte sie. „Können Sie mir dann sagen, worin genau der Job besteht, den Sie mir anbieten?“

Abweisend zuckte James die Schultern. „Natürlich werden Sie mit denselben Aufgaben betraut sein, die Sie auch im Moment erledigen. Darüber hinaus werden Sie, sobald die Arbeiten beginnen, die meiste Zeit hier sein und den Umbau von Tarrington Park in eines der renommiertesten Hotels von Harrison Holdings tatkräftig begleiten. Ich werde jeweils einige Zeit in London sowie meinen anderen Hotels verbringen müssen. So oft wie möglich werde ich jedoch ebenfalls hier sein und die Umbauarbeiten überwachen. Nicht, dass es viele sein werden. Das Haus entspricht schon fast meinen Vorstellungen. Die Innenausstattung würde ich gerne Ihnen überlassen. Normalerweise habe ich dafür ein Team in London, doch Sie kennen das Haus besser als jeder andere. Mit Ihrer Hilfe, Andrea, hoffe ich, Tarrington Park zu einem der luxuriösesten Wellness-Hotels des Landes zu machen.“

Während James sie in seine Pläne für das Haus ihrer Kindheit einweihte, spürte Andrea Begeisterung in sich aufsteigen. Natürlich wäre es ihr lieber gewesen, gar nicht erst verkaufen zu müssen, aber nach den Enthüllungen der vergangenen Wochen war ihr klar, dass das unmöglich war. Mit dem Verkaufserlös waren die Schulden ihres Vaters beglichen worden. Und wenn sie James’ Angebot annahm, würde ihre Mutter, wenn auch nicht im Haupthaus, so doch wenigstens im kleinen Pförtnerhaus daneben wohnen bleiben können. Und sie selbst würde in Einrichtungsfragen ein Mitspracherecht haben.

Es bereitete James keine Schwierigkeiten, Andreas schwindende Entschlusskraft zu lesen. „Geben Sie es zu, Andrea … Sie sind von der Idee angetan.“

Ihre Augen blitzten auf. „Von der Idee vielleicht“, erwiderte sie bissig. „Die Realität steht auf einem anderen Blatt. Ich weiß nicht, ob ich für Sie arbeiten kann.“

„Warum, zur Hölle, denn nicht? Nein, lassen Sie mich raten. Jemand mit Ihrer Herkunft erschauert bei dem Gedanken, bei jemandem wie mir angestellt zu sein.“

Andrea blinzelte verwirrt. „Jemand ‚wie Ihnen‘ …?“

„Wie jeder andere Einwohner dieses Landes, sind Sie bestimmt, dank der Artikel in den Klatschzeitungen, bestens mit meiner Abstammung vertraut.“

In den vergangenen fünfzehn Jahren hatte die Presse sich immer wieder darauf gestürzt, dass James mit quasi leeren Händen angefangen hatte. Außer seinem Verstand und dem Willen zum Erfolg hatte er kein Kapital besessen. Mittlerweile hatte er es zwar zum Multimillionär gebracht, doch das interessierte die Reporter weit weniger, als die Tatsache, dass er als einziges Kind einer allein erziehenden Mutter in einem eher ärmlichen Teil von Glasgow aufgewachsen war. Mit sechzehn hatte er die Schule abgebrochen, um als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle anzuheuern.

Innerhalb von vier Jahren gründete er seine eigene Baufirma und spezialisierte sich darauf, heruntergekommene Gebäude zu kaufen und in Hotels umzubauen – jedes luxuriöser als das vorhergehende. Heute gehörten James Dutzende Hotels in der ganzen Welt.

Während der vergangenen Jahre hatte er seinen Glasgower Akzent verloren und gelernt, einen Anzug von Armani so selbstverständlich zu tragen, als sei er in einem zur Welt gekommen. In der Gegenwart von Lords und Ladys fühlte er sich ebenso wohl wie bei seinen Arbeitern auf der Baustelle.

„Warum sollte Ihre Herkunft für mich eine Rolle spielen?“, fragte sie.

Ja, warum eigentlich? James verfluchte sich innerlich, sie auf einen Riss in seiner strahlenden Rüstung aufmerksam gemacht zu haben. Andrea Buttonfield hatte ohnehin Grund genug, ihn nicht zu mögen. Schließlich war er derjenige, der ihr Heim nicht nur gekauft hatte, sondern es nun auch noch umbauen wollte.

„Ich habe gerade beschlossen, dass ich nicht bis heute Nachmittag auf Ihre Entscheidung warten möchte, Andrea“, stieß er ungeduldig hervor. „Nehmen Sie mein Angebot an, oder nicht?“

Andrea wollte ablehnen. Ihr Instinkt befahl ihr geradezu, genau das zu tun. Doch allein die Verschlechterung des Gesundheitszustands ihrer Mutter in den vergangenen drei Monaten gaben ihr genug Anlass, es sich noch einmal zu überlegen.

Sein Angebot löste so viele Probleme auf einmal. Andrea wusste, dass es töricht war abzulehnen, nur weil sie sich unwohl fühlte, solange sie sich im selben Raum wie James Harrison befand.

Sie atmete tief ein. „Okay. Ich nehme Ihr Angebot an, Mr. Harrison. Aber in meinem Vertrag mit Gerald steht, dass ich eine dreimonatige Kündigungsfrist einhalten muss.“

„Damit kann ich leben“, sagte er unbeeindruckt.

Und Andrea hoffte inständig, dass auch sie mit den Folgen ihrer Entscheidung leben konnte …

1. KAPITEL

„Packen Sie Ihre Koffer, Andi, wir fahren für ein paar Tage nach Schottland!“

Stirnrunzelnd blickte Andrea zu James hinüber, der auf der Schwelle zwischen ihren beiden Büros im obersten Stock von Tarrington Park stand. Da sie heute Morgen seinen Wagen auf dem Parkplatz gesehen hatte, wusste sie bereits, dass er im Haus war. Nicht deswegen, sondern wegen seiner Worte reagierte sie so überrascht. „Schottland?“

„Hmm.“ James schlenderte ins Zimmer und lehnte sich gegen ihren Schreibtisch. Das braune Haar trug er nun ein bisschen kürzer als noch vor einem Jahr. Die grünen Augen blickten jedoch noch genauso hart und kalt wie damals. „Jetzt, da Tarrington Park eröffnet ist, bin ich auf der Suche nach dem nächsten Projekt. Es gibt da ein Schloss in Schottland, das ich vielleicht kaufen werde.“

„Und Sie wollen, dass ich Sie begleite?“

Bislang hatte er sie nie gebeten, mit ihm auf Geschäftsreise zu kommen. Nun, auch jetzt bat er sie nicht darum, mahnte sie sich. Vielmehr hatte er ihr schlicht gesagt, dass sie fahren würden.

„Sie sind meine persönliche Assistentin“, erinnerte er sie.

Dessen war Andrea sich durchaus bewusst. Ebenso war sie sich bewusst, dass sie in den vergangenen Monaten angefangen hatte, in James mehr zu sehen als ihren Arbeitgeber, der manchmal nach Tarrington Park kam, sich über den Stand der Umbaumaßnahmen informierte und dann wieder nach London verschwand.

Dass James von seiner Assistentin erwartete, dass sie ihm auch auf einer Geschäftsreise zur Seite stand, war absolut verständlich. Tatsächlich hatte sie Gerald Wickham immer bei solchen Anlässen begleitet. Aber James war nicht Gerald …

Sie wusste um seinen rücksichtslosen Ruf, wenn es um Geschäfte oder Frauen ging. Deshalb hatte sie stets darauf geachtet, ihn auf Armeslänge von sich fernzuhalten. Es war ihr nicht schwergefallen. Emotional fühlte sie sich nach dem Tod von David und ihrem Vater ohnehin wie betäubt.

Aber allmählich – hinterrücks, wie es ihr vorkam – stellte sie fest, dass sie sich mehr und mehr auf James’ Überraschungsbesuche freute. In seinen Augen bemerkte sie einen verführerischen Schimmer. Sie mochte sein seltenes Lächeln. Die breiten Schultern und sein muskulöser Körper gefielen ihr immer besser.

Deshalb reagierte sie auch emotional so heftig auf seine Nähe, als er sich nun gegen ihren Schreibtisch lehnte.

Verärgert über sich selbst verzog Andrea das Gesicht. „Von welchem Flughafen aus fliegen wir?“, fragte sie knapp und atmete wieder leichter, als James sich vom Tisch abstieß.

„Ich haben überlegt, mit dem Range Rover zu fahren.“

„Fahren?“ Andrea blickte durchs Fenster auf den grauen Winterhimmel. „Schneit es nicht im Februar in Schottland?“

„Seien Sie nicht so negativ, Andi“, fuhr er auf. „Sonst könnte ich noch auf den Gedanken kommen, Sie wollen gar nicht mit mir nach Schottland reisen.“

Genau das wollte sie ja auch nicht!

Allein die Vorstellung, mehrere Tage ununterbrochen mit ihm zusammen zu sein, wenn seine Nähe ihr jetzt schon so zusetzte, ließ ein flaues Gefühl in ihrem Magen aufsteigen und ihren Puls rasen.

„Was ist Ihr Problem, Andi?“, fragte James. „Haben Sie am Wochenende schon etwas anderes vor? Ein romantisches Rendezvous vielleicht?“, fügte er spöttisch hinzu.

„Natürlich nicht!“, brauste sie auf.

James lächelte wissend. „Natürlich nicht“, wiederholte er. „Es ist über ein Jahr her, dass der heilige Simmington-Brown gestorben ist … wird es nicht langsam Zeit, dass Sie wieder anfangen zu leben?“ Vor allem weil ihr Verlobter mitnichten ein Heiliger war, dachte James angewidert. Im vergangenen Jahr hatte er viel zu viele Geheimnisse des anderen Mannes herausgefunden. Geheimnisse, von denen Andrea keine Ahnung hatte.

Seine Entscheidung, Andrea Buttonfield als Assistentin einzustellen und sie mit der Inneneinrichtung von Tarrington Park zu betrauen, war, musste er sich eingestehen, der beste geschäftliche Schachzug, den er je gemacht hatte. Doch das Hotel und das angeschlossene Konferenzzentrum hatten vor mehreren Monaten Eröffnung gefeiert und wurden seither sehr erfolgreich von Michael Hall gemanagt. Es war an der Zeit, sich dem nächsten Projekt zu widmen. Für sie beide.

Bei James’ Bemerkung über David versteifte Andrea sich. „Mein Privatleben geht Sie nichts an.“

Er stieß ein höhnisches Schnauben aus. „Sie haben doch gar kein Privatleben!“

„Dann ist es ja gut, dass Sie eines führen, das für uns beide ausreicht, oder?“, schoss sie zurück. Unwillkürlich hatte sie an die Fotos in den Klatschzeitungen denken müssen, die in regelmäßigen Abständen James’ Eroberungen dokumentierten. Jedes Bild zeigte ihn mit einer anderen Frau im Arm.

Spöttisch zog er eine Augenbraue hoch. „Eifersüchtig?“

„Ganz sicher nicht!“, rief sie aus, spürte jedoch, wie ihr das Blut in die Wangen schoss.

Sie war nicht eifersüchtig auf die Frauen in seinem Leben. Tatsächlich empfand sie es als verwirrend, dass sie sich seiner Gegenwart so überaus bewusst war. David war auf eine angenehme Art charmant gewesen, zuvorkommend und weltgewandt. Auch James besaß Charme und Raffinesse – wenn er wollte. Aber seine Attraktivität rührte vor allem von etwas rauem, ungeschliffen Maskulinen her. Verführerisch, sinnlich, erdig …

Abrupt stand sie auf. „Worauf soll ich eifersüchtig sein?“, sagte sie. „Wenn diese Frauen dumm genug sind, das Wenige zu akzeptieren, das Sie ihnen zu geben bereit sind, dann ist das allein deren Problem. Ich kann Ihnen versichern, dass ich absolut kein Interesse daran habe, Ihr Bett zu wärmen!“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, bereute sie sie bereits. Hatte sie etwa schon zu viel verraten? Ahnte er vielleicht längst ihr kleines Geheimnis?

James sah Andrea mit zu schmalen Schlitzen verengten Augen an. Die Heftigkeit ihrer Reaktion überraschte ihn. Während seiner seltenen Besuche in Tarrington Park hatte er seine kühle und distanzierte Assistentin nie so außer sich erlebt. Ihre braunen Augen blitzten vor Empörung, und auf den sonst so blassen Wangen zeichneten sich rötliche Flecken der Wut ab.

„Vielleicht sollten Sie mit dem Neinsagen warten, bis Sie gefragt werden“, zog er sie dennoch ungerührt weiter auf. „Ich sprach von Ihrem Liebesleben, Andi, nicht von meinem.“

Sie blinzelte einmal, dann war die kühle Miene, die sie normalerweise zur Schau trug, wieder zurückgekehrt. „Das wusste ich“, erwiderte sie knapp und nahm wieder hinter ihrem Schreibtisch Platz.

James musterte sie noch mehrere Sekunden, in denen er versuchte, ihre seltsame Reaktion einzuordnen.

Am Beginn ihrer Zusammenarbeit war es öfter zu angespannten Situationen zwischen ihnen gekommen. Was er, in Anbetracht der Tatsache, dass er Andrea praktisch dazu gezwungen hatte, für ihn zu arbeiten, nicht weiter verwunderlich fand. Aber als sie verstanden hatte, dass er wirklich an ihrer Meinung interessiert war und ihr, was die Inneneinrichtung des Hotels anging, völlig freie Hand ließ, hatte sich die Atmosphäre zwischen ihnen merklich entspannt. Jetzt, ein Jahr später, wusste er ihren ruhigen und effizienten Stil zu schätzen. Sie verkörperte alles, was er sich von einer Assistentin wünschte.

Ihre Reaktion rief ihm nun allerdings ins Gedächtnis, dass sie auch eine sehr attraktive Frau war.

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