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Verbotene Liebe – verbotenes Glück?

1. KAPITEL

New Orleans, Louisiana. Mardi Gras.

„Laissez le bon temps rouler!“ Lasst uns eine gute Zeit haben!

Der tobende Jubel hämmerte in seinem Kopf, als sich Hank Renshaw durch die Menschenmenge schob, die sich am Straßenrand aufgereiht hatte, um den Karnevalsumzug zu sehen. Er war nicht gerade in Partylaune.

Im Namen seines besten Freundes, der vor zehn Monaten bei einem Kampfeinsatz ums Leben gekommen war, hatte er eine Nachricht zu überbringen. Die Freundin seines Kameraden aufzuspüren, lag ihm schwer auf der Seele.

Nur seine Entschlossenheit verlieh ihm die Kraft, sich einen Schritt nach dem anderen durch das Gewühl der Feiernden zu bahnen, die mit Narrenhüten, Masken und Bärten kostümiert waren. Straßenlaternen spendeten in der Dunkelheit Licht. Die Parade bewegte sich im Schneckentempo voran, eine Jazzband spielte ein Stück von Louis Armstrong, während auf die erhitzte Menge die traditionellen Glasperlenketten, nachgemachten Dublonen und sogar Höschen aus Spitze von den Wagen herabregneten.

Fliegende Unterwäsche war nichts Neues für ihn. In den vergangenen Jahren war Hank regelmäßig von Bossier City nach New Orleans gekommen, um an den Partys rund um Mardi Gras teilzunehmen. Die ganze Stadt feierte das Wochenende hindurch ihren berühmten Karneval. Der Erfahrung nach – und so wie der Alkohol in Strömen floss – würde die Nacht noch ausufernder werden. Schon bald würden die Leute auf traditionelle Weise um die Perlenketten buhlen.

Indem sie ihren Oberkörper freimachten.

Eine alte Frau schwang ihre Arme in die Luft. Ihre Bluse blieb fürs Erste an ihrem Platz, als sie einem Karnevalsprinzen, der auf seinem Umzugswagen ein mechanisches Krokodil ritt, zurief: „Wirf mir was rüber, Mann!“

„Laissez le bon temps rouler!“, rief der König mit starkem Cajun – Akzent zurück.

Hank wich einer Straßenlampe aus. Er sprach fließend Französisch und Spanisch, ganz passabel Deutsch und ein paar Brocken Chamorro aus der Zeit, als sein Vater auf Guam stationiert war. Er hatte sich immer geschworen, nicht in die Fußstapfen seines alten Herrn zu treten, der ebenfalls Flieger gewesen war. Doch während sein Vater als Pilot gedient hatte, war aus Hank ein Navigator geworden. Und am Ende flog er das gleiche Flugzeug wie sein Vater – die B-52 Stratofortress.

Dem Vermächtnis seiner Familie konnte er ebenso wenig entkommen wie seine beiden Schwestern. Die Renshaws gingen nun mal zur Air Force. Das war seit Generationen so, auch wenn das stetig wachsende Vermögen der Familie inzwischen milliardenschwer war.

Aber er würde jeden verdammten Cent davon verschenken, würde das seinen Freund zurückbringen.

Von Trauer erfüllt sah Hank auf die schmiedeeiserne Hausnummer über dem Restaurant vor ihm. Noch eine Straßenecke weiter würde er Gabrielle Ballards Apartment erreicht haben, das über einem Trödelladen lag. Er tauchte zurück in das Farbenmeer von Mardi Gras. Violett, Gold und Grün.

Und dann sah er sie, als sich die Menge ein wenig vorwärtsbewegte, im schummerigen Licht eines Schaufensters. Oder genauer, er sah sie von hinten, wie sie offensichtlich auf dem Weg zu ihrer Wohnung war. Denn mit ihrem buntgemusterten Beutel voller Einkäufe und einer Leinentasche machte sie nicht den Eindruck, wegen der Parade hier zu sein.

Er beeilte sich, sie einzuholen. Ohne jeden Zweifel hatte er sie erkannt. Auch ohne ihr Gesicht zu sehen, wusste er, dass sie es war. Das klang zwar kitschig, aber es war die Wahrheit. Er bemerkte die feine Rundung ihres Nackens, das Wallen ihres blonden Haars um ihre Schultern herum.

Auch wenn ein schlabberiger Pullover ihren Körper verbarg, konnte man ihre vollendeten langen Beine nicht übersehen. Diese Frau sah selbst in einfachen Jeans umwerfend aus. Dass sie die doppelte Staatsbürgerschaft besaß, zeigte sich an einem gewissen europäischen Touch. Ihr Vater, Sergeant bei der US Army, hatte eine Deutsche geheiratet, dann seine Laufbahn bei der Armee beendet. Gabrielle war nach New Orleans gekommen, um hier zu studieren.

Ja, er wusste so ziemlich alles über Gabrielle Ballard. Sie war die Frau, nach der er sich ein ganzes langes Jahr verzehrt hatte, bevor Kevin und er nach Übersee geschickt wurden. Die einzige Erleichterung für ihn war, dass sie hier in New Orleans lebte, während er und sein Freund weiter weg stationiert waren. So liefen sie sich nur selten über den Weg.

Abgesehen davon setzte der militärische Ehrenkodex ihm eine Grenze. Schließlich war Gabrielle die Verlobte seines besten Freundes, Kevin. Zumindest war sie es gewesen. Dann war Kevin vor zehn Monaten gefallen. Zwei Schüsse aus einem Hinterhalt, und sein Freund war tot. Was nicht hieß, dass Gabrielle nun wieder frei war, aber Hank fühlte sich jetzt seinem Kameraden verpflichtet.

Sie hielt ihren Einkaufsbeutel und die Leinentasche fest, als sie sich seitlich durch eine Ansammlung junger Studenten quetschte, die vor dem schmiedeeisernen Tor standen, das zur Außentreppe ihres Apartments führte. Plötzlich spritzte Bier aus einem Plastikbecher auf ihren Arm. Sie sprang erschrocken zurück und prallte gegen einen der Betrunkenen. Gabrielle wollte weitergehen, da versperrte ihr der Mann mit dem Becher den Weg. Sie drückte den Stoffbeutel an sich und guckte ängstlich.

Kampferprobte Instinkte schlugen in Hank Alarm. Mit finsterer Miene drängte er sich durch die Menge, ohne Gabrielle aus den Augen zu lassen. Im Licht der Straßenlaterne leuchtete ihr goldblondes Haar wie ein Wegweiser in dem Tumult. Sie hatte sich in eine Nische des Vorgartens gedrückt, doch der Gehweg war brechend voll, und der Krach von den Umzugswagen so laut, dass niemand ihren Hilferuf hören würde.

Zwei letzte Schritte, dann hatte er die Raufbolde erreicht. Er legte seine Hand auf die Schulter des Kerls, der das Bier verschüttet hatte. „Lass die Lady durch.“

„Was zum Geier …?“ Der betrunkene Idiot stolperte rückwärts und glotzte Hank mit blutunterlaufenen Augen an.

Gabrielles Blick fiel auf Hank. Ihr Atem ging schwer. Sie riss ihre smaragdgrünen Augen auf, als sie Hank wiedererkannte. Auch bei ihm wurden alte Gefühle geweckt – so wie jedes Mal, wenn sie sich über den Weg liefen. Wie ein Magnet fühlte er sich von ihr angezogen, seit er sie das erste Mal auf einer Veranstaltung seiner Einheit getroffen hatte. Er hatte sie gesehen, in ihrem hellblauen Kleid, und jede Faser seines Körpers hatte geschrien: „Das ist die Frau für mich!“. Einen Moment später kam Kevin hinzu und stellte sie ihm vor – als die Liebe seines Lebens. Trotzdem war sie ihm nie aus dem Sinn gegangen.

Der Kerl schüttelte Hanks Hand ab. Der Alkoholdunst quoll aus jeder seiner Poren. „Kümmer dich um deinen eigenen Kram, Mann.“

„Das geht leider nicht.“ Hank legte den Arm um Gabrielles Taille und musste sich angesichts ihrer Nähe im Zaum halten. „Sie gehört zu mir. Sucht euch eine andere Stelle, wenn Ihr die Parade sehen wollt.“

Der Mann konzentrierte sich lang genug, um seinen Blick kurz über Hanks Fliegerjacke aus Leder schweifen zu lassen und dann zu entscheiden, dass es nicht sehr clever wäre, sich mit einem durchtrainierten Soldaten einzulassen. Er hob abwehrend seine Hände „Hatte keine Ahnung, dass Sie das Vorrecht haben, Major.“

Major? Gott, ihm kam es wie gestern vor, dass er als frisch gebackener Lieutenant einer Besatzung zugeteilt wurde. Für einen Moment fühlte er sich steinalt, dabei war er erst dreiunddreißig. „Schon gut. Wenn Ihr jetzt geht.“

„Klar.“ Der Kerl drehte sich zu seinen Kumpels um. „Lasst uns abhauen, Leute.“

Hank sah dem betrunkenen Trio nach, bis es im Getümmel untergetaucht war. Wachsam behielt er weiterhin die aufgeputschte Menge der Feiernden im Auge.

„Hank?“, fragte Gabrielle. „Wie hast du mich gefunden?“

Der Klang ihrer Stimme legte sich wie ein seidenes Band um ihn. Es war genauso wie früher. Noch immer war er total in sie verschossen. Das war schlimm genug, damals, als sie und Kevin sich verlobt hatten. Aber jetzt genügte es schon, sie einmal anzuschauen, um die Erinnerung an seinen sterbenden Freund in ihm hochkommen zu lassen.

Er wollte lediglich sehen, ob es ihr gut ging, so wie er es Kevin versprochen hatte. Ihr dessen letzten Worte überbringen und sich dann endgültig aus ihrem Leben verabschieden.

„Du wohnst immer noch unter derselben Adresse. Man muss kein Sherlock Holmes sein, um dich zu finden“, erklärte er, während er sie durch das schmiedeeiserne Gartentor begleitete. Sein Blick schweifte über den vertrauten Vorgarten und den Gartentisch, den er das erste Mal vor zwei Jahren gesehen hatte, als er mit Kevin hierhergekommen war. Entschlossen, seine Gefühle für sie im Zaum zu halten, hatte er seinen Freund auf einen Wochenendtrip nach New Orleans begleitet. Von Anfang bis Ende die reinste Selbstquälerei. „Lass uns raufgehen, dann können wir reden.“

„Was machst du hier? Ich wusste gar nicht, dass du in die Staaten zurückgekommen bist.“ Ihr leichter deutscher Akzent verlieh ihr das gewisse Etwas.

Aber es war nicht nur das, was ihn von den Socken haute. Bei Gott, er war dreiunddreißig, ein kampferfahrener Soldat, und er fühlte sich in ihrer Gegenwart wie ein Schüler, der das neue, tolle Mädchen in der Klasse anhimmelte.

Wie reizvoll ihre schimmernden, grünen Augen wirkten, die hohen Wangenknochen und das hübsche Kinn, das ihr herzförmiges Gesicht betonte. Die Tasche aus grünem Leinenstoff baumelte ihr von der Schulter. Den Einkaufsbeutel hatte sie sich quer übergehängt, sodass er seitlich auf ihrer Hüfte lag. Der Riemen verlief genau zwischen ihren Brüsten.

Brüste, die voller waren, als er in Erinnerung hatte. Besser, er starrte nicht so eindeutig darauf. „Ich bin wegen dir gekommen.“

Das Übrige hat Zeit, bis sie hineingegangen waren. Er zog sie enger an sich, der Einkaufsbeutel baumelte zwischen ihnen. Was zum Teufel hatte sie da drin?

Er legte einen Finger unter den Riemen. „Soll ich das tragen?“

„Nicht nötig, danke.“ Sie legte schützend ihre Hände auf den Beutel, wobei sie sanft über dessen Auswölbung streichelte.

Eine Auswölbung? Das sah gar nicht nach Einkäufen aus. Aber was war es dann?

Der Beutel bewegte sich.

Beim genauen Hinsehen wurde es ihm bewusst. Ach, du Schande! Das war gar kein Beutel. Er hatte genau dasselbe bei seiner Schwester Darcy gesehen, als ihr Sohn und ihre Tochter auf die Welt kamen. Kein Zweifel: Gabrielle hatte ein Babytragetuch umgebunden.

Und angesichts des kleinen Fußes, der hervorlugte, steckte da auch ein Baby drin.

Solange sie sich erinnern konnte, hatte Gabrielle davon geträumt, Mutter zu werden. Die Babypuppen, mit denen sie gespielt hatte, hatte sie verhätschelt und getätschelt wie niemand anders. Aber sie hatte keine Ahnung, was es wirklich heißen könnte, Mutter zu sein.

Ihr Sohn hatte keinen Vater mehr.

Und das Kind war krank.

Und jetzt kehrte zu allem Überfluss auch noch die Vergangenheit in Gestalt von Hank Renshaw zurück. Wie er so vor ihr stand, groß und breitschultrig, schien er sie vor der Welt beschützen zu wollen. Er trug an diesem für die Jahreszeit etwas zu kühlen Abend seine lederne Fliegerjacke, und er sah so groß und stattlich darin aus wie der Held aus einem Film. Sie konnte kaum glauben, dass er hier war.

Hank.

Kein Scherz, Major Hank Renshaw jr. stand vor ihr. Mitten im Mardi Gras. Nur weil sie einen Termin beim Kinderarzt gehabt hatte, hatte sie sich überhaupt in das Gewühl gewagt. Wäre er nur ein paar Minuten später da gewesen, hätten sie sich verpasst.

Ihr Herz klopfte aufgeregt. Sie hatte Hank nicht mehr gesehen, seit sie sich von Kevin verabschiedet hatte. Das war der Tag, an dem die beiden von ihrem Stützpunkt in Louisiana nach Afghanistan verlegt wurden.

Aus irgendeinem Grunde war er jetzt zu einem Besuch bei ihr. Und auch, wenn es schmerzte, daran zu denken, dass sie eigentlich Kevins Rückkehr hätte feiern sollen, so war es nicht Hanks Schuld. Sie war erschöpft und seelisch aufgerührt. Gott, sie hasste es, so weinerlich zu sein.

Aber meine Güte, sein frisch geduschter Duft vertrieb die üblen Ausdünstungen von Bier und Schweiß und die schlimmen Erinnerungen. Es wäre so leicht, sich jetzt in seine starken Arme fallen zu lassen. Sehr leicht sogar – und ziemlich leichtsinnig. Sie musste sich zusammennehmen. Lange hatte sie darum gekämpft, ihrer vereinnahmenden Familie zu entkommen, um sich ihren Traum, in Amerika zu studieren, zu erfüllen.

Sie war sechsundzwanzig, alleinerziehend, aber sie konnte und wollte selbst ihr Leben in die Hand nehmen. Sie brauchte keinen Mann, der sie nur ablenken würde oder ihr das Herz brechen könnte. Vor allem nicht jetzt.

Und wie man seinem angesichts des Babys entgeisterten Blick ablesen konnte, würde es auch nicht weiter schwer werden, Hank schnell wieder loszuwerden.

Trotz ihrer Müdigkeit gelang es ihr, ein Lächeln aufzusetzen. „Mein Gott, Hank. Ich kann es kaum glauben. Lass uns reingehen, bei dem Krach hier kann man ja kaum was verstehen. Seit wann bist du aus Übersee zurück? Wie lange warst du da?“

„Ich bin gestern auf dem Stützpunkt gelandet.“ Er blickte fragend auf das Baby.

Sie ignorierte den Blick, besser, sie würde ihm später alles erklären, sobald sie ihre Fassung zurückgefunden hätte. „Erst gestern? Und schon hier? Du musst ja noch müder sein als ich.“

Er nahm ihren Ellbogen mit seiner warmen, kräftigen Hand und führte sie durch das Gedränge. „Du stehst ganz oben auf meiner Prioritätenliste. Warum sollte ich sonst herkommen?“

Ihr Sohn strampelte um sich und trat ihr in den Magen, in dem ihre Nervosität ohnehin schon grummelte. „Wegen Mardi Gras vielleicht?“ Sie schob eine Hand in den Leinenbeutel, der die Windeln beinhaltete, und kramte ihren Hausschlüssel hervor. „Ich hab gedacht, du bist wegen des Karnevals hier. Ein Erholungsurlaub nach dem Einsatz.“

„Nein, Urlaub mache ich keinen. Warum ich hier bin? Wegen dir.“

„Wegen Kevin, meinst du wohl.“ Selbst zehn Monate nach seinem Tod tat es weh, seinen Namen auszusprechen.

Hanks Augen zeigten den gleichen Schmerz. Was für eine seltsame Gemeinsamkeit sie beide hatten – sie waren verbunden durch einen Toten.

Sie wandte sich ab, als ihre Augen feucht wurden, und schloss das schmiedeeiserne Tor auf, das zur Treppe ihres Apartments führte. Quietschend öffnete sich das Gatter. Hank sorgte dafür, dass niemand anderer hineingelangte, und betrat mit ihr den winzigen Gartenweg. Er schloss das Tor hinter sich und nahm sie fest in seine Arme.

Seine blauen Augen strahlten sie an. Sie erwiderte seinen Blick.

Er zupfte an dem winzigen beschuhten Fuß des Babys. „Im Grunde bin ich wegen Kevin hier. Aber … darf ich mal was fragen? Wer ist das? Bist du Babysitter für die Nachbarn?“

Genau diese Frage hätte sie gerne noch ein wenig hinausgezögert. „Das ist Max. Mein Sohn.“

Ihr kranker Sohn, sehr krank. Sie zitterte vor Sorge. In ihrem Kopf hämmerte der Takt der Jazzmusik. „Alles Weitere erzähle ich dir, wenn wir oben sind. Weg vom Krach. Es war ein langer Tag, und ich bin echt müde.“

Im Handumdrehen hatte Hank ihr die Leinentasche abgenommen. Er schlüpfte aus seiner Lederjacke und legte sie ihr um, noch ehe sie die Worte nein danke hauchen konnte. Sie hatte Kevins Lederjacke schon Dutzende Male getragen. Und eigentlich sollte sich diese genauso anfühlen. Aber da war mehr. Hanks Nähe erfasste sie, und sie fühlte sich in seiner Wärme und seinem Duft geborgen.

Kevin und Hank waren zwar zusammen auf der B-52 geflogen, aber vom Temperament her waren sie total verschieden gewesen. Bei Kevin drehte sich alles um Spaß und Vergnügen, was sie häufig vom Studium abhielt. Hank dagegen war mehr der ernsthafte Typ.

Sie hörte seine festen Schritte hinter sich, während sie die Stufen zu ihrem Apartment im dritten Stock hinaufging. Nach einem langen Tag im Krankenhaus, wo sie sich ihren Ängsten gestellt hatte und ganz alleine gewaltige Entscheidungen treffen musste, fühlte sich seine Unterstützung gut an. Zu gut. Sie fummelte mit den Schüsseln. Hanks Jacke rutschte herab. Sie spürte die kalte Nachtluft. Er fing die Jacke auf, bevor sie auf den Boden fallen konnte.

Eilig sperrte sie die Haustür auf, streifte ihre Schuhe ab und warf die Schlüssel auf die restaurierte Anrichte an der Wand. Ein großzügiger Raum lag vor ihnen, mit hohen Decken und Holzdielen. Die Einrichtung im Shabby-Chic – Ambiente war überwiegend aus zweiter Hand. Ihr Schlafzimmer lag eine Etage höher. Das Babybett, in einer Nische untergebracht, war das einzige neue Möbelstück, aus dunklem Mahagoni gefertigt, der Überzug aus blauem Stoff, der mit Wolken und kleinen Flugzeugen gemustert war.

Die Einzimmerwohnung war perfekt gewesen, als sie sich ihren Traum erfüllte, nach Amerika zu kommen, um ihren Master of Business Administration zu machen. Seit Max’ Geburt war die Wohnung immer unpraktischer geworden. Gabrielle hatte überlegt, ob sie dem ständigen Drängen ihrer Eltern nachgeben und zurück nach Hause ziehen sollte, aber sie blieb stark. Sie hatte Geld beiseitegelegt, und zudem verdiente sie ein wenig mit dem Design von Webseiten für Firmen.

Dann war ihre Welt zusammengebrochen. Ihr Kind war mit einem Magenpförtnerkrampf, einer Fehlbildung des Verdauungssystems, zur Welt gekommen und benötigte nun eine Operation, um den angeborenen Fehler zu korrigieren.

„Gabrielle …“ Hanks tiefe Stimme erfüllte das weitläufige Zimmer und mischte sich mit dem Lärm der Parade, der den Boden vibrieren ließ.

„Sssch.“ Sie hob ihren schlafenden Sohn aus dem Tragetuch und legte ihn in das Babybettchen. Sie streichelte seinen Rücken, bis er ganz ruhig war. Mit einem geübten Handgriff hatte sie ihm den Strampler übergestreift. Sie zog das Flugzeugmobile auf, das eine beruhigende Melodie spielte und den Krach von der Straße milderte.

Tiefe mütterliche Gefühle gingen durch sie hindurch, stärker als alles, was sie je empfunden hatte, bevor Max kam. Sie fuhr ihm durch sein feines, hellbraunes Haar und küsste ihn auf die Stirn. Der süße Duft des Babys – Shampoo und Babypuder – erfüllte ihre Nase. Sie würde alles für ihren Sohn tun.

Wirklich alles.

Sie schüttelte die Müdigkeit ab und zog den dünnen Vorhang zu, der die Nische diskret vom Zimmer abtrennte. Entschlossen blickte sie Hank an. „Jetzt können wir reden. Max wird zwanzig Minuten schlafen, bevor er Hunger hat.“

Ihr Sohn aß nur ganz kleine Mengen, aber das umso häufiger. Der Schließmuskel zwischen Magen und Darm war zu eng. Hoffentlich konnte die anstehende Operation das beheben, damit Max sich normal entwickeln konnte. Wenn ihr schwaches Baby den Eingriff überhaupt überstehen würde.

Hank stellte die Leinentasche auf den zerschrammten Holztisch neben der Kochnische ab und legte seine Jacke über einen Stuhl. „Ist das Kevins Kind?“

Die Frage kam unerwartet. Sie drehte sich abrupt um. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit. Die Zweifel in seinem Gesicht taten mehr weh, als sie zugegeben hätte.

Erinnerungen an vergangene Zeiten quälten sie. Was sie nicht alles vermisste: Wie sie und Hank zusammengehalten hatten, um den impulsiven Kevin zu bändigen. Wie Hank beim Billardspiel dafür gesorgt hatte, dass sie gewann. Nur um dann verblüfft zu sehen, wie sie das nächste Spiel ganz alleine gewonnen hatte.

„Hank, du kennst mich.“ Zumindest hatte sie das angenommen. „Musst du das wirklich fragen?“

„Da sich meine Schwestern und ihre Männer wie die Karnickel fortpflanzen, kenne ich mich ein klein wenig mit Babys aus. Dein kleiner Mann sieht wie ein Neugeborenes aus. Und wir sind vor zwölf Monaten nach Übersee verlegt worden.“ Er schüttelte den Kopf. Seine Knöchel wurden weiß, als er die Stuhllehne packte. „Leicht nachzurechnen.“

Ihr Zorn wuchs, auch wenn er damit recht hatte, dass ihr Sohn für sein Alter schmächtig war. „Wirklich? Du denkst, du weißt alles, wie? Glaubst du echt, ich hätte Kevin betrogen?“

Was sie getan hatte – wenn auch nur in Gedanken.

„Du wärst nicht die erste Frau, die einen anderen findet, weil ihr Freund für längere Zeit abwesend ist.“

„Aber das habe ich nicht.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr Herz war viel zu aufgewühlt gewesen, um auch nur in Betracht zu ziehen, sich nach jemand anderen umzusehen. „Max ist so klein, weil er eine Pylorus-Stenose hat. Eine Fehlbildung im Verdauungssystem. Das kann man durch eine Operation beheben.“

Vor lauter Sorge hatte sie sich ganz verspannt. Nun lehnte sie sich gegen das Eckregal, in dem ihre Lehrbücher und Studienunterlagen verstaut waren.

Die Zweifel wichen aus Hanks Gesicht. Er trat zu ihr, aber traute sich nicht, sie anzufassen. „Gabrielle, das tut mir so leid. Wie kann ich dir helfen? Brauchst du Fachärzte? Oder Geld?“

Sie unterbrach ihn abrupt. Sein Mitgefühl würde noch dazu führen, dass sie ihr bisschen Selbstkontrolle verlor. „Das, was Max an ärztlicher Hilfe benötigt, dafür sorge ich schon. Ich bin über die Universität versichert. Und du brauchst auch nicht deine Fachärzte zu bemühen, um dann heimlich sein Alter zu überprüfen.“

Sie konnte sich nicht anders helfen, sie blieb gegenüber Hanks Angebot misstrauisch. „Seine Geburt wurde standesamtlich gemeldet. Acht Monate, nachdem du und Kevin verlegte wurdet, ist Max auf die Welt gekommen. Er ist vier Monate alt.“

„Dann musst du im ersten Semester gewesen sein, als Kevin umkam. Wusstest du schon von dem Baby, als er starb?“

Sie schluckte mühsam. Schließlich konnte sie nicht leugnen, dass sie Kevin das verheimlicht hatte. „Ich wusste es.“

„Warum hast du ihm nie etwas gesagt?“

Wie konnte er es wagen? Da stand er vor ihr, selbstgerecht. Und quicklebendig. Ihre Trauer schlug in Wut um. „Ihr beide seid vielleicht Freunde gewesen sein, aber meine Gründe gehen dich nicht das Geringste an.“

Nachdenklich strich er sich über sein kurz geschorenes Haar. „Du hast recht. Das geht mich nichts an.“

Sein Einlenken ließ ihren Ärger abklingen. Wie sollte sie ihm ihre Gründe nennen, wenn sie es sich selbst kaum erklären konnte. Sie war besorgt und verwirrt gewesen und hatte es so lange vor sich hergeschoben, bis es zu spät war, Kevin davon zu erzählen. Dafür gab es keine vernünftige Begründung. Sie würde für den Rest ihres Lebens mit dieser Schuld leben müssen.

Sie nahm seine Jacke vom Stuhl und hielt sie ihm hin. „Du hast nach mir geschaut und damit deine Verpflichtung gegenüber Kevin erfüllt. Und jetzt geh. Es ist spät, und du bist sicher von deinem langen Flug müde. Und ehrlich gesagt, ich bin fix und fertig, und gegessen habe ich auch noch nichts.“

Ein anstrengender Tag lag hinter ihr. Zumal sie schon erschöpft war von der Nacht zuvor, in der sie Max alle zwei Stunden gestillt hatte.

Sie drückte Hank die Lederjacke in die Hände. „Es war nett, dich wiederzusehen. Schönen Abend noch.“

Er nahm ihre Hand. „Ich bin hier, um nach dem Rechten zu sehen. So wie ich es Kevin versprochen habe. Und offensichtlich war das richtig so. Kevin hätte sich um sein Kind gekümmert. Er hätte gewollt, dass ihr nicht in einer Einzimmerwohnung leben müsst.“

Beleidigt warf sie den Kopf zurück. „Schon wieder das Thema Geld? Ich erinnere mich nicht, dass du jemals so aufdringlich warst.“

„Und ich weiß nicht, wann du jemals so abweisend warst.“

Sie erwiderte seinen Blick. „Vielleicht habe ich nicht das Vermögen der Renshaws und auch nicht euren Einfluss, aber ich arbeite schwer, um mein Kind zu versorgen. Und ich glaube, ich mache das verdammt gut.“

Wut und Enttäuschung putschten sie innerlich auf. Ihre Nerven kribbelten vor Nervosität, weil sich Hank keinen Zentimeter rührte. Bis sie bemerkte, dass er immer noch ihre Hand hielt.

Die Wärme seiner Hand sickerte in sie und löste ihre schreckliche Angst, die sie schon so lange in sich trug, dass sie glaubte, nichts könnte sie mehr vertreiben. Sie hatte sich so leer und erschöpft gefühlt. Jetzt loderten Erinnerungen auf, und sie wurde von etwas durchströmt, das sie schon lange Zeit nicht mehr gefühlt hatte. Sie spürte Verlangen.

Wie eine Antwort darauf flackerte kurz ein Funke in Hanks Augen auf. „Hast du wirklich Hunger? Dann lass mich doch was zum Essen bestellen, um wiedergutzumachen, dass ich vorhin so grob war.“

„Ein Dinner? Mit dir?“ Seit jenem Abend, zwei Tage vor seinem Einsatz, hatten sie nicht mehr zusammen gegessen.

Seit jenem Abend, an dem sie Hank Renshaw geküsst hatte.

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