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Die Rätselhafte Madonna – Verbotene Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Die Rätselhafte Madonna
  5. Abschluss
  6. Exklusive Fotos von den Filmaufnahmen

Jan überflog noch einmal die Mail, die er gerade geschrieben hatte, lächelte vor sich hin und klickte auf Senden. Zufrieden lehnte er sich auf seinem Schreibtischstuhl zurück. Was für eine hervorragende Möglichkeit, ohne großen Aufwand mit seinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Er freute sich jedes Mal aufs Neue darüber und nutzte dieses Medium privat mittlerweile ebenso selbstverständlich wie beruflich.

Sich hinzusetzen und einen seitenlangen Brief – womöglich noch mit der Hand – zu schreiben, war noch nie seine Sache gewesen, aber seit es selbstverständlich geworden war, auf elektronischem Wege miteinander zu kommunizieren, hatte er sich zu einem leidenschaftlichen »Briefschreiber« entwickelt.

Ebengrade hatte er eine Mail von Nathalie Vian beantwortet, die ihm aktuelle Fotos von Marie und Sophie geschickt und mit viel Humor über Freud und Leid einer Mutter von pubertierenden Töchtern erzählt hatte. Die beiden Mädchen hatten nicht nur die Schönheit, sondern auch das Temperament ihrer Mutter geerbt und Jan konnte sich gut vorstellen, was im Hause Vian manchmal los war.

Vor zwei Jahren hatte er bei einem Besuch einige Kostproben ihrer Lebhaftigkeit und Willensstärke erhalten, wobei sie damals aufgrund ihres geringeren Alters noch ganz gut zu handeln gewesen waren, inzwischen war es wohl nicht mehr so einfach.

Die Vians in Paris gehörten mit zu den Menschen, mit denen Jan auch nach Jahren und ohne sich oft zu sehen, engen Kontakt pflegte, wobei sein Freund Pierre in den Mails immer nur Grüße bestellen ließ und lieber hin und wieder anrief.

Für Pierre waren Computer und Internet immer noch neumodischer Kram, mit dem er nichts zu tun haben wollte. Das überließ er Nathalie und seinen Töchtern, allerdings nicht, ohne ständig vor den Gefahren der elektronischen Datenübertragung und gesundheitsschädlichem Elektrosmog zu warnen. Er weigerte sich sogar seit Jahren standhaft, sich ein Handy zuzulegen.

Wenn Nathalie ihm vorhielt, dass sie ihn auf dem Markt nicht erreichen könne, wenn etwas Wichtiges zu besprechen sei, womöglich mit den Mädchen etwas Unvorhergesehenes wäre, winkte er regelmäßig ab. Selbst Jans Hinweis, dass sogar die alten Marktfrauen auf dem Campo de’Fiori, einem der beliebtesten Obst- und Gemüsemärkte im Zentrum Roms, heutzutage schon Handys benutzten, ließen ihn unberührt.

Lieber sei Pierre ein Fossil aus vergangener Zeit, als sich zum Sklaven der Technik machen zu lassen, war eines seiner Lieblingsstatements. Schließlich hätte er bis jetzt ja auch gut ohne all den technischen Schnickschnack überlebt.

Auch Jean-Luc Dupont, der schon allein aufgrund seines Berufes als Graphiker den ganzen Tag am Computer saß, gehörte zu Jans regelmäßigen Schreibkontakten.

Er schickte ihm gerne Cartoons, mit Vorliebe solche, in denen katholische Pfarrer auf die Schippe genommen wurden, was Jan ihm nicht weiter übel nahm. Ganz im Gegenteil. Manchmal druckte er sie sich aus und hängte sie an die Pinnwand hinter seinem Schreibtisch, weil sie entweder so witzig waren, dass er jedes Mal grinsen musste und sofort bessere Laube bekam, wenn er darauf schaute. Oder das Körnchen Wahrheit, das sie enthielten, erschien ihm als kleiner Denkanstoß durchaus inspirierend.

Jan hatte sie sogar schon an Kollegen weitergeschickt, was aber nicht jedes Mal besonders gut angekommen war, sodass er in dieser Beziehung inzwischen wieder etwas vorsichtig geworden war. Nicht jeder seiner Amtsbrüder verfügte über das Quäntchen Humor, das es brauchte, um auch über sich selbst lachen zu können.

Jean-Luc lebte immer noch als Single mit wechselnden Affären, die selten länger als ein paar Monate dauerten. Wahlweise machte er seinen Job – »Werbung frisst einen auf« – oder seine große Liebe Aimee dafür verantwortlich, die ihn schon vor Jahren wegen eines anderen verlassen hatte.

Hin und wieder verstieg Jean-Luc sich sogar in die Behauptung, Jan könne sich glücklich schätzen, dass er mit diesem ganzen Theater zwischen Männern und Frauen nichts mehr zu tun hätte. Bis er sich dann das nächste Mal verliebte, Jan von seiner neuen Flamme vorschwärmte und ihn zutiefst bedauerte, weil er von diesen Freuden ausgeschlossen war.

Ein Kontakt, über den Jan sich immer wieder ganz besonders freute, war der zu Christian und Chloé. Die beiden waren tatsächlich ein Paar geworden und immer noch zusammen, was Jan manchmal ein wenig erstaunte und dann auch wieder nicht. Irgendwie passten sie trotz ihrer Gegensätze gut zueinander und rauften sich immer wieder zusammen, wenn es wieder einmal richtig krachte.

Im vergangenen Jahr hatten sie Jan sogar in Rom besucht, zusammen mit Chloés Sohn Luca, den Christian inzwischen adoptiert hatte.

Chloé war bei diesem Besuch mit ihrem ersten gemeinsamen Kind schwanger gewesen, mittlerweile war die kleine Mira auch schon wieder ein halbes Jahr alt.

Chloé hatte eine geradezu bewundernswerte Entwicklung durchgemacht. Sie war es auch gewesen, die nach der Geburt von Luca Kontakt mit Jan aufgenommen hatte, um ihm davon zu berichten.

Seitdem schrieben sie sich regelmäßig und Jan hatte ihre Veränderung sozusagen hautnah miterleben und ihr manchmal auch als Ratgeber und Mutmacher zur Seite stehen können.

Mit fast verbissenem Eifer hatte Chloé ihre versäumte Schulbildung nachgeholt, was in ihrem Fall ein ziemlich harter und langer Weg gewesen war, und studierte nun ebenfalls Regie wie Christian, der sein Studium bereits abgeschlossen hatte.

Er habe sie mit seiner Begeisterung für Filme dermaßen angesteckt, dass es gar keine Alternative für sie gegeben hätte, hatte sie bei ihrem Besuch lachend erzählt. Außerdem hätten sie festgestellt, dass sie bei aller Unterschiedlichkeit sehr gut zusammen arbeiten konnten. Chloé hatte Christian nicht nur bei seiner Abschlussarbeit – einem Kurzfilm – unterstützt, sondern bereits zwei Drehbücher mit ihm zusammen entwickelt, die allerdings noch auf ihre Verfilmung warteten.

Jan hatte den Besuch der kleinen Familie sehr genossen und zu erleben, dass aus den beiden Halbwüchsigen, die er vor Jahren in Paris in äußerst kritischen Lebensphasen angetroffen hatte, zu lebensbejahenden, selbstbewussten und verantwortungsvollen jungen Menschen geworden waren, erfüllte ihn mit großer Freude.

Vor allem Chloé war kaum wiederzuerkennen, sie hatte sich nicht nur äußerlich sehr verändert. Aus dem widerborstigen, aufsässigen Teenager mit zu viel Schminke im Gesicht war eine außerordentlich schöne und fröhliche junge Frau geworden.

Bei Chloé von Sanftmut zu sprechen, wäre sicher verfehlt gewesen, doch auch ihre Streitlust hatte inzwischen eine Gelassenheit, die weit entfernt war von ihrer früheren Aggressivität.

Ihre direkte, offene Art schien Christian, der seinem Vater immer ähnlicher wurde, gutzutun. Die gleiche Ernsthaftigkeit, die gleiche Furcht, zu viel von den eigenen Gefühlen zu verraten. Chloé lockte ihn immer wieder aus der Reserve und auch wenn er sich darüber des Öfteren genervt gab, merkte man ihm an, dass er ihr nicht ernsthaft böse war.

Jan war es so vorgekommen, als sei Christian in der Zwischenzeit noch ein ganzes Stück gewachsen. Er bewegte sich mit der gleichen, fast rührenden Unbeholfenheit, die überdurchschnittlich großen Menschen oft zu Eigen ist und die Jan damals schon bei Christians Vater aufgefallen war.

Offenbar war es nicht so einfach, diese langen, schlaksigen Glieder einer Welt anzupassen, die eigentlich für kleinere Menschen gedacht war und selten ein passendes Möbel bot.

Wenn Jan sich mit seinen Freunden in Frankreich austauschte, überfiel ihn oft so etwas wie Heimweh. Leider hatte sich seine Hoffnung, irgendwann eine Pfarrstelle in Paris zu bekommen bis jetzt nicht erfüllt, zum Ausgleich verbrachte er seine Ferien oft dort.

Nach Deutschland zog es ihn wesentlich seltener. Zwar gab es auch dort ein paar Freunde, mit denen Jan sich regelmäßig schrieb, aber das Gefühl für sein Heimatland war lange nicht so intensiv wie das für seine Wahlheimat. Den engsten Kontakt hatte er nach wie vor zu Pater Hans Jungwirth, der für ihn ein enger Vertrauter und Ratgeber geblieben war.

Der ältere Pfarrer war einer der wenigen Menschen, der alles aus Jans Leben wusste und dem er vorbehaltlos vertraute. In seiner Pfarrgemeinde hatte Jan seine Primiz, die erste eigene Heilige Messe nach seiner Priesterweihe zelebriert. Die Mitglieder der Gemeinde hatten ihm ein wirklich schönes Fest bereitet und dafür Sorge getragen, dass dieser aufregende Tag trotz einiger kleiner Pannen mit zu den schönsten Erinnerungen seiner bisherigen Priesterlaufbahn gehörte.

Wenn es so etwas wie Heimatgefühl in Bezug auf Deutschland gab, dann war es eng mit diesem kleinen Dorf in Franken und seinen Menschen verbunden. Die vorbehaltlose Freundlichkeit und das Vertrauen, die ihm dort entgegengebracht worden waren, betrachtete er nach wie vor als großes Geschenk, für das er immer noch dankbar war.

Die Großherzigkeit und menschliche Wärme von Pater Hans Jungwirth, Frau Finklheimer und vielen anderen hatten es ihm ermöglicht, sich selbst zu finden und den Weg, der ihm bestimmt war.

In den ersten Jahren nach seiner Priesterweihe war Jan nie länger an einem Ort gewesen. Irgendwie sah es lange Zeit so aus, als sei es sein Schicksal, ständig als Vertretung für vorübergehend ausfallende Kollegen einzuspringen; kreuz und quer war er durch Deutschlands Kirchengemeinden gezogen.

Dabei hatte er viel gelernt, auch über sich selbst, aber es hatte verhindert, irgendwo wirklich sesshaft zu werden und sich mit den Menschen emotional eng verbunden zu fühlen.

Die kleine Gemeinde in Rom nicht weit von der Vatikanstadt war seine erste Stelle, auf der er als Nachfolger des aus Altersgründen ausscheidenden Pfarrers eingesetzt worden war.

Als Jan seine Berufung erhalten hatte, hatte er es zuerst kaum glauben können. Inzwischen nahm er dieses Amt bereits seit drei Jahren wahr und fühlte sich hier zu Hause.

Hilfreich für die Eingewöhnungszeit hatte sich natürlich sein Jahr in Rom während des Studiums erwiesen. Die Stadt und die Lebensgewohnheiten der Römer und Römerinnen waren ihm vertraut, obwohl es schon einige Jahre her war, dass er hier das Collegium Germanicum besucht hatte. Aber es waren aus dieser Zeit sogar ein paar alte Kontakte geblieben, die er hatte wieder beleben können.

Allerdings hatten die ihm bei seiner Arbeit in der Kirchengemeinde erst einmal nicht so viel genützt. Es war nicht so leicht gewesen, das Vertrauen der auf den alten Pfarrer eingeschworenen Gemeinde und vor allem das der Haushälterin, Signora Caffarelli, die er ebenfalls von seinem Vorgänger übernommen hatte, zu erringen. Misstrauisch hatten sie alle den jungen Pastore aus Deutschland beäugt und ihm das Leben manchmal ganz schön schwer gemacht. Doch irgendwann war das Eis gebrochen. Nachdem er erst einmal das Herz von Signora Caffarelli erobert hatte, war auch der Weg zu den Herzen seiner anderen Schäfchen frei.

Die Haushälterin war ihm inzwischen ebenso treu ergeben wie dem alten Pfarrer und sie ließ nichts mehr auf Jan kommen, obwohl sie sich oft und gern darüber beklagte, dass früher alles besser gewesen sei. Doch Jan hatte bald herausgefunden, dass ihre Klagen nicht wirklich so ernst gemeint waren, wie sie klangen.

Signora Caffarelli führte nicht nur in ihrer eigenen großen Familie ein strenges Regiment, sondern betrachtete auch Jans kleinen Haushalt als ihr Refugium. Was man ihr kaum verübeln konnte, hatte sie der alte Pfarrer doch nahezu uneingeschränkt schalten und walten lassen, wie es ihr gefiel.

Dazu kam, dass es sich um eine möblierte Dienstwohnung handelte, die Jan übernommen hatte und die nach den vielen Jahren noch lange den Geist seines Vorgängers atmete und Signora Caffarelli so vertraut war wie ihre eigene.

Es hatte Jan viel Fingerspitzengefühl und diplomatisches Geschick abverlangt, Signora Caffarelli einige Zugeständnisse in Bezug auf seine andere Lebensweise im Gegensatz zu seinem Vorgänger abzuringen. Auch in Geschmacksfragen waren sie sich selten einig gewesen, sodass Jan irgendwann dazu übergegangen war, Gegenstände, die ihm nicht gefielen ohne große Diskussionen in irgendwelchen Kisten und Kartons verschwinden zu lassen, die nun zusammen mit ein paar ausrangierten Möbelstücken ihr Dasein auf dem Dachboden des Hauses fristeten.

Wie die gute Frau Finklheimer, die Haushälterin von Pater Hans Jungwirth in Franken, befürchtete auch Signora Caffarelli, Jan könne ohne ihre Fürsorge verhungern, und es hatte lange gedauert, bis er sie vom Gegenteil überzeugt hatte. Wobei er sich nicht sicher war, ob er sie wirklich überzeugt oder sie nur klein beigegeben hatte.

Meist hatte er schon gefrühstückt, wenn die Haushälterin morgens kam und machte sich möglichst schnell auf den Weg ins Gemeindebüro oder zu irgendwelchen Terminen, um ihrem Redefluss mitsamt aller Vorhaltungen zu entgehen, der nur mit drastischen Maßnahmen zu unterbrechen war.

Signora Caffarelli war so etwas wie die wandelnde Zeitung der kleinen Gemeinde. Es gab zwar auch aus ihrer eigenen Familie, die eng beieinander lebte, immer viel zu erzählen, doch war sie stets über die Vorkommnisse in allen anderen Familien des Viertels ebenfalls bestens informiert.

Ihr Wissen kam Jan manchmal durchaus zugute, wie er insgeheim eingestehen musste. Doch meistens bewahrte er sich und seine Haushälterin davor, allzu tief in die einzelnen Familienverhältnisse einzudringen, indem er schnell das Weite suchte.

Die Familie Caffarelli war der Kirchengemeinde in ihrem Viertel schon seit Generationen eng verbunden und stellte ihr bereits ebenso lange ihre Arbeitskraft in verschiedenen Bereichen zur Verfügung.

Nicht nur Signora Caffarelli arbeitete schon seit jungen Jahren als Haushälterin für den jeweiligen Pfarrer der Gemeinde, auch ihr Mann stand als Küster im Dienste der Kirche. Die zahlreichen Nichten und Neffen des kinderlosen Ehepaares gehörten selbstverständlich zur Gruppe der Ministranten und sogar Jans Sekretärin Francesca Galvani war um viele Ecken mit der weit verzweigten Familie verwandt.

Signore Caffarelli war ein schweigsamer, bedächtiger Mann, den nichts so leicht aus der Ruhe brachte. Im Gegensatz zu seiner Frau versah er seine vielfältigen Aufgaben nahezu unbemerkt von seiner Umgebung, allerdings mit der gleichen Dickköpfigkeit wie sie.

Veränderungen waren auch ihm zuwider und er tat sich fast noch schwerer, alte Gewohnheiten aufzugeben und sich mit den Neuerungen zu arrangieren, die der neue Pfarrer im Laufe der Zeit eingeführt hatte.

Jan hatte im Gegenzug einiges an Lehrgeld bezahlen müssen, bis er sein Ungestüm gezügelt und eingesehen hatte, dass er mit Geduld und Beharrlichkeit eher ans Ziel kam. Inzwischen wusste er seine Leute gut zu nehmen und hatte sich dem italienischen ›Gemach, gemach, morgen ist auch noch ein Tag‹ weitestgehend angepasst.

Jan war mit Leib und Seele Pfarrer, er liebte seine Aufgabe und ging ganz in ihr auf. Tief verankert im Glauben hatte er sich mit den Schatten seiner Vergangenheit ausgesöhnt und Frieden gefunden in seiner Berufung. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, dass sie ihn ausgerechnet hier in Rom heimsuchen könnten.

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»He, Marcello, jetzt aber schnell, du bist der Letzte!«

Jan folgte dem kleinen verschwitzten Jungen, dem das Hemd aus der Hose hing und der keuchend an ihm vorbeigerannt war, lachend ins Innere der Kirche. Schmunzelnd schaute er zu, wie Marcello sich hastig bekreuzigte und dann zur Sakristei lief, aus der aufgedrehte Kinderstimmen zu hören waren. Wie immer hatte der Junge wahrscheinlich bis zur letzten Minute mit seinen Freunden Fußball gespielt und sich nur unter größten Anstrengungen losreißen können.

Jan versuchte zwar, den Kommunionsunterricht so lebendig wie möglich zu gestalten, aber er konnte es den Kindern auch nicht wirklich verdenken, wenn sie lieber draußen herumtobten.

Schließlich verlangte die Schule ihnen schon genug an Konzentration und Disziplin ab. Dass sie trotzdem regelmäßig erschienen, meistens sogar pünktlich, und sich größtenteils eifrig an Jans Unterricht beteiligten, rechnete er ihnen hoch an.

Jan folgte Marcello in die Sakristei, wobei er nicht durch den Mittelgang der Kirche ging, sondern rechts an den Bänken vorbei. Es war ein wenig schummrig in der Kirche und er sah den Mann erst im letzten Augenblick, als der plötzlich rückwärts von einem Gemälde an der Wand zurücktrat und Jan auf die Füße trat.

»Ups«, machte Jan und kämpfte kurz mit seinem Gleichgewicht.

»Entschuldigung!« Der Mann drehte sich erschrocken um, wobei er Jan gleich noch einmal anrempelte und schaute ihn einen kurzen Moment verblüfft an. Dann ging ein Strahlen über sein Gesicht.

»Das glaube ich ja wohl nicht! Jan! Was machst du denn hier?«

»Thomas! Was für eine Überraschung!«

Lachend fielen sich die beiden in die Arme.

»Meine Güte, das ist ja eine Ewigkeit her«, sagte Thomas und trat einen Schritt zurück. Lächelnd musterte er Jan von oben bis unten mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und Bewunderung. »Du hast es tatsächlich durchgezogen! Steht dir gut.«

Jan lächelte zurück. »Hast du daran gezweifelt?«

»Nein, eigentlich nicht. Wenn ich es jemandem zugetraut habe, dann dir. Aber was machst du hier in Rom?«

»Die Aufgaben erfüllen, die meine Kirche von mir verlangt. Ich leite hier seit drei Jahren eine eigene Pfarrgemeinde.« Er machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm und zwinkerte Thomas zu. »Klein, aber mein.«

»Alle Achtung!«, sagte Thomas. »Eine nette kleine Kirche.«

»Und du?«

»Ich? Ich bin bei meinem Lieblingsthema geblieben: Kirchenkunst. Im Moment …«

»Pater! Die Jungs ärgern uns!« Das kleine Mädchen mit den dunklen Locken, das Thomas unterbrochen hatte, schaute Jan aus großen dunklen Kulleraugen fast vorwurfsvoll an.

»Ich komme sofort«, sagte Jan. »Kommunionsunterricht«, wandte er sich wieder an Thomas. »Dauert ungefähr eine Stunde, danach hätte ich Zeit für einen Kaffee. Du auch?«

»Ja, klar. In der Zwischenzeit gucke ich mir weiter die großartigen Bilder hier in deiner Kirche an. Wenn du nichts dagegen hast? Sie gefallen mir sehr gut.«

»Tu dir keinen Zwang an. Bis später also, ich freu mich.« Jan lachte und eilte dann mit wehender Soutane in die Sakristei, um die Rasselbande dort zur Ruhe zu bringen.

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»Ich hatte keine Ahnung, dass es beim Kommunionsunterricht so lustig zugehen kann«, sagte Thomas schmunzelnd zu Jan, nachdem sich auch das letzte Kind verabschiedet hatte und hinter den anderen her aus der Kirche stürmte. »Ich dachte immer, das sei eine ernsthafte Sache. Zumindest ist das meine Erfahrung als Kommunionskind.«

»Ist es auch«, sagte Jan, während er ein wenig Ordnung in dem kleinen Raum schaffte, in dem der Unterricht stattgefunden hatte. »Aber man muss die Kids bei Laune halten. Außerdem ist Glauben eine fröhliche Angelegenheit, und das würde ich ihnen gerne vermitteln.«

»Hat sich so angehört, als gelänge dir das ganz gut. Ich wusste gar nicht, dass du so gut Gitarre spielen kannst.«

»Gut ist reichlich übertrieben, aber so ein paar Griffe kriege ich hin.« Jan stopfte das Instrument in eine Hülle. »So, von mir aus können wir los. Ich spring nur noch mal schnell nebenan im Büro vorbei, um meiner Sekretärin Bescheid zu sagen, dass ich für heute Schluss mache. Wenn’s sein muss, kann sie mich ja über Handy erreichen.«

»Ist übrigens eine außerordentlich schöne Kirche«, sagte Thomas anerkennend, als wäre Jan dafür verantwortlich. »Ihr habt da eine Menge Kostbarkeiten an den Wänden hängen.«

»Ja, ich finde sie auch sehr schön. Sie stammt aus dem 14. Jahrhundert. Ursprünglich war das mal die Privatkapelle einer reichen römischen Familie, deswegen steht sie auch nicht frei, sondern in die Wohnhäuser rechts und links integriert. Irgendwann hat sie einer der Nachfahren der katholischen Kirche geschenkt.«

»Mit all den Kunstwerken hier drin?«, fragte Thomas.

Jan nickte. »Im Laufe der Zeit ist wohl noch einiges dazugekommen, aber das meiste ist noch aus der Zeit, als sie errichtet wurde, wie du als Fachmann vermutlich unschwer erkannt hast?«

Sie traten auf die Straße. »Unser Gemeindebüro ist gleich hier nebenan«, sagte Jan. »Ich bin sofort wieder da, ja?«

Er verschwand in dem Hauseingang gleich neben dem Kirchenportal und kam wenige Minuten später wieder heraus.

»So, alles erledigt.« Jan strahlte Thomas an und legte ihm den Arm um die Schulter. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dich wiederzusehen.«

Thomas und er hatten sich im Priesterseminar in Bamberg kennengelernt. Sie waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen und bald hatte sie eine enge Freundschaft verbunden.

Doch während Jan in seiner Entscheidung Priester zu werden immer sicherer geworden war, hatte der um einige Jahre jüngere Thomas nach dem Grundstudium festgestellt, dass der eingeschlagene Weg nicht der richtige für ihn war.

Eine Zeit lang hatten sie noch Kontakt miteinander gehabt und dann war die Verbindung plötzlich abgebrochen, ohne dass Jan hätte sagen können, warum.

»Wieso hast du dich damals eigentlich nicht mehr gemeldet, nachdem du aus Bamberg weggegangen bist?«, fragte Jan denn auch als erstes, nachdem sie auf der Terrasse eines Straßencafés einen Platz unter einem riesigen Sonnenschirm gefunden hatten.

Thomas hob die Schultern. »Ich weiß es, ehrlich gesagt, auch nicht so genau. Vermutlich lag es daran, dass ich nach dem Abbruch des Priesterseminars für eine Weile den Boden unter den Füßen verloren habe. Es war irgendwie merkwürdig. Obwohl ich überzeugt davon war, mich richtig entschieden zu haben, fehlte mir plötzlich die Orientierung.«

Er lächelte wie um Entschuldigung bittend. »Außerdem hatte ich ständig das Gefühl, mich rechtfertigen oder irgendwelche Erklärungen dafür abgeben zu müssen. Meine Familie hat mir ziemlich zugesetzt und jeder meinte, einen Kommentar dazu abgeben oder mir Vorhaltungen machen zu müssen.«

Thomas seufzte. »Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich dürfte mich überhaupt nicht mehr auch nur in der Nähe einer Kirche blicken lassen. So nach dem Motto: Das hast du jetzt ein für allemal verspielt. Es war ziemlich ätzend.«

»Kann ich mir vorstellen«, sagte Jan. »Obwohl es die meisten wahrscheinlich gar nicht mal böse gemeint haben. Es ist schon komisch. Wenn du dich für den Lebensweg als Priester entscheidest, sind die meisten Leute immer irgendwie peinlich berührt oder zumindest verunsichert, und wenn du wieder aussteigst, ist es auch nicht in Ordnung. Man kann es den Leuten einfach nicht recht machen.«

Die beiden wechselten lächelnd einen übereinstimmenden Blick.

»Und wie hast du es für dich gelöst?«, fragte Jan, nachdem der Kellner ihren Kaffee gebracht hatte.

»Als nächstes bin ich nach Berlin gegangen. Wie man das eben so macht, wenn einem die Provinz stinkt und man nicht weiß, was man tun soll. Dort habe ich mich dann erst mal mit allen möglichen Jobs über Wasser gehalten: Tellerwäscher, Küchenhilfe, Handlanger auf dem Bau. Das Übliche eben, wenn man nichts gelernt hat.«

Thomas grinste und griff nach seiner Kaffeetasse. »Ist natürlich auf Dauer auch nicht das Gelbe vom Ei. Na, wem erzähl ich das? Du hast ja auch ’ne Weile gebraucht, bis du wusstest, was du wolltest.«

»Allerdings.« Jan nickte. »Aber dafür bin ich jetzt auch davon überzeugt, am richtigen Platz zu sein.« Er rührte in seiner Tasse und trank ebenfalls einen Schluck. »Wenn ich dich richtig verstanden habe, ist das bei dir jetzt auch nicht anders? Du hast gesagt, du seiest bei deinem Lieblingsthema ...

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